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15 August 2017

Wieland: Die Geschichte vom Emir 2. Teil - Die Lehren des Psammis (in: Der goldene Spiegel)

Am nächsten Tag hat sich der Emir so weit über seine mangelnde Fähigkeit, sich mit dem Mädchen zu vergnügen, beruhigt, dass er daran geht, sich zu erkundigen, woher es kommt, dass der achtzigjährige Greis so munter und lebendig ist, während es ihm an Lebenskraft fehlt:


 Ich bitte dich, erkläre mir dieses Rätsel. Was für ein Geheimnis besitzest du, welches solche Wunder wirken kann?‹
›Ich kann dir mein Geheimnis mit drei Worten sagen‹, erwiderte der Alte lächelnd: ›Arbeit, Vergnügen und Ruhe, jedes in kleinem Maße, zu gleichen Teilen vermischt, und nach dem Winke der Natur abgewechselt, wirken dieses Wunder, wie du es zu nennen beliebst, auf die begreiflichste Weise von der Welt. Eine nicht unangenehme Mattigkeit ist der Wink, den uns die Natur gibt, unsre Arbeit mit Ergetzungen zu unterbrechen, und ein ähnlicher Wink erinnert uns von beiden auszuruhen. Die Arbeit unterhält den Geschmack an den Vergnügungen der Natur, und das Vermögen sie zu genießen; und nur derjenige, für den ihre reinen untadelhaften Wollüste allen Reiz verloren haben, ist unglücklich genug, bei erkünstelten eine Befriedigung zu suchen, welche sie ihm nie gewähren werden. Lerne an mir, werter Fremdling, wie glücklich der Gehorsam gegen die Natur macht. Sie belohnt uns dafür mit dem Genuß ihrer besten Gaben. Mein ganzes Leben ist eine lange, selten unterbrochne Kette von angenehmen Augenblicken gewesen; denn die Arbeit selbst, eine unsern Kräften angemessene und von keinen verbitternden Umständen begleitete Arbeit, ist mit einer Art von sanfter Wollust verbunden, deren wohltätige Einflüsse sich über unser ganzes Wesen verbreiten. [...]
›Eine alte Überlieferung sagt uns, daß unsre Vorfahren von griechischer Abkunft gewesen, und durch einen Zufall, an dessen Umständen dir nichts gelegen sein kann, vor einigen Jahrhunderten in diese Gebirge geworfen worden. Sie pflanzten sich in diesen angenehmen Tälern an, welche die Natur dazu bestimmt zu haben scheint, eine kleine Anzahl von Glücklichen vor der Mißgunst und den ansteckenden Sitten der übrigen Sterblichen zu verbergen. Hier lebten sie, in zufriedener Einschränkung in den engen Kreis der Bedürfnisse der Natur, dem Anschein nach so armselig, daß selbst die benachbarten Beduinen sich um ihr Dasein wenig zu bekümmern schienen. Die Zeit löschte nach und nach den größten Teil der Merkmale ihres Ursprungs aus; ihre Sprache verlor sich in die arabische; ihre Religion artete in einige abergläubische Gebräuche aus, von welchen sie selbst keinen Grund anzugeben wußten; und von den Künsten, die der griechischen Nation einen unverlierbaren Rang über alle übrige gegeben haben, blieb ihnen nur die Liebe zur Musik, und ein gewisser angeborner Hang zum Schönen und zu geselligen Vergnügungen, welcher die Grundlage abgab, worauf der weise Gesetzgeber ihrer Nachkommen einen kleinen Staat von glückseligen Menschen aufzuführen wußte. [...]
Er fand unsre kleine Nation fähig, glücklich zu sein; ›und Menschen‹, sagte er zu sich selbst, ›welche etliche Jahrhunderte sich an dem Unentbehrlichen begnügen lassen konnten, verdienen es zu sein: ich will sie glücklich machen.‹ Er verbarg sein Vorhaben eine geraume Zeit, weil er weislich glaubte, daß er die ersten Eindrücke durch sein Beispiel machen müsse. Er pflanzte sich unter uns an, lebte in seinem Hause so, wie du uns hast leben gesehen, machte unsre Leute mit Bequemlichkeiten und Vergnügungen bekannt, die ihre Begierden reizen mußten, und kaum ward er gewahr daß er diesen Zweck erhalten habe, so legte er die Hand an seinen großen Entwurf. Ein Freund, der ihn begleitet hatte und von allen schönen Künsten in einem hohen Grade der Vollkommenheit Meister war, half ihm die Ausführung beschleunigen. Viele von unsern Jünglingen, nachdem sie die nötige Vorbereitung von ihnen erhalten hatten, arbeiteten unter ihrer Aufsicht mit unbeschreiblicher Begeisterung. Wilde Gegenden wurden angebaut; künstliche Wiesen und Gärten voll fruchttragender Bäume blühten in Gegenden hervor, die mit Disteln und Heidekraut bedeckt gewesen waren; und Felsen wurden mit neu gepflanzten Weinreben beschattet. [...]
