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11 April 2026

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

 https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-04/jenny-erpenbeck-heimsuchung-roman-abitur-klausur/komplettansicht 6.4.2026

"[...] ZEIT: Das Mädchen im Roman, das seine Kindheit in dem Haus am Scharmützelsee verbringt, nennt die Natur dort einen Garten Eden. Hat diese Gegend auch für Sie etwas Paradiesisches?

Erpenbeck: Ich glaube, jede Landschaft kann der Garten Eden für ein Kind sein, wenn es eine unbeschwerte Kindheit hat und auch eine gewisse Freiheit. In meiner Kindheit haben wir Kinder wirklich ganze Tage draußen gespielt. Wir mussten nur zu den Mahlzeiten da sein, ansonsten konnten wir machen, was wir wollten, wir waren völlig frei, kein Erwachsener hat uns überwacht. Ich glaube, so etwas gibt es heute seltener, und das ist eigentlich schade, weil man nur so seine eigenen Erfahrungen sammeln kann. Sicher, man erlebt vielleicht auch mal Situationen, die schwierig sind. Ich bin einmal vom Baum gefallen, da waren natürlich keine Eltern dabei. Aber wie man sieht, habe ich es überlebt.

ZEIT: Was ist passiert?

Erpenbeck: Ich bin auf den Rücken gefallen und habe für einen Moment keine Luft gekriegt, aber dann habe ich mich eben wieder aufgerappelt. Zum Glück war nichts gebrochen. Ich meine, natürlich können Dinge passieren, wenn Kinder allein sind, aber ich fand es sehr schön, dass wir unsere eigenen Ideen entwickeln konnten – in der Natur rumrennen, auf dem Feld Kartoffeln ausbuddeln, Mais essen, Hütten bauen. Wir haben aus Getreidekörnern, die wir am Feldrand gefunden haben, mit ein bisschen Wasser und Salz selber Brot gebacken. Dazu brauchten wir keinen Erwachsenen.

ZEIT: Viele wollen wissen, was an Heimsuchung autobiografisch ist.

Erpenbeck: Das ist meine meistgehasste Frage. Ich würde sagen, das am meisten Autobiografische an dem Buch ist der Schmerz über den Verlust eines Ortes, eines Zuhauses, auch einer Zukunftsaussicht. Es ist ja so, dass meine Familie tatsächlich ein Sommerhaus hatte und ich immer gedacht habe, ich würde da eines Tages wohnen. Das war dann aber nicht mehr möglich, weil es an die Alteigentümer aus dem Westen zurückgegeben wurde. Man muss das nicht zu schlimm bewerten, der Verlust ist zu verkraften, und mir geht es gut. Andere Geschichten, die im Buch erzählt werden, wiegen viel schwerer. Vor allem natürlich die Geschichte des jüdischen Mädchens Doris, bei der die Erinnerung an das Haus für das ganze Leben steht, das sie verliert. Die Geschichte habe ich gründlich recherchiert, ich habe sogar Cousinen von Doris kennengelernt und mit ihnen viele Male gesprochen.

ZEIT: Was kam bei Ihren Recherchen zutage?

Erpenbeck: Ich habe Briefe von Doris gefunden, die ich zum Teil in das Buch aufgenommen habe. Ich habe auch die Eintragung im Grundbuch gefunden, wo die Besitzerwechsel dokumentiert werden. Das war schockierend, weil da in wenigen sachlichen Zeilen die ganze Tragödie enthalten ist. Und dann habe ich in einem Archiv die Packliste gefunden, die die jüdische Familie geschrieben hat, als sie noch dachte, ihr gelingt die Auswanderung nach Brasilien. Das Kinderbett von Doris stand drauf und eine Ziehharmonika und alles Mögliche andere. In einem anderen Archiv habe ich dann die Liste der Versteigerungen genau dieser Gegenstände gefunden. Das war für mich ein schockierender Moment. Auf der zweiten Liste standen ganz akkurat die Namen von den Leuten, die das Eigentum der jüdischen Familie ersteigert haben, und wie viel sie dafür bezahlt haben. Dieses Nebeneinander der beiden Listen hat mich so bewegt, dass ich das ins Buch übernommen habe.

