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13 Januar 2026

Peter Härtling: Hölderlin

 Denkendorf

"Wer heute nach Denkendorf kommt, dem ehemaligen Chorherrenstift bei Esslingen, wird nichts anderes annehmen, entzückt über die Abgeschiedenheit der Kirche und der ehemaligen Klosterbauten. Das Geschriebene baut nach, baut neu. Bis zum wiederholten Augenschein habe ich mir eingebildet, dass 'die Ulme das alternde Hoftor umgrünt', wie ist der einstige Klosterschüler Hölderlin erinnert, Aber was in der Erinnerung so mächtig und grün erschien, war die Platane auf dem Hof, waren die alten Kastanienbäume. Nicht Hölderlins Ulme. Sein Blick war zu meinem geworden. Dennoch habe ich das Kloster über Jahre mit den Augen eines anderen gesehen, der hier seine Kindheit verbracht und sie in einem Fragment gebliebenen Buch erzählt hatte. Es ist Fritz Alexander Kauffmanns Chronik: Leonhard.
Kaufmanns Vater hatte das Kloster erworben und in einem der Gebäude eines Senffabrik eingerichtet, die es an einem anderen Ort noch heute gibt." (S.35) 

Aus der Studienzeit im Tübinger Stift. Begegnung mit einem französischen Revolutionär
"Ich möchte Sie fragen, ob sie an die Zukunft der Republik glauben, Monsieur Lerouge.
Der Franzose schaute ihn lächelnd an: Wie sollte ich es nicht?
Sind Sie denn sicher, dass der Mensch, die Menschheit der Freiheit schon gewachsen, für die Freiheit ausgebildet sind?
Ist die Freiheit denn ein Lehrstoff?
Aber ja, ich wüsste keinen größeren und schwierigeren.
Und sie meinen, wir haben sie noch nicht gelernt?
Wir lernen sie, jeder nach seinen Gaben und viele verstehen sie nicht, andere wollen sie nicht verstehen. /
Sie haben in diesem Land keine Freiheit, Monsieur Hölderlin. 
Haben Sie es?
Das fragen Sie mich, einen Bürger der Republik, einen Schützling der Verfassung?
Verargen Sie es mir nicht.
Nein, doch ihre Nachdenklichkeit schmerzt mich. Herr Hölderlin.
Ich wüsste, Monsieur, sehr gerne, ob es einen Augenblick gab, in dem sie ihrer Freiheit ganz sicher waren.
Ja! Lerouge setzte sich ganz auf, verschränkte die Arme vor der Brust. Ja. Als sie mich fasten, gefangen hielten, in diesem Loch unter der Kirche von Rottenburg, dann nach Hirschau verschleppten, als sie mich schlugen, piesackten, mit heißem Wasser übergossen, da habe ich meine Freiheit an der ihren messen können. Und ich habe sie nie so sicher gehabt.
Hölderlin ging auf ihn zu, beugte sich zu ihm nieder, gab ihm die rechte Hand, legt die Linke leicht auf seine Schulter, sagte: Sie haben mich aufgeklärt, Monsieur Lerouge. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heil in ihre Heimat kommen, und dass Sie die Freiheit, die sie haben, behalten. Vive la Liberté!" (S. 152/153 )

Auf der Flucht vor den Franzosen in Kassel:

"Heinse tritt auf wie ein Halbgott. Die beiden Frauen, Susette und Marie, übernehmen gerne die Rollen der Grazien. Sie hätscheln, vergöttern ihn. Der Weltmann, der Hölderlin als einen Domestiken am Rande geradezu übersieht, kann nicht ahnen, dass seine eingebildete Zauberkraft wahr wird, Grenzen schwinden lässt und Hölderlin und Susette endgültig zusammenführt; dass mit seiner poetischen Hilfe Susette sich entschließt, Diotima zu werden.

Sie sind schon zehn Tage in Kassel, ehe Heinse eintrifft. Hölderlin hatte sie noch nie so frei, angeregt, fast frivol erlebt. Sie hielt ihn von dem Unterricht der Kinder ab, ließ sich von ihm durch den Park begleiten, hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn Marie ihre eigenen Wege ging, sie besuchten, obwohl Heinse es angekündigt hatte, sie zu führen, die Gemäldegalerie auf der Wilhelmshöhe, freundlich empfangen und geleitet von J. J. Tischbein, dem Inspektor der Galerie und Bruder von Goethes Malerfreund. Alle diese Bilder von Rembrandt, Rubens, Lorrain, auch von Schaffner und anderen früheren deutschen Malern waren ihm unbekannt gewesen, die Erfahrung, so viele Bilder auf einmal zu sehen, neu. (S. 251). 