Jeder von uns empfängt beim Antritt seines vierzehnten Jahres, an dem Tage, da er in dem Tempel der Huldgöttinnen das Gelübde tun muß, der Natur gemäß zu leben, einige Täfelchen aus Ebenholz, auf welchen diese Sittenlehre mit goldnen Buchstaben geschrieben ist. Wir tragen sie immer bei uns, und sehen sie als ein Heiligtum und gleichsam als den Talisman an, an welchen unsre Glückseligkeit gebunden ist. Wer sich unterfinge andre Grundsätze einführen zu wollen, würde als ein Vergifter unsrer Sitten und als ein Zerstörer unsers Wohlstandes auf ewig aus unsern Grenzen verbannt werden. Höre, wenn es dir gefällt, was ich dir davon vorlesen will.   ›Das Wesen der Wesen‹, so spricht Psammis im Eingange seiner Gesetze, ›welches, unsichtbar unsern Augen und unbegreiflich unserm Verstande, uns sein Dasein nur durch Wohltaten zu empfinden gibt, bedarf unser nicht, und fodert keine andre Erkenntlichkeit von uns, als daß wir uns glücklich machen lassen. Die Natur, die zu unsrer allgemeinen Mutter und Pflegerin von Ihm bestellt ist, flößet uns mit den ersten Empfindungen auch die Triebe ein, von deren Mäßigung und Übereinstimmung unsre Glückseligkeit abhängt. Ihre Stimme ist es, die durch den Mund ihres Psammis mit euch redet; seine Gesetze sind keine andern als die ihrigen. Sie will, daß ihr eures Daseins froh werdet. Freude ist der letzte Wunsch aller empfindenden Wesen: sie ist dem Menschen, was Luft und Sonnenschein den Pflanzen ist. Durch süßes Lächeln kündigt sie die erste Entwicklung der Menschheit im Säugling an, und ihr Abschied ist der Vorbote der Auflösung unsers Wesens. Liebe und gegenseitiges Wohlwollen sind ihre reichsten und lautersten Quellen: Unschuld des Herzens und der Sitten das sanfte Ufer, in welchem sie dahin fließen.
Diese wohltätigen Ausflüsse der Gottheit sind es, was ihr unter den Bildern vorgestellt sehet, denen euer gemeinschaftlicher Tempel heilig ist. Betrachtet sie als Sinnbilder der Liebe, der Unschuld und der Freude. So oft der Frühling wieder kommt, so oft Ernte und Herbst angehen und geendigt sind, und an jedem andern festlichen Tage versammelt euch in dem Myrtenhaine; bestreuet den Tempel mit Rosen, und kränzet diese holden Bilder mit frischen Blumen; erneuert vor ihnen das unverletzliche Gelübde, der Natur getreu zu bleiben; umarmet einander unter diesen Gelübden, und die Jugend beschließe das Fest, unter den frohen Augen der Alten, mit Tänzen und Gesang. Die junge Schäferin, wenn ihr Herz aus dem langen Traume der Kindheit zu erwachen beginnt, schleiche sich einsam in den Myrtenhain, und opfre der Liebe die ersten Seufzer, die ihren sanften Busen heben; die junge Mutter mit dem lächelnden Säugling im Arme wandle oft hierher, ihn zu den Füßen der holden Göttinnen in süßen Schlummer zu singen.
Höret mich, ihr Kinder der Natur! – denn diesen und keinen andern Namen soll euer Volk künftig führen.
Die Natur hat alle eure Sinne, hat jedes Fäserchen des wundervollen Gewebes eures Wesens, hat euer Gehirn und euer Herz zu Werkzeugen des Vergnügens gemacht. Konnte sie euch vernehmlicher sagen, wozu sie euch geschaffen hat?
Wär es möglich gewesen, euch des Vergnügens fähig zu machen, ohne daß ihr auch des Schmerzesfähig sein mußtet, so – würde es geschehen sein. Aber so viel möglich war hat sie dem Schmerz[58] den Zugang zu euch verschlossen. Solang ihr ihren Gesetzen folget, wird er eure Wonne selten unterbrechen; noch mehr, er wird euer Gefühl für jedes Vergnügen schärfen, und dadurch zu einer Wohltat werden; er wird in euerm Leben sein was der Schatten in einer schönen sonnigen Landschaft, was die Dissonanz in einer Symphonie, was das Salz an euern Speisen.
Alles Gute löset sich in Vergnügen auf, alles Böse in Schmerz. Aber der höchste Schmerz ist das Gefühl sich selbst unglücklich gemacht zu haben‹, – (hier holte der Emir einen tiefen Seufzer) – ›und die höchste Lustdas heitre Zurücksehen in ein wohl gebrauchtes, von keiner Reu beflecktes Leben.

