Posts mit dem Label Klimawandel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Klimawandel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

01 September 2025

Klimawandel: Am Kipp-Punkt

 B. v. Brackel u. T. Staud: Am Kipp-Punkt (Perlentaucher)

Diesmal weise ich auf ein Buch hin, bevor ich es gelesen habe, weil es eilig und wichtig ist. Wenn mir deutlich mehr Informationen vorliegen, werde ich hier darauf hinweisen.:

Inzwischen entsteht in ZUM-Unterrichten nach und nach ein ausführlicher Artikel zum gesamten Buch, der viele Zitate und Wikipedialinks zu ausführlicheren Erläuterungen enthält. (Ein vorläufiger Abschluss wurde dort am 20.9. erreicht, bis dahin wurde der Artikel dort über 20x so oft abgerufen wie hier.)

Leseprobe (Inhaltsangabe und Text bis S.39)

daraus:

"Prolog

Neue Welt

Stellen Sie sich eine große, komplexe Maschine vor, in der unzählige Zahnräder und andere mechanische Teile fein austariert ineinandergreifen. Über Hebel wird die Maschine gesteuert. Nun ziehen Sie an einem davon, ganz langsam, gleichmäßig. Eines der Zahnräder wandert auf seiner Welle, ebenfalls langsam, gleichmäßig. Sonst passiert nichts. Irgendwann aber ist es so weit verschoben, dass ein anderes Zahnrad in Reichweite gerät. Sie greifen ineinander, das Getriebe knirscht, ruckelt – und ändert plötzlich die Drehrichtung.

Genauso abrupt könnte sich auch unser Erdsystem umstellen.

Es beginnt mit dem Eis: Von den Ozeanen rund um die Pole wird die weiße Decke gezogen; die Böden in den nördlichsten Breiten tauen auf, und in den Gebirgen kriechen die Gletscher in die Höhe zurück, wie ein scheues Tier. Überall knackt und knistert es, es tropft und rauscht. Die Erde taut.

Dann kommt der Knall.

Der Reihe nach zerplatzen die Schelfeise der Antarktischen Halbinsel, dann jene der Westantarktis. Aufs Meer hinausragende Eisplatten von der Größe ganzer Länder, die jahrtausendelang am Festlandeis gehaftet haben, brechen ab, zersplittern, und eine Armada an Eisbergen treibt in den Südozean hinaus. Warmes Wasser dringt nun unter den entblößten Eisschild und höhlt ihn unaufhörlich aus.

Derweil, am anderen Ende der Welt, schrumpft der Grönländische Eispanzer, und seine höchsten Lagen geraten in immer tiefere und wärmere Luftschichten, woraufhin er noch schneller schmilzt und ab einem gewissen Punkt unumkehrbar zerfließt. Bis der ganze Eisschild verschwunden ist, wird es Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern, aber schon viel früher verändert sein [...]

Im Nordatlantik richtet sich daraufhin eine mächtige Meeresströmung neu aus, die über Jahrtausende Wärme nach Europa befördert hat. Wie ein am Boden liegender Gartenschlauch, der bei zu starkem Wasserdruck sich schlängelnd verschiebt und anderswo zum Liegen kommt.

Und das hat einen paradoxen Effekt: Während der Großteil der Welt unter Hitze leidet, erleben Teile Europas einen Kälterückfall. Die Luft kühlt ab, um mehrere Grad. Im Winter ziehen Stürme auf, wie sie die Menschen seit Beginn der Zivilisationen nicht erlebt haben.

Das arktische Meereis breitet sich wieder aus und berührt im Winter die Nordküste Schottlands und Norwegens; bisweilen gar die deutsche Nordseeküste. Es schneit wieder mehr. 

Gleichzeitig erlebt die Südhalbkugel einen zusätzlichen Hitzeschub, schließlich hat die Erderwärmung ja nicht aufgehört – nur verteilt sich die Energie auf dem Planeten um und staut sich nun in der südlichen Hemisphäre. [...] 

Zu welchen Sprüngen ist das Erdklima fähig?

Vor 11.650 Jahren endete die Jüngere Dryaszeit so plötzlich, wie sie gekommen war. In der Tongrube in Allerød konnten Hartz und Milthers diesen Schlusspunkt im Profil der Sedimentschichten an der Trennlinie zwischen der jüngeren Tonschicht und der vermoderten Torfschicht an der Oberfläche erkennen, die mit Überresten von Buchen- und Eichenstämmen durchsetzt war – ein Hinweis auf das Einsetzen der noch heute andauernden Warmzeit des Holozänsder Blütezeit der Menschheit.

Es wurde damals wieder feuchter und wärmer, Birken und Kiefern breiteten sich in Nordeuropa aus, und die Rentierherden zogen sich endgültig in den Norden zurück. Die Menschen mussten sich abermals an die kleinräumigere Lebensweise in Wäldern gewöhnen – oder weit nach Norden ausweichen, wo es nach wie vor eine offene Tundra gab.

Auch in der Region des Fruchtbaren Halbmonds kehrten die Wälder zurück, die Wüste schrumpfte. Mehr Siedlungen entstanden, sie wuchsen zu Städten, und die Menschen blieben dort, manchmal für Tausende von Jahren oder sogar bis heute, wie in Jericho.

Wie schnell die Menschheit tatsächlich in die heutige Warmzeit befördert wurde, wie schnell also die Jüngere Dryas nicht nur begonnen, sondern auch geendet hatte, sollte sich erst viele Jahrzehnte später klären: Anfang der 1990er-Jahre. An einem der kältesten Orte der Welt. [...]"


