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10 Januar 2025

Heute mal ein Bericht über mein Lesen

 Heute mal kein Bericht über ein Buch, sondern ein Bericht über mein Lesen.

Wer diesen Blog mitverfolgt, hat festgestellt, dass ich eigentlich immer mehrere Bücher abwechselnd lese. Gestern habe ich den Bericht über Applebaum, den ich am 21.11.24 auf einem anderen Blog angefangen und erst kürzlich hierher verlagert habe, abgeschlossen, zwischen 4 - 6 anderen Büchern, die ich gegenwärtig lese, habe ich mich für ein elektronisch lesbares (für die Bettlektüre) entschieden, doch halbherzig, denn es könnte doch etwas darin stehen, was ich im Bett schlecht festhalten kann und und und ...

Heute fällt mein Blick in eins der Regale der Kinderbücher (und andere) von vor vermutlich über 30 Jahren. Da sehe ich - wie neu gekauft - ein Buch mit mir unbekanntem Titel: Cuore von Edmondo De Amicis. "Eine Kindheit vor hundert Jahren" mit Abbildungen aus der "Prachtausgebe" von 1892. Daneben "David Copperfield" 1. Teil. Das Buch, das ich als Jugendlicher in Übersetzung angefangen habe, angesichts der Dicke trotz großen Lexikonformats sterbenslangweilig fand. Meine Frau zitierte mir daraus "I am a (a)lon(e) lorn creature. I feel it more than others do". Typisch für einen Typ Frau, den man zu kennen glaubt, und doch viel typischer für mich, wenn ich in der ersten drei, vier Tagen meines Laufschnupfens leide. Typischer überhaupt für Männer als für etwa die Kriegerwitwen, die den Krieg allein mit einer großen Kinderschar durchgestanden haben, wobei sie fast täglich dem Mann "im Feld" Ermutigendes und Erheiterndes zu schreiben bemüht waren (auch wenn gelegentlich auch mal von 4 Stunden Schlaf und Sorgen die Rede war). Frauen, die dann in der Nachkriegszeit wie meine Tante auch 9 Kinder betreut haben und die ihrem Vater Rechenschaft darüber ablegte, wie sie die  5 Kinder der Schwester vorgefunden habe und wie es dieser in der Nervenheilanstalt gehe.

Copperfield also, den ich auch als Erwachsener trotz des Hinweises auf die Qualität von Dickens nicht gelesen habe. Als ich meiner Tochter, die schon mit 10 Jahren etwa doppelt so schnell las wie ich, von meiner Mühe berichtete, weil sie soo begeistert von der Lektüre des englischen Originals berichtete, meinte: "Ja, die Jugendausgabe fand ich auch langweilig; aber das Original ist ja so witzig, die reine Freude." 

Dabei hatte sie mit 8 Jahren, als sie "Der Mond hinter den Scheunen" von Erwin Moser gelesen hatte, sehr geweint, weil sie nie (!) wieder so ein schönes Buch lesen werde. 

Jetzt aber wieder ich und Dickens. Laut meinem Blog habe ich 2009 und 2021 wieder in ein Werk von Dickens gesehen und im Februar 2024 sogar in Copperfield, im Unterschied zu Hard Times und Oliver Twist wieder auf Deutsch

Zum Vergleich hier eine Passage des englischen Originals:

"I was born with a caul, which was advertised for sale, in the newspapers, at the low price of fifteen guineas. Whether sea-going people were short of money about that time, or were short of faith and preferred cork jackets, I don’t know; all I know is, that there was but one solitary bidding, and that was from an attorney connected with the bill-broking business, who offered two pounds in cash, and the balance in sherry, but declined to be guaranteed from drowning on any higher bargain." (https://www.gutenberg.org/cache/epub/766/pg766-images.html)

Die Übersetzung bietet für caul Haarnetz, die deutsche Wikipedia "Glückshaube". Für meine Tochter offenbar kein Problem. Ich musste in der Wikipedia nachsehen, um Dickens zu verstehen:

"Eine Glückshaube (lateinisch Caput galeatum) sind Teile der Fruchtblase (Eihäute = Amnion und Chorion), die in seltenen Fällen nach der Geburt den Kopf eines Neugeborenen bedecken.

Die zähen Eihäute sind weißlich durchschimmernd, so dass man die Konturen des Gesichtes schemenhaft erkennen kann. Die Glückshaube ist harmlos und kann einfach von der Hebamme oder dem Arzt unmittelbar nach der Geburt vom Kopf abgezogen werden. Generell kann eine Glückshaube bei allen Säugetieren vorkommen.

Im Mittelalter galten Glückshauben als Glückszeichen. Sie wurden als ein gutes Omen dafür betrachtet, dass das Kind für Geistesgröße und Großmütigkeit auserkoren oder auch mit advokatorischer Beredsamkeit ausgestattet war. Außerdem glaubte man, dass solche Kinder übernatürliche Fähigkeiten hatten und „sehen“ konnten.

