Posts mit dem Label Freiheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Freiheit werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

11 Juli 2023

Eva von Redecker: Bleibefreiheit

 Eva von Redecker: Bleibefreiheit Fischer Verlage 2023 (mit Leseprobe) (Perlentaucher)

"Eva von Redecker schreibt ihr neues Buch „Bleibefreiheit“ in die aktuellen Freiheitskämpfe hinein. Der Linken will sie ein zeitgenössisches Verständnis emanzipatorischer Freiheit bahnen, das die Verquickung in Machtstrukturen hinter sich lässt. Dafür denkt sie in ihrem schönen Buch über Freiheit nach, findet Freiheitsbilder und erzählt Freiheitsgeschichten.

Als Herausgeberin von Theodor W. Adornos und Max Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ weiß von Redecker um die Gefahren emanzipatorischer Befreiungspraktiken: dass sich Emanzipation in ein neues Regime der Fremdbestimmung verkehren kann, wenn Freiheit mit Herrschaft und Unterdrückung befördert werden soll. Herrschaftslose Freiheit will von Redecker durch einen grundlegend erneuerten Freiheitsbegriff bahnen. [...] Seit der Antike sei Freiheit immer räumlich als Bewegungsfreiheit gedacht worden – und deswegen in Machtverhältnisse verstrickt. Bewegungsfreiheit können Menschen nämlich immer nur in abgesteckten Herrschaftsräumen erlangen. Wenn Freiheit dagegen konsequent zeitlich gedacht und gelebt werde, dann ließen sich ihre Verquickung in Unterdrückung vermeiden – so von Redecker. Ihr Leitbild zeitlicher Freiheit ist „Bleibefreiheit“: die Freiheit von Menschen und nicht-menschlichen Arten auf Erden beziehungsweise in ihren angestammten Erdteilen am Leben bleiben zu können.

So befreiend von Redeckers Freiheitsbuch ist, wird es doch von seiner schematischen Dichotomie zwischen herrschaftsförmiger räumlicher und herrschaftsloser zeitlicher Freiheit eingeholt. Dies beginnt mit der kritischen Zeitdiagnose. Zwar gewinnen Menschen in den globalen Zentren Bewegungsfreiheit in historisch nie dagewesenem Ausmaß durch die Ausbeutung der Erde und Menschen anderer Erdteile. Gleichwohl sind für das individualistisch-neoliberale Freiheitsverständnis auch Zeitaspekte zentral. Angestrebt und gefeiert wird auch das Zurückdrängen von zeitlichen Grenzen: von den Grenzen der eigenen Lebensspanne, Alter, Verfall und Tod. Zugleich wird die Befreiung von räumlichen und zeitlichen Grenzen nicht nur von Raum-, sondern auch von Zeitregimen ermöglicht: durch die Beschleunigung technischer Prozesse, sozialer Veränderungen und des individuellen Lebenstempos.

Von Redeckers These der europäischen Raumfixierung kann aber auch historisch nicht überzeugen: hat die moderne Beschleunigung doch bereits seit Beginn der Neuzeit an Fahrt aufgenommen. Zeitliche Freiheitsbegriffe zeigen sich in den prozesshaften Leitbildern der Neuzeit von Fortschritt, Emanzipation und Befreiung. Realisiert wird die prozessualisierte Freiheit in wissenschaftlichen und politischen Revolutionen. Und gerade in ihrem zeitlichen Verlauf können Befreiungsprozesse in Herrschaft, Zerstörung und Terror umschlagen – wie seit der Französischen Revolution allzu oft hat erlebt werden müssen. [...]

Die Freiheit erfüllter Gegenwart eignet sich dagegen weit besser als Konzept herrschaftsloser Freiheit. [...] Im Unterschied zur Bleibefreiheit hat erfüllte Gegenwart nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum eigentlichen Bezugspunkt: Eine Zukunft, die bestehende Lebens- und Herrschaftsformen nicht einfach verlängert, sondern zugunsten von Freiheit ohne Entrechtung, Unterdrückung und Ausbeutung überwindet.

In erfüllten Augenblicken wird hier und jetzt ein Vorgeschmack der Zukunft herrschaftsloser Freiheit gewonnen. [...] Von der Sehnsucht nach künftiger herrschaftsloser Freiheit können alle wichtigen emanzipatorischen Bewegungen der Gegenwart zehren: die Klima-, Demokratie- und Anti-Rassismus-Bewegungen. Zugleich fungiert die Zukunft herrschaftsloser Freiheit als kritische Instanz gegenüber emanzipatorischen Bewegungen: Nähern wir uns ihr doch nur, wenn wir hier und jetzt auf Gewalt verzichten."

(Eva von Redecker: „Bleibefreiheit“ – Die Freiheit, auch künftig auf Erden zu sein von Olivia Mitscherlich- Schönherr, FR 10.7.23)

Eva von Redecker arbeitet gern mit neu erfundenen Begriffen, hier mit Bleibefreiheit, in Revolution für das Leben mit Phantombesitz, der Fiktion, man dürfe über Menschen genauso verfügen wie über Tiere, Pflanzen und Gegenstände. Dabei darf ein Besitzer ja durchaus nicht frei über Wohnbesitz verfügen, sondern nur der Eigentümer. (Offenbar hat ihr sprachlich Phantombesitz besser gefallen als -eigentum.) 

Ihr Versuch, dem Bundesverfassungsgericht zu unterstellen, es habe  bei seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz den Kindern nur einen Anteil am zukünftig zu verbrauchenden CO2 zugestanden und nicht ein ähnlich lebenswertes Leben in der zukünftigen Umwelt  (sieh Freitag vom 7.7.23), kann mich nicht überzeugen. 

