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09 November 2023

Helmut Gollwitzer: und führen, wohin du nicht willst

Helmut Gollwitzer: und führen, wohin du nicht willst*,  München, Chr. Kaiser Verlag 1951

*Johannes 21,18

Deutsche Biographie

Buchvorstellung (von 2018)   Morgenandacht unter Bezug auf das Buch

"Im Krieg als Infanterist im Westen, dann als Sanitäter an der Ostfront eingesetzt, geriet Gollwitzer im Mai 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft, aus der er Ende 1949 zurückkehrte. Seine Verlobte hatte sich während der letzten Kampfhandlungen um Berlin im April 1945 in Zeesen bei Königs Wusterhausen das Leben genommen. Mit seinem immer wieder neu aufgelegten und vielfach übersetzten Gefangenschaftsbericht „… und führen, wohin du nicht willst“ (1951), in dem er die Frage der eigenen Mitverantwortung und Schuld als Wehrmachtssoldat, aber auch die russische Lebenswirklichkeit unter den Bedingungen des Sowjetsystems kritisch reflektierte, erregte er auch international Aufsehen." (Deutsche Biographie)

Zitate und Zusammenfassungen:

Gollwitzer erkennt, als sie (die Soldaten der Wehrmacht in ihrem Sanitätswagen) erkennen, dass ihnen der Fluchtweg über die Moldau abgeschnitten ist, dass sie jetzt die Strafe für ihr Verhalten als Wehrmacht zu erwarten haben.

"Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine waren in diesen Tagen von unglaublicher Gewalt. Am 9. Mai, als sich jeder geordnete Zusammenhang auflöste und der Rückzug zur Flucht auf die Moldau zu wurde, begann es mit Ruf und Antwort: "Der Herr rief Samuel. Er aber antwortete: "Siehe, hier bin ich!" (1. Sam. 3,4.) Um diese Antwort würde es sich also bei den künftigen Erlebnissen handeln. Das "Dein bin ich. Was verfügst Du zu tun mit mir?" in jenem Gebet der Theresa von Avila , das mich durch den Krieg begleitet hatte, wollte nun erst recht in ganzer Bereitstellung gesprochen sein.

– Am 10. Mai wurde das noch genauer erklärt: "Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun" (Hes. 36,27). 'Solche Leute' kommen – Gott mochte wissen, wie wenig wires waren und wieviel dazu noch fehlte; nun aber war die Verheißung gegeben aus der sich der Sinn für alles und jegliches Kommende entnehmen ließ: Alles, was kommen wird, muss mir (es zerbrach jede Deutung des Gesamtschicksals an der Undurchsichtigkeit der göttlichen Regierung der Geschichte; aber für mich hörte ich das nun in aller Deutlichkeit, einsam musste ich es erst für mich hören und konnte es dann jedem einzelnen mit Gewissheit weitersagen) dazu dienen, einer von 'solchen Leuten' zu werden; aus der Absicht Gottes, mich unter 'solchen Leuten' zu haben, wächst alles heraus, was er nun hier zufügen und zulassen wird. Bis jetzt war es schlecht mit dem Wandel in seinen Geboten bestellt gewesen; nun wollte Gott mir dazu helfen; es kam also für mich darauf an, mir durch alles, was geschah, dazu helfen zu lassen." (S.31)

Zunächst wurden die deutschen Gefangenen im sowjetischen Lager gut behandelt und erhielten genügend Essen. 

Filzen (S.48-58)

Über die Unterschiede zwischen Mitteleuropäern und Osteuropäern:
"Der wichtigste Unterschied lag aber wohl nicht in den hochgezüchteten Bedürfnissen des Mitteleuropäers gegenüber dem Osteuropäer, sondern mehr noch in dem Wunsch nach eigener Lebensgestaltung, der auch im einfachsten Menschen bei uns sehr stark ist (durch die Hitlerjahre keineswegs vermindert), und der im Osten, ob durch Anlage oder durch die lange Reglementierung und Nivellierung des Lebens, so viel weniger Kraft besitzt.

