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07 März 2021

Bossong: Schutzzone: Versöhnung - Übergang

Zum ersten der vier Artikel zu diesem Buch.

Versöhnung

 Glion. Juli 2017, S.245

Bei gutem Wetter, heißt es, sei die Spitze des Mont Blanc vom Palais des Nations aus zu sehen. Die Wahrheit aber ist, das ist dieses Gott gute Wetter nie gab. Es gab Tage, an denen die Sicht fast klar genug war, fast, nie war sie es ganz, und vielleicht fuhren wir deshalb so gern nach Glion, für eine Konferenz zu Menschenrechten oder einem Gespräch abseits des Protokolls, von hier aus sah man den Berg bei jedem Wetter, majestätisch und ruhig vor dem Fenster.
Das Frühstück im Hotel Victoria wurde von 7-10 serviert, sonst hätte die Zeit hier keine Wirkung. [...]
Weißt du, wo Kolja ist?, fragte er nur.
Bitte, Milan, woher soll ich das wissen? [...]

Was wirfst du mir vor, sagte ich nun laut, und es mag sein, dass ich nicht nur laut war, sondern schrie: ich habe nur einen Riss in euren verdammten feinen Stoff gebracht.

Dieser verdammte feine Stoff, Mira, war mein Leben. 

Tut mir leid wenn du sowas nicht hast.

Schwarzwald. Mai 1994, S.254
Es sei schon nach Mitternacht gewesen, als sie aus dem Krankenhaus angerufen habe, um Milan zu sagen, dass sie die Nacht über bei Darius bleibe, er auf mich aufpassen sollen, ob er das hinbekomme, natürlich, habe ihr geantwortet, es gäbe ja eine Flinte im Schuppen, und sie habe an diesem Abend zum zweiten Mal jemanden angeschrieben, er solle diese geschmacklosen Witze unterlassen, erzählte Milan, als wir zu zweit beim Frühstück auf der Terrasse saßen, ich so viel Kakao in meine Milch rührte, wie ich wollte, so viel, bis sie untrinkbar war, und das erste Mal habe sie geschrien, als sie Darius am Fuß des Hangs gesehen habe, neben dem zerbeulten Mercedes, [...] (S.257)


New York, Februar 2003, und Genf, April 2013
Es ist nicht das Bild eines Kindes in Pumphosen, das verschreckt oder traurig, nachdenklich oder melancholisch, vielleicht einfach skeptisch den Betrachter ansieht, es ist nicht dieses Bild, das Picasso weltberühmt machte. Das Bild, das die meisten mit seinem Namen verbinden, ist blasser. Grau- und Schwarztöne wechseln sich ab, reißen die Wesen aus dem Schatten, aber nur, um sie direkt vor unseren Augen zu versengen.
Die deutsche Legion Condor hatte er als Unterstützung General Francos während des spanischen Bürgerkriegs die Stadt Guernica zerstört [...] (S.261)

Natürlich habe ich auch schon am Schreibtisch in Davens Hotelzimmer gewusst, dass wir alle mehr Angst vor dem Unbequemen haben als vor der Katastrophe, weil das Unbequeme uns betrifft, während die Katastrophen am Himmel glühen, aus der Ferne reizvoll, aus der Nähe unerträglich, wir hängen ein paar Flaggen darüber oder verlieren uns in unseren kleinen Sorgen, in unseren Gedanken über Renommee und Wertanlagen, damit wir das dort drüben nicht zu deutlich sehen, hinter der Grenze, hinter der Grundstücksmauer, die Medikamente lagen noch im Kofferraum, wir hätten sie längst herausholen müssen, aber wir wollten jetzt nicht daran denken, dass es auch diese andere Welt gab, und je mehr wir erlebt haben oder erlebt zu haben meinen, desto eitler werden wir oder waren es schon vorher, war nur immer rücksichtsloser, danach zu handeln. (S. 268)