Zur herrschaftslosen Freiheit vgl.  Freiheit darf nicht mit der Unfreiheit anderer erkauft werden.

Sieh auch in diesem Blog:

von Redecker: Revolution für das Leben

20 Mai 2017

Heine über die Reformation und Luther

Die erlauchten Leute, die Anno 1521 im Reichssaale zu Worms versammelt waren, mochten wohl allerlei Gedanken im Herzen tragen, die im Widerspruch standen mit den Worten ihres Mundes. Da saß ein junger Kaiser, der sich, mit jugendlicher Herrscherwonne, in seinem neuen Purpurmantel wickelte, und sich heimlich freute, daß der stolze Römer, der die Vorgänger im Reiche so oft mißhandelt und noch immer seine Anmaßungen nicht aufgegeben, jetzt die wirksamste Zurechtweisung gefunden. Der Repräsentant jenes Römers hatte seinerseits wieder die geheime Freude, daß ein Zwiespalt unter jenen Deutschen entstand, die, wie betrunkene Barbaren, so oft das schöne Italien überfallen und ausgeplündert, und es noch immer mit neuen Überfällen und Plünderungen bedrohten. Die weltlichen Fürsten freuten sich, daß sie, mit der neuen Lehre, sich auch zu gleicher Zeit die alten Kirchengüter zu Gemüte führen konnten. Die hohen Prälaten überlegten schon, ob sie nicht ihre Köchinnen heuraten und ihre Kurstaaten, Bistümer und Abteien, auf ihre männlichen Sprößlinge vererben könnten. Die Abgeordneten der Städte freuten sich einer neuen Erweiterung ihrer Unabhängigkeit. jeder hatte hier was zu gewinnen und dachte heimlich an irdische Vorteile. Doch ein Mann war dort, von dem ich überzeugt bin, daß er nicht an sich dachte, sondern nur an die göttlichen Interessen, die er vertreten sollte. Dieser Mann war Martin Luther, der arme Mönch, den die Vorsehung auserwählt, jene römische Weltmacht zu brechen, wogegen schon die stärksten Kaiser und kühnsten Weisen vergeblich angekämpft. [...]
Wie von der Reformation, so hat man auch von ihrem Helden sehr falsche Begriffe in Frankreich. Die nächste Ursache dieses Nichtbegreifens, liegt wohl darin, daß Luther nicht bloß der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer Geschichte ist; daß in seinem Charakter alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt sind; daß er auch persönlich das wunderbare Deutschland repräsentiert. Dann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten vereinigt finden, und die wir gewöhnlich sogar als feindliche Gegensätze antreffen. Er war zugleich ein träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann der Tat. Seine Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern auch Hände; er sprach und handelte. Er war nicht bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit. Auch war er zugleich ein kalter scholastischer Wortklauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet. Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen Distinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er des Abends zu seiner Flöte, und betrachtete die Sterne und zerfloß in Melodie und Andacht. Derselbe Mann, der wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte auch weich sein, wie eine zarte Jungfrau. Er war manchmal wild wie der Sturm, der die Eiche entwurzelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephyr, der mit Veilchen kost. Er war voll der schauerlichsten Gottesfurcht, voll Aufopfrung zu Ehren des heiligen Geistes, er konnte sich ganz versenken ins reine Geisttum; und dennoch kannte er sehr gut die Herrlichkeiten dieser Erde, und wußte sie zu schätzen, und aus seinem Munde erblühte der famose Wahlspruch: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein lebenlang. Er war ein kompletter Mensch, ich möchte sagen ein absoluter Mensch, in welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn einen Spiritualisten nennen, wäre daher eben so irrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll ich sagen, er hatte etwas Ursprüngliches, Unbegreifliches, Mirakulöses, wie wir es bei allen providentiellen Männern finden, etwas schauerlich Naives, etwas tölpelhaft Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches. [...]
Es entsteht das evangelische Christentum. Indem die notwendigsten Ansprüche der Materie nicht bloß berücksichtigt, sondern auch legitimiert werden, wird die Religion wieder eine Wahrheit. [...] 
Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. [...] 
Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie. In der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der menschliche Geist sich so frei aussprechen können wie in Deutschland, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur französischen Invasion. Namentlich in Preußen herrschte eine grenzenlose Gedankenfreiheit. Der Marquis von Brandenburg hatte begriffen, daß er, der nur durch das protestantische Prinzip ein legitimer König von Preußen sein konnte, auch die protestantische Denkfreiheit aufrecht erhalten mußte.
Und was gölte den Fürsten alle Wissenschaft, Studien und Bildung, wenn die heilige Sicherheit ihrer Kronen gefährdet stünde! Sie wären heroisch genug, alle jene relativen Güter für das einzig Absolute, für ihre absolute Herrschaft, aufzuopfern. [...] 

