"Ich wollte gefallen, und ich wollte Kulturbäder nehmen; jeder Tag begann mit neuer Heiligung. Sie wurde manchmal ziemlich nachlässig vorgenommen: es genügte, dass ich mich auf den Boden legte und die Seiten umblätterte; die Werke meiner kleinen Freunde dienten mir häufig als Gebetsmühlen. Gleichzeitig aber kam es vor, dass ich wirkliche Angst und Freude empfand. Dann vergaß ich meine Rolle und wurde plötzlich von dem riesigen Walfisch, der kein anderer war als die Welt, davongetragen. Bitte schließen Sie daraus, was sie wollen! Auf alle Fälle bearbeitete mein Blick die Wörter: man musste sie versuchen, ihren Sinn bestimmen; mit der Zeit wurde ich durch diese Kulturkomödie kultiviert.
Trotzdem las ich auch richtig: außerhalb des Sanktuariums, in unserem Zimmer oder unter dem Tisch im Esszimmer; von diesem richtigen Lesen redete ich zu niemand, und niemand, außer meiner Mutter, redete darüber mit mir. Anne-Marie hatte meine gespielten Leidenschaften ernst genommen. Sie wurde unruhig und sprach darüber mit ihrer Mutter. Meine Großmutter war eine zuverlässige Verbündete und sagte: "Charles ist unvernünftig. Er drängt den Kleinen, ich habe es gesehen. Wenn es so weitergeht, wird das Kind ganz austrocknen." Die beiden Frauen brachten auch die Überanstrengung und die Gefahr einer Gehirnhautentzündung ins Spiel. Es wäre gefährlich und müßig gewesen, meinen Großvater unmittelbar anzugreifen: sie versuchten es auf Umwegen. Bei einem unserer Spaziergänge blieb Anne-Marie wie zufällig vor dem Zeitungskiosk stehen, der sich auch heute noch an der Ecke des boulevard Saint-Michelle und der rue Soufflot befindet: ich sah wunderbare Bilder, war fasziniert von ihren schreienden Farben, wollte sie haben, bekam sie; der Streich war geglückt: nun verlangte ich jede Woche nach 'Cri-Cri' oder den 'Drei Pfadfindern' von Jean de la Hire oder nach der 'Weltreise im Aeroplan' von Arnould Galopin, von denen jeden Donnerstag Fortsetzungsheftchen zu erscheinen pflegten." (Sartre: Die Wörter, S. 42-43)
Vermutlich habe ich den rororo Taschenbuchband, nach dem ich zitiere, in den Jahren 1965/1966 das erste und letzte Mal gelesen.
Ich erinnerte mich nur daran, dass Sarte beschrieb, dass er als kleines Kind - ganz von Büchern umgeben - in einer umfangreichen Bibliothek gelesen habe. Die merkwürdigen Umstände des gemeinsamen "Kinderzimmers" mit seiner verwitweten Mutter, die zerstrittene Ehe der Großeltern, die gegenüber seiner Mutter aber unangreifbare Autoritäten verkörperten, Sartrs Verwandtschaft mit Albert Schweitzer erinnerte ich nicht.
In den Band hatte ich einen Zeitungsartikel der FAZ vom 8.1.1977 mit dem Anfang von Sartres psychoanalytisch Flaubert deutenden Biografie (L'idiot de la famille) eingelegt.
Vermutlich hat Sartre besonders angesprochen, dass Flaubert angeblich erst sehr spät lesen gelernt hat, während er schon sehr früh Corneille und Flaubert gelesen hat, wenn auch ohne jedes literarische Verständnis, so doch mit großer Faszination von dem Bücherkult.
Sartre zitiert einen Brief des neunjährigen Flaubert an seinen Freund, Ernest Chevalier, in dem er schreibt, er werde ihm "von meinen Komödien schicken" und ihm anbietet, eine Autorengemeinschaft zu gründen. - Die ganz unterschiedlichen Motivationen, die Kinder im Grundschulalter dazu motivieren, im Sinne des Schriftstellerns zu "schreiben".
Bemerkenswert die Parallelität der Faszination durch Wörter bei Sartre und Ulla Hahn, ohne dass diese (meiner Beobachtung nach) die geringste Anspielung auf Sartre macht, trotz ihrer Liebe zu literarischen Bezügen. (vgl. Hahn: Das verborgene Wort und Rätsel)
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18 Mai 2018
24 März 2018
Ulla Hahn: Wir werden erwartet, 2017
Ulla Hahn: 1. Das verborgene Wort, 2001
Ulla Hahn: 2. Aufbruch, 2009
Ulla Hahn: 4. Wir werden erwartet, 2017 (Perlentaucher; Wunderlich: Inhalt und Besprechung, Spiegel; NDR)
Interview:
"Ich habe zum Kommunismus weit weniger über Marx als vielmehr durch die Bibel, die Evangelien, gefunden. Ich glaubte fest, dass beide, Christentum und Marxismus, im Kampf für Gerechtigkeit die inneren Werte des Individuums fördern und entwickeln, um aus jedem Menschen das Beste zu machen."
