Über bedeutende historische Gestalten lassen sich schlecht historisch Romane schreiben. Es ist zu viel über sie bekannt. Die Phantasie des Autors ist zu sehr eingeschränkt.
Unbedeutende aber erwecken nicht das Interesse des Lesers. Wer über bedeutende Personen schreiben will, tut also gut, Personen aus ihrem Umfeld einzuführen, über die man so gut wie nichts weiß (Beispiel Scotts Quentin Durward). Sind es unbedeutende Personen, helfen die Tricks von Trivialromanen: Schwarzweißmalerei, Sex und Crime.
Bevor Dahn uns also eine Geschichte der frühen Frankenkönige zumutet, stellt er zuvor eine hoch attraktive Unfreie vor, die mit allen Mitteln in die Welt des Adels eindringen will. Die historische Person Fredegunde bringt dafür alle notwendigen Voraussetzungen mit. Der Leser fragt sich: "Was für Unheil stiftet sie für sich und für welche der handelnden adligen Personen?"
Deshalb wird ihr erster adliger Geliebter als Unbekannter eingeführt.
[Fredigundis:] "Und vor allem: ich halte dies Leben nicht mehr aus! Not, Hunger, Schmutz, die Zaubersprüche der Alten, die nichts hervorzaubern! – Und Landerich ist nicht mehr abzuwehren. – Ich glaube fast, ich hab's zu arg gemacht, ihn zu entzünden,« lachte sie. »Brauchte keinen Liebesknoten dazu! Nur immer ›Nein‹ sagen! Und ihn dabei anschauen als wäre es ›Ja‹. – Was er eigentlich von mir will? – Ich weiß es nicht! – Sein Weib soll ich werden, sagt er, vor Gott, bis ich dereinst es vor den Menschen werden könne. Und dabei küßte er mich – bis zum Wehe thun; ich wehrte ihm nicht mehr stark – und er fragte: ›Glühst du denn nicht ganz von innen?‹ Ich mußte lachen. – Denn ich dachte gar nicht an ihn! An den Goldbecher seines Vaters dacht' ich, der in der Halle auf dem Eckbrett prangt, und ob ich dann wohl täglich daraus trinken würde? – Aber er drohte, davonzulaufen in die weite Welt, wenn ich ihn nicht endlich ›erhöre‹ –, was immer das nun auch bedeuten mag. Und lesen und schreiben und alles was er lehren kann an Wissen, das hab ich von ihm gelernt. Und so versprach ich denn, heut' abend unter der Mark-Eiche auf ihn zu warten. Und sein Weib zu werden heute noch. Und mich dann von ihm in jene Försterhütte flüchten zu lassen, viele Stunden weit. Und jetzt sitze ich also hier, unter der Eiche. Und warte.« [...]
Er kommt noch nicht. Oh, wenn er doch gar nicht käme! – Seltsam! – Ich sollte ihm zürnen, dem Bräutigam, der säumt, zur Braut zukommen. Ach! Und ich wollte, er käme gar nicht, der Bräutigam! Ei ja! Ich nehme mein Bündel wieder auf und laufe zurück zur Ahne und sage, das Gewitter – denn jetzt kommt's mit Macht! – hat mich aufgehalten. – Oh je, wieder in der Ziegenhütte! Und wieder Hunger und Öde und – eitel nichts! Komm, Bräutigam! – Oh hießest du doch nichtLanderich! Aber wie sollte er heißen, mir zu gefallen? Keiner gefällt mir! Ich kann vielleicht wirklich nicht lieben! Rulla mit den glühenden Wangen hat wohl recht.
Hei, das Wetterleuchten! Das war schaurig schön! Ein Wink, ein stummer, des Donnerherrn, des roten, ein Götterzeichen, sagt die Ahne: ein Teufelszeichen, sagt der Diakon. – Wie der Wind jetzt heult und pfeift! Staub wirbelt auf der Geißenhalde empor! Wie der Sturm den Rauch niederdrückt über den Dächern im Dorf! – Hui, jetzt Blitz und Donner! – Und horch! Was war das? Fern im Wald hinter mir. Ein Hornruf? Ein Jäger? Im Bannwald jagen bei solchem Unwetter? Das ist der wilde Jäger wohl, der im Gewittersturme jagt! Hei, der wäre mir gerade recht, der starke Buhle! Komm, roter Donnerkönig, oder wer du auch bist, der im Gewitter dahinrast über mir: – Wildjäger, Rotjäger, Rotkönig, komm! Hier harrt eine Braut eines Bräutigams. Komm!
