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27 Januar 2019

Clark: Preußen - Zurück zu Brandenburg

Im Schlusskapitel "Das Ende" stellt Clark unter dem Titel "Zurück zu Brandenburg" auf den Seiten 773/74 Fontanes Aufsatz von 1894 "Mein Erstling: Das Schlachtfeld von Groß-Beeren" vor, dessen Schlussabsätze lauteten:
Und kaum in meine Berliner Pensionsöde zurückgekehrt, schrieb ich den unter meinen Schulsorgen obenanstehenden »Deutschen Aufsatz nach selbstgewähltem Thema« im Fluge nieder, ein phantastisches Skriptum, dem es, die Wahrheit zu gestehn, an Anklängen an die Zedlitzsche »Nächtliche Heerschau« nicht fehlte. Der Tambour ging in einem fort wirbelnd um, und die Knochenhände streckten, mehr als nötig, die langen Schwerter empor. Denn Kavallerie war kaum zur Aktion gekommen.
Nach acht Tagen erhielt ich aus den Händen Philipp Wackernagels, meines hochverehrten Lehrers, meinen Aufsatz zurück, und wer beschreibt mein Entzücken, als ich, der ich bis dahin über ein »vidi W.« nie hinausgekommen war, jetzt zum ersten und leider auch einzigen Male las: »Recht gut. W.«
Daß meine »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« auf dieses »Recht gut« zurückzuführen seien, will ich nicht gerade behaupten, aber daß der Aufsatz, der den forschen Titel: »Auf dem Schlachtfelde von Groß-Beeren« führte, meine erste Wanderung durch die Mark Brandenburg gewesen ist, das ist richtig.
Dann urteilt Clark über diese Wanderungen: "ein einzigartiges Werk [...] Das vielleicht Bemerkenswerteste an den Wanderungen ist die ausschließliche Beschränkung auf die Regionen der Mark."
Er zitiert dann Fontanes Satz von 1848 "Preußen war eine Lüge." und schließt mit dem Blick auf die Situation nach der deutschen Einigung 1990: "Am Ende war nur noch Brandenburg."

21 Februar 2015

Clark in "Preußen" zu Friedrich II.

Friedrich II. schaffte die Folter 1740 schon drei Tage nach Regierungsantritt ab, zunächst freilich mit der Ausnahme von "Majestätsverbrechen und Landesverrat sowie Massenmord", um Komplizen ausfindig machen zu können. (S.300) 1750 nahm er diese Einschränkung des Folterverbots zurück.

Er nahm Johann Christian Edelmann, der in ganz Europa verfolgt wurde, in Berlin auf, ließ freilich seine Schriften verbrennen und erteilt ihm ein Publikationsverbot. (S.301) 

Trotz dieser Ambivalenzen sahen Aufklärer ihn als Verbündeten, und argumentierten "dass die Liebe des Königs bloße Untertanen in aktive Teilnehmer am öffentlichen Leben des Vaterlandes verwandeln könne" (S.302).
"Der berühmte Satz, den Kant Friedrich in den Mund legte, 'Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt; nur gehorcht!', wurde nicht als Wahlspruch eines Despoten aufgefasst. Vielmehr sah man darin das Potential zur Selbstveränderung in einer aufgeklärten Monarchie." (S.302)

Die preußische Regierung stützte sich bei der Abfassung von Gesetzen sehr stark auf Konsultationen, auch wurde die Gesetzesreform, die zum preußischen Landrecht führen sollte, nicht nur Experten vorgelegt, sondern sogar ein öffentlicher Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, der zur Diskussion der Reform aufrief (S.303).

Im siebenjährigen Krieg vertraute Friedrich die staatliche Münzverwaltung zwei Juden an und ließ sie eine Münzverschlechterung einführen, die dem Staat 29 Millionen Taler einbrachte, dabei freilich auch Itzig und Ephraim den reichsten Männern Preußens zuführte. (S.305)

Von den Juden profitierte freilich nur der geringste Teil von dieser Offenheit. Die Masse blieb hoher Diskriminierung ausgesetzt, die viele in Kleinstwarenhandel oder offene Bettelei trieb. Schließlich hatte Friedrich seinerseits ein starkes antisemitisches Vorurteil und sah die Juden - wie frühere Herrscher vor ihm - primär als "Hilfe die Staatseinnahmen zu steigern" (S.306)

