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26 August 2025

Geschichte der arabischen Welt

  Geschichte der arabischen Welt hrsg. Ulrich Haarmann, 1987

Inhaltsverzeichnis

Einleitung (Ulrich Haarmann) 9

I. Früher Islam (Albrecht Noth) 11 

1. Die Higra (Hedschra)

a) Stamm (Quraisch) und Clan 12 

b) Ein Prophet im Stamm 17 

c) Ächtung Muhammads und die Gründung eines islamischen „Stammes" 28 (https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed#Mohammeds_erste_Anh%C3%A4nger)

d) Islamische Neuerungen 41 

2. Die arabisch-islamische Expansion 58

3. Herrscher und „Untertanen" 73

a) Legitimationsfragen 73

b) Zur realen Macht frühislamischer Kalifen 80

"Verloren gegangen war, mit dem Tode des Propheten der muslimischen umma (und damit auch ihren Repräsentanten), jedoch ein ganz entscheidendes Stück Handlungsspielraum: die Möglichkeit, auf neue Situationen in konsensfähiger Form zu reagieren. Dieses Problem hatte zu Lebzeiten des Propheten deswegen nicht bestanden, weil seine Entscheidungen bei neu auftretenden Fragen aufgrund seiner prophetischen Autorität allgemein akzeptiert wurden, auch dann, wenn sie nicht in Form einer koranischen Offenbarung 'herabkamen', sondern 'nur' Anordnungen Mohammad waren. Solche nicht – koranischen Entscheidungen des Propheten aber dürften die alltägliche Lebens- und Handlungs-Praxis der medinensischen umma – erwähnt seien nur so wichtige Bereiche wie die detaillierte Gestaltung des Kultus, Kriegsführung, Bündnisse, Abgaben – in ganz erheblich höhere Maße bestimmt haben als die Offenbarung des Koran, der zwar mancherlei rechtliche Regelungen enthält, aber die Funktion eines umfassenden Gesetzbuches weder erfüllen sollten noch konnte. Die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, die sich nicht oder nur entfernt auf göttliche Offenbarung berufen konnten, schon zu Lebtzeiten des Propheten eine wesentliche Komponente in der Führung der umma, nahm nun nach seinem Tode zunehmend größere Ausmaße und dringlichere Formen an." (S.81) 

c) Charakteristika innermuslimischer Auseinandersetzungen 97

II. Das Kalifat der Abbasiden (Tilman Nagel) 101

1. Der abbasidische Umsturz 101

2. Erfolge und Mißerfolge bei der inneren Konsolidierung .. . 110

3. Das Militär 118

4. Das Reich in der Krise 120

5. Die Inquisition 127

6. Das Söldnertum 130

7. Die Zerrüttung der Wirtschaft und der Finanzen 133

8. Bagdad und die Kultur des Islams 136

9. Das Großemirat 141

10. Die Entstehung des Sultanats 146

Samaniden, Ghaznawiden Mahmud von Ghazni, 

S.148: "Um das Jahr 1000 weidet, bei Buchara, ein in den arabischen Quellen als al-Guzz  bezeichneter türkischer Volksstamm, sein Vieh. Sein Anführer wird von Machmud festgenommen, der versucht hat, die Guzz mit militärischen Mitteln am weiteren Vordringen zu hindern. Dies jedoch misslingt; sie schlagen sich bis nach Westiran durch und richten in den Jahren 429/1040 und 430/1041 [...] schwere Verwüstungen an. Wenig später treffen wir eine Gruppe der Guzz in Aserbaidschan. Der dortige Fürst arrangiert in Tabriz für sie ein Gastmahl, in dessen Verlauf er viele von ihnen erschlagen lässt. Die Überlebenden fliehen in das Kurgebiet von Hakkari, ständig um ihr Leben kämpfend. [...] Mossul wird von den Guzz genommen, sie plündern brandschatzen, morden. Eine ordnungsgemäße Bestattung der vielen Getöteten ist nicht mehr möglich; sie werden in einem Massengrab verscharrt. Die Guzz führen Streifzüge bis nach Armenien; mit reicher Beute kehren sie zurück, so dass wegen Überangebots der Sklavenmarkt im Irak zusammenbricht / "Der Preis für ein schönes Mädchen betrug nur noch fünf Dinar; nach Knaben gab es keine Nachfrage mehr. "(S. 148/149) 

