Posts mit dem Label Fanny Lewald werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Fanny Lewald werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

13 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 3. Band Kapitel 4 und 5: Sidonies Tugendherrschaft Kapitel 6: Das Gespräch der Freunde

4. Kapitel 

Als Sidonie sich mit Erich verlobt hatte und dem alten Baron zum ersten Male als Braut seines Sohnes begegnet war, hatte seine Erschütterung ihn fortgerissen, und sie segnend hatte er die Worte ausgesprochen: »Möchtest Du berufen sein, der Mutter Deines Erich's ähnlicher zu werden, als ihre Töchter, und Zucht und Sitte wiederzubringen in unser Haus, das sie zum ersten Male entbehrt!« – Dabei hatte er sie zärtlich umarmt, und Sidonie, welche ihren Vater kaum gekannt, hatte sich mit aufwallender Liebe dem Greise zur Tochter und zur festen Stütze gelobt, der ihr von Erich und von ihrer Mutter stets als der Inbegriff höchster Würdigkeit dargestellt worden war. Ihre Erziehung hatte ihr die strengsten Begriffe von Sittlichkeit und Pflichterfüllung eingeimpft, und nie war eine junge Frau mit besseren Vorsätzen in das Haus ihres Gatten eingetreten als Sidonie. Aber von ihrer Mutter grundsätzlich in vollkommener Abhängigkeit erhalten, mußte die Selbständigkeit ihr gefährlich werden, in die sie sich durch ihre Heirath wie mit einem Zauberschlage versetzt gesehen hatte. In der wohlmeinenden Absicht, das Glück der jungen Gatten durch ihr Dazwischentreten nicht zu hindern, hatte Frau von Verdeck nach Sidoniens Vermählung eine Reise nach Italien angetreten. Die junge Frau sah sich also plötzlich aus einem Zustande, in dem Alles für sie vorbereitet und jede praktische, mit der Außenwelt zusammenhängende Frage von der Mutter entschieden worden war, in einen Wirkungskreis versetzt, der Anforderungen an ihre Einsicht machte; und gleichzeitig ward sie aus dem geselligen Leben der Residenz in ländliche Einsamkeit verpflanzt. Sie hatte Erich bisher nur in den Stunden seiner Muße gekannt, in denen er, der angenehmste Gesellschafter ihres Kreises, für sie allein gelebt. Jetzt, da er am Tage viel beschäftigt und Abends dann bisweilen müde, oder mehr zur ruhigen Lectüre, als zur Unterhaltung geneigt war, erschien er ihr verändert. Sie fand ihn kalt geworden. Der Gedanke, daß seine frühere Verbindung mit Regine ihn gleichgültig gegen sie mache, ließ ihr keine Ruhe. Sie hätte wissen mögen, worin der Reiz jenes Verhältnisses bestanden habe? Sie hatte so oft in verhüllter Rede davon sprechen hören, daß die Ehe die Männer abstumpfe gegen die Liebe ihrer Frauen, daß nur das Verbotene, das Unerlaubte sie fessele. Ohne sich zu fragen, worin der Grund dieser sich oft wiederholenden Erfahrung liege, hatte sie Erich der Wandelbarkeit und Oberflächigkeit angeklagt, und einen noch tiefem Abscheu vor jenen Frauen und Verbindungen gefaßt, welche die Männer unempfindlich machen sollten gegen die heilige dauernde Ruhe des ehelichen Beisammenseins. Das Bild einer nie endenden, gleichmäßigen und ausfüllenden Befriedigung hatte ihr vorgeschwebt, so oft sie als Mädchen der Ehe gedachte. Dies Glück hatte sie in ihrem Hause nicht gefunden, und zu stolz und auch zu scheu, sich über dasjenige zu beklagen, was sie in traurigem Irrthum für eine Vernachlässigung, für eine Schuld ihres ihres Mannes hielt, hatte sie beschlossen, wenigstens von ihrer Seite niemals einen Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Sie wollte Erich und dem Baron in jeder Weise genügen, um der Erziehung ihrer Mutter Ehre zu machen, um dem Baron und ihrem Manne zu halten, was sie ihnen zu sein gelobt hatte.

Bald hatte sie von Augusten die Art der häuslichen Verwaltung erlernt, die auf dem Schlosse üblich war, und mit einer nie wankenden Pünktlichkeit lag sie ihrem Amte als Hausfrau ob. Aber grade diese starre, unwandelbare Regelmäßigkeit, so hoch er sie anschlug und so sehr er Sidonie dafür rühmte, mußte etwas Beängstigendes und Unerfrischendes haben für Erich's bewegliche Natur. Wird der Mensch doch selbst des blauen Aethers und der strahlenden Sonne überdrüssig, wenn sie in immer unveränderter Klarheit auf ihn hernieder scheinen.

Hätte Sidonie Schwächen, kleine Launen, üble Angewohnheit besessen, hätte Erich ihr Etwas nachzusehen, ihr Etwas zu verzeihen, vorkommende Streitigkeiten durch freundliche Versöhnungen auszugleichen gehabt, er würde glücklicher gewesen sein. Männer wie Erich hängen sich am festesten an solche Wesen, welche ihre Nachsicht und ihre Hülfe am meisten nöthig haben. Er würde ihr dadurch wieder in der liebenswürdigen Seite seines Wesens, in seiner Güte erschienen und ihr Verhältniß ein innigeres geworden sein. Ihre Tadellosigkeit ward ihr Unglück. Erich wußte seine Frau zu schätzen, er achtete, er ehrte sie, aber was haben solche, der tarnenden Gerechtigkeit entsprossenen Empfindungen mit der Liebe gemein? Er sah den Werth seiner Gattin von allen Leuten gepriesen, er war stolz auf sie, glücklich war er nicht mit ihr. Unfähig jedoch, sie deshalb anzuklagen, kam er dahin, wie Sidonie es gethan, die Schuld in seinem früheren Verhältnisse zu Regine zu suchen und sich allein die Unbefriedigung zuzuschreiben, die er innerlich empfand.

Er bedauerte Sidonie, daß alle ihre Vorzüge, alle ihre Tugenden ihn nicht zufrieden stellten. Er fühlte sich im Unrecht gegen sie, er glaubte sich ihrer Verzeihung bedürftig, und Sidonie bestärkte sich sehr bald durch diese seine Ansicht in ihrer Auffassung der Verhältnisse, denn wir impfen unserer Umgebung nur zu leicht die Meinung über uns ein, welche wir selbst von uns hegen. Es war kein Jahr seit ihrer Hochzeit vergangen, als die Baronin schon eine unumschränkte Herrschaft über ihren Mann gewonnen hatte, weil er die Schwäche besessen hatte sie über sich zu stellen.

In einer Stunde zärtlicher Hingebung hatte sie Erich alle näheren Umstände seines Verhältnisses zu Regine abzulocken gewußt. Es war dies von ihrer Seite nicht leere Neugier gewesen. Der Wunsch, das Uebel zu kennen, dem zu begegnen ihre Pflicht war, hatte sie dazu vermocht, aber die unwillkürliche Wärme, mit welcher Erich von der Verlassenen gesprochen, war ein Gift gewesen für sein Weib, und bald mußte Erich das Vertrauen bereuen, zu dem sich seine Hingebung verleiten lassen.

Sidonie, auferzogen in dem Gedanken an die Ausschließlichkeit der Liebe, hatte, als sie Erich heirathete, sich mit der Ueberzeugung getröstet, jenes Verhältnis ihres Verlobten habe in einer Aufwallung der Sinnlichkeit seine Quelle gehabt, und Liebe habe er nie gefühlt, als nur für sie allein. Jetzt hatte sie in Regina eine Nebenbuhlerin entdeckt, deren Erinnerung auszulöschen sie mit dem Instincte weiblichen Scharfgefühls als eine Unmöglichkeit erkannte. Sie vermochte es sich nicht wegzuleugnen, daß die Verhaßte in gewissem Sinne noch in Erich's Herzen lebe. Das aber war, nach ihrer Ansicht, ein Treubruch von Seiten ihres Mannes, ein Verkennen seiner Pflichten, ein Verkennen der Heiligkeit der Ehe und dessen, was sie selber werth war. Sie durfte, sie wollte das nicht dulden. All ihr Sinnen und Streben war darauf gerichtet, Erich zu überzeugen, auf welch gefährlichem Wege er wandle. Sie verdammte ihn nicht, aber sie beklagte ihn und seine Schwäche, sie bedauerte die irreligiöse Richtung seines Vaterhauses, der sie auch Helenens und Corneliens Verirrungen zur Last legte. Sie wollte durch ihre makellose Reinheit, durch unerbittliche Strenge gegen sich und gegen jede Uebertretung der Sitten, die in ihrer Nähe sich bemerklich machte, Erich auf indirectem Wege der gleichen Anschauung zurückgewinnen. Solche innere Vorgänge und Erlebnisse konnten dem Auge ihres Schwiegervaters nicht wohl verborgen bleiben. Je mehr Sidonie ihm sympathisch war, je mehr er in ihr die würdige Vertreterin seines Hauses anerkannte, um so geneigter hatte er sich finden lassen, ihren Einwendungen gegen seine Freisinnigkeit, gegen seinen Voltaire'schen Atheismus Gehör zu schenken, als nach der Geburt ihres Sohnes die Unterredung sich häufig auf die Grundsätze der Erziehung richtete. Mit jener Dialektik, welche den Frauen niemals fehlt, wenn sie für ihre eigne Sache kämpfen, hatte sie dem Baron zu beweisen gewußt, daß die ihm schmerzliche Lebensrichtung seiner Töchter und seines jüngern Sohnes nur darum möglich geworden sei, weil die Ehr- und Sittenbegriffe, welche er ihnen eingeflößt, nur in weltlichen Rücksichten, nicht in der Religion ihre Wurzel gehabt hätten, weil er sie nur im Hinblick auf ihren leiblichen Vater, nicht im Hinblick auf Gott erzogen habe. Während sie ihn beschwor, ihr bei der Leitung ihres Sohnes freie Hand zu lassen, wagte sie es, den Baron anzuklagen, daß er einst einen Mann, wie Larssen, zum Hauslehrer seiner Kinder, einen Atheisten, wie den Doctor, zu seinem Umgange gemacht, und Helene mit einem Franzosen verheirathet habe, dessen Charakter ihm doch durch seinen Abfall von dem angestammten Herrscherhause selbst verdächtig gewesen sei. Niemals gewohnt sich im Unrecht zu glauben, hatten die Vorwürfe seiner Schwiegertochter den Baron sehr tief getroffen. Wie ein Kämpfer, der sich überlistet und auf dem eigenen Felde mit seinen eignen Waffen angegriffen sieht, hatte er vor dem schwächern aber dreisten Gegner, der sich in seinem vollen Rechte fühlte, die langbewahrte Überlegenheit nicht festzuhalten gewußt, bis unter dem Bestreben, ihren Sohn zu erziehen, Sidonie zur Herrschaft über seinen Vater und seinen Großvater gelangt war. Und wie Erich und der Baron sich den kirchlichen Formen des Christenthumes fügten, weil Sidonie dies als ein nothwendiges Beispiel für den Knaben ansah, so wurden Beide mehr und mehr in Sidoniens ganze Anschauungsweise hineingezogen, während der Adelstolz und die Starrheit des Barons die junge Frau nachtheilig beeinflußten.