19 Februar 2015

Brandenburg-Preußen: Vom 30-jährigen zum siebenjährigen Krieg

Christopher Clark berichtet in "Preußen" (2006), dass die Kabinettskriege Friedrichs II. weit weniger Verheerungen als die im 30-jährigen Krieg verursachten, dass aber dennoch die Freikorps, die russischen Kosaken, die österreichischen Panduren und auch französische Korps, die nicht vom Staat mit Nachschub versehen wurden, sondern sich selbst "bezahlt" machten, schreckliche Gräueltaten vollbrachten. (S.251)
Schon im siebenjährigen Krieg, deutlicher noch im Bayerischen Erbfolgekrieg wusste Friedrich sich zum Vormann der Protestanten in Deutschland zu machen und dadurch sein Gegengewicht gegen den katholischen Kaiser zu verstärken. (S.259/60)
Erstmals im siebenjährigen Krieg kommt ein energischer preußischer Patriotismus auf, der sich extrem von der kritischen Haltung der lutherischen Brandenburger gegenüber ihren calvinistischen Kurfürsten in der Zeit des 30-jährigen Krieges und der Folgezeit unterschied. (Begeisterung für Fehrbellin war 1675 nur Sache einer kleinen Elite gewesen.) (S.261-274)
Christopher Clark: Preußen (2006)

Ein Kuriosum:
Kant hatte bei seinem Tode 1804 nur 450 eigene Bücher. Alle übrigen muss er sich ausgeliehen haben. Die meisten vermutlich beim Buchhändler Kanter, der Bücher nicht nur verkaufte, sondern  auch in einem Lesesaal zur Verfügung stellte und verlieh. (S.296)

*"[...] K.s eigentliche Wirkung – und das ist ein seltener Fall – ging von der Sortimentsbuchhandlung aus, über deren Modernität, Großzügigkeit, Lebendigkeit anschauliche Schilderungen vorliegen. Sie war gesellschaftlicher Treffpunkt, Diskussionsraum, Informationsstätte (über alle wichtigen Neuerscheinungen) für die Gelehrten, aber auch für Studenten. Vermutlich war sein Bücherangebot zu groß. Eine geschäftliche Krise machte sich schon 1769 bemerkbar, 1781 mußte auch die Buchhandlung verkauft werden, K.s andere Unternehmungen waren eine zu große Belastung. [...]" (NDB: Kanter)

29 Juni 2009

Preußen

Unter Friedrich I. waren knapp 6000 km² an abgabepflichtigem Land den Behörden entgangen und nicht besteuert worden. (S.119) Ungenügende Vorratshaltung und der Ausbruch der Pest (vermutlich wegen Durchzug sächsischer, schwedischer und russischer Truppen) kosteten 250 000 Menschen, etwa ein Drittel der ostpreußischen Bevölkerung das Leben. (S.114) Daher forderte Friedrichs Sohn, der später als Soldatenkönig bekannt wurde, die Mitregierung und erhielt sie auch zugestanden. Freilich, die aufwändige Hofhaltung seines Vaters schaffte er erst nach dessen Tode ab.
Friedrich I. hatte allerdings geholfen, dass sein aufsässiger Sohn, der seine Lehrer schier zum Wahnsinn trieb, sich schon früh in Verwaltung eingearbeitet hatte. Schon mit 9 Jahren erhielt er sein Gut Wusterhausen zur eigenen Verwaltung. (S.114)
Doch so unterschiedlich die preußischen Herrscher von Anlage und Interessen auch waren, sie verstanden sich doch als Mitwirkende an einem generationenübergreifenden Projekt, wie Christopher Clark es beschreibt:
Wenn man die Geschichte der Dynastie der Hohenzollern nach dem Dreißigjährigen Krieg genauer betrachtet, dann stößt man auf einen Widerspruch. Einerseits ist von Generation zu Generation eine bemer­kenswerte Kontinuität der politischen Ziele zu beobachten. Zwischen 1640 und 1797 gab es keine einzige Regentschaft, in der keine Gebietsge­winne zu verzeichnen waren. Wie aus den politischen Testamenten des Großen Kurfürsten, Friedrichs L, Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen hervorgeht, sahen sich diese Landesherren als Teil eines generationenübergreifenden historischen Projekts, bei dem jeder Herr­scher die unerreichten Ziele seiner Vorgänger als seine eigenen betrach­tete. Daher die Kontinuität der Ziele, die der brandenburgischen Expan­sion zugrunde lag, daher das weit zurückreichende Gedächtnis dieser Dynastie, mit dessen Hilfe alte Ansprüche reaktiviert wurden, sobald die Zeit dafür reif war.
Im Widerspruch zu dieser scheinbar nahtlosen Kontinuität von einer Generation zur nächsten stand der immer wiederkehrende Konflikt zwi­schen Vater und Sohn.
(Ch. Clark: Preußen, 2007, S.130)