Da! Blitz auf Blitz! Und der Donner jetzt ganz nah! Ist es der Sturm, was mich so wild macht, so berauscht, so freudig? Oh, wüchsen mir Flügel, durch die Lüfte mich zu tragen – zu ihm. Ja, zu wem denn?«
»Hei, hilf Sankt Martinus!« kreischte sie und sprang auf mit Entsetzen: ein furchtbarer Schlag krachte über ihrem Haupt, in langhin rollendem Donner sich entladend.
Sie sah zitternd empor. »Die Eiche brennt! Der Blitz! Er schlug in unser Brautbett, Landerich! – Und horch! Gewiß, gewiß, das ist ein Horn! Ein Jagdhorn! Es naht! Er naht! Ein Reiter! aus dem innersten Wald! Auf rotem Roß! Rot flattert im Sturmwind sein Mantel. Rot aus dem Jägerhut fluten die langen Locken. Ja, es ist der rote Dämon des Blitzes! Schützt mich, ihr Heiligen! – Oder nein, schützt mich nicht: er hat meinen Ruf gehört – der Bräutigam ist 'kommen.«
Und vor ihr hielt ein Reiter, der mit dem rechten Arm weit vom schnaubenden Rotroß herab nach ihr griff. Sie schmiegte sich zitternd an den nächsten Baum. Der brennende Eichenwipfel beleuchtete grell beide Gestalten.
Regungslos stand das Mädchen, an den Stamm geduckt, und starrte auf den stolzen Reiter, seine reiche Tracht, seinen blitzenden Goldschmuck: nie hatte sie solche Pracht geschaut. »Wer bist du?« fragte sie bebend, aber sie konnte das Auge nicht von ihm wenden. »Wer ich bin? Dein Herr! – Wer du bist? Ich frag' es nicht, denn du bist zauberschön! Ich bin ein Jäger und du – meine Beute! Willst du nicht? Muß ich dich zwingen!« »Ich will!« rief sie leidenschaftlich und sprang von dem Baume weg auf ihn zu. Rasch hatte er nun die schlanke, fast noch kindliche Gestalt um die Hüfte gefaßt und vor sich in den Sattel gerissen. Er breitete seinen langen roten Flattermantel um sie und jagte mit ihr davon in den dichten Wald unter lohendem Blitz und hell nach prasselndem Donner. [...]
»Jetzt kommen sie!« rief ein Bürger von Marseille. »Eben biegen sie um die Ecke! Seht! König Sigiberts Gefolgschaft in vollem Waffenschmuck!« – »Auf trefflichen Rossen!« – »Ja, alamannischer Zucht!« – »Und nun die Goten, die Begleiter der jungen Königin! Wie glänzt da alles an ihnen von Gold und Silber und bunten Steinen.« – »Ja, sind reiche Herren. Große Schätze soll die Braut von Toledo Herrn Sigibert zubringen.« – »Horch, Trompeten!« – »Was bedeutet das?« – »Ein König reitet an! – Das ist das Brautpaar! Seht nur, seht! Herr Sigibert! Hoch zu Roß! Wie herrlich flutet ihm das dunkel-goldne Gelock aus dem Kronhelm auf die Schultern! Wie Sankt Georg, der den Drachen sticht, auf Goldgrund gemalt, drüben in dem Oratorium! – Was drängst du so, Weib? – 's ist wieder die junge Rothaarige! – Mußt du durchaus den König sehen? Mußt du?«
»Ja, ich muß!« – Und eine schlanke junge Frau in schlechtem Gewand, wie es unfreie Mägde trugen, drängte sich keck durch die vor ihr dicht gereihten Männer; es gelang ihr wirklich; aalgleich glitt sie vor; nun stand sie hart an dem Bug des herrlichen weißen Rosses, das den König trug; jetzt sah sie voll sein Antlitz! da rieselte ein süßer Schauer durch ihren Leib: Lohen schlugen ihr in die Wangen, sie suchte gierig sein Auge, aber er sah sie nicht. Ganz versunken in seinen Anblick, machte sie noch einen Schritt weiter vor, da scheute, vielleicht über ihr plötzlich aufleuchtend Rothaar, – denn die Kapuze des Mantels war ihr bei der raschen Bewegung herabgefallen, – ein Pferd neben dem des Königs, – es bäumte sich; das Weib wollte rasch ausbiegen und trat dabei heftig in eine der Pfützen; hoch auf spritzte das gelbbraune Wasser.