Nach Hugos Tod Hass auf Gott (S.93)
Interview:
"Ich habe zum Kommunismus weit weniger über Marx als vielmehr durch die Bibel, die Evangelien, gefunden. Ich glaubte fest, dass beide, Christentum und Marxismus, im Kampf für Gerechtigkeit die inneren Werte des Individuums fördern und entwickeln, um aus jedem Menschen das Beste zu machen."
Nach Hugos Tod Hass auf Gott (S.93)
Kreuzkamp stellt mit ihr ein Kreuz an der Unfallstelle auf und ermöglicht ihr so den Zugang zu ihrer Trauer (S.144-149)
Marga Wiedebusch (S.178)
"Bekehrung" zum Kommunismus (S.191) über "Liebe als Kunstgriff" und hermeneutischen Zirkel
"Menschen wie Marga versprechen Halt und Sicherheit, und ich brauchte damals beide." (S.194)
Bend Ankerspeil "Von ihm konnte man lernen, jedwedem Vertrauen in Tatsachen und Augenschein abzuschwören, um stattdessen die Welt im Licht einen dialektischen Interpretation zu sehen. Hatte man sich dieser Methode erst einmal geöffnet, nahmen die störrischen Fakten alsbald die von ihm, also der Partei, gewünschte Gestalt an und unterwarfen sich willig der vorbestimmten Theorie." (S.195)
Hilla und ihr Vater söhnen sich aus (die zerbrochene Zahnspange, Pick, Pick (Pig in der Schachtel), Erzählung von Schillers Räubern) (S.250-270)
Marga Wiedebusch (S.178)
"Bekehrung" zum Kommunismus (S.191) über "Liebe als Kunstgriff" und hermeneutischen Zirkel
"Menschen wie Marga versprechen Halt und Sicherheit, und ich brauchte damals beide." (S.194)
Bend Ankerspeil "Von ihm konnte man lernen, jedwedem Vertrauen in Tatsachen und Augenschein abzuschwören, um stattdessen die Welt im Licht einen dialektischen Interpretation zu sehen. Hatte man sich dieser Methode erst einmal geöffnet, nahmen die störrischen Fakten alsbald die von ihm, also der Partei, gewünschte Gestalt an und unterwarfen sich willig der vorbestimmten Theorie." (S.195)
Hilla und ihr Vater söhnen sich aus (die zerbrochene Zahnspange, Pick, Pick (Pig in der Schachtel), Erzählung von Schillers Räubern) (S.250-270)
Der Umzug nach Hamburg (S.279)
Die Kommunistenfreunde Marga (S.283), Rainer, Jens und Jan (S.287)
Das eigene Zimmer, das sie sich aneignen und taufen will, Rosa (Luxemburg), Johanna (von Orléans), Angela (Davis) (S.290)
Aneignen auch die Möbel vom Sperrmüll aus den "besten Gegenden". Nicht die Villenviertel, sondern die gutbürgerlichen, wo die Kinder das alte Zeug der Eltern nicht aufarbeiten ließen, sondern auf die Straße stellten.
