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12 Oktober 2015

Goethe: West-östlicher Divan

"So wie Goethe Distanz zur christlichen Lehrmeinung hatte, bringt auch das lyrische Ich im West-östlichen Divan ironische Distanz zur orthodoxen Lehrmeinung des Islam und Nähe zur Mystik zum Ausdruck. So benutzt Goethe beispielsweise die Metapher des Weins, der auch bei den Sufis ein Symbol für die Berauschtheit eines Derwischs mit der Liebe Gottes ist:

Ob der Koran von Ewigkeit sei?
Darnach frag’ ich nicht! ...
Daß er das Buch der Bücher sei
Glaub’ ich aus Mosleminen-Pflicht.
Dass aber der Wein von Ewigkeit sei,
Daran zweifl’ ich nicht;
Oder dass er vor den Engeln geschaffen sei,
Ist vielleicht auch kein Gedicht.
Der Trinkende, wie es auch immer sei,
Blickt Gott frischer ins Angesicht.
(WA I, 6, 203)" (zitiert nach Wikipedia West-östlicher Divan)


Goethe bezieht sich dabei auf Hafis, der sich seinerseits gegen tyrannische weltliche Herrschaft im Persien des 14. Jahrhunderts und gegen strenge Glaubensgebote des Islams auflehnte.

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10 Februar 2008

Komm, Liebchen, komm

Komm, Liebchen, komm! umwinde mir die Mütze!
Aus deiner Hand nur ist der Tulbend schön
Hat Abbas doch auf Irans höchstem Sitze
Sein Haupt nicht zierlicher umwinden sehn!

Ein Tulbend war das Band, das Alexandern
In Schleifen schön vom Haupte fiel
Und allen Folgeherrschern, jenen Andern,
Als Königszierde wohlgefiel.

Ein Tulbend ist's, der unsern Kaiser schmücket,
Sie nennen's Krone. Name geht wohl hin!
Juwel und Perle! sei das Aug entzücket!
Der schönste Schmuck ist stets der Musselin.

Und diesen hier, ganz rein und silberstreifig,
Umwinde, Liebchen, um die Stirn umher!
Was ist denn Hoheit? Mir ist sie geläufig!
Du schaust mich an, ich bin so groß als er.

Im Gedicht Vier Gnaden hatte Goethe noch den Osten gegen den Westen ausgespielt Den Turban erst, der besser schmückt Als alle Kaiserkronen und den Turban vor Zelt, Schwert und Lied als erste der Gnaden genannt.
Hier betont er das Gleichartige. Seinen Wert fühlt der Geliebte, wenn er mit den Augen der Liebe gesehen wird. Ob Turban, Krone oder Tuch, ist dabei egal.
Im Eintrag When in disgrace sehen wir dann die Liebe noch weit höher gestellt.

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Hegire

Nord und West und Süd zersplittern,
Throne bersten, Reiche zittern,
Flüchte du, im reinen Osten
Patriarchenluft zu kosten,
Unter Lieben, Trinken, Singen,
Soll ich Chisers Quell verjüngen.

Dort, im Reinen und im Rechten,
Will ich menschlichen Geschlechten
In des Ursprungs Tiefe dringen,
Wo sie noch von Gott empfingen
Himmelslehr' in Erdesprachen,
Und sich nicht den Kopf zerbrachen.

Wo sie Vater hoch verehrten,
Jeden fremden Dienst verwehrten;
Will mich freun der Jugendschranke:
Glaube weit, eng der Gedanke,
Wie das Wort so wichtig dort war,
Weil es ein gesprochen Wort war.

Will mich unter Hirten mischen,
An Oasen mich erfrischen,
Wenn mit Karawanen wandle,
Schal, Kaffee und Moschus handle.
Jeden Pfad will ich betreten
Von der Wüste zu den Städten.

Bösen Felsweg auf und nieder
Trösten Hafis deine Lieder,
Wenn der Fuhrer mit Entzücken,
Von des Maultiers hohem Rücken,
Singt, die Sterne zu erwecken,
Und die Räuber zu erschrecken.

Will in Bädern und in Schenken,
Heil'ger Hafis dein gedenken,
Wenn den Schleier Liebchen lüftet
Schüttlend Ambralocken düftet.
Ja des Dichters Liebesflüstern
Mache selbst die Huris lüstern.

Wolltet ihr ihm dies beneiden,
Oder etwa gar verleiden;
Wisset nur, daß Dichterworte
Um des Paradieses Pforte
Immer leise klopfend schweben,
Sich erbittend ew'ges Leben.

Hegire, in deutscher Umschrift meist als Hedschra, das Exil Mohammeds, der Mekka verlässt. So denkt sich Goethe am 24.12.1814 in Jena aus den Befreiungskriegen fort in einen Osten des Dichters Hafis, der sich seinerseits gegen tyrannische weltliche Herrschaft im Persien des 14. Jahrhunderts und gegen strenge Glaubensgebote des Islams auflehnte, und schrieb seinen west-östlichen Divan.

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