Posts mit dem Label Dahn werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Dahn werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

28 Juli 2019

Felix Dahn: Fredigundis II

Erstes Buch [...]


Drittes Buch Drittes Kapitel.

Mißmutig erwachte am andern Morgen König Chilperich. –
»Wie ich geschlafen habe? Schlecht! Ganz schlecht!« erwiderte er auf die zärtliche Frage seiner Königin und sprang aus den Decken. »Mich schmerzt der Kopf! Das viele unnütze Trinken! Dieser Barbaren gute Meinung und gute Stimmung kann sich auch ihr König nur durch zahllose Becher ertrinken. – Und dann hab' ich schwer geträumt.« – »Wovon? Ich verstehe mich darauf, Träume auszulegen.« – »Das verbieten aber die Priester. Steht auch in der Schrift! Wenn ich nicht irre im Buche...–« – »Aber sie selbst deuten Träume. Wenn sie Kirchen und Klöster gestiftet haben wollen, dann erscheinen ihnen gar fleißig die Heiligen und geben ihnen Auftrage an den – Seckel des guten Königs! In den paar Tagen meiner Herrlichkeit hat der heilige Martinus mich schon mit vier solcher Aufträge beehrt durch Mönche und Diakone, denen er erschien. Wovon hast du geträumt?« – »Von: – ihr.« – »Ja, wie soll ich das raten? Von welcher?Allzugroß ist bisher die Zahl deiner Gespielinnen gewesen, oh böser Chilperich.« – »Von der jüngst – – Verstorbenen.« – »Von Toten träumen – das bedeutet Glück.« – »Ja, man sagt's. Aber an der Leiche stand drohend Frau Brunichildis und schwang ein nacktes Schwert und forderte zornig – die reichen Perlenschnüre zurück. Ich erschrak und gab sie ihr.« – »Das ist gut. Perlen bedeuten Schmerzen, Thränen, dem, der sie verlangt, Freudenthränen, dem, der sie unverlangt geschenkt erhalt – wie ich.« – Wenig getröstet schlug Chilperich die Vorhänge auseinander, welche die Fensteröffnung schlossen, »O weh. Du hast kein Glück beim Himmel. Gestern noch schönster Sonnenschein – heute alles bewölkt – so schwül schon am Morgen, das giebt ein Gewitter.« – »Willkommen sei's! Bei Blitz und Donner gewannst du meinen Gürtel, bei Blitz und Donner gewinn' ich deine Krone. – Übrigens, wer wird auf Wetterzeichen achten? Meine Großmutter konnte Hagel hexen!« Lachend stieg Fredigundis aus dem Bett und rief durch einen Metallhammer ihre Dienerinnen, ihr beim Ankleiden behilflich zu sein.
Chilperich ging aus dem Gemach. »Wie sie die Mägde herum befehligt! Als sei sie von jeher von zwölf Händen bedient worden.« –
Als er zurückkam, fand er Fredigundis voll angekleidet; nur der dunkelrote Königsmantel fehlte noch; ihr Haar, mit Galsvinthas Perlen durchflochten, flutete auf ein prachtvolles Gewand von weißer Seide. Sie war zauberschön; sehr behaglich schlürfte sie aus einer großen Silberschale Milch.
Einigermaßen erheiterte sich bei dem Anblick seiner strahlend schönen Königin Chilperichs umdüsterte Stirn. »Verdruß! Nichts als Verdruß. Und Schwierigkeiten! Herzog Drakolen läßt sich durch einen Eilenden entschuldigen: er liege krank zu Chartres.« – »Das ist erlogen, lieb Männchen. Er reist mit – ihm. Wollte sagen: mit König Sigibert.« – »Woher weißt du –?« – »Genug, ich weiß es! Gieb acht: – der ist dir nicht treu.« – »Ich staune über dein Erraten; es ist wahr: er schwankt insgeheim wohl schon lang. Aber du kennst ihn ja nicht
– wie –?« – »Du sollst doch nicht umsonst dein Seelenheil gewagt haben, als du der Hexe Enkelin gefreit.« – »Und daß von Sigibert, von der heißblütigen Gotin noch gar keine Antwort auf unsern, das heißt auf meinen Brief gekommen, das macht mich stutzig.« – »Laß ihnen doch Zeit! Die beiden können nicht so rasch denken, Schatz, und so klug schreiben wie wir.« – »Und Prätextatus ...«
– »Nun? Was mit ihm?« – »Macht Schwierigkeiten. Er weigert sich, dich zu konsekrieren,«– »Der Unverschämte! Er allein – von allen Priestern dieser Stadt – hat sich noch nicht bei mir gemeldet. – Befiehl ihm, König.« – »Ich kann nicht. Er stützt sich auf einen Kanon. Vor der Konsekration, einem heiligen Akt, müßtest du gebeichtet und Absolution empfangen haben,« – »Wenn's weiter nichts ist! So beicht' ich denn! Ihm will ich beichten. Schaff' ihn nur her.« Chilperich erschrak. »Nein, das thue nicht, Fredigundis!« – »Warum nicht?« – »Weil – ! Weil – ! Du weißt –, verschweigst du – wissentlich – eine Sünde und erlistest dir so die Absolution, – das ist eine Todsünde.« – »Ich werde ihm aber nichts verschweigen.« Er sah sie erstaunt an. »Wüßte ich's nicht gewiß,« – murmelte er – »fehlte ihr nicht noch heute das Büschel Haare, – ich würde irre. –«
»Nein!« sagte er laut. »Er hat durch seine Weigerung die Gunst verwirkt, dich konsekrieren zu dürfen. Ich habe schon einen Diakon gewonnen – ich versprach ihm, die Untersuchung niederzuschlagen wegen – wegen einer jungen Nonne, die – sehr plötzlich starb. Der weiht dich ohne Beichte und Absolution.«
Fredigundis schmollte. »Ich wäre aber gerade durch Prätextatus gern geweiht worden. Das wäre ihm recht geschehen. Und du lässest ihn dir trotzen – ungestraft?«
– »Nein! Ich hab ihn vorläufig einsperren lassen im Kloster des heiligen Anianus. Ich bin übrigens ganz froh, einen Vorwand zu finden, nein zu sagen, falls sie ihn demnächst zum Nachfolger des Bischofs vorschlagen.«
– »Gut, Männchen.« – »Ich kann ihm nicht in die Augen sehen, – vor ihr,« murrte Chilperich für sich.
Wenige Stunden darauf setzte sich der Krönungszug in Bewegung.
Das Volk drängte in dichten Massen, obwohl der Himmel sich verfinstert hatte und die schwer geballten Gewitterwolken sich jeden Augenblick zu entladen drohten. Schon pfiffen einige kurze Windstöße durch die Straßen, den Staub des Seine-Muschelkalks – es hatte sehr lange nicht geregnet – zu hohen Säulen emporwirbelnd und die Düsterheit, so unheimlich um die Mittagsstunde, noch mehrend. Leise rollte schon der Donner, als der Zug aus den Thoren des Palastes trat.
»Hörst du? Der Himmel grollt!« sprach Chilperich, der heute an Krone und Königsmantel schwer zu tragen schien. »So laß die Hörner schmettern, ihn zu übertönen. Vorwärts, König Chilperich, schreite rascher! – Du trägst die Krone schon: aber meine weiße Stirne brennt danach, sie dort am Altare zu empfangen. – Auf, Sohn Theudebert; Euer lieber Vater hört nicht, – er träumt! So gebt denn Ihr das Zeichen!«
Der Jüngling winkte mit der Rechten nach rückwärts: hell fielen Hörner und Trompeten ein. Fredigundis ergriff Chilperichs linke Hand und schritt stolzen Ganges aus; mechanisch begleitete ihre Schritte der Gemahl.
So ging langsam der Zug vorwärts; nur selten drang der leise murrende Donner durch das Geschmetter der Trompeten, das Psallieren der Priester und das Heilrufen des dichtgedrängten Volkes; kein Regentropfen fiel: es war erdrückend schwül. Chilperich sah sehr bleich; er wischte mit einem Schweißtuch wiederholt die Stirn. Fredigundis strahlte in Schönheit, in Stolz; huldvoll zwar, aber doch sehr vornehm dankte sie manchmal, mit kaum merklichem Nicken des leuchtenden Hauptes, dem ihr zujubelnden Volk. »Wie schön sie ist!« – »Wie zauberschön!« Unaufhörlich drang dieser Ruf an ihr Ohr; sie lächelte still vor sich hin.
Plötzlich gellte dicht in ihrer Nähe ein Schrei.
»Sie ist's! Wirklich! Sie ist es! Fredigundis, unselig Kind! Halt ein! Kehr' um! Laß von ihm! Du bist verloren!« Nur einzelne dieser Worte vernahm sie.
Denn alsbald entstand ein Getümmel an jener Stelle. Das Volk schalt und lärmte. Eine alte Frau ward zu Boden gestoßen. Ein Mann im Hirtengewand schützte sie vor der Menge, die über die Störung erbost war. Als er die Alte wieder aufgerichtet hatte und in eine Nebengasse fortführte, sah Fredigundis von der Seite der Greisin Züge.
»Was ist dort?« fragte Chilperich, der, in tiefes Sinnen versunken, die Augen auf den Boden gerichtet, neben ihr ging. »Nichts! Eine Besessene wohl. – Wir sind zur Stelle – gieb doch acht! – die Stufen!« Der König war über die unterste Stufe des Domes gestolpert. Fredigundis hielt ihn ab vom Straucheln. Stets einen Schritt, eine Stufe voran stieg sie hinauf.
Als sie auf der Freiplatte vor der Basilika standen, schoß der erste Blitz aus dem schwarzen Gewölk: ein hellkrachender Donnerschlag folgte unmittelbar darauf und heller Feuerschein. In dem Glockenturm, der neben dem Dome stand, hatte es gezündet: die Glocke, die früheste im Frankenreich, war eine kostbare Seltenheit damals! Sie ward von außen durch Hammerschläge gerührt und hätte nun die Krönung mit feierlichem Zeichen begrüßen sollen: sie gab statt dessen einen furchtbaren Klang von sich; sie stürzte, vom Strahle gestreift, aus ihrem hölzernen Gerüst, schlug die Lattendecke des Turmes durch, fiel, furchtbar erdröhnend, wie schreiend und wie stöhnend, auf den Marmorestrich des Turmbodens und zersprang hier in hundert Stücke. Entsetzt schrie das Volk auf und wollte auseinanderstieben, konnte aber nicht, so dicht gedrängt standen die Haufen.
»Bleibt!« rief Fredigundis mit lauter, befehlender Stimme, »bleibt, freudige Franken! Ihr seht, es brennt nicht mehr: der Regen hat bereits gelöscht. – Vorwärts! dem Dom ist nichts geschehen: – in den Dom!« Und sie zog Chilperich an der Hand in das weitoffene Doppelthor hinein. Sie hatte recht. Der plötzlich nach jenem ersten Blitz herniederflutende Regen hatte den Brand des Turmdaches sofort gelöscht. Das Paar schritt nun an den Hauptaltar, von Chorknaben mit brennenden Wachskerzen geleitet; die schwangen dabei Rauchfässer und sangen eintönige, aber sehr süß melodische Weisen.
Nachdem der Diakon, welcher den Bischof und den Archidiakon vertrat, ein kurzes Gebet über das Paar gesprochen, schickte er sich an sie zu segnen. Schon erhob er feierlich beide Hände, da scholl von dem Eingang her ein Getön streitender, zankender Stimmen. »Halt! Ihr stört jetzt! Wartet bis nach der Krönung!« – »Nein! Wir können nicht warten! Platz! Gebt Raum! Im Namen König Sigiberts.«
Bei diesem Wort wichen die Höflinge zurück, die den Eindringenden den Weg versperrt, und alsbald standen auf der untersten Stufe des Altars zwei vollgewaffnete Männer, die, – der Staub und Schmutz auf ihren Reitermänteln und an ihren Knieriemen zeigten es, – nach langem, scharfem Ritt wohl soeben von den Rossen gesprungen waren; statt der Speere trugen sie lange weiße Stäbe in den Händen.
»Halt' ein, du Priester!« rief der eine von ihnen mit lauter Stimme.
»Hör' uns, König Chilperich,« schloß der zweite.
Unbeschreibliche Verwirrung entstand in den Reihen der Höflinge rings um den Altar. Einen flammenden Zornesblick warf Fredigundis auf die beiden Störer. »Wer sind die Frechen?« fragte sie tonlos. »Nieder mit ihnen, mein Sohn Theudibert!« Dieser fuhr ans Schwert. Aber der König rief: »Charigisel! – Sigila! – Das sind die Boten Sigiberts.«
Da stieß Theudibert das halbgezückte Kurzschwert in die Scheide zurück.
»Ja, und Frau Brunichildens,« rief Sigila, der Gote. »Und also sprechen sie zu dir, König Chilperich: ›Laß, laß ab von diesem Weibe! Steh' ab von dem Frevel, sie mit der Frankenkrone zu schmücken. Du weißt es nicht, bethörter Fürst, aber vernimm es jetzt – und vernehmt es all, ihr Franken – dieses Weib hier ist eine Mörderin: die Mörderin der Königin Galsvintha.‹«
Laut auf schrie alles Volk – der Diakon stürzte hinweg von dem Altar. Chilperich wankte und hielt sich aufrecht an einer der Altarsäulen: er sah auf Fredigundis. Diese war sehr blaß geworden: aber hoch aufgerichtet stand sie da.
»Und der Beweis?« fragte sie mit lauter stolzer Stimme. »Ja, der Beweis für solch fürchterliche Anklage?« rief Theudibert, vortretend. »Der Beweis?« wiederholte Chilperich sich ermannend, aufgerichtet durch Fredigundens ruhigen Trotz. »Dir, o Bruder unseres Herrn, nicht jenem Weib antworten wir,« sprach Charigisel. – »Der Beweis ist voll erbracht!« »Sofort nach Empfang deines Briefes,« fuhr Sigila fort, »flog Frau Brunichildis, trotz ihres tödlichen Wehs, gefaßt wie eine Heldin, allein, an den Ort der That. König Sigibert war auf der Jagd abwesend, er folgte erst am dritten Tag. – Sie selbst untersuchte, prüfte alles, vernahm alle Leute, auch die beiden gefangenen Landkrämer. Diese hatten, – selbst auf der Folter – jede Schuld geleugnet. Nun forderte die Königin sie auf, nachzuweisen, wo sie den Tag über gewesen. Sie fingen damit an, daß sie am frühen Morgen Villa Amica aufgesucht und dort den Bewohnern allerlei verkauft hätten!« –
Charigisel fiel ein: »Auf die Frage, was, sagten sie: unter anderem der stolzen Herrin der Villa ein Paar Bastschuhe, wie sie sonst nur Bäuerinnen tragen.«
Um Fredigundens Lippen zuckte es leise: es war wohl Hohn.
»Frau Brunichildis,« ergänzte Sigila, »ließ den in dem Gang vor dem Schlafgemach gefundenen Bastschuh bringen, ihnen vorlegen – sie erkannten nicht nur den Schuh ... –« »Ein Bastschuh sieht aus wie der andre,« lachte Chilperich. »Wohl!« erwiderte Charigisel. »Aber sie führten deren noch mehrere Paare mit sich und sie wiesen an dem gefundenen das gleiche Abzeichen nach, – die gleiche Hausmarke ihres Heimathofes – wie an ihrem ganzen Vorrat.«
Theudibert warf einen raschen Blick auf Fredigundis. Diese fühlte den Blick, wie sie tausend Augen auf sich gerichtet wußte.
»Und darauf hin,« sprach sie ruhig, »hat die Gotin die von ihr bestochenen Angeber freigelassen, nicht wahr? Und auf das Zeugnis von zwei gebrandmarkten Landfahrern –« »Noch mehr!« rief Sigila. »Die Freigelassene Suavigotho, die das verhüllte Weib in der Mordnacht in dem Gange traf, hat, noch bevor sie an Herrn Sigibert gesandt ward, durch Zufall die Herrin von Amicavilla an deiner Seite reiten sehen, o König. Sie will beschwören, daß diese jenem Weib höchst ähnlich sah.« [...]