ZEIT: Warum haben manche Figuren persönliche Namen und andere nicht?

Erpenbeck: Ich habe nur an zwei Stellen den Figuren Namen gegeben. Einmal ist es die jüdische Familie, denen habe ich ihre wirklichen Namen gegeben – um die Erinnerung an sie zu bewahren. Und zweitens haben bei mir auch die Leute Namen, die bei der Versteigerung die Dinge dieser jüdischen Familie gekauft haben. Das war mir wichtig, um zu zeigen, dass es konkrete Menschen waren, die davon profitierten, dass die Juden deportiert und ermordet wurden und ihr Eigentum versteigert wurde.

ZEIT: Welcher Teil der Geschichte geht auf Ihre eigenen Kindheitserinnerungen zurück, welcher auf die Geschichte Ihrer Familie?

Erpenbeck: Das Buch umfasst ja 100 Jahre deutsche Geschichte. Aber der Teil, der mir am nächsten ist, sind sicher die letzten Kapitel, insbesondere "Die unberechtigte Eigenbesitzerin", wo davon erzählt wird, wie das Haus an die Alteigentümer zurückgegeben wird und die letzte Bewohnerin das Haus verlässt, bevor es abgerissen wird. Das Buch wäre sicher nicht geschrieben worden, wenn wir unser Sommerhaus nicht an die Alteigentümer hätten zurückgeben müssen. Aber der Abriss war eine literarische Erfindung – als Beispiel dafür, wie es in vielen Fällen im Osten der Neunzigerjahre gelaufen ist, aber auch als grundlegendes Bild für Vergänglichkeit. Nur die eigene Geschichte wiederzuerzählen, reicht eben nicht, auch das reelle Material wird in so einem Buch zur Erfindung, weil es vom Nachdenken strukturiert und zusammengehalten wird. Was mir dabei geholfen hat, das Buch zu schreiben, war die Überlegung, dass es allen Leuten, die an einem solchen, quasi idealen Ort Zeit verbringen, im Grunde genommen ähnlich geht. Sie wollen alle bleiben – und müssen dennoch eines Tages fort und das Haus jemand anderem überlassen. Das ist wie mit unserem Leben insgesamt. Mich hat das erleichtert zu sehen, dass meine Geschichte plötzlich nicht mehr so wichtig ist [...]

ZEIT: Was müsste denn Ihrer Meinung nach in jeder Deutschklausur über das Buch drinstehen?

Erpenbeck: Gar nichts muss da drinstehen. Es gibt keine richtige und keine falsche Interpretation. Ich bin absolut dagegen, dass das Ergebnis eines Aufsatzes von vornherein klar ist. Wie man ein Buch liest oder ein Theaterstück sieht oder ein Kunstwerk anschaut – das kann nur jedem Menschen selbst überlassen sein. Jeder wird es auf andere Weise mit seiner eigenen Erfahrung verbinden. Es kann da nie ein Ziel geben, das man erreichen muss. Deswegen finde ich die Frage falsch gestellt. Ich fände es schön, wenn die Leserinnen und Leser über die Parallelen zu ihrem eigenen Leben nachdächten, über Ortswechsel, Verluste, die sie selber erfahren haben, und wie sie damit umgegangen sind. Das Buch war ja auch für mich eine Art Trauerarbeit. Ein Nachdenken darüber, wie man mit Umbrüchen im Leben umgehen kann. Es geht dabei eben nicht um das Haus als Geldwert, sondern um das Haus als Lebensort. Und wenn die Schüler mit dem Thema einfach etwas Eigenes anfangen, also wenn sie frei sind, in den Aufsätzen ihre Gedanken schweifen zu lassen, dann wäre das ganz in meinem Sinne."