04 September 2016

Don Quijote lobt die Freiheit

Als Don Quixote sich im freien Felde sah, von den Bestürmungen der Altisidora erlöst, war es ihm, als wenn er sich wieder in seinem Elemente befinde, sein Geist erwachte von neuem, die Bahn der Ritterschaft zu verfolgen, und indem er sich zu Sancho wandte, sagte er: »Die Freiheit, Sancho, ist eins der köstlichsten Geschenke, welches der Himmel nur immer den Menschen verliehen hat; mit ihr dürfen sich weder die Schätze vergleichen, welche die Erde verschließt, noch welche das Meer bedeckt; für die Freiheit wie für die Ehre kann und soll man das Leben wagen; und als ihr Gegenteil ist die Sklaverei das größte Unglück, welches dem Menschen zustoßen kann. Ich sage dieses, Sancho, weil du wohl die Pracht und den Überfluß gesehen hast, welche uns in diesem Schlosse zu Gebote standen, das wir verlassen haben; allein, mitten unter diesen wohlschmeckenden Gerichten und abgekühlten Getränken schien es mir doch, ich sei vom Hunger umlagert, weil ich nichts mit derjenigen Freiheit genoß, mit der ich es getan hätte, wenn alles das Meinige gewesen wäre: denn die Verbindlichkeiten, die uns erzeigte Wohltaten auflegen, sind ebenso viele Fesseln, welche die Freiheit der Seele beschränken. Glücklich ist derjenige, welchem der Himmel sein Brot gibt, ohne daß er wem anders als dem Himmel Dank schuldig ist!«
»Aber trotz allem«, sagte Sancho, »was Ihr da gesagt habt, ist es nicht gut, wenn wir für die zweihundert Dukaten nicht dankbar wären, die mir der Haushofmeister des Herzogs in einem Beutel gegeben hat und die ich als Stärkung und Pflaster auf meinem Herzen trage, um für alle Fälle etwas zu haben; denn wir finden wohl nicht immer Schlösser, wo man uns verpflegt, sondern geraten auch leicht in Schenken, wo sie uns prügeln.« [...]
Das Schicksal aber, welches seine Sachen aus dem Guten in das Bessere lenkte, veranstaltete es so, daß sich bald darauf auf dem Wege eine Anzahl von Leuten zu Pferde sehen ließ, von denen viele Lanzen in den Händen hatten, die alle in einem Trupp zusammengedrängt waren und in großer Eile reisten. Diejenigen, die bei Don Quixote waren, hatten sie kaum erblickt, als sie umkehrten und sich ziemlich weit vom Wege entfernten, denn sie sahen ein, daß, wenn sie dablieben, sie sich einer Gefahr aussetzten; nur Don Quixote blieb mit unerschrockenem Herzen stehen, und Sancho Pansa beschirmte sich hinter dem Rozinante. Der Trupp der Lanzenträger kam herbei, und einer, der voranritt, schrie dem Don Quixote mit lauter Stimme zu: »Fort, du Teufelskerl, aus dem Wege, die Stiere reißen dich ja in Stücke.«
»Heda, Kanaille«, antwortete Don Quixote, »für mich gibt es keine Stiere, die mir Trotz bieten, und wenn es auch die stärksten wären, die der Xarama an seinen Ufern erzeugt. Bekennt, ihr Spitzbuben, daß das die Wahrheit sei, was ich hier bekanntgemacht habe, wollt ihr nicht, so macht euch zum Kampfe fertig.«
Der Ochsentreiber hatte keine Zeit, zu antworten, und Don Quixote ebenso wenige, aus dem Wege zu gehen, wenn er auch gewollt hätte; und so geschah es, daß der Trupp der starken Stiere sowie der zahmen Ochsen, nebst der Menge von Ochsentreibern und andern Leuten, die sie umgaben, um sie nach einer Stadt zu treiben, wo sie am folgenden Tage ein Stiergefecht geben wollten, ihren Weg über Don Quixote und Sancho, Rozinante und den Grauen nahmen, indem sie sie zur Erde warfen und über sie hinwegrannten. Sancho war zerquetscht, Don Quixote betäubt, der Graue zerschlagen und Rozinante nicht unbeschädigt; endlich aber standen alle auf, und Don Quixote lief mit großer Eile, bald stolpernd und[400] bald fallend, der Ochsenherde nach und rief mit lauter Stimme: »Haltet an, ihr niederträchtiges Gesindel, denn ein einziger Ritter er wartet euch hier, der nicht die Gesinnung hegt oder der gewöhnlichen Meinung ist, daß man dem fliehenden Feinde silberne Brücken bauen müsse.«
Aber die flüchtigen Renner ließen sich dadurch nicht zurückhalten, auch achteten sie seine Drohungen nicht mehr als die Wolken vom vorigen Jahre; Don Quixote blieb endlich aus Müdigkeit zurück und setzte sich, mehr erbost als gerächt, im Wege nieder, um zu warten, bis Sancho, Rozinante und der Graue zu ihm kämen. Sie kamen; Herr und Diener stiegen wieder auf, und ohne umzukehren, um von dem erdichteten oder nachgeahmten Arkadien Abschied zu nehmen, setzten sie mehr mit Scham als Vergnügen ihre Reise fort.
(Cervantes: Don Quijote 2. Teil 10. Buch 6. Kapitel)