DIE KI GEMINI SCHREIBT:

In seinem Roman „Hölderlin“ (1976) entwirft Peter Härtling ein tiefgreifendes, psychologisch nuanciertes Porträt des Dichters Friedrich Hölderlin. Härtling bricht dabei mit der klassischen, heroisierenden Dichterbiografie und wählt stattdessen eine collagenartige Erzählweise.

Hier ist eine Analyse, wie Härtling den Dichter und sein Umfeld darstellt:


1. Die Darstellung Hölderlins: Fragmentierung und Subjektivität

Härtling zeigt Hölderlin nicht als statische Figur, sondern als einen Suchenden, der an der Realität zerbricht.

  • Der verletzliche Mensch: Im Vordergrund steht nicht das „Genie“, sondern die physische und psychische Gebrechlichkeit. Härtling thematisiert die Zerrissenheit zwischen bürgerlicher Existenz (als Hofmeister) und dem absoluten Anspruch seiner Dichtung.

  • Die „Umnachtung“: Der Roman widmet dem späten Hölderlin im Tübinger Turm viel Raum. Härtling stellt den Wahnsinn nicht als bloßen Krankheitszustand dar, sondern als eine Form des Rückzugs vor einer Welt, die Hölderlin nicht verstehen konnte oder wollte.

  • Identitätsverlust: Durch den Wechsel der Erzählperspektiven (Briefe, Dokumente, fiktive Berichte) erscheint Hölderlin oft wie eine Leerstelle – eine Figur, die durch die Augen anderer definiert wird, während er sich selbst zunehmend entgleitet.

2. Die Umgebung: Eine Welt im Umbruch

Die Umgebung wird bei Härtling oft als beengend, fordernd oder gar feindselig gezeichnet.

Das gesellschaftliche Umfeld

  • Die Enge Württembergs: Härtling kontrastiert Hölderlins weite Visionen (Griechenland-Enthusiasmus) mit der provinziellen, pietistischen Enge seiner Heimat. Die Erwartungen seiner Mutter, er solle Pfarrer werden, lasten wie ein bleierner Druck auf ihm.

  • Das Scheitern der Revolution: Die politischen Hoffnungen der Zeit (Französische Revolution) und das spätere Scheitern dieser Ideale spiegeln sich in Hölderlins innerer Isolation wider. Die Umwelt wird als politisch erstarrt dargestellt.

Die Weggefährten und Gegenspieler

Härtling nutzt die Nebenfiguren, um Hölderlins Fremdheit zu betonen:

  • Susette Gontard (Diotima): Sie ist der Lichtblick, aber auch das Symbol für die Unmöglichkeit einer erfüllten bürgerlichen Liebe. Ihre Umgebung (das Frankfurter Bankiershaus) steht für die materielle Welt, in der für Hölderlins Geist kein Platz ist.

  • Schiller und Goethe: Härtling stellt das Verhältnis zu den „Großen“ der Weimarer Klassik oft als schmerzhaft dar. Hölderlin fühlt sich von ihnen herablassend behandelt oder missverstanden; er bleibt der ewige Außenseiter im Schatten ihrer Autorität.

  • Sinclair: Sein treuer Freund Isaac von Sinclair wird als verzweifelter Unterstützer gezeichnet, der jedoch Hölderlins Absturz in den Wahnsinn letztlich nicht verhindern kann.


3. Erzähltechnik als Spiegel der Umgebung

Die Form des Romans ist entscheidend für das Verständnis der Umgebung: Härtling arbeitet mit Montagen. Er mischt historische Fakten mit Fiktion. Dadurch wird deutlich, dass die „Umgebung“ eines Menschen niemals objektiv fassbar ist. Die Welt um Hölderlin herum wird durch Akten, Briefe und Zeugnisse rekonstruiert, was die Distanz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft unterstreicht.