Das musste sich in Zeiten, in denen der Krieg das Leben eines Volkes beherrscht, besonders auswirken. Das Hitlerregime hat dreieinhalb Jahre lang nicht gewagt, dem deutschen Volk die eigentlichen Einschränkungen des totalen Krieges zuzumuten. Stalin tat es in der rücksichtslosesten Weise vom ersten Tage an, ja, der Krieg war hier nur eine neue Form der Zumutung, unter der das russische Volk schon seit zwei Jahrzehnten stand; es stand seit der Revolution unterbrochen in einem totalen Krieg, in dem es ständig höherer Zwecke wegen, der Revolution wegen, der Sozialisierung wegen, der Industrialisierung wegen sein Wohlergehen opfern musste." (S. 116)
"Da aber Gefangene nirgends auf der Welt es besser haben als die Bevölkerung selbst, war es nicht verwunderlich, dass ihnen nun die gleichen Entbehrungen zugemutet wurden wie dieser. An dieser Zumutung sind die Massen der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gestorben.
Man hatte uns ja wahrlich nicht zur Erholung nach Russland transportiert. Man wollte Arbeit von uns, nichts als Arbeit. Und dieser Wunsch musste sich nun allerdings mit dem humanen Vorsatz, uns als Menschen existieren zu lassen, stoßen, und wo er sich stieß, war es kein Wunder dass er sich gegen die Humanität durchsetzte." (S.117) 
"Sie hatten ja alle selbst nichts, was Wunder, wenn sie sich an unserer Verpflegung gütlich taten. Wir haben im Waldlager in sechzehn Monaten acht russische Magazinverwalter gehabt, das heißt, dass jeder von ihnen durchschnittlich zwei Monate Zeit hatte, bis seine Unterschleife (meist natürlich gerade der Edelprodukte wie Fett und Fleisch) so zum Himmels stanken, dass er ausgewechselt werden musste. Dem verantwortlichen Verpflegungsoffizier ist schließlich der Prozess gemacht worden, bei dem auch Leute von uns gegen ihn aussagen konnten, aber davon wurde keiner unserer Toten mehr lebendig. " (S.118)
2. Teil: Krasnogorsker Tagebuch
Gollwitzer kommt in ein Lager, das sehr gepflegt ist und wo er plötzlich nicht mehr zu arbeiten braucht.
"In dieses Gentlemen-Lager holt sich die MWD von überall her das zusammen, was sie besonders interessiert – aus günstigen oder ungünstigen Gründen. Bei den vielen Generalen, Stabsoffizieren und Diplomaten dürften es mehr ungünstige sein, bei den technischen Spezialisten, den Wissenschaftlern, den Pfarrern und anderen mehr günstige. Sind es ungünstige, dann ist dieses Lager vielfach nur das 'Vorzimmer zur Lubjanka'; sind es günstige, dann ist es die nächste Etappe zur Heimfahrt, wie ich es immer noch von mir hoffe. So wohnt hier Verheißung und Gefahr auf engem Raum miteinander; wer dieses Lagertor durchschreitet, tut es mit tiefer Sorge im Herzen – oder hoffnungsgeschwellt, wie ich heute." (S. 125)

Eintrag 27.11.1947: G. wird aufgefordert, an einem Buch über die sowjetischen Kriegsgefangenenlager mitzuarbeiten und sagt voreilig zu. (S.162f.)
"Gewiss werde ich die ganze Wahrheit zu Hause sagen und auch den Sowjets Gerechtigkeit widerfahren lassen, aber es ist schon sicher, dass in diesem Buch vieles fehlen wird, was nicht fehlen darf: Eugen K., der erfror, weil sie bei der Arbeit kein Feuer anzünden durften, und Alfred S., dem ein Wächter in den Bauch schoss und das Gesicht zerstach, werden nicht drinstehen und die Leichen, die sie in Archangelsk im Winter erstarrt unter die Pritschen schoben und erst im Frühjahr begruben, um solange ihre Verpflegung mit aufessen zu können, auch nicht. Was ich sage, werde ich allein sagen müssen, aber nicht mit diesen gefügigen Genossen zusammen, die tun, was man von Ihnen verlangt.
Am nächsten Tage ziehe ich meine Zusage zurück, es sei mir klar geworden, dass es sich doch um ein politisches Propagandaunternehmen handle, bei dem ich nichts zu suchen hätte.". (S.163)