19 August 2024

Interview mit Jenny Erpenbeck über "Kairos"

 "Die Sprache hat dazu beigetragen, dass die DDR untergegangen ist"

Di 21.05.24 

    Im englischsprachigen Raum gilt Jenny Erpenbeck derzeit als die wichtigste deutsche Schriftstellerin. Mit "Kairos" ist die Berlinerin erneut für den International Booker Prize nominiert. Warum die Wertschätzung im Ausland anders ist, erzählt sie im Interview.

    rbb: Frau Erpenbeck, Sie sind Sie mit Ihrem Buch "Kairos" zum fünften Mal für den International Booker Prize nominiert, so häufig wie keine andere Deutsche. Damit haben Sie jetzt auch Daniel Kehlmann mit vier Nominierungen überholt. Und Sie haben 2015 den Vorgängerpreis, der damals noch Independent Foreign Fiction Prize hieß, gewonnen. Das hat vor Ihnen nur ein deutscher Autor geschafft, W. G. Sebald. Das ist schon was Besonderes.

    Jenny Erpenbeck: Es ist natürlich toll. Aber es ist ja nicht wie beim Sport, wo man jetzt sagt: 'Ja, der Kehlmann hat vier Nominierungen und ich habe fünf.' Es ist nicht so, als ob man jetzt eine Geschwindigkeit beim 100-Meter-Lauf schafft.

    Der englischsprachige Raum scheint gerade ein großes Interesse an Frauen aus dem Osten zu haben. Ihre Bücher werden mit Preisen geehrt und Sandra Hüller mit Filmen in Hollywood gefeiert. Erstaunt Sie das?

    Ja, vielleicht liegt das daran, dass wir weniger machen, was dort die meisten machen. Die Amerikaner haben diese Prinzipien erfunden 'How to write a novel' und 'How to do this and how to do that' - und vielleicht sind sie auch ganz froh, wenn sie da mal rauskommen.

    Zur Person

    Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Ost-Berlin geboren. Ihr Vater ist der Physiker, Philosoph und Schriftsteller John Erpenbeck. Auch ihre Großeltern väterlicherseits waren Autoren.

    Sie studierte u.a. an der HU Berlin und Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin. Neben der Arbeit als Theater-Regisseurin arbeitete sie ab 1997 parallel als Schriftstellerin. 1999 erschien ihr Debüt "Geschichte vom alten Kind". Es folgten u.a. die Romane "Heimsuchung" (2008), "Aller Tage Abend" (2012) und "Gehen, ging, gegangen" (2015).

    Für ihre Werke, die in über 30 Sprachen übersetzt worden sind, hat sie zahlreiche Nominierungen und Auszeichnungen bekommen, u.a. den "Independent Foreign Fiction Prize" (2015) und den Thomas-Mann-Preis (2016).

    In diesem Jahr steht sie mit "Kairos" (übersetzt von Michael Hofmann) auf der Shortlist des "International Booker Prize".

      Andererseits gibt es einen bestimmten Ton, der englischsprachige Leser besonders trifft.

      Es gibt vor allem in Amerika und auch in England ein Nachdenken darüber, ob man aus dem Kapitalismus rauskommt, ob es irgendwelche Alternativen gibt. Und es gibt tatsächlich ein großes Interesse daran zu verstehen, woran zum Beispiel diese vermeintliche Alternative DDR gescheitert ist. Ich glaube, die Leser wissen, dass in einem Moment des historischen Umbruchs Erfahrungen gemacht werden und diese intensiver sind, und man mehr von dem versteht, was Menschenleben vermag. Es geht in "Kairos" auch nicht nur um Ost-West. Es ist eine Liebesgeschichte, es geht um Missbrauch.

      Manchmal hatte ich auch das Gefühl, dass - sobald dieses Signalwort Ost-West auftaucht - die deutschen Leser eher zu machen oder das Interesse ein anderes ist, zumindest in der westlichen Hälfte von Deutschland. Es ist auch schwierig in einem Land, wo beide Hälften in das Problem verwickelt sind, aber nicht die gleichen Erfahrungen gemacht haben. Es ist etwas anderes, wenn man von außen auf diese Erfahrungen schaut.

      Es ist auch total spannend, wie die Sprache das widerspiegelt.

      Das hat mich immer interessiert, dass Sprache eigentlich auch so eine Art Oberfläche ist. Ich habe Theater studiert und auch als Regisseurin gearbeitet. Da schaut man sehr genau: Was ist der Text und was ist der Untertext? Was wird nach außen hin gesagt, aber was wird eigentlich erzählt? Solche Sachen sind interessant und haben natürlich auch viel mit Manipulation zu tun, mit Verbergen.