Klappentext 
Überschwemmungen, Hitzewellen, Dürren, Waldbrände - die Auswirkungen des immer extremeren Wetters sind auch hierzulande zunehmend spürbar. Aber all das ist erst der Anfang: Weil das 1,5-Grad-Limit nicht mehr zu halten ist und die Erderhitzung fortschreitet, drohen in naher Zukunft im Klimasystem mehrere sogenannte Kipppunkte überschritten zu werden. Die Folgen wären einschneidend, auch für Deutschland. Benjamin von Brackel und Toralf Staud liefern, was man über Kipppunkte wirklich wissen muss. Sie schildern die jahrzehntelange Erforschung der Kipppunkte, ihre möglichen Folgen und die Kontroversen der Fachwelt - eine der größten Detektivgeschichten unserer Zeit, deren Ausgang über nichts weniger entscheidet als über das Schicksal unserer Zivilisation. Die Autoren nehmen uns mit auf eine Weltreise zu den wichtigsten Kippelementen im Erdsystem: von den eisigen Landschaften der Pole über die Warmwasserheizung Europas bis zum Amazonas-Regenwald. Sie erklären, wie unsere Erde - und auch die Klimawissenschaft - funktioniert. Am Ende weiß man, welche Kipppunkte einem tatsächlich Sorge bereiten sollten und welche weniger. Nicht zuletzt zeigt das Buch positive Kipppunkte in Technologie und Gesellschaft auf. Diese könnten exponentielles Wachstum beim Klimaschutz ermöglichen und uns noch davor bewahren, in ein chaotisches Klima abzustürzen. Ein dramatisches Wettrennen gegen die Zeit.

07 August 2024

Weshalb es so schwer ist, eine realistische Weltsicht zu entwickeln ...

 glaubte Hans Rosling zu wissen und erklärte es in seinem Buch Factfulness, von 2018:

(Zwar hat sich seitdem manches geändert, doch manches auch genau in der Richtung, auf die er damals hingewiesen hat: Erfreuliche Entwicklungen von 2023)


Einige grundlegende Informationen erhält man aber schon hier:
https://www.gapminder.org/

Gibt es eine Kluft zwischen Entwicklungsländern und Industrieländern?

Hier kann man an 13 Fragen üben, eine korrekte Einschätzung zu wichtigen Fakten zu gewinnen:
http://forms.gapminder.org/s3/test-2018

Es gibt auch anschauliche Graphiken, die die historische Entwicklung wichtiger Zusammenhänge aufzeigen:
http://www.gapminder.org/whc

sieh auch: Tweets zu factfulness

Ist es gerechtfertigt, die Antworten auf die 13 Fragen zu akzeptieren und trotzdem der Grundaussage von Factfulness zu widersprechen?*

Welche Argumente könnte man dafür anführen?
Was spricht dafür, dass sie nur dazu dienen, an einer inkorrekten Weltsicht festzuhalten?
Was ist der Grund für unsere skeptischere Weltsicht?

Rosling weist zu Recht darauf hin, dass über den vielen Katastrophenmeldungen unterschätzt wird, wie viel sich zum Besseren verändert hat.*
Denn das führt dazu, dass die hohe Bedeutung der Arbeit internationaler Institutionen für die weltweite Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse völlig verkannt wird. Die Flüchtlingskrise von 2015 ist auch darauf zurückzuführen, dass viele Staaten ihren freiwilligen Zahlungsverpflichtungen zur Unterstützung der UN-Flüchtlingshilfe (UNHCR) nicht nachgekommen sind.
Die weltweite Verschlechterung der Klimabilanz auch darauf, dass die Mehrzahl der Staaten ihren Selbstverpflichtungen auf der UN-Klimakonferenz in Paris von 2015 zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes nicht nachgekommen sind. Deutschland insbesondere wegen der verschobenen Abschaltung und weiteren Subventionierung besonders umweltschädlicher Kohlekraftwerke.


Trotz der eklatanten Unterschätzung der Leistungen der UNO für weltweite Verbesserungen ist freilich auch die skeptischere Weltsicht gut begründet. Denn während die Kluft zwischen den ärmeren Ländern und den reichen immer mehr abnimmt, bleibt die Kluft innerhalb der meisten Länder sehr hoch, ja sie nimmt in vielen Ländern sogar zu.
Die Katastrophen von Syrien und Jemen sind sehr real, auch wenn sie statistisch durch den Einkommenszuwachs in China und Indien mehr als aufgewogen werden.
Verbesserte weltweite Durchschnittswerte ändern nichts daran, dass die Verhältnisse in Afghanistan und Somalia sowie in der Zentralafrikanischen Republik katastrophal bleiben.

Dennoch: Wer die weltweiten Verbesserungen nicht wahrnimmt, ist in Gefahr, sich einzureden, Hilfsanstrengungen brächten sowieso kaum etwas und es lohnte sich nicht, sie energisch zu verstärken.
2015 war weltweit ein schwerer Rückschlag. Nicht weil ein (sehr) kleiner Teil der 60 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen ist, sondern weil die internationale Solidarität bei der UN-Flüchtlingsarbeit und bei der Reduzierung des COs-Ausstoßes zwar offiziell zugenommen hat, aber in Wirklichkeit abgenommen hat.
Es ist eben keine Verbesserung, wenn die EU vor ihren Grenzen Lager zur Flüchtlingsabwehr errichtet und die UN-Flüchtlingslager unterfinanziert bleiben.

Weshalb ist so schwer, eine realistische Weltsicht zu entwickeln?
Weil positive und negative Entwicklungen parallel laufen und zu Recht immer wieder auf Katastrophen und Versäumnisse hingewiesen wird und es so unglaublich schwer ist, sich immer wieder aufs Neue ein differenziertes Bild zu machen. (Katastrophenmeldungen helfen dabei wenig.)
Rosling gebührt das Verdienst, alles ihm mögliche getan zu haben, die positiven Tendenzen überhaupt erst erkennbar zu machen, bevor er 2017 seinen höchst individuellen Tod an Krebs gestorben ist. Zum Glück führen Anna Rosling Rönnlund und Ola Rosling sein Werk weiter.

