Posts mit dem Label Heinrich Mann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Heinrich Mann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

26 August 2025

Thomas Mann: Königliche Hoheit

 Wenn man die Namenswahl, Titel und Berufsbezeichnungen der handelnden Personen in diesem Großherzogtum von 8000 km² und 1 Mill. Einwohnern betrachtet: Hauptmann Lichterloh,  Graf Schmettern, Doktorin Gnadebusch, die Hebamme, den Hofprediger Oberkirchenratspräsident D.W. so fühlt man sogleich die ironische Distanz des Erzählers. Man könnte an eine Satire denken. 

Das ist es nicht. Doch die "unrentable" Eisenbahn, die Zerstörung der Finanzkraft des Landes durch Umweltzerstörung, die Kritik an der Torheit von falschen Schulzuweisungen, all das ist ernst gemeint. Dennoch dieser ironische Abstand von der  Wilheminischen Ära, mit dem diesem an zweiter Stelle Thronberechtigten, der äußerlich sehr deutlich Wilhelm II.  nachgebildet ist, aber in seiner seelischen Situation ein wenig verfremdetes Bild des damaligen Verfassers Thomas Mann ist (zweiter Sohn und zunächst weit hinter seinem Bruder Heinrich zurückstehend). 

Die märchenhafte Begegnung dieses Erben, der unter Verpflichtungen der Tradition leidet wie Hanno Buddenbrook (und Thomas Mann), mit der Erbin eines Superreichtums entfernt sich dann vom satirischen Einschlag und ähnelt sehr dem, was Thomas Mann sehr bewusst angesteuert hat, um ganz seiner Bestimmung als Schriftsteller zu leben, ohne wie Oscar Wilde die Ächtung durch die Gesellschaft fürchten zu müssen (dennoch hat er nie ein Outing für möglich gehalten, wie sein ältester Sohn es ihm vorlebte).

Er wählte ein "strenges Glück" (die letzten Worte des Buches). 

Schon vor seiner Hochzeit (Königliche Hoheit erschien erst 1907, nach der Geburt seines 3. Kindes) wählt er in einem Brief an seinen Bruder Heinrich diese Verknüpfung, wenn auch nicht in dieser einem Oxymoron ähnlichen Verkürzung:

"Es geht ihm einmal darum, den Bruder zu versichern, dass er 'das nicht ganz simple Problem unseres Verhältnisses' nicht vergessen habe und dass er nicht nur an das eigene Glück denke; in der Hauptsache, aber wolle er erklären, dass das neue Leben nicht so ganz dem Schlaraffenland, das Heinrich so geschmäht hatte, entspreche. Was war schließlich Glück? 'Nie habe ich das Glück für etwas Leichtes und Heiteres gehalten, sondern stets für etwas so Ernstes, Schweres und Strenges wie das Leben selbst… Ich habe es mir nicht 'gewonnen', es ist mir nicht 'zugefallen'.Ich habe mich ihm unterzogen: aus einer Art Pflichtgefühl, einer Art von Moral, einem mir eingeborenen Imperativ… Das 'Glück' ist ein Dienst…  ich betone das nicht, weil ich irgendwas wie Neid bei dir voraussetze, sondern weil ich argwöhne, dass du im Gegenteil sogar mit Geringschätzung auf mein Neues Sein und Wesen blickst. Tu das nicht. Ich habe es mir nicht leichter gemacht. Das Glück, mein Glück ist zu in zu hohen Maße ist in zu hohem Grade Erlebnis, Bewegung, Erkenntnis, Qual, es ist zu wenig dem Frieden und zu nahe dem Leiden verwandt, als dass es meinem Künstlertum dauernd gefährlich werden könnte… Das Leben, das Leben! Es bleibt eine Drangsal, und so wird es mich denn wohl auch mit der Zeit zu ein paar guten Büchern veranlassen." (zitiert nach: Donald Prater: Thomas Mann, 1995, S.95)

Die Strenge des Hofzeremoniells, die Klaus Heinrich erlebt, erfährt Thomas erst, als er in die Sphäre der finanziellen und gesellschaftlichen Elite eintritt und sich dort behaupten muss, um zu rechtfertigen, dass er die hochbegabte Mathematikerin von einer Promotion fernhalten will, um sie zu seiner Gattin und folglich zur Hausfrau (später "selbsternannte" "Frau Thomas Mann") zu machen. Aus Pflichtgefühl seiner Begabung und seiner seelischen Empfindsamkeit, die ihm ein Künstlerleben und Werk zur moralischen Pflicht macht.

Wer schon vor dem 1. Weltkrieg an der Wilhelminischen Gesellschaft das kritisierte, was seit der Coronazeit Kritiker dem vereinigten Deutschland nachsagten, hat trotzdem während des Weltkriegs die Abfassung der Betrachtungen eines Unpolitischen für seine moralische Pflicht gehalten, die ihn für geraume Zeit von seinem Bruder, dem von ihm so bezeichneten "Zivilisationsliteraten", entfremden sollte. 

24 Februar 2023

Heinrich Mann: Im Schlaraffenland

1. Kapitel Der Gumplacher Schulmeister

Im Winter 1893 arbeitete Andreas. Er war fleißig wie ein armer Student, der nicht in alle Ewigkeit auf den Wechsel von zu Hause rechnen kann. Als es aber Frühling ward, ging eine Veränderung mit ihm vor. Während der Osterferien, die er aus Mangel an Reisegeld in Berlin verbrachte, mußte er immerfort an die Freunde denken und an die Fahrten, den Rhein zu Berge. Ein ausgiebiger Vorrat von des Vaters prickelndem Federweißen befand sich im Boot.

Das Heimweh veranlaßte den jungen Mann zum Nachdenken. Er überlegte sich die große Zahl der Geschwister und die schlechte Ernte des vorigen Jahres. Nun, mit dem Weinberg, der nur noch alle sieben Jahre einmal ordentlich trug, würde er nichts mehr zu tun haben. Sein zukünftiges Erbteil ging bei seinem Studium im voraus drauf. Merkwürdigerweise schloß Andreas hieraus nicht, daß er um so schneller auf das Examen loszuarbeiten habe, sondern daß seine Anstrengungen gar zu wenig lohnend seien. Als mittelloser Schulamtskandidat war alles, was er tun konnte: nach Gumplach zurückkehren und auf eine Anstellung am Progymnasium warten. War das eine Zukunft für ihn, Andreas Zumsee, dessen Talent, nach Ansicht aller, zu großen Hoffnungen berechtigt hatte? Mit achtzehn Jahren hatte er Gedichte gemacht, mit denen seine Freunde und sogar er selbst vollkommen zufrieden gewesen waren. Seitdem hatte der »Gumplacher Anzeiger« eine Novelle von ihm gebracht, die ihm die Gunst des Mäzens von Gumplach eingetragen hatte. Es war der alte Herr, den es in jeder kleinen Stadt gibt, und der bei seinen Mitbürgern als harmloser Sonderling gilt, weil er sich mit Literatur befaßt.

Am Ostersonntag besuchte Andreas das Königliche Schauspielhaus, um den ersten Teil des Faust zu sehen. Auf der Galerie zog er sich hinter einen Pfeiler zurück. Er hatte keinen Bekannten in Berlin, schämte sich aber seines billigen Platzes. Seine Eitelkeit legte ihm Opfer auf. Im Zwischenakt stieg er, nicht weil es ihm Freude machte, sondern weil die Selbstachtung es ihm gebot, ins Parkett hinab und drängte sich auf dem Korridor in der guten Gesellschaft umher.

Einmal staute sich der Zug der Wandelnden, weil viele gaffend und horchend zwei bedeutend aussehende Herren umdrängten. Den größeren von ihnen erkannte Andreas sofort wieder; es war der Professor Schwenke, ein Akademiker, der sich eine Ausnahmestellung verschafft hatte dadurch, daß er alles Moderne protegierte. Er trug eine Künstlerlocke auf der Stirn, hielt die Hände in den Taschen seines hellen Jacketts und hatte so große Furcht, pedantisch zu erscheinen, daß er beim Sprechen den Oberkörper stets in einem burschikosen Schwunge erhielt. Sein Gegenüber war einen Kopf kleiner, bartlos, und sein borstiges schwarzes Haar hing über einem Halskragen von zweifelhafter Weiße. Er hatte eine Adlernase und gelblederne Gesichtshaut, und sein zu weiter Gehrock reichte bis unter die Knie hinab. Andreas war sehr begierig zu wissen, wer diese Persönlichkeit sei, die äußerlich zwischen Clergyman und Konzertvirtuosen ungefähr die Mitte hielt. Ein Herr, der von fern dem Kleinen winkte, rief:

»Herr Doktor Abell!«

»Sollte das Abell sein?« dachte Andreas, »der Kritiker des ›Nachtkurier‹?«

Er konnte es kaum fassen, daß man die großen Männer, die im Reich der Begriffe lebten, hier in der Wirklichkeit wiederfand. Sein Herz schlug höher, und er schaute sich argwöhnisch um, ob man ihm etwas anmerke. Denn er wollte um keinen Preis naiv aussehen. [...] 