Buyiden, 

S.149: 

"Die Seldschuken waren ein Zweig des im 8. Jahrhundert in Transoxanien eingewanderten türkischen Stammesverbands der Oghusen,[1] jener Nomaden, die noch im 10. Jahrhundert größtenteils in der heutigen Kasachensteppe umherzogen. Namensgeber der Dynastie war Seldschuk (um 1000), Khan des oghusischen Stammes der Kınık.[2][13] Gegen Ende des 10. Jahrhunderts trat Seldschuk mit seinen Leuten zum Islam über.[2] Er hatte vier Söhne, Mîkâ'îl, Isrâ'îl (oder Arslan[14]), Mûsâ, und Yûnus. Bei den Auseinandersetzungen zwischen den türkischen Karachaniden und den persischen Samaniden spielten die Oghusen eine bedeutende Rolle, was zu politischen Spannungen unter den oghusischen Stämmen führte. Die zu Seldschuk gehörenden Nomaden und seine Krieger lösten sich aus dem Stammesverband der Oghusen und wanderten weiter. 1025 nahm Mahmud von Ghazni Seldschuks Sohn Arslan gefangen und nahm ihn als Geisel; dieser überlebte die Gefangenschaft nicht. [...]" (Wikipedia)

11. Kalif und Sultan 153

12. Die Selbstbehauptung des Kalifats 157

13. Das Ende 164

III. Die Fatimiden (Heinz Halm) 166

1. Das fatimidische Gegenkalifat in Nordafrika 166

2. Die Fatimiden in Ägypten und Syrien 170

3. Der Kalif al-Hakim und die Anfänge des Drusentums 175

4. Das elfte Jahrhundert: Ägypten als Großmacht 183

5. Ägypten und der erste Kreuzzug 191

6. Ägypten als fränkisches Protektorat 195

IV. Die Ayyubiden (Heinz Halm) 200

1. Saladin und der Ǧihād 200

2. Das Ayyubidenreich - ein dynastischer Herrschaftsverband 205

3. Austausch mit Europa 211

V. Der arabische Osten im späten Mittelalter 1250-1517 (Ulrich Haarmann) 217

1. Das Herrschaftssystem der Mamluken 217

a) „Der Segen des Sklaventums" 217

b) Die historischen Wurzeln des Mamlukensultanats (bis 1260) 218

c) Die mamlukische Militäraristokratie 222

d) Die hohen Reichsämter 228

"Die Söhne verstorbener Sultane wurden nach 1412 nur noch interimistisch auf den Thron gesetzt und dort solange geduldet, bis sich die Großemire auf einen ihnen passenden Kandidaten aus den eigenen Reihen als effektiven Nachfolger hatten einigen können. Von einem Herrschaftsanspruch, auch einem partiellen, der Sultansnachkommen konnte am Ende des 15. Jahrhunderts überhaupt keine Rede mehr sein." (S. 229)

e) Das mamlukische Militärbenefizium 233

2. Ägypten, Syrien und Arabien im politischen Wandel (1260-1517) 236

3. Gelehrte und Despoten - Städtisches Leben im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert 252

4. Der Irak zwischen Mongolen und Safawiden 257

VI. Der Maghreb und die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters (Hans-Rudolf Singer) 264

1. Die Eroberung des Maghreb und der Pyrenäenhalbinsel . . . 264

2. Der Beginn der Staatlichkeit 266

a) Al-Andalus: Gouverneure und Gründung des Emirats von Cordoba 266

b) Der Maghreb: Idrisiden, Rustamiden und Aglabiden 268

3. Emirat und Kalifat von Córdoba 275

4. Der Kampf der Kalifate um den Maghreb 283

a) Marokko als Glacis 283

b) Die Ziriden 286

c) Die Hammadiden und die Verselbständigung des zentralen Maghreb 288

5. Die Zeit der Bürgerkriege und Kleinkönige 290

6. Die großen Berberreiche 295

a) Die Almoraviden 295

b) Die zweite Fitna in al-Andalus 298 [Fitna]

