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05 September 2025

Adolf Hitler: Mein Kampf

 Auf die Frage auf gutefrage.net, ob ich Mein Kampf  gelesen hätte, habe ich dort geantwortet, Bei passender Gelegenheit will ich dies Zitat noch ergänzen und etwas mehr dazu schreiben:

Ich habe die zwei Bände von Hitlers "Mein Kampf" seit Jahrzehnten im Bücherschrank stehen, um nachschlagen zu können. Aber sie komplett durchzulesen, war mir zu langweilig. Da gibt es genügend Biographien Hitlers von Leuten, die "Mein Kampf" intensiver gelesen und besser verstanden haben als ich (z.B. Bullock und Fest).

Hier zunächst ein zufälliges Zitat aus "Mein Kampf" über Hitlers Anfänge:

[...] was damals mir als Härte des Schicksals erschien, preise ich heute als Weisheit der Vorsehung. In dem ich die Göttin der Not in ihrer Arme nahm und mich oft zu zerbrechen drohte, wuchs der Wille zum Widerstand, und endlich blieb der Wille Sieger. Das danke ich der damaligen Zeit, dass ich hart geworden bin und hart sein kann. Und mehr noch als dieses preise ich sie daher dafür, dass sie mich losriss von der Hohlheit des gemächlichen Lebens, dass sie das Muttersöhnchen aus den weichen Daunen zog und nun Frau Sorge zur neuen Mutter gab, Dass sie den Widerstreben hineinwarf, in die Welt des Elends und der Armut und ihn so die kennen lernen ließ, für die er später kämpfen sollte. In dieser Zeit sollte mir auch das Auge geöffnet werden für zwei Gefahren, die ich beide vordem kaum dem Namen nach kannte, auf keinen Fall aber in ihrer entsetzlichen Bedeutung für die Existenz des deutschen Volkes begriff. 

Wien, die Stadt, die so vielen als Inbegriff harmloser Fröhlichkeit gilt, als festlicher Raum vergnügter Menschen, ist für mich leider nur die lebendige Erinnerung an die traurigste Zeit meines Lebens. 

Auch heute noch kann diese Stadt nur trübe Gedanken in mir erwecken.  Fünf Jahre, Elend und Jammer sind im Namen dieser Phäakenstadt [Wien] für mich enthalten. Fünf Jahre, in denen ich erst als Hilfsarbeiter, dann als kleiner Maler mir mein Brot verdienen musste; mein wahrhaft kärglich Brot, das doch nie langte, um auch nur den gewöhnlichen Hunger zu stillen. Er war damals mein getreuer, Wächter, der mich als einziger fast nie verließ, der in allem redlich mit mir teilte. Jedes Buch, dass ich mir erwarb, erregte seine Teilnahme; ein Besuch der Oper ließ ihn mir dann wieder Gesellschaft leisten, auf Tage hinaus; es war ein dauernder Kampf mit meinem mitleidlosen Freunde und doch habe ich in dieser Zeit gelernt, wie nie zuvor. Außer meiner Baukunst, dem seltenen, [S.19/S.20] vom Munde abgesparten Besuch der Oper, hatte ich als einzige Freude nur mehr Bücher.

Ich las damals unendlich viel und zwar gründlich. Was mir so an freie Zeit von meiner Arbeit übrig blieb, ging restlos für mein Studium auf. In wenigen Jahren schuf ich mir damit die Grundlage eines Wissens, von dem ich auch heute noch zehre. 

Aber mehr noch als dieses.

In dieser Zeit bildete sich mir ein Weltbild und eine Weltanschauung, die zum granitenen Fundament meines derzeitigen Handelns wurden. Ich habe zu dem, was ich einst mir so schuf, nur weniges hinzu zu lernen gemusst, zu ändern brauchte ich nichts.

Im Gegenteil.

Ich glaube heute fest daran, dass im allgemeinen sämtliche schöpferischen Gedanken schon in dieser Jugend grundsätzlich erscheinen, soferne solche überhaupt vorhanden sind.“ (Mein Kampf 1. Band 1925, S.19/20)

Was mir an diesem kurzen Text auffällt, ist nicht so sehr, dass Hitler Mitleid heischend sein damaliges Leben so stilisiert, dass die Darstellung weit von der Wirklichkeit abweicht. Das gibt es oft.