Heinrich Mann: Im Schlaraffenland 1. Kapitel Der Gumplacher Schulmeister

8.Kapitel

"[...] Frau Türkheimer fand diesen einsamen Mönch fürchterlich wie eine Erscheinung. Bei seinem Anblick wickelte sich eine rasche Folge von Schreckensvorstellungen in ihr ab, die sie der langjährigen Lektüre des »Nachtkurier« und des »Kabel« verdankte. Denn ihr und den aufgeklärten Lesern dieser Zeitungen war es nicht genau bekannt, ob es noch Mönche gäbe, und sie hielten die katholische Kirche für ein Gespenst des finsteren Mittelalters, das dann und wann aus verschütteten Gräbern aufstand, um gräßlich mit Ketten zu rasseln. Sobald sie sich daher ein wenig erholt hatte, dachte Adelheid daran, ungesehen zu entkommen. Sie mußte ein verkehrtes Zimmer betreten haben, vielleicht befand sie sich auch in einem falschen Hause. Aber der Anblick einer Locke, die über die braune Kapuze fiel, hielt sie in ihrem Rückzüge auf. Das war doch Andreas' Haar? Der Mönch hob langsam den Kopf. Sein Auge war geschlossen, aber sie erkannte sein Profil, das sich blaß aus der Dämmerung heraushob. Ganz leise, noch ein wenig zitternd, schlich sie zu ihm hin und legte weich ihre Hand auf seinen Kopf. Er schlug die Augen auf, noch immer in Gedanken.

»Wie hast du mich erschreckt!« flüsterte sie.

»Dich erschreckt? Wodurch?« fragte er lächelnd. Er stand auf und schob ihr einen Stuhl hin.

»Du meinst, mit meinem Gewand? Aber das ist ja mein Arbeitskleid.«

»Trägst du immer solchen Schlafrock?« fragte Adelheid unschuldig. Er war gekränkt.

»Das könnt ihr natürlich nicht begreifen, wie wichtig für uns der Rock ist, in dem wir am Schreibtisch sitzen. Meinst du, daß ich im Frack dieselben Gedanken habe, die mir in der Kutte kommen?«

»Gewiß nicht!« beteuerte Adelheid. Andreas' Benehmen befremdete sie ein wenig, aber es war doch recht interessant. Bedeutende Menschen mußten solche Marotten haben, und die seinige war eigentlich schick.

»Ich verstehe dich, Andreas«, sagte sie, »und ich kann mir jetzt schon denken, wie du dichtest.«

»Ich dichte katholisch«, erklärte er in bestimmtem Ton, den Blick auf die matterhellte Fensterscheibe gerichtet. Adelheid sah von dem blutigen Christus, der aus der Dunkelheit immer beängstigender hervorschien, auf Andreas' braune Kutte, und ein Schauer von Grauen und von Wohlbehagen durchrieselte sie. Sie war sehr zufrieden damit, daß sie unter den vielen jungen Leuten, die in ihrem Hause verkehrten, gerade diesen auf den ersten Blick ausgewählt hatte. Weder Frau Mohr noch Frau Bescheerer noch Lizzi Laffé noch irgendeine hatte je so etwas gekannt. Er war würdig, von ihr geliebt zu werden. Übrigens stand ihm seine Kutte gut, sie gab ihm etwas Schwärmerisches.

Sie neigte sich zu ihm, legte ihren Arm auf den seinigen und sah ihm zärtlich in das Gesicht, das von Denken und Askese gebleicht schien. Das gute Leben der letzten Tage hatte die Folgen der billigen vegetarischen Ernährung zur Zeit des »Café Hurra« und der zahlreichen durch stramme Haltung ersetzten Mittagsessen noch nicht beseitigt. Adelheid sagte:

»Du fragst gar nicht, warum ich mich verspätet habe? Ich konnte nichts dafür. Wenn du wüßtest.«

»Du kannst zu jeder Stunde kommen, die dir gefällt. Ich muß immer dafür dankbar sein«, versetzte er, doch in einem Ton, aus dem sie heraushörte: »Wenn es sein muß, verzichte ich auch ganz darauf.«

»Du hast es hier aber heiß«, sagte sie, und sie warf ihre Büste herausfordernd zurück. Ihre Finger nestelten an den Knöpfen. Er ließ einen gleichgültigen Blick über ihre Brust gleiten, die den Stoff zu sprengen drohte, doch damit begnügte er sich. Adelheid fühlte sich verschmäht, und sie empfand solchen Schmerz über seine Kälte, daß sie aufseufzend nach ihrem Herzen griff.

»Mir wird unwohl«, flüsterte sie.

Andreas fing sie auf, doch ließ er sie sofort aus seinen Armen zurück in den Sessel gleiten. Er sah sich nach dem Sofa um, aber er fand es unmöglich, Frau Türkheimers Last bis dorthin zu tragen. Adelheid sah dies selbst ein, sie richtete sich auf. Um seine Haltung zu bewahren, zündete Andreas die Lampe an.

»Soll ich das Fenster öffnen?« fragte er.

»Ach, laß nur, wir wollen plaudern. Hast du noch an ›Rache!‹ gedacht? Wie dir der dritte Akt gefallen hat, weiß ich noch gar nicht. Und die Kritiken, die Klempner bekommen hat! Hast du Abell gelesen?«

Sie redete hastig, um ihre Angst zu betäuben. War sie zu alt, wirklich zu alt für ihn? Verschmähte er sie?

»Nun ja, Abell! Ich finde, er schwatzt Unsinn«, erklärte Andreas. Er holte den »Nachtkurier« herbei und las die Schlagwörter heraus, die er in aller Eile ein wenig parodierte:

»Ein neuer Stern ist aufgetaucht, der manchen unserer dramatischen Epigonen aus dem Felde schlagen dürfte ... Geniale Synthese einer differenzierten Gesellschaftspsychologie ... Napoleonische Bewegung der Massen ... Überlegener sozialer Gerechtigkeitssinn ...«

Andreas setzte sich in Positur und ahmte die elegante Handbewegung des Doktor Bediener nach.

»Daß wir im politischen Teil 'ne gesunde liberale Wirtschaftspolitik pflegen und auch für den niederträchtigsten Fabrikdirektor voll und ganz eintreten, versteht sich von selbst. Wir wären verrückt, wenn wir es nicht täten. Aber im Feuilleton nehmen wir Stellung für die Unterdrückten, wegen unseres überlegenen sozialen Gerechtigkeitssinnes, wissen Sie wohl. Wir betrachten uns nämlich als ein Organ der deutschen Geisteskultur.«

Er hob die rechte Braue, als ob er ein Glas aus dem Auge fallen ließe, und die Sprechweise des Chefredakteurs war gar nicht zu verkennen. Adelheid zeigte sich entzückt, sie klatschte in die Hände.

»Du kannst aber auch alles«, sagte sie zärtlich.

Andreas war geschmeichelt. Abells Kritik hatte ihm zwar eigentlich ungemein wohlgefallen, weil er sie mit Gefühlen las, als sei es schon die Rezension seines eigenen, zukünftigen Werkes. Aber einen Lobgesang auf Klempner in Adelheids Gegenwart angestimmt zu hören, das widerstrebte ihm durchaus.

»Es ist wahr«, meinte sie. »Man muß so etwas nicht ernst nehmen. Die Blätter ulken eigentlich alle.«

»Und Klempner?« fragte Andreas. »Findest du ihn besonders nobel? Er hat die ganze Zeit an deinem Tisch und an den Tischen anderer reicher Häuser gesessen, während er heimlich damit beschäftigt war, die besitzende Klasse verächtlich zu machen und in den Schmutz zu zerren. Was sagst du dazu? Ich sage pfui!«

»Und das mit Recht! Oh, du bist edel!«

In ihren Kreisen hatte noch niemand an das gedacht, was Andreas aussprach. Sie sah ihn ganz erstaunt an. Sein sittliches Feingefühl erfüllte sie mit aufrichtiger Bewunderung.

»Du bist edel!« wiederholte sie, und sie dachte:

›Ah! Er wäre nicht imstande, mich zu verkaufen, wie Ratibohr es getan hat.‹

Dieser Erfolg entwaffnete Andreas. Er verzieh Adelheid den allzu flehentlichen Brief, den er ihr geschrieben, und die Stunde, während der er sie erwartet hatte. Sie würde es nie mehr als eine Gnade ansehen, wenn sie ihn besuchte, er hatte sie gestraft und durfte jetzt von seiner Zurückhaltung schon ein wenig ablassen. Er rückte ihr daher auf seinem Stuhl so nahe, daß seine Knie sich eng gegen die ihrigen preßten, er legte eine Hand um ihre Taille und flüsterte:

»Wie lieb kannst du sein! Sei immer so mit mir, bitte!«

»Du bist edel«, wiederholte sie, hingerissen von den Liebkosungen seines Mädchenblickes und seiner weichen Stimme.