»Verfluchte Sklavin!« schrie Sigila, welcher jenes zweite, ebenfalls weiße Roß am Zügel führte. »Beschmutzest Frau Brunichildens Hochzeitskleid! Über und über! Da! Freche Magd!« Und mit der Reitpeitsche gab er ihr einen leichten Hieb über das Gesicht.
Grimmig schrie die Getroffene auf: beide Hände und das rote Haar vor die Augen drückend.
»Was ist, meine geliebte Königin?« fragte Sigibert. Wie wohllautend scholl diese schöne klangreiche Stimme! »Nichts, mein Gemahl!« – die Stimme Brunichildens war fast tiefer, – »einer Plebejerin Keckheit. Sie fand bereits, was solcher Brut gebührt.«
Schon waren Braut und Bräutigam vorüber. –-
Die Geschlagene warf beiden einen langen, langen Blick nach; sie stand unbeweglich. Sie hemmte so den Zug. »Aus dem Wege, Straßenunkraut!« rief ein fränkischer Reiter vom Pferd herab. Die Gescholtene hörte nicht: sie starrte dem Paare nach. –
»Vorwärts! Was stockt da? Was staut den Zug?« rief Charigisel, der Kämmerer, und spornte seinen Rappen. »Eine Dirne? Eine Bettelmagd? Packe dich aus dem Wege! Du trotzest? So stampfe ich denn Kot zu Kot!« Und ein Sprung des Rosses: das Weib lag in der Schmutzlache. Sofort war sie wieder auf den Füßen; sie sah dem Kämmerer stumm ins Auge: der erschrak und sprengte rasch hinweg.
»Ha, schau einer die rote Katze! Die ist flink!«
»Zurück, Weib!«
Über und über beschmutzt schlich die junge Frau wieder hinter die vorderste Reihe. Und sie hielt sich, offenbar mit Mühe, aufrecht an einem auf dem Platz eingemauerten hochragenden Kreuz.
»Horch! Wieder ein Trompetenstoß!« – »Wieder ein König?« – »Gewiß! Aber welcher?« – »Guntchramn von Orleans?« – »Nein! Der liegt ja krank zu Bett in Chalons.« – »Dann muß es Chilperich sein!« – »Jawohl! Der ist's auch! Seht! Da trägt schon sein Bandalarius seine scharlachrote Heerfahne.« – »Mit der goldnen Schlange.« – »Ja, unter dem Meerwicht mit dem Fischleib.« – »Den haben alle Merowingen.« – »Jawohl! Und da kommt er selbst! Auf seinem roten Roß! Auch ein gar schöner Herr!« – »Bah! Aber neben seinem Bruder!« »Wie Loge neben Paltar,« murmelte ein eisgrauer Mann. »Du alter Heide, schweig von den Dämonen, daß dich keiner der Geschorenen hört!«
Da flog ein Blick des Königs über die Gruppe hin; hastig duckte sich die junge Frau hinter das breite Kreuz.
»Aber wer ist das Weib auf dem goldbraunen Zelter an seiner Seite?« – »Ha, wird eine seiner vielen Buhlinnen sein. Wohl Audovera ...« –
»Oder die neue, die er sich vor ein paar Monden im Wald gegriffen haben soll. Wie heißt sie doch?«
»Nein, nein! König Sigibert soll ihm zur Bedingung gemacht haben bei der Einladung zu seiner Hochzeit, daß er keines seiner Weiber ... –« – »Dirnen sinds! Nicht Frauen!« – »Mitbringen darf, sieben Meilen weit von Marseille!«
Hoch auf horchte das Weib an dem Steinkreuz.