Mich stört, dass er von zwei Gefahren spricht, für die ihm das Auge geöffnet worden sei, und dass er nicht sagt, welche Gefahren das seien, und dass er sagt, dass er nichts an seinem Weltbild zu ändern brauchte, ohne gesagt zu haben, was sein Weltbild war. Offenbar bestand sein Weltbild in der "Erkenntnis" dieser ungenannten Gefahren.

Offenbar, aber man erfährt nichts Sicheres. Dies Unklarheit zieht sich durch das Buch hindurch.

Außerdem stört die Widersprüchlichkeit: Sorge als Mutter und der Hunger als Freund. Zu einer Argumentation kommt es nicht.


In der Wikipedia heißt es über diese Zeit in Hitlers Leben:

"Nach dem Tod seines Vaters bezog Hitler als Halbwaise ab 1903 eine anteilige Waisenrente; ab 1905 erhielt er Finanzhilfen von seiner Mutter und seiner Tante Johanna. Anfang 1907 wurde bei seiner Mutter Brustkrebs festgestellt. Der jüdische Hausarzt Eduard Bloch behandelte sie. Da sich ihr Zustand rapide verschlechterte, soll Hitler auf der Anwendung von schmerzhaften Iodoform-Kompressen bestanden haben, die letztlich ihren Tod beschleunigten.[27]

Seit 1906 wollte Hitler Kunstmaler werden und trug später diese Berufsbezeichnung.[28] Er sah sich zeitlebens als verkannter Künstler.[29] Im Oktober 1907 bewarb er sich erfolglos für ein Kunststudium an der Allgemeinen Malerschule der Wiener Kunstakademie. Er blieb zunächst in Wien, kehrte nach Linz zurück, als er am 24. Oktober erfuhr, dass seine Mutter nur noch wenige Wochen zu leben habe. Nach Aussage Blochs und Hitlers Schwester versorgte er den elterlichen Haushalt bis zum Tod der Mutter am 21. Dezember 1907 und sorgte für ihr Begräbnis zwei Tage darauf. Er bedankte sich dabei bei Bloch, schenkte ihm einige seiner Bilder und schützte ihn 1938 vor der Festnahme durch die Gestapo.[30]

Als vorgeblicher Kunststudent erhielt Hitler von Januar 1908 bis 1913 eine Waisenrente von 25 Kronen monatlich sowie das Erbe seiner Mutter von höchstens 1000 Kronen. Davon konnte er etwa ein Jahr in Wien leben.[31] Sein Vormund Josef Mayrhofer drängte ihn mehrmals vergeblich, zugunsten seiner minderjährigen Schwester Paula auf seinen Rentenanteil zu verzichten und eine Lehre zu beginnen. Hitler weigerte sich und brach den Kontakt ab. Er verachtete einen „Brotberuf“ und wollte in Wien Künstler werden. Im Februar 1908 ließ er eine Einladung des renommierten Bühnenbildners Alfred Roller ungenutzt, der ihm eine Ausbildung angeboten hatte. Als ihm das Geld ausging, besorgte er sich im August von seiner Tante Johanna einen Kredit über 924 Kronen. Bei der zweiten Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie im September wurde er nicht mehr zum Probezeichnen zugelassen. Er verschwieg seinen Verwandten diesen Misserfolg und seinen Wohnsitz, um seine Waisenrente weiter zu erhalten.[32] Deshalb gab er sich bei Wohnungswechseln als „akademischer Maler“ oder „Schriftsteller“ aus. Ihm drohte die Einziehung zum Wehrdienst in der österreichischen Armee.[33]

Nach August Kubizek, der mit ihm 1908 ein Zimmer teilte, interessierte sich Hitler damals mehr für Wagner-Opern als für Politik. Nach seinem Auszug im November 1908[34] mietete er in kurzen Zeitabständen immer weiter von der Innenstadt entfernte Zimmer an, offenbar weil seine Geldnot wuchs. Im Herbst 1909 bezog er für drei Wochen ein Zimmer in der Sechshauser Straße 56[35] in Wien; danach war er drei Monate lang nicht behördlich angemeldet. Aus seiner Aussage in einer Strafanzeige ist ersichtlich, dass er ein Obdachlosenasyl in Meidling bewohnte.[36] Anfang 1910 zog Hitler in das Männerwohnheim Meldemannstraße, ebenfalls ein Obdachlosenasyl. 1938 ließ er alle Akten über seine Aufenthaltsorte in Wien beschlagnahmen und gab ein Haus in einem gehobenen Wohnviertel als seine Studentenwohnung aus.[37]