(Felix Dahn: Fredigundis)

21 Juni 2019

Felix Dahn: Fredigundis

Über bedeutende historische Gestalten lassen sich schlecht historisch Romane schreiben. Es ist zu viel über sie bekannt. Die Phantasie des Autors ist zu sehr eingeschränkt. 
Unbedeutende aber erwecken nicht das Interesse des Lesers. Wer über bedeutende Personen schreiben will, tut also gut, Personen aus ihrem Umfeld einzuführen, über die man so gut wie nichts weiß (Beispiel Scotts Quentin Durward). Sind es unbedeutende Personen, helfen die Tricks von Trivialromanen: Schwarzweißmalerei, Sex und Crime.
Bevor Dahn uns also eine Geschichte der frühen Frankenkönige zumutet, stellt er zuvor eine hoch attraktive Unfreie vor, die mit allen Mitteln in die Welt des Adels eindringen will. Die historische Person Fredegunde bringt dafür alle notwendigen Voraussetzungen mit. Der Leser fragt sich: "Was für Unheil stiftet sie für sich und für welche der handelnden adligen Personen?" 
Deshalb wird ihr erster adliger Geliebter als Unbekannter eingeführt.

[Fredigundis:] "Und vor allem: ich halte dies Leben nicht mehr aus! Not, Hunger, Schmutz, die Zaubersprüche der Alten, die nichts hervorzaubern! – Und Landerich ist nicht mehr abzuwehren. – Ich glaube fast, ich hab's zu arg gemacht, ihn zu entzünden,« lachte sie. »Brauchte keinen Liebesknoten dazu! Nur immer ›Nein‹ sagen! Und ihn dabei anschauen als wäre es ›Ja‹. – Was er eigentlich von mir will? – Ich weiß es nicht! – Sein Weib soll ich werden, sagt er, vor Gott, bis ich dereinst es vor den Menschen werden könne. Und dabei küßte er mich – bis zum Wehe thun; ich wehrte ihm nicht mehr stark – und er fragte: ›Glühst du denn nicht ganz von innen?‹ Ich mußte lachen. – Denn ich dachte gar nicht an ihn! An den Goldbecher seines Vaters dacht' ich, der in der Halle auf dem Eckbrett prangt, und ob ich dann wohl täglich daraus trinken würde? – Aber er drohte, davonzulaufen in die weite Welt, wenn ich ihn nicht endlich ›erhöre‹ –, was immer das nun auch bedeuten mag. Und lesen und schreiben und alles was er lehren kann an Wissen, das hab ich von ihm gelernt. Und so versprach ich denn, heut' abend unter der Mark-Eiche auf ihn zu warten. Und sein Weib zu werden heute noch. Und mich dann von ihm in jene Försterhütte flüchten zu lassen, viele Stunden weit. Und jetzt sitze ich also hier, unter der Eiche. Und warte.« [...]
Er kommt noch nicht. Oh, wenn er doch gar nicht käme! – Seltsam! – Ich sollte ihm zürnen, dem Bräutigam, der säumt, zur Braut zukommen. Ach! Und ich wollte, er käme gar nicht, der Bräutigam! Ei ja! Ich nehme mein Bündel wieder auf und laufe zurück zur Ahne und sage, das Gewitter – denn jetzt kommt's mit Macht! – hat mich aufgehalten. – Oh je, wieder in der Ziegenhütte! Und wieder Hunger und Öde und – eitel nichts! Komm, Bräutigam! – Oh hießest du doch nichtLanderich! Aber wie sollte er heißen, mir zu gefallen? Keiner gefällt mir! Ich kann vielleicht wirklich nicht lieben! Rulla mit den glühenden Wangen hat wohl recht.
Hei, das Wetterleuchten! Das war schaurig schön! Ein Wink, ein stummer, des Donnerherrn, des roten, ein Götterzeichen, sagt die Ahne: ein Teufelszeichen, sagt der Diakon. – Wie der Wind jetzt heult und pfeift! Staub wirbelt auf der Geißenhalde empor! Wie der Sturm den Rauch niederdrückt über den Dächern im Dorf! – Hui, jetzt Blitz und Donner! – Und horch! Was war das? Fern im Wald hinter mir. Ein Hornruf? Ein Jäger? Im Bannwald jagen bei solchem Unwetter? Das ist der wilde Jäger wohl, der im Gewittersturme jagt! Hei, der wäre mir gerade recht, der starke Buhle! Komm, roter Donnerkönig, oder wer du auch bist, der im Gewitter dahinrast über mir: – Wildjäger, Rotjäger, Rotkönig, komm! Hier harrt eine Braut eines Bräutigams. Komm!
Da! Blitz auf Blitz! Und der Donner jetzt ganz nah! Ist es der Sturm, was mich so wild macht, so berauscht, so freudig? Oh, wüchsen mir Flügel, durch die Lüfte mich zu tragen – zu ihm. Ja, zu wem denn?«
»Hei, hilf Sankt Martinus!« kreischte sie und sprang auf mit Entsetzen: ein furchtbarer Schlag krachte über ihrem Haupt, in langhin rollendem Donner sich entladend.
Sie sah zitternd empor. »Die Eiche brennt! Der Blitz! Er schlug in unser Brautbett, Landerich! – Und horch! Gewiß, gewiß, das ist ein Horn! Ein Jagdhorn! Es naht! Er naht! Ein Reiter! aus dem innersten Wald! Auf rotem Roß! Rot flattert im Sturmwind sein Mantel. Rot aus dem Jägerhut fluten die langen Locken. Ja, es ist der rote Dämon des Blitzes! Schützt mich, ihr Heiligen! – Oder nein, schützt mich nicht: er hat meinen Ruf gehört – der Bräutigam ist 'kommen.«
Und vor ihr hielt ein Reiter, der mit dem rechten Arm weit vom schnaubenden Rotroß herab nach ihr griff. Sie schmiegte sich zitternd an den nächsten Baum. Der brennende Eichenwipfel beleuchtete grell beide Gestalten.
Regungslos stand das Mädchen, an den Stamm geduckt, und starrte auf den stolzen Reiter, seine reiche Tracht, seinen blitzenden Goldschmuck: nie hatte sie solche Pracht geschaut. »Wer bist du?« fragte sie bebend, aber sie konnte das Auge nicht von ihm wenden. »Wer ich bin? Dein Herr! – Wer du bist? Ich frag' es nicht, denn du bist zauberschön! Ich bin ein Jäger und du – meine Beute! Willst du nicht? Muß ich dich zwingen!« »Ich will!« rief sie leidenschaftlich und sprang von dem Baume weg auf ihn zu. Rasch hatte er nun die schlanke, fast noch kindliche Gestalt um die Hüfte gefaßt und vor sich in den Sattel gerissen. Er breitete seinen langen roten Flattermantel um sie und jagte mit ihr davon in den dichten Wald unter lohendem Blitz und hell nach prasselndem Donner. [...]
»Verzeiht, ehrwürdige Bischöfe und große Herzoge,« begann ein stattlicher junger Krieger, dessen schönes Antlitz von südlicherer Sonne gebräunt schien, – er sprach das Latein mit andrem Anklang als die Franken, – »wenn ich ein paar Fragen an euch richte. Die Dinge in euren drei – oder vier? – Reichen liegen etwas kraus. Wir Goten kennen nur Einen König, der mächtig zu Toledo thront. Mir ist nicht alles klar geworden aus euren Reden; auch aus den Urkunden nicht ganz. Eure Stadt, Herr Bischof, Paris, scheint mehreren Königen zu gehören? Wie kam das?«
»Das kam so, Herr Marschall Sigila. Wir haben noch Zeit: rechtzeitig ruft uns das Zeichen, bevor das Hochzeitschiff den Hafen erreicht. – Ihr könnt dann Eurer jungen Herrin und Königin alles genau klarlegen. Sie ist – das fand ich bald, als ich in Toledo um ihre Hand warb bei ihrem Vater, König Athanagild, – sie ist gar hohen herrschgewaltigen Geistes, eine echte Königstochter vom Wirbel bis zur Sohle.«
»Herrlich ist Frau Brunichildis, meine Herrin,« sprach der Gote mit blitzenden Augen. »Glückliches Frankenreich, das sie zur Königin empfing. ›Die neue Perle, die Hispania gebar,‹ wie Venantius Fortunatus gesungen hat. Wie rühmt er sie doch?:
›Schön, anmutig und klug, echt königlich: hehr und doch gütig,
Mächtig durch Reiz und durch Geist wie durch ihr fürstlich Geschlecht.‹
»Ja, sie ist unvergleichlich,« sprach ein jüngerer Priester, über die edeln, sehr bleichen Züge flog ein leiser Schimmer hin. »Ei, Prätextatus,« lächelte der Bischof. »Seit Ihr sie mit mir geschaut in Toledo, seid Ihr so begeistert wie jener Poet. Aber ich darf nicht schelten. Ging mir es doch ebenso wie Euch.« »Reinheit thront auf ihrer Stirn,« sprach Prätextatus mit tiefem Ernst, »und hoher Seelenadel leuchtet aus ihrem klaren Auge. Reinheit und Seelenadel! Wie dringend bedarf dieser Tugenden der arge, im Schmutz der Lüste versunkene Hof der Merowingen
»Nicht unser Herr!« rief da laut ein junger Franke, »nicht König Sigibert. Wer wagt es, ihn zu vergleichen mit jenem geilen Fuchs, dem roten ... –« »Gemach, Herr Charigisel!« unterbrach ein andrer der Großen, ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar, von schönem Antlitz und ruhiger, vornehmer Haltung, der auf der Marmorbrüstung des Bogenfensters saß: der reiche Schmuck seiner Gewandung überstrahlte bei weitem alle andern. – »Zwar sind wir – leider! – keineswegs sonderlich zufrieden mit unserm Herrn – gar nicht! Und die Zeit mag kommen, fürcht' ich, da er das erfährt! – Aber wenn über König Chilperich gescholten wird, so wollen wir das selber thun, nicht von andern gegen ihn schelten hören, Herr Kämmerer!« – »Freilich, Herzog Drakolen, Ihr seid diesem Rechte der nächste! Doch gesteht selbst: ragt nicht Herr Sigibert, der junge Held, wie ein Erzengel Gottes hoch über den guten, aber trägen König Guntchramn von Orleans und über Euren schlauen, ja geistvollen, erfindungsreichen Herrn? Von König Chilperichs Hinterlist, von seiner Wollust ist ganz Gallien voll, – von seinen Heldenthaten hat noch niemand was gehört.« »Daß Gott erbarm!« rief der Herzog, unwillig aufspringend: »Kommt, ihr Getreuen König Chilperichs! Wir können ihn nicht verteidigen mit Gründen – mit den Waffen dürfen wir's nicht – in Gegenwart der heiligen Reliquien, vor denen wir soeben den Frieden beschworen. Aber unsern Herrn schmähen hören ohne dem zu wehren, das stößt mir gegen das Herz. – Wir gehen voran! – Habt ihr ausgescholten, so kommt uns nach.« – Waffenklirrend verließen der Herzog und die übrigen Mannen des Königs von Neustrien den Saal.