»Ist dir jetzt nicht mehr heiß?«

»Nein.«

»Wirklich nicht?«

»Wirklich nicht.«

»Ich glaube doch, ein kleines bißchen?«

Sie tat, als wehrte sie ihm, wie er sich an ihren Knöpfen zu schaffen machte, aber vor Wohlbehagen ließ sie ein leises Gurgeln hören. Seine Hände besaßen einige natürliche Geschicklichkeit. Ihre ungeübten Zärtlichkeiten waren wohl etwas täppisch, aber so spaßhaft, daß man sie ihr schwer verübeln konnte. Er machte sich ganz klein vor Adelheids üppigen Reizen und sah so ungefährlich aus wie ein kleiner lasterhafter Junge, der frühzeitig mit seiner Amme Scherz treibt.

»Oh, Andreas«, seufzte sie, als sie bereits schwer in seinen Armen lag, ganz verwundert, daß es nun schon so weit gekommen sei.

»Ich liebe deinen Hals«, sagte er, und seine Küsse zwangen sie, den Kopf immer weiter zurückzulegen, bis seine genußsüchtigen Lippen von unten her über die breite Fläche ihres fleischigen Doppelkinns glitten, dessen weiße, zarte Haut ihnen schmeichelte. Zu innig ihren Gefühlen hingegeben, um an etwas zu denken, sagte sie nochmals:

»Du bist edel.«

»Du hast eine schöne Kinnlinie«, sagte er, indem er sie weiter auf seinen Schemel herüberzog, der umzuschlagen drohte.

»Du bist edel«, wiederholte sie, und damit glitten sie, ein wenig heftig, so daß es fast ein Sturz war, auf das schmale Schülerbett, das die ungewohnte Last nicht ohne beträchtliches Ächzen empfing. Das war alles. Andreas hatte es sich nicht so einfach gedacht.

Als sie einen Augenblick zur Besinnung kamen, wollte er die Kutte abwerfen. Adelheid hielt seinen Arm fest.

»Laß das!« befahl sie, und sie meinte, er müsse ihr die teuflische Lust ansehen, vor der ihr selbst beinahe graute. Denn sie fand ein ungeahntes Vergnügen daran, den Mönch zu lieben. Noch nie war sie von einer solchen verheerenden Leidenschaft erfüllt gewesen. Jetzt begriff sie den Satanismus und die Magie, den Sadismus und noch andere Perversitäten, von denen sie hatte erzählen hören. Keine ihrer Bekannten, nicht einmal Frau Pimbusch, die doch mit allen möglichen Infamien prahlte, konnte je so etwas erlebt haben. Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete Andreas mit der entsetzensheißen Begehrlichkeit einer Sphinx.

Er war weit davon entfernt, sie zu verstehen. Doch war auch sein Vergnügen unerwartet groß, und er sank in Adelheids Arme zurück, noch bevor sie ihn riefen. Das erste, was aber aus der vollständigen Hingabe seines Willens an die geliebte Frau wieder emportauchte, war seine Eitelkeit. Er setzte sich im Bette auf.

»Ich habe dir noch gar nicht meine Gedichte vorgelesen«, sagte er.

»Ach ja!«

Sie unterdrückte ein Gähnen, indem sie ihn gewähren ließ. Doch dann ward die ausschweifende und verderbte Phantasie, die sie erst heute in ihrer Seele entdeckt hatte, von neuem genährt durch den Anblick des bleichen Dichters im Mönchsgewand, der sie, die in Sünden Geliebte, mit den Rosen seiner Poesie überschüttete. Er las mit schneidender Stimme und feierlicher Gebärde. Dann stellte er Fragen.

»Wie gefällt dir diese Nuancierung der Gefühle? Empfindest du nicht die behutsamen Schauer dämmernder Düfte, Farben und Töne?«

Adelheid zeigte sich gelehrig. An der richtigen Stelle warf sie ein Lob dazwischen.

»Sehr nett!« sagte sie. »Schick! Ganz reizend!«

Endlich zog sie ihn, wie ein Kind, das lange genug gespielt hat, wieder an sich. Er fiel so ungeschickt, daß seine Dichtungen, wie matte Schmetterlinge, hinab und über den Fußboden flatterten.

Dann erklärte er alles, was er bisher gelesen habe, für überwunden.

»Es ist nicht immateriell genug, wir kehren zum ganz Einfachen und Idealen zurück«, sagte er.

»Oh, du bist ein Sonnenkind, du siehst alles durch eine goldene Brille an.«

Er begann eine Ode »An die Reue« vorzutragen. Sie bemerkte:

»Es erinnert an Schiller.«

»Soll es auch«, erklärte Andreas.

Sie lauschte. Aber allmählich wurde das Wogen ihrer Brust angstvoller, und sie seufzte.

»Oh, du machst mich ganz traurig!«

Die hehren Klänge seiner neuesten Poesie hatten ihr Herz erschüttert. Sie kniete, den Kopf in die Kissen vergraben, so daß ihre Hüften unter der Decke berghoch aufragten, und sie schluchzte krampfhaft. Er bemühte sich, die Magdalena zu trösten; ihre Buße, die ein Werk seines Dichterwortes war, rührte ihn.

»Adelheid, wir lieben uns doch!« sagte er.

»Unsere Liebe ist Sünde!« stöhnte sie, von großen Tränen erstickt.

Die Stimmung überwältigte ihn, ihre Reue teilte sich auch ihm mit. Er vergaß Ratibohr und die lange Reihe ehemaliger Liebhaber, die er sich sonst im Schatten von Frau Türkheimers Vergangenheit vorgestellt hatte. Nur seinetwegen war sie vom rechten Weg abgewichen, und in diesem schmeichelhaften Bewußtsein weinte er mit der Geliebten. Die Schauer ihres sittlichen Pathos waren bestimmt, in einer neuen Umarmung auszuzittern. [...]"

Heinrich Mann: Im Schlaraffenland, Kapitel 8: "Rache!"

22 Februar 2023

Heinrich Mann

 "Heinrich Mann ist nicht imstande, sich in die Gesellschaft zu integrieren, bleibt außen vor, findet keine Möglichkeit, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Kurz, er ist genau der Migrant, der selbst die Mindestanforderungen an einen Migranten der ersten Generation nicht erbringt." (H. u. Th. Mann)

So habe ich Heinrich Mann im Gegensatz zu Thomas Mann charakterisiert. Gewiss in Kenntnis der Biographie von Manfred Flügge (2006). Diese Kennzeichnung trifft insbesondere für den Heinrich Mann als werdender Schriftsteller (konservativ, Symbolist, den Naturalismus zurückweisend) und für den alternden Schriftsteller in den USA, der von seiner Leserschaft und dem zeitgenössischen literarischen Diskurs weitgehend  isoliert lebt.

Bestimmend war für mich freilich immer der Blick auf den politischen Autor gegen Ende der Kaiserzeit (Professor Unrat und Der Untertan) im Gegensatz zu dem betont unpolitischen Thomas Mann der Betrachtungen eines Unpolitischen. 

Dass Heinrich kurzzeitig (April 1895 bis April 1896) Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert" war (Flügge, S.53/54) habe ich rasch vergessen.

Dazu Flügge: "Er selbst steuerte jeden Monat mindestens zwei umfangreiche Artikel bei und schrieb insgesamt etwa 50 Beiträge, davon 33 unter seinem Namen. Auch sein Bruder Thomas wurde von ihm zur Mitarbeit herangezogen. Das Erstaunen von Thomas über die spätere politische Wandlung des Bruders bezog sich auch auf diese gemeinsame, etwas peinliche Vergangenheit." (S.54)

"Das Programm der Publikation hatte Erwin Bauer in der allerersten Ausgabe formuliert. Heinrich Mann schien nichts gegen diese Ziele zu haben und sprach sich für einen starken Monarchen aus, für eine Ständeverfassung, er sah die Gesellschaft als Pyramide mit dem Kaiser an der Spitze. Er war gegen Demokratie und Sozialismus, für Volksgemeinschaft und Kleinstaaat, für die gesunde Volksseele. Im August 1895 schrieb er: 'Die bürgerliche Republik [...] liegt in Wirklichkeit [...] überhaupt nicht auf unserem Entwicklungswege, der eben anders verläuft als der anderer Nationen.'  Im Oktober 1895  glorifizierte der wehruntüchtige Klient von Sanatorien den Krieg als metaphysische Tatsache, als eine heimliche Lebenskraft. 'Gerade im Kriege werden die Gefühle Aller voll und einfach. Eine kriegerische Epoche erhebt ihre Kinder auf eine für gewöhnlich unerreichbarer Höhe.' Auch für die ‘Einnahme gesunder und fruchtbare Kolonien' in Übersee und die Eroberung von Lebensraum im Osten trat er ein, um das Problem der Überbevölkerung zu lösen. 

In gesellschaftspolitischen Fragen hatte er eine klare Linie: Frauen gehören nicht in die Politik. Er vertrat die Idee der gesunden Familie als Basis der Gesellschaft. Arbeiter waren für ihn nur gesinnungsloser Pöbel. Nietzsches Übermenschen deutete er als ein neues Ideal für die Vervollkommnung von Rasse und Gesellschaft. Und wenn er sich in dieser Zeit für die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich einsetzte, so mit der Begründung auch in französischen Adern fließe die genügend germanisches Blut. Mit dieser originellen Sicht stand er innerhalb der völkischen Rechten allein, in der Frankreich als Erbfeind galt.