»Und das, bei Sankt Julianus ...« – »Das ist keine Buhle!« »Laßt sehen, laßt sehen!« riefen alle, zumal die Frauen, und drängten sich vor. »Schaut nur, Nachbarin,« rief ein Weib dem andern zu, wie herrlich die fremde Jungfrau geschmückt ist!« – »Ja, wie ein echtes Königskind.« – »Sehet nur hin! Was glänzt da so weiß an ihrem Halse?« – »Das sind Perlen!« – »Nicht möglich! Nie sah ich soviele auf einmal!«
»Wieder stockt der Zug. Man kann alles bequem mustern.« – »Was thut ihr?« – »Vier – fünf! – Ich zähle. – Sieben Schnüre der größten Perlen trägt sie um den Hals!« – »Ja, die reichen Goten! Das stammt all' aus dem Königsschatz zu Toledo.« »Oh,« rief ein junges Mädchen, »welch wunderholde Züge!« – »Nicht so stolz königlich wie Brunichildis.« – »Aber ihr sehr, sehr ähnlich! Nur gar so bleich! Ob sie krank ist?« – »Und gar so schlank!« – »Und gar so jung noch! Seht nur, wie sie so schüchtern den Worten König Chilperichs lauscht.«
»Wie er in ihr Ohr flüstert!« – »Wie er sich vorbeugt! Ihr weißes Haar... –« – »Ja, das ist nicht mehr blond, 's ist fast weiß,« – »Es mischt sich mit seiner roten Merowingenmähne.« – »Aber Weib, dränge doch nicht so!«
»Du rote, freche Fliege dahinten!« – »Mußt du denn alle Könige begaffen?« – »Hast du nicht genug am ersten Peitschenschlag?« – »Zurück mit dir!« zürnten Bürger und Frauen durcheinander. »Nur Einen Blick. – Nicht auf den König! – Auf das Weib an seiner Seite.«
So weichflehend ward das gesprochen, daß ein junger Matrose, von der Stimme gelockt, sich wandte, und die so schmeichelnd Bittende betrachtete. »Zurück,« wiederholte drohend der andere, ein graubärtiger Bürger von Marseille. »Oder –« und er hob die Faust zum Schlag. Da blitzte des Matrosen Messer; der Bürger schrie auf, das Blut spritzte aus seinem Arm: er ließ ihn sinken. »So!« lachte der Seefahrer, das junge Weib vorschiebend, »jetzt magst du schauen nach dem Milchgesicht. Ich kann nichts an ihr finden, du gefällst mir viel besser, Rote.« Und er faßte ihren vollen, nackten Arm und drückte einen Kuß darauf.
Das Weib hatte nun die jugendliche Reiterin zur Genüge gemustert. Es wandte sich jetzt seinem Beschützer zu. »Zum Dank für dieses Wort,« flüsterte es und senkte die grauen Augen in die seinen, »nimm das!« Und sie drückte dem Erstaunten ein schweres Goldstück in die Hand. »Und komm heute nacht in die Herberge vor dem Rhonethor, Vergiß dein Messer nicht!« [...]
Bischof Theodor selbst gab dem Scheidenden das Geleit bis an die Schwelle.
»Dank, ehrwürdiger Vater, für die reiche Bewirtung! Freute mich.« – »Das ehrt mich, königlicher Herr!« – »Warum freute sie mich? Warum? Ratet! – Ihr erratet 's doch nicht. Will's Euch sagen. Wo soviel Reichtum ist, da kann, ja, da muß die Steuer erhöht werden, dreifach! So! – Hi, hi! – So! Nun schlaft wohl! Dies Wort sei Euer Schlummerkissen. – Ihr mit euern Fackeln – trollt euch! – Herr Mond giebt Licht genug. – Und des führenden Armes bedarf ich nicht! – Trinke nie zu viel! – Nur ein wenig heiter. Trollt euch, sag ich.« Und er gab dem nächsten einen Schlag mit dem eingescheideten Langschwert, das er, aus dem Wehrgehäng gelöst, in der Rechten trug. »Schurke von einem Knecht!«
»Herr König,« rief der Geschlagene und Gescholtene, »ich bin kein Knecht. Freiwillig hab' ich mich dem Herrn Bischof heut' zu Diensten erboten. Ich bin ein freigeborner Bürger dieser Stadt.« – »So! Frei bist du? Dann nimm noch eins dazu.« Und er schlug ihm diesmal schwerer über den Kopf. »Vor uns Königen seid ihr alle Knechte, das merkt euch!«
Er schritt nun rasch weiter. – »Heller Mondschein!