7.1.1948: "Man will uns in den 'letzten Monaten' noch die besten Eindrücke von der Sowjetunion mitgeben. So soll das ganze Lager gruppenweise an Exkursionen durch Moskau teilnehmen. Heute fand die zweite statt (es war auch die letzte!) - und ich war dabei!" (S.167)
"Es fehlt hier alles, was eine westliche Großstadt aufregend macht: die Schaufenster (nur einige gute sind da, mit Damenmodellen, Pelzen, protzenhaft-geschmacklosen Möbeln), die Luxusläden, die Kärntnerstraße, die Leuchtreklame, kurz, die ganze sichtbar gewordene kapitalistische Bedarfsreizung. Und es fehlt das ganze Nachtleben, die Bars, die Cafés die Kabaretts, die Hotels. Wo mögen sich die Einwohner nur am Abend vergnügen? Ein paar sehr teure Tanzcafés soll es geben. Die Gaststätte hatte ja im Osten nie die große Bedeutung für die Geselligkeit wie im Westen, und seit der Revolution hat sich das gesellige Leben ganz auf die Clubs der Betriebe zurückgezogen. So erscheint Moskau dem Reisenden als eine etwas monotone, unfarbige Stadt der Arbeit und des Ernstes." (S.169)
Dreifaltigkeitsikone (Wikimedia Commons) 



Zur Tretjakowka: "In den ersten neuen Sälen ist das Wunder von Russland – die Ikonen, vorzüglich restauriert und sehr sorgfältig aufgehängt, darunter jene berühmten von Rubljew und manche, die Ihnen gleichkommen. Zwei Stunden blieb ich bei Ihnen – sie gehören zu den schönsten Stunden meines Lebens." (S.170)


"Wie belanglos die Ideen und ihr Unterschied sind gegenüber dem einheitlichen Menschentyp , den die neuen Systeme fordern und erzeugen, zeigt neben dem gefügigen Josef und dem alten Kommunisten Willi der Neomarxist T. Er war Junker einer nationalsozialistischen Ordensburg, SS-Offizier und wilder Nazi. Nun ist er ein angesehene Antifaschist und wird bald eine hohe Funktion in der Ostzone übernehmen. An ihm hat sich nichts geändert als die Terminologie, und auch die nur beschränkt. Anstelle der Pfaffen, Juden und Plutokraten sind es nun die Pfaffen, Rechtssozialen und Plutokraten, denen seine Brandreden gelten. Unverändert ist die Brutalität, das terroristische Auftreten, die Verachtung des Menschen und das Bedürfnis nach der Macht. Sie alle drei dienen weder eine Idee noch den arbeitenden Menschen, sie dienen nur nicht selber nur sich selbst.(S. 178)
Vor einigen Wochen forderte mich der 'Kulturleiter' des Aktivs auf, einen öffentlichen Vortrag über 'Probleme der geistigen Erneuerung Deutschlands' zu halten. Dass er mich, der ich den Eintritt ins Aktiv abgelehnt hatte, überhaupt dazu einlud, hängt mit der von oben befohlenen neuen Linie der politischen Arbeit zusammen. Man sieht, dass man mit der marxistischen Dauertrompete nur an verschlossene Ohren stößt, man besinnt sich darauf, dass man ja ursprünglich die nichtnationalsozialistischen Menschen gewinnen wollte, und will deshalb auch Nichtmarxisten zu Wort kommen lassen. Ich nahm an, ging aber nach einiger Zeit, nachdem ich mir zurecht gelegt hatte, was hier zu sagen sei, zum Aktiv und empfahl ihnen, ihre Einladung zurückzuziehen. Da ich mir nicht untreu werden könne, würden sie auch einiges Ungewohnte und Unliebe zu hören bekommen und dadurch mit ihren eigenen Leuten in Schwierigkeiten geraten. Man beriet, man diskutierte – aber siehe, man machte sich stark und beharrte bei der Einladung.
Gestern Abend steht die Sache. Tout le monde war da,  Zwei Stunden sprach ich, die Aufmerksamkeit ließ nichts zu wünschen übrig, und morgen Nachmittag soll im geschlossenen Kreise darüber eine Aussprache stattfinden. Ich begann mit einer Schilderung der geistigen Lage beim Zusammenbruch des Dritten Reichs, fasste, da uns die westdeutschen Verhältnisse so gut wie unbekannt waren, die Lage der Sowlietzone ins Auge, nannte Christen und Marxisten die beiden einzigen Gruppen, die als Gestaltungsfaktoren des geistigen Lebens übrig geblieben sein, nannte ihre Zusammenarbeit die Entscheidungsfrage eines sinnvollen Neuaufbaus und skizzierte ihre Bedingungen: die Zusammenarbeit müsse ehrlich und vertrauensvoll sein und hänge also, bei der Unmöglichkeit einer Synthese und bei der Unmöglichkeit, den anderen Teil aus der Welt zu schaffen, von der strikten Erfüllung zweier Forderungen ab: dass man sich gegenseitig dulde (also Verzicht auf Totalität, auf Terrorisierung der Minderheit) und sich gegenseitig ernst nehme (also sich gegenseitig kenne und bereit sei, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zur besseren Erkenntnis des Notwendigen zu dienen)." (S. 179/180)