Der Schreibtisch mit dem Blick ins Zimmer, dem Stuhl Dr. Viehkötters von der Pappenfabrik
Der Traum vom Vertiko und der Mutter mit dem Beil
Das vertraute Eigene: der Großvaterstein ("Hildegard Elisabeth Maria Palm"), Das Blatt von Kreuzkamp zu der Fahrt zum Aufbaugymnasium ("Dem Sieger will ich das verborgene Brot geben. Auch einen weißen Stein will ich ihm geben. Darauf geschrieben seinen Namen, den niemand kennt als der, der ihn erhält." Offenbarung 2,17)
Die in der Kampfzeit (Weimarer Republik und NS-Herrschaft) bewährten Genossen Albert und Gretel (S.311-328)
Sven Hedin: Ins verbotene Land, das vom Vater geliebte Buch. (S.356)
Hugos Gedichte ("Windschrift auf Wellenpapier Jakbsleitern aus Weidengeflecht hoch in den Junihimmel ...") S.410
"Nichts ist vergangen, so lange wir leben. Das Vergangene verändert sich mit uns und durch uns und in uns." (S.412)
Parteiphrasen der DKP "Genitivdonner" (S.428)
Marga "Die Partei hatte von ihr Besitz ergriffen wie die Kirche von ihrem einstigen Verlobten. Zwei Kämpfer für zwei Paradiese. Wie im Himmel all so auch auf Erden." (S.449)
Gretel Hoefer, die Tochter des Widerstandskämpfers Hermann Hoefer, eine "Versöhnlerin", schenkt ihr eine Strickjacke, die sie nach Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, die Todesstrafe vor Augen, gestrickt hatte. (S.460)
Markus Placka Maler (S.465), Susi, Kommunistischer Bund
"Ich musste mich nicht länger zurücksehnen. Ich träumte nach vorn." (S.483)
"Wer braucht schon Gründe für das, was er fühlt." (S.511)
Die Mutter bestellt im Restaurant und lässt es wieder zurückgehen. "Wie die Mutter mich jedesmal angeschaut hatte. Bei den ersten Bestellungen wie ein unartiges Kind, das im nächsten Moment den Rüffel erwartet." (S.514)
"Nach ihrem Tod fand man in ihrem Portemonnaie ein Gedicht von mir, das sie aus der FAZ ausgeschnitten hatte. Die Mutter als Käuferin einer FAZ! Die letzten Zeilen: "Wo du hingehst/ da will ich nicht hingehn." (S.515)*
Die Reise nach Ostberlin (S.515-622) lässt Hilla vor dem realen Sozialismus erschrecken. Der Widerspruch zwischen Ideologie und schlechter Behandlung der Minderprevilegierten auch. Mit Constantin von Thürwalden porträtiert Ulla Hahn scharf, aber wohl treffend Manfred von Ardenne und seine privilegierte Stellung in der DDR. Hilla versucht trotzdem an ihren sozialistischen Idealen festzuhalten. Innerparteiliche Kritik und die Ausbürgerung Biermanns lassen ihr den Austritt aus der Partei als Rückkehr zu ehrlichem, authentischen Umgang mit Wörtern erscheinen.
[Die einzelnen Schilderungen entsprechen dem Bild der DDR, wie man es als Nicht-Kommunist sich spätestens seit dem Ende des Prager Frühlings und Reiner Kunzes "Die wunderbaren Jahre" dachte, und nach 1989 in verschiedenen Fassungen sehr deutlich gelesen hat. Hier widersprechen sich Uwe Tellkamp und Ulla Hahn nicht.]
*Das Gedicht "Willentlich" (in "Gesammelte Gedichte", S.128)
Die in der Kampfzeit (Weimarer Republik und NS-Herrschaft) bewährten Genossen Albert und Gretel (S.311-328)
Sven Hedin: Ins verbotene Land, das vom Vater geliebte Buch. (S.356)
Hugos Gedichte ("Windschrift auf Wellenpapier Jakbsleitern aus Weidengeflecht hoch in den Junihimmel ...") S.410
"Nichts ist vergangen, so lange wir leben. Das Vergangene verändert sich mit uns und durch uns und in uns." (S.412)
Parteiphrasen der DKP "Genitivdonner" (S.428)
Marga "Die Partei hatte von ihr Besitz ergriffen wie die Kirche von ihrem einstigen Verlobten. Zwei Kämpfer für zwei Paradiese. Wie im Himmel all so auch auf Erden." (S.449)
Gretel Hoefer, die Tochter des Widerstandskämpfers Hermann Hoefer, eine "Versöhnlerin", schenkt ihr eine Strickjacke, die sie nach Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, die Todesstrafe vor Augen, gestrickt hatte. (S.460)
Markus Placka Maler (S.465), Susi, Kommunistischer Bund
"Ich musste mich nicht länger zurücksehnen. Ich träumte nach vorn." (S.483)
"Wer braucht schon Gründe für das, was er fühlt." (S.511)
Die Mutter bestellt im Restaurant und lässt es wieder zurückgehen. "Wie die Mutter mich jedesmal angeschaut hatte. Bei den ersten Bestellungen wie ein unartiges Kind, das im nächsten Moment den Rüffel erwartet." (S.514)
"Nach ihrem Tod fand man in ihrem Portemonnaie ein Gedicht von mir, das sie aus der FAZ ausgeschnitten hatte. Die Mutter als Käuferin einer FAZ! Die letzten Zeilen: "Wo du hingehst/ da will ich nicht hingehn." (S.515)*
Die Reise nach Ostberlin (S.515-622) lässt Hilla vor dem realen Sozialismus erschrecken. Der Widerspruch zwischen Ideologie und schlechter Behandlung der Minderprevilegierten auch. Mit Constantin von Thürwalden porträtiert Ulla Hahn scharf, aber wohl treffend Manfred von Ardenne und seine privilegierte Stellung in der DDR. Hilla versucht trotzdem an ihren sozialistischen Idealen festzuhalten. Innerparteiliche Kritik und die Ausbürgerung Biermanns lassen ihr den Austritt aus der Partei als Rückkehr zu ehrlichem, authentischen Umgang mit Wörtern erscheinen.