Glion. Juli 2017, S.270

[...] Verstehen Sie mich nicht falsch, sagte sie und rückte den Obstteller beiseite, aber Versöhnung ist etwas äußerst Schwieriges. Vor allem, wenn sich ein fremder Staat einmischt. [...] (S.272)
[...] Es war ein Putsch, sagte ich.
Bitte was?, fragte meine Gesprächspartnerin.
1974. Ein Putsch, unterstützt von der Militärdiktatur auf dem griechischen Festland. [...] Er hat sich damit gebrüstet, Frauen und Kinder getötet zu haben. Er hätte töten lassen, bis die Insel ethnisch rein gewesen wäre. Auch eine Lösung des Zypernproblems, falls die Ihnen besser gefällt. Sie können nicht nur die eine Seite erzählen. (S. 273/274)

Südkivu. Mai 2013, S.278
[...] Die Nächte im Lager begannen um 5:00 Uhr am Nachmittag, was weder am Breitengrad noch an der Witterung lag, sondern an der Vorsicht und Angst und den Menschen. Sogar das Krankenhaus lag still, sofern es keinen Notfall gab [...]

Übergang, S.291

Genf. August, S.291

Bad Godesberg. September 2017, S.313
[...] Wir sind weggeschickt worden. Weil wir machtlos waren, hat ein Kollege später zu mir gesagt. Aber das stimmt nicht. Ich war nicht machtlos, wir alle waren das nicht, einige wären es nur gerne gewesen. Es ist bequemer. Sie haben uns durch die Menge gelotst. Und wir wussten was mit denen passiert, die bleiben. Wir wussten es alle. [...] (S.320)

 An dem Abend erzählte ich ihm eine Geschichte. Eine Geschichte von einer Flinte, von einer Treppe neben einer Prozessionsfigur, von einem Käscher am Rand eines Swimmingpools, denn man glaubt eine Geschichte ja erst, wenn man sie jemandem erzählt, den man vertraut, und wem vertrauen wir schon, wem glauben wir, dass diese ganzen Mythen und Märchen wahr sind, und vielleicht handelte die Geschichte nur davon dass man sich die Erinnerung teilt, das ist alles, nicht viel es ist bloß mehr als alles andere. (S.321)

Genf. April 2018, S.322 
[...] aber ich weiß, dass ich mich noch einmal umdrehte, und obwohl wir gesehen werden konnten, hier im Park, auf einer Bank vor dem gewaltigen Fensterfront des Palais des Nations, obwohl es gegen die Abmachung verstieß, fuhr ich mit der Hand in dein Haar, küsste dich auf die Wange, nah an deinen Lippen, und dann bin ich eben gegangen, ohne mich an die Regeln zu halten, in diesem letzten Moment habe ich mich nicht daran gehalten, weil ohnehin nichts mehr zu retten war, die Welt vielleicht noch, aber was ist schon die Welt. (Seite 327)

Genug Stoff für 3, 4 gute Kurzgeschichten oder eine längere Erzählung. Nicht für einen Roman. Wahrscheinlich hätte ich die Kurzgeschichten nicht gelesen.  -  Ich habe aber auch keinen Roman gelesen. 

Vermutlich können andere Leser aus diesem Text einen Roman herauslesen. Mir ist das gegenwärtig nicht möglich. 

Wenn die UNO ein Imperium wäre, müsste man von Überdehnung sprechen. 
Sie ist völlig überfordert davon, in ihrem Einflussraum Frieden zu sichern. Das römische "pacare" (Befriedung durch Unterwerfung) gelingt ihr nicht.
Sie ist aber kein Imperium, sondern eine NGO (nongovermental organisation) eigener Art, die versucht, Macht zu entwickeln, um Menschheitsinteressen der verschiedensten Art zur Geltung zu bringen. 
Für diese Macht war man auf die Mächte des Sicherheitsrates angewiesen. 