15 April 2014

Vom Verschwinden der Persönlichkeit

»Nein. Überlegen Sie einmal: Wenn Gott alles vorher bestimmt und weiß, wie kann der Mensch sündigen? So wurde ja früher gefragt, und sehen Sie, es ist noch immer eine ganz moderne Fragestellung. Eine ungemein intrigante Vorstellung von Gott hatte man sich da gemacht. Man beleidigt ihn mit seinem Einverständnis, er zwingt den Menschen zu einer Verfehlung, die er ihm übelnehmen wird; er weiß es ja nicht nur vorher – für solche resignierte Liebe hätten wir immer Beispiele –, sondern er veranlaßt es! In einer ähnlichen Lage zu einander befinden wir uns heute alle. Das Ich verliert die Bedeutung, die es bisher gehabt hat, als ein Souverän, der Regierungsakte erläßt; wir lernen sein gesetzmäßiges Werden verstehn, den Einfluß seiner Umgebung, die Typen seines Aufbaus, sein Verschwinden in den Augenblicken der höchsten Tätigkeit, mit einem Wort, die Gesetze, die seine Bildung und sein Verhalten regeln. Bedenken Sie: die Gesetze der Persönlichkeit, Kusine! Es ist das wie ein gewerkschaftlicher Zusammenschluß der einsamen Giftschlangen oder eine Handelskammer für Räuber! Denn da Gesetze wohl das Unpersönlichste sind, was es auf der Welt gibt, wird die Persönlichkeit bald nicht mehr sein als ein imaginärer Treffpunkt des Unpersönlichen, und es wird schwerhalten, für sie jenen ehrenvollen Standpunkt zu finden, den Sie nicht entbehren mögen...«

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, 


29 März 2014

Schiller an Goethe

"Ich habe mich schon lange vor dem Augenblick gefürchtet, den ich so sehr wünschte, meines Werks los zu seyn; und in der That befinde ich mich bei meiner jetzigen Freiheit schlimmer als der bisherigen Sclaverei. Die Masse, die mich bisher anzog und fest hielt, ist nun auf einmal weg, und mir dünkt, als wenn ich bestimmungslos im luftleeren Raume hinge. Zugleich ist mir als wenn es absolut unmöglich wäre, daß ich wieder etwas hervorbringen könnte; ich werde nicht eher ruhig seyn, bis ich meine Gedanken wieder auf einen bestimmten Stoff mit Hoffnung und Neigung gerichtet sehe. Habe ich wieder eine Bestimmung, so werde ich diese Unruhe los seyn, die mich jetzt auch von kleineren Unternehmungen abzieht."
          Schiller an Goethe, Jena, den 19. März 1799

Ich weiß nicht, wie gut die Links oben rechts auf den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe wahrgenommen werden. Deshalb hier ein Zitat daraus, das sehr modern klingt.
Man könnte hochtrabend vom Fluch der Freiheit sprechen, der sich so sehr von der Muße (otium) der Antike unterscheidet. 

27 Januar 2013

In der neuen Welt: Sklaverei und Freiheit

Flüchtige deutsche Demokraten von 1848 unterhalten sich in Amerika mit amerikanischen Verwandten. 

[...] Auf eine nochmalige demokratische Erhebung in Deutschland, auf welche die meisten Flüchtlinge hier ihre Hoffnung setzen, rechne ich nicht; aber was ich von euerm vielgerühmten, gloriosen Amerika gesehen, zieht mich nicht an. Diese ewig rastlose, krampfhaft angespannte Thätigkeit der Leute hier widert mich an, da die Menschen blos des Erwerbes wegen geschaffen scheinen und gleich euern Hohöfen und Dampfmaschinen nur Geld und abermals Geld knirschen. Ich habe hier in Nordamerika noch keine Spur deutscher Gemüthlichkeit gefunden und bin zweifelhaft, ob ich nicht nach Deutschland zurückgehe. Finde ich doch dort noch immer vier- bis fünfunddreißig Vaterländchen, wo ich kein Hochverräter bin.«
»Verstehst du, junger Vetter, unter deutscher Gemüthlichkeit, auf den Bierbänken herumzuliegen, zu kneipen und zu singen, umherzuschlendern, sorglos in den Tag hineinzuleben, so ist dafür bei uns allerdings der Boden nicht. Hier heißt es arbeiten und durch eigene Arbeit frei und selbständig werden. Denn das weiß bei uns jedes Kind, daß nur Besitz und Reichthum die wahre Freiheit gibt, und darum strebt jedermann danach. Auch die Romantik fehlt. Statt verfallener Thürme alter Raubburgen siehst du Dampfessen, hörst den Schmiedehammer statt Rappier- oder Degengerassel. Aber was beschaffen wir auch!«
»Was ihr beschafft?« fiel der Bärtige dem Vetter heftig in die Rede; »wahrlich nichts Großes, nichts von ethischer und idealer Bedeutung.« Er sprang vom Wiegenstuhle auf und schleuderte das Cigarrenende weit über den Söller hinaus.
»Man sieht in der That, daß du nur Neuyork und die Congreßstadt gesehen«, entgegnete der Freund ruhig, »und noch wenig oder nichts von unserm Leben und Treiben begriffen hast. Du hast nicht die entfernteste Ahnung, wie es scheint, daß wir im Begriff stehen, den größten Kampf, der je für ein ethisches Princip gekämpft ist, zu beginnen, den Kampf um die Gleichberechtigung der Menschen ohne Ansehen der Farbe. Es tritt der Bruderkrieg, der Krieg zwischen Norden und Süden, stündlich näher an uns heran, es handelt sich darum, die Sklaverei nicht weiter um sich greifen zu lassen in den neueroberten Staaten, wie in den sich aus Territorien zu neuen Staaten heranbildenden Regionen des Westens, die südlich der Compromißgrenze liegen. Demnächst wird es sich geradezu um die Aufhebung der Sklaverei handeln. »Leider ist es nicht nur möglich, sondern wie Grant, das Congreßmitglied, glaubt, sogar wahrscheinlich, daß unsere Staatsmänner, die seit Jahren von den Sklavenbaronen beherrscht sind, auch in diesem Jahre vor einem offenen Bruche zurückschrecken und abermals zu Compromissen ihre Zuflucht nehmen. Die Sklavenhalter wollen nämlich nicht, daß Californien nur unter der Bedingung als Staat aufgenommen werde, kein sklavenhaltender Staat zu sein; sie spielen mit dem Rechtssatze, daß nicht der Congreß, sondern jeder einzelne Staat selbst zu bestimmen habe, ob er Sklaven dulden wolle oder nicht. Ferner steht die Frage der Sklavenjagden auf der Tagesordnung, die leider durch den unglückseligen Vergleich von 1793 zum Gesetz geworden sind. Nach unserer Constitution soll kein freier Staat ›den Flüchtling von gezwungener Arbeit‹ schützen. Freilich wir in Pennsylvanien haben unsern Beamten trotzdem verboten, flüchtige Sklaven einzufangen. Ein Sklave, der Pennsylvanien betritt, ist so gut wie frei. Aber die Sklavenbarone überschreiten mit ihren Bluthunden unsere Grenzen und schießen die entflohenen Sklaven lieber todt oder lassen sie von Bluthunden zerreißen, bevor sie unter den Schutz einer Stadt oder eines Ortes kommen, hinreichend bevölkert, um die Baumwolljunker mit Flintenschüssen über die Grenze zurückzutreiben.«