Tatsächlich war das Vorhandensein einer Glückshaube im Mittelalter mitunter ein Glück für die Mutter, falls ihr Kind – aus welchem Grund auch immer – tot geboren wurde. Kindstötung wurde im Mittelalter hart bestraft, und eine Mutter mit einem toten Neugeborenen hatte wenig Chancen zu beweisen, dass sie es nicht getötet hatte. War bei dem toten Neugeborenen aber die dünne Membran der Fruchtblase noch intakt, glaubte man, die Mutter könnte das Kind nicht getötet haben. Somit blieb sie von Strafen verschont.

Es gehörte die Tradition dazu, das Häutchen auf einem Papier zusammenzulegen. Die Hebamme rieb mit einem Stück Papier das Gesicht des Neugeborenen und drückte so das Häutchen auf das Papier. Dieses wurde der Mutter übergeben und sollte als Erbstück behalten werden. Häufig wurde die „Glückshaube“ auch in der Kleidung der Kinder vernäht.

Mit der Zeit kam der Aberglaube auf, dass der Besitzer einer Glückshaube von besonderem Glück beseelt sei und ihn die Haube vor dem Ertrinken schütze. Deswegen bezahlten Seeleute den Müttern und Hebammen hohe Summen für Glückshauben. Eine Glückshaube war ein wertvoller Talisman.

Nach dem Aberglauben der Nordländer wohnte der Schutzgeist oder ein Teil der Seele des Kindes in der Glückshaube." (Glückshaube)

So viel zum Verständnis dafür, wenn ich demnächst Passagen aus Cuore (nach der deutschen Jugendausgabe) und David Copperfield vorstellen sollte. Copperfield auf Deutsch des Originals und der Jugendausgabe im Vergleich, auf Englisch anhand von gutenberg.org.

 .

