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28 April 2011

Fritz Reuter: Stavenhagener Bildungsanstalten

Wer hat wohl nicht in seiner Jugend jenes niederdrückende, katzenjämmerliche Unbehagen empfunden, wenn es nach genossenen Jahrmarkts- und Königschuß-Freuden wieder zur Schule gehen heißt, wenn der sonnige Sommertag mit der müffigen Schulstube vertauscht werden soll und die kleinen gelenkigen Glieder verdammt sind, unter der Zuchtruthe des Präceptors in grausamer Unbeweglichkeit der endlichen, fröhlichen Auferstehung entgegen zu harren? Ich gestehe gerne ein, daß ich nie zu den sehr eifrigen Besuchern der Schule gehört habe, und glaube, daß mir dafür als Strafe jenes Unbehagen tief in die Seele geimpft ist, denn wenn ich jetzt in alten Tagen unruhig schlafe und von bösen Träumen gequält bin, so habe ich mich entweder nicht präparirt, oder irgend einer meiner vielen Lehrer hält mir ein schrecklich roth perlustrirtes Exercitium unter die Nase, das er mir dann schließlich um die Ohren schlägt, wonach ich dann stets erwache und Gott danke, daß ich nicht mehr nöthig habe in die Schule zu gehen. Aber es hilft nicht; ich habe versprochen, auch über die wissenschaftlichen Anstalten meiner Vaterstadt Bericht zu erstatten, ich muß also wieder in die Schule.

Es gab in Stavenhagen drei solcher Bildungsanstalten für den menschlichen Geist und Marteranstalten für das menschliche Sitzfleisch, die ich hier im aufsteigenden Klimax folgen lasse: ‘de Becker-Schaul’, ‘de Köster-Schaul’ un ‘de Rekter-Schaul’. Einen organischen Zusammenhang hatten diese drei Schulen durchaus nicht; man konnte in jeder anfangen und in jeder aufhören, oder man konnte mit demselben Nutzen alle drei durchmachen; denn von dem, was man heutzutage Methode nennt, war in allen dreien nicht die Rede, bloß in der Rektor-Schule wurden die Prügel nach einer festgestellten Methode verabfolgt, worüber ich an seinem Orte berichten werde.
Die Becker-Schule hat ihren Namen von der alleinigen Directrice und alleinigen Lehrerin, der Frau Becker oder ‘Mutter Beckersch’, wie sie von allen Leuten genannt wurde, einer sehr alten, emeritirten Weber-Wittwe, die dies Privat-Institut ohne Beihülfe von Staatsund Stadt-Mitteln auf eigene Faust begründet hatte, indem – wie der Stavenhägener Bürger sich damals ausdrückte – "sei ehre Nohrung dorvon söcht," die aber nur schwach sein konnte, da sie von jedem Insassen ihrer Bänke nur einen Schilling wöchentlich als Einspringe-Geld in die geheiligten Hallen der Wissenschaft erhob. – Hier wurden die Anfangsgründe aller Wissenschaft, ausdauerndes Sitzen und verständiges Maulhalten eingeübt. Wer damit durch war, kam ganz allmählich auf dem Wege der Buchstaben Kenntniß und des a-b, ab, b-a, ba in die Fibel, aus welcher er in dieser Schule nicht wieder herauskam. Frau Becker saß während der Lehrstunden auf einem Binsenstuhle, umgeben von ihrem kleinen Völkchen, welches in einstimmigem Unisono ihre alten treuen Lehrerohren mit a-b, ab, b-a, ba erfreute. In ihrer Hand hielt sie ein Instrument von eigener Erfindung, wie es für ihren gebrechlichen Körperzustand paßte, der ein öfteres Aufstehen nicht mehr erlaubte, eine Birkenruthe, die an einem Stück Bohnenstange befestigt war und mit welchem sie bis in die entferntesten Ecken ihres Schullokals reichen konnte, um jeden Versündiger gegen a-b, ab, b-a, ba auf der Stelle abstrafen zu können. Offenbare Bösewichter, bei denen die kindliche Birkenruthe nicht mehr fruchten wollte, wurden auf die beschämendste Weise dem öffentlichen Hohne preisgegeben; sie wurden mit einem gewaltigen Esel um den Hals vor die Thüre auf die Straße gestellt und dienten in ihrer Verworfenheit der gemeinen Sittlichkeit als abschreckendes Beispiel.
Unter diesen Bedingungen hätte sich nun vernunftgemäß ein hohes Ehrgefühl unter der städtischen Jugend entwickeln müssen; aber leider schlug die Sache gerade in’s Gegentheil um. Wenn ein solcher Eselträger öffentlich ausgestellt war, versammelte sich die übrige Jugend aus der Straße um ihn und baten ihn: "Korl, ick gew Di ok en Stück von minen Appel, lat mi ok mal eins den Esel ümhängen." – "Krischaening, nu mi mal! – Deihst ‘t nich? – Na täuw, ick nem Di ok nich wedder mit nah min Großmutting ehren Goren." – Ja, mein bester Freund, Karl Nahmacher, kam schon nach der zweiten Stunde, in der er sich hartnäckig gegen die Sitzverordnungen gesträubt hatte, jubelnd nach Hause zurück: "Mutting ick heww den Esel üm hatt! Vatting, ick heww mit den Esel up de Strat stahn!"