»Das ist mir allerdings neu«, sagte unser Freund aus Hannover, »und ein solcher Kampf gegen die Sklavenhalter würde mir schon erwünscht sein.«
»Willst du dich der großen Sache widmen, der Aufgabe, die schon Franklin einleitete, mit ganzer Seele und Gemüth widmen, so hast du ein Lebensziel so schön und reich, wie du es nur verlangen kannst, denn es wird viel Arbeit geben. Ich kann dir in diesem Falle die beste Unterstützung schaffen. Du mußt dich in unsere Loge zu den Cedern des Libanon aufnehmen lassen, es trifft sich das gut, in nächster Zeit ist große Aufnahmeloge. Wir arbeiten hauptsächlich für die Gleichheit und Freiheit der schwarzen und andern Menschenrassen und sehen unsere gefährlichsten Feinde in den Afterlogen des Südens, in den Rittern vom Goldenen Zirkel und wie sie sich sonst nennen.«
[...]

»Lieben Freunde«, unterbrach Georg Baumgarten den Redenden, »das Wort der Bibel: Man sieht den Splitter im fremden Auge leichter als den Balken im eigenen, bewährt sich jenseit wie diesseit des Oceans, und wird sich auch wol hinter dem Pacific bewähren. Ich bin über vierzig Jahre hier und glaube in dieser Zeit das, was den Nordamerikaner vor andern Völkern charakterisirt, herausgefunden zu haben; ihr habt nur auffallende Nebenzüge, wenn ich so sagen darf, entdeckt. Das Charakteristische Nordamerikas ist die Idee der Freiheit, der Freiheit in jeder Form, im Staate wie in der Kirche. Das Streben nach Reichthum muß, wie ich heute schon zu Schulz sagte, aufgefaßt werden als Streben, sich die Mittel zur völligen Freiheit und Unabhängigkeit zu schaffen.«
»Aber wie reimt sich damit der Besitz von drei Millionen Sklaven?« entgegnete Oskar.
»Die Sklavenfrage ist der faulste Punkt im Leben der Union, das haben schon Washington, Jefferson, Madison und alle Denker gesagt. Sie war durch die historische Entwickelung, durch gegebene Verhältnisse des Südens, mit denen man nicht zu brechen wagte, namentlich bei den Verdiensten der Virginier um Schaffung der Unabhängigkeit, bedingt. Durch die Ueberlegenheit der südlichen Staatsmänner, durch ihre Ungesetzlichkeit, ihr Drohen mit Secession und Nullification, durch den Ausfall der Präsidentenwahlen für die Demokraten, durch den Anschluß neuer südlicher Sklavenstaaten ist das Uebel verstärkt. Wir wollen über dieses Kapitel erst weiter reden, wenn ihr, lieber Oskar und Hellung, euch überzeugt haben werdet, wie groß die Anzahl der Männer im Norden ist, welche gegen diese Schmach ankämpfen. Laßt die Beurtheilung amerikanischer Zustände vorläufig beruhen. Du, lieber Hellung, der du zuletzt von Europa herübergekommen bist, berichtest wol von den Aussichten in Deutschland, Freiheit und Einheit zu schaffen, von den deutschen Flüchtlingen in London und ihrem Treiben, wie du, Oskar, uns über Hannover das Nähere mittheilst.«

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre, 8. Buch, 7. Kapitel

16 Mai 2012

Freiheit des Mannes und Freiheit der Frau


Linda beschwört Albano, nicht in den Krieg zu ziehen.
»Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligen – bei der heiligen Jungfrau – bei dem Allmächtigen! – du darfst, du sollst nicht!« Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging' ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen: es ist der Raub seiner Freiheit und freien Entwickelung. Ja, daß es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der Leidenschaft. – Linda wiederholte: »Du darfst nicht.« Er sah' ihr bewegtes glänzendes Antlitz an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Enthusiasmus glich als einem Zorn, und sagte fest: »O Linda, ich werde wohl dürfen und wollen!« – »Nein, ich sage Nein!« rief sie. – [...] (116. Zykel


