Posts mit dem Label Härtling werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Härtling werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

19 Mai 2026

Peter Härtling: Nachgetragene Liebe

 Ich habe das Buch von Härtling vor Jahrzehnte in der Hand gehabt. Wieviel ich davon gelesen habe, ist mir unklar. Was ich darüber gelesen habe, spricht mich an.

Dieter Wunderlich: Inhaltsangabe und Kritik

KI Gemini:

„Nachgetragene Liebe“ (erschienen 1980) gehört zu den bedeutendsten und persönlichsten Werken von Peter Härtling (1933–2017). Es handelt sich um ein tiefgreifendes autobiografisches Buch, in dem der Autor versucht, die schwierige und von Sprachlosigkeit geprägte Beziehung zu seinem Vater zu verarbeiten und nachträglich zu klären.

Hier ist eine kompakte Übersicht zu den wichtigsten Aspekten des Werks:


1. Inhalt und Hintergrund

Der Kern der Erzählung dreht sich um die Kindheit des Ich-Erzählers (der unverkennbar Härtling selbst ist) während der „finstern Zeiten“ des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit.

  • Der Vater: Rudolf Härtling war Rechtsanwalt, ein distanzierter, oft schweigender Mann, der seine Strenge meist durch Entzug von Worten ausdrückte. Politisch stand er dem NS-Regime zwar kritisch gegenüber, verhielt sich aber weitgehend passiv.

  • Die Entfremdung: Der junge Peter flüchtet sich zeitweise in die Begeisterung des „Deutschen Jungvolks“ (Hitlerjugend), sehr zum Missfallen des Vaters, der jedoch unfähig ist, dem Sohn seine Beweggründe im Gespräch zu erklären.

  • Das Ende: Kurz nach dem Zusammenbruch des Regimes 1945 stirbt der Vater mit nur 39 Jahren in einem sowjetischen Gefangenenlager. Der Sohn ist zu diesem Zeitpunkt erst zwölf Jahre alt.


2. Die Bedeutung des Titels

Das Wort „nachgetragen“ hat im Deutschen eine Doppelbedeutung, die Härtling brillant nutzt:

  1. Etwas nachtragen (Groll): Dem Vater die Härte, das Schweigen und die emotionale Kälte der Kindheitsjahre vorwerfen.

  2. Etwas nach-tragen (Liebe): Dem Toten die Liebe hinterhertragen, die man ihm zu Lebzeiten nicht geben konnte oder wollte, weil man ihn nicht verstand.


3. Der literarische Ansatz: Verstehen statt Abrechnen

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren der „Väterliteratur“ der 1970er und 1980er Jahre (die oft brutal und anklagend mit der Tätergeneration abrechneten) wählt Härtling einen tastenden, suchenden Tonfall.

  • Die Perspektive: Der Erzähler schreibt das Buch aus einer Position heraus, in der er bereits älter ist, als sein Vater es je wurde.

  • Das Ziel: Es geht ihm nicht um Vergebung oder Beschönigung, sondern um das Verstehen. Er versucht zu begreifen, unter welchem Druck der Vater in dieser Epoche stand und warum er so unzugänglich wurde.

„Ich fange an, Deine Hand (noch) im Nacken, dich zu verstehen, zu lieben. [...] Du könntest mein jüngerer Bruder sein.“ — Peter Härtling, Nachgetragene Liebe


4. Stilistische Merkmale

  • Mischung aus Prosa und Lyrik: Das Buch bricht stellenweise mit klassischen Romanstrukturen. Es gibt Passagen, die fast wie Gedichte formatiert sind (ohne Interpunktion, in kurzen Zeilen), um die Fragmentierung der Erinnerung und das Stockende des Denkprozesses zu verdeutlichen.

  • Direkte Ansprache: Der Autor wechselt oft in ein imaginäres Zwiegespräch und spricht den verstorbenen Vater direkt mit „Du“ an.


Fazit

Nachgetragene Liebe ist ein berührendes Dokument der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit auf einer ganz privaten, familiären Ebene. Es zeigt, dass Annäherung und Versöhnung mit den eigenen Eltern auch dann noch möglich (und manchmal bitter nötig) sind, wenn diese schon lange nicht mehr am Leben sind.