Bald geschah auf dem Gute nicht die geringste Veränderung, ohne daß man Sidoniens Meinung dabei zu Rathe zog. Sie gewann die Thätigkeit lieb. Sie wußte zuweilen mit schnellem Blicke eine glückliche Entscheidung zu treffen, einen Ausweg zu finden, wo irgend ein Streit zwischen dem Baron und Erich sich aufgethan hatte. Dadurch ermuthigt, hatte sie angefangen, sich auch in die Angelegenheiten der Landleute und Gutsangehörigen nicht nur in berathender, sondern auch in erziehender Weise einzumischen.

Eine Weile war das ohne Anstoß fortgegangen. Man hatte sich ihrem Urtheile gefügt, man hatte es gern gesehen, wenn die stattliche Herrin bald in diesem, bald in jenem Hause vorgesprochen, wenn die Bauerfrauen in das Schloß gerufen und mit guten Lehren oder noch besseren Geschenken entlassen worden waren. Was ihm bequem ist, das nimmt Jeder an. Indeß Niemand hält eifersüchtiger auf sein gutes Recht und seine Willkür als der Bauer, und schon nach kurzer Zeit war es den Alten im Dorfe zu viel geworden, wenn die Frau Baronin ihnen mit Vorschlägen und mit Ermahnungen zu strengerer Zucht der Kinder und des Gesindes in den Weg gekommen war. Dennoch hatten sie geschwiegen, bis nach Friedrich's Verheirathung auch Auguste, von der Baronin angeregt, ihren Einfluß als Frau des Seelsorgers geltend zu machen und in gleicher Weise wie Sidonie zu verfahren begonnen hatte.

Vor Allem war es die Nachsichtslosigkeit der beiden Frauen, welche Anstoß und Widerwillen gegen sie erregte, und trotz Friedrich's und Erich's Vorstellungen war es grade in dieser Zeit zu einem beklagenswerthen Vorfalle gekommen, der eine gerechte Erbitterung im Dorfe hervorgerufen hatte.

Erich's Inspector, ein noch junger unverheiratheter Mann, hatte durch lange Zeit einen Liebeshandel mit der einzigen, ebenfalls unverheiratheten Tochter des Hofmanns unterhalten. Niemand hatte sonderlich Arg daran gehabt, bis das Mädchen Mutter geworden war. Das hatte Anfangs harte Vorwürfe, böse Stunden und Thränen gegeben, denn das Mädchen war der Liebling der alten Eltern. Da der Inspector sich aber erboten, für sein Kind zu sorgen, so hatten die Eltern, eben weil sie die Tochter liebten, sich beruhigt, und als er vollends zugesagt, ihr, wenn sich ein Mann für sie fände, etwas zur Einrichtung zu geben, waren Eltern und Tochter beruhigt gewesen. Die schöne Katharine hatte nach wie vor unter den Mädchen des Dorfes gearbeitet, die Burschen hatten sich nicht von ihr abgewendet. Es hatte vielmehr zu erwarten gestanden, daß sich ein Ehemann für sie finden und Alles in's Gleiche kommen werde, sobald sie ihres Kindes genesen war; denn die Landleute betrachten im Grunde diese sich immer wiederholenden Vorfälle meist ohne jene tiefe Entrüstung, mit denen die größere Civilisation und die höhere Bildung sie in ihrem Kreisen aufzunehmen gewohnt sind.

Kaum aber hatten Sidonie und Auguste von dem Ereignisse gehört, als sie die junge Person zu sich kommen ließen, die im Schlosse und in der Pfarre wohl gelitten, und zu manchen Hülfsleistungen benutzt worden war, und sie so lange mit Vorstellungen ihrer Schande, mit Hinweisung auf ihre zeitliche und himmlische Verlorenheit bestürmten, bis sie in eine Art von Tiefsinn versunken, den Versuch des Selbstmordes gemacht hatte. Entsetzt über die Verblendung der Armen, war Friedrich zu ihr geeilt, ihr klar zu machen, wie es grade in dem Zustande, in dem sie sich befinde, ihre Pflicht sei, ihr Leben und damit das Leben ihres Kindes zu erhalten, indeß seine Ermahnungen hatten Nichts bewirkt, als einen Aufschub ihrer That. Von Jugend auf an das Schloß gewöhnt, konnte sie es nicht ertragen, von Sidonie und Auguste verstoßen, und nach dem Beispiel der Herrinnen von der weiblichen Dienerschaft des Schlosses und der Pfarre mit abweisender Geringschätzung behandelt zu werden. Die Schwermuth hatte tiefe Wurzel in ihr geschlagen, und kaum war die junge Mutter so weit genesen, daß sie das Haus verlassen konnte, als sie ihrem Leben im Mühlenteich ein Ende gemacht hatte.

Je seltener und unerwarteter ein solcher Vorfall auf dem Lande war, um so heftiger zeigte sich der Schmerz der Eltern, um so größer die Entrüstung und das Mitleid im Dorfe, um so lauter war die Empörung gegen die Baronin und die Pfarrerin gewesen. Wohin man kam, konnte man es hören, daß es den Reichen und Vornehmen schlecht anstände, an dem Armen zu verdammen, was sie selbst noch schlimmer machten. Der junge Herr Baron, das wisse man von Alters her durch den Unteroffizier, den Sohn der alten Anna, der junge Herr Baron sei seiner Zeit in der Residenz auch kein Tugendspiegel gewesen. Er habe es mit allerlei Frauenzimmern gehalten, und die Fräuleins wären erst recht ihre absonderlichen Wege gegangen. Es hätte ja Niemand daraus klug werden können, warum das jüngste Fräulein mit einem Male ganz allein vom Schlosse fortgefahren, und nie mehr wiedergekommen sei, und was dergleichen üble Bemerkungen mehr waren.

Nichts aber wächst dem Menschen schneller über den Kopf, als ein Uebelwollen gegen seine Nebenmenschen, in dem er sich gehen läßt. Und da die Abneigung einen bestimmten Gegenstand haben will, gegen den sie sich wendet, vor Allem aber einen Gegenstand, den sie mit ihren Waffen treffen kann, so richtete der Haß der Leute sich plötzlich gegen den Inspector, den man als die Quelle alles Uebels auch für dasselbe entgelten lassen wollte.

Wohin er sich wendete, überall stieß er mit seinen Anordnungen und Befehlen auf Hindernisse und auf Ungehorsam. Die Arbeit litt darunter. Er mußte Erich's Beistand fordern, und die Frauen nahmen daraus Veranlassung, über die Widerspenstigkeit und Sittenlosigkeit der Dorfbewohner zu klagen, welche so weit gingen, daß sie eine Ermahnung zur Zucht als einen Eingriff in ihre Rechte betrachteten. Auf solche Weise ermuthigt, wagte der Inspector gegen Auguste die Bemerkung, daß die Frechheit der Bauern sich selbst unsaubern Tadel gegen die Herrschaft zu Schulden kommen lasse, und durch Auguste schnell davon benachrichtigt, hatte Sidoniens sittliche Empörung keine Grenzen mehr gekannt. Sie hatte von Erich gefordert, daß er selbst mit Friedrich sprechen, daß er ihn zur Strenge in seinem Amte, zu einer Strenge anhalten solle, welche allein auf einem so demoralisirten Boden Rettung bringen könne. Vor Allem jedoch hatte sie die Entfernung des Hofmanns sowohl als des Inspectors begehrt. [...]

5. Kapitel

Noch an demselben Nachmittage ging Friedrich auf das Schloß. Er hatte Auguste gebeten, ihn zu begleiten, weil er wünschte, daß sie bei der Auseinandersetzung, die er seinem Freunde zu machen vorhatte, gegenwärtig sein möchte. [...]

Die sonntägliche Stille, die Frische des Saales, in dem man das leise Summen einzelner Insecten hörte, welche sich aus dem sonnigen Garten in das schattige Zimmer verirrt hatten, der Duft der Blumen, die in großen chinesischen Vasen auf den Tischen standen, und vor Allem die Stattlichkeit der drei Schloßbewohner machten einen Eindruck des Friedens und der Schönheit. Auch schienen der alte Baron und seine Schwiegertochter heiter und wohl zufrieden zu sein. Nur auf Erich's Stirn lagerte unverkennbar ein Zug von Mißmuth, als er dem Freunde mit den Worten entgegentrat: »Du kommst grade recht, mir in einem Streite beizustehen, der sich über Weidewut's, über meines Sohnes Erziehung zwischen uns erhoben hat!«

»Einen Streit?« wiederholte Sidonie ablehnend, »wie magst Du eine Unterredung, in der es sich für's Erste einzig um eine theoretische Meinungsverschiedenheit handelt, nur als einen Streit bezeichnen?«

»Theoretische Auseinandersetzungen, beste Sidonie! sind bei vernünftigen Menschen die Vorläufer der praktischen Konsequenzen, und gegen diese wünsche ich bei Zeiten zu protestiren!«

Er sagte das lächelnd. Die Baronin lächelte auch, aber der oberflächlichste Beobachter konnte bemerken, daß hinter dieser lächelnden Außenseite sich ein tiefer Ernst verbarg.

»Ihr müsset dem Herrn Pfarrer wohl vor allen Dingen sagen, um was es sich hier handelt!« meinte der alte Baron, ein strenger Beobachter der Form.

»Es handelt sich einfach darum,« erklärte Erich, »daß mein Junge systematisch zum Egoisten, zu einem Sonderwesen erzogen wird, was sein Unglück machen muß in Zeiten wie die unseren. Das hat angefangen schon mit dem Tage seiner Geburt, schon mit dem Namen Weidewut, den jetzt kein Mensch mehr führt als er, und mit dem ihn zu nennen, die Bitten meiner Frau mich leider damals bestimmten.«

»Weidewut ist der schöne altpreußische Name Eures Ahnherren,« wendete die Baronin ein, »und ich fand es so erhebend, unsern Sohn sein Leben lang daran zu erinnern, in wie ferne Vorzeit sein Ursprung zurückreicht!«

»Es haben ihn auch alle Heidenbrucks geführt. Du selbst heißest Weidewut!« bekräftigte der Baron.