c) Die Almohaden 299

7. Die Erben der Almohaden 306

a) Die Meriniden 308

b) Die 'Abdalwadiden (1235—1554) 312

c) Die Hafsiden 314

d) Die dritte Fitna in al-Andalus- Die Nasriden von Granada 317 [Fitna]

e) Das Ende des Islams in al-Andalus 321

VII. Der arabische Osten unter osmanischer Herrschaft 1517-1800 (Barbara Kellner-Heinkele) 323

1. Vorbemerkungen 323

2. Ägypten und die Anrainer des Roten Meeres 325

3. Der Fruchtbare Halbmond 344

a) Die syrischen Provinzen (Biläd as-Säm) 346

b) Die irakischen Provinzen 359

VIII. Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert 1800-1914 (Alexander Schölch) 365

1. Vorbemerkungen 365

2. Aufbruch zur Selbstbehauptung 367

3. In der Euphorie des Fortschritts 387

4. Ernüchterung und Neuorientierung 417

IX. Der arabische Osten im zwanzigsten Jahrhundert 1914-1985 (Helmut Mejcher) 432

1. Vorbemerkungen 432

2. Das „heroische" Zeitalter der Arabischen Bewegung. Freiheitskampf, politische Neuordnung und europäische Dominanz 435

a) Die Region des Fruchtbaren Halbmonds 436

b) Die Arabische Halbinsel 450

c) Das Niltal 460

3. Die Ära der Massenbewegungen und Ideologien 1930-1966. Gesellschaft und Herrschaft im Umbruch 469

a) Weltwirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg: Ökonomische und soziale Auswirkungen im regionalen Maßstab 469

b) Veränderungen in den politischen Systemen und die neue Dynamik in den zwischenarabischen Beziehungen bis zur Revolution in Ägypten 475

c) Die arabische Bewegung zwischen Nasserismus und Baathismus 482

4. Die Regie der Technokraten. Aktuelle Entwicklungen der siebziger und achtziger Jahre in historischer Perspektive... 485

a) Arabische Politik unter dem Primat der Ölmacht und der Ökonomie 486

b) Konfliktfelder und Kriege im Wandel inter-arabischer Beziehungen und internationaler Politik 491

c) Die Krisis der politischen Kultur und neue Horizonte 497

"Nicht zuletzt aufgrund vermehrter sowjetischer, französischer und ägyptischer Rüstungslieferungen an den Irak verwandelte sich der Krieg jetzt in einem Gleichgewicht Stellungskrieg. Der damit einhergehende Verschleiß, der ehemals vor allem für die Golfländer so bedrohlichen irredentistischen Ideologien hat vermutlich nicht nur nahöstliche Metropolen mit Genugtuung erfüllt. In diese erste Phase fiel schließlich auch die Zerstörung des irakischen Nuklearreaktors durch die israelische Luftwaffe am 7. Juni 1981. (S.496). 

"Es gehört zur Schicksalstragödie des arabischen Nahen Osten, dass der im 19. Jahrhundert begonnene Aufbruch zur Selbstbehauptung auf der Grundlage einer Synthese zwischen Islam und westlichem Positivismus und Säkularismus keine etwa mit der Lebensweise und Staatskunst klassischer arabisch-islamischer Epochen vergleichbare gefestigte politische Kultur hervorgebracht hat. Die Prozesse der Staats- und Nationenbildung sowie eines forcierten, häufig von revolutionären Erschütterungen begleiteten sozialen Wandels wurden der Region unter abendländischer Ägide und unter dem Druck des Weltmarkts auferlegt." 