Über das Spitzelwesen in der stalinistischen Sowjetunion 12.4.1948



































Wenn man bedenkt, wie viel Gollwitzer schon auf den ersten 150 Seiten über Lagerleben geschrieben hat, beeindruckt es, wie viel zusätzliche Überlegungen er dann über die weiteren Stationen einbringen kann. Noch mehr beeindruckt mich aber, wie viele grundsätzliche Gedanken er sich über das Leben im Sowjetsystem und in totalitären Regimen allgemein gemacht hat.

Fortsetzung der Buchvorstellung  vom 12.3.2024                                                                                                                                                                                                                                            

04 Januar 2023

Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre

 Verlagstext:

Wie das Schreiben beim Überleben hilft – die bewegende Lebensgeschichte eines der berühmtesten Kinder- und Jugendbuchautoren.

Otfried Preußler war ein deutscher Junge wie viele. Außer, dass er mit 17 anfing zu schreiben. Er kam mit 19 Jahren an die Ostfront und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Dort rettete er sich – nicht zuletzt – durch das Schreiben. Was er dort erlebte, wie ihn diese Zeit prägte und welche Kämpfe Otfried Preußler mit sich selbst ausfocht, erzählt Carsten Gansel anhand aufsehenerregender Archivfunde und autobiographischer Texte.

Carsten Gansel zeigt, auf welche Weise seine Eltern und die böhmische Landschaft mit ihren Mythen, Sagen und Legenden, und wie Krieg und Gefangenschaft Otfried Preußler prägten und in spätere Werke wie etwa Krabat eingingen. Bei der biografischen Spurensuche hat er zahlreiche Dokumente aus schwer zugänglichen russischen Archiven aufgespürt und gänzlich unbekannte Texte von Otfried Preußler zutage gefördert. 

Auch Teile eines Jahrzehnte später entstandenen Autobiografie-Projektes und eines unveröffentlichten Romanvorhabens liefern neben unbekannten Gedichten, Briefen, Notizen, Berichten ein eindrucksvolles Bild eines Autors, der wie viele andere seiner Generation auf existenzielle Weise in die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts geriet und seinen eigenen Weg fand.

Leseprobe

Perlentaucher:

"Bei Rezensent Niklas Zimmermann hinterlässt Carsten Gansels Biografie über Otfried Preußler einen zwiespältigen Eindruck. Einerseits beeindruckt die ausgiebige Recherche im Privatarchiv und in bislang unveröffentlichten Dokumenten. Die akribische Annäherung führt zu großer Empathie mit Preußler. Andererseits erweist sich jedoch genau diese Nähe auch als Problem, findet Zimmermann. Er bemängelt eine unkritische oder gänzlich fehlende Auseinandersetzung mit Preußlers persönlichen und familiären Verstrickungen in die NS-Ideologie. Das gilt für Preußlers ersten Roman, der Sympathien für die Hitlerjugend hegt*, wie auch für Verbindungen des Vaters zu völkischen Dichtern. Zimmermann irritiert, dass Gansel hier hinter den Forschungsstand zurückfällt und hätte sich insgesamt mehr Nüchternheit in der Auseinandersetzung mit dem historischen Kontext Preußlers gewünscht."
*  "Erntelager Geyer" (Gansel, S.134 ff.), das Werk eines Siebzehnjährigen, der es 1940/41  geschrieben hat, ein im böhmischen Wernersdorf spielendes Jugendbuch im Stil der HJ-Ideologie, das 1944 im Verlag Junge Generation, Berlin erschienen ist" (Wikipedia) sollte nach Zimmermann also offenbar gemäß dem "Forschungsstand" ideologiekritisch bewertet werden.
Viel sinnvoller erschiene es mir, die Kriterien zu betrachten, aufgrund derer Gansel Preußlers frühen Werke, die auf seine Erlebnisse in der sowjetischen Gefangenschaft zurückgehen, den Vorzug gegenüber den Werken der Gruppe 47 (S.436f.) gibt, die ihm zu sehr aus der Opferrolle schreiben.
Und dass Gansel den Forschungsstand über Preußler aufgrund seiner Entdeckungen von frühen Manuskripten Preußlers ganz erheblich vorangebracht hat, und also nicht hinter ihn zurückgefallen ist, scheint mir offenkundig. 
Doch darüber ließe sich aus streiten.