»Aber ich bin nicht so genannt worden, und je älter der Junge wird, je lästiger wird es ihm fallen, sich mit einem Namen rufen zu hören und zu unterzeichnen, der in unserer Welt so fremd und so auffallend ist, wie die Auerochsen, aus deren Hörnern dieser unser Ahnherr seinen Meth getrunken hat.«

Erich hielt inne, während Sidonie lächelte, und fuhr dann fort: »Das ist indeß eine Nebensache. Mag der Junge sich umtaufen, wenn es ihm einst nöthig scheint. Wogegen ich aber protestire, das ist gegen seine fortdauernde Einsamkeit. Wir Alle haben mit den Kindern im Dorfe gespielt, ich habe meine besten Stunden mit ihnen verlebt, und –«

»Mein Sohn!« unterbrach ihn der Baron, »es ist nicht nöthig, daß die Kinder alle Irrthümer der Eltern wiederholen! Du brauchst bei der Erziehung unseres Knaben die Fehler nicht nachzumachen, zu denen meine, von mir selbst jetzt sehr beklagte Vorliebe für die französischen Encyklopädisten mich verleitete.«

»Klagen Sie sich nicht an, theurer Vater!« meinte Sidonie. »Sie theilten die Irrthümer Ihrer Zeit. Diese Art von Erziehung à la Jean Jacques Rousseau, die Erziehung zur bürgerlichen Gleichheit, galt ja damals für ein Meisterstück, als eine Wohlthat für die Menschheit!«

»Ja! sie galt dafür,« sagte der Baron, »aber sie kann nicht länger dafür gelten, seit wir die Früchte sehen, welche die Freiheit, die sie lehrte, sowohl für die Staaten, als für die Familien getragen hat. Sie ist mir auch neu und befremdlich Deine Liebe für diese Freiheit der Erziehung, Erich! Deine Liebe für die Freiheit überhaupt!«

»Meine Liebe? Ich liebe eine Feuersbrunst nicht, und doch werde ich Weidewut turnen lernen lassen, damit er sich erretten kann aus Feuersnoth!«

»Aus dem Contacte mit der sogenannten Freiheit kann man nicht unversehrt hervorgehen, wie aus einem Feuer!« meinte der Baron. »Sieh Dich in unserm eigenen Hause um, und frage Dich dann, ob Du eine sogenannte freisinnige Erziehung vor Dir und Deinen Kindern zu vertreten wagst.«

»So unbedenklich,« rief Erich, »daß, falls ich nicht eine vollständige Aenderung aller Erziehungsgrundsätze für ihn erlangen kann, ich ihn schon von seinem nächsten Geburtstage ab einem öffentlichen Institute übergebe, obschon ich ihn sehr schwer vermissen werde!«

»Du bist Herr über Dein Kind!« sagte Sidonie mit einer Ruhe, welche neben ihres Mannes Ungeduld etwas sehr Edles hatte, »aber Du wirst mich nicht hindern, es als ein Unglück zu betrachten, wenn ein Knabe mit seinem siebenten Jahre den Segen der Mutterliebe und des Vaterhauses entbehren soll!«

Der Baron schüttelte beruhigend das Haupt. »Unbesorgt, Sidonie! Erich thut das nicht!« tröstete er.

Aber gerade die Zuversichtlichkeit seines Vaters, die fast einem Verbote gleich zu kommen schien, reizte Erich. »Ich müßte nicht von Dir erzogen sein, bester Vater!« rief er, »wenn ich nicht empfände, daß jeder Mann allein verantwortlich für seine Kinder ist, daß jeder Vater Herr über sie sein und nach seiner Einsicht für sie sorgen muß!«

»Unbedenklich!« meinte der Baron, »es dünkt mich jedoch, daß der Rath und die Erfahrung des Mannes nicht unbenutzt zu bleiben brauchen, der ihren Vater zu seiner eignen Selbstherrlichkeit erzogen hat.«

»Lieber Vater!« sagte Erich mit mühsam unterdrückter Ungeduld, »Deine Erfahrungen, Sidonien's Wünsche in allen Ehren, aber sie helfen uns nicht. Schlösset Ihr Euch nicht so absichtlich, so vollständig ab gegen Alles, was unsere Tage, was die neuere Literatur von Zeichen der Zukunft in sich tragen –« [...]

Diese Annäherung war mit der Herrschaft gewachsen, welche die Baronin über die Cousine ihres Mannes gewonnen. Ihr Einfluß auf Auguste war unverkennbar. Während sie das Selbstgefühl derselben untergrub und sie vollständig unterjochte, rühmte sie sich in ruhiger Ueberzeugung, daß sie Auguste für eine höhere Lebensauffassung erziehe. Sie behauptete, die Pfarrerin zu jener demüthigen Resignation angeleitet zu haben, ohne die kein Mensch sich glücklich fühlen, Niemand zur Zufriedenheit mit seinem Schicksale gelangen, Niemand sich neidlos denjenigen unterordnen könne, welchen der Wille Gottes bevorzugtere Verhältnisse angewiesen habe. Erich's Vorwurf, daß sie Auguste durch Demüthigungen erniedrige, lehnte Sidonie eben so bestimmt ab, als Auguste es bestritt, wenn Friedrich die Baronin der Herrschsucht anklagte und Augusten ihre knechtische Unterwürfigkeit gegen dieselbe tadelnd vorhielt. Auguste behauptete neben der Freigeisterei ihres Mannes den sittlichen Halt nicht entbehren zu können, den die Charakterfestigkeit und Religiosität der Baronin ihr gewährten. Sie hatte in Sidonie ihren Meister gefunden, denn Frauen wie Auguste, fügen sich nur den Menschen, werden nur von denjenigen erzogen, die ihnen eine harte Hand auflegen und ein schweres Joch. Herrschsucht und Knechtessinn bedürfen, suchen und finden einander, sich gegenseitig zu verderben. [...]

6. Kapitel [Das Gespräch der Freunde]

Sie waren noch nicht lange in Erichs Bibliothek gewesen, deren Fensterthüren sich nach dem Garten öffneten, als sie in's Freie hinausschritten, und umhergehend und plaudernd wieder auf ihre früheren Gespräche über Erziehung im Allgemeinen, und auf die des Knaben im Besonderen zurückkamen.

»Ich befinde mich Sidonien gegenüber«, sagte Erich, »in einem sonderbaren Zwiespalt. Ich stimme mit ihr in allen ihren Ueberzeugungen zusammen. Ihre religiösen Ansichten sind die meinen. Ich theile ihre Liebe für das Vaterland und das Herrscherhaus, die geradezu einen poetischen Charakter bei ihr hat. Ihr Festhalten an dem Alten, Hergebrachten hängt so untrennbar mit der Treue und Tiefe ihres Wesens zusammen, daß ich nicht den Muth habe, ihren kleinen Vorurtheilen entgegen zu treten, aus der natürlichen Scheu, sie in ihrem innersten Empfinden zu verletzen. Selbst ihr strenges Urtheil in moralischer und sittlicher Hinsicht ist mir achtenswerth, weil es aus ihrer wundervollen Reinheit und aus ihrer echt deutschen Weiblichkeit entspringt – –« Er stockte plötzlich und schwieg.

»Dieser Vordersatz fordert seinen Nachsatz,« bemerkte Friedrich, »der mit ›dennoch‹ beginnen muß.«

»Dennoch,« sprach der Baron nachdenklich, »dennoch gehen wir vollkommen auseinander, sobald es auf die praktische Ausführung unserer Ueberzeugungen ankommt.«

Wie der Bildhauer es lernt, die Stärke der Meißelschläge dem Materiale anzupassen, indem er arbeitet, so hatte die Erfahrung seines Amtes Friedrich gelehrt, die Menschen zu behandeln. Denn wie es Unverstand wäre, wollte der Bildhauer dem spröden Alabaster bieten, was er dem festen Marmor zumuthen darf, so ist es Unbarmherzigkeit und Rohheit, allen Naturen mit jener rückhaltslosen Wahrheit zu begegnen, mit der man sich allein genug thut, während man denjenigen, dem sie gelten sollte, nur zu oft damit verwundet, ohne ihm mit dem Schmerze zu nützen oder ihm zu helfen. Ueberhaupt geht man meist mit leblosen Dingen verständiger und vorsichtiger um, als mit dem Menschen, weil ein geistiger Schade, den man anrichtet, nicht gleich so ersichtlich ist, wie ein Riß in einem Stoffe oder ein Bruch in einem Gefäße.

Friedrich kannte die verehrende Liebe seines Freundes für Sidonie, und dies benutzend, sagte er: »Sidonie ist Eins in sich, darin liegt ihre Gewalt. Ihr Glaube an einen persönlichen Gott ist die Basis ihres Wesens, ihrer Anschauungen, und da sie phantasielos ist, so ist sie unbestechlich!«

»Ja!« rief Erich, »sie ist unter allen Frauen, die ich kannte, die Einzige, deren Herz eben so unbestechlich ist, als ihr Verstand!«

»So mußt Du,« fiel ihm der Freund in's Wort, »Dich ihr gegenüber leicht im Nachtheil finden, denn Dein Herz ist mächtig in Dir, Du bist viel weicher als Sidonie!«

Der Baron gab das mit Zögern zu, und Friedrich fuhr fort: »Ich glaube überhaupt, lieber Erich! der Zwiespalt, dessen Du erwähnst, liegt nicht zwischen Dir und Deiner Frau, sondern in Dir selber, in Dir allein. Dein Verstand und Dein Empfinden sind getrennt. Du möchtest die Verstandesüberzeugung unserer Tage mit den Dir lieb und ehrwürdig gewordenen Traditionen der Vergangenheit vereinen. Das aber ist unmöglich, lieber Freund! und daran leidest Du Sidonien gegenüber.«

Erich fand sich getroffen. »Es ist wahr,« sagte er, »ich fühle es wie einen doppelten Menschen in mir. Ich kann meine Einsicht nicht blind machen, welche den Sturz unserer ganzen socialen Zustände oft nahe vor sich erblickt, welche die Unhaltbarkeit der bestehenden Verhältnisse begreift – und doch hänge ich an dem Alten. Ich sehe für Europa Revolutionen voraus, die nicht nur die Monarchien und mit ihnen den Adel vernichten, sondern alle Bedingungen des Besitzes verändern können, aber grade darum fühle ich mich wieder gedrungen, an dem Untergehenden festzuhalten, an das so vieles Erhabene und Schöne uns bindet.« [...]

»Wenn die Axt des Siedlers in den Urwald kommt, muß sie zerstören, ehe sie bauen kann,« sagte Friedrich. »Du könntest mich mit gleichem Rechte fragen, was hat des Siedlers Axt geschaffen, das mit der Herrlichkeit jener schützenden Bäume, das mit der Nährkraft der Palmen, das mit der Schönheit der Lianen zu vergleichen wäre? Was können die öde Fläche, die niedergebrannten Gräser, die verkohlten Wurzeln bieten? Aber wenn die Hütten sich erheben, wenn sie zu Häusern, zu Städten erwachsen, in denen freie Menschen ein gesichertes Dasein führen, in denen die Bruderliebe den Verfolgten willkommen heißt, den Andersdenkenden ehrt, dem Thätigen Raum für seine Thatkraft bietet, dann zeigt sich die Schöpferkraft der Zerstörung! Dann zeigt es sich, daß die scharfe Axt und das verzehrende Feuer kostbarere Früchte zu bringen vermögen, als der uralte Baumwuchs, den sie gefällt.« Es lag etwas Seherisches in der Begeisterung, mit der er diese Worte gesprochen hatte. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, als erspähe er das Urbild seines innern Schauens. Erich war in Gedanken versunken, auch Friedrich schwieg lange. Endlich hob er von Neuem an. »Als ich mein Amt antrat,« sagte er, »war mein Glaube an die Dogmen schon erschüttert, aber ich wurzelte fest in dem Glauben an einen persönlichen Gott. Auf diesen gestützt, hoffte ich mein Lehramt segensreich durchführen zu können. Ich hoffte eine Versöhnung zu finden zwischen der Natur des Menschen, den Lehren der Religion und den Gesetzen des Staates. Ich glaubte durch Erziehung die Kluft ausfüllen, und vorbeugen zu können, wo das unmöglich war. Ich sah mein Amt als einen Beruf an, das Feindliche, das Widerstrebende zu versöhnen. Aber der Einblick in das Leben, in das Herz, in die Natur des Menschen, haben meine Hoffnung auf die Möglichkeit einer solchen Versöhnung vernichtet, meinen Glauben an eine Vorsehung, meinen Glauben an die absolute Sündhaftigkeit des Menschen, meine Achtung vor unseren Gesetzen zerstört – und sie sind es nicht nur in mir, sie sind es in vielen Anderen, die sich dessen nur nicht klar bewußt sind. Mehr als die Kritik der Gelehrten, mehr als Strauß und Feuerbach haben mein sterbender Vater und der alte Bauer Schöne mich gelehrt. Mehr als das Urtheil der Forscher hat mich die täglich gemachte Erfahrung von der Unvereinbarkeit überzeugt, in der die Gesetze der Bibel und des Staates sich mit unseren Naturbedingungen befinden –« [...]