Der Gote sah ihm nach. »Ein wack'rer Held! Und seinem Herrn getreu.« »Treu wie Gold,« sprach der Bischof. »Gott hat seine Tugend auch auf Erden schon belohnt.« »Ja,« rief der Kämmerer, »das muß wahr sein. Der Herr Herzog von Aquitanien ist wohl der glücklichste Mann im ganzen Reich der Franken; reich wie kein andrer – im schönsten Land des schönen Rhonestroms! – begütert, hochangesehen: in Krieg und Frieden gleich gerühmt; König Chilperich hat ihm seine starke Feste Chartres zur Behütung anvertraut; an der Seite einer trefflichen Gemahlin, umgürtet und umblüht von sechs trefflichen Söhnen, wackern Eidamen vermählt sind die zwei schönen Töchter. – ›glücklich wie Herzog Drakolen.‹ sagt man im Volk.«
»Ich sehe aber noch immer nicht klarer,« mahnte der Gote. »So hört,« begann Bischof Germanus. »Als König Chlothachar, der das ganze Frankenreich in seiner Hand vereinigt hatte, zu sterben kam, verteilte er es unter seine vier Söhne: Charibert, Guntchramn und – den Jüngsten – Sigibert, welche drei Königin Ingundis und Chilperich, den ihm deren Schwester Aregundis geboren.« »Wie?« staunte Sigila, »Zwei Schwestern nacheinander?« Beschämt schwieg der Bischof. Aber der Kämmerer lachte. »Nacheinander? Ha, ha! Zugleich, nebeneinander hat er sie gehabt. Als Ehefrauen! Alle beide!« »Die Kirche verbietet das,« fiel Prätextatus eifrig ein, »im Frankenreich, wie überall... –« »Aber,« fuhr Charigisel fort, »ein Merowing läßt sich auch von der heiligen Kirche nicht viel einreden.« – »Und am wenigsten,« seufzte Prätextatus, »wo es sich um Weiber handelt.« »Hei, das war schnurrig,« lachte der Kämmerer, »wie König Chlothachar die zweite Schwester dazu nahm, nur um der ersten einen rechten Gefallen zu erweisen.« »Wie das?« staunte Sigila. – »Je nun, so! Frau Ingundis sprach eines schönen Morgens, da sie sich vom ehelichen Lager hob, zu ihrem Gatten: ›Alles hab ich nun, mein königlicher Herr, erreicht durch deine Liebe und Gnade, was deine Magd ersehnen konnte. Nur Ein Wunsch übrigt noch: siehe, o Herr, Aregundis, meine Schwester, ist allmählich gar schön aufgeblüht; sie sollte nun doch auch bald der Liebe, der Ehe Glück genießen; o thu' mir die Gnade, such' ihr einen ihrer würdigen Gatten. Denn gar sehr begehrenswert ist die reizvoll üppige Gestalt. Du hast sie über Jahr und Tag nicht mehr gesehen. Sie wohnt im Hofe Clichy bei Paris.‹ Der König schwieg und nickte mit dem Kopfe. Zwei Tage darauf trat er vor seine Königin und sprach: ›Aus Clichy komm' ich. Wahr hast du gesprochen. Sehr schön ist deine Schwester geworden, die weißarmige Aregundis. Und ich weiß ihr in meinem ganzen Reich keinen ihrer würdigen Mann – als mich selber. So hab ich sie denn gestern mir vermählt.‹ Und Ingundis, wohl gezogen, sprach: ›Was mein Herr thut, das ist wohl gethan. Wenn nur auch ich... –‹ Darüber beruhigte sie sofort der gnädige Herr König. Und so ist nun Chilperich, Aregundens Sohn, zugleich der Vetter und der Bruder von Ingundens drei Söhnen.« »Das ist ja himmelschreiend,« rief der Gote. »Merowingisch ist es!« meinte Charigisel. – »Und die Kirche – die Bischöfe?« »Leider,« zürnte Prätextatus, »schwiegen sie damals zu solcher Fleischeslust und Vielweiberei. Heute, nicht wahr, ehrwürdiger Vater, würden wir nicht schweigen!« »Wir nicht, mein eifriger Sohn,« sprach Germanus. »Aber auch heute giebt es gar manche Bischöfe und Äbte, welche die Herren Könige aus Herzogen und Grafen plötzlich in Priestergewande steckten und die weltlich denken, nach wie vor der Weihe.« »Aber,« fuhr Charigisel fort, »damit hatte Herr Chlothachar noch lange nicht genug! Im ganzen hat er es, teils neben-, teils nacheinander, auf sieben Weiber gebracht – Eheweiber, – die Buhlinnen nicht gezählt, die er im ganzen Reich sich aufgriff, Hirtinnen, Bäuerinnen, Unfreie, wie Freie und Edle.« Der Gote schüttelte das Haupt; Bischof Germanus aber fiel ein: »Laßt diese Dinge ruhen, die der Kirche und ihrer lässigen Zucht zur Schmach gereichen. – Also König Chlothachar gab vor dem Sterben seinem Sohn Charibert Paris und Aquitanien, Guntchramn Orleans und Burgund, Sigibert Reims und Austrasien, Chilperich Soissons mit Neustrien.« »Aber kaum,« ergänzte der Kämmerer, »hatte er die Augen geschlossen, als, trotz dem Erbvertrag, der Bruderkrieg begann.« »Warum?« fuhr Prätextatus fort. »Weil König Chilperich in maßloser Habgier sofort den Frieden brach, des Vaters Schatzhaus zu Braine überfiel und plünderte und Paris, das er so heiß begehrt, wie sonst nur noch ein schönes Weib ... –« »Wegschnappte,« zürnte Charigisel, »das heißt, durch seine Feldherren, durch seine drei Söhne von Audovera.« »Wie?« fragte Sigila, »Ja, wie alt ist er denn, dieser König Chilperich?« »Etwa zweiundvierzig,« antwortete der Bischof. »Die Merowingen haben meist schon mit sechzehn, siebzehn Jahren Kinder.« »Sogar eheliche,« grollte Prätextatus, »von den andern zu schweigen!« »Das ist ja Unzucht!« rief der Gote entsetzt. »In welchen Pfuhl haben wir dich verpflanzt, o Lilie von Toledo!« »Ihr Gemahl, unser Herr Sigibert, ist frei von solchem Schmutz,« rief Charigisel. – »Durch seine Söhne: Theudibert, Merovech und Chlodovech, vollführt Herr Chilperich seine Heldenthaten.«
»Er selbst bleibt klüglich zu Hause, verführt Frauen und Mädchen...« – eiferte Prätextatus. »Oder dichtet zur Abwechslung fromme Lieder,« lachte Charigisel. »Oder erfindet neue Buchstaben,« meinte der Bischof. »Oder neue Steuern,« seufzte ein Kaufherr aus Chartres. »Oder stiftet und beschenkt Klöster, hat ihm der ehrwürdige Vater Germanus das Gewissen wieder einmal geweckt,« meinte der Kämmerer. »Oder widerlegt Juden in scharfsinniger theologischer Disputation« –, fuhr Prätextatus fort. »Sie dürfen ihm aber nicht antworten!« lachte Charigisel. »Und kann er sie nicht zur Taufe bereden ...« – sprach der Bischof – »So führt er sie auf der Folter gelinde zu besserer Einsicht« – meinte Prätextatus. »Und verbrennt die Rückfälligen!« rief der Kämmerer. »Oder behauptet ihren Rückfall, d.h. der Reichen, um sie verbrennen und dann beerben zu können!« schloß der Kaufherr. »Nun also,« begann der Bischof aufs neue, »die drei vollbürtigen Brüder thaten sich zusammen, jagten ihm Paris und seinen übrigen Raub wieder ab und zwangen ihn, Ruhe zu halten.« »Herr Charibert wollte den schlimmen Bruder bestraft wissen; der dicke Guntchramn schwankte,« fuhr Charigisel fort. »Wie gewöhnlich!« meinte der Kaufmann. »Doch unser edler König, Herr Sigibert,« rief der Kämmerer, »erwirkte ihm Verzeihung.« »Der Dank blieb nicht aus,« seufzte Prätextatus. – »Jawohl! Wenige Monate, später ward er heimgezahlt! Kaum hatte Herr Sigibert den ganzen Heerbann Austrasiens ins Thüringland geführt, die Avaren, diese greulichen Unholde, hinauszuschlagen, als Herr Chilperich unsere Länder überfiel.« »Schmählich!« rief der Gote. – »Und da vollführte er denn selbst große Heldenthaten: er nahm Reims, Herrn Sigiberts Königssitz, – freilich: nur Weiber standen auf den Wällen! – und andre Städte mehr. Aber er faßte sich das Herz dazu doch nur, weil ein Gerücht unsern Herrn in der Schlacht geschlagen und gefallen gemeldet hatte. Allein Herr Sigibert war nicht tot. Nach heißem Kampf hatte er den Avaren-Chan bezwungen und auf die Nachricht von dem Fall von Reims flog er aus Thüringland über den Rhein zurück, zornig und rasch, dem Adler gleich, der den eingedrungenen Geier aus dem Horste jagt.« »Herr Chilperich hatte sich zwar längst davongemacht. Nicht einmal in seinem eigenen Königssitz Soissons glaubte er sich sicher,« erzählte der Kaufmann weiter. – »Nur Theudibert, sein ältester Sohn, verteidigte die Stadt: und zwar recht tapfer. Aber wir nahmen sie mit Sturm. Und Herr Sigibert griff mit eigner Hand seinen Neffen, umarmte und küßte ihn, lobte seinen Mut und – ließ ihn frei.« »Ein edler, wahrhaft königlicher Herr!« rief Sigila. »Nur mußte er schwören,« schaltete Prätextatus ein, »niemals wieder gegen Herrn Sigibert das Schwert zu heben. Und da bald darauf Herr Charibert starb, vermittelte Herr Guntchramn den Frieden. Abermals verzieh Sigibert dem besiegten Bruder.« »Aber Soissons behielten wir,« lachte Charigisel. »Herr Chilperich mußte seinen Sitz in das kleine schmale Tournay verlegen. Gewaltig soll es ihn wurmen.« – »Das Erbe Chariberts – Aquitanien – ward unter den drei Brüdern geteilt. Nur über Paris konnten sie sich nicht verständigen. Schon drohte neuer Kampf darüber auszubrechen...« »Da fand,« sprach Prätextatus, »die Weisheit des Bischofs der Stadt, stets bemüht, Blutvergießen zu verhüten, den Ausweg, daß Paris Gemeingut der drei Brüder werden sollte.« »Aber mit so mißtrauischen Augen,« rief der Kämmerer, »betrachten sich die Merowingen, daß keiner den andern in jenen Wällen weilen wissen mag.«