Fazit: Härtlings Hölderlin ist ein Porträt der Entfremdung. Die Umgebung wird als eine Kraft dargestellt, die den Dichter in die Enge treibt, bis ihm nur noch der Rückzug in die Stille und den Turm bleibt.


03 Oktober 2011

Peter Härtling: Schumanns Schatten

Peter Härtling versteht es, einen in den Jugendjahren so merkwürdigen Schumann vorzustellen, dass man sich wundert, dass es bis zum Zusammenbruch so lange dauert.
Doch kann man ihm nicht verdenken, dass er die Rolle des Prinzgemahls nicht so erfolgreich spielen kann wie Mr. Thatcher. (Schumanns Schatten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996)

Wenn er sich solcher Verehrung für das Mädchen Clara Wieck gegenüber sieht, wie sie in Grillparzers Gedicht zum Ausdruck kommt, wie soll er sich dann noch einreden, dies Mädchen habe erst durch die Begegnung mit ihm zu sich selbst gefunden.

Ein Wundermann, der Welt, des Lebens satt,
Schloß seine Zauber grollend ein
In festverwahrten, demantharten Schrein,
Und warf den Schlüssel in das Meer und starb.
Die Menschlein mühen sich geschäftig ab,
Umsonst! kein Sperrzeug löst das harte Schloß,
Und seine Zauber schlafen wie ihr Meister.
Ein Schäferkind, am Rand des Meeres spielend,
Sieht zu der hastig unberufnen Jagd.
Sinnvoll gedankenlos, wie Mädchen sind,
Senkt sie die weißen Finger in die Flut,
Und faßt, und hebt, und hats. - Es ist der Schlüssel!
Auf springt sie, auf, mit höhern Herzensschlägen,
Der Schrein blickt wie aus Augen ihr entgegen.
Der Schlüssel paßt, der Deckel fliegt. Die Geister,
Sie steigen auf und senken dienend sich
Der anmutreichen, unschuldsvollen Herrin,
Die sie mit weißen Fingern, spielend, lenkt.

(Franz Grillparzer über Beethoven und Clara Wieck)

Und dann einen Freund wie Felix Mendelssohn Bartholdy zu gewinnen und dann schon so bald an den Tod zu verlieren.

Härtling werde ich mit diesen ersten Notizen während der Lektüre nicht gerecht. Dazu hoffentlich später.
Kurz schon jetzt: Interessant das Verhältnis zu Wagner. (Clara verlässt immer gleich den Raum.) Auch hätte ich Niels Gade, den ich besser aus dem Stechlin als aus der Musikgeschichte kenne, nicht unter Schumanns Freunden vermutet.
Und wieder die Verse Grillparzers zu Revolution (Grabschrift für Metternich):

Hier liegt, für seinen Ruhm zu spät,
Der Don Quixotte der Legitimität,
Der Falsch und Wahr nach seinem Sinne bog,
Zuerst die andern, dann sich selbst belog,
Vom Schelm zum Toren ward bei grauem Haupte,
Weil er zuletzt die eignen Lügen glaubte.
Grillparzer bei zeno.org

Wenn man von einer Künstlerbiographie verlangt, dass sie das künstlerische Werk in den geistigen Horizont der Zeit stellt, so erhält man von Härtling nur Bruchstücke. Man gewinnt Verständnis für Florestan und Eusebius und die Davidsbündler, man ahnt ein wenig, welche Schwierigkeiten es für dieses vielseitige Genie machte, seine Fähigkeiten zu konzentrieren, man ist dankbar für seine Freundschaften und leidet mit mit den starken Persönlichkeiten, die aufeinander treffen.
Friedrich Wieck hatte vermutlich kein einfacheres Leben als seine Tochter Clara. Aber wie viel mehr hat er selbst verschuldet oder besser: Wie erstaunlich ist sie mit den Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt wurden, fertig geworden. Auch wenn ein Genie nicht oft genügend Entfaltungsraum für seine Kinder lässt.

Hätte sie eine Wahl treffen sollen zwischen ihrem Mann, die Propagierung seines Werks, Karriere und Kindern? Und wofür sich entscheiden? - Erscheint Clara bei Härtling zu perfekt? Nimmt sie Schumann den Platz, der ihm in seiner Geschichte zusteht?