(Fanny Lewald: Wandlungen 3. Band Kapitel 4-6)

Bemerkenswert, wie hier mit der Begründung, dass "die scharfe Axt und das verzehrende Feuer kostbarere Früchte zu bringen vermögen, als der uralte Baumwuchs" und andererseits die "Naturbedingungen" des Menschen die Unangemessenheit menschlicher Gesetze belegen sollen. Es ist eine ausgesprochen aufklärerische Argumentation.


11 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 2. Band 1. Kapitel

 So wie der Roman angelegt ist, hätte Lewald die beiden letzten Kapitel des 1. Bandes ebenso weglassen können wie ich hier. 

Offenkundig ist: Das Schicksal ist über die Grundsätze des Barons hinweggegangen. Sie haben sich schon jetzt nicht lebenstauglich erwiesen.

 "Noch war kein Jahr verflossen, seit die beiden ältesten Kinder des Barons aus dem Vaterhause geschieden waren, als auch in diesem der Tod sein Opfer gefordert hatte. Die Baronin war nach kurzem Krankenlager gestorben, und das sonst so heitere, gastliche Familienleben dadurch für immer zerstört worden. Bei der Unterordnung, in welcher der Baron selbst die von ihm innig geliebte Gattin zu halten gewohnt gewesen war, hatte er nie bemerkt, welch segensreichen Einfluß sie auf ihn ausgeübt, wie nöthig ihm ihre Milde gewesen, um die Starrheit seiner Grundsätze mit den Ansprüchen und Forderungen des Lebens zu vermitteln. Jetzt, da sie ihm entzogen war, empfand er es um so tiefer, je mehr die Wendung, welche die öffentlichen Zustände in Europa genommen hatten, seinen Ueberzeugungen widersprach.

Den französischen Julitagen waren die Revolution in Belgien und die Erhebung in Polen gefolgt, ganz Süddeutschland befand sich in lebhafter Gährung, das Hambacher Fest hatte es dargethan, wie verbreitet der Wunsch nach einer ständischen Vertretung, wie weit er eingedrungen sei in die arbeitenden Volksklassen. Die Namen Börne's, Siebenpfeifer's, Wirth's waren in jedem Munde und der Unparteiische konnte es sich nicht verbergen, daß es in Hambach nur an entschlossenen Führern gefehlt habe, um die dort versammelten Massen zu einem Unternehmen für die Befreiung Deutschlands von der absoluten Herrschaft zu bewegen. Auch in der Literatur gab sich eine neue frische Richtung kund. Börne, Heine, Wienbarg stachelten jeder auf seine Weise das erwachte Bewußtsein des Volkes zur Empfindung seiner Knechtschaft auf, andere Talente trugen den Gedanken der Freiheit in die gesellschaftlichen und in das Verhältniß der Geschlechter zu einander über, und forderten, wenn auch oft in mißverstandener Weise, die Wiedereinsetzung des Menschen in einen freieren Genuß der Erdenfreuden.

Man wollte nicht mehr entbehren und entsagen, man wollte besitzen und des Besitzes froh werden, man war es müde, in müssigem Weltschmerz darüber zu klagen, daß die Wirklichkeit dem Ideale Hohn sprach, man wollte sie idealischer gestalten, aber man hatte kein allgemeines, kein sittliches Ideal, und Jeder versuchte sich seine Grillen oder Leidenschaften zum Ideale zu erheben. Die Literatur der Selbstbespiegelung und mit ihr der Selbstverschönerung begann. Neben der tiefsten und reinsten Poesie machte der Cynismus sich in ekelerregender Weise breit und verlangte Anbetung vom Volke, weil er individuell und das Recht der Individualität nicht länger zu bestreiten sei. Tagebücher, Reiseskizzen und eine große Anzahl phantastischer Productionen überraschten und verwirrten das Publikum, fesselten die Einen verlockend und zur Nachahmung reizend, stießen die Anderen eben so lebhaft ab, und wie immer in solchen Epochen, bemächtigte sich die Menge der technischen Phrase, um sie, verstanden oder nicht, fanatisch als Parteiwort zu gebrauchen. Während es sich darum handelte, den Geist zu befreien, schwor man auf die Emancipation des Fleisches oder kämpfte wider sie, vergessend, daß der Absolutismus dem Sinnengenusse immer volle Freiheit gewährt hatte, daß die orthodoxeste Hierarchie, der Katholicismus, sich leicht mit ihm verständigte, und daß es nur die Emancipation der Geister war, gegen die man mit Censur und Waffen aller Art zu Felde zog.

Auch that die Lehre von der Emancipation des Fleisches und die Leichtfertigkeit, mit denen man sinnliche Ausschweifungen als Gegenstände der Verherrlichung behandelte, im Grunde wenig Schaden. Sie gaben den träge gewordenen Gemüthern einen Anstoß und wirkten fast das Gegentheil von dem, was man gefürchtet hatte. Der Deutsche besitzt im Allgemeinen nicht den Esprit, der im Franzosen die Frivolität erzeugt. Die Sinnlichkeit schlägt bei ihm in Rohheit oder in Sentimentalität um, und endet meist in Verthierung oder in Askese. Mochten Menschen wie Larssen sich auch behaglich dehnen in der Nebelsonne dieser falschen Aufklärung, mochte der Trotz des Lieutenants Alles mit Leidenschaft ergreifen, was sich gegen die bestehende Ordnung richtete, so schuf es in solchen Naturen doch nichts Neues. Wo aber Jugend und Unschuld mit diesen Lehren in Berührung kamen, da entstand höchstens ein Rausch, von dem der Ernst des Lebens sie bald wieder ernüchterte und zur Besinnung brachte.

Neben diesen zum Lebensgenusse ladenden Elementen, mahnte aber jene Zeit auch vielfach an den Ernst des Daseins und an die Vergänglichkeit des Irdischen. Das Schicksal der zum zweiten Male gestürzten französischen Dynastie, die Leiden und die Verbannung, welche die Mehrzahl des polnischen Adels getroffen hatten, von dem Viele durch Preußen geflohen waren, während Andere dort in tiefer Zurückgezogenheit lebten, trauernd um den Tod der Ihrigen und Stärkung suchend in der Religion, das Alles, und endlich das Hereinbrechen der Cholera mit ihrem furchtbaren memento mori, war ganz dazu gemacht, ernste Gemüther grade im Gegensatze zu der neuen Schule der Genußfordernden in eine dem Genuß entsagende Richtung zu treiben."

(Fanny Lewald: Wandlungen 2. Band 1. Kapitel)


Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 19. Kapitel

 Endlich kam der Tag der Trauung heran. Im weißen bräutlichen Gewande, dessen Falten schwer herniederflossen, den Myrthenkranz auf den dunkeln Locken, so führte die Mutter Helene in das Zimmer des Barons. Erich befand sich bereits bei ihm. Er sollte bald nach Helenens Hochzeit seine Reise antreten, und der Vater hatte gewünscht, die beiden Kinder, welche fast zu gleicher Zeit sein Haus verlassen sollten, noch einmal in besonderer Unterredung zu sprechen, ehe sie schieden.

Die Fenster des Gemaches waren geöffnet, die letzten Strahlen der Sonne fielen hinein. Ein starker Blumengeruch drang aus dem Garten empor, in den Blättern des Weinlaubes, das seine Ranken bis in die Fenster hineinbog, zwitscherten die Vögel. Sonst war Alles still, und die schöne Einfachheit, mit der das Zimmer ausgestattet war, gaben ihm in dieser Ruhe das Ansehen einer Kirche, während es zugleich einen würdigen Hintergrund bildete für die edle Gestalt seines Besitzers, der in schwarzer Kleidung, die Brust mit Ordenzeichen bedeckt, der Tochter entgegentrat, ihre beiden Hände erfaßte und sie schweigend eine Weile mit liebevollem Ernst betrachtete. Dann wendete er sich ab, umarmte ihre Mutter und auf die beiden Kinder zeigend sagte er: »Du hast mir treulich geholfen, sie so weit zu bringen, ich danke Dir!

Die Baronin umarmte ihn und küßte dann seine Hand, er ließ es ruhig geschehen. »Noch sind sie unser!« sprach er, »aber nur noch diese Stunde! Noch sind wir für sie verantwortlich! Welch ein Trost liegt darin, verantwortlich zu sein für die Menschen, die man liebt! Welch ein Trost, welch eine Erhebung! und ich darf es mir und Dir in dieser Stunde sagen, wir haben die Jugend unserer Kinder zu einer glücklichen gemacht. Nichts Unedles hat sie berührt, kein übles Beispiel ist ihnen gegeben worden. Mit edlem Namen, mit reiner Ehre und mit reinem Herzen entlassen wir sie bei ihrem Eintritt in die Welt.«

Die Mutter weinte, Helene war vor dem Vater niedergekniet, Erich ihrem Beispiele gefolgt. Da legte er seine Hände auf ihre Häupter, und mit bebender Stimme sagte er leise: »Sei das Gedächtniß an Eure Eltern Eure Schutzwehr gegen jedes Unrecht, und wo mein Auge Euch nicht mehr erreichen, meine Hand Euch nicht mehr leiten kann, da sei Gott mit Euch!«

Die Geschwister richteten sich empor, umarmten die Eltern, umarmten einander. Es war still im Zimmer und der Friede der äußeren Natur erhöhte die Feier dieses Augenblickes.

Als die Erschütterung ausgeklungen hatte, setzte sich der Baron auf seinen Divan und nöthigte die Anderen ebenfalls Platz zu nehmen. »Ihr werdet nun Beide in wenig Tagen in eine Welt gehen,« sagte er, »in der andere Ansichten, andere Begriffe, ja eine andere Ehre herrschen, als die, nach deren Grundsätzen ich Euch erzog. Der Ehrenbegriff der sogenannten großen Welt ist locker und dehnbar. Laßt ihn nie den Euren werden. Wortbruch, Treulosigkeit, Gesinnungslosigkeit, Leichtsinn, Coketterie, ja jeder Verrath lassen sich verbergen unter dem Deckmantel jener Gesellschaftsehre, jener Cavalierehre, die sich zur wahren Ehre eines Edelmannes verhält, wie der Paradedegen eines Hofmannes zu der festen Waffe, die unser Freund ist in der Stunde der Gefahr, wie fremdes Lob zu unserm eigenen Bewußtsein. Was Ihr nicht vertreten könntet hier vor mir zu jeder Stunde, das ist sündhaft und ehrlos, und wenn alle Welt das Gleiche thäte, und wenn alle Welt Euch darum lobte. Ich, der ich Euch erzog, der Euer Gewissen bildete, ich bin und bleibe Euer Richter, denn mir schuldet Ihr den Namen, den Ihr als Eure edelste Mitgift hinaus nehmt in das Leben, mir seid Ihr dafür verantwortlich. Erhaltet ihn rein, er ist der meine! Gebt mir die Hand darauf!«

Helene that es schweigend. Erich aber stand auf und seine Rechte in die des Vaters legend, sagte er: »Ich schwöre Dir, den Namen rein zu erhalten, der mein Stolz ist und den ich Dir als mein höchstes Gut verdanke! Ich schwöre Dir's!«

»So werden Deine Kinder einst Dich segnen, wie Dein Dank mich segnet!« entgegnete der Baron mit hoch erhobenem Haupte, umarmte seine Kinder nochmals, und hatte sie freigesprochen zur Wanderschaft in das Leben.