Dazu ein Auszug eines Berichts, den der australische Außenminister Evatt über die Gründung der Vereinten Nationen auf der Konferenz von San Francisco (April bis Juni 1945 gab)

"Uns wurde wieder und wieder gesagt, daß die Erhaltung des Grundsatzes der Einmütigkeit zwischen den Großmächten lebenswichtig sei; wurden Abänderungen der Formel vorgeschlagen oder erörtert, so wurden wir bezichtigt "Vollkommenheitsfanatiker" zu sein oder "die Charta zerreißen" zu wollen. Schließlich sagte man uns auf den Kopf zu, daß keine Änderung des Textes angenommen werden würde und daß wir entweder die Charta mit diesem Text hinzunehmen hätten oder gar keine Weltorganisation bekämen ..." 

Sonja Hövelmann:

Das internationale humanitäre System. Eine Einführung

06 März 2021

Bossong: Schutzzone: Gerechtigkeit

 Im Abschnitt Gerechtigkeit gibt es keine Handlung.

Den Haag Mai 2017, S.173   Mira an Milans Arbeitsplatz

Bei Bonn April 1994, S.182

"Darius sah mich ausdruckslos an, dann nickte er, ja, natürlich, in Genf. Zehn tote belgische Soldaten in Genf. Und niemand hat geglaubt, dass es da passieren kann. Dass es da passiert. Aber alle wissen es." (S.185)

Bujurumba November 2012, S.187

Es soll ein Tribunal geben. In einer Kirche wurden die Menschen, die dort für die Kinder und sich selbst Schutz suchten, verbrannt.

Der Minister: "Und ich weiß, wer die Befehle gegeben hat, in diesem Ort, vor der Kirche. Und Sie, Mira, wissen es auch." (S.195)

Den Haag Mai 2017, S.196

Suche nach einer Wohnung. "Kolja mag Rutschen, sagte Milan und strich mir mit der Hand über den Rücken" (S.202)

Rutana Dezember 2012, S.204

Mira: "Aber es gibt nicht nur die eine Wahrheit, natürlich nicht" (S.204) Mira zieht durch das Land, um die Leute zum Sprechen zu bringen. Vielleicht hilft es etwas. Sie glaubt nicht, dass es Wahrheitskommissionen und Tribunale geben wird; denn die benachbarten Staaten sind nicht daran interessiert.

Den Haag Mai 2017, S.211

Mira und Milan: Angst, dass der Sinn des Lebens im Sitzungssaal des Internationalen Strafgerichtshofs verloren gehen wird. Angst, dass Milans Familie zerbrechen wird.

Bujurumba Dezember 2012, S.217

Erstmalig hat Aimé Mira rufen lassen und nicht sie "um ein Treffen gebeten". 

"Sie werden nichts erreicht haben. Das wissen Sie. [...]

Sie haben so eine schöne Radiostimme, Mira. Hat Ihnen das schon mal jemand gesagt." (S.222)

Bujurumba Januar 2012, S.224

Nur Hitze, es gibt keine Jahreszeiten. Eine Sitzung. Miras Sitznachbar hat eine Kuh gekauft und ist begeistert. Damt kann er etwas verändern. Mehr als die Weltgemeinschaft.

 Den Haag Mai 2017, S.237

Zur Fortsetzung

12 Februar 2021

Bossong: Schutzzone: Südkivu und Genf

 Zum ersten Beitrag zu Bossongs "Schutzzone" hier.

Südkivu. Oktober 2012

Der Geruch in den Lagern war der von Folie und Schlamm. Von Feuer und Plastik. Von Staub und Zucker. Von zwei Dingen, die nicht zusammen gehörten. Es war der Geruch davon, dass man nicht ankommen durfte oder konnte. Dass es kein Außen gab, nur von neun bis fünf, danach begann die Ausgangssperre. Es war der Geruch davon, dass es keine Heimat gab, obwohl die Heimat irgendwo liegen musste, man kam ja von dort, aber der alte Geruch war verschwunden und mit dem Geruch das Gefühl und mit dem Gefühl die Wirklichkeit. (S.119)

