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06 November 2014

Die Welt der Fabriken

Hermanns Oheim erläutert, wie er sein umfangreiches Geschäftswesen im Griff behält.
Deshalb entschloß ich mich, aus meinen Dienern und Faktoren, welche zum Glück sich in meiner Schule tüchtig herangebildet hatten, selbständige Herrn zu machen, ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien, welche ich für die verschiedenen Geschäftszweige bestimmt hatte, vorzustrecken, und einen jeden übrigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen. Bis jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden. Die Direktoren treiben das Geschäft zu eigner Ehre und Vorteil, und bringen deshalb einen weit lebhafteren Schwung hinein, als wenn sie nur meine Handlanger wären, die wöchentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange, und da in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehört wird, so lenke ich im Grunde alles nach wie vor.« »Eins fiel mir auf«, sagte Hermann. »Warum lassen Sie von Anleihen, welche ein Institut von dem andern macht, Zinsen geben, da doch das gesamte Betriebskapital Ihnen gehört? Sie scheinen solchergestalt sich selbst die Interessen zu entrichten.« »Nicht so ganz«, versetzte der Oheim. »Die Direktoren haben nur von den reinen Überschüssen ihren Anteil. Sie müssen sich daher bestreben, die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen; und da dies in den meisten Fällen gelingt, so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat und nicht bloß zum Schein.« [...]
Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb, besonders bei den jüngeren Leuten, rege geworden, da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen Geistes, sehr froh gewesen wären, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden. [...]
Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden, ein Mittelstand neben der bäuerlichen Aristokratie, ähnlich den englischen Verhältnissen. Der Erstgeborne erbt den Hof, und wird nach dem Hofe benannt, setzt also auch eigentlich allein die Familie fort, die andern Söhne und die Töchter gehn in die Fabriken, und legen sich in der Regel von ihrer Beschäftigung neue Namen bei, gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs, und ohne daß die Verbote der Obrigkeit, welche daraus allerhand Verwirrungen befürchtet, etwas fruchten wollen.« [...]
Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, daß seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschäftigungen, die natürliche und die künstliche, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze. Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ. [...]
Entschieden war es ihm: wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag. Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze, traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Bei diesen griff ein jeder nach englischer Manier zu, wo es ihm beliebte; der Reihenfolge der Speisen achtete man wenig, da sie fast sämtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden.
Immermann: Die Epigonen