*Hinweis: Ich habe Ihnen das Buch vorgestellt, sobald ich erkannt habe, dass es ein wichtiges Buch ist. Dabei war ich zu dem Zeitpunkt nicht einmal auf S.40 von 381 Seiten.
Da die Autoren aber eine Webseite erstellt haben, wo sie das ihrer Meinung nach Wichtigste aus dem Buch vorstellen, brauche ich mich nicht darum zu sorgen, dass Sie einen falschen Eindruck gewinnen könnten. Sie haben immer die Chance, ihn zu korrigieren.
https://twitter.com/DejanFreiburg/status/1012788839482609669
Es folgt die Betrachtung der Fallen, die nach Rosling oft eine realistische Weltsicht verhindern.
Die erste Falle ist nach Rosling die, dass man eine Kluft (englisch: gap) vermutet, wo in Wirklichkeit ein Kontinuum besteht, bei dem große Überlappungen zwischen den Gruppen bestehen, die miteinander verglichen werden. 
Deshalb warnt er vor dem Vergleichen von Durchschnitten (also genau das, war er am Anfang seines Buches unternommen hatte und was ich daran kritisiert hatte).  Das erläutert er an Testergebnissen von Frauen und Männern sowie an einem Einkommensvergleich zwischen Mexiko und den USA. 
Auch wenn der Durchschnitt von Tests in Mathematik bei Männern über dem entsprechenden Durchschnitt bei Frauen liegt, wird ein großer Teil der Frauen bessere Ergebnisse erzielt haben als der Durchschnitt der Männer. (S.56) Bei den Einkommen der Mexikaner im Vergleich mit den US-Bürgern ist die Überlappung zwar deutlich geringer, aber immer noch erheblich. Es gibt also im strengen Sinn keine Kluft. Auch wenn schon innerhalb der USA die Reichsten über 1000 x mehr verdienen als die ärmsten US-Bürger - von den ärmsten Mexikanern ganz zu schweigen. 

Wichtig ist ihm insbesondere die Kluft, die viele traditionell noch zwischen den armen und den reichen Ländern sehen. In Wirklichkeit hat sich diese früher bestehende Kluft weitgehend geschlossen, bis auf einen relativ kleinen Teil der Länder befinden sich alle - im Vergleich zu früher -jetzt auf einem relativ ähnlichen Niveau [Sie erinnern sich: die Durchschnittseinkommen der Länder, die Kluft innerhalb der einzelnen Länder betrachtet er nicht, denn auch hier befindet sich die Mehrzahl der Bevölkerung im mittleren Einkommensbereich].


Statt einer Zweiteilung in reich und arm empfiehlt er eine Einteilung in vier Einkommensstufen (S.47):

Stufe 1 bis zu 2 US-$ (dazu gehören etwa 1 Mrd. Menschen)
Stufe 2 bis zu 8 US-$ (dazu gehören etwa 3 Mrd. Menschen)
Stufe 3 bis zu 32 US-$ (dazu gehören etwa 2 Mrd. Menschen)
Stufe 4 über 32 US-$ (dazu gehören etwa 1 Mrd. Menschen)

Die Leser des Buches und dieses Blogs befinden sich alle auf dieser Stufe 4; deshalb empfinden sie den Unterschied zu Milliardären als wesentlicher als den gegenüber Stufe 3. Weltweit gesehen ist er es aber insofern nicht, als uns jede Menge Segnungen der Zivilisation zur Verfügung stehen, die es unterhalb unserer Stufe gibt. Vor der Fixierung auf relative Armut warnt Rosling ausdrücklich. 

Verständlich ist das, wenn man bedenkt, dass für ihn eine neue Einkommensstufe erst bei dem vierfachen Mindesteinkommen im Vergleich zum Mindesteinkommen der vorigen Stufe beginnt. 

Die nächste Falle sieht er in dem "Instinkt der Negativität". (S.63ff.)

Kurz gesagt: In den meisten Ländern der Welt ist für die meisten Bewohner der Welt der Lebensstandard angestiegen. 
Speziell in Deutschland nehmen wir eine Abschwächung der Zuwachsrate oder gar eine Stagnation als negativ. Rosling empfiehlt, einen realistischen Blick auf die Zustände 50 Jahre vorher zu wagen und die Vergangenheit nicht zu verklären. 

Falle 3: "Instinkt der geraden Linie" (Nichtberücksichtigung exponentieller Zusammenhänge, Kurven können verschiedene Formen haben) (S. 97ff.)


Falle 4: Angst (Schätzen Sie die Risiken ein.)


Furchterregende Risiken wie Terror oder Flugzeugunglücke sind meist relativ ungefährlich, weil sie nicht oft auftreten. 

Falle 5: Dimension (Setzen Sie die Dinge in Relationen.)

Falle 6: Verallgemeinerung (Hinterfragen Sie Ihre Kategorien.)


Wer vor allem mit einer Kluft zwischen Armen und Reichen auf der Welt rechnet, dem entgehen nicht selten wichtige Geschäftsmodelle. Besser ist es, die Einteilung in weltweite Einkommensstufen  im Blick zu haben.
"Jede Schwangerschaft führt zu einem bis zu zwei Jahre dauernden Ausbleiben der Menstruation. Wenn sie Hersteller von Damenbinden sind, ist das schlecht für Ihr Geschäft. Folglich sollten Sie wissen – und sehr froh darüber sein –, dass Frauen heute weltweit weniger Kinder gebären. Sie sollten auch wissen, dass die Zahl gebildeter Frauen zunimmt, die außer Haus arbeiten, und auch darüber sollten Sie froh sein. Denn diese Entwicklungen haben in den letzten Jahrzehnten einen explodierenden Markt für ihre Produkte geschaffen: Milliarden menstruierender Frauen, die jetzt in Ländern der Stufen 2 und 3 leben.
Aber wie ich bei einer internen Besprechung eines der weltgrößten Produzenten von Sanitärartikeln feststellen konnte, ist dies den meisten Herstellern im Westen völlig entgangen." (S.182/83)

Falle 7:  Schicksal (Langsamer Wandel ist dennoch Wandel.)