Den directen Gegensatz gegen diese bloß durch die Birkenruthe etwas gestörte Schulidylle bildete ‘de Köster-Schaul’; hier war von einer Appellation an das Ehrgefühl durchaus nicht die Rede, hier herrschte der Stock in seiner unverhülltesten Gestalt; statt von der Hand einer alten, schwachen, gutmüthigen Frau wurde hier das Züchtigungs-Instrument von der Faust eines vierschrötigen Einpaukers geschwungen, der unermüdet mit blauer Puckelschrift allerlei Bestellungen an die Fassungsgabe seiner Scholaren ausrichtete. – Die Schulstube des Küsters Voß sah ärger aus als ein Gefängniß-Lokal des wailand Stockhauses zu Dömitz, und seine Schüler glichen Verbrechern. Er war ein Anhänger prophylaktischer Curen, er prügelte in der ersten Stunde Alle ohne Unterschied durch, damit seine Rangen inne würden, was ihrer harrete, wenn sie in den andern sich ein Vergehen zu Schulden kommen ließen. Ungefähr so, wie es früher in Mecklenburg bei den Pferdejungen der Bauern angewendet wurde, denen ja auch regelmäßig am ersten Mai die obbesagte Cur verordnet wurde, damit sie den Sommer über die Pferde nicht in den Weizen laufen ließen. Er prügelte seine Schüler in die Fibel hinein und hinaus und dann wieder in Lutheri Katechismus hinein, worin sie dann zeitlebens stecken blieben. Hätte er seine Armkraft zum Holzhacken verwandt, so wären beide Theile, er sowohl, wie seine Schüler, besser daran gewesen, er hätte mehr verdient, denn auch er bezog nur wöchentlich einen Schilling pro Puckel.
Außerhalb seiner Schulstube war dieser Pädagog ein ebenso gefürchteter Schläger, allerlei unheimliche Faust und Schemelbein Geschichten spukten durch sein Leben, und oftmals kam er mit einem blauangelaufenen Auge zu Platz – das andere war ihm einmal bei einer Schlägerei abhanden gekommen. Ich erinnere mich einer Scene, deren Schluß ich selbst mit angesehen habe, worin er neben seiner Schlagfertigkeit noch ein Stück Humor entwickelte, und die deshalb hier ihren Platz finden mag. – Der Klempnermeister Belitz, dem der Volkswitz den Beinamen ‘Oberförster’ gegeben hatte, weil er sich als Holzdieb in den großherzoglichen Forsten vor Allen auszeichnete, ein kleiner, zusammengetrockneter, dorniger Kerl, geht vor Küster Voß, der hinter dem Branntweinglase sitzt, immer auf und nieder und sagt in Folge eines vorausgegangenen Streites: "Ja, Vadder Voß, wi willen seihn, wo de Voß de Egt treckt." Voß rührt sich noch nicht bei dieser Anspielung auf seinen Namen. – "Wi willen seihn, wo de Voß de Egt treckt," wiederholt Belitz mit dreisterer Betonung. – Da erhebt sich Küster Voß, schlägt den ‘Oberförster’ mit dem Ausrufe: "Wrampige, wormmadige Kirl!" zu Boden, faßt ihn in dem Rockkragen, schleppt ihn auf die Straße und von da in den Rinnstein und zieht ihn in demselben immer auf und nieder: "Süh so, Vadder Belitz, treckt de Voß de Egt!"

Dieser Schulmann starb nicht in seinem Beruf, sondern in dem Stavenhäger Wallgraben.