13 Januar 2026

Peter Härtling: Hölderlin

 Denkendorf

"Wer heute nach Denkendorf kommt, dem ehemaligen Chorherrenstift bei Esslingen, wird nichts anderes annehmen, entzückt über die Abgeschiedenheit der Kirche und der ehemaligen Klosterbauten. Das Geschriebene baut nach, baut neu. Bis zum wiederholten Augenschein habe ich mir eingebildet, dass 'die Ulme das alternde Hoftor umgrünt', wie ist der einstige Klosterschüler Hölderlin erinnert, Aber was in der Erinnerung so mächtig und grün erschien, war die Platane auf dem Hof, waren die alten Kastanienbäume. Nicht Hölderlins Ulme. Sein Blick war zu meinem geworden. Dennoch habe ich das Kloster über Jahre mit den Augen eines anderen gesehen, der hier seine Kindheit verbracht und sie in einem Fragment gebliebenen Buch erzählt hatte. Es ist Fritz Alexander Kauffmanns Chronik: Leonhard.
Kaufmanns Vater hatte das Kloster erworben und in einem der Gebäude eines Senffabrik eingerichtet, die es an einem anderen Ort noch heute gibt." (S.35) 

Aus der Studienzeit im Tübinger Stift. Begegnung mit einem französischen Revolutionär
"Ich möchte Sie fragen, ob sie an die Zukunft der Republik glauben, Monsieur Lerouge.
Der Franzose schaute ihn lächelnd an: Wie sollte ich es nicht?
Sind Sie denn sicher, dass der Mensch, die Menschheit der Freiheit schon gewachsen, für die Freiheit ausgebildet sind?
Ist die Freiheit denn ein Lehrstoff?
Aber ja, ich wüsste keinen größeren und schwierigeren.
Und sie meinen, wir haben sie noch nicht gelernt?
Wir lernen sie, jeder nach seinen Gaben und viele verstehen sie nicht, andere wollen sie nicht verstehen. /
Sie haben in diesem Land keine Freiheit, Monsieur Hölderlin. 
Haben Sie es?
Das fragen Sie mich, einen Bürger der Republik, einen Schützling der Verfassung?
Verargen Sie es mir nicht.
Nein, doch ihre Nachdenklichkeit schmerzt mich. Herr Hölderlin.
Ich wüsste, Monsieur, sehr gerne, ob es einen Augenblick gab, in dem sie ihrer Freiheit ganz sicher waren.
Ja! Lerouge setzte sich ganz auf, verschränkte die Arme vor der Brust. Ja. Als sie mich fasten, gefangen hielten, in diesem Loch unter der Kirche von Rottenburg, dann nach Hirschau verschleppten, als sie mich schlugen, piesackten, mit heißem Wasser übergossen, da habe ich meine Freiheit an der ihren messen können. Und ich habe sie nie so sicher gehabt.
Hölderlin ging auf ihn zu, beugte sich zu ihm nieder, gab ihm die rechte Hand, legt die Linke leicht auf seine Schulter, sagte: Sie haben mich aufgeklärt, Monsieur Lerouge. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heil in ihre Heimat kommen, und dass Sie die Freiheit, die sie haben, behalten. Vive la Liberté!" (S. 152/153 )

Auf der Flucht vor den Franzosen in Kassel:

"Heinse tritt auf wie ein Halbgott. Die beiden Frauen, Susette und Marie, übernehmen gerne die Rollen der Grazien. Sie hätscheln, vergöttern ihn. Der Weltmann, der Hölderlin als einen Domestiken am Rande geradezu übersieht, kann nicht ahnen, dass seine eingebildete Zauberkraft wahr wird, Grenzen schwinden lässt und Hölderlin und Susette endgültig zusammenführt; dass mit seiner poetischen Hilfe Susette sich entschließt, Diotima zu werden.

Sie sind schon zehn Tage in Kassel, ehe Heinse eintrifft. Hölderlin hatte sie noch nie so frei, angeregt, fast frivol erlebt. Sie hielt ihn von dem Unterricht der Kinder ab, ließ sich von ihm durch den Park begleiten, hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn Marie ihre eigenen Wege ging, sie besuchten, obwohl Heinse es angekündigt hatte, sie zu führen, die Gemäldegalerie auf der Wilhelmshöhe, freundlich empfangen und geleitet von J. J. Tischbein, dem Inspektor der Galerie und Bruder von Goethes Malerfreund. Alle diese Bilder von Rembrandt, Rubens, Lorrain, auch von Schaffner und anderen früheren deutschen Malern waren ihm unbekannt gewesen, die Erfahrung, so viele Bilder auf einmal zu sehen, neu. (S. 251). 