– Ich spüre Lust, noch auf Abenteuer durch die Stadt zu streunen. Berühmt sind um ihrer Schönheit willen die Weiber von Marseille. Und um ihr heißes Blut. – Ja so! – Ich bin ja Bräutigam! – Wieder einmal! – Zwar hab' ich dem gestrengen Bruder – was hat der Gelbschnabel den reifen Mann zu meistern? – versprochen, meine bisherigen Weiber und – Gespielinnen fortzujagen. Aber nicht hab' ich versprochen, wenn neue auftauchen, die Augen zu schließen! – Hi hi! – Seit ich in der Dialektik diese Kunst der ›Distinktionen‹ lernte, bin ich stärker als alle Gegner, stärker als alle Verträge und alle Eide. – Jedoch Vorsicht! Erst nach der Hochzeit! – Merken sie's vorher, weder der weißen Jungfrau noch ihres roten Goldes werd' ich froh. – Da ist ja das Haus, in dem ich abgestiegen.«
Zwei Speerträger hielten davor Wache, sie senkten ehrerbietig die Spitzen ihrer Lanzen. Ohne Gruß schritt er über die Schwelle. In der Vorhalle lag ein junger schöner Knabe am Fuß eines Pfeilers, der in einer Öse eine Kienfackel trug. Der Knabe war tief eingeschlafen, ein Lächeln spielte um die reinen Züge. Der Heimkehrende blieb vor ihm stehen: einen Augenblick betrachtete er den Schlummernden: »der jüngste Sohn des Herzogs Drakolen, Der Alte ist so stolz, so aufrecht! Und so unsinnig reich! Könnt ich ihm an seine Güter! Doch er hütet sich vor jeder Verfehlung! – Der Junge da ist sein Augapfel. Warte!« – Mit einem Fußtritt weckte er den Schläfer: schreiend fuhr der auf und griff ans Schwert: aber bestürzt sank er sofort aufs Knie: »König Chilperich! – Vergebung! Ich war so müde – vier Nächte... –«
»Wofür hält man die Wächterhunde, als damit sie wachen?« Der Knabe erbleichte. »So? Blaß, nicht rot wirst du im Zorn? Solche Art ist gefährlich. Sag deinem Vater, du bist aus dem Hofdienst weggejagt.«
Und der König drehte ihm den Rücken, und schritt weiter, in sein Schlafgemach. Hier trat er sofort an das offene Fenster und legte Stirnreif und Schwert und Oberkleid ab, seinem Lager, das im Hintergrund des Zimmers hinter Vorhängen aufgeschlagen war, den Rücken kehrend. Eine kurze Weile sah er noch in die Maiennacht, in die schweigenden Straßen hinaus. »Das ist keine Nacht zum Durchschlafen! Weich, warm, wohlig! Zum Durchküssen und Durchkosen! – Ich möchte wohl wissen, wo –? Ei. das ist aber kein Nachtgebet.« – Und plötzlich ernsten, ja furchtsamen Ausdruck annehmend bog er ein wenig das rechte Knie, griff nach der versilberten Reliquienkapsel, die er an seidener Schnur auf der Brust trug und murmelte: »Schütze mich, heiliger Martinus, dieweil ich selbst mich nicht schützen mag, in den unheimlichen Stunden vor den Dunkelelben der Nacht und allen Dämonen. Amen.« –
Nun schritt er auf sein Lager zu und schlug den Vorhang zurück. Da saß auf dem Rande seines Bettes regungslos eine verhüllte Gestalt. Kreischend vor Schreck, sinnlos vor Angst fuhr er zurück: »Mörder! Zu Hilfe! Mörder!« lallte er; er wollte nach seinem Schwerte springen, aber er glitt aus auf dem glatten Marmorestrich; – hilflos lag er auf der Seite. Jedoch die Gestalt rührte sich nicht. »Schweig, Chilperich,« sagte sie leise. »Es ist nur ein Weib.«
