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13 September 2010

Aeneas und Kreusa

Überall lauerte Schrecken, auch Stille jagte mir Furcht ein.
Dann begab ich nach Hause mich; hatte Krëusa viel leicht sich
dorthin gewandt? Erstürmt und besetzt von den Danaern alles!
Gierig schon fraß sich das Feuer zum oberen Teil des Gebäudes,
über den Dachfirst züngelten Flammen, hoch stoben die Funken.
Weiter gelangte ich dann zum Priamosschloß und zur Stadtburg.
In den verödeten Hallen der Juno – einst heiliger Freistatt! –
walteten Phoinix bereits und der schlimme Odysseus als Wächter
sämtlicher Beutestücke. Man hatte die troischen Schätze
Tempeln entrafft und hierher zusammengetragen, geweihte
Tische der Götter, vergoldete Mischkrüge, schöne Gewebe.
Kinder und schreckenverstörte Mütter standen, zu langen
Zügen gereiht, ringsumher.
Schließlich wagte sogar ich laut durch das Dunkel zu rufen,
ließ durch die Straßen tieftraurig den Namen Krëusas erschallen
und wiederholte ihn immer aufs neue, doch ohne Ergebnis.

Während ich zwischen den Häusern umsonst, wie von Sinnen, sie suchte,
trat mir Krëusa als Bildnis des Unglücks, als Schatten, ganz plötzlich
klar vor die Augen, größer, als ich sie im Leben einst kannte.
Starr vor Entsetzen stand ich, mir sträubte das Haar sich, die Stimme
stockte. Da sprach sie mich an und benahm mir Schrecken und Sorge:
›Warum, mein teurer Gefährte, ergibst du dich derart verzweifelt
grundlosem Schmerze? Nicht ohne das Wirken der Götter vollzog sich
alles Geschehene. Weder das Schicksal noch Jupiter, Herrscher
hoch im Olympus, gestatten, daß dich Krëusa begleitet.
Lange Zeit heimatlos, wirst du weithin die Meere durchfurchen.
Auch nach Hesperien wirst du gelangen. Der lydische Tiber
windet sich dort gemächlich voran durch fruchtbare Fluren.
Dort erringst du dir Glück, ein Königreich, eine Gemahlin
fürstlichen Stammes. Beweine nicht deine geliebte Krëusa!
Keinen stolzen Palast bei den Dolopern und Myrmidonen
werde ich sehen, nicht griechische Mütter als Sklavin bedienen,
ich, als Dardanerin, Schwiegertochter der göttlichen Venus.
Nein, hierzulande behält mich die mächtige Mutter der Götter.
Lebe jetzt wohl, bewahr dir die Liebe zu unserem Jungen!‹

Vieles noch wollte ich, unter Tränen, zur Antwort ihr sagen,
doch sie verließ mich, entwich und löste sich auf in die Lüfte.
Dreimal versuchte ich ihr noch den Arm um den Nacken zu schlingen,
dreimal indessen griffen die Hände ins Leere; der Schatten
war wie der Windhauch so leicht, er glich dem geflügelten Traumbild.

Als die Gefährten ich wiedersah, war die Nacht schon vorüber.
Staunend erblickte ich jetzt den gewaltig geschwollenen Zustrom
neuer Begleiter, Mütter und Männer, Menschen im Elend*,
eine zum Auswandern willige Schar. Sie waren von allen
Seiten zusammengeströmt, voll Mut, mit den Resten der Habe,
wünschten in See zu stechen, wohin ich auch immer sie führte.

Lucifer** stieg vom Rücken des Ida bereits in die Höhe,
Bote der Ankunft des Tages. Fest hielten die Danaer Trojas
Tore besetzt, uns winkte keinerlei Hilfe. Zum Aufbruch
mahnte ich, zog dann, den Greis auf den Schultern, voran ins Gebirge.«

*Joseph Spitzenberger übersetzt: "ein kläglicher Haufe". Das passt freilich nicht zu der Kriegsmacht, die Aeneas auch nach Jahren der Irrfahrt noch mit sich führt.
**der Morgenstern

Vergil: Werke in einem Band. Berlin 21987; Zweiter Gesang S. 189-191.