Ab 1910 verdiente Hitler Geld durch nachgezeichnete oder als Aquarelle kopierte Motive von Wiener Ansichtskarten. Diese verkaufte sein Mitbewohner Reinhold Hanisch bis Juli 1910 für ihn, danach der jüdische Mitbewohner Siegfried Löffner. Dieser zeigte Hanisch im August 1910 wegen der angeblichen Unterschlagung eines Hitlerbildes bei der Wiener Polizei an. Der Maler Karl Leidenroth zeigte Hitler, wahrscheinlich im Auftrag Hanischs, wegen des unberechtigten Führens des Titels eines „akademischen Malers“ anonym an und erreichte, dass die Polizei ihm das Führen dieses Titels untersagte.[38] Daraufhin ließ Hitler seine Bilder von dem Männerheimbewohner Josef Neumann sowie den Händlern Jakob Altenberg und Samuel Morgenstern verkaufen. Alle drei waren jüdischer Herkunft. Der Mitbewohner im Männerwohnheim, Karl Honisch, schrieb später, Hitler sei damals „schmächtig, schlecht genährt, hohlwangig mit dunklen Haaren, die ihm ins Gesicht schlugen“, und „schäbig gekleidet“ gewesen, habe jeden Tag in derselben Ecke des Schreibzimmers gesessen und Bilder gezeichnet oder gemalt.[39]

In Wien las Hitler Zeitungen und Schriften von AlldeutschenDeutschnationalen und Antisemiten, darunter eventuell die Schrift Der Unbesiegbare von Guido von List. Deren Wunschbild eines vom „Schicksal“ bestimmten, unfehlbaren germanischen Heldenfürsten, der die Germanen vor dem Untergang retten und zur Weltherrschaft führen werde, kann laut Brigitte Hamann Hitlers späteren Anspruch auf Auserwähltheit und Unfehlbarkeit mit erklären.[40] Für Hitler damals zugänglich war auch die Zeitschrift Ostara, die der List-Schüler Jörg Lanz von Liebenfels herausgab,[41] und die von Eduard Pichl verfasste Biografie Georg von Schönerers (1912). Dieser hatte seit 1882 die „Entjudung“ und „Rassentrennung“ per Gesetz gefordert, einen Arierparagraphen für seine Partei eingeführt, ein völkisch-rassistisches Deutschtum gegen den Multikulturalismus der Habsburger Monarchie und als Ersatzreligion für das katholische Christentum vertreten („Los von Rom!“). Hitler hörte Reden seines Anhängers, des Arbeiterführers Franz Stein, und seines Konkurrenten, des Reichsratsabgeordneten Karl Hermann Wolf. Beide bekämpften die „verjudete“ Sozialdemokratie, tschechische Nationalisten und Slawen. Stein strebte eine deutsche Volksgemeinschaft zur Überwindung des Klassenkampfes an; Wolf strebte ein Großösterreich an und gründete 1903 mit anderen die Deutsche Arbeiterpartei (Österreich-Ungarn). Hitler hörte und bewunderte auch den populären Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der die Christlichsoziale Partei (Österreich) gegründet hatte, für Wiens „Germanisierung“ eintrat und als antisemitischer und antisozialdemokratischer „Volkstribun“ massenwirksame Reden hielt. Hitler diskutierte 1910 nach Aussagen seiner Mitbewohner im Männerwohnheim über politische Folgen von Luegers Tod, lehnte einen Parteieintritt ab und befürwortete eine neue, nationalistische Sammlungsbewegung.[42]

Wieweit diese Einflüsse ihn prägten, ist ungewiss. Laut Hans Mommsen herrschte damals Hitlers Hass auf die Sozialdemokraten, die Habsburgermonarchie und die Tschechen vor.[43] Während bis Sommer 1919 einige wohlwollende Aussagen Hitlers über Juden überliefert sind, griff er ab Herbst 1919 auf antisemitische Klischees zurück, die er in Wien kennengelernt hatte; seit 1923 stellte er Schönerer, Wolf und Lueger als seine Vorbilder dar.[44]" (Wikipedia)

Über Hitlers Buch Mein Kampf insgesamt informiert die Wikipedia.