"Der Libanon war stets ein Mikrokosmos der größeren arabisch-islamischen Umwelt. Hier konnten die Defizite politischer Freiheiten in anderen arabischen Staaten kompensiert, bzw. deren Rivalitäten untereinander in der vielfältigen Presse ausgetragen werden. So wie Stabilität und Krisis als auch der philosophische und der politische Diskurs im Libanon meist eine Barometerfunktion für die Gesamtregion hatten, so sind im gegenwärtigen libanesischen Krieg. Alle inner-arabischen und inner-kulturellen Gegensätze, möglicherweise zum letzten selbst zerstörerische Gefecht angetreten. Auf der anderen Seite bietet die besondere Problematik des Libanon nicht zuletzt unter dem Einfluss des Ostkonflikts keine absolute Gewähr dafür, dass Vorgänge und Veränderungen im libanesischen Mikrokosmos einen Erklärungswert im nahöstlichen Maßstab haben." (S. 498)

X. Nordafrika in der Neuzeit (Peter von Sivers) 502

1. Der Aufstieg Iberiens zur Führungsrolle in der christlichen Zivilisation (1300-1500) 502 

2. Der osmanisch-iberische Kampf um die Vorherrschaft in Nordafrika (1500-1600) 505

3. Nordafrika als autonome Region (1600-1800) 520

4. Die europäische Ausdehnung nach Nordafrika(1800-1900). 531

5. Urbanisierung und Nationalismus (1900-1950) 560

6. Der unabhängige Maghreb (1950-1985) 576

24 November 2015

Die Ringparabel

So sehr ich mich als - inzwischen weniger aktiver - Wikipedianer oft über die Wikipedia und den dort - manchmal recht rüden - Umgangsstil (dort schreiben eben vornehmlich junge Männer) ärgere, so sehr freue ich mich auch immer wieder darüber, was diese Gemeinschaftsarbeit hervorbringt. So z.B. den folgenden Text, von dem ich keinen klar erkennbaren Hauptautor herausgefunden habe. Dabei habe ich daraus mal wieder einiges gelernt, was ich trotz jahrzehntelangen Umgangs mit "Nathans" und Boccaccios Ringparabel noch nicht wusste:
"Diese Parabel von den drei Ringen gilt als ein Schlüsseltext der Aufklärung und als pointierte Formulierung der Toleranzidee. Sie findet sich bereits in der 73. Novelle des Il Novellino (13. Jahrhundert) und in der dritten Erzählung des Ersten Tages von Giovanni Boccaccios Decamerone.[4] Zu den Vorlagen für Lessing zählen auch Jans des Enikels Erzählung von Saladins Tisch (13. Jahrhundert) und die Erzählung Vom dreifachen Lauf der Welt in den Gesta Romanorum. Bis ins 11. Jahrhundert lässt sich der Stoff von den drei ununterscheidbaren Ringen zurückverfolgen. Erfunden wurde er wahrscheinlich auf der Iberischen Halbinsel von sephardischen Juden.[5]
Bei Boccaccio, Lessings Hauptquelle, geht es um einen Vater, der einen kostbaren Ring, sein wertvollstes Juwel, an denjenigen unter seinen Söhnen weitergibt, den er am meisten liebt und den er damit zum Erben einsetzt. So verfahren auch seine Nachkommen. Als Generationen später jedoch ein Vater seine drei Söhne alle gleich liebt, lässt er ohne deren Wissen zwei weitere Ringe anfertigen, sodass der Vater „kaum“ und die Söhne gar nicht mehr entscheiden können, welcher Ring der ursprüngliche ist.
Diese Handlung findet sich auch, in leicht veränderter Form, in der Schlüsselszene Lessings wieder: Saladin lässt Nathan zu sich rufen und legt ihm die Frage vor, welche der drei monotheistischen Religionen er für die wahre halte. Nathan erkennt sofort die ihm gestellte Falle: Erklärt er seine Religion zur „einzig wahren“, muss Saladin das als Majestätsbeleidigung auffassen, schmeichelt er hingegen dem (muslimischen) Sultan, muss er sich fragen lassen, warum er noch Jude sei. Um einer klaren Antwort auszuweichen („Nicht die Kinder bloß, speist man mit Märchen ab“[6]), antwortet er mit einem Gleichnis: Ein Mann besitzt ein wertvolles Familienerbstück, einen Ring, der die Eigenschaft hat, seinen Träger „vor Gott und den Menschen angenehm“ zu machen, wenn der Besitzer ihn „in dieser Zuversicht“ trägt. Dieser Ring wurde über viele Generationen vom Vater an jenen Sohn vererbt, den er am meisten liebte. Doch eines Tages tritt der Fall ein, dass ein Vater drei Söhne hat und keinen von ihnen bevorzugen will. Deshalb lässt er sich von einem Künstler exakte Duplikate des Ringes herstellen, vererbt jedem seiner Söhne einen der Ringe und versichert jedem, sein Ring sei der echte.
Nach dem Tode des Vaters ziehen die Söhne vor Gericht, um klären zu lassen, welcher von den drei Ringen der echte sei. Der Richter aber ist außerstande, dies zu ermitteln. So erinnert er die drei Männer daran, dass der echte Ring die Eigenschaft habe, den Träger bei allen anderen Menschen beliebt zu machen; wenn aber dieser Effekt bei keinem der drei eingetreten sei, dann könne das wohl nur heißen, dass der echte Ring verloren gegangen sei. (Auf die Frage, wann dies geschehen sein könnte, geht der Richter nicht explizit ein; auch der Ring des Vaters kann schon unecht gewesen sein). Der Richter gibt den Söhnen den Rat, jeder von ihnen solle daran glauben, dass sein Ring der echte sei. Ihr Vater habe alle drei gleich gern gehabt und es deshalb nicht ertragen können, einen von ihnen zu begünstigen und die beiden anderen zu kränken, so wie es die Tradition eigentlich erfordert hätte. Wenn einer der Ringe der echte sei, dann werde sich dies in der Zukunft an der ihm nachgesagten Wirkung zeigen. Jeder Ringträger solle sich also bemühen, diese Wirkung für sich herbeizuführen.