»Daher ward,« belehrte Germanus, »von den drei Brüdern, unter fürchterlicher Selbstverwünschung für den Fall des Eidbruches, auf die heiligsten Reliquien von Sankt Hilarius und Sankt Martinus den Bekennern, und zumal von Sankt Polyeuktus dem Martyr, dem furchtbaren Rächer des Meineids, ein schwerer Schwur geleistet, daß keiner ohne die beiden andern Brüder je einreiten solle durch die Thore von Paris.« »Ich erschauerte,« schloß Prätextatus, und ein leises Zittern flog über seine Glieder. »Ich stand nur als Zeuge dabei. Aber Grauen ergriff mich in die Seele der Schwörenden hinein, da sie nun, die heiligen Pfänder, den Reliquienschrein, berührend, die fürchterlichen Worte wiederholten, die der hochwürdige Bischof hier ihnen vorsprach.« »Ich aber hätte das Friedenswerk nicht zu stande gebracht,« beteuerte dieser, »ohne die eifrige Unterstützung dieses jungen Freundes hier. Der Sohn Herrn Landberts, in kurzer Zeit zum Archidiakon des Bischofs von Rouen emporgestiegen, ist ebenso gewandt in weltlichen Geschäften wie eifrig im Gebet und in fast allzustrenger Askese.« »Und als nun unser König Sigibert Friede hatte vor seinem bösen Bruder,« rief der Kämmerer freudig, »da eilte er, das Verlöbnis abzuschließen mit der Königstochter der Westgoten. Der reine Mann, den nie, wie seine Brüder, der Schmutz der Lust besteckt, er wollte nun in seine Halle die edle Gattin führen.« »Und keine herrlichere wahrlich,« sprach Prätextatus, »hätte er wählen können, als diese königliche Brunichildis.« »Ja, gewiß!« rühmte Charigisel. »Wie er bisher schon seine Brüder an Heldenkraft, an Siegesruhm, an edlen Sitten überstrahlte, so wird nun vollends diese Königstochter an seiner Seite seinen Hof, seine ganze Herrschaft weit erhöhen über seine beiden Brüder, die mit unfreien Mägden in Buhlschaft, mit vielen Weibern zugleich leben, ein Zerrbild echter Ehe.«
»Und vergeßt nicht, ihr Herren,« sprach der Gote stolz sich aufrichtend, »wie auch seine Kriegsmacht gestärkt wird durch das enge Waffenbündnis mit König Athanagild. Auf sechzig Tausendschaften tapfrer Goten kann er fortab als Rückhalt seines Heerbanns zählen, – wider jeden Feind.« »Horch!« unterbrach der Kaufmann, »das Hornzeichen! Es meldet, daß das Hochzeitsschiff demnächst einlaufen wird.« »Auf! mahnte Germanus. »Schon hör' ich das Psallieren der Geistlichen und Mönche. Der ehrwürdige Herr Bruder, der Bischof von Marseille, zieht mit seinem ganzen Klerus dem Brautpaar entgegen bis in den Hafen.« »Auf, hinunter in den Hafen!« scholl es nun ringsum. Und eilfertig verließen Bischöfe, Äbte, Krieger und Kaufherren den Saal und stiegen die steile Felsentreppe hinab, welche in die untere Stadt führte.[...]
»Jetzt kommen sie!« rief ein Bürger von Marseille. »Eben biegen sie um die Ecke! Seht! König Sigiberts Gefolgschaft in vollem Waffenschmuck!« – »Auf trefflichen Rossen!« – »Ja, alamannischer Zucht!« – »Und nun die Goten, die Begleiter der jungen Königin! Wie glänzt da alles an ihnen von Gold und Silber und bunten Steinen.« – »Ja, sind reiche Herren. Große Schätze soll die Braut von Toledo Herrn Sigibert zubringen.« – »Horch, Trompeten!« – »Was bedeutet das?« – »Ein König reitet an! – Das ist das Brautpaar! Seht nur, seht! Herr Sigibert! Hoch zu Roß! Wie herrlich flutet ihm das dunkel-goldne Gelock aus dem Kronhelm auf die Schultern! Wie Sankt Georg, der den Drachen sticht, auf Goldgrund gemalt, drüben in dem Oratorium! – Was drängst du so, Weib? – 's ist wieder die junge Rothaarige! – Mußt du durchaus den König sehen? Mußt du?«
»Ja, ich muß!« – Und eine schlanke junge Frau in schlechtem Gewand, wie es unfreie Mägde trugen, drängte sich keck durch die vor ihr dicht gereihten Männer; es gelang ihr wirklich; aalgleich glitt sie vor; nun stand sie hart an dem Bug des herrlichen weißen Rosses, das den König trug; jetzt sah sie voll sein Antlitz! da rieselte ein süßer Schauer durch ihren Leib: Lohen schlugen ihr in die Wangen, sie suchte gierig sein Auge, aber er sah sie nicht. Ganz versunken in seinen Anblick, machte sie noch einen Schritt weiter vor, da scheute, vielleicht über ihr plötzlich aufleuchtend Rothaar, – denn die Kapuze des Mantels war ihr bei der raschen Bewegung herabgefallen, – ein Pferd neben dem des Königs, – es bäumte sich; das Weib wollte rasch ausbiegen und trat dabei heftig in eine der Pfützen; hoch auf spritzte das gelbbraune Wasser.
»Verfluchte Sklavin!« schrie Sigila, welcher jenes zweite, ebenfalls weiße Roß am Zügel führte. »Beschmutzest Frau Brunichildens Hochzeitskleid! Über und über! Da! Freche Magd!« Und mit der Reitpeitsche gab er ihr einen leichten Hieb über das Gesicht.
Grimmig schrie die Getroffene auf: beide Hände und das rote Haar vor die Augen drückend.
»Was ist, meine geliebte Königin?« fragte Sigibert. Wie wohllautend scholl diese schöne klangreiche Stimme! »Nichts, mein Gemahl!« – die Stimme Brunichildens war fast tiefer, – »einer Plebejerin Keckheit. Sie fand bereits, was solcher Brut gebührt.«
Schon waren Braut und Bräutigam vorüber. –-
Die Geschlagene warf beiden einen langen, langen Blick nach; sie stand unbeweglich. Sie hemmte so den Zug. »Aus dem Wege, Straßenunkraut!« rief ein fränkischer Reiter vom Pferd herab. Die Gescholtene hörte nicht: sie starrte dem Paare nach. –
»Vorwärts! Was stockt da? Was staut den Zug?« rief Charigisel, der Kämmerer, und spornte seinen Rappen. »Eine Dirne? Eine Bettelmagd? Packe dich aus dem Wege! Du trotzest? So stampfe ich denn Kot zu Kot!« Und ein Sprung des Rosses: das Weib lag in der Schmutzlache. Sofort war sie wieder auf den Füßen; sie sah dem Kämmerer stumm ins Auge: der erschrak und sprengte rasch hinweg.
»Ha, schau einer die rote Katze! Die ist flink!«
»Zurück, Weib!«
Über und über beschmutzt schlich die junge Frau wieder hinter die vorderste Reihe. Und sie hielt sich, offenbar mit Mühe, aufrecht an einem auf dem Platz eingemauerten hochragenden Kreuz.
»Horch! Wieder ein Trompetenstoß!« – »Wieder ein König?« – »Gewiß! Aber welcher?« – »Guntchramn von Orleans?« – »Nein! Der liegt ja krank zu Bett in Chalons.« – »Dann muß es Chilperich sein!« – »Jawohl! Der ist's auch! Seht! Da trägt schon sein Bandalarius seine scharlachrote Heerfahne.« – »Mit der goldnen Schlange.« – »Ja, unter dem Meerwicht mit dem Fischleib.« – »Den haben alle Merowingen.« – »Jawohl! Und da kommt er selbst! Auf seinem roten Roß! Auch ein gar schöner Herr!« – »Bah! Aber neben seinem Bruder!« »Wie Loge neben Paltar,« murmelte ein eisgrauer Mann. »Du alter Heide, schweig von den Dämonen, daß dich keiner der Geschorenen hört!«
Da flog ein Blick des Königs über die Gruppe hin; hastig duckte sich die junge Frau hinter das breite Kreuz.
»Aber wer ist das Weib auf dem goldbraunen Zelter an seiner Seite?« – »Ha, wird eine seiner vielen Buhlinnen sein. Wohl Audovera ...« –
»Oder die neue, die er sich vor ein paar Monden im Wald gegriffen haben soll. Wie heißt sie doch?«
»Nein, nein! König Sigibert soll ihm zur Bedingung gemacht haben bei der Einladung zu seiner Hochzeit, daß er keines seiner Weiber ... –« – »Dirnen sinds! Nicht Frauen!« – »Mitbringen darf, sieben Meilen weit von Marseille!«
Hoch auf horchte das Weib an dem Steinkreuz.
»Und das, bei Sankt Julianus ...« – »Das ist keine Buhle!« »Laßt sehen, laßt sehen!« riefen alle, zumal die Frauen, und drängten sich vor. »Schaut nur, Nachbarin,« rief ein Weib dem andern zu, wie herrlich die fremde Jungfrau geschmückt ist!« – »Ja, wie ein echtes Königskind.« – »Sehet nur hin! Was glänzt da so weiß an ihrem Halse?« – »Das sind Perlen!« – »Nicht möglich! Nie sah ich soviele auf einmal!«