(Fritz Reuter: Meine Vaterstadt Stavenhagen)

22 April 2011

Die Zuchtmittel des Stavenhagener Rektors

Fritz Reuters hochdeutsche Schriften sind weniger bekannt als seine plattdeutschen, sind auch gewiss weniger charakteristisch, aber auch interessant. Sein Bericht über Meine Vaterstadt Stavenhagen ist kulturhistorisch und biographisch interessant. Zunächst der Blick in die Schulstube eines Rektors:

In der Mitte der Stube, mehr nach den Fenstern hin, so daß er Alles mit einer gelinden Halsdrehung gut übersehen konnte, saß der Herr Rektor auf einem hölzernen, rundlehnigen Stuhle, der von ihm ‘Katheder’, von den Jungen aber ‘Kantheder’ genannt wurde. Diese letztere Benennung war sehr alt, sie stammte noch von seinem Vorweser im Amte, dem Kantor Bewernitz – vor ihm gab’s in Stavenhagen nur Kantoren, er war der erste Rektor – und ‘Kantheder’ sollte also weiter nichts bedeuten, als Sitz des Kantors. Man sieht, wie sinnreich auch plattdeutsche Jungen sein können. Rechts von ihm saßen die Jungen, links von ihm die Mädchen, und an einem Mitteltisch die überschüssigen Jungen und überschüssigen Mädchen in gemischter Ordnung. Vor ihm lagen drei Instrumente – und nun komme ich auf das, was ich oben versprochen habe nachzuweisen, daß in Stavenhagen wenigstens in einer Schule nach Methode geprügelt wurde – diese mehr oder weniger langen, hölzernen Instrumente hatten verschiedene Namen und Anwendung. Da war erstens der Gelbe, lang und dünne, er fand seine Anwendung bei Plaudern, Butterbrod- und Apfel-Essen und Klecksen im Schreibebuch; dann war da zweitens der Braune, kürzer und dicker, wurde verwandt bei notorischer Faulheit, bei Widerrede, oder wenn nachgewiesen wurde, daß ein Junge dem andern heimlich das Tintenfaß ausgesoffen hatte; und endlich war drittens da der Dachs, kurz, dick und schwer, von gewisser Aehnlichkeit mit einem eichenen Schemelbeine. zum Ruhme des Herrn Rektor muß ich gestehen, daß dieser letztere nur in den alleräußersten Fällen von Verstocktheit, Verruchtheit und offenbarer Widersetzlichkeit in Anwendung gebracht wurde; aber er war doch da und, wie das mecklenburgische Sprichwort sagt: ‘De Furcht wohrt de Haid’.’ – Mit dem armen Dachs nahm’s ein kläglich Ende. Ein schon längst verstorbener Bösewicht sollte wegen verschiedener Missethaten den Dachs schmecken; frech entriß er den Händen des Rektors den geschwungenen Dachs und schleuderte ihn in die Ecke; der Herr Rektor ward blaß; nach dieser gräßlichen Beleidigung seiner Autorität konnte er nicht weiter dociren; er schloß die Schule. Aber am folgenden Morgen wurde ein feierliches Vehmgericht über den Verbrecher gehalten; der primus scholae mußte als Ankläger vortreten, die erste Knabenbank wurde zu Vehmrichtern ernannt, und es wurde von diesem collegium abgestimmt, ob der Verbrecher noch länger die Schule besuchen dürfe, oder ob er cum infamia in perpetuum zu relegiren sei. Eine Stimme, die meines alten guten Freundes Karl Nahmacher, der schon seit Jahren seinen Sitz als ultimus der Bank beharrlich festgehalten hatte, und nun als der Letzte zur Abstimmung kam, rettete ihn; er blieb. – Ja, er blieb – aber in stiller Verachtung. Den andern Morgen jedoch war der Dachs verschwunden. Allerlei dunkle Gerüchte liefen in der Schule und auf der Straße um; Frau Rektorin habe die Unzweckmäßigkeit seiner früheren Verwendung eingesehen und ihn zweckmäßig zum Kaffeekochen verwandt; wir wissen’s aber besser. Ein ebenso großer Bösewicht, wie der vorher erwähnte, den ich jedoch ebenfalls nicht nennen werde, weil er von Jugend auf mein Freund gewesen ist, hatte ihn in ein Mauseloch gesteckt. Da wäre er nun wohl für immer in seiner Höhle geblieben, wär der alte, gute Herr Rektor nicht eines Tages gestorben, wäre das alte, gute Schulhaus nicht an meinen Freund Bunsen verkauft, und hätte dieser nicht eine neue Versohlung und Verdielung für gut befunden. Und da geschah es denn, daß eines schönen Tages der alte vergessene Dachs zum Vorschein kam und in seiner alten treuherzigen Weise die Zimmerleute fragte: "Gu’n Morgen ok! Kennt Ji mi woll noch?" Und siehe da! sie kannten ihn wieder, denn es waren Stavenhäger Kinder. – Er ist jetzt in meinem Besitz, er hat mir auf meiner Laufbahn als Schulmeister wesentlich weiter geholfen und wird von mir als Reliquie aus einer schönen Zeit hoch geschätzt. (Fritz Reuter: Meine Vaterstadt Stavenhagen)