»Ein Weib?« wiederholte er, rasch aufspringend, – »Du – Fredigundis?« – Und zornig stampfte er mit dem Fuß: »Du Walandine! Mich so zu erschrecken!« – »Was kann ich für deine Feigheit –!« – »Und welche Frechheit! Hab' ich dir nicht befohlen – dir und den andern! – bei meinem Zorn, euch nicht nach Marseille zu wagen, auf Meilenweite? Weshalb kommst du?« – »Weil du's verboten hast!« – »Weib!« – Er hob die geballte Faust. – »Schlag' nur zu. Es ist nicht das erste Mal.«
Er senkte den Arm. »Wäre aber das letzte Mal,« drohte er. »Denn du siehst mich nie mehr wieder. Das macht dir gar keinen Eindruck? – Du lächelst. – Das Lachen wird dir geschwind vergehen. – Es ist am Ende ganz gut, daß du kamst. So erfährst du noch vorher, was du nicht früh genug befolgen kannst. Aber – was suchtest du hier?« – »Meinen Ehegemahl.« – Er lachte, »Das weiß kein Mensch, ob du, nach der Kirche und des Volkes Recht, mein Eheweib bist.«
»Du bist mit mir getraut. Das Gewissen trieb dich doch dazu.« – »Ja, aber auch mit Audovera, mit manchen andern. Leben alle noch! – Trauen! Ich laß' mich immer trauen! Beruhigt die Weiblein! – Und du bist eine Unfreie, bist nach Volksrecht gar nicht der Ehe fähig.« – »Du hast mich losgekauft von Herrn Landbert.«
»Aber erst nach der Trauung, hi, hi. Das nennt man ›distinguieren‹. Trauung gilt nicht und Ehevertrag gilt nicht. Nichts gilt, als mein Wille. Und übrigens: als ich dich im Wald, an dem Grenzgraben, auf der Straße auflas, – hast du da lang mit mir – dem niegesehenen Jäger – ein Eheverlöbnis verhandelt? Oder habe ich dich gezwungen? ›Ich will!‹ riefst du – gar laut scholl's durch den Donner – und sprangst mir entgegen in die Arme. Keinen Schatten hast du eines Rechts. Hi, hi,« lachte er, »freilich, große Augen machtest du – später! Im Walde noch, da du mein wardst unter lohendem Blitz und krachendem Donner – die Dämonen freuten sich unserer Umarmung und eine brennende Eiche leuchtete dazu! – erfuhrst du, daß ich der Frankenkönig. Nun wähntest du, – hi, hi! – Frankenkönigin zu sein, Chilperichs alleinige Gemahlin, du! Die Plebejerin, die unfreie Magd!« –
Hier zum erstenmal zuckte Fredigundis.
»Als du aber nun daheim in meinem Palast Audoveren im Vorbesitze trafst und die andern alle –, da warst du sehr erstaunt! Frech wurdest du vor lauter ›Staunen‹«. »Und du schlugst mich,« sprach sie tonlos. »Mit der Faust. Hierher! Auf Schulter und Rücken!«
»Ja, weil du schäumtest! An die Gurgel wolltest du mir fahren. Aber plötzlich – nach dem Faustschlag – wardst du lammfromm. Weiß Gott, was dir da durch die Seele ging!« »Die Hölle weiß es,« sagte Fredigundis ruhig. »Und wahr ist es,« sprach er nachsinnend, »du bist von allen meinen Gespielinnen die schönste, die berückendste. Und – weitaus! die gescheiteste. Weitaus! – Klug sind deine Ratschläge. Ein wenig zaubern kannst du auch, die Eifersucht hast du dir abgewöhnt. – Reizvoll, sehr reizvoll bist du!« Er sprang auf sie zu und küßte sie auf den Mund. – »Warum bist du in tiefster Niedrigkeit geboren!«
Fredigundis bebte leise.