»Wieder stockt der Zug. Man kann alles bequem mustern.« – »Was thut ihr?« – »Vier – fünf! – Ich zähle. – Sieben Schnüre der größten Perlen trägt sie um den Hals!« – »Ja, die reichen Goten! Das stammt all' aus dem Königsschatz zu Toledo.« »Oh,« rief ein junges Mädchen, »welch wunderholde Züge!« – »Nicht so stolz königlich wie Brunichildis.« – »Aber ihr sehr, sehr ähnlich! Nur gar so bleich! Ob sie krank ist?« – »Und gar so schlank!« – »Und gar so jung noch! Seht nur, wie sie so schüchtern den Worten König Chilperichs lauscht.«
»Wie er in ihr Ohr flüstert!« – »Wie er sich vorbeugt! Ihr weißes Haar... –« – »Ja, das ist nicht mehr blond, 's ist fast weiß,« – »Es mischt sich mit seiner roten Merowingenmähne.« – »Aber Weib, dränge doch nicht so!«
»Du rote, freche Fliege dahinten!« – »Mußt du denn alle Könige begaffen?« – »Hast du nicht genug am ersten Peitschenschlag?« – »Zurück mit dir!« zürnten Bürger und Frauen durcheinander. »Nur Einen Blick. – Nicht auf den König! – Auf das Weib an seiner Seite.«
So weichflehend ward das gesprochen, daß ein junger Matrose, von der Stimme gelockt, sich wandte, und die so schmeichelnd Bittende betrachtete. »Zurück,« wiederholte drohend der andere, ein graubärtiger Bürger von Marseille. »Oder –« und er hob die Faust zum Schlag. Da blitzte des Matrosen Messer; der Bürger schrie auf, das Blut spritzte aus seinem Arm: er ließ ihn sinken. »So!« lachte der Seefahrer, das junge Weib vorschiebend, »jetzt magst du schauen nach dem Milchgesicht. Ich kann nichts an ihr finden, du gefällst mir viel besser, Rote.« Und er faßte ihren vollen, nackten Arm und drückte einen Kuß darauf.
Das Weib hatte nun die jugendliche Reiterin zur Genüge gemustert. Es wandte sich jetzt seinem Beschützer zu. »Zum Dank für dieses Wort,« flüsterte es und senkte die grauen Augen in die seinen, »nimm das!« Und sie drückte dem Erstaunten ein schweres Goldstück in die Hand. »Und komm heute nacht in die Herberge vor dem Rhonethor, Vergiß dein Messer nicht!« [...]
Bischof Theodor selbst gab dem Scheidenden das Geleit bis an die Schwelle.
»Dank, ehrwürdiger Vater, für die reiche Bewirtung! Freute mich.« – »Das ehrt mich, königlicher Herr!« – »Warum freute sie mich? Warum? Ratet! – Ihr erratet 's doch nicht. Will's Euch sagen. Wo soviel Reichtum ist, da kann, ja, da muß die Steuer erhöht werden, dreifach! So! – Hi, hi! – So! Nun schlaft wohl! Dies Wort sei Euer Schlummerkissen. – Ihr mit euern Fackeln – trollt euch! – Herr Mond giebt Licht genug. – Und des führenden Armes bedarf ich nicht! – Trinke nie zu viel! – Nur ein wenig heiter. Trollt euch, sag ich.« Und er gab dem nächsten einen Schlag mit dem eingescheideten Langschwert, das er, aus dem Wehrgehäng gelöst, in der Rechten trug. »Schurke von einem Knecht!«
»Herr König,« rief der Geschlagene und Gescholtene, »ich bin kein Knecht. Freiwillig hab' ich mich dem Herrn Bischof heut' zu Diensten erboten. Ich bin ein freigeborner Bürger dieser Stadt.« – »So! Frei bist du? Dann nimm noch eins dazu.« Und er schlug ihm diesmal schwerer über den Kopf. »Vor uns Königen seid ihr alle Knechte, das merkt euch!«
Er schritt nun rasch weiter. – »Heller Mondschein!
– Ich spüre Lust, noch auf Abenteuer durch die Stadt zu streunen. Berühmt sind um ihrer Schönheit willen die Weiber von Marseille. Und um ihr heißes Blut. – Ja so! – Ich bin ja Bräutigam! – Wieder einmal! – Zwar hab' ich dem gestrengen Bruder – was hat der Gelbschnabel den reifen Mann zu meistern? – versprochen, meine bisherigen Weiber und – Gespielinnen fortzujagen. Aber nicht hab' ich versprochen, wenn neue auftauchen, die Augen zu schließen! – Hi hi! – Seit ich in der Dialektik diese Kunst der ›Distinktionen‹ lernte, bin ich stärker als alle Gegner, stärker als alle Verträge und alle Eide. – Jedoch Vorsicht! Erst nach der Hochzeit! – Merken sie's vorher, weder der weißen Jungfrau noch ihres roten Goldes werd' ich froh. – Da ist ja das Haus, in dem ich abgestiegen.«
Zwei Speerträger hielten davor Wache, sie senkten ehrerbietig die Spitzen ihrer Lanzen. Ohne Gruß schritt er über die Schwelle. In der Vorhalle lag ein junger schöner Knabe am Fuß eines Pfeilers, der in einer Öse eine Kienfackel trug. Der Knabe war tief eingeschlafen, ein Lächeln spielte um die reinen Züge. Der Heimkehrende blieb vor ihm stehen: einen Augenblick betrachtete er den Schlummernden: »der jüngste Sohn des Herzogs Drakolen, Der Alte ist so stolz, so aufrecht! Und so unsinnig reich! Könnt ich ihm an seine Güter! Doch er hütet sich vor jeder Verfehlung! – Der Junge da ist sein Augapfel. Warte!« – Mit einem Fußtritt weckte er den Schläfer: schreiend fuhr der auf und griff ans Schwert: aber bestürzt sank er sofort aufs Knie: »König Chilperich! – Vergebung! Ich war so müde – vier Nächte... –«
»Wofür hält man die Wächterhunde, als damit sie wachen?« Der Knabe erbleichte. »So? Blaß, nicht rot wirst du im Zorn? Solche Art ist gefährlich. Sag deinem Vater, du bist aus dem Hofdienst weggejagt.«
Und der König drehte ihm den Rücken, und schritt weiter, in sein Schlafgemach. Hier trat er sofort an das offene Fenster und legte Stirnreif und Schwert und Oberkleid ab, seinem Lager, das im Hintergrund des Zimmers hinter Vorhängen aufgeschlagen war, den Rücken kehrend. Eine kurze Weile sah er noch in die Maiennacht, in die schweigenden Straßen hinaus. »Das ist keine Nacht zum Durchschlafen! Weich, warm, wohlig! Zum Durchküssen und Durchkosen! – Ich möchte wohl wissen, wo –? Ei. das ist aber kein Nachtgebet.« – Und plötzlich ernsten, ja furchtsamen Ausdruck annehmend bog er ein wenig das rechte Knie, griff nach der versilberten Reliquienkapsel, die er an seidener Schnur auf der Brust trug und murmelte: »Schütze mich, heiliger Martinus, dieweil ich selbst mich nicht schützen mag, in den unheimlichen Stunden vor den Dunkelelben der Nacht und allen Dämonen. Amen.« –
Nun schritt er auf sein Lager zu und schlug den Vorhang zurück. Da saß auf dem Rande seines Bettes regungslos eine verhüllte Gestalt. Kreischend vor Schreck, sinnlos vor Angst fuhr er zurück: »Mörder! Zu Hilfe! Mörder!« lallte er; er wollte nach seinem Schwerte springen, aber er glitt aus auf dem glatten Marmorestrich; – hilflos lag er auf der Seite. Jedoch die Gestalt rührte sich nicht. »Schweig, Chilperich,« sagte sie leise. »Es ist nur ein Weib.«
»Ein Weib?« wiederholte er, rasch aufspringend, – »Du – Fredigundis?« – Und zornig stampfte er mit dem Fuß: »Du Walandine! Mich so zu erschrecken!« – »Was kann ich für deine Feigheit –!« – »Und welche Frechheit! Hab' ich dir nicht befohlen – dir und den andern! – bei meinem Zorn, euch nicht nach Marseille zu wagen, auf Meilenweite? Weshalb kommst du?« – »Weil du's verboten hast!« – »Weib!« – Er hob die geballte Faust. – »Schlag' nur zu. Es ist nicht das erste Mal.«
Er senkte den Arm. »Wäre aber das letzte Mal,« drohte er. »Denn du siehst mich nie mehr wieder. Das macht dir gar keinen Eindruck? – Du lächelst. – Das Lachen wird dir geschwind vergehen. – Es ist am Ende ganz gut, daß du kamst. So erfährst du noch vorher, was du nicht früh genug befolgen kannst. Aber – was suchtest du hier?« – »Meinen Ehegemahl.« – Er lachte, »Das weiß kein Mensch, ob du, nach der Kirche und des Volkes Recht, mein Eheweib bist.«
»Du bist mit mir getraut. Das Gewissen trieb dich doch dazu.« – »Ja, aber auch mit Audovera, mit manchen andern. Leben alle noch! – Trauen! Ich laß' mich immer trauen! Beruhigt die Weiblein! – Und du bist eine Unfreie, bist nach Volksrecht gar nicht der Ehe fähig.« – »Du hast mich losgekauft von Herrn Landbert.«
»Aber erst nach der Trauung, hi, hi. Das nennt man ›distinguieren‹. Trauung gilt nicht und Ehevertrag gilt nicht. Nichts gilt, als mein Wille. Und übrigens: als ich dich im Wald, an dem Grenzgraben, auf der Straße auflas, – hast du da lang mit mir – dem niegesehenen Jäger – ein Eheverlöbnis verhandelt? Oder habe ich dich gezwungen? ›Ich will!‹ riefst du – gar laut scholl's durch den Donner – und sprangst mir entgegen in die Arme. Keinen Schatten hast du eines Rechts. Hi, hi,« lachte er, »freilich, große Augen machtest du – später! Im Walde noch, da du mein wardst unter lohendem Blitz und krachendem Donner – die Dämonen freuten sich unserer Umarmung und eine brennende Eiche leuchtete dazu! – erfuhrst du, daß ich der Frankenkönig. Nun wähntest du, – hi, hi! – Frankenkönigin zu sein, Chilperichs alleinige Gemahlin, du! Die Plebejerin, die unfreie Magd!« –
Hier zum erstenmal zuckte Fredigundis.