29 April 2008

Preußische Reformen

Eher "bescheidene Leistungen (S.393) sieht der australische Historiker, wenn er den Ruhm der Reformer im 19. Jahrhundert mir ihren Ergebnissen vergleicht. Im Grunde sei ihnen vor allem wirtschaftliche Deregulierung (S.395/6) gelungen, während bei dem Aufbau von Verfassungsstaaten die Süddeutschen weit erfolgreicher gewesen seien. Dennoch weiß er die Überwindung von Schwierigkeiten und insbesondere auch die Reform des Bildungswesens durch W. v. Humboldt zu schätzen. Den deutschen Zollverein sieht er nicht als wichtige Stufe zu einer wirtschaftlichen Vormachtstellung Preußens, ja er schreibt ihm nicht einmal einen wichtigen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Preußens zu. Aber die preußischen Politiker hätten bei seiner Vorbereitung gelernt, in deutschen Kategorien zu denken und hätten die "moralische Autorität" Berlins gestärkt (S.454). Preußen habe schon deshalb keine energische Großmachtpolitik betreiben können, weil es nach den Erfahrungen von 1807 und 1812/13 ängstlich bemüht gewesen sei, kein Missfallen Russlands auszulösen.
(Clark: Preußen)

28 April 2008

Preußen - Iron Kingdom

Ein australischer Historiker mit Ausbildung in Cambridge, Christopher Clark, schreibt das neuste Standardwerk über Preußen. Er berichtet über Friedrichs II. schiefe Schlachtordnungen, das Überflügeln und Aufrollen, die ungewöhnliche Disziplin der Infanterie, die Umgruppierungen weit schneller als beim Gegner erlaubte, die Fähigkeit des Feldherrn, in äußerster Gefahr Ruhe zu bewahren, und die, Fehler einzugestehen.
Er bestreitet, dass Preußen den Sonderweg Deutschlands bestimmt habe und sieht nicht Preußen als den Grund für den Untergang Deutschlands, sondern Deutschland als Grund für den Untergang Preußens.
Er teilt mit Fontane die Ambivalenz in seiner Sicht auf Preußen, und sieht die Solidarität seiner Bewohner letztlich auf ihre Heimatprovinz gerichtet wie die Fontanes in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg".
Deutlich stellt er heraus die hervorragende Rolle, die Preußen in der Goebbelsschen Propaganda spielte, die die Nationalsozialisten als die neuen Preußen feierte. Den "Tag von Potsdam" in der Garnisonkirche vor den Särgen der preußischen Könige (in der Fontanes Armgard v. Barby Woldemar v. Stechlin heiraten will) sieht er als einen gekonnt gewählten Höhepunkt dieser Propaganda. Hindenburg als einen Machtpolitiker, der "nahezu jedes seiner Versprechen" brach (S.743), von 'systematischem Ungehorsam' (S.742) gegenüber seinem Kaiser "nährte Hindenburg bewusst den im ganzen Reich betriebenen Personenkult, der das Bild des unbesiegbaren germanischen Kriegers auf ihn projizierte und die Figur des Kaisers zusehends überschattete und marginalisiert." (S.742)
In der DDR beobachtet er beim Versuch, eine eigene DDR-Nationalität zu begründen, ein Sich-Berufen auf die Reformer von 1813 und nach der Auflösung der DDR-Bezirke das intensive Bemühen der Gemeinden, nicht als Bezirk und nicht als Kreis zusammenzubleiben, sondern zum alten Land zurückzukehren. "Am Ende war nur noch Brandenburg." (S.780)