Lessings Weiterführung der Boccaccio-Geschichte

Im Unterschied zu Boccaccios Erzählung ist der Ring, von dem Nathan berichtet, nicht bloß „wunderschön und kostbar“, sondern er enthält einen Opal, dem in der Literatur auch Heilkraft zugewiesen wurde und der „als Symbol für die Gnade Gottes“ diente, „wenn ein Mensch, der frei von Schuld ist, ihn trägt“[7]. Seine Wirkung tritt jedoch nur ein, wenn der Träger an sie glaubt – die Mitwirkung des Besitzers also ist entscheidend. Der Vater kann die drei Ringe nicht nur kaum, sondern wirklich gar nicht mehr unterscheiden, was ihn jedoch nicht hindert, „froh und freudig“ zu sein; er ist geradezu erleichtert in der illusionären Hoffnung, auf diese Weise alle Söhne zufriedenstellen zu können.
Zum eigentlichen Hauptteil der Erzählung wird bei Lessing die Zeit, nachdem die Söhne das Erbe angetreten haben. Der Streit der Söhne wird anschaulicher ausgemalt, um das Problem zu verdeutlichen. Ein Richter wird eingeführt, den es bei Boccaccio noch nicht gibt. Er bezieht sich auf die Wunderwirkung des echten Ringes und leitet daraus eine Aufgabe für die Besitzer ab. Sie wird entweder die Lösung bringen oder zeigen, dass die Besitzer in Bigotterie befangen waren. Als weiteres Ergebnis der Probezeit ist auch die Erkenntnis denkbar, dass alle drei Steine unecht sind und der wahre erste verlorengegangen ist.
Es wird betont, dass die Ringe und ihre Steine als solche, das heißt ohne eigenes Bemühen ihrer Besitzer, nichts bewirken und dass der Vater alle drei Söhne gleich liebte und alle drei Ringe für gleich wertvoll hielt. Des Richters Urteil, der echte Stein sei derzeit nicht erkennbar, und die sich daraus ergebende Aufgabe, jeder Sohn solle im Sinne seines Steines leben, verbietet Bigotterie, Intoleranz und Missionierung.