»Ich verlangte mir keine bessere Königin von Neustrien. Aber so! – Es geht nicht! – Mein Bruder Sigibert mit dieser gotischen Fürstin neben sich – es ist wahr: jede Bewegung Brunichildens bezeugt das throngeborne Königskind. – Was hast du? Was knirschest du mit den Zähnen? – Und dann dieses ungeheure Heiratsgut, das die Gotinnen mit erhalten! Die Jüngere, – denk dir nur! – erhält ebensoviel wie die Ältere.« – »Und ein neues Spielzeug ist das Wachsbild auch. Aber hüte dich, Chilperich, wenn du sie küssest: halte den Atem an. Sie hat die Schwindsucht. Schwindsucht steckt an.« – Der König fuhr zusammen, furchtbar, auf das äußerste erschrocken. »Was? Was? – Bah, Eifersucht! – Du willst sie mir verleiden.« – »Warum? Da ich ja doch verstoßen bin, könnte mir's gleich sein, ob ich der Brustsiechen weiche oder einer andern. – Aber du, du thust mir leid! Siehe, dir das zu sagen, – deshalb kam ich.« Sie erhob sich von dem Bette. – »Wirklich? Nur deshalb? – Das wäre ja –! Diese Sanftmut? – Ich glaub's nicht! Nur deshalb?«
»Nein, noch um ein andres Wort.« Sie beugte, wie verschämt, das schöne Haupt, trat dicht an ihn heran und flüsterte in sein Ohr. Dann wollte sie, – so schien's, – zur Thüre eilen: aber er hielt sie fest und riß sie an die Brust. »Mein rotes Fredelein, mein süßes! Wirklich? wirklich? – Nun, mein Gundelein, dann wünsch' ich dir Glück. – Das bringt dir Glück! – Hat dir's schon gebracht! – Nun sollst du nicht, wie ich's vorhatte, in ein Kloster.« Fredigundis lachte übermütig; es stand ihr gut: »Armes Kloster, das mich aufnehmen müßte.« – Chilperich lachte auch und küßte sie: »Du hast Witz. Darum taugst du so gut zu mir. – Taugtest!« seufzte er, »Denn leider – geschieden muß es sein. Geh in meinen – das heißt: jetzt deinen Hof Amica bei Limoges. Ich hab' ihn dir ja geschenkt mit aller Zubehör von Wald, Wiesen und Weide, mit Hirten und Herden, Knechten und Mägden: – recht reichlich kannst du leben von dem Ertrag und noch rotes Gold zurücklegen. Von dort melde mir's. Lauter schreiende Mädchen haben mir die andern geboren. Das allein hat Audovera solange gehalten in meiner Gunst, – sie ist ja fast so alt wie ich, sie muß jetzt ins Kloster! – daß sie mir drei Söhne gab. Aber«, und hier nahm sein Gesicht eine unheimlich drohende Miene an – »ich bin unzufrieden mit meinen Söhnen in jüngster Zeit. Der Trotzkopf Chlodovech grollt, weil ich dich mir gesellt. Merovech! – ha, der ist eigentlich mehr Sigiberts Neffe als mein Sohn.« – »Wie meinst du das?« – »Der seltsame, weiche, träumerische Mensch! Hat von mir gar nichts geerbt. Ich hab' ihn schon als Knaben nicht leiden mögen: nun, da lernte er auch wohl nicht, mich lieben. Als er heranwuchs, – er sah mich immer so vorwurfsschwer an: ich wußte nicht, was er wollte. Endlich kam es heraus. Als er etwa sechzehn Winter zählte, trat er eines Tages vor mich, mit ungewohnter Festigkeit –, und verlangte, fast drohend, – weiß Gott, welcher Priester ihm das in das Ohr gesetzt hatte! – Audovera selbst nicht: der hatte ich solch Ansinnen längst ausgetrieben! – ich müsse seine Mutter feierlich zu meiner Ehefrau erheben. Das sei ich Gott und ihr und ihm und seinen beiden Brüdern schuldig. Ich lachte ihn aus. Aber der weiche Träumer war auf einmal wie Stein und Eisen geworden: er ließ nicht ab, trotz meiner Drohung – er zerrte mich am Mantel: gar rasch fährt mir im Zorn die Hand an den Skramasachs! – ich traf ihn tief. Bruder Sigibert kam dazu, trug den Blutenden davon. – Seither hab ich Merovech wenig gesehen. Sein Oheim hat ihn an seinen Hof genommen seit vielen Jahren. Er hat eine feine Seele, der Junge. Aber eine allzu zarte. Und verträumte Augen, die nur die Sterne suchen, statt die Dinge dieser Welt.« –
»Solche Menschen bringen es nicht weit auf Erden,« meinte Fredigundis ruhig, »auch wenn sie Königssöhne sind.« – »Und jüngstens, so scheint's« – lachte er hämisch – »liebt Merovech seine Muhme, Frau Brunichilden, mehr als seine Mutter –«
Fredigundis horchte hoch auf.
»Nur Theudibert blieb mir: aber der« – und er warf einen raschen, lauernden Blick auf sie – »der verehrt mir seine schöne junge Stiefmutter mehr als nötig.«
Fredigundis zeigte die kleinen weißen Zähne: »der Milchbart!« lachte sie.