Zur Vorstellung des Buches

Rund 50 von den ersten 78 Seiten sind nicht Otfried Preußler, sondern Josef Syrowatka,  einem Heimatforscher und Volkskundler aus dem böhmischen Reichenberg gewidmet. Über ihn schreibt die Wikipedia:

"[...] In der Zeit der jungen Tschechoslowakei war Syrowatka 1919 bis 1922 Herausgeber in den Reihen „Bücher für die deutsche Jugend“ und „Bücher für das Klassenlesen“, Auswahlreihen von Werken anerkannter Schriftsteller für die Jugend.[8] Ab 1923 war er ehrenamtlich für die ortsgeschichtlichen Sammlungen verantwortlich, die er zum Museum „Heimathort“ ausbaute.[9] Dort legte er unter anderem eine große Sammlung von böhmischen Weihnachtskrippen an. Er begründete eine heimatkundliche Fachbibliothek und verfolgte vielfältige weitere heimatkundliche Aktivitäten. Insbesondere sammelte er deutschsprachige Sagen und Märchen im nahegelegenen Isergebirge. Er publizierte zahlreiche Beiträge in diversen heimatkundlichen und volkskundlichen Zeitschriften und verfasste auch selbstständige Werke, vor allem lokalgeschichtlichen Charakters.[10] In seinem Bändchen Reichenberg (1922) sind lokalhistorische und volkskundliche Dokumente sowie eigene Überblicksdarstellungen versammelt, antitschechische oder antisemitische Bemerkungen fehlen völlig. Gelegentlich schrieb Syrowatka zudem Gedichte.[11] Er wird auch als Stadtarchivar und Chronist von Reichenberg/Liberec bezeichnet.[12] Von 1925 bis 1938 war er Schriftleiter der vom Deutschen Landeslehrerverein in Böhmen herausgegebenen Zeitschrift Deutsche Jugend, die der deutschsprachigen Jugend zur Belehrung und Erbauung dienen sollte.[13] [...]"

Dieser Syrowatka wählt den Mädchennamen seiner Großmutter Agnes Praizler in der Nebenform des Namens: Preußler.

Otfried Preußler begann schon mit 17 zu schreiben. Prägend war für ihn außer Kindheit und Jugend seine Zeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft:

"Unmittelbar nach seinem Abitur 1942, das er mit Auszeichnung bestand,[8] wurde Preußler zum Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogen. Er überstand den Einsatz an der Ostfront und geriet als 21-jähriger Offizier 1944 in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Die nächsten fünf Jahre verbrachte er in verschiedenen Gefangenenlagern in der Tatarischen Republik, unter anderem in Jelabuga. Er litt unter Typhus, Malaria und Fleckfieber und magerte bis auf 40 Kilogramm Körpergewicht ab.[3]" (Wikipedia)