Man sagt, es wären die Bodenschätze. Ein Land, das reich daran sei, mache seine Bewohner umso ärmer, triebe sie in zerstörerische Minen oder Tagebauen oder ließe sie von Kindersoldaten töten, damit die Warlords besser den Himmel und die Erde ausbeuten und ihre Waren an die europäischen, chinesischen, amerikanischen Händler liefern konnten. Das mochte hier im Kongo stimmen. Burundi hat nicht einmal Bodenschätze gebraucht. Nicht erst die Deutschen hatten das Töten zu den Hütten gebracht, aber die Deutschen kamen trotzdem und verteilten das Recht aufs Töten, aufs gerechte Töten, sie hatten Missionare dabei, sie hatten Medikamente und Schulbücher und den Glauben an den lieben Gott dabei. Sie verloren den Krieg und traten ihre Kolonien Belgien ab. [...] Ich lernte, zwei Arten von Kindersoldaten zu unterscheiden. Solche, die man getötet, und solche die man auch begraben hatte. In manchen Ecken des Lagers sprach man nicht viel, das machte es leichter für die Jungen, die man vergessen hatte zu begraben. Es fiel nicht so sehr auf, wenn sie nicht fröhlich waren. [...] Niemand wollte mit ihnen reden. Die meisten hier, sagte Zacharie, haben Angst vor ihnen, was fängt man auch mit jemandem an, der die Hemmung vorm Töten verloren hat? Hast du mal gesehen, wie ein Schwein kastriert wird? So ähnlich ist das mit denen. Man hat diesen Jungen nicht die Samenleiter entfernt, sondern die Gefühle. Ich weiß nicht, wie ihr ernsthaft glauben könnt, wir könnten sie zurück ins Leben holen oder sogar in die Gemeinschaft. (S.121/22)
Die glasigen Augen des Jungen genügten mir. Ich hockte mich neben ihn, bot ihm eine Zigarette an. Wir schwiegen eine Weile [...] ich schwieg einfach weiter, als der Junge endlich zu reden begann, es war wie ein Vakuum, in das etwas hineindrängte, um es zu füllen, wir halten die Leere und die Stille und das Schweigen nicht lange aus, und er erzählte von seinem ersten Tag im Lager, von der Packung Streichhölzer, die jemand ihm in der Nacht, als er schlief, aus der Jacke gestohlen hatte, er sprang in der Erzählung, plötzlich war es ein Morgen in einem Dorf, und die Frau, die beim Herd stand, musste seine Mutter oder Tante oder Großmutter sein, und jetzt war er zwischen anderen Jungen weit weg im Wald  [...] jemand schoss, alle schossen sie mit rostigen Maschinengewehren, er schmiss sich das brackige Wasser, tauchte unter, um nicht gesehen zu werden, aber das vertrug das Gewehr nicht, und als er wieder auftauchte, hatte er sich selbst entwaffnet, da war er wieder bei seinem ersten Tag im Lager [...] er hatte so viel überlebt, aber nach einer Nacht hier hatte man ihm die Streichhölzer abgenommen, und es war keine Wut, eher Scham, die in seinen langsamen Sätzen lag, Scham darüber, dass ihm so etwas passieren konnte, der doch gelernt hatte in der Truppe des Generals, des Phantoms hinter jedem Befehl, jeder Begnadigung, jeder Bevorzugung, jedem Bann, gelernt unter General Aimé.
Er hieß wie?, fragte ich.
Aimé, wiederholte der Junge. 
Und wie weiter? So heißen viele. 
Wir haben nur über einen geredet.(S.122/23)

Genf. April 2017
[...] Milan saß mit dem Rücken zu mir am Fenster, vollkommen ruhig, als warte er auf niemanden, Und er wirkte überrascht, als mich ich mich neben ihn setzte. Er lehnte sich vor, griff kurz nach meiner Hand.
Du glaubst nicht, was sie von mir verlangen. Ich werfe mit Nächstenliebe um mich wie ein Funkenmariechen mit Kamelle. Aber ohne Schuld keine Erlösung, oder nicht?
Schuld, was soll das schon sein, sagt der Milan lächelnd. Das ist Eitelkeit nichts als Eitelkeit, 
[...] (S.127/28) 
Ehe ich das Zimmer betrat, schon im Fahrstuhl, schon auf dem Sofa, als mein Arm um Milans Schulter lag, eine heimliche, aber mit jeder Minute verbindlicher werdende Umarmung, schon da werde ich gewusst haben, dass er sich daraus wieder befreien würde, wütend oder vielleicht doch nur aus Angst, die so oft darauf folgt, vor allem bei jenen, die nicht den Verstand verlieren wollen, aber eine Begabung dafür haben, in zu verlieren, [...] er zerrte immer noch noch immer an meinem Kleid, bis ich es über den Kopf streifte, und wer von uns hat er eigentlich die sechshundert Franken bezahlt, vielleicht, aber ich weiß es wirklich nicht mehr, sind wir sie dem Hotel bis heute schuldig geblieben.[...] (S.131/32)