»Als du aber nun daheim in meinem Palast Audoveren im Vorbesitze trafst und die andern alle –, da warst du sehr erstaunt! Frech wurdest du vor lauter ›Staunen‹«. »Und du schlugst mich,« sprach sie tonlos. »Mit der Faust. Hierher! Auf Schulter und Rücken!«
»Ja, weil du schäumtest! An die Gurgel wolltest du mir fahren. Aber plötzlich – nach dem Faustschlag – wardst du lammfromm. Weiß Gott, was dir da durch die Seele ging!« »Die Hölle weiß es,« sagte Fredigundis ruhig. »Und wahr ist es,« sprach er nachsinnend, »du bist von allen meinen Gespielinnen die schönste, die berückendste. Und – weitaus! die gescheiteste. Weitaus! – Klug sind deine Ratschläge. Ein wenig zaubern kannst du auch, die Eifersucht hast du dir abgewöhnt. – Reizvoll, sehr reizvoll bist du!« Er sprang auf sie zu und küßte sie auf den Mund. – »Warum bist du in tiefster Niedrigkeit geboren!«
Fredigundis bebte leise.
»Ich verlangte mir keine bessere Königin von Neustrien. Aber so! – Es geht nicht! – Mein Bruder Sigibert mit dieser gotischen Fürstin neben sich – es ist wahr: jede Bewegung Brunichildens bezeugt das throngeborne Königskind. – Was hast du? Was knirschest du mit den Zähnen? – Und dann dieses ungeheure Heiratsgut, das die Gotinnen mit erhalten! Die Jüngere, – denk dir nur! – erhält ebensoviel wie die Ältere.« – »Und ein neues Spielzeug ist das Wachsbild auch. Aber hüte dich, Chilperich, wenn du sie küssest: halte den Atem an. Sie hat die Schwindsucht. Schwindsucht steckt an.« – Der König fuhr zusammen, furchtbar, auf das äußerste erschrocken. »Was? Was? – Bah, Eifersucht! – Du willst sie mir verleiden.« – »Warum? Da ich ja doch verstoßen bin, könnte mir's gleich sein, ob ich der Brustsiechen weiche oder einer andern. – Aber du, du thust mir leid! Siehe, dir das zu sagen, – deshalb kam ich.« Sie erhob sich von dem Bette. – »Wirklich? Nur deshalb? – Das wäre ja –! Diese Sanftmut? – Ich glaub's nicht! Nur deshalb?«
»Nein, noch um ein andres Wort.« Sie beugte, wie verschämt, das schöne Haupt, trat dicht an ihn heran und flüsterte in sein Ohr. Dann wollte sie, – so schien's, – zur Thüre eilen: aber er hielt sie fest und riß sie an die Brust. »Mein rotes Fredelein, mein süßes! Wirklich? wirklich? – Nun, mein Gundelein, dann wünsch' ich dir Glück. – Das bringt dir Glück! – Hat dir's schon gebracht! – Nun sollst du nicht, wie ich's vorhatte, in ein Kloster.« Fredigundis lachte übermütig; es stand ihr gut: »Armes Kloster, das mich aufnehmen müßte.« – Chilperich lachte auch und küßte sie: »Du hast Witz. Darum taugst du so gut zu mir. – Taugtest!« seufzte er, »Denn leider – geschieden muß es sein. Geh in meinen – das heißt: jetzt deinen Hof Amica bei Limoges. Ich hab' ihn dir ja geschenkt mit aller Zubehör von Wald, Wiesen und Weide, mit Hirten und Herden, Knechten und Mägden: – recht reichlich kannst du leben von dem Ertrag und noch rotes Gold zurücklegen. Von dort melde mir's. Lauter schreiende Mädchen haben mir die andern geboren. Das allein hat Audovera solange gehalten in meiner Gunst, – sie ist ja fast so alt wie ich, sie muß jetzt ins Kloster! – daß sie mir drei Söhne gab. Aber«, und hier nahm sein Gesicht eine unheimlich drohende Miene an – »ich bin unzufrieden mit meinen Söhnen in jüngster Zeit. Der Trotzkopf Chlodovech grollt, weil ich dich mir gesellt. Merovech! – ha, der ist eigentlich mehr Sigiberts Neffe als mein Sohn.« – »Wie meinst du das?« – »Der seltsame, weiche, träumerische Mensch! Hat von mir gar nichts geerbt. Ich hab' ihn schon als Knaben nicht leiden mögen: nun, da lernte er auch wohl nicht, mich lieben. Als er heranwuchs, – er sah mich immer so vorwurfsschwer an: ich wußte nicht, was er wollte. Endlich kam es heraus. Als er etwa sechzehn Winter zählte, trat er eines Tages vor mich, mit ungewohnter Festigkeit –, und verlangte, fast drohend, – weiß Gott, welcher Priester ihm das in das Ohr gesetzt hatte! – Audovera selbst nicht: der hatte ich solch Ansinnen längst ausgetrieben! – ich müsse seine Mutter feierlich zu meiner Ehefrau erheben. Das sei ich Gott und ihr und ihm und seinen beiden Brüdern schuldig. Ich lachte ihn aus. Aber der weiche Träumer war auf einmal wie Stein und Eisen geworden: er ließ nicht ab, trotz meiner Drohung – er zerrte mich am Mantel: gar rasch fährt mir im Zorn die Hand an den Skramasachs! – ich traf ihn tief. Bruder Sigibert kam dazu, trug den Blutenden davon. – Seither hab ich Merovech wenig gesehen. Sein Oheim hat ihn an seinen Hof genommen seit vielen Jahren. Er hat eine feine Seele, der Junge. Aber eine allzu zarte. Und verträumte Augen, die nur die Sterne suchen, statt die Dinge dieser Welt.« –
»Solche Menschen bringen es nicht weit auf Erden,« meinte Fredigundis ruhig, »auch wenn sie Königssöhne sind.« – »Und jüngstens, so scheint's« – lachte er hämisch – »liebt Merovech seine Muhme, Frau Brunichilden, mehr als seine Mutter –«
Fredigundis horchte hoch auf.
»Nur Theudibert blieb mir: aber der« – und er warf einen raschen, lauernden Blick auf sie – »der verehrt mir seine schöne junge Stiefmutter mehr als nötig.«
Fredigundis zeigte die kleinen weißen Zähne: »der Milchbart!« lachte sie.
Beruhigt fuhr Chilperich fort: »kurz, die Söhne sind mir nicht recht sicher. Zudem: die Pest hat auch Bruder Guntchramns Söhne sämtlich hingerafft. Meine Knaben schlagen meine Schlachten: – ich werde doch nicht so thöricht sein, diesen meinen gedankenvollen Kopf den Schlachtbeilen dummer Feinde auszusetzen! – Wie leicht fällt man in jenem rohen Mordhandwerk, das sie Heldentum nennen! So steht mein Geschlecht auf sechs Augen nur. Söhne, Söhne will ich haben! Kann ein König gar nicht genug haben! Bring mir einen Knaben, Fredeline! Kann dein Glück werden.«
»Aber – der Unfreien – der Buhlin Sohn –, kann er...–?«
Chilperich lachte hell: »Hihi! Da hinaus wolltest du? Nein, Gundelchen! Damit erzwingst du die Ehe nicht! Nach zweifellosem Frankenrecht kann jeder Königssohn die Krone seines Vaters erben, auch der Bastard, wenn nur der Vater ihn als sein Blut anerkennt.«
Hoch auf atmete Fredigundis; ihr graues Auge leuchtete Triumph. Chilperich sah es scharf. »Du scheinst mir des Knaben allzusicher, Fredeline,« lachte er hämisch. »Ich befragte Zauberlose: – dreimal fielen sie auf den Speer, nicht auf die Spindel.« – »Hi, hi! Ich geh doch lieber sicher! Ich werde einen verlässigen Mann dir an die Seite geben –, daß du mir nicht das Mägdelein, das du etwa geboren, vor lauter Liebe zu mir in einen Buben verzauberst! Ich trau' dir nicht über den Weg! Wie sollte ich? Trau' ich doch mir selber nicht!« – »Wirst du dein Kind nicht sehen?« – »Das Kind? Ja! – Aber dich, Gundelchen, leider nie mehr! Ich mußte es beschwören« – er schauderte hier – »mit gräßlichen Eiden.« – »Wem?« – »Bruder Sigibert. Euch alle fortzujagen. Zumal auch dich. Er hasset dich vor allen.« Sie atmete gepreßt. »Er kennt mich nicht.« – »Er hat genug von dir gehört.« – »Und – warum Chilperich, warum thust du das alles? Was erhältst du dafür? Nur jene Sieche, jene wandelnde Leiche, deren Atem tödlich?« Chilperich stampfte mit dem Fuß. »Schweig davon! Ich muß ein Königskind haben, meiner Franken wegen. Und dann – die volle Aussöhnung mit Bruder Sigibert!« – »Du liebst ihn, diesen Bruder? – Heute hört ich alles Volk rufen: Heil Sigibert dem Helden! Ein feiger Fuchs ist der rote Chilperich.« »Bah,« meinte er spöttisch, aber doch recht geärgert, »ein Stier ist auch ein Held. Giebt gar nichts Dümmeres als so einen Helden.«
»Also volle Aussöhnung! – Das ist ja schön. – Giebt er dir auch Soissons zurück?« fragte sie, sich harmlos vorbeugend und ihm ins Auge sehend. »Hölle, Tod und Teufel! Nein! Das thut er nicht! Aber schweig davon! – Es macht mich wütig.« – »Nun gut, gut! – Mir kann es jetzt ja gleich sein. Ich habe ja nicht mehr teil an dir. – Nur noch ein Wort zum Abschied von deiner – armen Fredigundis.« Sie schluchzte.
»Nicht weinen, Gundelchen. Ich kann's nicht hören – du weißt es recht gut, es macht mich weich.« Seine Nasenflügel bebten und zuckten. »Ein Wort der Warnung nur. Du kennst meinen Zauberspiegel –? Du weißt... –« »Er zeigt wahr. Sahst du was darin?« forschte er ängstlich. »Ich sah den Dolch des Mörders gegen dich gezückt. Morgen Abend wird's versucht. Trag unter dem Wams die geschuppte Brünne. Und denke Fredigundens!« Ein flammender Blick; sie war verschwunden.
»Bleib – bleib doch!« rief er ihr nach. »Noch einen Kuß! Bleib doch! Du hast mein ganzes Herz entzündet. – Fort ist sie! – Läßt mich allein in solchem Sehnen! – Ah so, ja! – O, weshalb ist sie nicht König Athanagilds Tochter geworden?« [...]"