Niemals möge unter euch, ihr Kinder der Natur, das Ungeheuer geboren werden, das eine Freude darin findet, andre leiden zu sehen, oder unfähig ist sich ihrer Freude zu erfreuen! Nein, ein so unnatürliches Mißgeschöpf kann nicht zum Vorschein kommen, wo Unschuld und Liebe sich vereinigen, den Geist der Wonne über alles was atmet auszugießen. Freuet euch, meine Kinder, eures Daseins, eurer Menschheit; genießet, so viel möglich, jeden Augenblick eures Lebens: aber vergesset nie, daß ohne Mäßigung auch die natürlichsten Begierden zu Quellen des Schmerzes, durch Übermaß die reineste Wollust zu einem Gifte wird, das den Keim eures künftigen Vergnügens zernaget. Mäßigung und freiwillige Enthaltung ist das sicherste Verwahrungsmittel gegen Überdruß und Erschlaffung. Mäßigung ist Weisheit, und nur dem Weisen ist es gegönnt, den Becher der reinen Wollust, den die Natur jedem Sterblichen voll einschenkt, bis auf den letzten Tropfen auszuschlürfen. Der Weise versagt sich zuweilen ein gegenwärtiges Vergnügen, nicht weil er ein Feind der Freude ist, oder aus alberner Furcht vor irgend einem gehässigen Dämon, der darüber zürnte wenn sich die Menschen freuen; sondern, um durch seine Enthaltung sich auf die Zukunft zu einem desto vollkommnern Genusse des Vergnügens aufzusparen. [...]
Psammis hat euch neue Quellen angenehmer Empfindungen mitgeteilt: durch ihn genießet ihr, von der täglichen Arbeit ermüdet, einer wollüstigen Ruhe; durch ihn ergetzen liebliche Früchte, in diesen fremden Boden verpflanzt, euern Gaumen; durch ihn begeistert euch der Wein, zu höherer Fröhlichkeit, zu offenherzigem Geschwätze und geistreichem Scherz, ohne welche dem geselligen Gastmahle seine beste Würze fehlt. In der Liebe, die ihr nur unter der niedrigen Gestalt des Bedürfnisses kanntet, hat er euch die Seele des Lebens, die Quelle der schönsten Begeisterung und der reinsten Wollust des Herzens bekannt gemacht. O meine Kinder! welche Lust, welches angenehme Gefühl sollt ich euch versagen? Keines, gewiß keines das euch die Natur zugedacht hat! Ungleich den schwülstigen Afterweisen, welche den Menschenzerstören wollen, um – eitles lächerliches Bestreben! – einen Gott aus seinen Trümmern hervor zu ziehen! Ich empfehle euch die Mäßigung; aber aus keinem andern Grunde, als weil sie unentbehrlich ist, euch vor Schmerzen zu bewahren, und immer zur Freude aufgelegt zu erhalten. Nicht aus Nachsicht gegen die Schwachheit der Natur erlaub ich, – nein, aus Gehorsam gegen ihre Gesetze befehl ich euch, eure Sinne zu ergetzen. [...]
Vervielfachet euer Wesen, indem ihr euch gewöhnet in jedem Menschen das Bild euerer eigenen Natur und in jedem guten Menschen ein andres Selbst zu lieben.
Schmecket so oft ihr könnt das reine göttliche Vergnügen andre glücklicher zu machen; – und du, Unglückseliger, dem von diesem bloßen Gedanken das Herz nicht zu wallen anfängt, fliehe, fliehe auf ewig aus den Wohnungen der Kinder der Natur!‹«
Schach-Gebal war über der Sittenlehre des weisen Psammis unvermerkt so gut eingeschlafen, daß die schöne Nurmahal für ratsam hielt, die Fortsetzung der Geschichte des Emirs auf die künftige Nacht auszusetzen.
(Der goldene Spiegel 1.Teil 4. Kapitel)