DIE KI GEMINI SCHREIBT:

In seinem Roman „Hölderlin“ (1976) entwirft Peter Härtling ein tiefgreifendes, psychologisch nuanciertes Porträt des Dichters Friedrich Hölderlin. Härtling bricht dabei mit der klassischen, heroisierenden Dichterbiografie und wählt stattdessen eine collagenartige Erzählweise.

Hier ist eine Analyse, wie Härtling den Dichter und sein Umfeld darstellt:


1. Die Darstellung Hölderlins: Fragmentierung und Subjektivität

Härtling zeigt Hölderlin nicht als statische Figur, sondern als einen Suchenden, der an der Realität zerbricht.

  • Der verletzliche Mensch: Im Vordergrund steht nicht das „Genie“, sondern die physische und psychische Gebrechlichkeit. Härtling thematisiert die Zerrissenheit zwischen bürgerlicher Existenz (als Hofmeister) und dem absoluten Anspruch seiner Dichtung.

  • Die „Umnachtung“: Der Roman widmet dem späten Hölderlin im Tübinger Turm viel Raum. Härtling stellt den Wahnsinn nicht als bloßen Krankheitszustand dar, sondern als eine Form des Rückzugs vor einer Welt, die Hölderlin nicht verstehen konnte oder wollte.

  • Identitätsverlust: Durch den Wechsel der Erzählperspektiven (Briefe, Dokumente, fiktive Berichte) erscheint Hölderlin oft wie eine Leerstelle – eine Figur, die durch die Augen anderer definiert wird, während er sich selbst zunehmend entgleitet.

2. Die Umgebung: Eine Welt im Umbruch

Die Umgebung wird bei Härtling oft als beengend, fordernd oder gar feindselig gezeichnet.

Das gesellschaftliche Umfeld

  • Die Enge Württembergs: Härtling kontrastiert Hölderlins weite Visionen (Griechenland-Enthusiasmus) mit der provinziellen, pietistischen Enge seiner Heimat. Die Erwartungen seiner Mutter, er solle Pfarrer werden, lasten wie ein bleierner Druck auf ihm.

  • Das Scheitern der Revolution: Die politischen Hoffnungen der Zeit (Französische Revolution) und das spätere Scheitern dieser Ideale spiegeln sich in Hölderlins innerer Isolation wider. Die Umwelt wird als politisch erstarrt dargestellt.

Die Weggefährten und Gegenspieler

Härtling nutzt die Nebenfiguren, um Hölderlins Fremdheit zu betonen:

  • Susette Gontard (Diotima): Sie ist der Lichtblick, aber auch das Symbol für die Unmöglichkeit einer erfüllten bürgerlichen Liebe. Ihre Umgebung (das Frankfurter Bankiershaus) steht für die materielle Welt, in der für Hölderlins Geist kein Platz ist.

  • Schiller und Goethe: Härtling stellt das Verhältnis zu den „Großen“ der Weimarer Klassik oft als schmerzhaft dar. Hölderlin fühlt sich von ihnen herablassend behandelt oder missverstanden; er bleibt der ewige Außenseiter im Schatten ihrer Autorität.

  • Sinclair: Sein treuer Freund Isaac von Sinclair wird als verzweifelter Unterstützer gezeichnet, der jedoch Hölderlins Absturz in den Wahnsinn letztlich nicht verhindern kann.


3. Erzähltechnik als Spiegel der Umgebung

Die Form des Romans ist entscheidend für das Verständnis der Umgebung: Härtling arbeitet mit Montagen. Er mischt historische Fakten mit Fiktion. Dadurch wird deutlich, dass die „Umgebung“ eines Menschen niemals objektiv fassbar ist. Die Welt um Hölderlin herum wird durch Akten, Briefe und Zeugnisse rekonstruiert, was die Distanz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft unterstreicht.