[Die einzelnen Schilderungen entsprechen dem Bild der DDR, wie man es als Nicht-Kommunist sich spätestens seit dem Ende des Prager Frühlings und Reiner Kunzes "Die wunderbaren Jahre" dachte, und nach 1989 in verschiedenen Fassungen sehr deutlich gelesen hat. Hier widersprechen sich Uwe Tellkamp und Ulla Hahn nicht.]
*Das Gedicht "Willentlich" (in "Gesammelte Gedichte", S.128)
Ulla Hahn: "Spiel der Zeit" (2014)
Ulla Hahn: 1. Das verborgene Wort, 2001
Ulla Hahn: 2. Aufbruch, 2009
Ulla Hahn: 3. Spiel der Zeit, 2014
Ulla Hahn: 4. Wir werden erwartet, 2017
Ulla Hahn: "Spiel der Zeit", 2014 (Rezensionen: Perlentaucher; Dieter Wunderlich; literaturkritik.de; Bücherrezensionen; Welt; Vorstellung durch den Verlag)
Inhalt
Ulla Hahn lässt zwar ein Alter Ego namens Hilla Palm als Ich-Erzählerin auftreten, meldet sich aber zwischendurch immer wieder selbst zu Wort.
[...] meine Vergangenheit, die ja ihre, Hillas, Gegenwart ist. [...] meine Erfindungen, die nicht meine, aber doch Hillas Erfahrungen sind.
[...] lassen wir ihr doch ein wenig Zeit und schicken sie zunächst einmal, angetan mit ihren neuen Jeans und der neuen Bluse, nicht hauteng, locker fallend, aber immerhin weit entfernt von den sackartigen Hüllen der letzten Jahre, in die Stadt.
So sehr ich weiß, dass es weitergehen muss, so dringend mein erzählerisches Pflichtgefühl gebietet, Hilla endlich vorwärtszuschicken ins neue Leben, so mächtig treiben mich meine Gefühle zurück zu den Orten und Menschen meiner Kindheit.
Gern möchte ich, die Verfasserin, in dieser Idylle aus Natur und Gelehrsamkeit verweilen, möchte die Gesellschaft von Hilla und Hugo, Richard und Friedrich fernab jeder Behelligung durch die Wirklichkeit jenseits der Alpen genießen [...]
Hilla Palm ist also auf dem Weg zurück. In die Vergangenheit, wollte ich schreiben, aber dieses Zurück ist ja ihre Gegenwart.
Hier möchte ich, die Erfinderin, mich einschalten und ergänzen, dass Hilla vor allem ganz allerliebst aussah in einem sogenannten heißen Höschen.
Hier gönne ich der Autorin wieder ein Wort.
Und hier ergreife wieder ich, die Autorin, das Wort. Fast auf den Tag zehn Jahre später sollte mich ein ähnliches Schicksal wie Gerhard Fricke ereilen. Kurz nach meiner Promotion vertrat ich als Lehrbeauftragte die Professorin Hildegard Brenner in Bremen: "Einführung in die Methoden der Literaturwissenschaft." Ein Rotschopf der KPD/ML hatte seine Truppen gegen mich, den "bürgerlichen Wolf im marxistischen Schafspelz", mobilisiert.
Und dieses Glas reichte der Mixermann Hilla Palm, reichte er mir [...]
Schließlich bogen Hilla und Hugo, bogen wir in die Altstraße ein.
[...] lassen wir ihr doch ein wenig Zeit und schicken sie zunächst einmal, angetan mit ihren neuen Jeans und der neuen Bluse, nicht hauteng, locker fallend, aber immerhin weit entfernt von den sackartigen Hüllen der letzten Jahre, in die Stadt.
So sehr ich weiß, dass es weitergehen muss, so dringend mein erzählerisches Pflichtgefühl gebietet, Hilla endlich vorwärtszuschicken ins neue Leben, so mächtig treiben mich meine Gefühle zurück zu den Orten und Menschen meiner Kindheit.
Gern möchte ich, die Verfasserin, in dieser Idylle aus Natur und Gelehrsamkeit verweilen, möchte die Gesellschaft von Hilla und Hugo, Richard und Friedrich fernab jeder Behelligung durch die Wirklichkeit jenseits der Alpen genießen [...]
Hilla Palm ist also auf dem Weg zurück. In die Vergangenheit, wollte ich schreiben, aber dieses Zurück ist ja ihre Gegenwart.
Hier möchte ich, die Erfinderin, mich einschalten und ergänzen, dass Hilla vor allem ganz allerliebst aussah in einem sogenannten heißen Höschen.
Hier gönne ich der Autorin wieder ein Wort.