17 Januar 2016

Textbetrachtung

Stimmen die Bilder?
Gibt es ein Zuviel?

Ueber dem Teich, hoch im blauen Frühlingshimmel, hing lange und unbeweglich ein dunkler Punkt. Das blanke Gewässer wimmelte von Fischen; es lag immer so einsam, und wehrlos da, und die alten, nahe an seinen Spiegel gerückten Baumriesen konnten auch nicht helfen, wenn der graugefiederte Dieb, jäh aus den Lüften herabstürzend, nach Herzenslust das silberschuppige Leben im Wasser würgte. Heute nun traute er sich nicht herab, denn es waren Menschen da, große und kleine, und die kleinen schrieen und jubelten so ungebärdig und warfen im kindischen Vermessen ihre bunten Bälle nach ihm; rastende Pferde wieherten und stampften das Ufergeröll, und durch die Baumwipfel quollen Rauchwolken und fuhren mit zuckenden Armen gen Himmel. Menschenlärm und Rauch – das war nichts für den heimtückisch hereinbrechenden Räuber, nichts für den Segler des kristallenen Aethers; mißmutig zog der Reiher immer weitere Kreise und verschwand zuletzt unter einem gellenden Kinderhurra so spurlos, als sei sein gewichtiger Körper zerblasen und zerstoben.
(Eugenie Marlitt: Die zweite Frau - Kapitel 1)

Man kennt es schon von mir. Immer wieder zitiere ich Texte von Marlitt, wo sie beschreibt und sich nicht in klischeehaften Charakterzeichnungen ergeht. 