Mein Eindruck: Für den human touch muss eine Liebesgeschichte dabei sein, aber die darf keine Gefühle enthalten, also Leere statt human touch. Für mein Empfinden reichte der Satz von Seite 108 "Es gab Milan. Irgendwo dazwischen gab es Milan." als Refrain zwischen den Kapiteln.
Dabei beweisen nicht nur die Passagen über Miras Tätigkeit vor Ort, dass Bossong treffend darstellen kann. 
Aimé:"Sie sind Helden, Märtyrer, sie kommen her, um die Schuld der Welt von uns zu nehmen, aber den Tod am Kreuz müssen können doch wir für sie sterben." (S.141)
Bujumbura Oktober 2012 (S.142)
Aimé: "Sie haben uns erst unsere Menschlichkeit, dann unseren Verstand, dann unsere Unabhängigkeit abgesprochen, und am Ende trauen Sie uns nicht mal unseren Genozid zu." (S.155)


Genf April 2017 (S.166ff.): Mira wird Milans Frau Teresa als seine Kollegin vorgestellt.
Über Milan und seine Familie
"[...] denn ich wusste sehr wohl, im Gegensatz zu ihm, der ahnungslos tat, dass, wenn ich nur erst einmal Platz genommen hätte an seinem Esstisch, auf seinem Sofa, alles in diesem Zimmer, in dieser Wohnung, in diesen drei Leben bereit war zu zerbrechen." (S.172)

08 Februar 2021

Nora Bossong: Schutzzone

  Rezensionen: Rezensionen bei Perlentaucher

Besonders: "Nachdrücklich weist er [der Rezensent] darauf hin, dass den Lesern hier einiges abverlangt wird, wenn sie den verschlungenen Wegen der Recherche, den Debatten über Gut und Böse sowie der melancholischen Liebesgeschichte der Hauptfigur folgen wollen. Vor allem die Konstruktion des Romans auf sieben Zeitebenen hat den Rezensenten beeindruckt, ebenso wie die im Brüchigen und Assoziativen des Erzählens entstehende Dekonstruktion der Ideen. Die Hauptrolle werde an das Erzählen selbst vergeben. Und das findet der Rezensent besonders passend für den afrikanischen Kontinent, dessen Geschichten sich "jenseits der linearen Vernunft" ereigneten." (Die ZEIT 5.9.2019)

"dass den Lesern hier einiges abverlangt wird, wenn sie den verschlungenen Wegen der Recherche, den Debatten über Gut und Böse sowie der melancholischen Liebesgeschichte der Hauptfigur folgen wollen." Dieser Aussage stimme ich völlig zu, ich versuche, anderen Lesern den Zugang zu erleichtern, indem ich meinen eigenen Leseprozess andeute:

Zwischenstand bei S.88:

Da ich zwischen der Arbeit zur Ablenkung lese, ist es vorteilhaft, dass ich nicht in das Buch hineingezogen werde.