13 März 2022

Stifter Nachsommer: Lesen

"[...] In diesen Büchern habe ich viel Glück gefunden, und in dem Alter fast noch mehr als in der Jugend. Wenn auch die Jugend die Worte aus einem goldenen Munde mit einem Sturme und mit Entzücken aufnimmt, wenn sie auch dieselben mit einer Art Schwärmerei und mit Sehnsucht in dem Busen trägt, so ist es doch fast stets mehr die Wärme des eigenen Gefühles, die sie empfindet, als daß sie die fremde Weisheit und Größe in ein besonnenes, betrachtendes, abwägendes Herz aufnehmen könnte. Ihr seid selber jung, und die Tiefe und Innigkeit der Dichtung mag Euch fördern und Euer Herz jedem künftigen Großen öffnen, wie die reine Dichtkunst das immer an der Jugend tut; aber Ihr werdet selber einmal sehen, um wie viel milder und klarer die verglühende Sonne des Alters in die Größe eines fremden Geistes leuchtet als die feurige Morgensonne der Jugend, die alles mit ihrem Glanze färbt, so wie es eine Tatsache ist, daß die innige, wahre und treue Liebe der alternden Gattin fester und dauernder beglückt als die lodernde Leidenschaft der jungen, schönen, schim- mernden Braut. Die Jugend sieht in der Dichtung die eigene Unbegrenztheit und Unendlichkeit der Zukunft, diese verhüllt die Mängel und ersetzt das Abgängige. Sie dichtet in das Kunstwerk, was im eignen Herzen lebt. Daher kömmt die Erscheinung, daß Werke von bedeutend verschiedener Geltung die Jugend auf gleiche Art entzücken können, und daß Erzeugnisse höchster Größe, wenn sie keine Widerspieglung der Jugendblüte sind, nicht erfaßt werden können. In dem Alter werden selbst solche Glanzstellen der Jugend, die schon sehr ferne liegen, wie etwa die Sehnsucht der ersten Liebe mit ihrer[344] Dunkelheit und Grenzenlosigkeit, oder wie die holde und berauschende Seligkeit der Gegenliebe, oder die Träume künftiger Taten und künftiger Größe, der Blick in ein unendliches, erst kommendes Leben, oder wie das erste Stammeln in irgend einer Kunst von dem Greise in dem sanften Spiegel seiner Erinnerung beglückender aufgefaßt als von dem Jünglinge, der sie in dem Brausen seines Lebens überhört, und an der grauen Wimper mag manche beseligendere und mitunter schmerzlichere Träne hängen als der feurige Funke, der in überwältigender Empfindung aus dem Auge des Jünglings springt und keine Spur hinterläßt. Ich lese jetzt selten mehr die größten Geister im Zusammenhange – mit kleineren tue ich es wohl, weil sie in einzelnen Stellen minder bedeutend sind –, aber ich lese immer in ihnen, und werde wohl bis zu meinem Lebensende in ihnen lesen. Sie begleiten mich mit ihren Gedanken wie mit großen Erquickungen durch den Rest meines Lebens, und werden mir wohl, wie ich ahne, an der dunkeln Pforte Kränze aufhängen, als wären sie von meinen eigenen Rosen geflochten. Deshalb gehe ich auch kein Buch aus dem Hause, weil ich nicht weiß, ob ich es nicht in nächster Zeit selber brauchen werde. Im Hause stehen sie jedem, der davon Gebrauch machen will, zu Gebote. Nur für Gustav wird eine Auswahl getroffen, weil er noch zu jung ist und nicht alles sondern kann. Er würde hier zwar nichts gänzlich Schlechtes finden; aber nicht alles Gute würde er verstehen, und dann wäre die daran gewendete Zeit verloren; oder er könnte es mißverstehen, und dann wäre der Erfolg ein unrichtiger. Das Schlechte, das sich Dichtkunst nennt, ist der Jugend sehr gefährlich. In der Wissenschaft zeigt es sich viel leichter auf. In der Mathematik liegt es in der Darstellung, da solche Werke wohl kaum vorkommen dürften, in denen sogar der Stoff fehlerhaft wäre, in der Naturwissenschaft liegt es in der[345] Darstellung wie im Stoffe, in welch letzterem es sich in der Gestalt gewagter Behauptungen ausspricht; nur in der sogenannten Weisheitslehre kann es verborgener sein gleichwie in der Dichtkunst, weil manche Weisheitslehre wie Dichtkunst zusammen gestellt ist und wirkt; aber in den Werken der eigentlichen Dichtkunst versteckt es sich vor dem blühenden Gemüte des Jünglings, dieser breitet seine Blüten und seine Begierden darüber, und saugt das Gift in sich. Ein klarer Verstand, der sich von Kindheit an eben zur Klarheit hingeübt hat, und ein gutes, reines Herz sind Schutzwehren vor Schlechtigkeit und Sittenlosigkeit von Dichtungen, weil der klare Verstand den hohlen Schwulst von sich abweist und das reine Herz die Unsittlichkeit ablehnt. Aber beides geschieht nur gegen die Entschiedenheit des Schlechten. Wo es in Reize verhüllt ist und mit Reinem gemischt, dort ist es am bedenklichsten, und da müssen Ratgeber und väterliche Freunde zu Hilfe stehen, daß sie teils aufklären, teils von vornherein die Annäherung des Übels aufhalten. Gegen die Schlechtigkeit in der Darstellung oder gegen die lange Weile braucht man kein Mittel als sie selber. Ihr seid zwar noch jung; aber Ihr seid nicht so jung zu dem Lesen von Dichtern gekommen wie die meisten unserer Jünglinge, und Ihr habt so viel in Wissenschaften gelernt, daß ich glaube, daß man Euch alle Dichter in die Hände geben kann, ohne Gefahr zu befürchten, selbst bei solchen, die in ihrem Amte sehr zweifelhaft sind. Euer Geist wird sich wohl heraus finden und gerade dadurch noch mehr klären. Da ich von der Weisheitslehre sprach, welche man in unserem deutschen Lande noch immer als Weisheitsliebe mit dem griechischen Worte Philosophie bezeichnet, muß ich Euch sagen, was Ihr wohl vielleicht schon aus anderen Reden von mir gemerkt haben mögt, daß ich nicht gar sehr viel auf sie halte, wenn sie in ihrem eigenen und eigentümlichen Gewande[346] auftritt. Ich habe alte und neue Werke derselben mit gutem Willen durchgenommen; aber ich habe mich zu viel mit der Natur abgegeben, als daß ich auf ledigliche Abhandlungen ohne gegebener Grundlage viel Gewicht legen könnte, ja sie sind mir sogar widerwärtig. Vielleicht reden wir noch ein anderes Mal von dem Gegenstande. Wenn ich je einige Weisheit gelernt habe, so habe ich sie nicht aus den eigentlichsten Weisheitsbüchern, am wenigsten aus den neuen – jetzt lese ich gar keine mehr – gelernt; sondern ich habe sie aus Dichtern genommen, oder aus der Geschichte, die mir am Ende wie die gegenständlichste Dichtung vorkömmt.«"

(Stifter Nachsommer 2. Buch 1. Die Erweiterung, S.343-346)

10 August 2021

Schullektüren in meiner Schulzeit

  Von Herrn Rau angestoßen hier einige Notizen:

Mittelstufe: Die schwarze Spinne, Wilhelm Tell, Keller: Kleider machen Leute, Romeo und Julia auf dem Dorfe
Gedichte: Keller: die öffentlichen Verleumder (hochaktuell), Heym: Der Krieg
Oberstufe: längere Auszüge aus dem Nibelungenlied, Walther von der Vogelweide als anspruchsvollstes ‘Owe war sind verswunden …’ Wallenstein und vor allem: Faust II, jede Zeile im Unterricht vorgelesen und besprochen. (Dazu wäre noch viel mehr zu sagen.)