Hier ein Beispiel dafür:
"Ihre Mutter stieß einen gellenden Laut aus, dann warf sie sich rücklings auf ein Sopha und verfiel in Lachkrämpfe.
Ruhig, mit untergeschlagenen Armen, stand Ulrike zu Häupten der wie toll um sich schlagenden Frau und sah mit einem bitter-ironischen Lächeln auf sie nieder.
„Der arme Magnus!“ flüsterte Liane, nach der Thür des Nebenzimmers deutend. „Er ist drüben – wie wird er erschrecken über diesen Lärm! … Bitte, Mama, fasse Dich! Magnus darf Dich nicht so sehen – was soll er denken?“ wandte sie sich halb bittend, halb mit ernstem Nachdruck an ihre Mutter.
Die widerwärtige Scene, welcher die Töchter stets durch Nachgiebigkeit und möglichsten Gehorsam vorzubeugen suchten, spielte sich ja nun doch ab; nun machte sich der tiefe, gerechte Unwille geltend, den das charaktervolle Weib gegenüber den Ausschreitungen einer entarteten Frauennatur empfindet. Die junge Mädchengestalt zitterte nicht mehr vor Furcht – es sprach etwas unbewußt Ueberlegenes aus der Bewegung, mit welcher sie ernst mahnend die Hand hob. Sie predigte tauben Ohren – das Geschrei dauerte fort."

03 August 2014

Zsuzsa Bánk: Die hellen Tage

Es sind sympathische Gestalten, Évi, die in einem Garten mit ihrer Tochter Aya gestrandet/gelandete Artistin, das Erzählermädchen, das seine Tage bei Aya und Évi verbringt, fasziniert vom Reiz des anderen, die Mutter der Erzählerin, die sich Évi annähert und der Junge Karl, der darunter leidet, dass sein Bruder Ben verschwunden ist. Nicht zuletzt Zigi, der Artist, der ständig dazu lernt.
Im Zirkusmilieu werden sie mir schablonenhafter. Auch das Wanderjahr erreicht mich nicht recht. Nicht weil es unglaubwürdig wäre, aber weil die Liebe des Erzählermädchens zu diesen Figuren fehlt. Sie erlebt sie nicht, sie hört nur von ihnen in Erzählungen. 

Klappentext:
"Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben."

Nichts gegen die Mütter, vor allem nichts gegen die zauberhafte Évi. Die Gestalten leben für mich bis zum Kapitel "Ein Jahr", so weit sie überhaupt leben, vom Erzählermädchen, das über sie staunt. 

Andreas Isenschmid nennt den Roman Zsuzsa Banks "glücksverzaubert". 

Ist es nicht eher die Sehweise der Erzählerin als das Glück?


Wilmes von der Frankfurter Rundschau findet: dass die Schilderungen der mittlerweile erwachsenen Seri, die eifersüchtig und verletzt der Zweisamkeit ihrer Freunde zuschaut, seltsam "blass" und unanschaulich bleiben und beim Entzaubern der heilen Kindheitswelt mysteriöser herumgeraunt wird, als dem Roman gut tut.

Ich werde meinerseits eine Unterbrechung einlegen, bevor ich weiter lese.


Meike Fessmann von der Süddeutschen Zeitung "trauert ein bisschen dem selten gewordenen auktorialen Erzähler hinterher, besonders angesichts der in ihren Augen "eigenschaftslosen" Erzählerfigur von Zsuzsa Banks jüngstem Roman."

Ich vermisse nicht den auktorialen Erzähler, sondern, wie bereits erwähnt, im Zirkusteil mein Erzählermädchen. 

Zunächst sind es durchaus nicht die Mütter, die die Kinder lotsen (vgl. Klappentext), sondern die Erzählerin gibt die Richtung vor:

Ich hatte mich in Ajas Leben begeben, als sei ein fester Platz für mich immer schon darin vorgesehen gewesen. (S.179)
Lange duldet die Mutter der Erzählerin  nur, dass ihre Tochter zu Aja und deren Mutter Évi geht, doch als Aja in Lebensgefahr gerät, rettet sie diese und fühlt sich bald darauf auch für ihre Mutter Évi zuständig, bringt ihr das Lesen bei und besorgt ihr Arbeit für den Lebensunterhalt.
Meine Mutter fragte nicht mehr, warum ich mir ausgerechnet Aja hatte aussuchen müssen, und mit den Jahreszeiten, die über Kirchblüt kamen und es verkleideten, hatte sie es aufgegeben, Évis Leben an ihrem zu messen, an den vielen Dingen, aus denen es zusammengefügt war. (S. 180)
Évi lernt mit großem Enthusiasmus lesen und bäckt für den ganzen Ort für alle möglichen Gelegenheiten Kuchen. Doch legt sie großen Wert darauf, dass ihre Tochter nie außer Hause schläft. Doch dann ändert sich das.
Aja wurde krank, nachdem zum ersten Mal Schnee gefallen war [...] (S.  182)
Als Ajas Zustand sich in ihrer zugigen Baracke nicht ändert, entschließt sich Évi, sie doch zur Mutter der Erzählerin Seri zu bringen.
Aja wurde in unserem Wohnzimmer, auf unserem roten Sofa gesund. (S. 186)