30 Dezember 2012

100 Jahre Universität Göttingen: Das Fest der Bürger

"In der Voraussicht, daß die Einladungen zum Banket des Königs nur wenige Frauen und Töchter aus dem Bürgerstande treffen würden, welche seit Wochen thätig gewesen waren, für den Schmuck der Stadt an diesen Festtagen zu arbeiten, hatte ein Comité jüngerer Leute, zu dem der Candidat der Advocatur, Bruno Baumann, gehörte, einen Subscriptionsball veranstaltet, der in denselben Räumen wie der Königsball stattfinden sollte. Die Unternehmer hatten mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, mit der akademischen Bureaukratie, welche ihre paar Sessel und andere Utensilien nicht dem profanen Publikum überlassen wollte, mit der Polizei, welche eine Menge unnützer Präventivmaßregeln zu treffen sich verpflichtet glaubte, mit dem Stallmeister Ayerer, welcher die »Boutike« von seiner offenen Reitbahn so früh wie möglich entfernt und den Tanzsalon in den Winterreitsaal verwandelt zu sehen wünschte. Als alle diese Dinge überwunden waren, hatte der Magistratsdirector Ebel die Herablassung, sich und noch ein Magistratsmitglied an die Spitze des Comité stellen zu lassen und der Sache den Charakter einer von der Stadt gegebenen Festlichkeit zu vindiciren. Die jungen Unternehmer übersahen die Tragweite einer solchen Aenderung, sie sollten aber schon nach wenigen Stunden die Bedeutung fühlen. Der Subscriptionsball sollte um acht Uhr seinen Anfang nehmen. Da zu dem gestrigen Königsballe eine einfache Pastorentochter gar nicht, noch weniger eine sonstige »Landviole« eine Einladung bekommen hatte, so war der Zudrang zur Subscription noch am Tage des Balles selbst ungemein groß. [...]
Der Beginn des Balles war auf acht Uhr bestimmt, um zehn Uhr sollte soupirt werden, allein eine Menge tanzlustiger Damen hatte sich schon eine halbe Stunde vor dieser Zeit eingefunden, um einen passenden Platz zu finden, oder weil man es mit den Freundinnen verabredet hatte. Auch die jungen Herren, die damals noch nicht so tanzfaul waren wie heute, waren Schlag acht Uhr sämmtlich am Platze. Man hatte zwar nicht, wie am gestrigen Tage, zwei Musikcorps, sondern nur den Stadtmusikus, verstärkt durch einige Violinen und Clarinetten des mündener Jägercorps, dagegen aber hatte man die ganze große Reitbahn als einen Tanzsalon, und wer diesen durchwalzte, der hatte etwas Tüchtiges geleistet. Nun schlug es acht Uhr, schlug acht ein Viertel, ein Halb, das Tanzcomité war vollständig versammelt, bis auf den einen, den Chef der Stadt, den Würdenträger des Subscriptionsballes.
Endlich gegen drei Viertel acht Uhr erschien er in der vollen Würde seines Amtes, aber ohne seine Damen, die noch eine halbe Stunde auf sich warten ließen. Das galt für vornehm. Wie lang den jungen tanzlustigen Leuten die Stunde von acht bis neun wurde, ist unmöglich zu beschreiben. Die tanzlustigen Damen versuchten auf alle mögliche Weise das Tanzcomité zu veranlassen, den Tanz beginnen zu lassen, und die »Aufforderung zum Tanz« von Weber, die man zu Vertreibung der Zeit aufspielen ließ, dämpfte das Feuer nicht, sondern verstärkte es.
»Dreihundert oder vierhundert Mann können doch unmöglich darauf warten«, hieß es, »bis es der Magistratsdirectorin und ihren beiden Fräulein Töchtern gefällt, mit ihrer Toilette fertig zu werden?« Auch außerdem versprach es langweilig, steif zu werden. Die beiden Geschlechter saßen oder standen bis auf wenige Ausnahmen getrennt; die Damen auf den etwas erhöhten Tribünen hatten schon von vornherein angefangen, sich nach Ständen zu sondern. Den Platz unter dem Orchester hatten die Magistratsdamen eingenommen, daneben hatten sich die Frauen der königlichen Beamten, die sich höher dünkten, besonders gruppirt, eine dritte Gruppe bildeten die Frauen und Töchter der Kaufleute, Aerzte und Advocaten, dann kamen die Pastorentöchter und sonstige Landviolen, der eigentliche Bürgerstand hatte sich ganz auf die südliche Seite zurückgezogen, dem Orchester gegenüber, um sich dort wieder nach Reichthum oder sonstigen Familien- und andern Beziehungen in Gruppen zu sondern. Durch die Fürsorge der göttinger Freunde und Baumann's hatte die uns befreundete wiener Familie nebst Heloise von Finkenstein im Kreise einiger göttinger Professorenfrauen, die sich wiederum von den übrigen sonderten, nahe dem Eingange in den Banketsaal einen guten Platz gefunden.
Die Herren standen in der Mitte des Saales, viele jüngere Bürger, Angestellte, die gestern keine Berücksichtigung gefunden, vielleicht zweihundert Studenten, die mehr oder weniger eine Herzensflamme unter den Tänzerinnen hatten; man unterhielt sich von einer Menge tragikomischer Scenen vom gestrigen Königsballe. Was hatte die Tochter des Ministers des Innern, die schöne Augusta, sich gestern sagen lassen müssen? Wo hatte Graf von Schlottheim sich am Morgen gefunden? Was war aus den funfzig Flaschen Wein geworden, die eine lustige Compagnie ergaunert und, um solche vorläufig zu sichern, hinter der Mauer, an einem Orte, wo Feuerleitern oder sonstige Dinge aufbewahrt werden, verborgen hatte, um noch mehr zu acquiriren? Jeder hatte irgendein Abenteuer gehabt, auch an Liebesabenteuern, Bekanntschaftmachen, Bestellungen auf die nächsten Tage hatte es nicht gefehlt. Endlich gab der Magistratsdirector das Zeichen zum Beginn des Tanzes, die »Faustpolonaise« rauschte von dem Orchester herab, und, die Frau des Stadtsyndikus zur Seite, eröffnete er mit feierlich langsamem Hahnentritt die Polonaise. Ein Theil der schwerfälligen alten Welt, Bureaukraten und Würdenträger folgten ihm, alle mit häßlichen aufgeputzten Damen am Arme, die ihre Toiletten, welche seit einem halben Jahre Gegenstand ihrer Gedanken und Gespräche gewesen waren, nun wenigstens...[...]