Fazit: Härtlings Hölderlin ist ein Porträt der Entfremdung. Die Umgebung wird als eine Kraft dargestellt, die den Dichter in die Enge treibt, bis ihm nur noch der Rückzug in die Stille und den Turm bleibt.


14 Februar 2023

Peter Härtling: Liebste Fenchel

 Peter Härtling: Liebste Fenchel Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi

"Ihr kompositorisches Werk, von dem bisher nur ein kleiner Teil veröffentlicht ist, umfasst über 460 Werke und wurde – mit wenigen Ausnahmen – 1964 aus Familienbesitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz überreicht. Eine musikalische Karriere und Veröffentlichungen zu Lebzeiten waren ihr von der Familie weitgehend untersagt worden." (Wikipedia)

Geschrieben auf der Basis ihres ausführlichen Tagebuchs und zahlreicher Briefe der Familienmitglieder.

Felix Mendelssohn Bartholdy

Wilhelm Hensel

Clara Schumann (1819-1896, S.335ff.)

Zitate;

Fanny Mendelssohn und Wilhelm Hensel: "Sie muss, so schief und klein sie ist, zu ihm aufschauen, was ihr nicht passt. Der innere Widerstand verblüfft sie. Er lächelt, sie hört ihn zum ersten Mal und hört, dass er bereits viel von ihr gehört habe. Aber nein, widerspricht sie. Doch Lea unterstreicht Hensels Feststellung: Ja, Fanny spielt hervorragend Klavier und komponiert auch. Dass Lea sie so rühmt beschämt Fanny erneut. Sie sieht ihn vor sich: dDas blonde Haar fällt ihm in Locken über die Schläfen. Unter der hohen Stirn strahlen helle Augen, Kinderaugen, denkt sie, und auch der Mund ist der eines Knaben.

Lea fasst sie am Arm: Komm, hört sie, aber sie hätte Lust, ihn weiter anzuschauen und weiter von ihm angeschaut zu werden. Wir sollten uns Herrn Hensels Bilder betrachten.
Ob er sie führen dürfe, fragt er. Womit er Lea einen Strich durch die Rechnung macht. Also bleibt er bei ihr, dem schiefen Mädchen mit den seelenvollen Augen, erklärt und benennt die Porträtierten. Fanny gefallen die Zeichnungen, ihr behutsamer und dennoch sicherer Strich. Und wie von selbst, gleichsam als Summe des Gesehenen, kommt ihr ein Wunsch auf die Lippen: Ob sie mich bei Gelegenheit auch einmal zeichnen, Herr Hensel? Lea setzte ein unwirsches Aber dagegen. Dazu bedarf es einiger Sitzungen, erklärte der junge Mann. Er ist elf Jahre älter als sie, erfährt sie später. Das stört sie nicht." (S.80/81)

Lea : "Sie geht mir aus meiner Erzählung verloren, Lea Mendelssohn, geborene Salomon. Dennoch war sie ihr geheimes Zentrum durch das, was sie ihren Kindern mitgab, was sie von ihnen erwartete. Von Kind auf war sie reich beschenkt worden und schenkte. Als sie mit zwanzig Abraham Mendelssohn heiratete, der an Frankreich hing, von Paris schwärmte, zog sie nach Hamburg, wurde dort nicht warm, sehnte sich nach ihrem Kinderberlin. Der Park und der Küchengarten, die Gewächshäuser der Meierei Bartholdy* *hinterm Schlesischen Tor waren ihr Arkadien, wie sie einmal schrieb. Und ihre Eltern, der Bankier Jacob Salomon und die Mutter Bella sorgten dafür, dass sie tun konnte, was ihr gefiel, und das alles, was ihr gefiel, vorhanden war. Sie spielte, lernte, lernte spielend. Sie lernte Noten lesen, bevor sie Buchstaben lesen konnte, saß bald am Klavier, sang gemeinsam mit der Mama. Ihr Klavierlehrer, Johann Philipp Kirnberger hatte noch bei Johann Sebastian Bach gelernt, und so lernte sie Bach durch Kirnberger. Er sollte ihre musikalische Praxis beherrschen, und die Vorstellung, die sie von Musik hatte. [...]" (S.319)