Bericht: Évi bringt Karls Mutter dazu, in ihr Haus zu kommen. Und Karls Vater dazu, zu reden und ihre Kuchen auszufahren. Karls Vater beginnt auch für Évi zu handwerken. S.198
Karls Vater schien es nur zu geben, um Aja daran zu erinnern, dass Zigi nicht hier war, dass er die meiste Zeit nicht hier war, und dass nicht Zigi, sondern ein anderer Évis Nähe suchte. S.202
Karls Vater war zu Zigi in ihren Kopf gestiegen und versuchte, ihn dort zu verdrängen, selbst das eine Bild von Zigi, das sich wie kein anderes in Évis Erinnerungen gebrannt hatte, zu verdunkeln. S.205
Als Zigi gegen Ende des Sommers kam, wollte Karls Vater gerade die Johannisbeeren umsetzen. S.208

Wenn er sonst mit niemandem sprach, sprach Karls Vater ausgerechnet mit Zigi [...] S.211

Nachdem zunächst Seris Mutter Verantwortung für Aja und Évi übernommen hat, übernimmt Évi Verantwortung für Karls Eltern. Sie bringt Karls Mutter dazu, in ihr Haus zu kommen. Und Karls Vater dazu, zu reden und ihre Kuchen auszufahren. Karls Vater beginnt auch für Évi zu handwerken. 
Als Zigi zu seinem jährlichen Besuch eintrifft, hebt er die meisten Änderungen von Karls Vater wieder auf. Karl nimmt sich zurück und beginnt mit Zigi zu reden, was er anderen gegenüber immer vermieden hatte.

Die Mütter halten lange Zeit eine vorsichtige Distanz zueinander, doch dann bricht das Eis.
Unserer Mütter hatten darauf geachtet, sich nie nahe zu kommen, keine hatte ihre vorgezeichneten Wege aufgegeben, selbst wenn diese sich berührt hatten, wenn sie einmal wie auf Glatteis ins Leben der anderen gerutscht waren, hatte sie schnell wieder etwas getrennt. [...] seit Karls Mutter an den Sonntagen in Évis Küche versucht hatte, die Dunkelheit vor ihren Augen zu vertreiben, hatten unsere Mütter ihre Wege nicht länger versperrt und angefangen, die Schranken davor langsam hochgehen zu lassen. [...] Plötzlich hatten sie Vornamen, Karls Mutter war jetzt Ellen und meine Mutter Maria, und Karls Mutter sagte zu Évi nicht mehr Frau Kalócs, wie sie es über Jahre getan hatte, sondern Évi. (S.223-225) 
Aus den Kindern werden Jugendliche. Aja wird ihrer Mutter gegenüber recht aggressiv. Doch die schlägt nicht zurück. Wenn Zigi dabei ist, hält Aja sich zurück. 

Andres Kilb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Ein Buch, dessen einziger Makel darin besteht, dass es irgendwann aufhört."

Als die Handlung in Rom spielt, wird mir deutlich, dass mein zentrales Interesse bei Évi liegt. Ihr Verhalten und ihr Verhältnis zu anderen sind ungewöhnlich und interpretationsbedürftig. Die anderen Personen bleiben blass.