Bruno Baumann schloß sich, die schöne Heloise von Finkenstein am Arme, gleichsam als Repräsentant der jungen Welt, der eine goldene Zukunft noch lächelt, der Welt des Werdenden, dem steif voranschreitenden Zopfe an. Er hatte auf dem Wege nach dem Hohenhagen mit seiner Tänzerin schon alle Touren, die man tanzen wolle, überlegt, denn er war von den Unternehmern als Vortänzer bestimmt gewesen. Nun hatte der Magistratsdirector diese Rolle übernommen und diesem schien die Polonaise in einem Umschreiten des Saales zu bestehen. Es war eine lange Colonne, die dem Würdenträger folgte. Als er wieder an seinem Platze angekommen war und im Begriff stand, die Frau des Syndikus mit einem feierlichen Diener zu ihrem Platze zu führen, stand Baumann am entgegengesetzten Ende des Saals, er kannte den Musikdirigenten gut und dieser Baumann's Art, die Polonaise zu tanzen. Bruno winkte mit dem Taschentuche. Die Musik begann in ein schnelleres Tempo zu fallen, und nun fiel er mit seiner Tänzerin von dem Zuge ab, dem er bisher gefolgt war, und durcheilte, mit schnellerm Tritt die Tänzerin um sich herumdrehend, die umgekehrte Richtung, um der alten Welt Zeit zu lassen, sich abzuthun und ihre Plätze zu finden. Seine Nachmänner folgten und bald hatte sich in dem schönen Saal ein buntes Gewirr, wie es die Polonaise erheischt, und wie die göttinger Jugend es durch Hölzke's, des Tanzlehrers, Unterricht allgemein kannte, verbreitet, jetzt bildeten alle Tänzer eine große nicht enden wollende Schlange, die sich selbst in den Schweif biß, dann fielen die Herren zur Linken, die Damen zur Rechten ab, um sich am andern Ende des Saals zu fangen, bildeten einen großen Kreis, liefen Sturm und durchbrachen die Gegenseite. Man wickelte sich zum Knäuel auf und wickelte sich ab, bildete drei große Windmühlenflügel, in deren Winkeln gewalzt wurde, legte eine Ecossaisentour ein, die jedes Tanzpaar mit den übrigen in Verbindung brachte, und vergnügte sich sehr. Der Magistratsdirector hatte das Weitertanzen verhindern wollen, er fühlte sich in seiner Amtswürde verletzt und hat Bruno Baumann diesen bösen Streich, wie er ihn nannte, nie vergessen. Aber das Eis des conventionellen Tanzes war gebrochen, der steife Ton war dahin, die Jugend hatte den Sieg davongetragen, von jetzt bis zum andern Morgen herrschte nur Lust und Frohsinn. »Ach welch ein schöner Ball«, seufzten die schönen Göttingerinnen noch einige Jahre später, »und was wäre daraus geworden, wenn der Dr. Baumann nicht die langweilige Ebel'sche Polonaise in eine lustige umgewandelt hätte!«"
Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 6. Buch, 5. Kapitel