Von allen rabiatem Meinungsäußerungen und dem ausgesprochenen Antihumanismus dieser Phase ist der Antisemitismus des jungen Heinrich Mann am schwersten erträglich. Kenntnis von jüdischer Religion, jüdischem Leben oder der realen Lage der im deutschen Reich lebenden Juden besaß er nicht. Er begnügte sich mit Variationen über gängige Vorurteile. Die Position, die er vertrat lässt sich definieren (soweit man solche Verirrungen des Denkens überhaupt rational behandeln will) als völkischer Antisemitismus. Zwei wesentliche Vorstellungen kennzeichnen diese Ideologie: 1. Es gebe Personen, die an negativen Entwicklungen des deutschen Volkes schuldig sind ('die Juden'); 2. man könne die Harmonie wiederherstellen, in dem man das orientalische Gift aus dem deutschen Organismus entfernte, wie es in der blumig-brutalen Sprache jener Kreise hieß. [...] Die beiden 'großen staatserhaltenden Stände der Landleute und Handwerker' stünden vor dem Untergang. Nur 'die tiefe und mächtige Volksbewegung, die man Antisemitismus nennt', könne die Probleme lösen.

Alle Gebildeten, behauptete er, seien Feinde der jüdischen Intelligenz, welche die Wurzeln des Volkes ausreißen wolle und ein luftiges 'Menschentum' propagiere. Es gebe weder einen jüdischen Glauben, noch ein jüdisches Volk, die Juden seien der 'sichtbare Begriff alles dessen, was zerstört und niedrig macht'. " (S.54/55)
"Deshalb müsse man auch für die 'Unterdrückung der Judenschaft' eintreten. In dem Artikel 'Zur Psychologie des Juden' bedauerte er, 'dass sich in Deutschland die höhere Erzählkunst noch kaum der Judenfrage angenommen hat.' Das kann man als erstes Indiz für eigene Pläne ansehen, aus denen später der Roman Im Schlaraffenland hervorging. In einer Passage war die Rede davon, dass man die jüdische Hochfinanz wie eine unheilvolle Bestie in Käfige sperren oder ausrotten müsse." (S.55/56)

01 Mai 2021

Heinrich Mann: Die Vollendung des Königs Henri IV - Die Krönung

 "[...] Nach langwierigen Kämpfen mit den französischen Katholiken und den habsburgischen Spaniern konvertierte Heinrich von Navarra am 25. Juli 1593 erneut zum Katholizismus, indem er in der Basilika Saint-Denis die Kommunion empfing. Seine Konversion bezeichnete er als „gefährlichen Sprung“ (le saut périlleux).[1] Der dazu immer wieder zitierte Satz „Paris ist eine Messe wert“ (Paris vaut bien une messe) wurde „ihm später von den Protestanten in den Mund“ gelegt.[2] Mit der Konversion stand seinem Thronanspruch nichts mehr im Wege. Er wurde am 27. Februar 1594 in der Kathedrale Notre-Dame de Chartres gesalbt und als Heinrich IV. zum König gekrönt. Die päpstliche Absolution erfolgte allerdings erst 1595.[3](Wikipedia)

Die feierliche Handlung

Das heilige Öl, um einen König von Frankreich zu salben und zu weihen, wurde in Reims aufbewahrt; aber diese Stadt gehörte bis jetzt der Liga. Auch die Hauptstadt war noch immer in der Hand des Feindes. Dringend darauf bedacht, nach Paris hineinzugelangen, mußte Henri vorher durchaus gesalbt und gekrönt sein. Wenn er selbst diese Verpflichtung unterschätzt hätte, alle anderen hatten es mit ihr höchst wichtig; daher wurde nach einem heiligen Öl gesucht. Das Beste, das sich vorfand, war mit dem Andenken des heiligen Martin verbunden: dies entschied bei Henri. Er kannte von seinem Königreich, um das er lange gekämpft hatte, jeden Fußbreit, er wußte, weil er selbst gegen sie geritten war, in jeder Ortschaft ihren Schutzherrn: am häufigsten kam Martin vor. Gut, wir bleiben bei Martin -- und statt Reims nehmen wir die Stadt Chartres mit ihrer allgemein verehrten Kathedrale. Kein guter Katholik wird die feierliche Handlung für gering ansehen, wenn die Kathedrale von Chartres ihr Schauplatz ist. [...]

Die feierliche Handlung von Chartres war von Grund her aufzubauen; alles fehlte, die handelnden Personen wie die Gegenstände, die in Händen gehalten werden sollten. Krone, Zepter und das übrige Zubehör, die Aufständischen hatten es, je nach seiner Beschaffenheit, eingeschmolzen, zerbrochen, zerrissen oder einfach geraubt. Die Würdenträger, die zufolge ihrem Amt die Berufenen gewesen wären, standen entweder auf Seiten des Feindes oder befanden sich in seiner Gewalt, besonders die Bischöfe. Einige weltliche Herren entschuldigten sich, weil sie der königlichen Macht mißtrauten. Paris bleibt spanisch, wozu dann feierliche Handlungen. Zum Glück gibt es immer Getreue, die kurzweg die nächste Arbeit anfassen, wie zum Beispiel die Justizhand mit den beiden Eidesfingern, das heldenmäßige Schwert und die gewirkten Stoffe, groß genug, um die Mauern einer Kirche zu verkleiden. Das wurde in Eile angefertigt oder beschafft; andere Komparsen ersetzten die ausgebliebenen, mit ihnen wurde der Vorgang erprobt, damit keiner aus der Rolle fiele; und am Morgen der feierlichen Handlung standen zwei Edelleute um drei Uhr auf: die Kathedrale mußte fertig werden.

Der König hatte den ganzen vorigen Tag voll ausgefüllt, um Predigten zu hören, worin die Bedeutung der feierlichen Handlung ihm erklärt wurde; um zu beichten und zu beten. Am siebenundzwanzigsten Februar früh geleiteten ihn zu der feierlichen Handlung zwei Bischöfe und mehrere Große, unter denen er den Ersten vorstellte. Er trug eine Gewandung, die er nie für möglich gehalten hätte: ein umfänglicher Überwurf, Leinen versilbert, darunter ein langes Hemd, karminrote Seide. Sah aus wie eine Erscheinung jenseits der Zeiten, aber seine Damen hatten es so gewollt, seine liebe Schwester, seine treue Herrin, und dahinter eigentlich die Dame de Sourdis, da ihr Freund, der Kanzler de Cheverny, auf hohe Form hielt. Der Kanzler und mehrere andere Herren seines Ranges folgten dem König auf dem Fuß, darunter der Großstallmeister, Herzog von Bellegarde. Henri unterschied den Schritt seines alten Freundes Feuillemorte von denen der anderen, hätte sich gern umgewendet und ihm zugelacht; seine sonderbare Tracht, um nur sie zu erwähnen, verbot es ihm. Übrigens war er auch in dieser Kathedrale wieder den Blicken einer Menge ausgesetzt, Herolde und ein großer Pomp von sichtbaren Zeichen der Macht, sogar ein Connétable mit entblößtem Schwert betraten vor ihm die Fliesen des Schiffes. Danach folgte er selbst ganz allein, mit einer Feierlichkeit, die niemand ganz verstand, am wenigsten er selbst, und zweifelte: ›Ist sie großartig? Ist sie am Ende drollig?‹ [...]

Die feierliche Handlung mißfällt ihm; er sieht nicht, wie sie der Sittigung der Zuchtlosen dienen könnte. Allerdings fühlt er hier auch nicht die Gegenwart des Mörders -- was erstens eine große Erleichterung ist; es könnte dennoch bedeuten, daß Salbung, Krönung und die Wucht des heutigen Vorganges seine Person für einige Zeit unverletzlich machen. Der Rechtsgelehrte hat mit seinem bitteren Wort zuletzt geirrt. Zweitens, da die Lebensgefahr sich von ihm entfernt, wird dieser König ernst, er bekommt den Ernst zurück, und der war vorher liegengeblieben in einem buckligen Wirtshaus, wo ein Narr agierte, oder auch in einer Badstube, beim Auftreten desselben Narren. Ganz anders, wenn der König seinen treuen Rosny betrachtet.

Während der Dauer der Zeremonie kehrte Henri immer wieder zu dem Gesicht des Barons zurück, und mehrmals erschrak er: der war der einzige Echte hier. Den hätten sie von der Front der Kathedrale herabnehmen können: er würde auch dort seinen Mann stehen, als Steinfigur mit einfachen, großen Zügen, und nichts bewegte sie. Der Protestant hörte den König die Vernichtung der Ketzer beschwören, sein Angesicht blieb fest. Er war zugegen, er wirkte mit und stand seinen Mann, indessen sein Inneres sprach: ›Larifari.‹ Das sprach für ihn allein die kahle Schlichtheit des Hugenotten, es war seine Ansicht von der feierlichen Handlung. ›Tand, Weiberfang, dem Herrn ein Greuel‹, hätte die innere Stimme gerufen, wenn der Baron sie hätte etwas melden lassen. Der weltkluge Rosny verurteilte die störende Stimme, zu schweigen, und was er wirklich äußerte durch Gestalt und Miene, war treu und fest der Diener seines Königs. Henri, mit Männern ohnedies erfahren, kannte seinen Rosny; aber hier, inmitten der feierlichen Handlung, wurde ihm gewiß, daß der sein Mann für immer wäre.

