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11 November 2015

Kulturelle Revolution Irlands

"Es ist die Wandlung eines Landes, das sich in völliger Abgeschlossenheit ganz aus seiner eigenen Überlieferung heraus entwickelt hat zu einem Land, das einer fremden und höheren Kultur offensteht. Es wurde bereits betont, daß die hohe Bildung und der gelehrte Eifer der intellektuellen Kasten des alten Irland uns die mündlichen Zeugnisse einer Kultur am Rande der antiken Welt erhalten haben, bis ihre Überlieferungen in den Schmelztiegel der lateinischen Schrift eingingen." (Miles Dillon u. Nora K. Chadwick: Die Kelten, Kindlers Kulturgeschichte Europas Band 6, S.104)

Kindlers Kulturgeschichte Europas

KKE, so heißt der Nachdruck von Kindlers Kulturgeschichte des Abendlandes von 1983 bei dtv, ist kein Werk, das man "durchliest", auch wenn sich das im Laufe des längeren Umgangs damit ergeben mag. Man schlägt aber auch nicht nur nach, man liest nach, liest sich immer wieder einmal auch fest.
Man sieht hinein und man lebt damit. Man lernt es kennen.
Anlässlich dieses Textes habe ich wieder die Einführung Friedrich Heers in die Kulturgeschichte des Abendlandes (wie sie in dieser Einleitung - trotz des Titels der dtv-Ausgabe und trotz des Gegenstandes der Einleitung: Europa - heißt) angeschaut und seinen Blick auf Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes erinnert, den er mit  Augustinus in Beziehung setzt, der in seinem "Gottesstaat" über den "ersten Untergang des Abendlandes" (S.12 im 1. Band der KKE) philosophiert. (In diesem Kontext erwähnt er auch Hegel und Marx, "die von Augustinus unter anderem den Begriff der Entfremdung erbten" (S.12) und geht auf die gemeinsame europäische Perspektive ein, die alle Verfasser der unabhängig von einander entstandenen Werke, die in der KKE zusammengefasst sind, vereinigt, auch wenn sie sich in ihren Sichtweisen noch so stark unterscheiden (z.B. Runciman mit seiner Sicht vom oströmischen Reich her, Hobsbawm mit seinem marxistischen Standpunkt).
Im Unterschied zur Propyläen Weltgeschichte, die ich mir in meinem Studium immer wieder einmal vorgenommen habe, ist die KKE weniger abstrakt. Das dankt sich zum einen dem größeren Raum, der den Autoren bei ihren (meist als Einzelwerken entstandenen) Beiträgen zur Verfügung stand, zum anderen dem Gegenstand Kultur.
Dem Internet ist es geschuldet, dass der Leser meines Blogs meinen jetzt dilettantischen Umgang mit dem Stoff mitverfolgen kann, nämlich nicht der Einarbeitung in ein Gebiet, sondern der oberflächlicheren Nacharbeitung bisher eher vernachlässigter Gebiete. Anders als meine Arbeitsweise mit Karteikarten, die selbst ich nur gelegentlich ansatzweise rekonstruieren kann, erlaubt die Verlinkung über Label den schnellen Blick auf vor Jahren Geschriebenes (z.B. Grass).

Die russische Kirche als "Schmelztiegel der Revolution"

"Es ist eine Ironie der Geschichte, daß sich gerade in der russischen Kirche ein Schmelztiegel der Revolution bildete [...]
Die administrative und militärische Führungsschicht des Staats lieferte der Adel, der nicht nur das Befehlen von Kindheit an gelernt hatte, sondern auch allein im Besitz einer elementaren weltlichen Bildung war. Die Reformen Peters des Großen hatten ihn zu westlicher Bildung gezwungen, in Schulen, in denen der technische und militärische Unterricht die Allgemeinbildung zurückdrängte und in denen westliche Einrichtungen die Vorbilder waren. [...] Wenn der Kern ihrer Mentalität, wenn ihre täglichen Gewohnheiten sich aus einer langen Vergangenheit herleiteten, so speisten sich ihre »Meinungen«, die Vorstellungen, die sie sich über die Gesellschaft und die Welt bildeten, weniger aus der russischen Wirklichkeit als aus ihrer Erziehung. Von der alten Tradition losgelöst, führte sie diese Erziehung auch auf dem Umweg über eine technische Grundunterweisung, zu allgemeinen und abstrakten Begriffen, zu einem utopischen Rationalismus nach dem Geschmack des europäischen 18. Jahrhunderts. Aus dem Schoß des Adels als der einzigen kultivierten Klasse außerhalb der Kirche ging jene intelligencija hervor, die in Opposition zum Regime trat und 1825 den sogenannten »Dekabristenaufstand« auslöste. Gerade ihre starke Bindung an den Staat trieb die besten denkenden Köpfe des Adels dazu, Reformideen aus dem Ausland zu entleihen. Und ihr ganzes Leben, ihre ganze Erziehung spiegelten ihnen die trügerische Illusion eines leichten Erfolgs vor." (Roger Portal: Die Slawen, Kindlers Kulturgeschichte Europas, Bd.19, S.277ff.)

sieh auch:

18 Juli 2015

Byzanz und seine Nachbarn

"[...] die offiziellen Rechenschaftsberichte des Kalifats wurden bis zum Anfang des 8. Jahrhunderts in Griechisch abgefaßt." (Runciman: Byzanz, S.355)