02 November 2012

Gottfried August Bürger liest aus dem "Faust" (1790)

Bürger hat zum dritten Mal geheiratet: Elise Hahn. Offenbar ging es ihr aber mehr darum, eine Stellung in der Göttinger Gesellschaft zu gewinnen, als eine Partnerin Bürgers zu werden. 
Führende Persönlichkeiten des Kurfürstentums Hannover machen ihr erfolgreich den Hof. Bürger findet Rückhalt und Anerkennung nicht mehr zu Hause, sondern nur im Kreise der Göttinger Intellektuellen.
Bürger entschuldigte sich, daß er in Schlafrock und Pantoffeln komme, sein Hauswirth habe ihn aber mit Gewalt vom Studium Kant's fortgeführt. Bürger rauchte aus seiner langen Pfeife . . . »seinem Hausprügel«, wie er sie nannte; er wurde in das Sofa genöthigt, und bald kreisten die Punschgläser und vertrieben die finstern Wolken von Bürger's Stirn, die sich in der Regel dort schon lagerten. Man sang eins der damals beliebten, aus dem Kreise des göttinger Dichterbundes stammenden Punschlieder, man sprach über Kant und die Widerwärtigkeiten, die Bürger als Lehrer seiner Philosophie hier zu bestehen habe, stritt, ob Lessing's »Nathan« oder Schiller's »Don Carlos« oder Goethe's »Egmont« das berühmteste deutsche Drama werden würde, machte Muthmaßungen, wer das neue Talent wol sei, das ein Jahr früher seine Auswahl aus des Teufels Papieren in die Welt geschleudert, man kam auch des öftern auf die beiden Platten zurück, welche Riepenhausen zur Zeit in Kupfer stach, um an die Situation allerlei Späße zu knüpfen, denen Bürger nicht abhold war, die aber für unsere heutigen Leser zu derb sein möchten.
Bollmann braute schon an der zweiten Bowle, als ein kleiner, feingepuderter Herr in braunem Frack und eleganten Spitzenmanschetten, gleicher Chemisette und weißem Halstuch in die Stube trat.
»Willkommen, willkommen! Brüderchen!« schallte es von allen Seiten. Es war Heinrich Dietrich, der Jüngere, der Buchhändler.
»Das trifft sich ja, wie von Gott gegeben, wollte eben meinem Freund Bürger dort einen heute hier angekommenen Schatz bringen, und da treff' ich die ganze saubere Gesellschaft wie in Auerbach's Keller. Kinder! Kinder! wenn ihr wüßtet, was ich hier in der Hand trage! . . . Doch welcher sauersüße Duft weht mir dort aus euerer Suppenterrine entgegen? Welcher vernünftige Mensch kann solch Zeug saufen? Riepenkerl! ich will verdammt sein, wenn ich je wieder einen Stich von Euch in meine Almanachs nehme, dafern Ihr mir nicht sofort Papier und Feder und einen dienstbaren Geist schafft. Schüttet das Zeug da zum Fenster hinaus, wenn ich Euch rathen darf, oder schickt es den Burschen hinauf, die bei Frau Professorin oben lärmen, wie ich schon im Garten gehört, das ist ja höchstens Burschengesöff! Mein Schatz kommt nicht aus den Händen, bis dieses unreine Getränk vom Tisch ist.«
Riepenhausen war indeß mit einem Talgstumpf schon in sein Atelier gestürzt, um Tinte und Papier zu holen und um sein Factotum Puddelmeier, der in der Küche Wasser zur dritten Bowle kochte, herbeizurufen.
Bürger rief aber: »Brüderchen, Gevatter und Verleger, hochgeehrtester Gönner und Freund, woher auf einmal diese Verachtung gegen einen Trank, den die Götter selbst uns gegeben? Wie viele Abende und Nächte haben wir uns an diesem Göttertrank gelabt? Nektar und Ambrosia sind uns nichts dagegen gewesen.«
Heinrich Dietrich hatte indeß einige flüchtige Zeilen auf die Rückseite eines verunglückten Abdrucks der Platte I geschrieben und übergab sie Puddelmeier.