Interpretation

Die Parabel kann dahingehend verstanden werden, dass der Vater für den liebenden Gott, die drei Ringe für die drei monotheistischen  Religionen  (Judentum, Christentum und Islam), die drei Söhne für deren Anhänger und der Richter, dem der Streitfall vorgetragen wird, für Nathan selbst stehen. Eine Aussage der Parabel wäre demnach, dass Gott die Menschen gleichermaßen liebe, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, da alle drei Religionen sein Werk und alle Menschen seine Kinder seien. Nicht schlüssig zu erklären ist nach dieser Interpretation allerdings, wie man es sich vorzustellen hat, dass Gott seinen Ring von seinem Vater geerbt haben soll (der Ring wurde bereits über Generationen hinweg weiter vererbt). Am Ende der Parabel spricht Nathan von einem anderen Richter, vor den der erste die Kinder und Kindeskinder der drei Brüder laden wird: „So lad ich über tausend tausend Jahre / sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird / ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen / als ich; und sprechen. (...)“ Diese tausend mal tausend, also eine Million Jahre, verweisen auf einen endzeitlichen Richter, in dem wiederum Gott zu sehen ist, der die endgültige Entscheidung fällt. So steht Gott als Vater und als Richter am Anfang und am Ende der Parabel – man kann auch sagen: am Anfang und am Ende der Welt, nach jüdisch-christlicher Auffassung. Die Frage, woher er selbst den „echten“ Ring hat, erübrigt sich dann.
Entscheidend sei, dass die Menschen sich nicht darauf versteifen, die „einzig wahre Religion“ zu „besitzen“, da sie das fanatisch und wenig liebenswert mache. Zwar sei es nur natürlich, dass jeder seine eigene Religion vorziehe, denn wer werde schon seinen Eltern vorwerfen, ihn zu einem „Irrglauben“ erzogen zu haben?[8]. Diese Bevorzugung dürfe jedoch nicht dazu verführen, den eigenen Glauben als allein selig machenden auch allen anderen gegenüber geltend machen zu wollen, da jede authentische Religion letztlich ihren Ursprung in Gott habe. Weil das Maß der Echtheit des ersten Ringes darin zu sehen sei, inwieweit er „beliebt vor Gott und Menschen“ mache, sei jeder Ring echt, der dies erfülle, und jeder unecht, der dies nicht erfülle. Da die Brüder sich untereinander misstrauen, könne keiner ihrer Ringe der echte sein. Die Gültigkeit jeder Religion sei demnach darin zu sehen, in welchem Maß sie zukünftig in der Lage ist, Liebe zu stiften.
Die Frage, welcher Ring der echte sei, müsse deshalb zurückgestellt werden, da keine der drei Religionen die Menschen so veredele, wie es der Fall sein müsste, wenn der echte Ring (die echte Religion) nicht verloren gegangen wäre, was nach Aussagen des Richters als Möglichkeit in Betracht gezogen werden müsse. Mit seiner Antwort weist also Nathan letztlich Saladins Frage nach der „einzig wahren Religion“ zurück.
Über Lessings Intention, die dieser mit dem Schreiben seiner Variante der Ringparabel verbunden habe, schreibt der katholische Theologe Rudolf Laufen: „Die Ringparabel freilich, die ursprünglich einmal anstößig und provokant war, aber längst ‚zu einem relativ harmlosen Bildungsgut herabgekommen‘ ist und heute eher der unverbindlichen ‚feiertäglichen moralischen Selbstbestätigung‘ bildungsbürgerlicher Kreise dient, ist die Summe von Lessings Religionstheologie nicht! Eher gibt sie einen Rat für eine friedlich-tolerante Koexistenz, für einen Modus Vivendi der positiven Religionen, solange sie noch existieren.“[9]  [...] Die (auch in Laufens Urteil zum Ausdruck kommende) Ansicht, Lessing meine, dass die traditionelle Religion (die „positiven Religionen“) nur die instrumentelle Funktion habe, sich überflüssig zu machen, indem sie einer Sittlichkeit zur Selbständigkeit verhelfe, die sich zukünftig nicht mehr religiös begründe, „greift“ nach Ansicht Axel Schmitts „viel zu kurz“.[11] Einer „Fixierung des Gültigen“ (auch in seinen eigenen Ansichten) habe Lessing, dessen Lebenswerk eine Art „work in progress“ sei, sich stets entzogen.
Seite „Nathan der Weise“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 21. November 2015, 20:00 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Nathan_der_Weise&oldid=148267483 (Abgerufen: 24. November 2015, 07:27 UTC)