Mein Eindruck ist, dass Bossong vorführen will, dass Angestellte der UN weder sich noch die Aufgaben, die sie bearbeiten, ernst nehmen, weil sie dann eine zu große Überforderung spürten:

"Und die Kosmopoliten? Das waren die wenigen, die sehr wenigen unter uns, die wussten dass eine Heimat nicht festgehalten werden konnte, so wie man eine kurze Verliebtheit nicht festhalten kann oder einen Gegenstand, der Bedeutung hat, denn entweder verschwindet der Gegenstand oder die Bedeutung, oder man selbst erinnert sich nicht mehr daran, und es gibt nur eine beschlagene Scheibe, durch die hindurch wir auf etwas Zurückliegendes blicken, und manche haben Glück und sehen etwas Wunderschönes, aber sie sehen es nur, sie erleben es nicht mehr." (Schutzzone, S. 38)

Prototypen: Darius, der vielgereiste Diplomat, und sein Sohn Milan. Doch auch die Ich-Erzählerin scheint sich nicht ernst zu nehmen.

Vielleicht spielt bei meiner Reaktion eine Rolle, dass ich zuvor Solschenizyn gelesen habe, wo Personen zwar ähnlich chancenlos agieren, aber die, auf die die Aufmerksamkeit des Erzählers sich richtet, alle das Interesse des Lesers auf sich ziehen. 

Mit Solschenizyns Spätwerk "konnte der Westen wenig anfangen". (Spiegel vom 4.8.2008)

Zu Nora Bossong zitiert die Süddeutsche Zeitung zitiert am 14. Juli 2020 das Urteil einer Jury "Ihr Werk sei zwar in jeder Zeile politisch, aber moralisiere nicht. Die in Bremen geborene und in Berlin lebende Bossong widme sich den Irrungen und Wirrungen eines eurozentrischen Jahrhunderts, die Protagonisten ihrer Romane seien unterschiedliche Frauen und Männer - vom Diplomaten in 'Webers Protokoll' aus dem Jahr 2009 über einen Textilfabrikanten und seine Tochter in 'Gesellschaft mit beschränkter Haftung' (2012) bis hin zu einer UN-Mitarbeiterin in 'Schutzzone' von 2019."

Bei Bonn. März und April 1994, S.89:
Während bisher nur das neben-der-Welt-Stehen vorgeführt wurde, werden jetzt Gründe genannt: der Verlust der vertrauten Umgebung dadurch, dass die Eltern sie zu dem Diplomaten in Pflege gegeben haben, damit die Tochter nicht mehr ihren ständigen Streit  mitbekommen solle; darüber hinaus, ihr verloren gegangenes Interesse - besonders der Mutter - an der Tochter Mira; die Kritik der Mutter Lucia an der Umgebung, in die sie ihre Tochter gesteckt hat, nicht zuletzt am Vater Darius, der sich zu viel vornehme, sein Versuch, ein Reh aufzuziehen, werde scheitern.
Darius seinerseits überfordert seinen Sohn Milan, indem er ihn zu schwere Klavierstücke sinnlos üben lässt. Seine Erwartung, sein Sohn solle besser werden als die anderen, damit er sich nicht anpasse, sondern seinen eigenen Weg gehe wie der Vater. Die Angst Milans, der Vater werde von einer UN-Mission nicht mehr zurückkehren. Und das Lob des Vaters für Mira: "Aus Mira wird auch noch was, und sein Nicken in meine Richtung war milder, aber von mir erwartete er auch nichts." (S.95)
Mira schreibt die Verantwortung für all das sich selbst zu: Sie habe "in der Lüge gelebt", weil sie das Bild eines Harlekin, das über ihrem Bett hing, für ein Kinderporträt von ihr selbst hielt, wo es doch ein berühmter Picasso war.

New York. April 2011, S.96
Das totale Fremdheitsgefühl: Französisch lernen in den USA; das New York, das nicht zu den Bildern passen will, die sie davon aus dem Fernsehen kannte, Ratten im Müllschlucker, die sie piepsen hört und von denen sie befürchtet, sie könnten schon unter ihrem Bett sein. Ihre nächtliche Aushilfsarbeit in einer Bar, insofern den Neuankömmlingen aus Mexiko oder Nairobi gleich. - Das UN-Gebäude in New York als Repräsentant einer Macht, zu der sie nicht gehört. Unwirkliches Gefühl, die bekannten Bilder aus dem Fernsehen jetzt in der Wirklichkeit zu sehen. "Dass ich nun tatsächlich vor diesen Feuerleitern stand, machte sie nicht wirklicher, es machte lediglich mich unwirklich." (S.98)
Der Typ aus der Bar, der in der UN in Wien über chemische Waffen gearbeitet hatte und ihr halbe Hoffnungen macht: "Ich will ehrlich sein, wir brauchen niemanden. Aber ich dachte gerade ... Wer weiß. Kommen Sie nächste Woche mal vorbei." (S.101)