INHALTSANGABEN habe ich damals geschrieben zu:

 Hofmannsthal: Jedermann, Keller: Das Fähnlein der 7 Aufrechten, Britting: Das Waldhorn, Der Eisläufer, Der Sturz in die Wolfsschlucht, Hauptmann: Die Weber, Wallenstein, Faust I und II.
Gelesen noch: Stifter: Der beschriebene Tännling, vermutlich auch Bergkristall und Brigitta. Und natürlich Lesebuchtexte: Jean Paul: Rede des toten Christus, Kleist: Marionettentheater, Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden; als Volltext: Michael Kohlhaas, Erdbeben von Chile, Anekdote aus dem letzten preußischen Kriege, Hebel: Das Erdbeben von Falun. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais. Bei anderem bin ich mir nicht so sicher, ob nur häusliche Lektüre oder Schullektüre. – Die erwähnten Gedicht wurden natürlich alle auswendig gelernt. Das verschleierte Bild zu Sais konnte ich zumindest bis in meine Lehrerzeit noch ziemlich sicher, jetzt nur noch mit großen Lücken. – Und woher stammt: “Ich bin nur durch die Welt gerannt …”? Denn natürlich wurden damals nicht nur Gedichte und Passagen aus Wilhelm Tell auswendig gelernt. “Die Glocke” freilich auch nur passagenweise.
Bürgschaft und Kraniche des Ibikus sicher noch vollständig. Wohl auch Mörikes Feuerreiter. Habe ich den Prometheus aus Pflicht oder freiwillig gelernt? Den konnte ich noch jahrzehntelang. 

Natürlich Macbeth und allerlei englische Kurzgeschichten.

(Abitur-Jahrgang 1963)

Imponiert hat mir mein Sohn, der von der Odyssee die ersten 70 Verse auf Griechisch auswendig gelernt hat. Der war nicht so verweichlicht wie ich mit meinen kümmerlichen französischen und englischen Gedichten.

Bemerkenswert auch die Kommentare zu Herrn Raus Beitrag

Einen eigenen Blogbeitrag zum Thema geschrieben hat: Poupou 

Ein sehr engagierter Beitrag von Dirk Franke (Benutzer:Tolanor), der erlebt hat, dass gerade anspruchsvolle Texte ganz außerhalb seiner Erlebniswelt seinen Bildungswillen angestachelt haben (freilich auch die besondere Lehrperson mit ihrem Engagement).

Daraus ein Zitat über die Lektüre Schillers:

Dirk Franke über Schullektüren: "Friedrich Schiller – Kabale und Liebe. (9./10. Klasse) Hat in mir erfolgreich eine lebenslange Abneigung gegen Schiller hervorgerufen. Spätere private Versuche mit den Räubern und Don Carlos brachten uns nicht wieder zusammen. Menschen mit der Charaktertiefe von Pappkameraden stehen herum und geben politische Verlautbarungen von sich. Auf seine Art hat Schiller Twitter vorweggenommen. Nicht nur, dass mir die Charaktere egal waren, ich habe eine Abneigung gegen komplett alle Personen entwickelt. Ein halbes Jahr lang."  

Schullektüren in der DDR:

Timur und sein Trupp

Dieter Noll: Die Abenteuer des Werner Holt

Bruno ApitzNackt unter Wölfen

(Abitur 1994 in Sachsen und damit Lektüre im “alten” wie im für uns “neuen” Schulsystem:
“Wie der Stahl gehärtet wurde” – das las die DDR über Jahrzehnte hinweg in Klasse 8 und damit m.E. viel zu früh
“Käuzchenkuhle”
in Klasse 11 Hochhuths “Stellvertreter”

Sieh auch:

Liest Ihr Kind? ZEIT 19.8.21 (Von )

Von Herrn Rau übernehme ich die Links zu anderen Blogbeiträgen zum selben Thema:

Wer auch darüber schreibt:

24 Januar 2020

Die von der New York Public Library am häufigsten ausgeliehenen Bücher

6 der 10 seit 1895 beliebtesten Bücher waren Kinder- und Jugendbücher. Das beliebteste ist im deutschsprachigen Raum weniger bekannt:
Ezra Jack KeatsThe Snowy Day“ 1960, ein Bilderbuch

mehr über die beliebtesten Bücher:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher-ausleihe-in-new-york-das-beliebteste-buch-16585368.html FAZ 19.1.2020

27 August 2019

Texte als Hilfe in schwierigen Lebenslagen

"Sie kennen das wahrscheinlich auch: Wenn wir was brauchen, wir sind irritiert oder haben eine schwierige Entscheidung vor uns – und plötzlich fällt uns ein Buch auf, oder es fällt uns ein Gedicht auf. Mir ist es vor vielen, vielen Jahren so gegangen: Da war durch Krankenkassenreformen meine Praxis für drei Monate in Gefahr, überhaupt nicht mehr weiter zu existieren. Und ich bin einfach auf das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse gestoßen. Ich hatte das vorher schon gekannt, aber da hat es plötzlich gezündet.
Ellmenreich: Ein einzelnes Wort? Ein einzelnes Bild? Reicht das?
Wilhelm: Ja! Es war einfach dieses „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dass ich dachte: Ja, und im Notfall fängst du neu an. Diese Ermutigung war in diesem Fall mein Thema – und nicht zu resignieren. So kenne ich eigentlich sehr häufig bei Klientinnen und Klienten, dass sie irgendwie einen Umbruch im Leben haben, und die Literatur ihnen hilft – egal, ob die hohe Literatur oder die „Romänschen“ oder Gedichte – diese Situation zu meistern, weil es etwas Kontinuierliches ist." 
(Alexander Wilhelm über Bibliotherapie: Das richtige Buch zur richtigen Zeit, Deutschlandfunk 27.8.2019)

Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

[...]

