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11 September 2010

Juno rettet Turnus und der ist darüber unglücklich

Juno entgegnete demütig: »Warum, du herrlichster Gatte,
quälst du mich Arme, die deine gestrengen Weisungen fürchtet?
Liebtest du mich doch so innig wie früher und wie es der Gattin
eigentlich zusteht! Dann würdest, Allmächtiger, du es mir schwerlich
abschlagen, daß ich Turnus dem Schlachtengetümmel entziehe,
Daunus, dem Vater, gesund ihn und wohlbehalten bewahre.
Mag er jetzt sterben, mit frommem Blute büßen den Troern!
Trotzdem, er führt sein edles Geschlecht zurück auf das unsre.
War doch Pilumnus sein Urahn. Auch hat er freigebig oftmals
reichliche Gaben in deinen Tempeln als Opfer gespendet.«

Kurz nur erteilte ihr Antwort der König der himmlischen Höhen:
»Wenn du für einen dem Tode verfallenen Helden nur einen
Aufschub erbittest und glaubst, ich könnte den Aufschub bewirken,
führe den Turnus vom Schlachtfeld, entzieh ihn dem nahenden Schicksal!
Soweit vermag ich Nachsicht zu üben. Verbirgt sich indessen
unter der Bitte ein größerer Wunsch und wähnst du, dem Kriege
einen ganz anderen Ausgang zu geben, so hoffst du vergeblich.«

Weinend erwiderte Juno: »Gewährtest du das mit dem Herzen,
was du dem Wortlaut nach ablehnst, bliebe mein Turnus am Leben.
Nunmehr erwartet ein bitterer Tod den Schuldlosen, sollte
ich mich nicht täuschen. Narrte mich lieber doch falsche Befürchtung,
schlügest den Weg du zum Besseren ein, da allmächtig du waltest!«

Darauf ließ sie sogleich sich vom hohen Himmel hernieder,
quer durch die Lüfte, von Sturmwind umhüllt und von Wolken umflattert,
eilte zur troischen Streitmacht sowie zum laurentischen Lager,
formte aus Wolkendunst klüglich ein kraftloses Schattengebilde,
das wie Aeneas aussah, ein kunstreiches Werk zum Erstaunen,
rüstete es mit dardanischen Waffen, ähnlichem Schutzschild,
täuschendem Helmbusch auf göttlichem Haupt, verlieh ihm auch Sprache,
Laute nur, nichtig, vernunftlos, und gab ihm die typischen Schritte;
Seelen der Sterblichen sollen, verstarb der Körper, so flattern,
oder auch Träume, die der Empfindungen Schlafender spotten.
Frohlockend eilte der Schatten vor das vordere Treffen,
reizte zum Schein mit funkelnden Waffen, lauthöhnend, den Turnus.
Dieser entsandte von ferne auf ihn die schwirrende Lanze,
stürmte dann gegen ihn. Aber da wandte zur Flucht sich der andre.
Turnus wähnte, Aeneas suche tatsächlich das Weite,
schöpfte, verwirrt durch die Täuschung, eine ganz grundlose Hoffnung:
»Wohin, Aeneas? Verschmähe nicht die dir verheißene Ehe!
[403] Meine Faust verschafft dir das Land, das zu Wasser du suchtest.«
Derart prahlte er, folgte dem Fliehenden, zückte die blanke
Klinge – und sah nicht, daß Windstöße ihm sein Wunschbild entrafften.