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 19. Kapitel)

10 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 18. Kapitel: Helene und Graf St. Brezan

Helene hat sich von ihrer alten Amme die Karten legen lassen. Die verkündet ihr die nächste Nähe ihres Geliebten. Sie denkt an Friedrich. Als ein Wagen eintrifft, ist sie hocherfreut, geht ihm entgegen. Als sie aber den Grafen St. Brezan erkennt, fällt sie in Ohnmacht. Als sie wieder erwacht, bestürmt der sie mit Zärtlichkeiten und sie folgt ihm in seinen Wagen.

Wie sie in den Wagen gekommen war, was der Graf zu ihr auf dem Wege nach dem Schlosse gesprochen, was sie ihm geantwortet hatte, wußte Helene später sich selbst nicht mehr zu sagen. Der Umschwung ihrer Empfindungen war zu plötzlich gewesen, und keiner Ueberlegung, kaum ihrer Sinne mächtig, hatte sie sich willenlos der Zärtlichkeit des Grafen überlassen, dem sie selbst mit ihrem Worte das Recht zu derselben gegeben hatte. Aber jetzt erst, erst in diesem Augenblicke fing sie an zu ahnen, was sie damit gethan, zu ahnen, was es heiße, die Liebesbeweise eines ungeliebten Mannes zu ertragen, und dieser bittere Schmerz reifte in der kindlichen Jungfrau plötzlich das Bewußtsein des Weibes, ohne ihr die Kraft des Weibes zu geben, das selbsthandelnd keine Schwierigkeiten kennt, wo es gilt, sich vor Erniedrigung und Unwahrheit zu schützen.

Verzweiflung im Herzen langte sie auf dem Schlosse an, ohne daß Jemand bemerkte, was in ihrer Seele vorging. Der Graf hielt ihr Schweigen, ihr scheues Wesen, ihre Thränen für die Folgen ihrer Ueberraschung, für eine Schüchternheit, die ihn, den Weltmann, an seiner Braut entzückte. Die Baronin war erfreut, weil St. Brezan's persönliche Ankunft ihren Wünschen begegnete, auch Cornelie hielt es für die Ruhe ihrer Schwester förderlich, daß ihrer hoffnungsvollen Spannung ein Ziel gesetzt ward, und der herzliche Willkomm dieser beiden Frauen ließ den Grafen die Zurückhaltung des Vaters weniger empfinden. 

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 18. Kapitel)

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 16./17. Kapitel: Baron Heidenbruck

 Der Baron, obschon ein aufgeklärter Mann, sah, wie das bei seinen politischen Ueberzeugungen natürlich war, die Familie stets als den Staat im Staate an und hatte es für Pflicht gehalten, in sich, als in dem Oberhaupte derselben, den Seinen ein Urbild strengster Pflichterfüllung aufzustellen. Orthodox in der Politik, aber ein Zögling der Encyklopädisten in Sachen der Religion, hatte er seine Kinder in einer Gleichgültigkeit gegen dieselbe erzogen, welche der Mutter stets schmerzlich gewesen war, ohne daß sie sich erlaubt hätte, den Ansichten ihres Mannes durch die eigene, abweichende Ueberzeugung entgegen zu treten. Ohne den Hinblick auf den Willen Gottes oder auf einen Lohn und eine Strafe in einem jenseitigen Leben, hatte der Vater den Kindern seinen Willen als einzige Autorität in geistigen und leiblichen Dingen hingestellt, und von ihrer ersten Kindheit ab ihnen einzuprägen gestrebt, daß es keine Einwendungen gegen den väterlichen Willen gäbe, daß Gehorsam, unbedingte, schweigende Unterwerfung unter den väterlichen Willen, die höchste Tugend eines Kindes sei.

Lag darin auf der einen Seite eine despotische Härte, so machten die Liebe des Barons für seine Kinder und die makellose Ehrenhaftigkeit seines ganzen Lebens, ihnen den Vater theuer und den Gehorsam gegen ihn in ihrer ersten Jugend leicht. Ein rücksichtsvoller, treuer Gatte, aufopfernd und vorsorglich für seine Kinder, ein gerechter Herr seiner Untergebenen, hülfreich mit Rath und That in weitem Kreise, gemeinsinnig und freundlich gegen den Geringsten, galt er, obschon man seinen Eigenschaften Gerechtigkeit angedeihen ließ, dennoch bei Allen, welche ihn nicht näher kannten, für schroff und stolz, weil jede seiner Handlungen den Stempel der selbstherrlichsten Willkür an sich trug. Dies Gefühl der Selbstherrlichkeit, das sich in seinem Hause geltend machte, gab sich aber auch nach allen anderen Seiten kund. Sich den bureaukratischen Anordnungen der Regierung zu fügen, konnte nur seine Ergebenheit gegen den König ihn vermögen, denn er sah sie meist als Eingriffe in seine Rechte, in seinen freien Willen an, und so kam es, daß er in seinem Verhältnisse als Landforstmeister ein unerbittlich strenger Beamter sein konnte, während er als Gutsbesitzer ein Gegner der Beamtenherrschaft war und sich fast beständig in kleinen Kämpfen gegen die Regierung befand.

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 16. Kapitel)


»So lange und so weit Menschen auf der Erde leben, erzeugten sie als die natürlichste Form ihres Zusammenlebens die Herrschaft eines Mannes über die Familie, wie über den Staat, und dies Verhältniß war und blieb überall fördersam, bis die Häupter sich des Vertrauens unwerth machten, das man in sie setzte. Das ist's ja gerade! Könnte eines unserer Kinder mir den Vorwurf machen, daß ich meine oder ihre Ehre, daß ich ihr Bestes nicht gewahrt habe, so würde ich in demselben Augenblicke auf das Recht verzichten, das ich jetzt auf ihr Vertrauen habe. So lange ich es aber noch verdiene, so lange darf und muß ich fordern, daß sie mir gehorchen. [...]

»Aber die Einsicht des Menschen kann sich ja ändern nach der Eidesleistung!« meinte die Baronin.

»Weil sie das kann, so sollte der Mensch nicht Herr werden seines Handelns in einem Alter, in dem er solchen Aenderungen seiner Ansichten noch unterworfen ist. Das ist der Sinn der Vormundschaft, und es ist Thorheit, daß die Gesetze sie für alle Menschen auf dasselbe Lebensalter ausdehnen. Der Unmündige ist unverantwortlich, ich stehe ein für jedes Thun meiner Kinder. Aber jeder Mensch, der Mann vor Allem, den das Gesetz mündig gesprochen hat, der muß sich selbst als reif erklären, indem er sich keine Aenderungen seines Sinnes mehr gestattet, indem er eisern fest hält an seinem Glauben, seiner Ehre, seinem Worte! 

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 17. Kapitel)

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 14. Kapitel: Der Doctor über Wandlungen

 »Abfall von seinem Glauben erhebt den Menschen nicht!« entgegnete Friedrich.

»Und woran bewährt sich der Charakter des Mannes, als in dem eisernen Festhalten dessen, was er einmal als Recht erkannt!« fügte Erich hinzu.

»Eisernes Festhalten an demjenigen, was man einmal als Recht erkannt hat,« wiederholte der Doctor, indem er das Wort ›einmal‹ stark betonte. »Das kann unter Verhältnissen Schwäche und Verbrechen werden, wenn man eines Besseren belehrt wird, denn wie die Blüthe abfällt, wenn die Frucht sich bildet, so muß man abfallen von seiner alten Ueberzeugung, wenn man eine neue bessere gewonnen hat!«

»Mit dieser Anschauung,« meinte Friedrich, »erheben Sie die Unbeständigkeit zur Tugend, rechtfertigen Sie eine beständige Wandlung der Ansichten, und die Inconsequenz wird höchste Consequenz!«

»Und Talleyrand zu einem Mustermenschen,« lachte Erich.

»Wären die Wandlungen, die man ihn durchmachen sah, eine Folge seiner inneren Ueberzeugungen gewesen,« antwortete der Doctor ernsthaft, »so hätte man ihrer nur lobend zu gedenken. Indeß machen Sie sich die Sache einmal klar. Wir Alle glauben an eine Fortentwickelung der Menschheit, Sie so gut als ich. Wie ist eine solche fortschreitende Entwickelung aber möglich innerhalb unwandelbar gezogener Schranken? Wie denken Sie sich die Fortentwickelung der Menschheit, ohne daß der Einzelne in sich die Wandlungen erlebt, aus denen allein eine fortschreitende Umgestaltung der allgemeinen Ansichten hervorgehen kann? Diejenigen Menschen, die in ihren ererbten und anerzogenen Meinungen unwandelbar geblieben sind, haben die Menschheit nicht gefördert, aber Jesus, der Jude, welcher die national-religiösen Satzungen des Judenthums zerstörte, um eine neue, die ganze Menschheit umfassende Lehre auf den Trümmern der alten zu bauen, Luther, der gläubige Catholik, der abfiel von seinem früheren Glauben und vom Papste, seinem Oberhaupte; Mirabeau, der Edelmann, der seine ererbten Ansichten als Vorurtheile von sich warf, und die Fahne seiner Standesgenossenschaft verließ, um gegen diese seine Standesgenossen und ihre volksbedrückenden Privilegien anzukämpfen, sie Alle sind abgefallen von ihrem Glauben, sie Alle haben Wandlungen erlitten, und diese Wandlungen sind um so auffallender gewesen, je bedeutender die Männer waren, an denen sie geschahen. Ja, ich behaupte, daß ein Mensch, der unwandelbar in seinen ererbten Meinungen oder in seinen einmal gefaßten Ansichten beharrt, vollkommen unfähig ist, der fortschreitenden Menschheit irgend wie zu nützen, und es giebt auch kaum einen Menschen, der sich solcher Unwandelbarkeit anzuklagen hätte. Wir Alle ändern uns! Je größer unsere Fähigkeit, um so sichtbarer unsere Wandlungen, und wenn wir uns nach zehn, nach fünfzehn Jahren einmal wieder sehen sollten, so wird, ich hoffe das zu unserm Besten, Jeder von uns seine großen Wandlungen erlitten haben, ohne daß wir uns deshalb des Verrathes an uns selbst und an unserer Ueberzeugung anzuklagen haben werden. Wir sind, ich sagte es Ihnen schon einmal, Theile eines lebendigen, sich stets verwandelnden, sich stets erneuenden Ganzen, es ist also unsere Aufgabe, uns mit offenen Sinnen, mit sittlichem Ernste der allgemeinen Bewegung zu überlassen, damit sie uns umgestalte nach ihrer Notwendigkeit, nicht uns abzusperren und uns ihr hindernd entgegenzustemmen, aus dem thörichten Glauben, daß es von Stärke zeuge, keine Wandlung in sich zu erfahren. Wollen Sie lebloser sein bei lebendigem Leibe, als Ihr Körper, der selbst nach Ihrem Tode noch lebenzeugende Wandlungen erleidet?«

Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band 14. Kapitel 

08 November 2020

Fanny Lewald: Wandlungen 2. Band 1. Kapitel

 "Noch war kein Jahr verflossen, seit die beiden ältesten Kinder des Barons aus dem Vaterhause geschieden waren, als auch in diesem der Tod sein Opfer gefordert hatte. Die Baronin war nach kurzem Krankenlager gestorben, und das sonst so heitere, gastliche Familienleben dadurch für immer zerstört worden. Bei der Unterordnung, in welcher der Baron selbst die von ihm innig geliebte Gattin zu halten gewohnt gewesen war, hatte er nie bemerkt, welch segensreichen Einfluß sie auf ihn ausgeübt, wie nöthig ihm ihre Milde gewesen, um die Starrheit seiner Grundsätze mit den Ansprüchen und Forderungen des Lebens zu vermitteln. Jetzt, da sie ihm entzogen war, empfand er es um so tiefer, je mehr die Wendung, welche die öffentlichen Zustände in Europa genommen hatten, seinen Ueberzeugungen widersprach.