Das Motiv der Leerstelle wird m.E. überreizt.* Nach den Vätern und Kind/Bruder tritt jetzt auch die Mutter in Gestalt einer Filmspule als Leerstelle auf. Dabei hat Aja mit Évi gerade die Frau als Mutter gehabt, die nicht nur an zwei zusätzlichen Kindern, sondern auch noch an zwei Erwachsenen Betreuungsaufgaben übernimmt. 


Die letzten 80 Seiten las ich nicht mehr mit Interesse für die Personen, sondern nur noch kursorisch unter der Fragestellung: Wie schließt die Autorin die zwei für die jüngere Generation ins Spiel gebrachten Probleme ab.


Leider fehlt eine Behandlung der Frage: Wie gehen Évi und ihre Bezugspersonen mit Évis Demenz um? - Dazu gibt es nur trockenen Bericht.


* Außer Aja empfindet sogar Libelle eine Leerstelle: "Libelle aber stieg aus ihrem Zirkuswagen, als sei auch ihr Leben um eine Lücke gebaut." (S.461)

12 August 2010

Fußreisen beleben die Gedanken

Was ich im Hinblick auf die Einzelnheiten meines Lebens, deren ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, am meisten bedauere, ist, daß ich keine Tagebücher über meine Reisen geführt habe. Nie habe ich so viel gedacht, nie bin ich mir meines Daseins, meines Lebens so bewußt, nie, wenn ich so sagen darf, so ganz Ich gewesen, wie auf denen, die ich allein und zu Fuß gemacht habe. In dem Wandern liegt etwas, das meine Gedanken weckt und belebt; verharre ich auf der Stelle, so bin ich fast nicht im Stande zu denken; mein Körper muß in Bewegung sein, damit mein Geist in ihn hineintritt. Der Blick über die Gegend, die Reihe freundlicher Aussichten, die frische Luft, der große Appetit, das Wohlbefinden, das ich beim Gehen bekomme, die Zwanglosigkeit im Wirthshause, die Abwesenheit von allem, was mir meine Abhängigkeit fühlbar macht, von allem, was mich an meine Lage erinnert, dies alles macht meine Seele frei, verleiht mir eine größere Gedankenkühnheit, schleudert mich gewissermaßen in die Unermeßlichkeit der Dinge, um sie zu ordnen, auszuwählen und mir nach meinem Sinne, ohne Zwang und Furcht, anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; von Gegenstand zu Gegenstand schweifend, vereinigt und identificirt sich mein Herz mit denen, die es angenehm berühren, umgiebt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an lieblichen Empfindungen. Wenn ich, um sie festzuhalten, mich damit ergötze, innerlich eine Schilderung von ihnen zu entwerfen, welche Lebensfrische der Formen, welchen Glanz der Farben, welche Kraft des Ausdrucks gebe ich ihnen dann! Man will etwas von dem allen in meinen Werken gefunden haben, obgleich ich sie erst in höheren Lebensjahren geschrieben habe. Ach, hätte man die meiner frühsten Jugend gesehen, die, welche ich auf meinen Reisen verfaßt, die, welche ich entworfen und nie niedergeschrieben habe! ... Weshalb, wird man einwenden, sie nicht schreiben? Aber weshalb sie schreiben? werde ich antworten. Weshalb mich um den wirklichen Zauber des Genusses bringen, um anderen zu sagen, daß ich Genuß gehabt? Was kümmerten mich Leser, Publikum, ja die ganze Welt, so lange ich im Himmel schwebte. Führte ich denn übrigens Papier und Federn bei mir? Hätte ich an alles das gedacht, dann würde keine Gedankenwelt in mir aufgestiegen sein. Ich sah nicht voraus, daß ich Gedanken haben würde; sie kommen nach ihrem, nicht nach meinem Gefallen; sie überwältigen mich durch ihre Zahl und Stärke. In zehn Bänden täglich hätte ich sie nicht unterbringen können. Woher Zeit nehmen, um sie zu schreiben? Sobald ich ankam, dachte ich an ein gutes Essen, wenn ich wieder aufbrach, dachte ich nur an eine angenehme Wanderung. Ich fühlte, daß ein neues Paradies meiner am Thore wartete; ich dachte nur daran, so schnell als möglich hinein zu gehen. [...]