Die großen Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in einigen Ländern Schwarzafrikas (z.B. in Ghana) ergeben haben, sind den meisten Menschen in Europa und den USA nicht bewusst. Veränderungen, die Jahrzehnte brauchen, tauchen in den Nachrichten höchst selten auf.  So wurde zwar "der stärkste jemals registrierte Rückgang" der "Zahl der Geburten pro Frau von mehr als sechs Kindern pro Frau im Jahr 1984 auf weniger als drei Kinder pro Frau 15 Jahre später" (S.212) im muslimischen Iran erreicht. Doch: "Über den schnellsten Rückgang der Kinderzahl pro Frau in der Weltgeschichte wurde in keinem der freien westlichen Medien berichtet." (S. 213)

Falle 8: Einzige Perspektive (Legen Sie sich einen Werkzeugkasten zu.)

Falle 9: Schuldzuweisung (Suchen Sie nicht nach einem Sündenbock.)

Falle 10: Dringlichkeit (Machen Sie kleine Schritte.) S.269ff.

Rosling gibt sehr gute Beispiele als Begründung. So hat er in einem Fall, als unklar war, ob bei einer Reihe von Krankheitsfällen eine Vergiftung oder eine Epidemie die Ursache war, für Quarantäne mit Straßensperren plädiert. Das führte zu Panikreaktionen, die über 20 Menschenleben kosteten. (S.270) Bei der Ebola-Epidemie hat er deshalb gegen Quarantäne und für Überprüfung der Kontakte der Erkrankten plädiert. Und das hat sich trotz der weit größeren Zahl der Betroffenen bewährt.
Bevor man eine "Patentlösung" weltweit anwendet, sollte man zunächst durch begrenzte Experimente sehr sorgfältig prüfen, was die negativen Folgen dieser Lösung sind. Die gibt es praktisch immer. 
Das schließt nicht aus, dass man sehr ehrgeizige Ziele anstrebt (dazu Bernd Ulrich in der ZEIT: Wie radikal ist realistisch?) - Von großen Zielen reden (Pariser Klimagipfel 2015) und sie in der Praxis verleugnen, ist keine sinnvolle Lösung.

Zusammenfassung der Fallen, S.308

vgl. auch:
Früher war es ganz bestimmt nicht besser  faz.net 26.9.18
Zu Rosling sieh auch: Factfulness Evening Standard 2.7.2019

24 März 2024

E.U. v. Weizsäcker: So reicht das nicht!

 E.U. v. Weizsäcker: So reicht das nicht, 2022

"Atomabfälle schließlich stellen ein teures und technisch aufwändiges  Entsorgungsproblem dar, welches allen Kernkraft-Ländern und -Betreibern sorgen und Kosten auferlegt." (S.50)
"Die 'Taxonomie' der EU hat 2022 eine von Frankreich und anderen Mitgliedstaaten dringlich gewünschte Subventionierung der Kernenergie als 'nachhaltig' eingeführt. Das dürfte sich als großer Fehler erweisen, sobald an irgendeinem Ort ein Schaden eintritt und die EU gezwungen wird, diesen Taxonomie-Fehler wieder auszuradieren - aber nichts ungeschehen machen kann!" (S.51)
"Das Hauptproblem ist, dass, während wir in Deutschland die Klimaneutralität bis 2045 oder noch früher erreichen wollen, weltweit die Nutzung von fossiler Energie immer noch fast uneingeschränkt weitergeht. Für die gewünschte Erreichung des 1,5 C-Ziels bis 2050 müssen jedoch alle Länder mitmachen. Und die Mehrzahl der Entwicklungsländer kann sich das nicht leisten!
Wir müssen also dringend eine Strategie fahren, die die Entwicklungsländer in Sachen Klimaschutz ins Boot holt." (S. 110)
Ein für Entwicklungsländer gerechteres Vorgehen wäre der international auszuhandelnde Budgetansatz. [...] Der Budgetansatz ging oder geht folgendermaßen: Die Wissenschaft kalkuliert die Menge der noch erlaubten Treibhausgasemissionen, umgerechnet auf Megatonnen CO2, unter der Bedingung, dass sich die atmosphärische Temperatur um nicht mehr als 2° C oder auch 1,5° C gegenüber vorindustrieller Zeit erhöht. Diese Menge ist das Budget. Dann erhalten alle Länder der Welt ein pro Kopf gleich großes Anrecht auf Emissionen.
Aber dann hätten die alten Industrieländer ihre Anrechte oder Lizenzen beinahe schon aufgebraucht, weil sie ja bereits seit 200 Jahren massenhaft Kohle verbrennen. Wenn Sie wei/terhin Treibhausgase imitieren wollen, müssten Sie sehr bald bei den Entwicklungsländern anklopfen und um neue Lizenzen bitten. Hieraus würde sich ein Lizenzenhandel ergeben [...] der ausgehandelte Preis würde umso höher ausfallen, je näher man dem weltweiten Budgetlimit käme. mit dem Preis wurde sowohl im 'Norden' als auch im 'Süden' der Anreiz zur Verminderung der eigenen Emissionen jährlich zunehmen. Also würde sich frühes Handeln beiderseits wirtschaftlich kräftig lohnen, ganz anders als heute, wo man sich fast immer so verhält, als sei faules Zuwarten wirtschaftlich am besten! Das spannende Merkmal dieses Budgetansatzes ist folgendes: Zum ersten Mal in der Geschichte würde ein Entwickl/ungsland, das vor der Entscheidung steht, ein Kohlekraftwerk zu errichten, nicht automatisch mit dem Bau beginnen. Hohe Preise für CO2-Lizenzen würden den Nicht-Bau verlockend attraktiv machen." (S.111-113)
Überraschend ist die Tatsache, dass Industrierohstoffe, das sind Mineralien und fossile Brennstoffe, über 200 Jahre immer billiger geworden sind. Man könnte ja denken (wie es der Club of Rome in seinem 1972 erschienenen Buch Die Grenzen des Wachstums annahm), dass der ständige Verbrauch von Rohstoffen dieselben knapper und deshalb teurer macht. Abbildung 31 aus dem Jahr 2022 zeigt neben dem über 200 Jahre statistisch gesicherten Abwärts-Preistrend als Ausnahmen auch ein paar Spitzen nach oben. Die stammen aus den Jahren der beiden Weltkriege sowie den 1970er-Jahren während der Ölkrise. Der große Abwärtstrend lässt sich als technischer Fortschritt und als Skaleneffekte der geologischen Auffindung der Rohstoffe sowie ihrer Extraktion und Verschiffung erklären. Die Folge war jedenfalls, dass die noch vor 100 Jahren selbstverständliche Sparsamkeit im Umgang mit Rohstoffen einer zunehmenden Verschwendung gewichen ist. (S.118)