Den französischen Julitagen waren die Revolution in Belgien und die Erhebung in Polen gefolgt, ganz Süddeutschland befand sich in lebhafter Gährung, das Hambacher Fest hatte es dargethan, wie verbreitet der Wunsch nach einer ständischen Vertretung, wie weit er eingedrungen sei in die arbeitenden Volksklassen. Die Namen Börne's, Siebenpfeifer's, Wirth's waren in jedem Munde und der Unparteiische konnte es sich nicht verbergen, daß es in Hambach nur an entschlossenen Führern gefehlt habe, um die dort versammelten Massen zu einem Unternehmen für die Befreiung Deutschlands von der absoluten Herrschaft zu bewegen. Auch in der Literatur gab sich eine neue frische Richtung kund. Börne, Heine, Wienbarg stachelten jeder auf seine Weise das erwachte Bewußtsein des Volkes zur Empfindung seiner Knechtschaft auf, andere Talente trugen den Gedanken der Freiheit in die gesellschaftlichen und in das Verhältniß der Geschlechter zu einander über, und forderten, wenn auch oft in mißverstandener Weise, die Wiedereinsetzung des Menschen in einen freieren Genuß der Erdenfreuden.

Man wollte nicht mehr entbehren und entsagen, man wollte besitzen und des Besitzes froh werden, man war es müde, in müssigem Weltschmerz darüber zu klagen, daß die Wirklichkeit dem Ideale Hohn sprach, man wollte sie idealischer gestalten, aber man hatte kein allgemeines, kein sittliches Ideal, und Jeder versuchte sich seine Grillen oder Leidenschaften zum Ideale zu erheben. Die Literatur der Selbstbespiegelung und mit ihr der Selbstverschönerung begann. Neben der tiefsten und reinsten Poesie machte der Cynismus sich in ekelerregender Weise breit und verlangte Anbetung vom Volke, weil er individuell und das Recht der Individualität nicht länger zu bestreiten sei. Tagebücher, Reiseskizzen und eine große Anzahl phantastischer Productionen überraschten und verwirrten das Publikum, fesselten die Einen verlockend und zur Nachahmung reizend, stießen die Anderen eben so lebhaft ab, und wie immer in solchen Epochen, bemächtigte sich die Menge der technischen Phrase, um sie, verstanden oder nicht, fanatisch als Parteiwort zu gebrauchen. Während es sich darum handelte, den Geist zu befreien, schwor man auf die Emancipation des Fleisches oder kämpfte wider sie, vergessend, daß der Absolutismus dem Sinnengenusse immer volle Freiheit gewährt hatte, daß die orthodoxeste Hierarchie, der Katholicismus, sich leicht mit ihm verständigte, und daß es nur die Emancipation der Geister war, gegen die man mit Censur und Waffen aller Art zu Felde zog.

Auch that die Lehre von der Emancipation des Fleisches und die Leichtfertigkeit, mit denen man sinnliche Ausschweifungen als Gegenstände der Verherrlichung behandelte, im Grunde wenig Schaden. Sie gaben den träge gewordenen Gemüthern einen Anstoß und wirkten fast das Gegentheil von dem, was man gefürchtet hatte. Der Deutsche besitzt im Allgemeinen nicht den Esprit, der im Franzosen die Frivolität erzeugt. Die Sinnlichkeit schlägt bei ihm in Rohheit oder in Sentimentalität um, und endet meist in Verthierung oder in Askese. Mochten Menschen wie Larssen sich auch behaglich dehnen in der Nebelsonne dieser falschen Aufklärung, mochte der Trotz des Lieutenants Alles mit Leidenschaft ergreifen, was sich gegen die bestehende Ordnung richtete, so schuf es in solchen Naturen doch nichts Neues. Wo aber Jugend und Unschuld mit diesen Lehren in Berührung kamen, da entstand höchstens ein Rausch, von dem der Ernst des Lebens sie bald wieder ernüchterte und zur Besinnung brachte.

Neben diesen zum Lebensgenusse ladenden Elementen, mahnte aber jene Zeit auch vielfach an den Ernst des Daseins und an die Vergänglichkeit des Irdischen. Das Schicksal der zum zweiten Male gestürzten französischen Dynastie, die Leiden und die Verbannung, welche die Mehrzahl des polnischen Adels getroffen hatten, von dem Viele durch Preußen geflohen waren, während Andere dort in tiefer Zurückgezogenheit lebten, trauernd um den Tod der Ihrigen und Stärkung suchend in der Religion, das Alles, und endlich das Hereinbrechen der Cholera mit ihrem furchtbaren memento mori, war ganz dazu gemacht, ernste Gemüther grade im Gegensatze zu der neuen Schule der Genußfordernden in eine dem Genuß entsagende Richtung zu treiben."

(Fanny Lewald: Wandlungen 2. Band 1. Kapitel)


Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 5. Kapitel: Ein Gespräch über Goethes Romane

Fanny Lewald: Wandlungen Roman in 4 Bänden, 1853,  [Digitalisat]
Romantext bei projekt-gutenberg.org (Navigation innerhalb des Romans über "Inhalt" (Link sieh: links oben)


»Ein Graf St. Brezan, ein französischer Gesandtschaftsrath, der eine Mission nach Petersburg hat. Er hat meinen kleinen Vetter von Lissabon mit hieher gebracht.«

Graf St. Brezan mochte ein Mann von vierzig Jahren sein, obschon seine schlanke Gestalt, die Leichtigkeit seiner Bewegungen und die sorgsame Wahl seiner einfachen Kleidung ihn jünger erscheinen ließen. Sein dunkelbraunes, reiches Haar, die schönen Hände, das scharf geschnittene Profil gaben ihm ein Recht, noch immer für einen schönen Mann zu gelten, aber ein Ausdruck hochmüthiger Zurückhaltung mußte sein Aeußeres für Jeden unangenehm machen, dem er Freundlichkeit zu zeigen nicht für nöthig erachtete. So kam es, daß die Einen ihn schön und anziehend, die Anderen ihn unschön und abstoßend nannten, daß er die Männer leicht verletzte, die Frauen leicht gewann.

Mit dem Takte des Weltmannes hatte er die Bemerkung der Baronin verstanden. Er nahm an, daß sie um irgend eines Grundes willen Rücksicht auf Friedrich und auf den Doctor zu nehmen habe, und war augenblicklich bereit, die ihm befreundeten Standesgenossen in ihren Absichten und Plänen nach seinen besten Kräften zu unterstützen.

Mit einer geschickten und ganz unmerklichen Wendung brachte er das Gespräch von den deutschen Studenten auf die deutsche Literatur, auf ein Feld, in dem alle Anwesenden, selbst Erich und Friedrich, ihm überlegen sein mußten. Er wußte, wie leicht man Jemand gewinnen kann, der sich uns gegenüber behaglich und als der Gebende empfindet. Für den Grafen beschränkte sich die deutsche Literatur auf Klopstock, Schiller und Goethe. Das Klopstock'sche Deutsch war ihm, wie er offen gestand, vollkommen unverständlich und Klopstock's religiöse' Anschauung dem Verehrer Voltaire's fremd. Schiller, den der Convent würdig geachtet, ein Mitglied der französischen Republik zu sein, hatte von jeher schon um dieses Grundes willen das Mißtrauen des Grafen erregt, und der rücksichtslose Idealismus des Dichters, der über alle Convenienz hinaus den Gedanken freier Menschlichkeit geltend machen wollte, mußte ihm als eine unpraktische Schwärmerei erscheinen, deren Einfluß auf die Jugend er für gefährlich hielt. Goethe allein von allen deutschen Dichtern war ihm ein Gegenstand der Hochachtung.

Mit einer ihm seltenen Wärme pries der Graf den greisen Dichterfürsten als den Dichter der Wirklichkeit, der die Wahrheit und die Schönheit nicht jenseits der Grenzen der Vernunft erblicke. »Was ihn so erhaben macht und was zugleich so wohlthuend, so beruhigend in seinen Schriften wirkt,« sagte er, »das ist die Klarheit, mit der er ›die Welt wie sie ist‹ betrachtet, das richtige Licht, das er über die Gesetze der Gesellschaft verbreitet, in der für Jeden der Platz vorhanden ist, den er einnehmen kann, wenn er eben nur den begehrt, den er auszufüllen bestimmt ist. Er ist der Dichter des Friedens und der Versöhnung, und es ist zweifellos, daß Sie die Weisheit Ihres größten Dichters den wüsten Erfahrungen verdanken, welche unsere unglückliche Revolution ihn machen ließ.«

Trotz der ächt französischen Schlußfolgerung des Grafen, machte sein Lob Goethe's einen guten Eindruck auf den Baron, dessen Anschauungsweise in Betreff der Goethe'schen Werke nahe mit der des Grafen zusammentraf. Er stimmte ihm vollkommen bei, und erklärte, daß der Werther, der Wilhelm Meister und die Wahlverwandtschaften für alle Zeiten Musterromane bleiben und vielleicht niemals ihres Gleichen finden würden.

»Für alle Zeiten?« wiederholte der Doctor im Tone des Zweifels, »es giebt Nichts in der Welt, das für alle Zeiten dasselbe wäre!« Diese Worte wurden mit jener Ruhe gesprochen, welche einen Hauptcharakterzug des Doctors machte, dennoch wirkten sie auf Friedrich wie ein Signal zur Befreiung, wie ein Aufruf zu einem Kampfe, an dem Theil zu nehmen er trotz seines Verlangens sich nicht befugt geglaubt hatte.

»Also leugnen Sie, daß es in der Kunst ein Absolutes giebt?« fragte der Baron.

»Unbedenklich!« entgegnete der Doctor. »Das wirklich Große, das, was in seiner Zeit allen Ansprüchen derselben genügte, was ihren ganzen geistigen Gehalt in sich zur Anschauung brachte, das wird, sei es nun ein Werk der Malerei, der Bildhauerkunst oder der Dichtung, für alle Zeiten eine Bedeutung behalten; wir werden darauf fortbauen, es wird maßgebend, lehrreich, begeisternd für uns bleiben, aber ein unbedingtes Muster, das ewig und allein Berechtigte kann es nicht sein. Das hieße den Fortschritt der Menschheit leugnen!«

Der Baron, der den Doctor sehr verehrte, schwieg einen Augenblick nachdenklich, dann sagte er: »Ich wäre begierig, den Dichter zu kennen, der einst über Goethe hinausgehen wird. Wir werden Muße haben, denke ich, uns an Goethe's Werken zu erfreuen, ehe er sich findet!«

»Er kann sich aber finden,« meinte Friedrich, »wenn die Menschheit im Allgemeinen freier geworden sein wird, als sie es war, da Goethe seine großen Werke schuf!« Diese lebhafte, jugendliche Behauptung stach so auffallend gegen Friedrich's bisherige Zurückhaltung ab, daß die Anderen ihn mit Erstaunen anblickten, während der Doctor ihm zustimmend mit dem Kopfe winkte. 