12 August 2017

Karl Ove Knausgård: Sein großer Gerichtstag

Karl Ove Knausgård: Sein großer Gerichtstag von Ulrich Greiner,  22/2017 23.5.17

"[...] Die sechs Bände, die im Original Min Kamp ("Mein Kampf") heißen und nummeriert sind, heißen auf Deutsch Sterben, Lieben, Spielen, Leben, Träumen und Kämpfen. [...]
Dieser dickste Band ist der Gipfel von allem. Er bietet eine Spiegelung der Selbstbespiegelung, eine skrupulöse Rückschau, und das Fazit ist ernüchternd: "Will man in die Wirklichkeit eindringen, wie sie für den Einzelnen ist – und irgendeine andere Wirklichkeit gibt es nicht –, will man es wirklich, dann kann man keine Rücksicht nehmen. Und das tut weh. Es schmerzt, wenn keine Rücksicht genommen wird, und es schmerzt, keine Rücksicht zu nehmen. Dieser Roman hat allen in meiner Umgebung wehgetan, und er hat mir wehgetan, und in einigen Jahren, wenn sie groß genug sind, um ihn zu lesen, wird er meinen Kindern wehtun. Hätte ich ihn noch schmerzhafter werden lassen, wäre er noch wahrer geworden. Es war ein Experiment, und es ist missglückt, denn ich habe niemals auch nur annähernd gesagt, was ich eigentlich meine, und beschrieben, was ich eigentlich gesehen habe."
Im ersten Band hatte Knausgård unter anderem erzählt, wie er und sein Bruder die Leiche des Vaters, der am Suff gestorben war, im verwahrlosten Haus der dementen Großmutter entdeckten. Jetzt berichtet er, wie er den Text vor seiner Drucklegung an Freunde und Verwandte schickt und wie sie reagieren; darunter Hanne, eine Liebe aus Schülertagen. Er telefoniert mit ihr. Sie ist einverstanden, doch beim Plaudern merkt er, dass sie sich an verschiedene Dinge erinnern: "Ich erinnerte mich an ein paar Episoden extrem gut. Doch gab es andere, die mir nur vage im Gedächtnis geblieben waren. Denen hatte ich beim Schreiben zu einer Form verholfen. Indem ich zum Beispiel Dialoge erfunden hatte, die eventuell wahrscheinlich, aber nicht wahr waren." Zu einer Form verhelfen: Das ist Knausgårds Methode. Denn er plündert ja nicht bloß das Leben der anderen, er dramatisiert und rhythmisiert es. Seine Autobiografie ist ein Roman, also fiktiv. Aber er lebt vom Authentischen, er ist ein Zwitter. Dieses Zwittrige erweist sich nun als Problem. [...]
Knausgård hält in diesem Buch Gerichtstag über sich selbst. Er begründet seine Poetik des Autobiografischen – und er bezweifelt sie. In der Erzählung Wunschloses Unglück, mit der Peter Handke seiner Mutter, die sich umgebracht hat, ein Denkmal setzt, erblickt Knausgård "ein Buch, in dem sie nicht präsentiert, sondern nur über sie referiert wird". Nicht die diskrete Distanz Handkes ist sein Ziel, sondern das Unmittelbare und Wiedererkennbare. Deshalb ist es ihm so wichtig, die Namen zu nennen. Nur wer einen Namen hat, ist ein Individuum.
Beim Nachdenken darüber fallen ihm Verse von Paul Celan ein: "Der Ort, wo sie lagen, er hat / einen Namen – er hat / keinen. Sie lagen nicht dort." Die Zeilen stehen in Celans längstem Gedicht Engführung (1958). Was jetzt beginnt, ist – wie soll man es nennen: verrückt, großartig? Denn Knausgård interpretiert dieses Gedicht mit einer geradezu verzweifelten Ausführlichkeit. Er will herauskriegen, was es bedeutet. Er will wissen, wie es zu Auschwitz kam, zu einem System, das den Namen annullierte und an seine Stelle das "Wir" setzte. Das Individuum hatte keine Bedeutung mehr. [...]
Er sieht den neunstündigen Film Shoah von Claude Lanzmann, und am Ende resümiert er: "Ich halte es für richtig zu sagen, dass alles, was damals geschah, eben nicht unmenschlich, sondern menschlich war, und dass es gerade deshalb so schrecklich und so eng, ganz eng mit uns selbst und unserem Leben verbunden ist, [...]
Man sieht die drei Kinder leibhaftig vor sich, und selbst noch die panische Suche am Morgen nach passenden Socken für den Jüngsten, der in den Kindergarten zu bringen ist, verfolgt man mit Neugier. Am Ende beschreibt er einen manisch-depressiven Anfall seiner geliebten Frau. Das ist erschütternd zu lesen, obgleich es etwas Ausbeuterisches hat. Der letzte Satz, er werde so etwas ihr und den Kindern nie wieder antun, ist ein Gelöbnis. [...]"