Zufällig lag ein Schiff vor Anker am ragenden Felshang,
hatte die Leitern heruntergelassen, den Laufsteg befestigt.
Clusiums König Osinius war auf dem Fahrzeug gekommen.
Dorthin schwebte bestürzt der Schatten des fliehenden Troers,
schlüpfte hinein und verschwand. Beharrlich folgte ihm Turnus,
ließ durch kein Hemmnis sich abhalten, eilte hoch über den Laufsteg.
Kaum betrat er das Vorschiff, da kappte Juno die Leine;
forttreiben ließ sie das Schiff auf rückläufig kabbelnden Wellen.
Während Aeneas in Wirklichkeit Turnus zum Zweikampfe suchte
und die ihm zahlreich entgegentretenden Feinde erlegte,
suchte nicht länger mehr sich zu verstecken der flüchtige Schatten,
sondern entschwebte zur Höhe, zerfloß in den düsteren Wolken.
Seewärts entführten indessen wirbelnde Winde den Turnus.

Nichtsahnend, keineswegs froh der Errettung, schaute der König
rückwärts und streckte flehend die Hände empor zu den Sternen:
»Vater, Allmächtiger, hast du mich eines so schweren Verbrechens
etwa für schuldig befunden, daß du mich so grausam bestrafest?
Wohin nur soll ich? Woher? Als Flüchtling? Als was für ein Feigling?
Soll ich die Mauern Laurentums wiedersehen, das Lager?
Was unternehmen die Männer, die mir in das Schlachtgewühl folgten?
Ließ ich sie alle schmachvoll zurück zu abscheulichem Tode,
sehe sie ratlos umherirren, höre die Fallenden jammern?
Wie jetzt handeln? Wo könnte für mich ein Abgrund jetzt klaffen,
hinreichend tief? Doch lieber erbarmt euch meiner, ihr Winde!
Jagt mir das Fahrzeug an Felsen, auf Klippen – ich, Turnus, ich flehe
innig darum –, in die tückischen Untiefen wütender Syrten,
wohin die Rutuler mir und die wissende Fama nicht folgen!«
Während des Flehens schwankte er unschlüssig, fast wie von Sinnen
[404] angesichts solcher Schande: Ob er sich selbst in die Klinge
stürzen, das grausame Schwert durch den Brustkorb hindurchjagen solle
oder auch springen ins Meer und schwimmen zur buchtreichen Küste,
dort sich aufs neue ins Schlachtgewühl gegen die Teukrer begeben.
Dreimal versuchte er beides, doch hemmte die mächtige Juno
dreimal ihn auch und hielt ihn zurück aus innigem Mitleid.
Über die hohe See glitt er mit günstiger Strömung,
trieb dann ans Festland, zur uralten Hauptstadt des Daunus, des Vaters.

Quelle: Vergil: Werke in einem Band. Berlin 21987, S. 402-404

Wie sich die Sterblichen darüber täuschen, was ihnen gut tut, zeigt diese Passage genauso wie das Ende des Kampfes zwischen Turnus und Pallas. Es spricht freilich kein allwissender Erzähler, wie es in einer epischen Vorausdeutung geschieht, sondern der Leser/Hörer hat mehr Wissen als die handelnden Personen und kann ihren Irrtum daher ohne weitere Nachhilfe durch den Erzähler erkennen.

09 September 2010

Juno öffnet die Kriegstore

Schon im hesperischen Latium herrschte der Brauch, den im Anschluß
dann die Albaner voll Ehrfurcht bewahrten, den heute die Weltmacht
Rom auch noch treulich befolgt beim Ausbruch jeglichen Krieges,
mag man das getische Volk mit dem Jammer der Schlachten bedrängen,
Araber oder Hyrkaner; mag man nach Osten zu Indern
aufbrechen oder zurück von den Parthern die Feldzeichen fordern:
»Doppelte Tore« besitzt der Krieg – so heißen sie –, heilig
werden verehrt sie aus Furcht vor dem Mars, dem schrecklichen Gotte.
Hundert eherne Riegel und dauerhaft eisenbeschlagnes
Eichenholz schließen sie, ständig lauert Janus am Eingang.
Wenn unumstößlich die Väter beschlossen, den Krieg zu beginnen,
öffnet der Konsul persönlich im weißen Gewand des Quirinus,
nach gabinischer Weise gegürtet, die knarrenden Flügel,
ruft auch persönlich zum Kampf; ihm folgen die übrigen Männer,
eherne Blashörner dröhnen dazu in kräftigen Stößen.
König Latinus auch sollte den Krieg mit dem Heer des Aeneas
derart verkünden, die Tore der Trauer brauchgemäß öffnen.
Doch er entzog sich dem Auftrag, vermied die Ausführung einer
Amtspflicht, die Unheil nur brachte, und ließ sich im Freien nicht blicken.
Aber da schwang sich die Fürstin der Götter vom Himmel hernieder,
stieß mit der eigenen Hand an die säumigen Tore; die Angeln
drehten sich, Juno erbrach die eisernen Pfeiler des Kampfes.
(Vergil: Aeneis, Siebter Gesang)