* "[...] erhielt Abraham die behördliche Erlaubnis, den Zusatznamen „Bartholdy“ anzunehmen. Es handelte sich um den Namen des Eigentümers einer Meierei, die der Vater seiner Frau Lea Salomon 1779 von dem Freiherrn Friedrich Christian von Bartholdy gekauft hatte." (Wikipedia)

* Denselben Namen hatte vor ihrem Mann und ihr schon ihr Bruder Jakob Salomon Bartholdy angenommen

"Als Lea nach den Noten auch Wörter lesen konnte, verfiel sie der Poesie, las Wieland, Goethe und Schiller, lernte Altgriechisch, um Homer lesen zu können. Wie sie überhaupt ohne Mühe sich Sprachen aneignete, Englisch, Französisch, Italienisch. Später begann sie auf Reisen auch noch zu zeichnen. Ihre Neugier auf Menschen verband sich mit beständiger Freundlichkeit. [...] Sie wollte wissen und gab ihr Wissen, ohne besser wissen zu wollen, weiter. Diese Haltung entwickelte sie zum pädagogischen Prinzip. Abraham unterstützte sie darin. Die Kinder profitierten davon. Sie bildeten sich, natürlich angeleitet von den Hauslehrern, Stenzel, Heyse und Droysen, am Interesse der Mutter. Alles was Lea beschäftigte, was sie umtrieb und beseelte, fand sich bei den Kindern wieder: die Musikalität, die Liebe zu Bach, die Sprachfertigkeit, der Hang, sich im Garten, in Parks zu flüchten, der Eigensinn und die Anfälligkeit für Melancholie. [...]" (S.320) 


"Die dunklen, tiefen Augen sind die Augen, die sie ihren Töchtern schenkt. Augen, die Heine nicht vergaß. Aber es sind auch die Augen, die Hensel in vielen seiner Bildnisse wiederholt, Brunnenaugen, die Augen der Epoche. Lea tut sich nie hervor und ist deshalb auf wunderbare Weise frei. Es fällt mir schwer, sie aus meiner Erzählung zu verlieren." (S.321) 

"An einem der letzten Abende dürfen sie [Sebastian und Walter die Söhne von Fanny und Rebecca] dabei sein, an den sprunghaften, erinnerungssüchtigen Gesprächen der Erwachsenen teilnehmen. Über Rom wird geredet und unter Gelächter der hochwässerige Po apostrophiert: Wie wir da ankamen, pudelnass schmutzig, frierend, oder wie das Pferd mit samt der Kutsche in die Tiefe wollte, ein Flusspferd, ein Poross! Sie lachen und die Jungen haben ihren Spaß. Von Festen und Familienfeiern ist die Rede, übermütig fragt Paul, ob Felix tatsächlich zu Weihnachten bei der Familie in Leipzig sein werde oder in Paris oder in Mailand. Und Felix verzieht in gespielter oder tatsächliche Entrüstung das Gesicht: Was denkt ihr von mir?

Dass du gefragt bist.

Es kommt eben darauf an, wer nach mir fragt.
Und ich, fragt Fanny.
Wieso du? Du verbringst doch die Weihnachtstage mit deinem Wilhelm und Sebastian.
Sie überrascht ihn mit einer Feststellung, die mit Weihnachten nichts zu tun hat.: In den letzten Jahren warst du nie an meinem Geburtstag da.
Er sieht sie an. Sie macht sich unter seinem Blick klein.
Ja, sagt er und beugt sich nach vorne. Es stimmt. Dann richtet er sich auf seinem Stuhl auf, drückt den Rücken gegen die Lehne, sieht sie von neuem an: Bei deinem Geburtstag im November bin ich ganz gewiss dabei. Er macht eine Pause und fügt leise und liebevoll hinzu: Fenchel. 
Sie lacht: Darauf freue ich mich.
Er nimmt Abschied, in Eile, er hat ihn redend, mit den Kinder spielend, hinausgezogen, möchte nicht zur Bahnstation begleitet werden. Fanny winkt ihm nach." (S.358/359)

04 Oktober 2011

Peter Härtling: Schumanns Schatten 2

Nach dem Besuch von Johannes Brahms 1856 in der Nervenklinik verbrennt Schumann Claras Briefe. Kurz darauf besuchen ihn Brahms und Clara. Es gelingt Clara, ihm, der das Essen verweigert hatte, etwas einzuflößen. Bei ihrer Verabschiedung tritt ein Lächeln auf sein Gesicht.
Kurz darauf stirbt er.