Wofür Thomas Mann den Geist der Erzählung bemüht hätte, das übernehmen bei Homer und Vergil dankenswerterweise die Götter: Wofür ein realistischer Erzähler umfangreiche Motivierungsarbeit geleistet hätte, wo eine Fernsehserie von heute auf die verschiedensten Todesarten zurückgreift, um eine Person aus der Erzählung zu entfernen, die den geplanten Gang der Handlung stören könnte, da ist bei ihnen stets ein Gott zur Stelle. In diesem Fall ist es laut Vergil Juno, laut Wikipedia Aphrodite, die Kreusa aus dem Verkehr zieht, ohne dass diese sich darüber beklagt. Pausanias freilich weiß zu berichten, dass sie in der Lesche der Knidier unter den troischen Gefangenen der Griechen ist. Aeneas hört davon freilich nichts und kann von seiner Frau informiert, dass ein göttlicher Plan hinter ihrem Verschwinden steht, unbesorgt in Karthago (Dido) und Italien (Lavinia) seine Frauengeschichten erleben.
Das klingt für manchen vielleicht frivol. Es ist aber anzunehmen, dass auch die antiken Autoren die Götter, die einen Teil ihrer Handlungsstränge bevölkern, durchaus funktional sahen.

sieh auch:
Irene VallejoElyssa. Königin von Karthago, 2024 - Eine Aeneis aus weiblicher Sicht (Dido), Perlentaucher

01 September 2010

Juno und Venus

Juno bemerkt, dass Dido der Liebe zu Aeneas nicht widerstehen kann.

Als von solchem Verderb sie bewältiget sahe die Gattin
Juppiters
, und daß sogar nicht Leumund störe den Wahnsinn;
Naht mit solcherlei Rede Saturnia jetzo der Venus:

Traun, ein herrliches Lob und herrliche Beute gewannt ihr,
Du und dein Junge mit dir! O groß und erhaben die Obmacht,
Wenn ein Weib durch den Trug zwei himmlischer Götter besiegt wird!
Auch nicht blieb mir verhehlt, daß, scheu vor unseren Mauern,
Du in Verdacht die Häuser gehabt der hohen Karthago.
Doch wo endlich das Ziel? und wozu noch solche Beeifrung?
Mög' uns ewiger Friede vielmehr und ehliches Bündnis
Einigen. Was du gesucht mit ganzer Seele, das hast du.
Dido flammet in Lieb', und im Innersten tobt ihr der Wahnsinn.
Drum mit gleicher Gewalt laß uns und gemeinsamer Obhut
Lenken das Volk. Gern mag sie dem Phrygiergatten sich fesseln,
Gern die tyrischen Männer zum Brautschatz bringen dir selber!

Wiederum (denn sie merkte, wie heuchlerisch jene geredet,
Daß sie der Italer Reich ablenkt' auf libysche Küsten)
Redete Venus darauf: O sinnlos wäre, wer solches
Weigerte, oder sich wählte, mit dir im Kampfe zu eifern.
Wenn nur, so wie du sagst, das Geschehene Segen begleitet.
Aber mich halt das Geschick unstät, ob Juppiter eine
Stadt für die Tyrier will und die Ausgewanderten Trojas,
Ob er der Völker Verein und geschlossenes Bündnis genehmigt.
Dir, der Gattin, gebührt, sein Herz durch Flehn zu versuchen.
Frisch nur; ich folg'. – Ihr drauf antwortet die Königin Juno:
Mein sei jenes Geschäft. Doch welcherlei Weg, was bevorsteht,
Auszuführen sich bahne, vernimm mit wenigem jetzo.
Morgen gedenkt mit Äneas die unglückselige Dido
Jagen zu gehn in den Forst, sobald aus tagender Dämmrung
Neu sich Titan erhebt und mit Glanz umstrahlet den Erdkreis.
Dann ein schwarzes Gewölk, mit Hagelschauer belastet,
Weil die geschäftigen Rotten die Thal' umstellen mit Fanggarn,
Schütt' ich hinab und errege mit hallendem Donner den Himmel.
Rings sich zu bergen entfliehn in den dunkelen Wald die Begleiter.
Dann zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter
Trojas ein. Selbst komm' ich, und ist dein Wille mir sicher,
Sei sie in Ehe gesellt, als eigene Ehegenossin.
Dies sei das Hochzeitsfest. – Nicht abgeneigt dem Gesuche
Nickt' und lächelte schlau der gefundenen List Cytherea.
(Vierter Gesang)