Dadurch ermuthigt und von seinen Empfindungen hingerissen, fuhr er fort: »Bei aller Wahrheit des Werthers, des Meisters, der Wahlverwandtschaften, deren ganze Tiefe ich wohl nicht einmal ermessen kann, weil mir die Kenntniß der Gesellschaft fehlt, in der sie sich bewegen, sind sie doch eben nur das Bild dieses Theils der Gesellschaft, einer Welt der Ausschließlichkeit, ihrer Leiden und Freuden, und« – – fügte er plötzlich stockend, dann aber sich mit einer scheuen Hast zum Sprechen zwingend hinzu – »und es giebt noch eine andere Welt hienieden außer dieser Einen!« –

Friedrich litt von seinen eigenen Worten, während er sie sprach, und doch vermochte er sie nicht zurückzudrängen. Er empfand es, daß er plötzlich der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden sei, und diese Beachtung machte ihn verlegen. Die engen Verhältnisse, in denen er erwachsen war, hatten ihn vor Zersplitterung seiner geistigen Kräfte bewahrt, seinen Gedanken Zeit und Ruhe gegeben, sich aus stiller Tiefe auszubreiten, ruhig fortzuschreiten von Schluß zu Schluß, bis er zu jenen Blicken und Zweifeln gekommen war, die ihn das Unhaltbare der bestehenden staatlichen und geselligen Zustände im Gegensatze zu den natürlichen, berechtigten Forderungen des Menschen ahnen ließen. Jetzt indessen, da er auf dem Punkte stand, diese Ueberzeugung in einem Kreise auszusprechen, dessen Vorrechte sie antastete, erschrak er vor dem Unternehmen. Die anerzogene Ehrerbietung vor den Reichen, den Vornehmen lähmte ihn. Eine dunkle Röthe flog über sein Gesicht, aber es war nicht Scham, welche sie hervorgerufen, sondern der Zorn gegen sich selbst, der Zorn gegen die Verhältnisse, welche ihm eine solche sklavische Befangenheit eingeimpft hatten.

Der Doctor errieth den Zustand, in welchem sich Friedrich befand, und kam ihm theilnehmend zu Hülfe. »Sie haben Recht, Herr Brand!« sagte er, »die Goethe'schen Romane haben darin ihre Schranke, daß sie mehr oder weniger auf die Abstraction vom Leben, auf den schönen Schein des Lebens gearbeitet sind. Sie verhalten sich zur Wirklichkeit, wie die griechischen Götterbilder zur menschlichen Gestalt, wie Rafael's typische Menschengestalten zum individuellen Portrait.«

»Sie werden aber zugeben, lieber Doctor,« fiel ihm der Baron in das Wort, »daß diese Behandlungsweise der Wirklichkeit die edelste und angemessenste, die eigentlich klassische ist, wie ja auch Ihre Hindeutung auf die Antike und auf Rafael dies schon zugiebt.«

»Für eine bestimmte Klasse von Romanen,« entgegnete der Doctor, »ist, oder war vielmehr, jene Darstellungsart nicht nur die berechtigte, sondern die geforderte; für den Roman der Bildungsleiden der bevorzugten Stände, um die sich das Interesse jener Zeit fast ausschließlich bewegte. Die Darstellungsweise der Goethe'schen Romane ist ganz und gar aristokratisch, und sie wird unmöglich, sobald man sich von den Leiden und Freuden des Wohlhabenden, des bevorzugten Menschen, zur Bildungsgeschichte der Menschen im Allgemeinen wendet, wie sie sich in den verschiedenen Persönlichkeiten der Stände darstellt, welche noch andere als Seelenkämpfe zu bestehen haben.«

»Aber glauben Sie, Herr Doctor!« fragte der Graf, »daß jene Kämpfe der niederen Stände um ihr äußeres Dasein, daß jene alltäglichen Miseren überhaupt eine poetische Behandlung zulassen, die sich über die Art der skizzenhaften Beleuchtung erheben könnte? Was können die Leiden eines armen Handwerkers, einer kleinen Näherin, die mit der harten Wirklichkeit um ihr täglich Brot zu ringen haben, für eine große, poetische Bedeutung bieten? Goethe hat das wohl gefühlt, und deshalb, dünkt mich, die Behandlung von Motiven vermieden, welche einer Idealisirung, wie die Kunst sie erheischt, nicht fähig waren. Im Kampfe um das tägliche Leben liegt keine Schönheit, keine Poesie.«

Ein Blick des Zornes leuchtete in Friedrich's Augen, und mit fester Stimme sagte er: »Die vornehme Welt, in der die Goethe'schen Romane sich bewegen, weiß freilich von der Sorge um das tägliche Brot noch weniger, als die leichtlebenden Götter Homer's, die denn doch das mühselige Ringen des Erdgebornen wenigstens ihrer Theilnahme nicht für unwerth hielten.«

Und während er das sprach, begegneten sich die Blicke des Studenten und des Grafen mit einem Ausdruck der Abneigung, welche diese beiden durch ihr Alter und ihre Stellung so weit getrennten Männer, seit dem ersten Augenblicke gegen einander empfunden hatten. Es war etwas Unvereinbares zwischen Friedrich's unterdrücktem Selbstgefühl und dem scharf hervortretenden Hochmuthe des Grafen, und der sichtliche Antheil, den die Baronin und ihre Töchter, trotz ihres Schweigens, an dem Jünglinge zu nehmen begannen, trug nicht dazu bei, den Grafen gegen den Freimuth desselben, den er als eine unberechtigte Anmaßung tadelte, milder zu stimmen.

Und wieder war es der Doctor, der die Vermittlung zwischen Friedrich's Worten und den Ansichten des Grafen übernahm. »Ich glaube, Ihr Irrthum, Herr Graf,« sagte er, »besteht darin, daß Sie übersehen, wie die Stimmung und das Interesse unserer Zeit sich gerade den Leiden der Stände zuzuwenden beginnt, welche Sie von demselben ausgeschlossen glauben. Damit aber ist die Aufgabe und die Bedeutung des Romanes eine wesentlich verschiedene geworden. Sobald der Roman sich aus dem Bereich des befriedigten Bedürfnisses in den Bereich des zu befriedigenden wendet, wird der Roman des schönen Scheins, die typische Behandlung desselben, zu einer Unmöglichkeit, der Roman der harten Wirklichkeit und der scharfen Individualisirung zur Nothwendigkeit.«

»Es ist etwas Wahres darin,« pflichtete die Baronin, welche bis dahin eine stumme Zuhörerin geblieben war, dem Doctor bei, »denn wir sehen in den Goethe'schen Compositionen, wie sehr er es vermieden hat, das Bedürfniß an seine Helden und Figuren herantreten zu lassen, um die reine Atmosphäre vornehmer Ruhe zu erhalten, in der sich Alles und Jeder bewegt.«

»Das kannst Du nicht sagen,« wendete der Baron ein. »Du findest den Architekten, Du findest Gärtner, Bauern, Schauspieler, den Harfner und viele andere Gestalten in den Dichtungen, denen die Sorge um des Lebens Nothdurft nicht fremd geblieben sein kann!«

»Aber bei allen diesen Menschen ist das Bedürfniß in dem Augenblicke, in dem wir sie vor uns handelnd erblicken, befriedigt, lieber Vater!« bemerkte Erich, der sich zu den Ansichten des Doctors und seines neuen Freundes neigte.

»Doch nicht bei den Schauspielern und dem Harfner,« wendete der Baron ein.

»Gewiß nicht!« sagte der Doctor, »aber gerade aus der Wahl dieser Gestalten können Sie sehen, wie Goethe es zu vermeiden wußte, die Noth bitter erscheinen zu lassen. Jene Architekten, Bauern, Gärtner, deren Sie erwähnten, sind, wie Erich richtig bemerkte, Alle wohlversorgt im Dienste großer Herren; der Harfner ist ein Geisteskranker, der stumpf geworden ist gegen die äußere Noth des Lebens, und die Schauspieler wissen sich durch Schuldenmachen und Nichtbezahlen vor eigentlichem Mangel zu schützen. So tief Goethe als Mensch für die Noth seiner Mitmenschen empfand, so sehr er in seinem Amte als Minister ihr stets abzuhelfen suchte, so entschieden hat er die Welt der Dichtkunst in der Welt der satten Bildung gesucht, und darin liegt sein Zusammenhang mit der romantischen Schule, die Anschauung, welche ihn in gewissem Sinne von den Bestrebungen der Nachwelt trennen könnte.«

Der Baron gab das, wenn auch mit Bedingungen zu, und die Baronin, welche stets einen ausgleichenden und versöhnenden Abschluß der Unterhaltung herbeizuführen liebte, sagte: »Was Sie auch gegen die Goethe'schen Schöpfungen, als Musterromane, einzuwenden haben, so werden sie dieselben doch als ewige Vorbilder eines klassischen Styls stehen lassen müssen.«

»Unbedenklich!« rief der Graf; und der Doctor sagte: »Dieser abstracte klassische Styl wird aber für den Roman eine Unmöglichkeit werden, wenn wir anfangen, das allgemeine Leben zum Vorwurf des Romans zu benutzen. Die Harmonie des gleichmäßigen Styls, der hochgebildeten Sprechweise, wie wir ihr in allen Figuren Goethe's begegnen, hört auf, sobald der Ungebildete in den Kreis der Dichtung gezogen wird.«

»Dadurch wird der Styl also buntscheckig werden,« meinte der Baron, »und einen untergeordneten Ton annehmen müssen.«

»Ja und nein!« sagte der Doctor. »Die Wirklichkeit hat gegen das Ideal anscheinend oft etwas Untergeordnetes, die Sprechweise des Arbeiters, der Bürgersfrau etwas Unschönes, wenn wir sie mit der glatten, durch keine persönliche Unart unterbrochenen Schönheit des Goethe'schen Styls vergleichen, und doch wird man diesen nicht überall anwenden, jene nicht entbehren können; aber ein strenges Maßhalten wird die Buntscheckigkeit und Kleinlichkeit, die Sie fürchten, leicht vermeiden lassen. Faßt der Dichter die Menschen mit jener großen Anschauung auf, mit welcher die Rafael, Tizian, Van Dyk, Murillo ihre Portraits erschufen, so wird das Bild jedes Menschen eine ewige Wahrheit und selbst das scheinbar Unbedeutende, Unschöne bedeutend und erfreulich; während das tägliche Leben uns überall Karikaturen bieten würde, wenn man kleinlich jede Art und Unart, jedes Fleckchen und jede Warze der Originale festzuhalten suchte.«

»Diese Dinge zugegeben,« meinte der Baron, »so wird aber Ihr humaner Roman der Zukunft eine maßlose Ausdehnung haben müssen, wenn er alle Stände in seinen Bereich ziehen will, und wir werden wieder zwölfbändige Werke wie die alten englischen erleben, wenn Sie sie nicht in zwei bestimmte Klassen, in aristokratische und Volksromane scheiden wollen.«

»Was sicher nothwendig sein wird, wenn sie haltbar und in sich abgeschlossen, das heißt ein Kunstwerk sein sollen,« fügte der Graf hinzu.

