Posts mit dem Label Odenwald werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Odenwald werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

07 September 2022

Ernst Pasqué: Es steht ein Baum im Odenwald

 Ernst Pasqué: Es steht ein Baum im Odenwald

Fürstenlager Bensheim-Auerbach 1905 
Inhalt:
Die morganitische Ehe von Friedrich Georg August von Hessen-Darmstadt, die er 1788 mit Karoline Luise Salome Seitz schloss dient Pasqué als Grundlage für eine rührende Liebesgeschichte, über die er  beim Dienst am Hof des Großherzogs von Hessen Darmstadt private Kenntnisse erworben haben könnte:
Von Grasellenbach kommend verirrt sich Lina Seitz im Odenwald in das Fürstenlager und findet dort die landgräfliche Familie vor, die bei der Eremitage eine Tafel in bäuerlichen Kostümen tafelt. Friedrichs Mutter denkt, es wäre die von den Eltern vorgesehene Verlobte Friedrichs, die hier incognito aufgetaucht sei. Als sie ihre Täuschung bemerkt, hat sich Friedrich, den Lina für einen Bauernsohn Fritz hält, schon in Lina verliebt. Die adelsstolze Mutter versucht die Liebenden zu trennen, indem sie von Friedrich verlangt, dass er seiner Geliebten seine wahre Identität verheimlicht und einen zehnjährigen Militärdienst in Frankreich antritt. Doch die Liebe bewährt sich über die Trennung hinweg.
Während Friedrich beim Militär ist, lernt Lina Französisch und Englisch und höfische Lebensart, so dass die Mutter schließlich überzeugt in die Ehe einwilligt. 

Zitate:

1. Kapitel: Von einem verwunschenen Schlösschen und seinen neun wunderschönen Prinzessinnen

"Aus dem Dorfe, das den Übergang von den bewaldeten Höhenzügen und Bergen in die fruchtbare Ebene mit ihrer weiten blauen Ferne bildet, führt eine Allee von alten Linden und Platanen, deren mächtige Kronen den Weg in tiefe Schatten hüllen, dem stillen, märchenhaften Talgrunde zu. Zu beiden Seiten zeigen sich bald kleinere und größere Wohnstätten, einfach und alle von einer Form, einer Farbe und einer und der selben Zeit, Dem vorigen Jahrhundert angehörend wie das kleine verzauberte Schlösschen, und ebenso wenig bewohnt wie dieses. Jetzt haben wir es erreicht – rechts auf einer Rasenerhöhung erhebt sich ein kleines Bauwerk mit einer auf hölzernen Pfeilern errichteten Vorhalle und einem Türmchen mit einer Uhr, deren Zeiger jedoch stille stehen – es kann nur ein Wachthaus sein, doch die bezopften Soldaten sind daraus verschwunden." (S.9)

"Der jüngere Bruder des regierenden Herrn, Landgraf Georg, wohnte mit seiner Gemahlin im Winter in seinem Palaste in Darmstadt und im Sommer in dem nahen allerliebsten Schlösschen Braunshardt. Das fürstliche Ehepaar zählte ebenfalls der Kinder acht (ein neuntes war frühzeitig gestorben), und zwar vier Prinzessinnen und vier Prinzen. Das war ein jugendfrisches, fröhliches Leben und Treiben der sechzehn Kinder, unter der Aufsicht ihrer Mütter und Erzieherinnen, im Winter in den beiden Schlössern zu Darmstadt, im Sommer im Bereich des idyllischen Braunshardt. Doch am herrlichsten dünkte es der bunten Schar, ging es im Hochsommer hinaus nach dem schönen schattigen Fürstenlager bei Auerbach, in die herrlichen Wälder der Bergstraße und der Vorhöhen des Odenwaldes. Spielplätze gab es dort wie nirgendwo, für die kleinen und für die großen. In dem grünen Buchenwalde auf der Höhe beim Fürstenlager hatte der Verstorbene Landgraf Ludwig VIII eine Eremitage, ein Bauernhäuschen mit einem Stall, in dem im Sommer zwei Kühe eingestellt worden, eine Balkenschaukel und sogar ein kleines Theater im Grünen errichten lassen für seine kleinen Enkel und die Kinder seines Bruders Georg von  Braunshardt, und die Eltern spielten dort mit den Kleinen in den Komödien, Wirtschaften und Schäfereien." (S.11)

2. Kapitel: Eine fürstliche Bauernwirtschaft und Schäferei vom Jahre 1778 und die Prinzessin aus dem Odenwalde

"Der fürstliche Familienkreis war mit den Jahren durch Heirat und Tod immer kleiner geworden: 1774 starb die "große" Landgräfin und zwei Jahre später folgte ihr die Tochter Wilhelmine, die russische Thronfolgerin, in das Grab."

3. Kapitel: Gleims "Hüttchen" und "Der Baum im Odenwald"

"[...] "Könnst recht haben, Mädel" entgegnete die Bäuerin auf den heiteren Ton des Mädchens eingehend. [...]"

Lina singt von der Gesellschaft aufgefordert das Lied Der Baum im Odenwald mit dem 'traurigen Schluss':

Es steht ein Baum im Odenwald

der hat viel grüne Äst´

da bin ich schon viel tausend mal

bei meinem Schatz ge’west.

 

Da sitzt ein schöner Vogel drauf

Der pfeift ganz wunderschön

Ich und mein Schätzlein lauern nach

Wenn wir mit ´nander gehn.

 

Der Vogel sitzt in seiner Ruh

Wohlauf dem höchsten Zweig

Und schauen wir dem Vogel zu

So pfeift er also gleich.