11 Oktober 2018

Felix Dahn: Meine welschen Erben

Der Vater meiner Mutter war Franzose: Monsieur le Gay hieß er und war Kapellmeister am Hofe des Königs Jerome zu Kassel: mit dessen Sturz verlor er seine Stellung: sonst weiß ich nichts von ihm und gar nichts von seinen Vorfahren. Ich habe aber oft in meinem langen Leben den Einfluß jener Tropfen – 25 vom Hundert – romanischen, französischen – Blutes auf meine Gedanken und Gefühle, zumal auf die Art ihrer Äußerung, zu verspüren geglaubt. Und gar manche Nacht hab' ich mich vor dem Einschlafen mit den Vorstellungen beschäftigt, was wohl alles diese meine welschen Ahnen in Gallien und anderwärts mochten erlebt, was sie an guten oder auch schlimmen Anlagen und Neigungen seit etwa zwei Jahrtausenden auf mich möchten vererbt haben. Schlief ich dann unter solchen Phantasien ein, so pflanzten sie sich oft in meine Träume fort, nicht ohne Einwirkung meiner jeweiligen geschichtlichen Forschungen und meiner Dichtungen. Einiges von diesen Träumen über jene Ahnen im schönen Westland und aus seiner reichen Geschichte will ich hier erzählen.

Im Jahre 58 vor Christus diente in der zehnten Legion unter dem Prokonsul Cajus Julius Cäsar in Gallien der Centurio Marcus Manlius Gaudiosus: sein Geschlecht stammte aus den Bergen der Samniten. Als die meisten im römischen Lager vor den Germanen Ariovists bangten – die oft von ihm geschlagenen Gallier hatten sie ins Ungeheure ausgemalt! – erklärte der Feldherr, er werde mit der zehnten Legion allein zum Angriff ziehen. Das half: alle folgten. [...]
Weder Trägheit noch Vergeudung eigneten dem Ahnherrn und den Folgern: so erwarb der Enkel schon durch den Gewinn aus dem eifrig gepflegten Rebgarten auch in der Stadt Arles ein kleines Haus und ward Bürger dieser Civitas. In der Folgezeit schlossen die römisch-keltischen Mischlinge auch wohl wieder mit Keltinnen Ehebündnisse, aber doch viel häufiger mit römischen Provinzialinnen: und die Kelten in jener Südlandschaft wurden ja selbst immer mehr romanisiert: – so blieb das Römische in dem Geschlecht weit überwiegend. Auch die römische Gesinnung: als während des Bürgerkriegs zwischen Otho, Vitellius und Vespasian im Jahre 69 bei der Erhebung der (germanischen) Bataver gegen Rom ein großer Teil der keltischen Gallier sich ebenfalls gegen die römische Herrschaft empörte mit lärmenden, großsprecherischen, theatralischen Veranstaltungen und als die Rebellen in der »Campania« vor den Toren von Arles Publius Gaudentius aus seinem Garten, in dem er friedlich die Wildlinge der Obstbäume veredelte, hinweg mit zum Aufstand fortreißen wollten, schüttelte er den grauen Kopf und sprach: »Ich bin Römer, und ihr seid gallische Komödianten. Weh euch, ertönt hier wieder die Tuba der Legionen.« Sie schlugen ihn tot auf dem Fleck, aber bald darauf war das prahlerische »Großreich Gallien« in Schaum zerstoben. [...]
Jedoch nicht nur am römischen Staat, auch an den römischen Göttern hielten sie treu, die Gaudiosi. Als unter Constantius, dem Sohne Constantins, die Tempel geschlossen und die Opfer verboten wurden, wie im ganzen Reich so in Gallien, geriet Felix Gaudiosus in Verdacht bei dem Archipresbyter von Arles: dessen Späher überraschten ihn wie er in seinem schönen Reb- und Olivengarten am Rhodanus dem Genius Loci ein Rauchopfer darbrachte: einer der Kirchendiener sprang hinzu und stieß die Räucherschale in das Feuer: Felix schlug ihn nieder mit der Faust. [...]
Der jüngere seiner Söhne, Secundus, erregte Merksamkeit und Beifall des gefeierten Dichters Ausonius, der ebenfalls Weingüter bei Arles eignete: der reiche, vornehme Herr hörte den Nachbarsohn durch die Olivenhecke, welche die Güter schied, hindurch, seine noch gar jugendlichen Hexameter laut deklamieren: die zweifellose Formbegabung zog den fachkundigen Gönner an: er lud den fast noch knabenhaften Braungelockten ein, ihm zu folgen, in seiner Nähe zu lernen: »zumal zu leben«, meinte er: »die Daktylen und Spondeen fließen ja schon ganz fehlerlos. Aber der Inhalt! Hier unter seinen Reben, Mandeln und Oliven erlebt der Junge nichts, Matrona Constantina: gebt ihn mir, bei mir in meinem schönen Hause zu Bordeaux, unter meinen Freunden, den Rhetoren und Philosophen, wird er allerlei Inhalt in sich aufnehmen.« Aber in Bordeaux erlebte der Jüngling auch in den nächsten zwei Jahren nichts: ganz wo anders im dritten Jahr: – in Alamannien, am Bodensee. Da fingen die Römer eines Morgens, dicht beim trauten Friedrichshafen, das aber damals noch nicht stand, ein ganz junges Ding: schöne rote Haare hatte es, war gar trutzig und schnappig und hieß Bissula, das will sagen »die Kleine«. In dieses anmutige Hexlein verliebte sich der ganze Generalstab des kaiserlichen Heeres: – die niederen »Chargen« nicht gerechnet. Vor allem Ausonius, der alte Herr, auf dessen Beuteteil sie – zu ihrem Glück – gefallen war. Aber noch viel heftiger jung Secundus. Der Alte machte viele Verse auf das Schwabenkind: sie sind erhalten: viel schönere auf sie machte Secundus, – jetzt hatten die glatten Rhythmen »Inhalt« gewonnen – er ward an ihr wirklich zum Poeten: leider sind seine nicht erhalten. Am Ende sah der grauhaarige Ausonius ein, daß er für das Kind doch zu »väterlich« sei und da er in einem jungen alamannischen Helden ihren – mehr angemessenen – Schatz entdeckte, gab er sie ihm großherzig frei. Das ging Secundus nah, sehr nah. Natürlich hatte das Mädel längst entdeckt, wie es um ihn stand. Da er aber nie zudringlich oder derb wurde, wie wohl die andre römische Jugend im Lager, die Gefangene vielmehr gelegentlich gegen plumpe Scherze schützte, und auch nicht gerade garstig war, ist sie ihm recht gut geworden. So sprach sie vor der Trennung, als sie allein mit ihm im Zelte des Ausonius war: »Secunduslein, bist kein übler Bub. Nun leb wohl. Da hast du was zum Dank und Abschied.« Erglühend spitzte er den kleinen Mund. Aber sie gab ihm einen Nasenstüber und hüpfte lachend aus dem Zelt. Von diesem Nasenstüber mußte nun der Arme leben und dichten! War doch wohl zu wenig Inhalt: drum ist er auch kein Klassiker worden. [...]
Da der ältere Bruder kinderlos starb, ward dieser Secundus der Stammhalter der Familie. Sein Sohn Magnus geriet in die stürmischen Zeiten, die zu Anfang des V. Jahrhunderts gerade Südgallien besonders heimsuchten: auch über das Stadthaus der Gaudiosi zu Arles und die kleine Villa vor den Toren brausten sie wild dahin. Wiederholt erhoben sich Anmaßer, empörte Feldherren, gegen Kaiser Honorius und bekämpften sich untereinander, wie den Imperator: Arles ward von den Kaiserlichen verloren und von hunnischen Söldnern des Anmaßers Jovinus erobert. Da wirkte es wie eine Wohltat, als in diesen Landen die gefürchteten »Barbaren«, die Westgoten, erschienen, welche ihr jugendlicher und schöner König Ataulf aus Italien nach Gallien geführt hatte, dort endlich die lang gesuchte ruhige Heimat – eine › quieta patria ‹ – zu finden. Der König war damals – nicht gar lange sollte es währen! – Verbündeter des Imperators und suchte die Stadt für diesen wieder zu erobern. [...]
Und der König versprach nun, in allen Stücken zu tun, wie ihm Magnus raten werde. Am selben Tage noch hoben die Goten die Belagerung auf, brachen ihre Zelte ab und zogen gegen Westen, gegen die Pyrenäen zu: denn sie hatten, so hieß es, vom Kaiser statt Galliens Spanien erhalten: bald waren ihre letzten Reiter in dem nahen Pinienwald verschwunden. Die Hunnen in der Stadt freuten sich gar sehr, denn Hunger und Durst hatten sich längst bei ihnen eingestellt: aber vorsichtig unterließen sie es, die fest geschlossenen Tore zu öffnen und etwa den Weichenden zu folgen, deren Übermacht sie im offenen Felde nicht gewachsen waren: auch um zu plündern wagten sie sich nicht aus den Toren: sie befahlen nur durch ein paar Herolde den Villenbesitzern, Bauern und Winzern vor den Toren, vor allem Wein, dann aber auch andre Lebensmittel in Menge auf Wagen in die Stadt zu schaffen unter Bedrohung mit grausamen Todesstrafen. Seufzend, aber gehorsam übernahm Magnus die Lieferung für alle Villen und Güter auf der Westseite der Stadt und so fuhren denn am folgenden Morgen an zwanzig Wagen an, jeder mit vielen Rindern bespannt und schwer mit Wein-Schläuchen und Mehlsäcken beladen, zum Schutz gegen den Regen mit Lederhäuten überspannt. Vor dem Westtor angelangt machten die Fuhrleute Halt und riefen unter Peitschenknallen die Hunnen herbei. Gierig, zungenschnalzend begrüßten die Ausgehungerten und Durstenden den Anblick, eilfertig liefen sie an das Tor, öffneten und ließen die vordersten Wagen ein: Magnus blieb im Tore stehen und zählte: vier Gefährte waren herein: da blieb das fünfte – schwerste, so schien es – im Tore stecken: vergeblich suchte Magnus, es vor- oder rückwärts schieben zu lassen: weit sperrte es die beiden Torflügel auseinander: »Da muß man abpacken!« rief Magnus und schlug zweimal in die Hände: sieh, da sprangen auf den Wagen unter den Decken hervor waffenklirrende Männer, dann herab von den Wagen und schwerterschwingend unter die überraschten Mongolen: die flohen nach kurzem Widerstand: denn immer mehr gotische Helme entpuppten sich aus den Schläuchen und Säcken: die Erschrockenen flohen zum Osttor hinaus, während von dem Pinienwalde her der König die Hauptmacht zurück und in die Stadt führte. Er nahm für die Nacht mit Placidia Quartier in dem Stadthaus der Gaudiosi. Am andern Morgen, als Magnus vor dem Paare stand, sprach die Königin: »Übel haben sie gehaust, die Barbaren, hier in diesem Speisesaal und da hinten im Cubiculum. Der Herr König wird dir das Geld geben zur Herstellung. Aber ein leeres Haus gedeiht nicht: es will in Ordnung gehalten sein: es bedarf der Hausfrau und diese schenkt dir Placidia.« Und griff hinter den Vorhang und führte hervor ein gar holdes blondes Mädchen: das errötete über und über – aber Magnus kaum weniger. »Ihr habt mich nicht vermerkt,« lächelte Placidia, »all diese Wochen, wann ihr hinter der dichten Myrtenhecke plaudertet: – plaudertet! Meine Adalgotho! mehr hab' ich ja nicht gesagt! – ich aber sah hinter dem Vorhang der Loggia hervor auf euch herab. Möge die Ehe des Römers mit der Gotin so gut ausfallen wie die des Gotenkönigs mit der Römerin!«
Und so geschah's, daß auch gotisch Blut überging in das Mischgeschlecht der Gaudiosi  [...]