23 Dezember 2014

Otto von Rohr berichtet über seine Kriegsgefangenschaft bei den Franzosen 1793

Theodor Fontane beginnt seinen Bericht über die Kriegsgefangenschaft Otto von Rohrs so:
Dem Hauptmann von Capernaum waren aus seiner zweiten Ehe mit dem Fräulein von Jürgaß zwei Söhne geboren worden, von denen der jüngere den Namen des Vaters, Georg Moritz, führte. Der ältere dagegen war Otto von Rohr. Sein Gedächtnis lebt in Trieplatz in einem schönen Akazienbaume fort, der vom Park aus in das Gartenzimmer blickt. [...]
Danach zitiert er Aufzeichnungen Otto von Rohrs. Ich überspringe den Anfang und steige dort ein, wo der Franzose Malwing, der den kriegsgefangenen Rohr vor dem Erschießen durch Marodeure gerettet hat, ihn als eine Art persönlichen Gefangenen betrachtet, der von seinem Schützling das meiste, was dieser an Werten bei sich trug, an sich genommen hat : 
Abends in der Dämmerung erschien abermals Freund Malwing. Er trat ein mit einem: à présent tout est au diable! Dies hatte zum Teil Bezug auf die mir abgenommenen Habseligkeiten. Er hatte sie zusammen in ein Papier gewickelt, in seine Rocktasche gesteckt, und diese war ihm durch eine preußische Kanonenkugel weggerissen, oder wie er sich ausdrückte »zum Teufel geschickt worden«.Er hatte dabei eine Kontusion davongetragen, weshalb er zurück in ein Lazarett gehen mußte. Ich bot ihm, da mir sein Verlust leid tat, nochmals meine Schärpe an, aber er lehnte nochmals ab und verwies mir meine Unfolgsamkeit, sie nicht nach seinem Rate besser versteckt zu haben. Dann mahnte er mich zu Geduld und Vorsicht, reichte mir seine Flasche und ging fröhlich und guter Dinge ab, mit dem Versprechen, mich wieder zu besuchen.
Und so beschloß sich der zweite Tag meiner Gefangenschaft. Durch tausend Bemerkungen belästigt, von Ahnungen und Besorgnissen gequält, dazu von der Hoffnung einer baldigen Änderung meines Geschicks nicht mehr geschmeichelt, setzte ich mich, meinem neuen Freunde Wilhelmy gegenüber, auf einen Schemel und wünschte mir Schlaf. Doch ihn zu finden, daran war nicht zu denken. Die Stube zum Ersticken heiß und mit Menschen derart gefüllt, daß ich schlechterdings meine Füße nicht regen konnte, ohne jemanden zu treten. Meine Lage war äußerst lästig, und endlich durch die Bewegungslosigkeit, zu der sich mein Körper gezwungen sah, dem Erstarren nahe, blieb mir kein anderes Mittel, als auf den Schemel zu steigen. Hier stand ich wie ein Säulenheiliger. Alles schlief und schnarchte, nur Wilhelmy und ich nicht.
Genug, es war nicht die schmerzhafteste, aber doch die peinlichste[410] Nacht meines ganzen Lebens. Endlich kam der so lang' ersehnte Morgen, und alles regte und reckte sich. Ach wie war ich so froh.
Den 30. November 1793. Der Morgen kam und mit ihm die Sterbestunde für so manchen, Freund wie Feind. Viele fanden ihren Tod gestern schon, viele ehegestern, noch mehr fanden ihn heute. Früh mit der ersten Morgendämmerung begann die Schlacht von neuem; das Feuer der Kanonen war dabei so heftig, wie ich es noch nie gehört hatte. Etwa um elf war die Bataille völlig zum Vorteil der Preußen entschieden. Die Franzosen machten indessen, wie bekannt, einen meisterhaften Rückzug, so daß sie trotz des schlechten Terrains, auf dem sie sich bewegten, keine Kanone verloren. Es kam ihnen dabei freilich zustatten, daß unsere Kavallerie ganz entkräftet war. Von dem Gewimmel der Zurückkommenden sahen wir nur wenig, da auch wir, als die Retirade begann, zurück mußten. Wir bildeten nur ein kleines Häuflein, Wilhelmy, ich, der Junker und etwa acht Gemeine, das war die ganze gefangene Gesellschaft, schließlich noch durch sechs oder sieben Deserteure vermehrt. Letztere höchst widriges Gesindel. Mit genauer Not bekamen wir einige von den erbeuteten Pferden; dann, bei jedem Offizier ein Gendarm, außerdem noch zwei, drei zur Eskorte der übrigen, so ging unser Zug rückwärts auf der Straße nach Homburg zu.
Ein wahrer Golgathas-Weg für uns arme Sünder. Gleich zu Anfang passierten wir einen großen Teil der französischen Armee, die auf einer weiten Ebene hielt. Hier fanden wir Truppen aller Art, auch das Proviantfuhrwesen. Wir kamen leidlich vorüber. Als wir aber eine andere Abteilung der geschlagenen Armee erreichten, bei der sich viele Hunderte von Schwerverwundeten befanden, war es mit unserer Ruhe vorbei.
Ein großer Teil dieser Unglücklichen, als sie uns sahen, gebärdete sich wie rasend, wetterte und fluchte und schien durchaus willens, es bei den insultierenden Worten nicht bewenden zu lassen. Mehr als einmal schlug man die Gewehre auf uns an, und nur der Umstand, daß wir rechts und links Gendarmen zur Seite hatten, die bei dieser Gelegenheit so gut wie wir getroffen werden konnten, rettete uns aus dieser Gefahr. Die Insulten dauerten fort, aber nach einer halben Stunde schienen auch die Lungen erschöpft und man ward still. Nochmals eine halbe Stunde später und wir wurden in einem Stall untergebracht, wo sich unser Häuflein alsbald um einen Unglücksgefährten vermehrte. Das Regiment Göcking-Husaren hatte verfolgt und bei diesen Verfolgungs-Scharmützeln[411] war Kornett Gottschling vom genannten Regiment verwundet und dann gefangen genommen worden. Er hatte einen Hieb über den Kopf, einen andern über die Hand und war in sehr bedauernswerter Lage. [...]
Ein paar Tage später:
Der Gefangenwärter erschien nun wieder, brachte Streustroh und Leuchtung, fragte nochmals, »ob wir wirklich kein Geld hätten« und bedauerte uns herzlich, als wir ihm unser Nein wiederholten. Der gute, christliche Deutsche beklagte uns sehr und schien in Mitleiden für uns aufzugehen; nichtsdestoweniger vergaß er, uns unser Deputat Brot für den Nachmittag und Abend zu geben. Nur ein Weilchen noch blieb er, um uns Trost und Mut einzusprechen, wünschte uns dann eine wohlzuruhende Nacht und – ging. Das Letzte, was er uns hören ließ, war das Rasseln und Klirren der Schlösser und Riegel.
Nun waren wir mit uns und unserm Elend allein. Mein alter Wilhelmy erlag fast seinem Schicksal: er schwankte zur Streu und wünschte sich laut die ewige Ruhe. Gottschling litt heftige Schmerzen, legte sich auch und hoffte Linderung vom Schlaf. Ich folgte seinem Beispiel. Ein paar Stunden mocht' ich geschlafen haben, als Wilhelmy mich weckte; ihm brannten Kopf und Körper, Gottschling erwachte ebenfalls im heftigsten Wundfieber. Beide lechzten nach Wasser und – Gott! der Krug war leer, ebenso der Kübel. Ich lief in der Stube umher, rief und schrie nach Hilfe; umsonst, unser Kerker war zu abgelegen, als daß irgendwer hören konnte. Ich stieß gegen die Tür, in der Hoffnung, sie zu sprengen, aber Schloß und Riegel waren zu fest. Hinweg, selbst von der bloßen Erinnerung an diese Unglücksnacht.
Den 2. Dezember 1793. Morgens, vielleicht acht Uhr, saß ich an dem Lager meiner beiden Gefährten, vertieft und verloren in unser trübes Geschick. Wilhelmy und Gottschling, trotz Fieber und Durst, waren eben wieder eingeschlafen, als plötzlich die Tür aufging und einige junge Frauenzimmer, deren Bekanntschaft Gottschling vor acht oder zehn Tagen gemacht hatte, mit Kaffee und Semmel bei uns eintraten. Diese gutmütigen Magdalenen, die vielleicht durch den Gefängniswärter von ihm gehört haben mochten, hatten sich mit Mühe und Schwierigkeiten einen Weg zu uns gebahnt und leisteten nun soviel Hilfe, wie in ihren Kräften stand. Auch einen Stadtwundarzt brachten sie mit, um[414] Gottschlings Wunden zu verbinden. Ich weckte nun meine beiden Kranken jubelnd auf, und beide labten und erquickten sich an dem Frühstücks, das ihnen geboten wurde. Unsere barmherzigen Samariterinnen standen uns gegenüber und freuten sich herzlich, daß uns ihre Gabe so vortrefflich mundete; ebenso herzlich war unser Dank. Während des Frühstücks fand sich allerlei Gesellschaft ein: der gute christliche Kerkermeister, dessen Ehegespons, einige Gendarmen, schließlich auch einige Offiziere. Man kam und ging, alle waren voller Mitleid, aber dabei hatte es sein Bewenden. [...]
Der folgende Bericht stammt wieder von Fontane:
 Otto von Rohr samt seinen Leidensgenossen, die wir aus vorstehenden Briefen kennengelernt, wurde nach Frankreich abgeführt und in Nogent sur Seine, etwa siebzig Kilometer von Paris, interniert gehalten. Hier lebte er, ein Jahr lang und darüber, in ungetrübtem Glück, soweit das Leben eines Gefangenen überhaupt ein glückliches sein kann. Die große Zeit störte nicht seine Kreise. In Paris die Schreckensherrschaft, in Nogent Friede. Auf dem Eintrachtsplatze (furchtbare Ironie) fiel Dantons Haupt, und sein blutiger Schatten ging um, bis das Haupt dessen, der ihn stürzte, dem seinen nachgefallen war, – in Nogent aber, als wäre die Welt so klar wie die Sommernacht, die sich jetzt über ihm wölbte, saß Otto von Rohr unter dem Gezweig einer mächtigen Akazie und neben ihm saß Jacqueline, die Tochter des Hauses, halb Kind noch, und hörte ihm zu, wenn er von seiner Heimat erzählte, von den weiten Strecken Sand und der Sumpfniederung, in der ein Fluß laufe, »schilfbestanden und tief und schwarz wie der Styx, der um das Reiche des Todes schleicht«. Dann fragte Jacqueline, »ob dort auch Menschen wohnen?«
»Kaum«, antwortete der Gefangene voll übermütiger Laune, »Halbwilde nur, die schwarzes Brot essen und einen bräunlichen, immer schäumenden Saft trinken, den sie Bier nennen. Und zur Winterzeit machen sie Löcher ins Eis und springen hinein oder jagen tagelang durch den Wald, um Füchse zu fangen und mit dem wilden Eber zu kämpfen. Und wenn sie dann heimkehren, können sie oft ihr Dorf nicht finden, weil es in Schnee versunken ist.« Dann fragte Jacqueline: »Und wie sehen diese Menschen aus?«, worauf dann Otto von Rohr erwiderte: »Genau wie ich, Jacqueline.« Und dann lachten sie beide und hörten nicht, daß[416] ein leises Rauschen, wie ein Klageton, durch den Wipfel der alten Akazie ging.
Denn der alte Baum, der das Leben kannte, wußte, was bevorstand: Trennung. Sie kam; der Baseler Frieden machte den Gefangenen frei. Wieviel Schwüre wurden laut, wieviel Tränen fielen. Eines Tages aber lag alles zurück wie ein Traum, und nur zweierlei war noch wahr und wirklich: das Leid im Herzen Jacquelines und eine kleine seidengestickte Henkelbörse, die sie dem Scheidenden zum Abschiede gereicht hatte. Darin befand sich eine Schaumünze mit ihrem Lieblingsheiligen darauf, und – ein Samenkorn von dem Akazienbaum, unter dem sie so oft gesessen.
Dies Samenkorn ist in Trieplatz aufgegangen. Es ist derselbe Baum, der (womit wir diese Erzählung einleiteten) vom Park aus in das Gartenzimmer blickt.
So nennt Fontane diesen Abschnitt (S. 406 - 416) aus seinen Wanderungen denn auch "Der Akazienbaum".
Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Die Grafschaft Ruppin. An Rhin und Dosse. Wusterhausen a. D. , Der Akazienbaum, S. 406 - 416