»Sklave, geh' sofort zu meiner Wohnung . . . die Gartenpforte steht dir offen, und laß dir von meinem Bedienten und Kellermeister das Getränk geben, das hier verzeichnet ist.«
Währenddeß hatte Bollmann die Gläser vollgeschenkt und brachte dem »Brüderchen«, dem Schutzgeist aller Theologen, die das Unglück hatten, vom Apfel Eva's genascht zu haben und die Quarre zu kriegen vor der Pfarre, »dem Vater aller Theologenkinder«, ein Hoch, in das die Gesellschaft einstimmte.
Die neue Bowle war leer, ehe der Famulus zurück war, und Riepenhausen ging, gefolgt von Heinrich, in die Küche, um eigenhändig die Punschgläser zu spülen, er besaß andere nicht und wußte, daß Brüderchen Dietrich edlern Stoff anfahren ließ, als bisher getrunken war.
Endlich kam Puddelmeier mit dem Bedienten, Kellermeister, Friseur und Inhaber sonstiger geheimen Functionen seines Herrn, mit Hahnmeier zurück, jener einen vollen Korb, dieser vier Flaschen Champagner unter dem Arme.
»Du bleibst hier und schenkst ein«, sagte Heinrich zu seinem Hahnmeier; »Puddelmeier kann sich in die Ecke bei dem Tabackskasten setzen und die Pfeifen stopfen, wer von euch beiden aber das Maul aufthut und ein Wort spricht, schmeckt meine Reitpeitsche«, und er schwenkte diese mit einem Pfiff durch die Stube, der keine Lust zum Ungehorsam zu erzeugen geeignet war.
Die Gläser waren indeß voll Burgunder geschenkt.
»Meine Brüder«, sagte Heinrich Dietrich, »diese Perle des Weins auf die größte Perle deutscher Dichtkunst, Bürger, du und ihr alle, die ihr euch Perlen nennt, seid Schofel und Quark gegen das!« Dabei zog er ein Buch aus der Tasche und reichte es Bürger: »Da lies und ihr andern schweigt.«
Bürger entfaltete das in Broschürenform, ohne Goldschnitt und den reizenden Einband der verschiedenen Dietrich'schen Almanachs, auf schlechtem Papier schlecht gedruckte, vom ersten Leser beim Aufschneiden zerfetzte Buch und las den Titel: »Faust. Ein Fragment.« Den Haupttitel: »Goethe's Werke«, hatte Dietrich herausgeschnitten.
»Brüderchen will einen schlechten Witz machen«, äußerte Bollmann, indem er sich von neuem einschenkte und auch seinen Nachbarn, die ausgetrunken hatten.
»Ruhig«, donnerte Dietrich.
Als nun Bürger mit seiner schönen Stimme den Monolog Faust's . . . (das Vorspiel auf dem Theater und der Prolog im Himmel existirten damals noch nicht) . . . zu lesen anfing, wurde es ruhig, so still und ruhig, daß man von oben das Toben der Gäste der Frau Professorin vernahm, das glücklicherweise dem Leser selbst entging. Und als nun Bürger den Dialog mit dem Geiste schloß mit den Worten:
Ich, Ebenbild der Gottheit?
Und nicht einmal dir!
winkte Brüderchen Dietrich seinem Hahnmeier, um die Gläser zu füllen, sie wurden geleert und wieder gefüllt. Und nun fing Bürger, der während des Trinkens die beiden folgenden Seiten flüchtig überblickt hatte, zu lesen an, mit Ton und Geberde, die vielleicht kein Mime, selbst nicht Ludwig, Emil und Karl Devrient oder wie die Herren Künstler unsers Jahrhunderts sonst heißen mögen, je erreicht hat.
Als er endete:
Der letzte Trunk sei nun mit ganzer Seele
Als festlich hoher Gruß dem Morgen zugebracht
und tief athmend nach dem Glase griff, war es, als ob die ganze Gesellschaft, Puddelmeier und Hahnmeier ausgenommen, die von dem Vorgelesenen kein Wort verstanden, sondern ihre Aufmerksamkeit ganz nach außen lenkten, aus einer geistigen Erstarrung erwachte.
Kaum war Bürger aber so weit gekommen, daß er las:
Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,
Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde!