Und hier ergreife wieder ich, die Autorin, das Wort. Fast auf den Tag zehn Jahre später sollte mich ein ähnliches Schicksal wie Gerhard Fricke ereilen. Kurz nach meiner Promotion vertrat ich als Lehrbeauftragte die Professorin Hildegard Brenner in Bremen: "Einführung in die Methoden der Literaturwissenschaft." Ein Rotschopf der KPD/ML hatte seine Truppen gegen mich, den "bürgerlichen Wolf im marxistischen Schafspelz", mobilisiert.
Und dieses Glas reichte der Mixermann Hilla Palm, reichte er mir [...]
Schließlich bogen Hilla und Hugo, bogen wir in die Altstraße ein.
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Ulla Hahn
Ulla Hahn: Aufbruch (2009)
Ulla Hahn: 1. Das
verborgene Wort, 2001
Ulla Hahn: 2. Aufbruch,
2009
Ulla Hahn: 3. Spiel
der Zeit, 2014
Ulla Hahn: 4. Wie
werden erwartet, 2017
Ulla Hahn: Aufbruch, 2009 (Über das Buch: dva; Wikipedia)
Interview
"[...] Mich beschäftigt der lange Weg, den wir alle gehen müssen, ehe wir zu einer wirklich erwachsenen, selbständigen Person werden. Als ich vor gut fünfzehn Jahren begann, die Lebensgeschichte der Hildegard Palm zu erzählen, sollte die Figur als Studentin die politischen und kulturellen Umbrüche der sechziger Jahre erleben. Doch beim Schreiben stellte ich sehr bald fest, dass mich nicht nur interessierte: Wie ist diese Zeit gewesen?, sondern auch und vor allem die Antwort auf die Frage: Was ist den Sechzigern vorausgegangen? Sowohl im Leben Hilla Palms als auch im Heranwachsen der Bundesrepublik. Und so habe ich Das verborgene Wort in den fünfziger Jahren beginnen lassen. Aufbruch spielt Anfang und Mitte der sechziger Jahre. [...]
Ohne ein Heraufbeschwören der damaligen Lebensbedingungen ließ sich die Geschichte Hilla Palms nicht schreiben und lässt sie sich nicht verstehen. Ich habe mich also nicht nur in die Figuren, sondern auch in die Zeit hineinbegeben. An vielen Details – zum Beispiel wurde Ester Ofarim noch 1967 der Zutritt in die Bar eines Hamburger Fünf-Sterne-Hotels verweigert, weil sie Hosen trug! – ist mir noch einmal klar geworden, wie versunken diese Zeit ist. Vieles, was in den sogenannten Achtundsechzigern geschehen ist, versteht man nur, wenn man sie als Folge der frühen sechziger Jahre erlebbar macht. Auch die Auschwitz-Prozesse spielten eine wichtige Rolle im Heranwachsen Hillas, typisch für die politische Bewusstwerdung ihrer Generation.
Ich selbst dazu 2011:
"Im zweiten Roman (Aufbruch) stehen Godehards Steine für lebensfernens systematisches Wissen und als Edelsteine für äußeren Reichtum, der - ähnlich wie bei einem Teufelspakt - mit dem Verlust der Geliebten einhergeht, so dass Godehard keine wahre neue Bindung eingehen kann.
Einen ähnlichen Seelenverlust erlebt Hildegard nach ihrer Vergewaltigung. Das Versprechen des weißen Steins versucht sie - nach einer Phase seelischer Erstarrung (theologisch gesprochen: Gottesferne) - jetzt aus eigener Kraft wahr zu machen. Dafür muss sie seelische Berührung durch Dichtung vermeiden und Buchgelehrsamkeits-Germanistik betreiben.
Angenehm berührt an den Romanen auch die intensive Einbeziehung von Arbeitswelt und ihren Konflikten und die des dörflichen und familiären Milieus, die durch den sehr gezielten Einsatz von Dialekt an emotionaler Eindruckskraft gewinnt.
Erfreulich ist auch das Hereinnehmen von Zeitgeschichte in Gestalt der Auschwitzprozesse, wobei die Schuldleugnung der Täter ein Gegenbild darin findet, dass nach ihrer Vergewaltigung sie sich die Schuld gibt.
Dass Täter wie Opfer die Kraft zum Weiterleben dadurch finden, dass sie sich weigern, das Tatgeschehen anzuerkennen und zu verarbeiten, wird im Roman nicht angesprochen, diese Parallele kann nur interpretatorisch hineingelegt werden.
... erschrieb sich vor meinen träumenden Augen eine Geschichte. Stein um Stein [...]. Wie schön, dachte ich, erwachend, vollkommen, nur schade, dass ich nichts behalten konnte. Aber ich würde sie weitersuchen, die Geschichte, meine Geschichte."