05 Januar 2022

Jonathan Safran Foer : We Are the Weather: Saving the Planet Begins at Breakfast

 Foer greift zurück auf eines der 30 Kamingespräche F.D. Rosevelts, wo er forderte, dass alle solidarisch zusammenstehen sollten im Kampf gegen die Nazis, auch wenn der einzelne von einem so entfernten Feind in Deutschland sich nicht bedroht fühle,  weil  es in dem - unwahrscheinlichen - Fall, dass Hitler in die USA käme zu spät sei. (Foer: Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiepenheuer&Witsch, 2019, ISBN 3462053213)

Damit rechtfertigte er hohe Steuern von 96% für Reiche, Energieeinsparung  von allen usw., auch wenn der einzelne damit nur wenig beitrage, um den schlimmeren Verlust für alle zu verhindern. Verzicht sei in dieser Situation kein Opfer, sondern eine Methode, die Gesamtheit vor der Katastrophe zu retten.

So galt es, Fahrgemeinschaften zu bilden, um Benzin für den Kampf gegen die Nazis einzusparen, und der Slogan dafür lautete  „Wer allein fährt, fährt mit Hitler“.(FR 15.10.2019)

"Simon Hadler fasste den Inhalt [des Buches] in folgenden zwei Fragen zusammen: „Warum bleibt trotz der schrecklichen Fakten eine Massenpanik aus? Und bringt es überhaupt irgendetwas, wenn Individuen einen kleinen Beitrag leisten?“[8]"(Wikipedia)

"So kritisiert der Verfasser die Massentierhaltung, die durch ihren hohen Ausstoß von Treibhausgasen einen substanziellen Beitrag an der globalen Erwärmung habe. Das Buch ist eine persönliche Annäherung an den Themenkomplex der Klimakrise und enthält zugleich eine realistische Sicht auf das Handeln. So empfiehlt der Verfasser einen pragmatischen Lösungsansatz, nämlich tierische Produkte nur einmal täglich während der Hauptmahlzeit zu konsumieren. [...] 

Die Aufgabe, die der 42-Jährige sich gestellt hat, lautet: ein Buch zu schreiben, das Verhalten ändert. Dafür, so meint Foer, bedürfe es einer Erzählweise, einer Narration, die darzustellen vermag, dass die Menschheit den Massenselbstmord wählt und warum es so viel schöner wäre, den nahenden Tod abzuwenden und sich am Leben zu freuen.“

– Elisabeth von Thadden, Die Zeit, 4. September 2019[2]" ("Wir sind das Klima!")

"The task of saving the planet will involve a great reckoning with ourselves—with our all-too-human reluctance to sacrifice immediate comfort for the sake of the future. Only collective action will save our home and way of life. And it all starts with what we eat—and don’t eat—for breakfast." (https://www.goodreads.com/book/show/43565381-we-are-the-weather)

15 Juni 2021

Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten?

 Teil 1: Eigentlich - (S.11ff.)

- wollte ich ein ganz anderes Buch schreiben, einen Thriller. 

Dann dachte ich: Wir sind in einem Triller [...]

Als Akteure. [S.11 - Nämlich in der Menschheitsgeschichte]

"Jetzt aber werfe ich sie in ein schwarzes Loch." (S.17)

Teil 2: Frankenstein und die Klimakatastrophe (S.21ff.)

Teil 3: Thriller (S37ff.)

Zukunftsszenarios je nach Umfang der Erwärmung Zeitphasen 2015/20 (bereits historisch), von da ab etwa in Jahrzehnten 2021ff, 2030ff; 2040-54, 2055-70 (S.70), 2071-99 (S.71), 2100 - ? (S.73)

Teil 4: Ursache Wirkung (S.75ff.)