Nicht lange danach berief er ihn in seinen Rat. Weiter besorgte Rosny es selbst, daß er der Herzog von Sully wurde, allmächtig in den Finanzen des Königreiches, Großmeister einer Artillerie, derengleichen nicht war gesehen worden, und praktisch der Arm des Königs -- solange sein großer König da war, und keine Minute länger. Dem hat er sich verschrieben und seine Sache auf ihn gestellt, ungeachtet innerer Stimmen eines alten Hugenotten. [...]"

(Heinrich Mann: Die Vollendung des Königs Henri IV, Kapitel 4: Die feierliche Handlung)


Sieh auch:

Die Jugend der Königs Henri Quatre (norberto42)

Die Jugend der Königs Henri Quatre (Wikipedia)


28 April 2021

Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt - 7. Kapitel: Fortsetzung: erste Erfolge und die Verpflichtung, sich politisch zu äußern

 "[...] Die Deutschen, um unter anderen besonders sie zu nennen, sind die leichte Beute profaner Machthaber geworden, seitdem sie nach keinen geistigen Denkern mehr die Augen erheben konnten. Ungelehrte, Geringe hatten vordem durchaus gefühlt: das sind sie, durch die ich etwas gelte. Mein Recht und Leben ist geschützt durch sie. Man muß das gekannt haben – oder es künftig nochmals erwerben von Grund auf –: das Vertrauen in menschliche Güte und Duldsamkeit, die Achtung des Menschen, die Selbstachtung.

In der jetzt noch währenden Pause der Humanität möchte ich einem Jungen, ob an der Front oder zu Hause, nicht gern gewisse Züge von sonst berichten: Vielleicht käme ich an den Unrechten. Er würde mir bestenfalls ins Gesicht lachen, wollte ich ihm erzählen, daß ein großer Arzt seinen Studenten einprägte: »Der Beruf des Arztes ist, das Leben zu erhalten.« Leben erhalten? Ein Menschenleben? Eine Kartoffel ist mehr wert.

Der Name des denkwürdigen Mediziners war Nothnagel in Wien. In Berlin begann der Physiker Helmholtz jeden Kursus mit dem Satz: »Vorausgesetzt, daß die Natur erkennbar ist.« Man sage es ihnen, die Jungen von 1944 werden antworten: »Entweder versteht er Giftgase und Gleitbomben zu machen, oder er soll den Mund halten.«

Denn von der Wissenschaft haben sie gehört als einer bloßen Utilität. Ersatz für echtes Essen, neue Tricks, um möglichst schnell möglichst viel Leben zu vernichten: das sind ihre Grenzen, hiermit endet die menschliche Erkenntnis. Aber von 1890-1898 war ich befreundet mit einem jungen Doktor, der seine Jahre an aussichtslose Untersuchungen setzte. Sie sind zu keinem Ergebnis gelangt, oder auch die negative Entscheidung der Natur wäre ein Erfolg. Das war sie bei allen, die urteilten, und mein Freund ein ausgezeichneter Schüler der Helmholtz und Dubois-Reymond.

Sie können nichts dafür, den neuen Jungen ist das Bedürfnis, uninteressiert zu denken, abhanden gekommen. An ihrer Stelle, wenn es um das eigene Leben, sonst um keines geht, wäre auch zu meiner Zeit jedem das Denken um des Denkens willen vergangen. Oder das Gestalten. Ich habe die ersten fünfzehn Jahre meine Romane unter der stillen Zustimmung, etwas lauteren Ablehnung von zweitausend Personen geschrieben. Die Welt erfuhr nichts davon. Sie waren damals sozial unbrauchbar, ähnlich wie die Experimente des jungen Physikers von der Natur abschlägig, beschieden wurden. [...]

Unsere Väter hinterließen uns meistens an Geld das Nötigste. Ich habe mein ererbtes Einkommen erhalten genau bis zu der deutschen Inflation. Da brauchte ich es nicht mehr. Als das Geld entwertet war, verdiente ich es haufenweise – mit denselben Romanen, die vorher nichts abwarfen. Ich habe für glückliche Zufälle zu danken, angenommen sei: dem Zeitalter, das ein Zusammentreffen verheerender Umstände mit anderen, gleichfalls ungeahnten ist.

Eine ähnliche Koinzidenz von Unglück und Glück hat sich einige Male wiederholt, zuletzt als ich meinen Wohnsitz in Berlin notgedrungen aufgab und nach Frankreich übersiedelte. Man nennt es Exil, es soll sehr hart sein, ist es wohl auch. Wer vor dem Hunger bewahrt bleibt, kann wieder, wie Heinrich Heine, vor Heimweh nicht schlafen. [...]

Die Verehrung ist eine mitbekommene Gabe, um den Geist ungenügsam und wach zu erhalten. Sie ist eine sittliche Gabe, befähigt zu unterscheiden, nach unten und oberhalb. Goethe – wie ich wiederholen will – empfand es als Unrecht, wenn seine späteren Zeitgenossen ihn mit Tieck – einem Romantiker von Rang – verglichen. »Ich vergleiche mich auch nicht mit Shakespeare.« Er hatte »Faust« vollendet – und sah zu einem anderen auf. Daher die Vollendung: sein Werk empfing sie vermöge des immer tätigen Antriebs, streng zu messen und, wo es recht war, zu verehren.

Auch die Heiterkeit ist ursprünglich, im Gegensatz zur Skepsis, die erworben sein will. Ein Gemüt, das ohne sie wohl auskäme, wird von jähen Freuden gewiß hingerissen wie jedes andere, und noch mehr. Da waren zum Beispiel die Bühnenerfolge. Sie kamen auch bei mir vor; einen bedeutungsvollen, weniger für mich als für die Zeit und den Augenblick, ließ ich den ganzen Abend über mich hingehen, hinter der Szene oder vor der Gardine, jedesmal »oben«, mit einer bezwungenen Menge unter mir. Für den ganzen Genuß eines Erfolges scheint es wichtig, daß man anwesend und daß man »oben« ist.

Als mir nachher in meinem dunklen Zimmer noch immer das Herz klopfte, fragte ich mich: Warum eigentlich? Meine Bücher waren gerade damals in allen Häusern, das Theater faßte jeden Abend nur tausend Personen. Aber die Anschaulichkeit, körperlich verstanden! Die Gegenwart meiner Gestalten und Ereignisse, nicht in dem besonnenen Geist stiller Leser, sondern angesichts einer Menge – alle berauscht, wenn der Fall einmal eintritt. Das Mitwissen wird unkontrolliert übertragen von erregten Sinnen auf andere erregte Sinne. Endlich muß der unschuldige Urheber des Vorganges gestehen, daß er nicht gekannt hat, was er anrichten werde – und ist selbst überwältigt.

Es ist wahr, daß ich gewissen anderen emotionellen Wirkungen meiner Arbeit ein innigeres Andenken bewahre – je ferner sie nachgerade sind. Als Fünfundzwanzigjähriger in Rom erfand ich eine meiner ersten Geschichten. Sie hatte nichts Besonderes, nur daß sie eine der ersten war. In demselben Alter ist manchem mehr und Besseres eingefallen. Aber ich sprang vor Freude bis an die Decke. Die Zimmer in alten römischen Häusern haben unterhalb des echten Plafonds einen falschen aus bemaltem Papier: zwischen beiden laufen die Mäuse. Hoch war es nicht, mein Scheitel stieß wahrhaftig gegen die nachgiebige Bespannung. Dieser Nebenumstand prägte mir den Augenblick des Glücks für mein Leben ein.

Die Nebenumstände tragen zum Glück bei, wenn sie es nicht entscheiden. Ich war nicht mehr fünfundzwanzig, schon dreiunddreißig und endlich genötigt, etwas zu können. Da begegnete mir der »Blaue Engel«, wie das Ding jetzt überall heißt. Der Film, eine ziemlich genaue Photographie des Romans, ist wieder fünfundzwanzig Jahre später gedreht worden, übrigens durch Zufall. Wie lange Zeiten muß man seine eigenen Empfindungen begleiten, um sie anlangen zu sehen – wo, in welchem Zustand, bleibt fraglich.

1931 war die französische Kolonialausstellung, eine seltene Darbietung von Pracht und Macht. Großer Abend im Hôtel de Ville, zwischen den unvergleichlichen republikanischen Garden schritt man befangenen Sinnes, falls man Sinne hatte, viele Stufen hinan, jede mit zwei Gardes. Lange Erwartung der Hauptperson. Als der alte Marschall Liautey eintraf, empfing die Versammlung ihn stehend. Vorher war dem Bürgermeister mein Name genannt worden; er breitete beide Arme aus. »C'est vous l'auteur de l'Ange bleu!« Dies ist der Gipfel des Ruhmes, den ich kenne.

Der Marschall setzte mich später an seinen Tisch. Eine volle Minute hat er meine Hand mit seiner festgehalten, hat unseren Ländern Frieden und Freundschaft gewünscht. Wäre ich Deutschland gewesen.