13 Dezember 2009

Meine Freundin Tamara

Er ist Kriegsgefangener, doch beim Einholen des Heus darf er bei einer russischen Familie übernachten. Freundlich ist die Begrüßung, es gibt Kapustasuppe, Speck und das dunkle russische Brot.
Rasch freundet sich die Tochter des (Holz)hauses mit ihm an. Der Großvater mit Erinnerungen an seine Amerikafahrt 1910, wo er über Bremen kam, erinnert sich jetzt noch an die Kirchen und den Roland und hilft bei der Verständigung zwischen Enkelin und Gast aus. Der Vater, Tischler, "sah allerdings das freundschaftliche Verhältnis nicht gern".
Dann der schwere Abschied. "Als ich mich an der Biegung des Weges noch einmal im Sattel umdrehte und winkte, sah ich Tamara einsam am Gartenzaun stehen. Ihr rotes Kopftuch leuchtete in der Wintersonne."
Diese kurze Erzählung von Friedrich Rudolf Hohberg erinnert in manchem an Hartungs "Ich denke oft an Piroschka". Genauso wie dort bringt die Tochter dem Besucher große Herzlichkeit entgegen, ist recht die "Unschuld vom Lande". Freilich, Tamara ist vier Jahre alt.
Die Erzählung habe ich - zusammen mit anderen eindrucksvollen Texten aus russischer Kriegsgefangenschaft - in dem Band "Und bringen ihre Garben", Stuttgart 1956, herausgegeben von H. Gollwitzer, J. Krahe und K. Rauch gefunden.