Beruhigt fuhr Chilperich fort: »kurz, die Söhne sind mir nicht recht sicher. Zudem: die Pest hat auch Bruder Guntchramns Söhne sämtlich hingerafft. Meine Knaben schlagen meine Schlachten: – ich werde doch nicht so thöricht sein, diesen meinen gedankenvollen Kopf den Schlachtbeilen dummer Feinde auszusetzen! – Wie leicht fällt man in jenem rohen Mordhandwerk, das sie Heldentum nennen! So steht mein Geschlecht auf sechs Augen nur. Söhne, Söhne will ich haben! Kann ein König gar nicht genug haben! Bring mir einen Knaben, Fredeline! Kann dein Glück werden.«
»Aber – der Unfreien – der Buhlin Sohn –, kann er...–?«
Chilperich lachte hell: »Hihi! Da hinaus wolltest du? Nein, Gundelchen! Damit erzwingst du die Ehe nicht! Nach zweifellosem Frankenrecht kann jeder Königssohn die Krone seines Vaters erben, auch der Bastard, wenn nur der Vater ihn als sein Blut anerkennt.«
Hoch auf atmete Fredigundis; ihr graues Auge leuchtete Triumph. Chilperich sah es scharf. »Du scheinst mir des Knaben allzusicher, Fredeline,« lachte er hämisch. »Ich befragte Zauberlose: – dreimal fielen sie auf den Speer, nicht auf die Spindel.« – »Hi, hi! Ich geh doch lieber sicher! Ich werde einen verlässigen Mann dir an die Seite geben –, daß du mir nicht das Mägdelein, das du etwa geboren, vor lauter Liebe zu mir in einen Buben verzauberst! Ich trau' dir nicht über den Weg! Wie sollte ich? Trau' ich doch mir selber nicht!« – »Wirst du dein Kind nicht sehen?« – »Das Kind? Ja! – Aber dich, Gundelchen, leider nie mehr! Ich mußte es beschwören« – er schauderte hier – »mit gräßlichen Eiden.« – »Wem?« – »Bruder Sigibert. Euch alle fortzujagen. Zumal auch dich. Er hasset dich vor allen.« Sie atmete gepreßt. »Er kennt mich nicht.« – »Er hat genug von dir gehört.« – »Und – warum Chilperich, warum thust du das alles? Was erhältst du dafür? Nur jene Sieche, jene wandelnde Leiche, deren Atem tödlich?« Chilperich stampfte mit dem Fuß. »Schweig davon! Ich muß ein Königskind haben, meiner Franken wegen. Und dann – die volle Aussöhnung mit Bruder Sigibert!« – »Du liebst ihn, diesen Bruder? – Heute hört ich alles Volk rufen: Heil Sigibert dem Helden! Ein feiger Fuchs ist der rote Chilperich.« »Bah,« meinte er spöttisch, aber doch recht geärgert, »ein Stier ist auch ein Held. Giebt gar nichts Dümmeres als so einen Helden.«
»Also volle Aussöhnung! – Das ist ja schön. – Giebt er dir auch Soissons zurück?« fragte sie, sich harmlos vorbeugend und ihm ins Auge sehend. »Hölle, Tod und Teufel! Nein! Das thut er nicht! Aber schweig davon! – Es macht mich wütig.« – »Nun gut, gut! – Mir kann es jetzt ja gleich sein. Ich habe ja nicht mehr teil an dir. – Nur noch ein Wort zum Abschied von deiner – armen Fredigundis.« Sie schluchzte.
»Nicht weinen, Gundelchen. Ich kann's nicht hören – du weißt es recht gut, es macht mich weich.« Seine Nasenflügel bebten und zuckten. »Ein Wort der Warnung nur. Du kennst meinen Zauberspiegel –? Du weißt... –« »Er zeigt wahr. Sahst du was darin?« forschte er ängstlich. »Ich sah den Dolch des Mörders gegen dich gezückt. Morgen Abend wird's versucht. Trag unter dem Wams die geschuppte Brünne. Und denke Fredigundens!« Ein flammender Blick; sie war verschwunden.
»Bleib – bleib doch!« rief er ihr nach. »Noch einen Kuß! Bleib doch! Du hast mein ganzes Herz entzündet. – Fort ist sie! – Läßt mich allein in solchem Sehnen! – Ah so, ja! – O, weshalb ist sie nicht König Athanagilds Tochter geworden?« [...]"