Aber gegenwärtig ist erst das Jahr 1904, ich sitze wie gewöhnlich im Teatro Alfieri, einem Florentiner Schauspielhaus vom alten Stil, mit fünf hohen Rängen enger Logen, und immer leer. Die Vorkriegszeit in Italien besaß das Geheimnis, wie man für hundert Zuschauer, der Kopf zwei Lire, ein herrliches Theater macht. »La Bottega del Café« des Settecento-Venezianers Goldoni, es gibt kein gleiches Wunder der Anmut, außer Mozart. In der Pause wurde eine Zeitung verkauft, darin las ich die Geschichte, die einstmals der »Blaue Engel« heißen sollte.

In Wahrheit stand auf dem Blatt etwas ganz anderes, war nur mißverständlich berichtet, und datiert aus Berlin. Gleichviel, in meinem Kopf lief der Roman ab, so schnell, daß ich nicht einmal bis in das Theater-Café gelangt wäre. Ich blieb versteinert sitzen, bemerkte dann, daß der Vorhang wieder offen war, und so viel Beifall aus dankbarem Herzen hat nicht oft ein Schauspiel von einem einzelnen Gast erhalten.

Der Protagonist der Komödie ist ein Verleumder. Sein boshafter Tratsch bringt ein kleines Campo, in der Mitte der Brunnen, ringsum die schmalen Häuser, fassungslos durcheinander. Die Tänzerin im ersten Stock, die Hausfrauen, Ladnerinnen, Cafégäste – ein aufgestörtes Wespennest. Zuletzt entdecken sie den Anstifter, wollen einmütig über ihn her, er kann nur flüchten. Seinen runden Mantel über dem Kopf geschlossen, entkommt er um die Ecke. Mir erschien Zug um Zug von einer außerordentlichen Vollendung.

Ich selbst hatte etwas fertiggebracht, das war es, war die ganze Ursache meines Glücksgefühls. Hätte es erhöht werden können? Wenn die Zeitung, die übrigens nur Ungenaues enthielt, gleich die Geschichte fortgesetzt hätte! Sie konnte geradesogut schreiben: Nur ein Vierteljahrhundert Geduld, dies wird der Film sein. Der Maire wird ausrufen –. Der Marschall spricht –. Weitere fünfzehn Jahre, nur vierzig im ganzen, und das Hollywood des zweiten Krieges sucht nach Auskunftsmitteln«, wie es unbeanstandet das Produkt einer nunmehr feindlichen Industrie noch einmal machen kann.

Hätte ich 1904 dergleichen mehr vorausgewußt, ich wäre darum nicht glücklicher gewesen. Das Glück, wie ich es kenne, gebiert und trägt sich selbst. Die Glücksfälle sind Höhepunkte einer inneren Heiterkeit, die hervorbringt: das ist ihr Grund und Beruf. Man hat sie oder hat sie nicht. Ganz anders steht es mit dem Erkennen der eigenen Relativität. Die Skepsis will gelernt sein.

Ein Anfänger, der Glück hat – nicht das äußere, ich meine ein inneres Gelingen –, überschätzt sich, er geht bis zu unschicklichen Vergleichen. Zu der Zeit des »Blauen Engels« war ich noch sehr jung, vermutlich jünger als alle anderen desselben Alters. Als ich das Buch schnell und geläufig hinschrieb, dachte ich leichtsinnig: mehr hat auch Goldoni nicht gekonnt. Das Stück im Teatro Alfieri, oder ein anderes, verfertigte er in drei Tagen, weil er gewettet hatte. Nun, und? Voll übermütiger Begeisterung griff ich viel höher hinauf. Eine komische Handlung tragisch bestimmt, die lustige Fratze, darunter die harte Wahrheit selbst, wer macht das. Wer – hat – das gemacht? dachte ich und dachte einen Namen.

Das habe ich verlernt. Denn ich erfuhr höchst lebendig, daß auf Jahrhunderte die Größe höchstens einmal trifft, und daß lange aushalten muß, wer in seiner begrenzten Laufbahn auch nur der Vollkommenheit vielleicht begegnen soll. Ich habe, um oft vollkommen zu sein, zu oft improvisiert, ich widerstand dem Abenteuer nicht genug, im Leben oder Schreiben, die eins sind. Nicht, daß ich mich belogen hätte: das lohnt nicht, soviel wußte ich immer.

Gern gestehe ich, daß die sinnlose Sehnsucht nach einem zugrunde gegangenen Deutschland mich in der Verbannung nie belästigt hat. Hitler-Deutschland hätte mich abgestoßen, wäre ich auch keines seiner vorgesehenen Opfer gewesen. Dagegen brachten mir die Atmosphäre Frankreichs und seiner Sprache gerade den Gewinn, der in diesem Zeitpunkt der willkommenste war. Ohne Vorausberechnung der Ereignisse und meiner veränderten Lage hatte ich unternommen, die Geschichte eines Königs von Frankreich zu schreiben. [...]"

(Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt, 7. Kapitel)

27 April 2021

Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt - 6. Kapitel eine Art Autobiographie

 [...] Ein Zeitalter wird besichtigt. Von wem? ist immer die Frage. Sie verpflichtet X, sich vorzustellen, aber mit Maßen. Zu sagen: ich bin der und der, und bin es ganz für mich allein, ergibt Widersprüche. Ein moralischer Wirrwarr tut sich auf. Mit wirklichem Recht weiß X nicht einmal, ob er platt wie der Tisch ist oder die Höhen und Tiefen eines geschlachteten Kalbes aufweist.

Das besichtigte Zeitalter kennt sich ebensowenig. Wie nun, wenn zwei Masken einander begegnen. Aus meinen jungen Tagen gedenke ich der italienischen Masken, des Stenterello von Florenz. Ami la vita? wurde er gefragt. Ob er das Leben liebe. Er umgürtete mit den Händen seine Taille, die gleichfalls la vita genannt wird. Aber ja, antwortete er, ich liebe die Ohren, die Füße, la vita, alles liebe ich.

Auf Umwegen und durch ein Mißverständnis hatte sich herausgestellt, daß er das Leben liebe. Mehr und Besseres kann eine gesamte Zeitgenossenschaft, jeden X mit einbegriffen, über sich nicht aussagen. Sie kommt darauf umständlich wie Stenterello: Ein Zeitalter tötet, tötet – um endlich zu bemerken, daß es das Leben liebte.

Le maschere hieß ein Spiel, das ich mit Entzücken sah – vor dreißig Jahren, aber sie konnten das Entzücken nicht tilgen. Der Maestro Mascagni hat wahrhaftig mehr gemacht als nur die eine Oper, durch die sein Name lebt. Wie das glücklich und schön war, alle die Masken, jede aus einer anderen der hundert Städte Italiens, jede ein herkömmlicher Charakter. Zusammen aber, mit ihren grotesken Nasen oder auf süß geschminkten Gesichtern, stellten sie die Menschheit dar. Sie sangen unvergeßlich reizend. Die Menschheit wäre erfreulich, wenn sie es könnte, wie sie im Grunde möchte.

Das wirkliche Leben ist nicht so übersichtlich, ist im Durchschnitt nur mäßig begabt. Die Intensität von gutem Theater wird in der Wirklichkeit selten erreicht. Was ist ganz ernst? Das Spiel der Kinder.

Hieran erinnerte meine Gedenkrede an den Theatermann Max Reinhardt. Er war in der Verbannung gestorben, und ich sprach plötzlich englisch: beiläufige Einzelheiten eines Zeitalters, das noch ganz anders ausschweift.

Diesmal könnte man das Leben intensiv nennen, wäre es nur nicht ganz so verlottert. Une vie de bâton de chaise, heißt das. Jemand, dem ich gern glaube, sagte: »Der Krieg ist ein Hinter-die-Schule-Laufen.« Er ist, was man will: hochherzig, teuflisch, Ehrensache, Niedertracht, heldenhaft allerseits, ein großes Schauspiel sowieso. Eigentlich aber liefert er Schülern eine Ausrede, die gegen Tadel geschützt ist, um nicht zu arbeiten, nichts mehr zu lernen.

Um Gottes willen, was erlaube ich mir. Hunderttausende lassen sich töten, opfern sich in einer einzigen Schlacht! Zählt das nicht höher, als hätten sie Ingenieur studiert? Aber erstens will keiner sterben, die anderen sollen es für ihn. [...]

Kriege ersten Ranges, die napoleonischen, jetzt dieser, gefährden bei mehreren Generationen das Lebensgefühl. Sie waren die unsinnigste Überanstrengung aller Lebenden – immer ohne ergiebige Arbeit, ohne daß gelernt wurde. Davon erholen sich die Folgenden nicht so bald. Ein Lebensgefühl ist noch schwerer wieder aufzubauen als die zerstörten Länder und Städte, ganz zu schweigen von den Lücken im Nachwuchs.

Zuletzt kommt alles ins Gleiche. Meines Amtes ist es nicht, das Schicksal einer Welt zu beklagen, wenn sie es gewollt hat. Die einen ergingen sich in Herausforderungen des Unheils. Die anderen waren, um es aufzuhalten, weder einmütig noch entschlossen. Gut, ich beklage alle, obwohl ich es nach ordentlicher Überlegung nicht dürfte. (Den gewissen X beklage ich nicht. Bei ihm allein finde ich unverzeihlich, daß er nichts ändern konnte.) [...]