01 September 2010

Juno und Venus

Juno bemerkt, dass Dido der Liebe zu Aeneas nicht widerstehen kann.

Als von solchem Verderb sie bewältiget sahe die Gattin
Juppiters
, und daß sogar nicht Leumund störe den Wahnsinn;
Naht mit solcherlei Rede Saturnia jetzo der Venus:

Traun, ein herrliches Lob und herrliche Beute gewannt ihr,
Du und dein Junge mit dir! O groß und erhaben die Obmacht,
Wenn ein Weib durch den Trug zwei himmlischer Götter besiegt wird!
Auch nicht blieb mir verhehlt, daß, scheu vor unseren Mauern,
Du in Verdacht die Häuser gehabt der hohen Karthago.
Doch wo endlich das Ziel? und wozu noch solche Beeifrung?
Mög' uns ewiger Friede vielmehr und ehliches Bündnis
Einigen. Was du gesucht mit ganzer Seele, das hast du.
Dido flammet in Lieb', und im Innersten tobt ihr der Wahnsinn.
Drum mit gleicher Gewalt laß uns und gemeinsamer Obhut
Lenken das Volk. Gern mag sie dem Phrygiergatten sich fesseln,
Gern die tyrischen Männer zum Brautschatz bringen dir selber!

Wiederum (denn sie merkte, wie heuchlerisch jene geredet,
Daß sie der Italer Reich ablenkt' auf libysche Küsten)
Redete Venus darauf: O sinnlos wäre, wer solches
Weigerte, oder sich wählte, mit dir im Kampfe zu eifern.
Wenn nur, so wie du sagst, das Geschehene Segen begleitet.
Aber mich halt das Geschick unstät, ob Juppiter eine
Stadt für die Tyrier will und die Ausgewanderten Trojas,
Ob er der Völker Verein und geschlossenes Bündnis genehmigt.
Dir, der Gattin, gebührt, sein Herz durch Flehn zu versuchen.
Frisch nur; ich folg'. – Ihr drauf antwortet die Königin Juno:
Mein sei jenes Geschäft. Doch welcherlei Weg, was bevorsteht,
Auszuführen sich bahne, vernimm mit wenigem jetzo.
Morgen gedenkt mit Äneas die unglückselige Dido
Jagen zu gehn in den Forst, sobald aus tagender Dämmrung
Neu sich Titan erhebt und mit Glanz umstrahlet den Erdkreis.
Dann ein schwarzes Gewölk, mit Hagelschauer belastet,
Weil die geschäftigen Rotten die Thal' umstellen mit Fanggarn,
Schütt' ich hinab und errege mit hallendem Donner den Himmel.
Rings sich zu bergen entfliehn in den dunkelen Wald die Begleiter.
Dann zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter
Trojas ein. Selbst komm' ich, und ist dein Wille mir sicher,
Sei sie in Ehe gesellt, als eigene Ehegenossin.
Dies sei das Hochzeitsfest. – Nicht abgeneigt dem Gesuche
Nickt' und lächelte schlau der gefundenen List Cytherea.
(Vierter Gesang)