Wo Methan gebunden ist und wie es freigesetzt werden kann

Methan ist im Eis des Permafrostes eingeschlossen und wird freigesetzt, wenn der bis in größere Tiefen auftaut. So geschieht es gegenwärtig in Sibirien, wenn es im Sommer längere Zeit besonders warm ist. Extrem beschleunigt wird das, wenn es bei großer Trockenheit Tausenden Flächenbränden von vielen Quadratkilometer großen Flächen kommt. Bei der extremen Oberflächenhitze taut der Permafrost bis in größere Tiefe auf. (S.86)

Methan ist auch in Methanhydrat gebunden, das in Küstenbereichen durch den Druck des das dort lagernden Sediments verfestigt wird und seinerseits das Sediment davor bewahrt, fortgespült zu werden. Lässt der Druck nach oder steigt die Temperatur an, wird es flüssig und das Methan entweicht in die Atmosphäre. - Ein solcher Vorgang hat etwa 8200 Jahre v. Chr. an der norwegischen Küste zur Storegga-Rutschung geführt, als auf "über 800 km Länge und einem Volumen von etwa 5600 km³" unter der Meeresoberfläche Land ins Rutschen kam. Dabei wurde in einem Tsunami  mit über 10 m hohen Wellen die damals noch bestehende Insel Doggerland im Bereich der heutigen Doggerbank überflutet und eine Steinzeitkultur vernichtet. 

Schöne Bilder und Formulierungen:

 "Viren sind das reiselustigste Völkchen der Welt, machen unentwegt Bekanntschaft mit Spezies, deren Immunsystem nicht auf sie eingestellt ist, übertragen sich von Tier zu Tier, mutieren und springen auf Menschen über, den Rest besorgen interkontinentale Verkehrsmittel. [...]  Was gar nicht in deren Sinne ist. Könnten sie denken, würden sie sagen, stopp! - wir wollen niemanden töten! Wir sind doch nicht bescheuert und töten den Wirt, der uns ernährt." (S.88)

Schön formuliert, auch wenn die Vermenschlichung zu einem Widerspruch führt: Eben waren sie noch "reiselustig", dann rufen sie: Stopp!

Teil 5: Die Guten - und die Bösen (S.91ff)

Mutter Erde hat Millionen Jahre liebevoll Kohlenstoff für uns eingezahlt: Jedes umgefallene Bäumchen unter geothermischen Druck verkohlen lassen, alle sterbenden Algen und Kleinstlebewesen zu Öl und Gas gemacht. 

Und wir haben "Binnen weniger Hundert Jahre die Dividenden mehrerer Erdzeitalter verprasst. [...] Wie bescheuert kann man sein? Zurück auf die Bäume, möchte man rufen, aber die haut Bolsonaro gerade ab." (S.97)

Teil 6: Handeln (S.183ff)

Vernunftgemäß sind wir vernünftig und wir wollen gut sein. Daran hindert uns unser "Reptiliengehirn" (Hirnstamm), das uns ständig dazu bringen will, egoistisch zu handeln. 

Dadurch kommt es zur Tragik der Allmende [die freilich nicht unvermeidbar ist].

"Im Nordpazifikwirbel zwischen Asien und Amerika treiben auf einer Fläche von über anderthalb Millionen Quadratkilometern (das sind ungefähr drei Frankreichs) geschätzt 1,8 Billionen Plastikteilchen [...] zusammen die sechsfache Menge allen Planktons der Welt." (S. 224) [Und das sind  nicht einmal 0,14 % des gesamten Plastikmülls in den Meeren. (Wikipedia)]

(Zu beachten auch die Gefahren durch das Schmelzen der Eisschilde auf den Polarkappen und denen auf Grönland und in der Arktis, vgl. auch Einfluss auf das Klima   durch Polarozeane,  Eisschilde und Meereis.)

Teil 7: Wie wir wachsen oder auch nicht (S.277ff.)

Ein Mentalitätswandel zu Kooperation könnte die bei Effektivitätsgewinnen (Faktor vier) gefährlichen Reboundeffekte (Mehrverbrauch, der Effektivität zunichte macht, z.B. SUV) verhindern und bei der Bemühung um Nachhaltigkeit (VeggiedayBackfireeffekte ("Verbotskultur") vermeiden. Prognosen, die heute noch den Reboundeffekt einrechnen müssen, könnten sich bei gesamtgesellschaftlichem Nachhaltigkeitsbewusstsein als viel zu pessimistisch erweisen, wenn es dann schick ist, alle Einsparungsmöglichkeiten wirklich effektiv zu nutzen. (S.282)

Teil 8: Science-Faction

Im letzten Abschnitt leistet Schätzing sich den Spaß, vorhandene Lösungsansätze geradlinig zu extrapolieren, um zu lauter Lösungen für Umweltprobleme zu kommen.

Ein Beispiel für viele: "Künstliche Intelligenz wird Extremwetter und Naturkatastrophen vorhersagen, Ökosysteme durch Auswertung von Satellitendaten lückenlos überwachen und gezielt Strategien gegen Artensterben, marine Vermüllung, Wilderei und Überfischung zu entwickeln." (S.321)

Die Lösungsansätze wie CO2-Bindung durch Algen (S.308/09), Zentrale Steuerung sich den Nutzerwünschen anpassender Fahrzeuge gibt es (S.312). Schätzing überspringt bei seiner Utopie für 2050 nur alle nur denkbaren Hindernisse, um uns eine denkbare Lösung vorzuführen. 
So plädiert er für sicherere Atomspaltungs- und -fusionsreaktoren als Übergangstechnologie, weil außerhalb Deutschlands so und so neue Atomreaktoren entstehen* (S.325-27).

"Gibt es ein Best–Case–Szenario? Ich weiß es nicht. 
Lohnt es, dafür zu kämpfen? 
Unbedingt!" (S.332)

25 Februar 2021

Barack Obama: A Promised Land

 Barack Obama: A Promised Land (Wikipedia englisch)

dt. Ein verheißenes Land (Rezensionen bei Perlentaucher)

zur Rezension von Reymer Klüver in SZ:

"Man erfährt, was es heißt, Präsident zu sein - und dies klar zu machen sei tatsächlich einer der Schwerpunkte der Obama-Erzählung. Insgesamt ist er der Meinung, dass der "Spagat" dem Autor ganz gut gelingt - sich selbst und seine Motive und Handlungen gut aussehen zu lassen, gleichzeitig aber auch deutliche Selbstkritik zu äußern darüber, dass der notwendige Wandel in der Gesellschaft der USA während seiner Amtszeit nicht vollzogen wurde. Den Rassismus vor allem der Republikaner, den er als Grund dafür angibt, macht eine spannende Binnenerzählung aus, findet der Kritiker" 

zur Rezension von Mladen Gladic in: Die Welt

"Der Mix aus Traditionsbewusstsein, mit dem Obama seine politischen Idole vorführt, und Einblicken ins Private gefällt dem Rezensenten allerdings. Und schließlich: Wer hätte die Augen von Angela Merkel je so gut beschrieben wie dieser Präsident?"