      Ich habe mich in dem Buch auch gefragt, wo kommt die falsche Sprache her? Ab wann wird die Sprache plötzlich domestiziert und kontrolliert und so reflektiert, dass sie nicht mehr frei ist? Das sind ja interessante Fragen, sowohl für Privatleben als auch für das politische Leben.

      Und die, sage ich jetzt mal, falsche Sprache hat, glaube ich, auch einen Großteil dazu beigetragen, dass die DDR untergegangen ist, weil es einfach keinen wirklichen Austausch mehr gegeben hat. Zwischen der Regierung und den Leuten hat es keinen wirklichen Dialog mehr gegeben. Das ist viel schlimmer, als man denkt. Die Wirtschaft war natürlich auch marode, aber auch diese Sprache hat die Idee des Aufbruchs, die es am Anfang gab, nach dem Krieg, wirklich ruiniert.

      In Deutschland ist die Kritik generell anders als im englischsprachigen Raum. Es wird generell mehr mit kritischem Bewusstsein als mit Neugier und Euphorie auf die Bücher und auf die Autoren geschaut.

      Jenny Erpenbeck

      Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Sie im Ausland quasi als Weltstar gesehen werden und hier in Deutschland sind die Kritiken doch noch eher zurückhaltend?

      In Deutschland ist die Kritik generell anders als im englischsprachigen Raum. Es wird generell mehr mit kritischem Bewusstsein als mit Neugier und Euphorie auf die Bücher und auf die Autoren geschaut. Aber ich habe auch eine lange Preisliste in Deutschland. Ich habe auch für das Buch "Kairos" sehr gute Kritiken bekommen. Und "Heimsuchung", mein früheres Buch von 2008, ist Schullektüre geworden. Die Deutschen behandeln mich auch nicht so schlecht.

      Aber die "New York Times" sieht Sie als Literaturnobelpreis-Kandidatin. Sind solche Gedankenspiele irgendwie komisch? Verändert sich das Schreiben bei Ihnen dadurch?

      Das Schreiben wird natürlich nicht automatisch besser. Das wäre eher praktisch. Beim Schreiben hilft es eigentlich nicht, weil jedes Buch auch ein Buch ist, was es vorher nicht gibt. Man steht vor Fragen, die es in der Weise vorher auch noch gar nicht geben konnte. Und man muss sich mit immanenten Problemen, die den Stoff betreffen, rumschlagen. Da hilft auch leider kein Preis.

      Vielleicht ist es eher ein bisschen komisch, wenn die Leute mich plötzlich mit so einem Blick anschauen: 'Hey, die soll den Nobelpreis kriegen? So gut schreibt sie ja nun wieder auch nicht' oder was weiß ich. Es ist ein bisschen absurd. Ich habe eher die Befürchtung, dass ich bis ich 95 bin, falls ich so alt werde, damit rumlaufen muss, dass ich eine große Hoffnung für den Nobelpreis war und ihn nicht bekommen habe. Und das ist dann vielleicht doch eher sogar eine Belastung oder eine Luxusbelastung, aber auch ein bisschen absurd.

      https://www.rbb24.de/kultur/beitrag/2024/05/jenny-erpenbeck-autorin-berlin-kairos-international-booker-prize.html

      Leseprobe aus Kairos

      23 März 2016

      Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

      Jenny ErpenbeckGehen, ging, gegangen (Sammlung von Rezensionen in Perlentaucher)

      Rezension:
      "Richard, kürzlich pensionierter Professor für alte Sprachen" [...] kommt "an einer Demonstration [...] vorbei, mit der afrikanische Flüchtlinge, die sich weigern, ihre Identität preiszugeben, bei ihrem Hungerstreik unterstützt werden sollen. „We become visible“ lautet das Motto. [...] die „Idee, sichtbar zu werden, indem man öffentlich nicht sagt, wer man ist, hatte ihm gefallen“. Es erinnerte ihn an Odysseus, der dem Zyklopen entrann, weil er sich als „Niemand“ ausgab." faz.net 16.9.15