Es passte zu dem Anspruch, unter dem Bossong schreibt, wenn sie bei dem Harlekin, der über Miras Bett hängt (und den sie sich als Teil ihrer Vergangenheit denkt - S.89 u.96), an das Bild der fünf Kinder im Harlekinskostüm aus der Pringsheimfamilie dächte, die in Thomas Manns Jugendzimmer hing, über dessen Modelle er nichts wusste. Er hat sie als erfolgreicher Autor der Buddenbrooks, als der er Familiengeschichte in große Fiktion verwandelte, dann persönlich kennenlernen können, hat Katia Pringsheim in einer Märchenhochzeit wie in "Königliche Hoheit" zu seiner Frau machen können und in diesem "strengen Glück" seinerseits dank seiner Frau die berühmteste Literatenfamilie Deutschlands im 20. Jahrhundert begründen können. Realität. Zwar alle unter dem fürchterlichen Druck des väterlichen Übervaters "Zauberer", aber dank der selbstbewussten Aufopferung Katias trotz aller Schwierigkeiten durch Zeitumstände und Veranlagung keine Versagen, auch wenn sie sich überfordert haben. Nicht August Goethe, sondern Klaus Mann, der schon 1933 in der Auseinandersetzung mit Benn beispielhaft die Emigration als die richtige Entscheidung propagieren konnte. 
Lebenslüge von Mira gegen gelebtes Märchen in der Mann-Familie? - Ich denke, der Bezug funktioniert nicht, obwohl er sich angesichts des Motivs des Harlekins mir aufdrängt.

Auf Seite 106 schlägt die Erzählerin zu, weil sie gefragt wurde, ob sie ihren Vertrag verlängern wollte. Oder war es doch die Autorin, die gemerkt hat, dass die UNO nicht einen ganzen Roman lang als Leerstelle stehen lassen kann? [Meines Erachtens waren schon von den 88 mindestens 50 zu viel.] Zitat:
"Es gab die neunziger Jahre, Ruanda und Srebrenica, Hutu-Power und Slobodan Milosevic.
Es gab die Mogadischu-Linie, 18 tote US-Soldaten und das Versprechen Bill Clintons, sich nicht mehr in Konflikte einzumischen, in denen die USA nichts zu gewinnen hatten.
Es gab die zehn belgischen Blauhelm-Soldaten, die wenige Monate später in Kigali ermordet wurden zu Beginn des Genozids. Sie hatten die ruandische Premierministerin schützen sollen. Es war ihnen nicht geglückt. Sie wurden das belgische Mogadischu.
Es gab Tote in Ruanda, einige sagten 600.000, andere sprachen von 1 Million.
Es gab das Kind, dessen Körper Feuer fing, das bereits leblos schien und doch wieder zuckte und schrie, und die Augen waren so schwarz, weil von innen alles schon verbrannt war, nur nicht die Nerven. An den Nerven entlang fraß sich die Höller weiter.
Aber es gab keine Hölle, weil es keine gefallenen Engel gab. Nur Menschen.
Es gab die Grenze zu Zaire, zu der sich viele Hutu flüchteten, als die FRP die Macht übernahm." (S.106)
 So geht das noch zwei Seiten weiter.
Und dann heißt es:
"Es gab Milan. Irgendwo dazwischen gab es Milan." (S.108)
Und dann springt die Autorin wieder in die Leerstelle zurück, aus der geistreiche Formulierungen ("wie grenzenlos kann man wachsen, wenn man nur noch aus Stein besteht." - S.111) nicht hinausführen. Doch das Interesse ist geweckt. Bossong will offenbar doch mehr als Leerstelle. Gelingt es ihr?