Rezensionen:
Buch bei Berliner Lesezeichen

Doppel CD

03 Oktober 2011

Peter Härtling: Schumanns Schatten

Peter Härtling versteht es, einen in den Jugendjahren so merkwürdigen Schumann vorzustellen, dass man sich wundert, dass es bis zum Zusammenbruch so lange dauert.
Doch kann man ihm nicht verdenken, dass er die Rolle des Prinzgemahls nicht so erfolgreich spielen kann wie Mr. Thatcher. (Schumanns Schatten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1996)

Wenn er sich solcher Verehrung für das Mädchen Clara Wieck gegenüber sieht, wie sie in Grillparzers Gedicht zum Ausdruck kommt, wie soll er sich dann noch einreden, dies Mädchen habe erst durch die Begegnung mit ihm zu sich selbst gefunden.

Ein Wundermann, der Welt, des Lebens satt,
Schloß seine Zauber grollend ein
In festverwahrten, demantharten Schrein,
Und warf den Schlüssel in das Meer und starb.
Die Menschlein mühen sich geschäftig ab,
Umsonst! kein Sperrzeug löst das harte Schloß,
Und seine Zauber schlafen wie ihr Meister.
Ein Schäferkind, am Rand des Meeres spielend,
Sieht zu der hastig unberufnen Jagd.
Sinnvoll gedankenlos, wie Mädchen sind,
Senkt sie die weißen Finger in die Flut,
Und faßt, und hebt, und hats. - Es ist der Schlüssel!
Auf springt sie, auf, mit höhern Herzensschlägen,
Der Schrein blickt wie aus Augen ihr entgegen.
Der Schlüssel paßt, der Deckel fliegt. Die Geister,
Sie steigen auf und senken dienend sich
Der anmutreichen, unschuldsvollen Herrin,
Die sie mit weißen Fingern, spielend, lenkt.

(Franz Grillparzer über Beethoven und Clara Wieck)

Und dann einen Freund wie Felix Mendelssohn Bartholdy zu gewinnen und dann schon so bald an den Tod zu verlieren.

Härtling werde ich mit diesen ersten Notizen während der Lektüre nicht gerecht. Dazu hoffentlich später.
Kurz schon jetzt: Interessant das Verhältnis zu Wagner. (Clara verlässt immer gleich den Raum.) Auch hätte ich Niels Gade, den ich besser aus dem Stechlin als aus der Musikgeschichte kenne, nicht unter Schumanns Freunden vermutet.
Und wieder die Verse Grillparzers zu Revolution (Grabschrift für Metternich):

Hier liegt, für seinen Ruhm zu spät,
Der Don Quixotte der Legitimität,
Der Falsch und Wahr nach seinem Sinne bog,
Zuerst die andern, dann sich selbst belog,
Vom Schelm zum Toren ward bei grauem Haupte,
Weil er zuletzt die eignen Lügen glaubte.
Grillparzer bei zeno.org

Wenn man von einer Künstlerbiographie verlangt, dass sie das künstlerische Werk in den geistigen Horizont der Zeit stellt, so erhält man von Härtling nur Bruchstücke. Man gewinnt Verständnis für Florestan und Eusebius und die Davidsbündler, man ahnt ein wenig, welche Schwierigkeiten es für dieses vielseitige Genie machte, seine Fähigkeiten zu konzentrieren, man ist dankbar für seine Freundschaften und leidet mit mit den starken Persönlichkeiten, die aufeinander treffen.
Friedrich Wieck hatte vermutlich kein einfacheres Leben als seine Tochter Clara. Aber wie viel mehr hat er selbst verschuldet oder besser: Wie erstaunlich ist sie mit den Schwierigkeiten, die ihr in den Weg gelegt wurden, fertig geworden. Auch wenn ein Genie nicht oft genügend Entfaltungsraum für seine Kinder lässt.

Hätte sie eine Wahl treffen sollen zwischen ihrem Mann, die Propagierung seines Werks, Karriere und Kindern? Und wofür sich entscheiden? - Erscheint Clara bei Härtling zu perfekt? Nimmt sie Schumann den Platz, der ihm in seiner Geschichte zusteht?