17 Februar 2016
Ulla Hahn: Das verborgene Wort, 2001
Es ist gut vier Jahre her, dass ich die folgende Buchbesprechung geschrieben habe. Der Blog, in dem sie ursprünglich veröffentlicht wurde, ist aus dem Internet verschwunden, weil der Provider aufgegeben hat. Jetzt entdecke ich mit Freuden, dass der Text wieder im Netz steht, bei Ursel. Ich muss es schon einmal gewusst haben, hatte es aber vergessen. (Gegenwärtig befasse ich mich mit Ulla Hahns Gedichten.)
Ich bin in die Welt des Romans [Ulla Hahn: Das verborgene Wort, 2001] hineingezogen worden und konnte mich mit der Heldin identifizieren, obwohl ich weder weiblich und jung noch katholisch und mathematisch unbegabt bin.
Schon gar nicht bin ich solch ein begeisterter Leser wie Hilla Palm, da ich schon seit Jahren mehr Zeit im Internet verbringe als mit dem Lesen gedruckter Bücher.
Wie erreicht Ulla Hahn das? Ich weiß es nicht.
Natürlich versteht sie es, anschaulich zu schildern. Auch passiert erstaunlich viel in dem Buch. Nicht nur, dass Hildegard immer wieder geschlagen wird und dass sie sich immer wieder verliebt.
Freilich, gerade diese Liebesgeschichten ermöglichen Identifikation, auch wenn man nicht so an trockenem Wissen hängt wie Sigismund, wenn man weder Gärtner ist noch Bücher auswendig lernt und schon gar nicht so unermesslich reich ist wie Godehard. Aber in die Zeit, wo das Leben noch so offen war und das andere Geschlecht noch so Unbekanntes, Fremdes versprach, taucht man gerne wieder ein. Fremder als der Dschungel in Südamerika und verheißungsvoller als das Paradies war es, das schon Adam und Eva verließen, weil sie auf der Suche nach einem größeren Glück waren. Gern taucht man ein in diese Zeit, weil man das Paradies längst verlassen hat und weil man den Verlust von Unschuld und Illusionen nicht mehr fürchten muss.
Und es ist nicht oberflächlich, was Hahn da in uns wach ruft. Auch die vielen Sozialwelten, in die sie uns führt, sind zwar zum Teil etwas Klischee, aber doch vermitteln sie etwas darüber hinaus. Und dann die Nostalgie beim Eintreten in die Welt der 50er und 60er Jahre, wo Haushaltsmaschinen, Fernsehen und schon gar Autos für die meisten unerschwinglich waren, in die Zeit der Bahnsteigkarten und der Kolonialwarenläden, die Tante-Emma-Läden zu nennen, niemandem im Traum eingefallen wäre.
Man wird in dies Buch hineingezogen, doch entlässt es einen auch in die Reflexion.
Man wird in dies Buch hineingezogen, doch entlässt es einen auch in die Reflexion.
Ich jedenfalls wollte die Verzweiflung des krebskranken Mädchens so genau gar nicht nachempfinden und legte das Buch erst einmal aus der Hand. Doch allein lassen konnte ich Maria dann doch nicht auf längere Zeit, und schon war ich wieder im Erzählfluss.
Doch was mich wirklich in Bann gezogen hat, das war das, was der Großvater Hilla Palm mitgegeben hat: Eine Welt von Geschichten, die sich aus Buchsteinen lesen lassen, von Lebenshilfen, die in Wutsteinen, später auch Lach- und Willsteinen schlummern und in bedrohlichen Situationen zu Helfern werden können, freilich nicht immer helfen.
Kein Wunder, dass auch Ulla Hahns zweiter biographischer Roman (“Aufbruch”) mit den Steinen des Großvaters und ihren wundersamen Fähigkeiten beginnt.
Ob man den ersten oder den zweiten Roman zuerst liest, man wird auch den anderen lesen wollen und auf den dritten und vierten warten.
Ulla
Hahn:
1. Das
verborgene Wort, 2001
Ulla
Hahn:
2. Aufbruch,
2009
Ulla
Hahn:
3. Spiel
der Zeit, 2014
Ulla
Hahn:
4. Wie
werden erwartet, 2017
14 Februar 2016
Ulla Hahns Gedichte
"Denn jedes Gedicht wird im Kopf der Leserin, des Lesers zu Ende geschrieben." "Wer nicht glaubt, im Gedicht etwas zu finden, das ihm unter die Haut gehen könnte, ..."
(Ulla Hahn: Gesammelte Gedichte 2013, Vorwort, S.14)
In den Gedichten Ulla Hahns ging mir zunächst nichts unter die Haut. Die junge Frau sprach zu mir erst über die Prosa der älteren.