      Zitate aus dem Roman:
      Richard ist zu einer Versammlung mit Flüchtlingen in einer "besetzten Kreuzberger Schule" gegangen. Die Erwartung, dass man seinen Namen und seine Herkunft nennt, was er nicht will, und das Durcheinander geht ihm auf die Nerven.
      "Richard steigt die Treppe hinab, [...] Würde er nicht so langsam gehen, um die Stufen nicht zu verfehlen, könnte man sagen: er flieht." (S.39)
      "Für einen Jungen, der unter Nomaden aufgewachsen ist, ist der Oranienplatz, den er anderthalb Jahre bewohnt hat, nur eine Station auf einem langen Weg, ein vorläufiger Ort, der zu dem nächsten vorläufigen Ort führt.!" (S.70)
      "Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, erschossen, hat mir jemand zum Trost gesagt." (S.79)
      "Und ich - ich weiß nicht mehr, wer ich bin.
      Ein Fremder werden. Sich selbst und den andern." (S.81)
      "Von dem Moment an, in dem sie dich aus dem Haus rausschicken, musst du selbst einen Schlafplatz finden, du bist frei! Kein Job, kein Ticket, kein Essen [...]" (S.81)
      "Italien zum Beispiel lässt Flüchtlinge gehen, gern sogar, denn es hat mehr als genug von ihnen. [...] In Deutschland Arbeit suchen dürfen sie aber erst nach fünf Jahren ununterbrochenen Asyls in Italien [...]
      Einen Moment lang stellt Richard sich vor, jemand würde ihm auf Arabisch diese Gesetze erklären." (S.87)
      Nur zwei Fälle von Windpocken in ihrem Heim retten die Flüchtlinge davor, von einem Tag auf den anderen in ein Lager nach Buckow,  5 Kilometer entfernt von der nächsten Bushaltestelle gebracht zu werden. Der Sprecher des Berliner Senats, der mit ihnen verhandelt hat, fragt sich, ob der Leiter des Heims, der die Botschaft von den Kranken bringt, nicht vielleicht gemeinsame Sache mit den Flüchtlingen macht. Der Leiter des Heims seinerseits ist sauer, weil durch die Krankheit der Umbau des Heims verzögert wird "und fragt sich, wie es sein kann, dass erwachsene Menschen plötzlich aus heiterem Himmel eine Kinderkrankheit bekommen." (S.104)

      Die Flüchtlinge sind durch viele Länder gekommen und haben auf ihren Stationen Schicksalsgenossen gefunden, mit denen sie sich besser verbunden fühlen als mit den Helfern vor Ort, die sie meist kaum verstehen können:
      "Richard merkt bei jedem seiner Besuche, dass die Männer in den paar Funkwellen mehr zu Hause sind, als in irgendeinem der Länder, in denen sie auf die Zukunft warten. Ein Netz aus Zahlen und Kennwörtern spannt sich quer über die Kontinente und ersetzt ihnen nicht nur das, was für immer verloren gegangen ist, sondern auch den Neuanfang, der nicht stattfinden kann. Das, was ihnen gehört, ist unsichtbar und aus Luft." (S.220)

      Richard feiert ein Fest zusammen mit Flüchtlingen, die bei ihm wohnen, und anderen Bekannten.
      "Apoll* sagt: Ich habe eine Freundin, aber heiraten würde ich sie nicht.
      Marion fragt: Warum nicht?
      Wenn ich eine deutsche Frau heirate, denkt sie, ich heirate nur, um Papiere zu bekommen.
      Du würdest wirklich eine Frau, die dich lieb und die du liebst, nicht heiraten, weil es so aussehen könnte, als tätest du es nur, um Papiere zu bekommen?
      Ja, sagt Apoll.

      [...] Würde zu bewahren, ist eine Anstrengung, die den Flüchtlingen täglich auferlegt wird und sie bis in ihre Betten hinein verfolgt." (S.345)

      * Den ersten Flüchtlingen, die Richard kennen gelernt hat, hat er für sich ihm vertraute Namen gegeben, damit er sie sich leichter merken kann.