31 August 2010

Venus zu Amor

Neue List nun planet in sinnender Brust Cytherea,
Neuen Entwurf: daß Cupido, Gestalt umtauschend und Antlitz,
Statt des süßen Ascanius komm', und mit Gaben zu Wahnsinn

Zünde der Königin Herz und Glut ihrem Herzen entflamme.
Denn das schlüpfrige Haus, zweizüngige Tyrier scheut sie;
Qual ist die trotzige Juno; es kehrt mit den Nächten der Kummer.
Darum redet sie nun dies Wort zum geflügelten Amor:
Sohn, mir einzige Kraft, o allein du große Gewalt mir,

Sohn, der des oberen Zeus typhoische Blitze verachtet,
Dir nun nah' ich mit Flehn und bitt' um dein göttliches Wesen.
Wie dein Bruder Äneas im Meer um alle Gestade
Wogt und irrt, durch den Zorn der unbarmherzigen Juno,
Ist dir bekannt, nicht selten betrübte dich meine Betrübnis.

Den hält Dido nunmehr, die Phönicerin, fesselnd in holder
Schmeichelred', und mir graut, wohin sich wende der Juno
Gastfreundschaft; nicht säumt sie fürwahr in so großer Entscheidung.
Drum mit Listen zu fahn und rings zu umhegen mit Feuer
Denk' ich die Fürstin zuvor, daß keinerlei Macht sie verändre,

Sondern sie fest anhange mit mir dem geliebten Äneas.
Wie das schaffen du mögest, vernimm jetzt meine Gesinnung.
Zu der sidonischen Stadt, auf den Ruf des teueren Vaters,
Trachtet der fürstliche Knabe zu gehn, mein trautester Liebling,
Bringend Geschenk, das vom Meer und Trojas Flamme verschont ward.

Ihn, in betäubendem Schlaf zu Idalions oder Cytheras
Luftigen Höhen entführt, verberg' ich in heiliger Wohnung,
Daß nicht merken er könne die List, noch begegnen zur Unzeit.
Du, nur die einzige Nacht erkünstele seine Gestalt dir
Trüglich und schlüpfe vertraut als Knab' in des Knaben Geberde:

Daß, wenn dich auf dem Schoß sie empfängt, die fröhliche Dido,
Unter dem Königsmahl und dem feurigen Trank des Lyäus,
Wenn sie hold dich umarmt und zärtliche Küsse dir aufdrückt,
Du die verborgene Glut einhauchst, und dein Gift sie berücke.

Vergil: Aeneis, Göttergespräch

Nahte betrübt und genetzt die glänzenden Augen von Wehmut,
Venus und sprach: O der du, was Sterbliche schaffen und Götter,
Lenkst durch ewige Macht und mit donnerndem Strahle sie schreckest,
Was hat mein Äneas an dir so Großes zu freveln,
Was die Troer vermocht: daß, nach so viel Wehe den Duldern
Ganz noch der Erd' Umkreis Italias wegen gesperrt wird?
Dorther würden Romaner dereinst, mit den kreisenden Jahren,
Dorther Führer entstehn aus erneuetem Blute des Teucrus,
Welche mit Allherrschaft durch Meer und Länder geböten,
Sagtest du. Welch ein Entschluß hat dich, o Erzeuger, gewendet?
Hieraus, wann mich betrübte der Fall der gesunkenen Troja,
Schöpft' ich Trost, abwägend das Schicksal gegen das Schicksal.
Jetzo verfolgt die so lange mit Unglück ringenden Männer
Stets Unglück. Wann setzst du ein Ziel, Weltherrscher, dem Elend?
Konnte ja doch Antenor, dem Schwarm der Achiver entronnen,
Tief zur illyrischen Bucht und dem innersten Reich der Liburner
Eingehn ohne Gefahr und umlenken den Quell des Timavus:
Wo er, mit dumpfem Getöse des Bergs, neun Schlünden entrollend,
Geht zu brechen das Meer und den Schwall an die Felder emporbraust.
Dennoch gründete jener Pataviums Stadt und der Teucrer
Wohnungen dort, gab Namen dem Volk und weihete Trojas
Rüstungen; Friede nunmehr und behagliche Ruhe beglückt ihn.
Wir, dein eignes Geschlecht, die zur himmlischen Burg du erhöhn willst,
Werden der Schiff' (o entsetzlich!) beraubt und dem Zorne der Einen
Bloß gestellt und so weit von den Italerlanden entfernet.
Das ist der Frömmigkeit Lohn? so kehrt uns wieder die Herrschaft?
Ihr nun lächelte mild der Menschen und Ewigen Vater,