als draußen tiefes Summen und heller Lachklang in einer so lauten Weise erscholl, daß der Vorleser sich unterbrach, Riepenhausen zur Thür eilte und Hahnmeier unter seinen Händen zu der geöffneten Thür verschwand, um bald darauf mit der Meldung hereinzutreten, daß die Bedienten und Mädchen der Herrschaften, welche bei der Frau Professorin zum Thee seien, sich versammelten, da es elf Uhr abends sei. Das Gelärm draußen wurde immer größer, namentlich als nun der eine oder andere Studiosus herabkam und bei den weiblichen Dienstboten Entschädigung suchte für das, was ihm die Herrin vielleicht verweigert hatte. Da das Staatszimmer an der Hausflur lag, wurde das Lesen freilich unmöglich und man hielt sich an das Getränk.
Endlich wurde es ruhiger. »Hast du keinen Pokal?« fragte Dietrich den ganz unruhig gewordenen und aus dem Häuschen gekommenen Riepenhausen. Dieser brachte einen alten mit der Kunstfertigkeit des Mittelalters in Glasmalerei, Schneide- und Schleifkunst gefertigten Pokal herbei. . . . »Hahn«, so war die gewöhnliche Anrede an das Factotum, » öffne eine Flasche Champagner . . . schenke den Pokal voll und bring' ihn der Frau Professorin hinauf mit einer Empfehlung von mir, und ihr Herr Gemahl wäre in guter Gesellschaft bei seinem Hauswirth, wünschte, daß sie seinetwegen nicht aufbliebe, sondern sich schlafen legte, um von ihm zu träumen. Hast du verstanden, Hahn? Aber Kerl, wenn du dich länger als eine Minute bei der Köchin Elisabeth aufhältst, holt dich der Teufel, so wahr ich Heinrich heiße.«
Nun wurde weiter gelesen. Bürger hatte seine Pfeife längst ausgehen lassen, er ließ das volle Glas vor sich stehen, was selten geschehen war, er hörte nicht auf das, was um ihn gesprochen wurde, er verschlang das Fragment, das er weiter vorlesen sollte.
So war abermals eine Stunde wol vergangen. Man hatte bei mehr als Einer Scene Pause gemacht, bei mehr als Einem Kraftwort des Mephistopheles das Glas geleert, man war in der Gartenscene, als Bürger offenbar zerstreuter las, dann plötzlich das Buch zur Seite warf, von seinem Platz aufsprang, durch den Kreis der Freunde eilte und zur Treppe, der dunkeln, hinaufsprang.
»Was ist das?« sagte Dietrich.
»Was wird es sein«, antwortete Bollmann, »als daß dein Champagner in Mephistopheles' Gestalt dort oben Spuk anrichtet.«
Indessen hörte man oben bald großen Lärm, laute Stimmen, dann Geräusch, welches ein Mensch zu machen pflegt, der eine Treppe hinuntergeworfen wird. Hahnmeier hatte durch den Augenwink seines Herrn die Erlaubniß bekommen, zu sehen, was draußen geschehe. Er kam mit der Nachricht in die Stube, daß Graf Schlottheim, der sich bei der Köchin Elisabeth wahrscheinlich verspätet, bei der plötzlichen Rückkehr des Herrn Professors sich habe still davonschleichen wollen und die Treppe hinabgestürzt sei. Derselbe sei aber bis auf die Frisur unverletzt.
Jeder dachte das Seine, das Fragment wurde nicht zu Ende gelesen, aber der Wein zu Ende getrunken. Elise wußte ihren Mann zu überzeugen, daß Schlottheim nicht ihrethalben, sondern Elisabeth's wegen zurückgeblieben sei, welche die Frechheit gehabt habe, während sie an ihre Freundin, die Frau von Münchhausen in Braunschweig, geschrieben, dem Grafen in ihrer, der Frau, Schlafkammer, ein Rendezvous zu geben. Bürger bat wegen seiner ungerechtfertigten Eifersucht um Verzeihung, die ihm gnädigst gewährt wurde.
Ja, so war es in der guten alten Zeit.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 2. Buch, 1. Kapitel 