»Keinesweges!« meinte der Doctor. »Im Roman eine Trennung der Stände aufstellen, die im Leben immer mehr und mehr zu verbannen unser Bestreben ist, wäre kein richtiger Grundsatz, und die Länge eines Romans wird durch das Zusammenwirken der Stände so wenig bedingt, als seine künstlerische Einheit dadurch gehindert. Beschäftigt sich der Roman, wie es seine Aufgabe ist, mit der psychologischen Entwickelung einzelner Charaktere, so ist dem Zufall jeder Spielraum in demselben genommen. Er ist bedingt durch den Charakter der Helden, und mögen dann auch, wie im Leben selbst, Personen der verschiedensten Klassen an den Helden herantreten und zu seiner Bildung mitwirken, mag er sich in den entgegengesetztesten Sphären bewegen, dem Roman wird in dem Raume eines solchen Bildungsprocesses immer eine Schranke gesetzt sei, die ihn vor übermäßiger Länge bewahrt. Beschäftigt der Roman sich aber mit Vorgängen, macht er die Entwickelung spannender Ereignisse zu seiner Hauptaufgabe, so sinkt er zur Erzählung herab, hat keine innere Nothwendigkeit und kann so unermeßbar werden, als die Möglichkeit der Ereignisse selbst.«

(Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 5. Kapitel)


Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 1. - 6. Kapitel

 "Wie die Söhne aller Stände sich unter dem Schutze der alma mater zu einer Corporation zusammenfanden, so begegneten sich Kaufmannschaft, Adel, Militair, Beamte und Handwerker in den Gartenconzerten sowohl als auf den Bällen der Studenten, und die Universität trug auf diese Weise zur Ausgleichung der Standesunterschiede bei, während sich hinwieder das Leben in den verschiedenen Familienkreisen für die Gesittung der Studirenden förderlich bewies. Der Geist der Stadt war aufgeklärt und duldsam. Man hob es gern hervor, daß die kritische Philosophie von hier ihren neuen Aufschwung genommen habe, und von jener kirchlichen, mystischen Richtung, welche später in ganz Deutschland so bedenklich um sich griff, war zu Ende der zwanziger Jahre in dem Orte wenig zu bemerken, der als Handels- und Hafenstadt das Gepräge eines gesunden, tüchtigen Wesens an sich trug. [...]

»Der Heidenbruck ist famos,« meinte in einem Kreise von Litthauern ein schlanker, blonder Student, dessen scharfe Aussprache den Kurländer verrieth. »Er ist ein flotter Tänzer, fest auf der Mensur, ein hübscher Kerl und er hat Geld. Der Brand hingegen – –« »Was hast Du gegen Brand, Ruthenberg?« unterbrach ihn ein Borusse, der die letzten Worte vorübergehend gehört hatte, und stille stand, die Sache aufzunehmen. Ruthenberg hätte einlenken mögen, denn er hatte im Grunde Nichts gegen den Genannten einzuwenden, als daß er einer Partei angehörte, mit der die Litthauer eben erst behufs der Bälle Frieden geschlossen hatten. Indeß der Gedanke, man könne ihm dies Einlenken für Feigheit auslegen, machte ihn trotzig. Mit allem Hochmuthe eines kurländischen Grafensohnes warf er also die Oberlippe unter dem blonden Schnurrbart in die Höhe, und sagte trocken: »Was ich gegen ihn habe? Er gefällt mir nicht!« Kaum aber hatte er die Worte ausgesprochen, als er sie bereute, denn der Borusse sowohl als seine eigene Partei empfanden es übel und wendeten sich mit Heftigkeit gegen ihn. Die Ausdrücke ihres Mißfallens wurden nicht sorgfältig gewählt, der Zorn der Jugend ist rückhaltlos, jeden Augenblick konnte es zu einem Duelle kommen, das der Senior grade jetzt zu vermeiden wünschte; er selbst also nahm lebhaft Partei für den mit großer Stimmenmehrheit erwählten Brand, und fragte gegen den Borussen gewendet: »Glaubst Du, daß Brand die Wahl annehmen wird?« »Warum zweifelst Du daran?« fragte Jener immer noch gereizt. »Weil er Ostern das Examen machen will!« »Heidenbruck will das auch!« entgegnete der Borusse. »Ja!« sagte der Senior, »aber fällt der durch, so fällt er in seines Alten Geld- und Kornsäcke; Brand – –« »Steht im Examen fest wie auf der Mensur, das solltest Du wissen!« fiel ihm Jener in's Wort, und wieder hing eine Forderung in der Luft, als ein Student, bedeutend älter als die Uebrigen, der bisher theilnahmlos auf- und abgegangen war, an den Kreis herantrat. Er zog eine große silberne Uhr aus der Tasche, hielt sie den Andern vor und sagte mit einer starken, aber heisern Stimme: »Wie wäre es, wenn Ihr Brand sein Examen selbst überließet und wir Mittag essen gingen, lieben Söhne! Es ist spät! Schon acht und eine halbe Minute über Eins!« Larssen's Vorliebe für behaglichen Tischgenuß, wie seine zum Gespött gewordene Pünktlichkeit bei demselben, die mit der Unregelmäßigkeit seines übrigen Lebens in grellem Widerspruche stand, rief auch jetzt wieder ein so lautes Gelächter unter den Studenten hervor, daß man des Streites in der Heiterkeit vergaß. [...] 

Larssen war drei Jahre auf der Universität, als sein Vater durch unglückliche Speculation sein Vermögen verlor. Beide Eltern überlebten dies Unglück nur eine kurze Zeit, und der Sohn sah sich plötzlich auf sich selbst gewiesen. Für eine energische Natur wäre der Druck der Verhältnisse eine Triebkraft gewesen, um so schneller und höher zu steigen; nicht so für ihn. Er wollte dem Menschenkreise entgehen, der ihn beklagen konnte, er wollte sich den drohenden, augenblicklichen Entbehrungen entziehen, und eine Hauslehrerstelle in einer adligen Familie, die ein Freund derselben ihm anbot, schien ihm dazu der geeigneteste Ausweg. Betroffen von dem Vertrauen seines Freundes, das nicht zu verdienen er sich bewußt war, hatte Larssen es als eine Ehrensache angesehen, seine Verpflichtungen im Hause des Baron von Heidenbruck mit höchster Pünktlichkeit zu erfüllen. Der älteste Sohn des Barons, Erich, den man eben jetzt zum Entrepreneur der Bälle ernannt hatte, war damals bereits in einem Erziehungsinstitute, und nur Georg noch im Hause gewesen, der bald darauf einem Cadettenhause übergeben worden war. Larssen hatte also nur den wissenschaftlichen Unterricht der Töchter zu besorgen gehabt, der ihn wenige Stunden des Tages beschäftigte. Die ganze übrige Zeit hatte er sich selbst und seinen Neigungen gelebt, die in dem hochgebildeten, gastfreien Hause mit denen der Besitzer glücklich genug zusammenfielen. Seine literarische Bildung, feine guten Umgangsformen, sein Geist und seine Anspruchslosigkeit, seine Theilnahme für jeden Vorgang des menschlichen Lebens, hatten ihn dem Baron und seiner Gattin zu einem angenehmen Hausgenossen gemacht, dem man jede Bequemlichkeit bereitwillig gewährte und manche Unregelmäßigkeit der Sitten verzieh. Fünf Jahre waren für Larssen in diesen Verhältnissen unter dauerndem Wohlbehagen dahingeschwunden, als die Ernennung zum Landforstmeister den Baron nach Königsberg berief, wo man des Hauslehrers für die Töchter nicht mehr benöthigt war. Wohlmeinend drang man in ihn, sich einem Examen zu unterwerfen, der Baron erbot sich, ihm beim Beginne jeder zu erwählenden Laufbahn mit seinem Einflusse förderlich zu sein; Larssen konnte zu keinem Entschlusse kommen. Seine Lässigkeit war in den fünf Jahren des Wohllebens, bei den Studien, die er als Dilettant betrieb, gewachsen, und obschon er dabei dem erstrebten Ziele einer universellen Bildung näher gekommen war, als er selbst es wußte, hatte er alle Kraft verloren, seine Kenntnisse fleißig zum eigenen Besten zu verwerthen." (Fanny Lewald: Wandlungen 1. Band, 1. Kapitel)

Larssen über die Töchter Heidenbruck:

»Es sind sonderbar geartete Naturen, diese Mädchen. Beide idealistisch, Beide dem Gewöhnlichen feind, Helene aus Liebebedürfniß, Cornelie aus Verstand und Herzensgüte. Helenens Phantasie trägt sie weit hinaus über die Beengung des conventionellen Lebens, in dem sie erwachsen ist. Sie glaubt an ein Ideal von Liebesglück und möchte dies erreichen, während Cornelie von Kindheit an sich skeptisch verhalten hat gegen Alles, was sie umgab, und von geläuterten Weltzuständen phantasirte, in denen es keine Noth und kein Elend geben sollte. Helene wollte immer einen Feenprinzen heirathen und überirdisch glücklich werden, Cornelie eine Fee sein und alle Armen glücklich machen. Ich habe viel Noth mit ihnen gehabt, bis ich sie zur Wirklichkeit gewöhnte.« »Und ist Dir das gelungen?« fragte Friedrich mit reger Theilnahme. »Allerdings! Es steckt zwar in Beiden noch die eigene Richtung, die ja dem Menschen angeboren ist wie sein Blut und seine Haut, aber sie haben gelernt sich in die Welt zu fügen und vom Leben keine Ideale zu verlangen. Es sind eben vernünftige Frauenzimmer geworden, und die kluge Mutter wird für sie auch die richtigen Lebenswege bahnen. Ich sehe das im Werden!« (1. Band, 5. Kapitel)

Da kam die treue, so oft verspottete Gefährtin unseres Lebens, die Gewohnheit, ihm zu Hülfe. Der Schlag der Thurmuhr schreckte ihn erlösend aus seiner Verzagtheit empor. [...]

Die Jugend hat das Vorrecht, an die Erfüllung ihrer idealen Wünsche zu glauben, darin liegt ihre Kraft und ihr Glück, und wer ein Ideal im Herzen trägt, nach dessen Erlangung er trachtet, hat an demselben einen mächtigen Bundesgenossen gewonnen. [...]

Helene antwortete nicht gleich. Erst nach einer langen Pause sagte sie: »Er selbst, Friedrich, muß der Dichter werden, der das Volk schildert in seiner Schönheit! Wer hat je mit dieser Einfachheit von seinem Leben, mit solcher Liebe von seinen Entbehrungen, mit solcher Schönheit von Schmerz und Leid zu uns gesprochen, als er? Es ist mir überhaupt, als hätte ich heute zum ersten Mal erfahren, wie Menschen zu einander reden sollten, und was es heißt mit einem Menschen sprechen!« [...] 

Ruhiger, als die nur mit dem Herzen lebende Helene, sah Cornelie, mit Angst der Schwester plötzlich auflodernde Liebe für Friedrich, und suchte sie durch den Hinweis auf das arme Mädchen zu zerstreuen. Als aber Helene ihr Lager gesucht hatte, da kniete Cornelie neben demselben nieder, faßte die Hände der Schwester und sagte, das Gesicht an ihre Wange geschmiegt: »Sprich vor Niemand, vor Niemand, Helene! wie Du vorhin zu mir gesprochen hast, und bete um Selbstüberwindung, denn es wäre ein Unglück, hättest Du sie nicht!« (1. Band, 6.Kapitel)