Linda überwindet ihre Ehescheu, aber ...
Linda stammelte: »So nimm sie denn hin, meine liebe Freiheit, und bleibe bei mir« – »bis zu meiner letzten Stunde«, sagt' er – »und bis zu meiner, und gehst in keinen Krieg«, sagte sie zärtlich-leise – er drückte sie bestürzt und stark ans Herz – »nicht wahr, du versprichst es, mein Lieber?« wiederholte sie. – »O, du Göttliche, denke jetzt an etwas Schöneres«, sagte er. – »Nur ja, Albano, ja?« fuhr sie fort. – »Alles wird sich durch unsere Liebe lösen«, sagt' er. – »Ja? Sage nur Ja!« bat sie – er schwieg – sie erschrak: »Ja?« sagte sie stärker. – »O Linda, Linda!« stammelte er – sie entsanken einander aus den Armen – »ich kann nicht«, sagt' er – »Menschen, versteht euch«, sagte Julienne – »Albano, sprich dein Wort«, sagte Linda hart. – »Ich habe keines«, sagt' er. Linda erhob sich beleidigt und sagte: »Ich bin auch stolz – ich fahre jetzt, Julienne.« Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen. Der Zorn, mit seinem Sprachrohr und Hörrohr, sprach und hörte alles zu stark. Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen. »O ihr Leute und du Hartnäckiger,« (sagte Julienne) »geh ihr doch nach und stille sie.« Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht; das ihm neue Auffahren, der Schlagregen ihres Zorns hatt' ihn erschüttert; er fragte nach nichts. (126. Zykel)

Albano über Liebe, Krieg und Freiheit

Albano an Linda
Und so ist mir jetzt wie der und noch stärker; ich möchte zu dir hinüberfliegen und sagen: du bist mein Ruhm, mein Lorbeerkranz, meine Ewigkeit, aber ich muß dich verdienen; ich kann nichts für dich tun, außer für mich. – In der alten Zeit waren geliebte Jünglinge groß, Taten waren ihre Grazien und der Panzer ihr Feierkleid. Heute, als ich auf den Golf von Baja und auf die Ruinen hinübersah, wo die Gärten und Paläste der großen Römer noch mit Trümmern oder Namen liegen; und als ich die alten trotzigen Riesen stehen sah mitten in Blumen und Orangen und in lauen Duftlüften, davon erquickt, aber nicht erweicht, mit der Hand den schweren Dreizack hebend, der drei Weltteile bewegte, und mit der markigen Brust entgegentretend dem Winter im Norden, der Glut in Afrika und jeder Wunde: da fragte mein ganzes Herz: bist du so? O Linda, kann der Mann anders sein? Der Löwe geht über die Erde, der Adler geht durch den Himmel, und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich. Noch war und tat ich nichts; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist, kannst du ihn übersteigen, oder festgreifen und zerschlagen? Willst du einmal, du Uranide, einen Mann lieben, so tret' ich vor keinem zurück. Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule, wie Schoppe [643] sagt. Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstoßen, so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe. (113. Zykel)

Albano im Gespräch mit Julienne
»Zwar doch!« (holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus) »Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Faux-brillant. Kannst du denn glauben, daß man es dir zulässet? daß eine Prinzessin-Schwester von Hohenfließ dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt? Nimmermehr! Und gar kein Mensch, der dich liebt!« Albano lächelte, wurde aber am Ende ernst. Linda war still und senkte das Auge. »Zeige mir« (sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz) »auf der Landkarte eine bessere [654] Laufbahn!« – »Einen bösern Laufgraben?« (sagte sie spielend) »Wohl kaum!« Nun schattete sie mit aristokratischen, weiblichen und fürstlichen Farben zugleich, mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen, Rauchwolken und Wellen ab, womit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war. Und setzte dazu »Lieber ein müßiger Graf als das!« – Er wurde rot. Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft, das liebende Krummschließen zu Blumen herab, das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset; – »in einer Welt, die nur eine Meßwoche und ein Maskenball ist, nicht einmal Meß- und Maskenfreiheit zu behalten, ist stark«, hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen, weil es aus seiner Seele in sie kam. »Schwester, du bist entweder nicht mein Bruder, oder ich deine Schwester nicht,« (sagt' er) »sonst verständen wir uns leichter.« Lindas Hand zuckte in seiner, und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder. – Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein. (115. Zykel)
(Hervorhebungen von Fontanefan)