Göttingen zwischen 1787 und 1837

Wer in den zwanziger und dreißiger Jahren in Göttingen studirte, oder sich dort Studirens halber aufhielt, der ist auch im Hause des witzigsten aller Kroneninhaber, Friedrich Bettmann, gewesen, in der Goldenen Krone* an der Weenderstraße, in welcher Kaiser und Könige zu öftern malen seitdem ihr Nachtquartier aufgeschlagen haben. Wer dort aber jenerzeit ein- und ausging, der fand allda alltäglich ein altes, kleines, zusammengeschrumpftes Männchen, mit gelber Perrüke, die weniger als Haarschmuck, denn zur Erwärmung des Kopfes diente, abends in der hintern Stube vor der Mutterflasche mit gelbem Lack sitzen, sich und den Stammgästen daraus einschenkend und diese lebhaft unterhaltend. Als die Georgia Augusta ihr funfzigjähriges Jubiläum feierte, da war dieser alte Mann schon wohlbestallter Universitäts-Kupferstecher, und als 1837 Göttingen sein hundertjähriges Jubiläum feierte, da war Riepenhausen neben Brüderchen Heinrich Dietrich, dem Sohne des obenerwähnten Buchhändlers Heinrich Dietrich, dem Pastor Luther u. a. m. einer der wenigen, die noch vom Jahre 1787 erzählen konnten als Festgenossen und Universitätsmitglieder von damals. Riepenhausen, der Freund Lichtenberg's, Blumenbach's, Wrisberg's, der Hauswirth Bürger's in seiner schwersten Lebenszeit, der geniale Mann, der Hogarth's Meisterwerke mit seinem Griffel für Deutschland zugänglich, ja mit Lichtenberg's Erklärungen zum Nationaleigenthum gemacht hat, war zu der Zeit nach 1830 nichts mehr als ein alter schwacher Mann und Vater zweier berühmter Söhne, der Gebrüder Riepenhausen, Maler in Rom, während ein jüngerer Sohn bummelnd und nichtsthuend ihm das Mark des Lebens aus dem Beutel sog, und eine Tochter, Präsidentin eines 1822 gestifteten Ypsilanticlubs, nach dem Einen wahren Zukünftigen schmachtete. Riepenhausen war, sobald es dunkelte, Sommer und Winter der erste Gast in der Krone. Er wußte viel zu erzählen, der alte Herr, und er hat mir Dinge berichtet, von denen in unzähligen Büchern, die über Göttingen geschrieben sind, kein Wort steht, und hätte sich Otto Müller von ihm eine Stunde über Bürger erzählen lassen, er würde einen bessern Roman als den uns vorliegenden geschrieben und Novalis nicht mit dem Vetter des Fürsten von Hardenberg verwechselt haben.

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 2. Buch 1. Kapitel

*1951 wurden auf dem Gelände der Gastwirtschaft die Kreissparkasse, die Gastwirtschaft "Alte Krone" und ein Kino errichtet.

sieh auch:
Göttinger Hainbund
Wiki-Göttingen