Erst in den Gedichten, in die sie mehr Welt aufnahm, fand ich etwas. In Epikurs Garten fand ich im Schachtelhalm "grüne Ewigkeit"; und "Zerschlissen mein Amselkleid" und "Lied der Amsel" stellten sich zueinander. Ich fand Immortellen und Lene Nimbsch (mehr zu Lene Nimptsch hier).
Hahns Liebe zum Wort fand ich in ihrem Verborgenen Wort. Erst zusammen mit Welt erlebte ich sie so im Gedicht, dass auch die frühen Gedichte - zum Teil - meine Gedichte wurden. "Es gibt so viel Gedichte, wie es Lesende gibt." (S.14)
Natürlich gibt es viel mehr. Denn welcher Leser hätte nur ein Gedicht!
Jetzt also auch Ulla Hahns:
Kiesel am Rhein.
Ins Verhör nimmt dich
der schweigende Stein
...
Kleine Schwester
Seltsam zu glauben
dass du Ich bist
dass du in mir steckst wie
die kleinste und einzige kompakte
russische Puppe. Keine Angst.
[...]
Vorbei Dahin Vorüber. So
lange bis der große Puppenspieler
mir die nächste Strophe aufzwingt
Irgendwann eine letzte.
Was wird dann aus dir
kleine Schwesterseele tief drinnen
in mir? Kommst du mit?
Aber wohin? Und: Gibt es
ein Wi€derwort?
Dort.
(Das € steht für ein spiegelverkehrtes kleines e.)
Ein großes Gedicht. Mehr als ein Lebenslauf. Teils mit hymnischem Schwung. Und ein Gedicht über Dichtung. Das Bennsche "die Dinge mystisch bannen durch das Wort" klingt für mich an.
(Ulla Hahn: Gesammelte Gedichte 2013, Vorwort, S.14)
In den Gedichten Ulla Hahns ging mir zunächst nichts unter die Haut. Die junge Frau sprach zu mir erst über die Prosa der älteren.
Erst in den Gedichten, in die sie mehr Welt aufnahm, fand ich etwas. In Epikurs Garten fand ich im Schachtelhalm "grüne Ewigkeit"; und "Zerschlissen mein Amselkleid" und "Lied der Amsel" stellten sich zueinander. Ich fand Immortellen und Lene Nimbsch (mehr zu Lene Nimptsch hier).
Hahns Liebe zum Wort fand ich in ihrem Verborgenen Wort. Erst zusammen mit Welt erlebte ich sie so im Gedicht, dass auch die frühen Gedichte - zum Teil - meine Gedichte wurden. "Es gibt so viel Gedichte, wie es Lesende gibt." (S.14)
Natürlich gibt es viel mehr. Denn welcher Leser hätte nur ein Gedicht!
Jetzt also auch Ulla Hahns:
Kiesel am Rhein.
Ins Verhör nimmt dich
der schweigende Stein
...
Kleine Schwester
Seltsam zu glauben
dass du Ich bist
dass du in mir steckst wie
die kleinste und einzige kompakte
russische Puppe. Keine Angst.
[...]
Vorbei Dahin Vorüber. So
lange bis der große Puppenspieler
mir die nächste Strophe aufzwingt
Irgendwann eine letzte.
Was wird dann aus dir
kleine Schwesterseele tief drinnen
in mir? Kommst du mit?
Aber wohin? Und: Gibt es
ein Wi€derwort?
Dort.
(Das € steht für ein spiegelverkehrtes kleines e.)
Ein großes Gedicht. Mehr als ein Lebenslauf. Teils mit hymnischem Schwung. Und ein Gedicht über Dichtung. Das Bennsche "die Dinge mystisch bannen durch das Wort" klingt für mich an.
29 Dezember 2011
Ulla Hahns autobiographische Romane - Entwurf
Poetische Kraft beweist das Symbol der Steine, das sich durch die Romane zieht.
Der Großvater (mütterlicherseits) der Heldin Hildegard bietet ihr Buchsteine, aus denen sich erfundene Geschichten lesen lassen, Wutsteine, an denen man anstelle von Personen seine Wut auslassen kann, indem man sie mit den gehassten Personen identifiziert und sich ihrer dann in effigie entledigt. Wichtig ist der Lachstein, den sie von ihrem Bruder erhält und der es ihr ermöglichen soll, sich vom Bedrohlichen einer Situation zu distanzieren und es wegzulachen.
Am Schluss des ersten Buches (Das verborgene Wort) steht dann der weiße Stein der Offenbarung (2,17), der eine neue Existenz verheißt.
Im zweiten Roman (Aufbruch) stehen Godehards Steine für lebensfernens systematisches Wissen und als Edelsteine für äußeren Reichtum, der - ähnlich wie bei einem Teufelspakt - mit dem Verlust der Geliebten einhergeht, so dass Godehard keine wahre neue Bindung eingehen kann.