 

Der Vogel sitzt in seinem Nest

Wohl auf dem grünen Baum

Ach Schätzel bin ich bei dir gwest
Oder ist es nur ein Traum.
 
Und als ich wieder kam zu ihr
Verdorret war der Baum
Ein andrer Liebster stand bei ihr
Jawohl es war ein Traum.
 
Der Baum der steht im Odenwald
und ich bin in der Schweiz
da liegt der Schnee und ist so kalt
mein Herz es mir zerreißt.

08 Februar 2012

Der Einsiedler von Auerbach

Die Erzählung Der Einsiedler von Auerbach von Karl Schäfer ist 1896 bei Müller und Rühle in Darmstadt erschienen. Sie ist Gräfin Marie zu Erbach-Schönberg gewidmet.

Die erste Szene spielt am Felsenmeer in Reichenbach. Im Mittelpunkt einer Odinsfeier steht der Odinspriester Wolfhart von Amorbach. An der Feier wirken auch der Harfenspieler Wintgram und Walburga, die Tochter des Dorfgrafen Udalrich von Reichenbach, mit. Als Gerbod, der "Einsiedler von Auerbach", mit weltlichem Namen Reinhold, auftritt, löst sich die Versammlung sofort auf. ("Lautlos verschwanden darauf die Nächtigen in den Felsen." S.4)

Gerbod ist die Zentralfigur der in der Zeit Karls des Großen (der Zeit der ersten Erwähnung Auerbachs im Lorscher Kodex) angesiedelten Erzählung mit dem Konflikt zwischen Kloster Lorsch und den noch zu den germanischen Göttern haltenden Odenwäldern. Gerbods Freund, der Ritter Eberhard, führt den Nebenkonflikt ein, den zwischen Karl und Tassilo III., dem Herzog von Bayern, der den Lehnseid verweigert.
Der Autor, Karl Schäfer, ist sehr darauf bedacht, dass die Hauptlinien des Romans als historisch gedeckt anerkannt werden, und fügt daher in 32 Anmerkungen Belege aus historischen Darstellungen und Quellen bei sowie Hinweise, die  historische Zusammenhänge erläutern.

Die heidnische Seite wird außer den oben Genannten auch durch die alte Steinvöla, die Großmutter des mit Walburga befreundeten Ratz, vertreten. Sie versteht sich auf das Deuten von Runen und sieht schon sehr rasch voraus, dass Walburga zum christlichen Glauben wechseln wird (epische Vorausdeutung).
Im christlichen Bereich des Klosters Lorsch werden einige historische Personen angeführt: Erzbischof Lullus von Mainz, Einhard (der spätere Biograph Karls des Großen), der hier als "Kronbaumeister" bezeichnet wird, und der Lorscher Abt Richbod.
Hier tritt der Adlige Geilo als scharfer Kritiker der Kriegsgräuel in Karls Sachsenkrieg auf und gerät dadurch mit Lullus in Konflikt. Richbod vermittelt. Diese Rolle wird er auch späterhin in den Konflikten zwischen den Vertretern des Klosters und den zunächst bekehrungsunwilligen Heiden spielen.
Negativfiguren des Romans sind zunächst der Dekan, der zwar ständig Bibelsprüche parat hat, aber recht unbarmherzig handelt, vor allem aber der Klostervogt, der in der Burg auf dem Auerberg (einer nicht belegten Vorgängerin des Auerbacher Schlosses) misshandeln und foltern lässt.
Bald fällt Walburga, die weibliche Heldin des Romans, dort in Gefangenschaft. Sie weigert sich, dem heidnischen Glauben abzuschwören, weil sie zu ihrem ebenfalls dort gefangenen Vater halten will.
Auf Dauer wird sie freilich der aus Milde und emotionaler Kälte gemischten Werbung des Einsiedlers Gerbod nicht widerstehen.

Mit dem bayrischen Ritter Eberhard, der in Tassilos Auftrag die Möglichkeiten einer Einigung mit Karl erkunden soll, beginnt nun die Werbung für die Bergstraße. Ungeahnte Mengen von Kannen Bergsträßer Wein werden getrunken, der Auerbacher Rott als "Königswein" (S.68) bezeichnet (heute würde man das Product-Placement nennen), die Auerbacher Krone wird wiederholt als Gastwirtschaft und Herberge gerühmt, doch den Vogel schießt doch Karl der Große ab, der - als er als Jäger zu Odenwald und Bergstraße kommt - bekennt: "Ich hätte nicht geahnt, daß die Bergstraße so schön wäre" (S.122).

Gegen Schluss tritt die Tassilo-Handlung in den Vordergrund, die mit dem (historischen) Ingelheimer Prozess (788) mit einem Todesurteil und Begnadigung zu Klosterhaft ihr Ende findet, nicht ohne dass Ritter Eberhard bei seiner Verteidigung sein Leben lässt.

Im Schlusskapitel erfahren wir freilich noch, dass der Einsiedler Gerbod, jetzt wieder unter seinem weltlichen Namen Reinhold, und seine Geliebte Walburga zueinander finden und dass im Odenwald eine Doppelhochzeit gefeiert wird.

Der Roman schließt:
In Glanz und Schimmer getaucht, ragten die Berge des Odenwaldes und die Türme der Klosterkirchen von Lorsch in den blauen Frühlingshimmel. Durch alle Herzen ging ein Hauch der Versöhnung und des Friedens.

(Die Seitenangaben beziehen sich auf die 183 Seiten starke Ausgabe ohne Jahr, die um 1975 herum herausgekommen ist.)