Vierzig Jahre später war's: drei Sohne waren Magnus nachgefolgt: Aulus, Cajus, Lucius: dieser letzte, noch ein Kind, blieb in der Obhut der Mutter zu Arles, während die beiden älteren von Aëtius zu dem Heer aufgeboten wurden, das neben den Westgoten dem furchtbaren Attila entgegenzog, dessen Scharen bereits den ganzen Nordosten von Gallien überflutet hatten: die rauchenden Trümmer von Metz, Reims, Châlons und Sens bezeichneten seinen Weg: im Mai langte er vor der starken Festung Orleans an: er verlangte die sofortige Übergabe, sonst werde nach dem Sturm alles Leben in der Stadt ausgetilgt. Aber die Verteidigung leitete der ausgezeichnete Bischof Anian: er war von Arles zurück, wo er sich von Aëtius auf die Reliquien und von dem Westgotenkonig Theoderich auf das Schwert hatte eiden lassen, allerspätestens am Tage Johannis des Täufers – dem 24. Juni – würden sie mit ihren Heeren zum Entsatz von Orleans eintreffen. Mit diesem Versprechen hielt der Bischof immer wieder den Mut der hart bedrängten Verteidiger aufrecht, unter denen nach der Einschließung von sechs Wochen Hunger und Seuchen wüteten. Immer sehnsüchtiger sahen die Wächter von den Türmen über die Zelte der Hunnen hinweg nach Südwesten aus: keine Staubwolke, kein Tubaton, kein Schlachtruf verkündete das Anrücken des Entsatzheeres der Römer und Goten. Der Tag Johannis des Täufers war herangekommen: die Senatoren der Stadt, die Geistlichen, auch die Befehlshaber der wenigen Kohorten erschienen um Mittag in dem Hause des Bischofs und erflehten auf den Knieen die Übergabe der Stadt: längerer Widerstand sei unmöglich, zwei Breschen klafften in den Mauern auf der Ostseite und die Hunnen hatten den Brückenkopf im Süden der Loire genommen. Die Vorräte reichten kaum mehr für den nächsten Tag. Da sprach der fromme Bischof, den Finger mit dem Fischerring erhebend: »Und wahrlich, wahrlich, ich sage euch: die fromme Stadt des heiligen Johannes, dessen Fest wir heute feiern, – wird nicht fallen in die Hände der Heiden: heute Nacht ist mir der Heilige erschienen und hat mir auf der Legionenstraße von Tours her die heranziehenden Befreier gezeigt. Geht in seine Basilika, betet inbrünstig auf den Knieen und kommt in einer Stunde wieder: ich besteige den Glockenturm der Basilika: er überschaut so hoch die Türme der Wälle als die heilige Kirche die Reiche der Welt überragt. Dort sucht mich auf nach einer Stunde.« Und nach einer Stunde kamen sie wieder, die Vertreter der Stadt: keuchend, mit Verzagen stiegen sie zu dem Bischof empor. Der hatte – er war alt und schwach das Licht seiner Augen – von Viertelstunde zu Viertelstunde einen jungen Diakon gefragt: »Mein Sohn, siehst du nichts auf der Legionenstraße?« Und kopfschüttelnd hatte der jedesmal traurig erwidert: »Herr, ich sehe nichts.« Als nun die Verzweifelten in der Turmstube sich vor dem Bischof zu Füßen warfen, sprach der befehlend: »Schau hinaus, mein Sohn, gen West: – ich sage dir: – du siehst etwas!« Der hielt die Hand vor die Augen – [...]
Da schlug der Hunne – mit der neunsträngigen Geißel – jeder Strang lief aus in eine Eisenkugel – Cajus über das Gesicht und schrie: »Gib Zeugnis oder – sieh dort die Pfähle!« Da erschrak der Jüngling und rief zu den Männern auf den Zinnen empor: »Ergebt euch! Das Entsatzheer ist geschlagen und entflohen.« Da ergrimmte Aulus und schrie: »Nein! Er lügt, der Feigling! Die Hunnen sind geschlagen: – wir – gleich im Anfang des Gefechts ergriffen – sind ihre einzigen Gefangenen: – Römer und Goten ziehen in Eile heran – gleich müssen sie hier sein! Harret aus.« Es war sein letztes Wort: der Hunnenführer, vom Jähzorn fortgerissen, stieß ihm den Dolch in die Kehle, ebenso Cajus, wandte sich und eilte zu Attila ins Zelt. Der befahl den Rückzug: denn schon fluteten seine geschlagenen Reiter in Auflösung von Westen her ins Lager herein, schon hörte man in der Ferne die gotischen Hörner und den Tubaruf der verfolgenden Sieger. Schleunig zogen die Belagerer ab gen Nordosten – auf Châlons.
Bischof Anianus aber und seine Geistlichen oben auf den Zinnen stimmten psallierend einen Dank-Hymnus an: es war aus dem Psalm 27: »Wenn sich schon ein ganzes Heer wider mich leget, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf den Herrn!«
Und der Bischof beschloß, dem »Retter der Stadt«, Aulus Gaudiosus, ein Grabmal im Vorhof der Basilika des Heiligen zu gewähren; der jüngere Bruder ward eingescharrt, wo er gefallen war.
Aber ein paar Tage darauf ließ der fromme Bischof auch seine Gebeine in geweihter Erde kirchlich bestatten: »Mir ist in dieser Nacht,« sprach er, »die Seele des Erretters erschienen und hat zu mir gesprochen: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Ich hab' ihn frei gebeten bei den Heiligen: so mögen auch die Menschen ihm vergeben: denn das Fleisch ist schwach‹.«
(Felix Dahn: Meine welschen Erben, Kapitel 1-6)