Eine interessante Anwendung für die heutige Zeit bietet der Text "Über Nathan hinaus ...". Anmerkung Nr.11 funktioniert zum Glück noch.
Daraus zitiere ich Schmitts Hinweis auf Guthke:
"Lessing widerstrebe "das Ins-Wort-Fassen seiner eigenen Position eben deswegen, weil solches Fixieren des 'Gültigen' zur eigenen Intoleranz verführte, 'Vorurteile und Einseitigkeiten verfestig[te]'". Indem er alle Lehrsysteme in Zweifel zieht, vermag das Nicht-Festlegen den unabhängigen Untersuchungs- und Entdeckungswillen überhaupt erst anzuregen. Auf dieser "dem Menschen konstitutiven Ungewißheit" beruht nach Guthke Lessings Toleranz." (Schmitt: Die Gärstoffe der Toleranz - Es lohnt unbedingt, Schmitts Rezension vollständig zu lesen.) 
mehr zu Guthke: Der Blick in die Fremde. Das Ich und das andere in der Literatur.

Die Ringparabel gilt als die zentrale Formulierung von Lessings Forderung nach Toleranz.
Und doch kündigt Nathan im Monolog, wo er seine Gedanken ohne Verstellung formuliert, mit: "Nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab."
Warum weckt Lessing von vornherein den Zweifel an der Aussagekraft der Parabel?
Ich weiß es nicht. 
Ein Grund könnte sein, dass er menschliche Wahrheit als stets nur vorläufige Erkenntnis ansieht. So in seinem Text über die Wahrheit: 
"Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!"
Ein zweiter lässt sich in die Schlussszene des Nathan hinein interpretieren. 
Da sagt der Sultan Saladin zu Nathan: 
"Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen? Ich meine Neffen – meine Kinder nicht? Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen? (Wieder laut.)   Sie sinds! sie sind es, Sittah, sind! Sie sinds! Sind beide meines ... deines Bruders Kinder! (Er rennt in ihre Umarmungen.)"
Das lässt Raum für die Interpretation: Gerade weil Nathan den muslimischen Sultan und den christlichen Tempelherrn von der Idee der Toleranz überzeugen will, verliert er darüber seine Tochter (das Kind, das er angenommen hatte, nachdem seine sieben Söhne verloren hatte) an die Vertreter der beiden anderen Hauptreligionen.
In einer Inszenierung aus dem 20. Jahrhundert wurde - aufgrund der Erfahrung des Holocaust, die Lessing nicht hatte - die Szene so dargestellt: Alle umarmen sich. Nathan steht allein. Hinzu kam eine Inszenierungsbesonderheit, an die ich mich gegenwärtig nicht genau besinne (ich habe aber ein Aufnahme der Inszenierung), wo vor Beginn und nach dem Schluss des Stückes schemenhafte Kamele über die Bühne schreiten, ein Sinnbild für das "Gottesvolk", die ewig heimatlosen Juden?
Könnte Lessing wirklich eine Deutung zugelassen haben, dass Nathan letztendlich verliert, gerade weil er für Toleranz ist?
Er war mit Moses Mendelssohn befreundet und hatte erlebt, dass dieser heftig angegriffen wurde, weil er nicht bereit war, zum Christentum überzutreten. (Rechtfertigen könne er das nur, wenn er das Christentum in aller Form widerlegen könne.) Dazu heißt es in der Wikipedia: 
"1771 erlitt Mendelssohn, wahrscheinlich im Zusammenhang mit diesen Anstrengungen, einen psychophysischen Zusammenbruch, der ein zeitweiliges Aussetzen jeglicher philosophischen Tätigkeit erzwang. Die im selben Jahr vorgeschlagene Aufnahme Mendelssohns in die Preußische Akademie der Wissenschaften auf Antrag von Johann Georg Sulzer, dem Präsidenten der Philosophischen Klasse, scheiterte am Widerstand Friedrichs II."
Lessing schrieb seinen Nathan gewiss im Blick auf seinen Freund. Könnte er - nach außen nicht, wohl aber versteckt - nicht nur seiner Leistung, sondern auch seinen Leiden ein Denkmal haben setzen wollen? 
Nach dem Holocaust gibt es jedenfalls guten Grund, daran zu erinnern, dass den deutschen Juden ihr Beitrag zum deutschen Geistesleben (nicht nur Einstein!) nicht gedankt worden ist. Auch Juden, die sich als deutsche Patrioten verstanden, wurden Opfer des Holocaust.