Wenigstens essen und ruhig schlafen wollen alle. X, die zahllosen Personen dieses Namens, haben für die voraussichtlichen Sieger dieses Krieges – und Zeitalters – Stellung genommen, zuerst aus den primitiven Beweggründen, die auch ein Höhlenbewohner hätte. Von den Deutschen, wenn sie siegen könnten, drohen für unabsehbare Zeiten schlechte Ernährung, gehetzte Nächte, lustlose Arbeit ohne anderes Ergebnis als nur wieder Krieg. Der Sieg der Alliierten soll den Menschen, die übrigbleiben, so viel Sicherheit des Lebens bringen, wie manche Tiere ohne Krieg haben.

Unbescheidene erwarten mehr. Schonung, ja etwas Pflege von Seiten der Gewinner, die den Krieg führten unter dem Zeichen der Menschenfreundschaft. Oder mindestens die Gegner eines Feindes waren, der sich als der Antichrist, als ein wahres Anathem etabliert hatte. Da sollte es doch nicht schwer sein – ich bitte um Entschuldigung –, nie wieder Faschist zu werden. Das war doch der Widersacher, der Fluch, der so furchtbar schwer, so über die Maßen teuer zu entkräften war. [...] Eine Figur wie diesen Hitler richtet doch der Augenschein! Die reichen Leute haben ihn für ihren Volltreffer gehalten.

Die Lichtseite

Dies war die Nachtseite des Zeitalters, das X und alle anderen X über sich ergehen lassen, wenn sie nicht vorziehen, dem Zeitalter beizupflichten wegen seiner Lichtseite. Natürlich hat es eine, sie läßt sich schnell benennen. Es ist die Mitwisserschaft der meisten. Niemand, der nicht halbwegs aufgeklärt wäre über Technik und Verlauf der Vorgänge. Ja, sogar die sozialen Anlässe sind Gemeingut. Die geistigen Grundlagen – das wäre viel verlangt. Um ihre Kenntnis sich zu bemühen, ist unter anderen X da.

Dieses Zeitalter ist eines der durchschautesten, nur daß die meisten es sich nicht sehr zu Herzen nehmen. Ihre Herzen sind von den nächsten tödlichen Sorgen schwer. Was kümmert sie die Ergründung der Tiefen. Die Oberfläche, wo sie weilen, ist gerade unheimlich genug. Aber sie wissen. Ich bezweifle, daß – nur beispielsweise – die Menschen des Dreißigjährigen Krieges über ihre wirkliche Lage so weit unterrichtet gewesen sind wie meine eigenen Leidensgefährten.

Ein Beweis wäre vielleicht, daß 1618-1648 von Deutschland einfach wiederholt wurde, was Frankreich während einiger voriger Jahrzehnte schon durchgeübt hatte. Eine Liga der Großgrundbesitzer und provinzialen Monopolisten zerriß und zerstörte das Königreich – natürlich ohne sich zu ihrer Sache zu bekennen. Wenn man die Herren hörte, verteidigten sie einen Glauben, sprich: Weltanschauung; unter denselben Umständen hätten sie seither ihren Antibolschewismus angepriesen. Der Befreier Henri Quatre handelte revolutionär, seither wäre er Bolschewik genannt worden. Indessen hieß er Ketzer, und die wirklichen Zusammenhänge blieben im dunkeln. Sonst wäre nicht ein verwandter Tatbestand gleich nachher im Nachbarlande eingetreten.

An unserem Zeitalter ist das Hellste, daß es über sich Bescheid weiß. Es faßt sogar den Vorsatz, seine eigenen Fehler auf seine Nachfolger nicht zu übertragen. Was seine Zuständigkeit offenbar überschreitet. Niemals mehr Krieg! scheint diesmal das wirkliche Kriegsziel zu sein. Niemals wieder Krieg von einer so wenig berufenen Seite wie der deutschen. Wenn das deutsche Verhältnis zur Welt schon vorher falsch war, kann Deutschland es mit Krieg am wenigsten richtigstellen. Sein Sieg wäre schädlich gewesen für alle und für Deutschland.

Auch wenn der Fall Deutschland einmal erledigt, kann doch nicht im Vorhinein ausgeschlossen werden, daß eine andere Macht – Mächte verlieren mitunter die Macht über sich selbst – in ein falsches Verhältnis zur Welt tritt. Dies wäre sogar sicher, sobald eine Macht sich dem Faschismus post festum, eigentlich einem posthumen Faschismus ergäbe. Sie wird ihn anders benennen, der Name hat Unglück gebracht. Die Sache, die er deckte, kann irgendwo wieder für möglich erachtet werden. Die Sache wäre modifiziert, die Lage darf nicht gleich wiederzuerkennen sein. Ganz den gleichen Kriegsmachern wird keine Nation noch einmal hereinfallen.

Die allgemein menschliche Neigung, auf Katastrophen hinzuarbeiten, kann schwer vergessen werden. Sie ist zu oft bewährt. Dieses Zeitalter bezeugt inmitten seiner Katastrophe ein sympathisches Vertrauen auf die Lenkbarkeit der menschlichen Beziehungen, zur Vernünftigkeit hin, zur Beherrschtheit hin. Es meint, jetzt sei des Unfugs genug – womit es wahrhaftig recht hätte. [...]"

(Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt - 6. Kapitel)

Heinrich Mann: Ein Zeitalter wird besichtigt - Lebensgefühl

 Lebensgefühl

Die wenigen Jahrhunderte, die noch nahe genug liegen, daß sie mich nicht befremden, haben offenbar das Leben auf ungleiche Art empfunden. Da sind aufbegehrende Zeitalter, und da sind die zurückgefallenen. Einmal wird ein Glaube revidiert, er drückt nicht die Gemüter, er erhellt sie. Renaissance und Reformation haben, bei stark abweichendem Inhalt, beide das Lebensgefühl verstärkt.

Aber Jesuitismus und Barock setzen es nachher nicht herab; mit anderen Mitteln haben sie es nochmals angespannt. Der Pessimismus wird produktiv: die Tragiker und die Moralisten bezeichnen ein großes französisches Jahrhundert. Das vorhergegangene war ebensowohl italienisch wie deutsch gewesen. Mir bedeutet es viel, daß der Vorrang Frankreichs anhebt in demselben Augenblick, da das Lebensgefühl streng – streng bis zur Ausschweifung wird.

Etwas Äußerstes, von den Erfindungen des Gefühls die gewagteste, war die Majestät. Ludwig der Vierzehnte hatte sie dargestellt, mit innerem Vorbehalt, die Herzen waren es, die sie forderten und ihm grenzenlos zutrugen. Er ist einige Male vor sich erschrocken, hat sich bedacht und sich zurückgenommen.

Achtzig Jahre nach ihm erfuhr die Majestät ein gewaltsames Ende, aber genau so vielversprechend wie vormals sie, trat nunmehr der Zauber der Freiheit ein. Wieder einmal will das Leben sich fühlen und wird spektakulär – mit einer Revolution, die, außer in der Schwärmerei ihres Morgenrots, von niemand als endgültig genommen wurde und für integral gehalten nur von einigen Fremden.

Ihr Sinn ist eigentlich vollendet bei Voltaire, der an ihr wirkliches Erscheinen nie geglaubt hätte. Die Freiheit, will sagen die Unabhängigkeit der Person, geht bei ihm weit, sie kommt der Souveränität gleich; die Fürsten empfanden diesen Geist als die absolute Macht, die sie hätten sein wollen. (Sein eigener König ließ sich nicht verblüffen.) Er folgte aber auf den anderen äußersten Typ, Pascal, den Anbeter der Allmacht, der, vor ihr hingekniet, verzückt, gebückt, sobald er spricht, nur immer bezeugen muß, ihr Thron sei leer. Voltaire, ein Erschütterer alles Weltlichen, tastet Gott nicht an.

So haben Menschen die Autorität ausgeübt, wenn sie ihren Mißbrauch denunzierten, und dem Zweifel arbeiten sie zu, gerade mit ihrem Zuviel an Gläubigkeit. Weltanschauung, was auf deutsch diesen Namen trägt, hat einen doppelten Boden. Nicht mißzuverstehn, notgedrungen ehrlich ist das Lebensgefühl.

Wäre es schmerzlich bis nahe der Selbstvernichtung, das Leben stark fühlen ist alles. Es ergibt die Werke und die Taten. Es bannt das menschliche Gefolge. Der junge Werther beendet seine Leiden freiwillig: die Mitlebenden wurden überzeugt. Sie haben der Nachwelt, als Andenken eines nach außen leichten Jahrhunderts, des achtzehnten, gerade Werther und Manon überliefert. Beide beschwert ihre unstillbare Begierde zu leben, nichts stillt sie, nur der frühe Tod. [...]

Der Freiheitskrieg der Deutschen hat sich bei ihnen, in ihnen, für ihr Gemüt und ihre Geschichte nachhaltig ausgewirkt: Seine Folgen halten bis zur Stunde an. Weder der dreißigjährige des 17. Jahrhunderts noch die zwanzigjährigen Kriege Friedrichs des Großen hinterließen vergleichbare Spuren.