04 Juni 2019

Lesen

Schopenhauer: "Lesen heißt mit einem fremden Kopf statt mit dem eigenen zu denken."

Kafka: "Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses."

"[...] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." - An Oskar Pollak, 27. Januar 1904. In: Briefe 1902-1924, Hrsg. Max Brod, S. Fischer, Frankfurt/Main 1966, S. 28 books.google.de (Wikiquote)

sieh auch:
Kafka: Der Verschollene (Inhalt) (Wikipedia) [bekannter unter dem Titel "Amerika"]

Schopenhauer will Kant nicht nur verstehen, sondern über ihn hinaus. 

Kafka ist ohne Prozess gefangen und wird bei jedem Versuch, ins Freie zu gelangen, zurückgewiesen. Doch ein Buch öffnet eine Tür und damit eine neue Hoffnung. 
Er bleibt gefangen, doch schreibend erschließt er sich seine Welt. 

Mosche Ibn Esra redet Schopenhauer zu:
"Ein Buch ist ein Freund, der deine Fähigkeiten aufdeckt; es ist ein Licht in der Finsternis und ein Vergnügen in der Einsamkeit; 
es gibt und es nimmt nicht."

Schopenhauer will kein Zwerg auf den Schultern eines Riesen sein, wie Bernhard von Chartres sich um 1120 gefühlt hat. 
Er hat den "Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen". Wie Galilei will er die Welt mit eigenen Augen sehen, nicht mit denen eines Vorgängers, sei es Aristoteles, sei es Kant.

Kafka ist dankbar für alles, was ihn nicht zurück stößt, was ihm erlaubt, er selbst zu sein.

28 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.9-11)

Neuntes Kapitel
[...] Das Kapitel Kinderspiele verlangt ein Buch, das trotz einzelner Anläufe noch nicht geschrieben ist. In gewissen Jahren strebt das Kind, etwas anderes als es selbst zu sein. Es ist Hund, Pferd oder Dampfmaschine. Es kommt das einfache Fangespiel, worin sich Jäger und Wild nachahmen. Mit dem Versteckspiel mag es das gleiche sein. Wochenlang, besonders im Herbst, spielte die proletarische Unterwelt »Räuber und Gendarm«. Und nicht nur hierbei, sondern im ganzen hatte ich mich unter den Banditen der Straße, so zart ich war, zu einem Räuberhauptmann aufgeschwungen. Sie folgten mir, ich führte sie an. Das war beinahe mehr als ein Spiel, weil man eigentlich war, was man vorstellen wollte. Mit wie mancher Schwiele, Beule und Kratzwunde bin ich in mein Bürgerbereich zurückgekehrt. Von meinem siebenten Jahre aufwärts gewannen diese Spiele an Ernsthaftigkeit, und sie lehrten mich Menschen kennen. Eine Gefolgschaft von zwanzig bis dreißig Jungens brachte ich wohl mitunter zusammen. Im allgemeinen standen sie bei größeren Unternehmungen hinter mir. Hie und da aber wurden sie aufsässig, konspirierten zum Teil oder in ihrer Gesamtheit gegen mich. Gelegentlich ging das so weit, daß man die Acht über mich verhängte. Wenn ich dann eine Zeitlang gemieden worden war und keiner der Anführer mit mir gesprochen hatte, bahnten sich meist Verhandlungen an. Dann wurden von mir Offiziere ernannt, ich gebrauchte meine Überredungskunst und brachte, wo das nichts half, Widerspenstige durch Geschenke auf meine Seite. In Fällen von dauernder Widersetzlichkeit griff ich zur Exekution. Ich ging zum persönlichen Angriff über; dann kam es darauf an, daß ich obsiegte. War das der Fall, so entfernte sich meist der Unterlegene schimpfend, heulend, unter Drohungen. Trotzdem ich mein Bürgertum nie hervorkehrte, spürte ich doch bei diesem und jenem den Klassenhaß. Ich wurde mit Schimpfnamen traktiert. Ich erinnere mich, wie bei einer solchen Gelegenheit sich ein Kampf zwischen mir und meinem Verlästerer entspann, der wohl eine Viertelstunde dauerte. Er ging beinah auf Leben und Tod. Erwachsene rissen uns auseinander. [...] 
Als Knabe, ja wohl noch als Kind kam ich dem Begriff des Kantischen Dinges an sich nahe. Ich betrachtete einen Baum, ich beroch und berührte seinen Stamm. Ich stellte mit meiner Stirn dessen Härte fest. Ich sagte: Nun ja, ich nenne dich Baum, ich weiß, du bestehst aus Holz, das brennbar ist, doch was du eigentlich bist, weiß ich nicht. Ich ging auch weiter und machte mich selbst zum Objekt. Was bist du ursprünglich selbst? Was ist ursprünglich dein eigenstes Wesen? Diese beiden Fragen stellte ich an mich. In einem solchen Augenblick vermochte ich hinter mich selbst zu dringen und als Einzelwesen mich aufzugeben. Ich war im Sommer viel allein, und das wurde mir, wohl auch durch Gewöhnung, mehr und mehr angenehm, aber doch nicht so, daß ich Einsamkeit und Zurückgezogenheit nicht immer wieder gern durch einen Sprung ins bewegte Leben unterbrochen gesehen hätte. In weiten Streifen bewegte ich mich während meiner einsamen Stunden in entlegenen Teilen der Anlagen umher, saß in Wipfeln von Bäumen, den promenierenden Kurgästen unsichtbar, oder lag auf den grünen Rasen gestreckt an den Kieswegen. [...] 
Ich ging nicht nur in den Weberhütten, sondern auch in den übrigen Werkstätten der Kleinen als ein Dazugehöriger ungehindert, ja unbeachtet aus und ein, ebenso auch in den einzelnen, bis dahin versprengten Elendsquartieren der Bergleute aus dem nahen Industrie- und Kohlenbezirk. Dem Schmiede sah ich zu, wenn er Hufeisen auflegte, dem von Tuchfetzen umgebenen Schneider auf seinem niederen Tisch bei der Stichelei, dem Schuhmacher auf seinem Schemel vor dem Arbeitstisch, wo hinter den wassergefüllten Glaskugeln die Ölfunse brannte. In diesen engen Schuhmacherwerkstätten sah ich zuerst mit Verwunderung, inwieweit sich kleine Vögel, hier meist Rotkehlchen und Rotschwänzchen, mit den Menschen vertraut machen können. Ohne durch Familien- und Werkstattlärm der eng zusammengedrängten Lebens- und Arbeitsgemeinschaften gestört zu sein, stelzten und flatterten sie herum und behaupteten furchtlos die seltsamsten Plätze: den Kopf der Katze oder den Arm des Handwerksmeisters, während er den Hammer schwang. [...]