Albano über Freiheit und Krieg


Albano an Schoppe
Wie in Rom, im wirklichen Rom, ein Mensch nur genießen und vor dem Feuer der Kunst weich zerschmelzen könne, anstatt sich schamrot aufzumachen und nach Kräften und Taten zu ringen, das begreif' ich nicht. Im gemalten, gedichteten Rom, darin mag die Muße schwelgen; aber im wahren, wo dich die Obelisken, das Coliseo, das Kapitolium, die Triumphbogen unaufhörlich ansehen und tadeln, wo die Geschichte der alten Taten den ganzen Tag wie ein unsichtbarer Sturmwind durch die Stadt fortrauschet und dich drängt und hebt, o wer kann sich unwürdig und zusehend hinlegen vor die herrliche Bewegung der Welt? – Die Geister der Heiligen, der Helden, der Künstler gehen dem lebendigen Menschen nach und fragen zornig: was bist du? [...]
Nimm nur den Krieg höher, wo die Geister, ohne Verhältnis des Gewinstes zum Verlust, nur aus Kraft der Ehre und des Zwecks, sich dem Schicksal verdingen, daß es unter ihren Körpern die Leichen auslese und das Los des Sieges aus den Gräbern ziehe. – Zwei Völker gehen auf die Schlacht-Ebene, die tragische Bühne eines höhern Geistes, um ohne persönlichen Haß die Todesrollen gegeneinander zu spielen – still und schwarz liegt die Gewitterwolke auf dem Schlachtfeld – die Völker ziehen hinein in die Wolke, und alle ihre Donner schlagen, und düster und allein brennt die Todesfackel über ihr – es wird endlich Licht, und zwei Ehrenpforten stehen aufgebauet, die Todespforte und das Siegestor, und das Heer hat sich geteilt und ist durch beide gezogen, aber durch beide mit Kränzen. – Und wenn es vorüber ist, stehen die Toten und die Lebendigen erhaben in der Welt, weil sie das Leben nicht geachtet hatten. – Wenn aber der große Tag noch größer werden, wenn dem Geiste das Köstlichste kommen soll, was das Leben heiligen kann: so stellt Gott einen Epaminondas, einen Kato, einen Gustav Adolph vor das geheiligte Heer – und die Freiheit ist zugleich die Fahne und die Palme – o selig, wer dann lebt oder stirbt für den Kriegs-Gott und für die Friedens-Göttin zugleich. – – [...]
Gespräch mit Gaspard
»Der gallische Rausch« (versetzte Albano heftig) »ist doch wahrlich kein zufälliger, sondern ein Enthusiasmus, in der Menschheit und Zeit zugleich gegründet; woher denn sonst der allgemeine Anteil? – Sie können vielleicht sinken, aber um höher zu fliegen. Durch ein rotes Meer des Bluts und Kriegs watet die Menschheit dem gelobten Lande entgegen, und ihre Wüste ist lang; mit zerschnittenen, nur blutig-klebenden Händen klimmt sie wie die Gemsenjäger empor.« [...]
Albano zu Dian
Er gestand dem geliebtesten Lehrer den großgewachsenen Vorsatz, sobald der unheilige Krieg gegen die gallische Freiheit, der jetzt seine Pechkränze in allen Straßen der Stadt Gottes aushing, in Flammen schlage, an die Seite der Freiheit zu treten und früher zu fallen als sie.
(Jean Paul: Titan, 105. Zykel)

20 Oktober 2011

Joachim Gauck und die Freiheit

Joachim Gauck hat den Protest der occupy wall street "unsäglich albern" genannt.
Sein jahrzehntelanger Kampf für Freiheit verbietet es, das als die übliche Abwertung einer Gruppe, deren Handlungsweise einem nicht gefällt, zu verstehen.

Weil er das Fehlen der Freiheit so stark gefühlt hat, ist er zu Recht einer Lebenshaltung dankbar, ja verschworen, die ihm die Freiheit gebracht hat.

Theologisch gesehen überbetont er dabei freilich von der Freiheit des Christenmenschen das "freier Herr aller Dinge". Musste es sicher in seiner Rolle als Pastor, Hirte, einer Gemeinde in äußerster Diaspora im kommunistischen Atheismus. Daneben steht lutherisch gesehen freilich das "dienstbarer Knecht aller Dinge". Die Verantwortung für den Mitmenschen, die im deregulierten (entfesselten) Kapitalismus völlig negiert wird.
Aufgrund seines Lebensganges ist es mit Verständnis zu betrachten. Aber es blickt zu kurz, wer als Verantwortung nur die Verantwortung für sich selbst sieht.
In seinen Lebenserinnerungen greift Gauck am Schluss (S.336-342) auf Erich Fromms Aufsatz "Furcht vor der Freiheit" von 1941 zurück. Es hat Sinn, ihn auch im heutigen Kontext noch einmal zu lesen.

Wo findet heute der Kampf um politische Freiheit statt? In China, in Nordafrika, in Nordamerika, in Ost- und Westeuropa. Es sind unterschiedliche Fronten; aber es ist gewiss nicht überall der Kampf gegen zu viel Staat.