Es blieb, beiläufig achtzig Jahre, der Respekt vor Rußland. Es wurde übernommen der Begriff Napoleon, als die sieghafte Macht schlechthin. Besiegt, gestürzt, wuchs er insgeheim und beständig, nistete sich ungenannt, kaum mehr bewußt, in Deutschland dennoch ein – bis zur Nachahmung, bis den Deutschen ihn zu wiederholen möglich schien. Ungeheuerlicherweise schien es ihnen auch erlaubt. Sie hatten inzwischen vergessen, moralische Werte mitzuzählen. [...]

Wenn nicht das Auftreten des Völkerbefreiers, sondern seine Vertreibung das Ereignis unter allen gewesen wäre, hätte nach seinem Abgang das Lebensgefühl nicht dermaßen herabgesetzt sein dürfen. Das aber war es. Das deutsche Lebensgefühl ist damals nicht, wie das französische, angegriffen gewesen durch die Überanstrengung der Nation während eines Vierteljahrhunderts, durch Menschenverluste, proportionell unersetzlich. Der deutsche Freiheitskrieg war umsonst. Er hat nichts gekostet, außer der besseren Zukunft, die ohne ihn bestimmt schien. Der deutsche Sieg über Napoleon, insoweit er deutsch war, trug in sich seine Strafe. »Der Mann ist ihnen zu groß«, hatte Goethe gesagt, und er hat recht behalten.

Deutsche Zeitgenossen, die keine Freude an der vergeblichen Befreiung fanden, sind kaiserlich gesinnt gewesen. Sie taten sich weniger Zwang an als die anderen. Der Anschluß des kontinentalen Westens an Frankreich war als Gedanke vernünftig, als Unternehmen erträglich, um nicht beglückend zu sagen. Man hatte vor Augen, daß die Gegenwart der verkörperten Revolution, ihr Anblick, ihr Beispiel die Nationen nicht ausstrich, nicht schwächte. Im Gegenteil, erst der Kaiser hat sie verwirklicht. Das 19. Jahrhundert, wie es dann geworden ist, seinen mächtigsten Antrieb, die nationale Idee, hat es immer noch von ihm.

Ein Jahrhundert umdenken wollen ist müßig, vergebens vermißt man sich gegen das wirklich Geschehene. Wahr bleibt, daß die Vereinigten Staaten des Westens greifbar nahe, daß sie damals in freundlicherer Gestalt angeboten waren als sie es morgen sein werden nach dem Sieg über Hitlerdeutschland. Wenn die einen entmachtet sind, die Potenz der anderen gelitten hat und als Vermächtnis dieses Zeitalters nur Elend und Mißgefühle bleiben, dann soll ein friedlicheres, geeintes Europa nunmehr in Aussicht stehen. Leichter und schöner, um einen längst unmöglichen Gedanken dennoch zu fassen, war das Reich des Okzidents, da jemand von sich sagen konnte: »Ich setze nicht die Könige von Frankreich fort. Ich bin der Nachfolger Karls des Großen.« [...]

Mit voller innerer Aufrichtigkeit, aber wo ist sie in Kriegszeiten, hätten alle voraussehen können, was die Räumung des nationalen Bodens wirklich bringen werde anstatt der Freiheit der Nation. Als er den Herrn los war, brach der König von Preußen sein Versprechen, eine Verfassung zu geben. Erstaunlich wäre gewesen, wenn er es gehalten hätte. Der Betrug an einem Volk, das gekämpft hatte, ist der preußischen Monarchie vorbehalten worden, solange sie noch bestand, hundert Jahre. Das waren mithin hundert enttäuschende Jahre, ihre Erfolge und Mißerfolge beiseite. [...]

Die deutsche Nachkriegsliteratur ist sichtlich der Befreiung von Napoleon zu danken; daher wird an der Romantik nichts derart wahrgenommen, als folgte sie zeitlich auf die große Dichtung des 18. Jahrhunderts. Die Klassiker haben befestigt und erhalten, was den Deutschen je zu eigen war an Form und Vernunft. Sie fassen Deutschland zusammen, will meinen: aus seiner Geschichte, dem Leben der Nation in allen Zeiten erwecken sie die guten Momente, bei ihnen sieht Deutschland normal, edel sogar sieht es aus; man erfährt, so könnte es sein. Wäre nicht jeder dieser Autoren eine erlesene, einmalige Blüte des Bodens, und nicht dieses Bodens allein, alle zusammen würden verführen, das Beste zu erwarten von Deutschland.

Die Romantiker haben den Tatbestand richtiggestellt. Ungestalt und das Unterbewußte herrschen vor – nicht aus innerem Zwang allein, auch gewollt, in Flucht aus äußerer Not. Man hält es ja nicht aus, unter staatlichen, gesellschaftlichen Umständen, die von den Schlägen der Französischen Revolution schon niedergebrochen, nachher zurechtgekramt und einer schwachen Nation doch wieder aufgehalst sind. Um die Ehre der besser unterrichteten Intelligenz zu retten, spielt man verrückt oder ist es wirklich. Man tut mystisch, mit dem Tod auf du und du, – um vor dem Sterben aufzuschreien: nur leben!

Man erzählt Märchen, lustig leichtflüssig, aber die Laune ist erheuchelt, die Verlegenheit wäre schrecklich, müßte man ein einziges Mal die unverblümte Wirklichkeit hinschreiben – noch schlimmer: ein wahres Wort über Dinge, die da kommen. Die deutschen Romantiker sind keine Analytiker (bis auf einen) und werden niemals Propheten. Die Atmosphäre der Zeit ist ihnen zu dick, um hindurchzublicken. Sie wissen sich nicht zu helfen gegen all die Heuchelei, sind selbst auch eingefangen. [...]

Das Lebensgefühl der deutschen Romantiker ist das niedrigste, das eine Literatur haben kann. Das kommt nur vor, wo, mit oder ohne Nötigung, falsch gehandelt wurde. Eine Mannschaft von Romanciers, die soziale Tatsachen darstellt, kann meinen, die nächste équipe werde für ihre Zeit dasselbe tun. Hundert Jahre ist dies wahr gewesen, in Frankreich wie in Rußland. Aber Zaubermärchen, altdeutsche Maskierung, künstliche Verzückung, ein grundloser Tiefsinn, wer soll das fortsetzen. Diese Dichter schreiben wie die letzten Menschen.

Goethe, der große Liebhaber des Lebens, mochte die ganze Gesellschaft nicht. Er nannte sie krank. Sie standen aber für ein Land, das nicht gesund war, es auch nie wieder ganz geworden ist. [...]

Das Lebensgefühl hatte in Deutschland seinen niedrigsten Stand gehabt sogleich nach dem Sturz des Kaisers Napoleon. Es steht niedriger als damals seit diesem Krieg, seit seinem Anfang, seit den Siegen. Mit Recht. Solange Hitler siegte, unterlag Deutschland.

14 September 2014

Die Brüder Mann und Brecht

Max Frisch hat einmal gesagt, Thomas Mann habe zwar lange in seiner Nähe gewohnt, aber er (Frisch) habe nie seine Nähe gesucht, er habe nicht geglaubt, dass Mann ihm etwas zu geben haben würde. Dagegen sei Brecht der Mann gewesen, dessen Größe immer einschüchternder gewesen sei, wenn man ihn nicht gesehen habe. Aushaltbar nur durch Nähe.
Und Frischs Texte über Brecht zeigen dann einen wahrhaft Großen. Eine Figur, von der man kaum glauben kann, dass sie heute - wo viele seiner Texte so aktuell sind - im literarischen Leben so wenig Aufmerksamkeit findet.

Doch was hat das mit Heinrich und Thomas Mann zu tun?

Thomas kann mit 25 Jahren auf ein - in seiner Art - unübertreffliches Meisterwerk zurückblicken, das ihm den Nobelpreis einbringen sollte. Aber er bleibt dabei nicht stehen, entwickelt sich fort in Zeitromanen, seiner großen mythologischen Tetralogie Joseph und seine Brüder, seiner höchst individuellen Bearbeitung des Fauststoffs und den großartigen humorgetränkten Alterswerken.

Heinrich schafft später als Thomas die großen Werke, die seinen Ruhm begründen: Professor Unrat  1905 und Der Untertan 1918 und sein Hauptwerk, den Henri Quatre 1935. Dazwischen und danach durchaus Bemerkenswertes, aber nichts, was wie Thomas Manns Werke fast alle bleibende allgemeine Aufmerksamkeit erregt hätte. 

Gegenwärtig lese ich parallel in Donald A. Prater: Thomas Mann. Deutscher und Weltbürger, Hanser 1995 und Manfred Flügge: Heinrich Mann. Eine Biographie. Rowohlt 2006.

Später mehr, z.B. dazu, wie Thomas Mann immer wieder an Goethe angeknüpft hat und dazu, wie Brecht anders als Thomas Mann, das poetische Universalgenie des 20. Jahrhunderts wurde. (Freilich, unter den Labels  und  habe ich schon einiges dazu gesagt, mehr, als mir beim Schreiben dieses Eintrags bewusst war.)