Zehntes Kapitel 
Lesen habe ich nicht in der Schule gelernt, sondern am Robinson Defoes und Coopers Lederstrumpf. Gott, dem ich dafür dankbar bin, hat sich einer Frau Metzig bedient, um mir beide Bücher als Geschenke ins Haus zu tragen. [...] 
Durch Robinson und Lederstrumpf haben meine Träume und meine Spiele richtunggebende Nahrung erhalten. Erzählungen bedeuten Träume, mündlich oder schriftlich in Worte gefaßt. Von da ab, als ich am Robinson lesen lernte, wurde ein wesentlicher Teil meiner Träumereien durch Bücher genährt. Wie kommt es, daß ich, der ein mir völlig gemäßes Leben führte, Robinson und Lederstrumpf mit Gier entzifferte und die Lebensform bald des einen, bald des andern Helden leidenschaftlich herbeiwünschte, und weshalb verfallen diesen Gestalten alle gesunden Knaben so wie ich? Auch hier ist Kampf, aber nicht mit Buchstaben, Bibelsprüchen und Rechenexempeln, sondern mit der Natur und in der Natur. [...] 
Und nach der Vervollkommnung, nach der Vollendung dieses natürlichen Zustands sehnte ich mich trotz allem, was mich an meine Umgebung fesselte. Und jeder gesunde Knabe sehnt sich danach. [...] 
Gleichsetzungen wie die meinen mit Chingachgook würde ein moderner Forscher dämonisch nennen: das Dämonische stelle im Gegensatz zu den durch geistige Erfassung gewonnenen Tatsachen das aufbauende Leben dar. Nach eigener Erfahrung glaube ich, daß es so ist. Und so darf man es nicht mit dem Verstande störend schädigen, da es, wie weiter gesagt wird, nur in seinen Auswirkungen zugänglich sei. Es war bei mir mit stürmischen Ausbrüchen der Affekte verbunden. Und ein solcher Affekt, heißt es weiter, sei eine naturnotwendige Erschütterung, um das Dämonisch-Geniale zu wecken. Bekämpfe man im Knaben das Dämonische, schließt der einsichtsvolle Mann, so bekämpft man zugleich das Geniale im Kinde, das auch getötet werden kann. [...] 
Nun also, der göttliche Wahnsinn des Dämonischen hat mich damals berauscht, ich lebte im Zustand einer gesunden Besessenheit. Meine Seele hätte sich überhaupt nie entbrannt und ins Leben gerufen, wenn nicht eben dieses Dämonische die Natur und mich ununterbrochen verwandelt hätte. [...] 
Es blieb meiner Schwester Johanna vorbehalten, ihre reine und gute Absicht vorausgesetzt, mich mit dem Gedanken an Sünde und Sündenschuld zunächst zu belasten. Sie wandte zum Beispiel den Ausdruck Lüge auf die meisten meiner heiteren Phantastereien an und behauptete dann, daß, wenn ich wirklich gelogen hätte, mich der Blitz beim nächsten Gewitter erschlagen würde. Dadurch hat sie mir eine lang quälende Gewitterfurcht ins Blut gebracht, denn daran, daß es eigenwillig strafende Götter geben konnte, zweifelte ich als dämonischer Schöpfer vieler Dämonen nicht. Als ich die Fülle meiner Sünden in meinem Gewissen unendlich vermehrt hatte, tröstete mich Johanna wieder in meiner Gewissensnot, indem sie erklärte, daß Jesus Christus, Gottes Sohn, sofern man bereue, alle Sünden auf einmal vergebe, am Konfirmationstage im Genuß des Abendmahls. Durch den unverantwortlichen, kindisch-mutwilligen Erziehungsversuch einer kindhaften Schwester wurde ich so in das kirchliche Wesen gleichsam beiläufig eingeführt. Wenn man mich also gelegentlich in Grübeleien versunken sah, konnte es sein, daß ich grade mein Sündenregister nachprüfte. Das Kind bedarf keines Heilandes, damit ihm Steine zu Brot werden. Ihm wird auch ohne die König Midas gewährte Begabung alles, was es anfaßt, zu Gold. Aber mein leidenschaftliches Leben, meine seligen Energien, in denen sich ein ernster Werdeprozeß doch stets halb bewußt machte, erlitten durch solche Eingriffe bedeutsame Trübungen. Fortan lebte ich gleichsam nur noch in einer sorgenvollen Glückseligkeit. So, wie sie jedoch war, entsprach sie mir, und ich dachte nicht anders, als daß sie mir durch das Leben treu bleiben würde. Habe ich darin recht gehabt?