12 August 2010

Fußreisen beleben die Gedanken

Was ich im Hinblick auf die Einzelnheiten meines Lebens, deren ich mich nicht mehr zu erinnern vermag, am meisten bedauere, ist, daß ich keine Tagebücher über meine Reisen geführt habe. Nie habe ich so viel gedacht, nie bin ich mir meines Daseins, meines Lebens so bewußt, nie, wenn ich so sagen darf, so ganz Ich gewesen, wie auf denen, die ich allein und zu Fuß gemacht habe. In dem Wandern liegt etwas, das meine Gedanken weckt und belebt; verharre ich auf der Stelle, so bin ich fast nicht im Stande zu denken; mein Körper muß in Bewegung sein, damit mein Geist in ihn hineintritt. Der Blick über die Gegend, die Reihe freundlicher Aussichten, die frische Luft, der große Appetit, das Wohlbefinden, das ich beim Gehen bekomme, die Zwanglosigkeit im Wirthshause, die Abwesenheit von allem, was mir meine Abhängigkeit fühlbar macht, von allem, was mich an meine Lage erinnert, dies alles macht meine Seele frei, verleiht mir eine größere Gedankenkühnheit, schleudert mich gewissermaßen in die Unermeßlichkeit der Dinge, um sie zu ordnen, auszuwählen und mir nach meinem Sinne, ohne Zwang und Furcht, anzueignen. Ich verfüge als Herr über die ganze Natur; von Gegenstand zu Gegenstand schweifend, vereinigt und identificirt sich mein Herz mit denen, die es angenehm berühren, umgiebt sich mit reizenden Bildern, berauscht sich an lieblichen Empfindungen. Wenn ich, um sie festzuhalten, mich damit ergötze, innerlich eine Schilderung von ihnen zu entwerfen, welche Lebensfrische der Formen, welchen Glanz der Farben, welche Kraft des Ausdrucks gebe ich ihnen dann! Man will etwas von dem allen in meinen Werken gefunden haben, obgleich ich sie erst in höheren Lebensjahren geschrieben habe. Ach, hätte man die meiner frühsten Jugend gesehen, die, welche ich auf meinen Reisen verfaßt, die, welche ich entworfen und nie niedergeschrieben habe! ... Weshalb, wird man einwenden, sie nicht schreiben? Aber weshalb sie schreiben? werde ich antworten. Weshalb mich um den wirklichen Zauber des Genusses bringen, um anderen zu sagen, daß ich Genuß gehabt? Was kümmerten mich Leser, Publikum, ja die ganze Welt, so lange ich im Himmel schwebte. Führte ich denn übrigens Papier und Federn bei mir? Hätte ich an alles das gedacht, dann würde keine Gedankenwelt in mir aufgestiegen sein. Ich sah nicht voraus, daß ich Gedanken haben würde; sie kommen nach ihrem, nicht nach meinem Gefallen; sie überwältigen mich durch ihre Zahl und Stärke. In zehn Bänden täglich hätte ich sie nicht unterbringen können. Woher Zeit nehmen, um sie zu schreiben? Sobald ich ankam, dachte ich an ein gutes Essen, wenn ich wieder aufbrach, dachte ich nur an eine angenehme Wanderung. Ich fühlte, daß ein neues Paradies meiner am Thore wartete; ich dachte nur daran, so schnell als möglich hinein zu gehen. [...]
Beim Berichte über meine Reisen geht es mir wie beim Reisen selbst; ich weiß nicht anzukommen. Das Herz schlug mir vor Freude, als ich meiner lieben Mama näher kam, und ich ging doch nicht schneller. Ich wandere gern mit aller Gemächlichkeit und mache Halt, wenn es mir gefällt. Ein umherwanderndes Leben ist für mich Bedürfnis. Eine Fußreise bei schönem Wetter, und in einer schönen Gegend zu machen, ohne Eile zu haben und an deren Ziele meiner etwas Angenehmes wartet, ist von allen Arten zu leben am meisten nach meinem Geschmack. Uebrigens weiß man schon, was ich unter einer schönen Gegend verstehe. Nie erschien mir ein flaches Land, bei aller sonstigen Schönheit, als ein solches. Ich bedarf Gießbäche, Felsen, Tannen, dunkle Wälder, Berge, schroffe Pfade, die eben so schwer zu erklettern wie hinabzusteigen sind, Abgründe auf beiden Seiten, die mir Angst einjagen. Diese Wonne hatte ich und empfand sie in ihrem ganzen Zauber, als ich mich Chambery näherte. Unweit einer Felsenwand, die den Namen Pas de l'Echelle führt, tief unter der in den Felsen gehauenen Landstraße, bei dem Flecken Chailles, strömt und schäumt in schrecklichen Strudeln ein kleiner Fluß, der Tausende von Jahrhunderten gebraucht zu haben scheint, um sich Bahn zu brechen. Man hat den Weg, um Unglücksfälle zu verhüten, mit einem Geländer eingefaßt; deshalb konnte ich in die Tiefe hinabblicken und mich nach Herzenslust schwindelig machen lassen; denn trotz meiner Vorliebe für schroffe Felsen werde ich wunderlicher Weise auf ihnen schwindelig, und gerade an diesem Gefühle des Schwindels habe ich große Freude, sobald ich mich dabei in Sicherheit befinde. Weit über das Geländer gelehnt, schaute ich in die Tiefe und blieb da ganze Stunden lang, indem ich von Zeit zu Zeit bald auf diesen Schaum, bald auf das blaue Wasser blickte, dessen Brausen ich durch das Geschrei der Raben und der Raubvögel vernahm, welche hundert Klafter unter mir von Fels zu Fels und von Gesträuch zu Gesträuch flogen. An den Stellen, wo der Abhang ziemlich gerade hinunter ging und das Strauchwerk weit genug auseinander stand, um Steine durchzulassen, trug ich deren so groß und schwer, wie ich sie nur haben konnte, von allen Seiten zusammen und häufte sie auf dem Geländer auf. Darauf warf ich sie einen nach dem andern hinab und ergötzte mich daran, sie rollen, aufspringen und in tausend Stücke zerschellen zu sehen, ehe sie noch den Boden des Abgrundes erreichten.
Noch näher bei Chambery hatte ich ein ähnliches Schauspiel, wenn auch in umgekehrtem Sinne. Der Weg führt am Fuße des schönsten Wasserfalles vorüber, den meine Augen je gesehen. Der Berg hängt so weit herüber, daß das Wasser plötzlich in einem Bogen herabfällt, der weit genug von der Felsenwand entfernt ist, um zwischen dieser und dem Wasserfall hindurchschreiten zu können, oft sogar ohne daß man dabei naß wird; sieht man sich jedoch dabei nicht vor, so wird man leicht angeführt, wie es bei mir der Fall war; denn wegen der außerordentlichen Höhe löst sich das Wasser in eine Art Staubregen auf, und tritt man zu nahe an diese Wolke heran, ist man mit einem Male, ohne anfangs zu merken, daß man naß wird, vollkommen wie aus dem Wasser gezogen.Rousseau: Bekenntnisse (4. Buch)

03 Juni 2010

Max Frisch: Tagebuch 3

USA: "Ausbeutung ist hier kein Wort, dafür haben sie hier ein anderes: KNOW HOW."

"Ihr Lieblingswort: POWER. [...] Ohne das geht es nicht einmal im Kunsthandel. MONEY? Das ist das anspruchslosere Synonym. Das ethische Synonym: LIBERTY."