Da mir dies Buch, von denen, die ich gegenwärtig lese, das wichtigste ist, ist mir wichtiger, dass ich halbwegs dran bleiben kann. Deshalb vorläufig nur unzusammenhängende Notizen:

Präsident Andrew Jackson entkam den Tausenden von Betrunkenen bei seiner Inaugurationsfeier 1829 dem Vernehmen nach nur durch ein Fenster. (S.220)

Seit seiner Amtsübernahme fiel die übliche Anrede mit Vornamen fort (nur die engeren Familienmitglieder und sehr nahe Freunde behielten sie bei), allgemein war die Anrede immer Mr. President und nur im Weißen Haus gestatteten sich engere Mitarbeiter das bequemere POTUS [vgl. FLOTUS für Michelle], das Aufstehen aller, wenn er den Raum betrat, konnte er seinen Mitarbeitern nicht abgewöhnen. (S.249)

Die Geheimdienstleute, die ihn zu beobachten hatten, sprachen in ihre Mikrophone, wenn er auf die Toilette ging, "Renegate to Situation Room" (u.ä.), da wurde er also als Abtrünniger bezeichnet. Anlass genug für Obama, den dritten Teil seines Buches (Kapitel 10-13) mit Renegate (S.203) zu betiteln..  

Schon das Gesetz zur Rettung der Banken, (TARP) das George W. Bush in der Bankenkrise 2008 eingebracht hatte, galt bei vielen Republikanern als eine unerhörte Einmischung des Staates in wirtschaftliche Angelegenheiten, viele der republikanischen Abgeordneten, die dafür gestimmt hatten, hatten dafür Kritik einstecken müssen (S.255). Daher war trotz der offenkundigen Notwendigkeit einer Ankurbelung der Wirtschaft kaum mit republikanischer Unterstützung für den American Recovery and Reinvestment Act [zum Vergleich mit F.D.Roosevelts New Deal vgl. S.239/40) zu rechnen. Es gelang dann aber doch, die notendigen drei Stimmen republikanischer Senatoren zu gewinnen(S.263), die notwendig waren, ein Filibuster (S.243) zu verhindern. 

 Jim Crow (deutsche Wikipedia) (S.243 u. passim)

Stresstest der Banken (S.280)

Boehner   McConnel

USA einerseits als vorbildliche Demokratie, andererseits als rassistisches Land mit imperialistischem Umgang mit Entwicklungsländern. (S.310)

S. 311 ff. Afghanistan, al-Qaida, Irak u.a.

Robert Gates

The Good Fight (S.331-421)

G 20 in London (S.333-345) 

Vaclav Havel (S.350/51)    Kairo S.358ff.

Health care / Obamacare / Affordable Care Act (S.375-426)

Allein für die Darstellung der Durchsetzung dieses Gesetzesvorhabens lohnt es sich, das Buch anzuschaffen. Wie in "Hoffnung wagen" (Audacity of Hope) über die Ängste eines Politikers so spricht Obama hier offen über die Schwierigkeiten, die ein demokratischer US-Präsident mit einer demokratischen Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus hat, ein Gesetz durchzubringen. Offen sagt er, wie viele sachlich nicht gerechtfertigte Zugeständnisse auf anderen Gebieten Politiker im US-System an einzelne Abgeordnete und Senatoren machen (müssen?), um eine Gesetzesvorhaben durchzubringen. Andererseits macht er deutlich, dass trotz der Zwänge des Systems und der Existenzängste der Politiker Einzelne doch sagen können: 

"Es gibt Dinge, die wichtiger sind, als wiedergewählt zu werden." (Tom Periello, ein 35-jähriger Menschenrechtsanwalt, der dank äußerstem Engagement in einem bisher republikanisch dominierten Umfeld in Virginia Abgeordneter geworden war, sagte diesen Satz - und wurde prompt nach 2 Jahren abgewählt. - "In the Democratic Republic of Congo, Perriello worked closely with the national council of Catholic bishops to support mediation between the president and opposition groups over a political crisis triggered when the president attempted to stay in office beyond his constitutional term.[55] This work culminated in the historic New Year's Eve agreement on December 31, 2016, which lays out a path to the first peaceful transition of power since the country's independence in 1960.[56]*" (en-Wikipedia))

*In der Demokratischen Republik Kongo arbeitete Perriello eng mit dem Nationalrat der katholischen Bischöfe zusammen, um die Vermittlung zwischen dem Präsidenten und Oppositionsgruppen über eine politische Krise zu unterstützen, die ausgelöst wurde, als der Präsident versuchte, über seine verfassungsmäßige Amtszeit hinaus im Amt zu bleiben.  Diese Arbeit gipfelte in dem historischen Silvesterabkommen vom 31. Dezember 2016, das einen Weg zum ersten friedlichen Machtwechsel seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1960 darstellt.