Elftes Kapitel 
Nach seiner schweren Krankheit dem Leben wiedergewonnen, genoß mein Bruder Carl eine lange Zeit die Hauptanteilnahme der Familie. Auch den Dachrödenshof – der Großvater lebte noch – hatte Carl längst durch sein gesellig-offenes, lernfreudig-begabtes Wesen für sich eingenommen. Er übertraf mich damals und immer hierin. Ein Kindergeschichtchen, das sich mit ihm im Dachrödenshof zugetragen hatte, wurde wieder und wieder erzählt. Der Großvater Straehler, der würdige Brunneninspektor, hatte sich mit Schlafrock und langer Pfeife, um ihn zu amüsieren, vor dem Dreikäsehoch tanzend in ganzer Größe herumgedreht, was dieser mit kühlem Phlegma beobachtete. Schließlich hat er mit den Worten »Nee, 's is doch ein verflischter Kerl!« seiner Bewunderung Ausdruck gegeben, womit er nach mundartlicher Gepflogenheit in gemilderter Form einen verfluchten Kerl bezeichnen wollte.  [...] 
Schenken, nicht empfangen, war Carls höchster Genuß. Es mochte dabei schon damals ein Werben um Menschenseelen mitspielen. Mutter bekämpfte gelegentlich seine Freigebigkeit, aber er hatte eine schöne, eigenwillig moralische Art, abzuwehren. Er machte auf alle, die ihn hörten, auch Vater und Mutter, Eindruck damit. Sehr weit in meine Jugend zurückgehen müssen seine Tiraden gegen den Eigennutz, die er nach kaum vollendetem zehnten Jahr im Gespräch mit den frommen Tanten im Dachrödenshof, sogar gegen die kirchliche Lehre von der Belohnung des gläubigen Christen durch die ewige Seligkeit, mutig ins Feld führte. Er sagte, wer Gott nur wegen einer zu erwartenden Belohnung liebe, der sei noch nicht anders als ein Hund, der die Zuckerdose anbete. So jung ich war, stand ich bei solchen Behauptungen hinter ihm. Er war im allgemeinen leicht aufgeregt, meist aber, ähnlich einem gewissen spanischen Ritter, aus Rechtsgefühl und aus Mitgefühl. Tierquälerei riß ihn zu rücksichtslosen Protesten hin, bei denen er vor den rüdesten Bauernknechten nicht zurückschreckte.
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend , 1937)

02 Juni 2017

Schnelllesen

Einen Roman in der Mittagspause verschlingen? Kein Problem, versprechen Speed-Reading-Apps. Aber was bleibt vom Lesegenuss?  von ADRIAN LOBE

11 Juni 2016

Nachgemerkt

Lektüren, die ich nur angelesen habe, auf die ich aber zurückkommen können will:

Mara Hvistendahl: „Das Verschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen, 2013
160 Millionen nicht geborene Chinesinnen; Frauenhandel von Vietnam nach Südkorea und Taiwan. In den USA wird über PID auf Mädchen hin selektiert, 75-80% Mädchen gewünscht (bessere Schulleistungen, weniger aggressiv)

Hermann FischerStoff-Wechsel Auf dem Weg zu einer solaren Chemie für das 21. Jahrhundert, 2012


Michael J. Sandel: „Was man für Geld nicht kaufen kann – Die moralischen Grenzen des Marktes“, 2012


Joseph E. Stiglitz Der Preis der Ungleichheit Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, 2012

Tanja & Johnny Haeusler Netzgemüse Aufzucht und Pflege der Generation Internet, 2012


Doug Saunders Arrival City Über alle Grenzen hinweg ziehen Millionen Menschen vom  Land in die Städte. Von ihnen hängt unsere Zukunft ab, 2011