So wie sein Antlitz Himmel und Witterungen erheitert,
Und sanft naht' er der Tochter zum Kuß, dann redet er also:
Banne die Furcht, Cytherea; dir bleibt der Deinigen Schicksal
Stets unverrückt; schaun wirst du die Stadt und Laviniums Mauern,
Die ich verhieß, und erheben den großgesinnten Äneas
Hoch zu dem Äthergestirn; nicht hat mein Entschluß sich geändert.
Er (denn ich kündige dir's, weil noch die Sorge dich naget,
Und aus der Fern' aufroll' ich die dunkelen Gänge des Schicksals)
Führt einst schrecklichen Krieg in Italia, trotzige Völker
Bändigt er und ordnet Gesetz und Mauern den Männern:
Bis drei Sommer den König in Latium walten gesehen,
Und dreimaliger Frost dem bezwungenen Rutuler hinfloh.
Aber Ascanius drauf, der jetzt den Namen Iulus
Führet, Ilus vordem, als machtvoll Ilios herrschte,
Wird durch dreißig Kreise der monatrollenden Jahre
Weit das Gebiet ausdehnen und weg vom Sitze Lavinums
Heben das Reich zur langen mit Kraft befestigten Alba.
Drei Jahrhunderte nun wird dort verwaltet die Herrschaft
Vom hectorischen Stamm, bis die Priesterin, Tochter des Königs,
Ilia, schwanger von Mars, ein Zwillingspaar auf die Welt bringt.
Froh mit gelblicher Hülle der säugenden Wölfin sich deckend,
Wird nun Romulus erben das Volk und mavortische Mauern
Aufbaun und die Romaner nach eigenem Namen benennen.
Deren Gewalt soll weder ein Ziel mir engen noch Zeitraum;
Endlos daure das Reich, das ich gab. Ja die eifernde Juno,
Die nun Meer und Länder mit Furcht und den Himmel beängstigt,
Wird zum Besseren wenden das Herz und begünstigen gleich mir
Romas Volk, die Gebieter der Welt, die Togaumwallten.
Also gefällt's. Einst kommt mit den schlüpfenden Zeiten das Alter,
Wann des Assaracus Haus der berühmten Mycen' und der Phthia
285 Knechtisches Joch auflegt und siegreich schaltet in Argos.
Dann aus schönem Geschlecht wird blühn der trojanische Cäsar,
Der zu den Sternen den Ruhm, zum Oceanus dehnet die Herrschaft.
Julius, also benannt vom edelen Ahnen Iulus.
Diesen mit östlicher Beute Beladenen wirst du gesichert
290 Einst im Himmel empfahn; dann rufen auch ihm die Gelübde.
Jetzt wird, ruhend vom Streit, das rauhere Alter sich mildern.
Vesta, die grauende Treu, und Remus vereint mit Quirinus,
Geben Gesetz. Doch gesperrt mit Eisen und zwängenden Klammern
Stehn die gräßlichen Pforten des Kriegs; wild drinnen auf Waffen
Sitzet die frevelnde Wut, wo in hundert ehernen Fesseln
Jen' auf den Rücken geschnürt, graunvoll knirscht blutigen Mundes.
Juppiter sprach's, und er sendet den Sohn der Maja vom Himmel,
Daß sich öffnen die Land' und die Burg der neuen Carthago
Gastlich dem teucrischen Volk, und nicht, unkundig des Schicksals,Dido die Grenze verwehr'. Er entfleugt durch die luftigen Räume
Mit hinrudernder Schwing' und betritt schnell Libyas Ufer.