In seiner Darstellung hebt er [Obama] auch die besonderen Qualifikationen von Nancy Pelosi hervor (S.420/21), die nach einer 15-minütigen Darstellung der schier unüberwindlichen Schwierigkeiten, Obamacare in einer den linken Demokraten inakzeptablen Form im Repräsentantenhaus durchzusetzen, Obama erklärte, natürlich werde sie das unternehmen. Es wird verständlich, weshalb die am 26.3.21 81-jährige Politikerin 2019 wieder zur Sprecherin des Repräsentantenhauses gewählt worden ist. In dem Alter halten außer Konrad Adenauer an sich nur Diktatoren an einem Spitzenamt fest, aber wenn die US-Demokratie unter Joe Biden gerettet werden kann, wird vermutlich sie einen wesentlichen Anteil daran gehabt haben. 

Und schließlich sagt Obama "I love nuns.", als die 66-jähriger Carol Keehan als Sprecherin der katholischen Gesundheitsorganisation der USA der katholischen US-Bischofskonferenz widersprach und betonte, wie wichtig Obamacare für die Arbeit der Gesundheitsorgani-sation sei. (S.422/23) 

Am Schluss des Kapitels (wie immer sehr szenisch dargestellt und unter gebührender Erwähnung des Familienhunds der Präsidentenfamilie: "Bo") schreibt Obama: "I thought about Ted Kennedy and I thought about my mom." (S.426) [Weshalb, das hat er weiter vorn - auch bereits ziemlich emotional - dargelegt.] Ein Satz, wie man ihn vermutlich nicht nur in Adenauers Memoiren vergeblich suchen wird.

Kurz vorher hatte er schon geschrieben, dass ihm das mit Obamacare erfüllte Versprechen wichtiger gewesen sei als der Gewinn in der Präsidentschaftswahl. (S.426)

The World as it is S.427-516

Afghanistan S.431-439

Nobelpreis S.439/40; 445/46

Iran S.450-456

S.456-467  Medwedew (vorsichtig auf Putins Linie, aber aufgeschlossen), Putin

Gorbatschow S.466

China u. Japan S.472-485

Klimawandel, Umwelt S.486ff.

Auf  den Seiten 499-516 stellt Obama dar, weshalb er keine Chancen für die Zustimmung des Senats zu einem weiterreichenden Klimaabkommen/Vertrag in Kopenhagen gehabt habe und dass er die Kompromissformulierung nur einem überfallartigen Vorgehen verdankt habe. 

[ "The agreement brokered by Barack Obama has faced international criticism from all sides, but most participants are already back home trying to portray it as a national political victory" The Guardian, 20.12.2009]

In the Barrel  (in der Zange; barrel wörtlich: Fass) S.517 ff.

Griechenlandkrise S.525-531

Michelle S.543/45

Sasha

Zu den Entspannungen gehörte für Obama das abendliche Vorlesen für Sasha. Bis sie erklärte, jetzt könne sie selbst lesen und brauche ihn nicht mehr. 

Da musste er sich etwas anderes suchen und spielte Basketball mit Reggie Love. Wenn es Obamas Zeitplan zuließ, organisierte der auch Spiele mit Basketballspielern seiner Bekanntschaft. Und wenn Obamas Team mal gegen Reggies Team gewonnen hatte, dann bekam Reggie das noch lange danach zu hören.
"But the enjoyment, I got from playing basketball was nothing compared to the thrill - and stress - of rooting for Sashas fourth grade rec league team." (S.540)

Michelle S.543-45

Bei der Darstellung der Reform des Finanzsystems ("Wall Street") (S.545-556) tut Obama alles, um dieses abstrakte Thema und den Gesetzgebungsprozess zu personalisieren und scheut am Ende des Kapitels nicht vor einem cliff hanger zurück, um eventuell ermüdete Leser bei der Stange zu halten.

Deep water horizon S.557-75

Midterm Probleme S.575/76

Afghanistan S.576-580o

Guantánamo S.580-597

Indien S.598-603

New START S.603-08

DADT Versuch es im Sinne von LBGTQ-Rechten auszuweiten S.609-614

Immigration, DREAM Act S.614-19

On the High Wire S.621

Nahostkonflikt, bes. Israel-Palästinenser S.623ff.

Samantha Power S.638

Arabischer Frühling S.641

Ägypten (Revolution in Ägypten 2011)

Mubarak (Husni Mubarak, S.642); Frank Wisner, S.645

Syrien S.653

Libyen; Gaddafi S.653; Bill Daley, S.655/56

"Where would the obligation to intervene end?" (S.655)

Brasilien S.661

Malia und Sasha S.664/65

Chile, Flugzeugabsturz, vermisster Soldat in Libyen S.665-67

Antritt zur Wiederwahl S.669

Donald Trump S.672

"I kept my face fixed in an accomodating smile, as I quietly balanced on a mental high wire, my thoughts thousand miles away." (S.692)

Osama bin Laden; al-Qaida S.676-701

Robert Gates

McRavenBagram Air BaseJalalabad/Dschalalabad (Afghanistan),

Operation Neptune Spear; Navy SEAL Team 6 2.5.2011 (S.693/4)

Pakistan, Abottabad (S.693-701)






31 August 2017

Wieland den Leugnern des menschengemachten Anteils am Klimawandel ins Stammbuch

Aber die Natur der Dinge hängt nicht, wie das Glück oder Unglück der Menschheit, von den Begriffen der Großen ab. Sie können nicht verhindern, daß die Strafen der Natur nicht unfehlbar auf die Verachtung eines jeden Gesetzes der Natur folgen; [...]
»Die vollkommensten Gesetze«, sagte Sokrates, »sind diejenigen, welche man nicht ungestraft übertreten kann, weil sie uns durch die natürlichen und unvermeidlichen Folgen ihrer Übertretung bestrafen«
(Wieland: Der goldene Spiegel 2. Teil)

Der zukünftige Prinzenerzieher hatte offenbar schon von Sokrates den pädagogischen Grundsatz der "natürlichen Folgen"* gelernt. 

*"natürliche Folgen: treten ohne dazutun des Erziehers ein" (Lia Konstantini)