18 April 2014

Lesen und leben

»Sie lesen doch sehr viel, nicht wahr?« »Gewiß.« »Was tun Sie da? Ich will gleich die Antwort geben: Ihre Auffassung läßt aus, was Ihnen nicht paßt. Das gleiche hat schon der Autor getan. Ebenso lassen Sie im Traum oder in der Phantasie aus. Ich stelle also fest: Schönheit oder Erregung kommt in die Welt, indem man fortläßt. Offenbar ist unsere Haltung inmitten der Wirklichkeit ein Kompromiß, ein mittlerer Zustand, worin sich die Gefühle gegenseitig an ihrer leidenschaftlichen Entfaltung hindern und ein wenig zu Grau mischen. Kinder, denen diese Haltung noch fehlt, sind darum glücklicher und unglücklicher als Erwachsene. Und ich will gleich hinzufügen, auch die Dummen lassen aus; Dummheit macht ja glücklich. Ich schlage also als erstes vor: Versuchen wir einander zu lieben, als ob Sie und ich die Figuren eines Dichters wären, die sich auf den Seiten eines Buchs begegnen. Lassen wir also jedenfalls das ganze Fettgerüst fort, das die Wirklichkeit rund macht.« [...]
Es ist unmöglich, den Gedanken eines Buchs aus der Seite zu lösen, die ihn umgibt. Er winkt uns wie das Gesicht eines Menschen, das in einer Kette anderer an uns vorbeigerissen wird und für kurze Weile bedeutungsvoll auftaucht.
Robert Musil:  Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 114 Die Verhältnisse spitzen sich zu. Arnheim ist sehr huldvoll zu General Stumm. Diotima trifft Anstalten, sich ins Grenzenlose zu begeben. Ulrich phantasiert von der Möglichkeit, so zu leben, wie man liest

11 August 2011

Öffentliche Bibliothek und Leihbibliothek in Konkurrenz

Die Leihbüchereien waren wichtige Voraussetzung für eine breite Leserschaft von Romanen.

Im Unterschied zu den Romanen der Barockzeit, die als Gelehrtenliteratur im Quartformat daher kamen, zielten die Romane des Zeitalters der Empfindsamkeit wie etwa The Vicar of Wakefield, Rousseaus Nouvelle Héloise und Goethes Werther auf die Unterhaltungsbedürfnisse eines breiten Publikums, nicht zuletzt eines weiblichen, und wurden daher im kleineren Oktavformat und auch in Duodez- und in Sedezformat gedruckt.
Solche Bücher dienten nämlich  zum Lesen bis zum Verschlingen in jeder Lebenslage, nicht als Referenzwerke, die man in der häuslichen Bibliothek haben musste. Der größte Teil der Leserschaft lieh sie sich also nur aus, weil die Anschaffung zu teuer gekommen wäre.
Dass Leserinnen ihre männlichen Partner im Leseeifer oft übertrafen, galt den kulturkritischen Volkspädagogen fast als ein schlimmeres Laster als im 20. Jahrhundert das Fernsehen und im 21. die Computerspiele. Ging doch die Lesezeit von der Hausarbeit ab. Daher versuchten die öffentlichen Bibliotheken das "gute" Buch zu fördern, das weder Sittlichkeit noch staatstreue Gesinnung seiner Leserinnen und Leser gefährdete.
(vgl. dazu Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart 2007, S.156 ff. und die verlinkten Wikipediaartikel)

27 Juni 2011

Lesen lernen

Die Eltern wollen ihre Kinder nicht in die Dorfschule schicken und tragen sich mit Umzugsplänen.
Aber es passierte immer wieder etwas, was den Umzug verhinderte, und langsam entwickelte sich ein anderer Plan. Um Zeit zu gewinnen, würde der Vater die beiden ältesten Kinder in Lesen und Schreiben unterrichten, so dass, wenn das Schulamt anfragte, ihre Mutter sagen könnte, sie würden bald umziehen und in der Zwischenzeit zu Hause unterrichtet.So brachte der Vater zwei Exemplare von Mavars Fibel mit und lehrte sie das Buchstabieren. Doch gerade als Laura mit den einsilbigen Wörtern anfing, musste er zu einer entfernteren Baustelle und kam nur am Wochenende nach Hause. Laura, die noch im Stadium von M-a-m-a r-u-f-t war, musste also mit dem Buch der Mutter bei der Hausarbeit hinterher laufen und sie fragen: "Mama, wie buchstabiert man 'schläft'? oder: Was bedeutet 'spazieren'? Wenn ihre Mutter zu beschäftig oder nicht in Stimmung war, ihr zu Diensten zu sein, saß sie dann oft und starrte auf die Seite, die genauso gut hebräisch hätte bedruckt sein können, denn alles, was sie tun konnte, war die Stirn runzeln und grübeln, als ob sie die Bedeutung der Wörter durch bloße Konzentration herausquetschen könnte.
Nach Wochen, wo es so lief, kam dann der Tag, wo sie auf einmal den Eindruck bekam, dass die gedruckten Wörter eine Bedeutung bekämen. Nun gab es selbst auf den ersten Seiten der Fibel immer noch einige Wörter, die sie nicht entziffern konnte, aber sie konnte die übergehen und doch das Ganze verstehen. "Ich kann lesen, ich kann lesen!" rief sie laut, "Edmund, Mama, ich kann lesen!"
Flora Thompson: Lark Rise to Candleford