Einen ähnlichen Seelenverlust erlebt Hildegard nach ihrer Vergewaltigung. Das Versprechen des weißen Steins versucht sie - nach einer Phase seelischer Erstarrung (theologisch gesprochen: Gottesferne) - jetzt aus eigener Kraft wahr zu machen. Dafür muss sie seelische Berührung durch Dichtung vermeiden und Buchgelehrsamkeits-Germanistik betreiben.
Angenehm berührt an den Romanen auch die intensive Einbeziehung von Arbeitswelt und ihren Konflikten und die des dörflichen und familiären Milieus, die durch den sehr gezielten Einsatz von Dialekt an emotionaler Eindruckskraft gewinnt.
Erfreulich ist auch das Hereinnehmen von Zeitgeschichte in Gestalt der Auschwitzprozesse, wobei die Schuldleugnung der Täter ein Gegenbild darin findet, dass nach ihrer Vergewaltigung sie sich die Schuld gibt.
Dass Täter wie Opfer die Kraft zum Weiterleben dadurch finden, dass sie sich weigern, das Tatgeschehen anzuerkennen und zu verarbeiten, wird im Roman nicht angesprochen, diese Parallele kann nur interpretatorisch hineingelegt werden.
(Zunächst habe ich - brav [;-)] der Anweisung von Hildegards Deutschlehrer Rebmann folgend - keinen Text über Hahns Romane gelesen. Die weiteren Passagen gehen von der Kenntnis weiterer Texte aus.)
Dass die Heldin Hildegard oder Hilla Palm heißt, ist wohl eine Huldigung der Autorin an Hilde Domin. Für mich ein sympathischer Zug.
Der Großvater (mütterlicherseits) der Heldin Hildegard bietet ihr Buchsteine, aus denen sich erfundene Geschichten lesen lassen, Wutsteine, an denen man anstelle von Personen seine Wut auslassen kann, indem man sie mit den gehassten Personen identifiziert und sich ihrer dann in effigie entledigt. Wichtig ist der Lachstein, den sie von ihrem Bruder erhält und der es ihr ermöglichen soll, sich vom Bedrohlichen einer Situation zu distanzieren und es wegzulachen.
Am Schluss des ersten Buches (Das verborgene Wort) steht dann der weiße Stein der Offenbarung (2,17), der eine neue Existenz verheißt.
Im zweiten Roman (Aufbruch) stehen Godehards Steine für lebensfernens systematisches Wissen und als Edelsteine für äußeren Reichtum, der - ähnlich wie bei einem Teufelspakt - mit dem Verlust der Geliebten einhergeht, so dass Godehard keine wahre neue Bindung eingehen kann.
Einen ähnlichen Seelenverlust erlebt Hildegard nach ihrer Vergewaltigung. Das Versprechen des weißen Steins versucht sie - nach einer Phase seelischer Erstarrung (theologisch gesprochen: Gottesferne) - jetzt aus eigener Kraft wahr zu machen. Dafür muss sie seelische Berührung durch Dichtung vermeiden und Buchgelehrsamkeits-Germanistik betreiben.
Angenehm berührt an den Romanen auch die intensive Einbeziehung von Arbeitswelt und ihren Konflikten und die des dörflichen und familiären Milieus, die durch den sehr gezielten Einsatz von Dialekt an emotionaler Eindruckskraft gewinnt.
Erfreulich ist auch das Hereinnehmen von Zeitgeschichte in Gestalt der Auschwitzprozesse, wobei die Schuldleugnung der Täter ein Gegenbild darin findet, dass nach ihrer Vergewaltigung sie sich die Schuld gibt.
Dass Täter wie Opfer die Kraft zum Weiterleben dadurch finden, dass sie sich weigern, das Tatgeschehen anzuerkennen und zu verarbeiten, wird im Roman nicht angesprochen, diese Parallele kann nur interpretatorisch hineingelegt werden.
... erschrieb sich vor meinen träumenden Augen eine Geschichte. Stein um Stein [...]. Wie schön, dachte ich, erwachend, vollkommen, nur schade, dass ich nichts behalten konnte. Aber ich würde sie weitersuchen, die Geschichte, meine Geschichte."Sie arbeitet am dritten Teil ihrer Trilogie, will aber zunächst einen weiteren Lyrikband veröffentlichen." (Wikipediaartikel)
(Zunächst habe ich - brav [;-)] der Anweisung von Hildegards Deutschlehrer Rebmann folgend - keinen Text über Hahns Romane gelesen. Die weiteren Passagen gehen von der Kenntnis weiterer Texte aus.)
Dass die Heldin Hildegard oder Hilla Palm heißt, ist wohl eine Huldigung der Autorin an Hilde Domin. Für mich ein sympathischer Zug.
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