Beim Berichte über meine Reisen geht es mir wie beim Reisen selbst; ich weiß nicht anzukommen. Das Herz schlug mir vor Freude, als ich meiner lieben Mama näher kam, und ich ging doch nicht schneller. Ich wandere gern mit aller Gemächlichkeit und mache Halt, wenn es mir gefällt. Ein umherwanderndes Leben ist für mich Bedürfnis. Eine Fußreise bei schönem Wetter, und in einer schönen Gegend zu machen, ohne Eile zu haben und an deren Ziele meiner etwas Angenehmes wartet, ist von allen Arten zu leben am meisten nach meinem Geschmack. Uebrigens weiß man schon, was ich unter einer schönen Gegend verstehe. Nie erschien mir ein flaches Land, bei aller sonstigen Schönheit, als ein solches. Ich bedarf Gießbäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, schroffe Pfade, die eben so schwer zu erklettern wie hinabzusteigen sind, Abgründe auf beiden Seiten, die mir Angst einjagen. Diese Wonne hatte ich und empfand sie in ihrem ganzen Zauber, als ich mich Chambery näherte. Unweit einer Felsenwand, die den Namen Pas de l'Echelle führt, tief unter der in den Felsen gehauenen Landstraße, bei dem Flecken Chailles, strömt und schäumt in schrecklichen Strudeln ein kleiner Fluß, der Tausende von Jahrhunderten gebraucht zu haben scheint, um sich Bahn zu brechen. Man hat den Weg, um Unglücksfälle zu verhüten, mit einem Geländer eingefaßt; deshalb konnte ich in die Tiefe hinabblicken und mich nach Herzenslust schwindelig machen lassen; denn trotz meiner Vorliebe für schroffe Felsen werde ich wunderlicher Weise auf ihnen schwindelig, und gerade an diesem Gefühle des Schwindels habe ich große Freude, sobald ich mich dabei in Sicherheit befinde. Weit über das Geländer gelehnt, schaute ich in die Tiefe und blieb da ganze Stunden lang, indem ich von Zeit zu Zeit bald auf diesen Schaum, bald auf das blaue Wasser blickte, dessen Brausen ich durch das Geschrei der Raben und der Raubvögel vernahm, welche hundert Klafter unter mir von Fels zu Fels und von Gesträuch zu Gesträuch flogen. An den Stellen, wo der Abhang ziemlich gerade hinunter ging und das Strauchwerk weit genug auseinander stand, um Steine durchzulassen, trug ich deren so groß und schwer, wie ich sie nur haben konnte, von allen Seiten zusammen und häufte sie auf dem Geländer auf. Darauf warf ich sie einen nach dem andern hinab und ergötzte mich daran, sie rollen, aufspringen und in tausend Stücke zerschellen zu sehen, ehe sie noch den Boden des Abgrundes erreichten.
Noch näher bei Chambery hatte ich ein ähnliches Schauspiel, wenn auch in umgekehrtem Sinne. Der Weg führt am Fuße des schönsten Wasserfalles vorüber, den meine Augen je gesehen. Der Berg hängt so weit herüber, daß das Wasser plötzlich in einem Bogen herabfällt, der weit genug von der Felsenwand entfernt ist, um zwischen dieser und dem Wasserfall hindurchschreiten zu können, oft sogar ohne daß man dabei naß wird; sieht man sich jedoch dabei nicht vor, so wird man leicht angeführt, wie es bei mir der Fall war; denn wegen der außerordentlichen Höhe löst sich das Wasser in eine Art Staubregen auf, und tritt man zu nahe an diese Wolke heran, ist man mit einem Male, ohne anfangs zu merken, daß man naß wird, vollkommen wie aus dem Wasser gezogen.Rousseau: Bekenntnisse (4. Buch)