01 Juli 2015

Erziehung und Bildung im oströmischen Reich

Eine gute Erziehung war das Ideal eines jeden Byzantiners. Apaideusia, Mangel an geistiger Vervollkommnung, galt als Mißgeschick und Nachteil, ja fast als Verbrechen. Ungebildete waren ständigen Spötteleien ausgesetzt [...]
Inhalte und Methoden der Erziehung blieben sich während der ganzen byzantinischen Geschichte ziemlich gleich. Das erste, worin ein etwa sechsjähriger Knabe unterrichtet wurde, war Grammatik, »um seine Sprache zu hellenisieren«. Darunter verstand man, außer Lesen und Schreiben sowie Grammatik und Syntax im heutigen Sinn des Wortes, die Kenntnis der Klassiker samt der dazugehörigen Kommentare, besonders Homers, dessen Werke jeder Schüler auswendig lernen mußte. Im 5. Jahrhundert erzählt Synesios, daß sein kleiner Neffe Homer aufsagen konnte (er lernte 50 Zeilen am Tag) [...]. So konnte jeder gebildete Byzantiner ein Homerzitat als solches erkennen: Anna Komnene schmückte ihre Alexiade mit sechsundsechzig Zitaten und fügte nur selten hinzu »wie Ho­mer sagt« — es war überflüssig. [...]
In den frühen Jahren des Imperiums erteilten wahrscheinlich Mönche den ersten Unterricht im Lesen; ziem­lich bald aber besuchte der Schüler eine Schule, in der er seine gesamte »weltliche« Bildung erhielt. Konstantin gründete eine Schule in der Stoa, Constantius verlegte sie ins Kapitol; Julianus Apostata erließ ein Gesetz, demzufolge keine Chri­sten an der Schule unterrichten durften, und auch nach Aufhebung des Verdikts scheinen die wichtigsten Lehrer im fünf­ten Jahrhundert heidnischen Glaubens gewesen zu sein. [...]
Alexios selbst stellte über alles andere Wissen
das Studium der Bibel, später erhielten unter den Komnenen die klassischen Fächer einen Vorrang, den sie in so deutlichem Maß noch nie besessen hatten. Dennoch läßt sich nur schwer etwas darüber sagen, welche Schichten der Gesellschaft vom Erziehungswesen noch erfaßt worden sind. Der mittellose Poet Prodromos studierte Grammatik, Rhetorik, Aristoteles und Platon, beklagt aber, daß der rauhe Ton der Märkte die elegante Rede vertrieben habe und die Armen keine Bibliothe­ken hätten, die sie benutzen könnten. Tatsächlich scheint das Nichtvorhandensein von Bibliotheken ständig zu Schwie­rigkeiten geführt zu haben, denn seit 476 existierte keine öffentliche Bibliothek mehr. Zwar besaßen Klöster und Kir­chen zumeist ihre Bibliothek, doch wenn die Bücher der Christodulos-Kirche in Patmos ein repräsentatives Bild für alle zeigen, standen darin vorwiegend theologische Werke: Von 330 Bänden waren 129 liturgischen und nur 15 weltlichen Inhalts. Ohne Zweifel gab es große Privatsammlungen, zu denen auch Studenten Zutritt erlangen konnten, ferner eine Vielzahl von Kopisten — meistens Laien, aber auch ein­zelne Mönche —, die Manuskripte abschrieben. Nicht um­sonst gehörten schöne Bücher zu den Exportgütern von Byzanz, aber sie waren teuer. [...]
1204 brachte die Plünderung der Hauptstadt die gesamte Organisation des Erziehungswesens zum Einsturz. Der Helle­nismus stand in vollster Blüte; Michael Choniates war eben nach Athen gegangen, erfüllt von dem Gedanken an die klas­sische Vergangenheit dieser Stadt, und der berühmte Kirchen­mann Eustathios von Thessalonike hatte vor kurzem erst seine Kommentare zu Pindar vollendet. Jetzt aber waren die Gelehrten in alle Winde zerstreut und finanziell mittellos, ihre Bücher in den lateinischen Flammen vernichtet. Doch die humanistische Gelehrsamkeit überlebte die Verwüstun­gen und fand bald ein neues Zentrum am exilierten Hof von Nikaia. [...] Trotz dieser wissenschaftsfreundlichen Hal­tung bei Hof existierte in Nikaia jedoch offensichtlich weder eine richtige Schule noch eine Universität, wohl auch deshalb nicht, weil die Regierung die erforderlichen Mittel nicht auf­bringen konnte. [...]
Ob es Bildungsstätten für Frauen gab, wissen wir nicht. Auf jeden Fall aber kennt die byzantinische Geschichte viele ge­lehrte Frauen, von der Professorin Hypatia oder Athenais, der Gemahlin Theodosios' II., die alle Wissenschaften stu­diert, Dichtungen verfaßt und Reden gehalten hatte, bis zu Kasia, der geistvollen Hymnendichterin, deren Schlagfertig­keit sie den Thron kostete, oder der großen Historikerin Anna Komnene und den übrigen gebildeten Prinzessinnen der Komnenen und Palaiologen. Ohne Zweifel gab es auch weibliche Doktoren, und die meisten Damen, mit denen die berühmten Briefschreiber korrespondierten, scheinen eine gute Erziehung genossen zu haben. Auf der anderen Seite wissen wir zum Beispiel, daß Psellos' Mutter keinerlei Unter­richt genossen hatte und diesen Nachteil bitter beklagte. Nir­gends in der byzantinischen Geschichte finden wir Mädchenschulen erwähnt. Aber es dürfte den Tatsachen ungefähr ent­sprechen, wenn wir sagen, daß die Mädchen der Oberschicht etwa die gleiche Erziehung genossen wie ihre Brüder; aller­dings wurden sie zuhause von Privatlehrern unterrichtet, während die Töchter der Mittelklassen gewöhnlich nichts lernten außer Lesen und Schreiben.
(Steven Runciman: Byzanz. Von der Gründung bis zum Fall, S.270-280)