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13 Januar 2026

Nelio Biedermann: Lázár

https://www.perlentaucher.de/buch/nelio-biedermann/lazar.html

1.Abschnitt Das Glaskind 1. Kapitel S.11 ff

"Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird.
Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das sie nie jemand betrat. [...]
Er war nicht wie sein Bruder, nicht wie seine Mutter, nur etwas unruhig war er, was niemanden verwundern durfte, schließlich hatte seine Frau gerade ein Kind geboren, unter dessen transparenter Haut man die kleinen Organe sehen konnte. /  Das Abendessen nahm der Baron nur im Gesellschaft seiner sechsjährigen Tochter ein, die sich ganz und gar nicht über die Geburt ihres Bruders freute. Als Ida, das deutsche Kindermädchen, Ilona ins Zimmer geführt hatte, hatte diese das schrumpelige, bläulichblasse und völlig verquollene Geschöpf mit ernsten Ausdruck angesehen, die braunen Augen zusammen gekniffen und trocken gesagt: 'Es ist sehr hässlich.'
Dann war sie zu ihrem Vater geeilt, der ihr bleiches Gesicht nicht hatte deuten können und das Fenster deshalb geschlossen ließ, und hatte ihm auf die glänzende Lederschuhe und die braun karierte Hose gekotzt.("S. 11/12). 

Biedermann hat Proust gelesen. 130 Seiten schöne Worte ohne Handlung. Soll man doch auf sie warten. Hauptsache, die Welt ist fremd und die nur allzu bekannten Probleme sind fern.

5. Kapitel 

"Mária, die von den schweren Tritten im Treppenhaus geweckt worden war, dachte an ihren Pál - und Ida, die durch den Stirnkuss wachgeworden war, dachte an ihren Paul." (S.36)

2. Abschnitt Geister

7. Kapitel 

"Die Kinder wurden älter,, Mária einsamer und Sádor distanzierter." (S.45)

 8. Kapitel S.51-58

"Als Sandor die nadelgrünen Vorhänge zur Seite schob und das Fenster öffnete, wusste Mária, dass sich heute die Stare versammeln würden. Vereinzelt hörte sie die Vögel auch schon in den Bäumen des Schlossgartens. Durch die offene Flügeltüre zum Bad sah Maria den Rücken ihres Mannes, der sich im Unterhemd über dem Waschbecken rasierte. [...]"  (S.51)

S.74 die gesunkene Titanic

3. Abschnitt Träume, Seite 79ff

14. Kapitel "Der Baron erfuhr erst einen Tag nach der kaiserlichen Proklamation, dass Krieg herrschte." (S.81)

S.102 f. Sandors Tod

S. 110-117 Lajos

S.121 ff. Pista

S. 132/3 Lilly beobachtet Lajos beim Sex mit Bertha

Dann bricht in die statische Welt die NS-Zeit ein (ab S.134) und Pistas Liebe zu Matilda Telke (ab S.150).

 Auf Seite 171 beginnt dann der Krieg, aus dem Abstand von Ungarn aus gesehen, doch nur aus der Sicht des verliebten Pista (wie in Goethes Osterspaziergang "hinten fern in der Türkei"), für die Erwachsenen, seit sie NS-Deutschland kennen, bedrohlich wie nichts anderes.

Darauf führt Biedermann den Benediktinermönch Pontiller ein (S.176) und mit ihm Proust und die Suche nach der verlorenen Zeit (wie in meinem Bericht in Schrägdruck). Entsprechend verschwindet auch bei Biedermann wieder die Zeit.

Kapitel 32 S.191

"Im Schatten dicht belaubter Kronen

gehen wir am Saum der Wildblumenwiese.

Der Sommerwind rauscht durch die Bäume.

Am Horizont steht wie ein Riese

der Kirchturm versunken in Abendträume [...]

Lajos ließ das Buch sinken und merkte auf einmal, dass er weinte." (S.191)


Seite 194 ff Judendeportation, Lajos arbeitet an der Organisation mit
Seite 207ff. Flucht aus dem Waldschloss im Winter
Seite 211 Eva sieht auf die Frau mit dem Kinderwagen. Das erinnert sie an Gemälde Vermeers, die ihr der Mönch in einem Buch gezeigt hatte. "Sie konnte nicht genug kriegen von diesen Frauen, die alle ihre Geschichten hatten, die vermehrt, aber nur angedeutete, ihr Leben, in das er nie mehr als einen flüchtigen Blick gewährte, als sei es ihm wichtig, Ihnen ihre Geheimnisse zu lassen und sie nicht zu entblößen. Er fand offenbar, dass die Liebesbriefe, die man am Fenster stehend, Glas, oder die Gedanken, die man hatte, während man sich Eine Perlenkette umlegte oder Milch in eine Schüssel goss, niemanden etwas angingen. Deswegen hatte er vielleicht auch nicht geschrieben und sich möglichst ferngehalten von Schriftstellern, die in ihrem Zwang, das ganze Leben und jeden noch so persönlichen Gedanken ihrer Figuren/aus zu formulieren Vergewaltiger der Existenzen und der Privatsphäre waren.(S.211/212). 
Seite 217/18 Lilly: auf der Flucht herrschen 15° Kälte
"Die junge Frau stand neben dem hellblauen Kinderwagen und riss an ihren Haaren. Zu ihren Füßen lagen schwarze Büschel. Sie weinte nicht, und auch geschrien hatte sie bloß kurz. Sie riss sich nur die Haare aus und zitterte am ganzen Körper. Der Treck hielt an, doch niemand ging zu ihr. Die Frau beugte sich über den Wagen, hob das Kind heraus und drückte es an ihre Brust. Erst da, als das Kind still blieb, obwohl die Frau heftig bebte, begriff Pista, was geschehen war.
Als sie zu Boden sank, ging eine ältere Frau zögerlich zu ihr. Sie zog den Pelzhandschuh aus, beugte sich hinab und legte ihr eine Hand auf den Rücken.
 Jeder Versuch, mit ihr zu sprechen, war erfolglos. Sie murmelte nur ununterbrochen und unverständlich vor sich hin. Schließlich zogen sie zwei Männer hoch und hoben sie auf einen Karren. Das Kind ließ sie nicht los. Der hellblaue Kinderwagen blieb im Schnee stehen. (S. 219/220)
Kapitel 37, S.222 ff. Russen, die vergewaltigen; sie lassen die Gruppe entscheiden, wer vergewaltigt werden soll, damit es nur eine Person trifft
Kapitel 38 S.227- 230  Weihnachten
Kapitel 39, S.231 Frühling, Budapest ist zerstört
Kapitel 40 S.234-37Juni in Budapest, es ist heiß
Kapitel 41 Pista sucht nach Matilda und hört schließlich, dass sie erschossen worden ist (S. 238 bis S.252)
Kapitel 42, S.255 ff, 1948 im Waldschloß, die Familie wird enteignet.
Kapitel 43 in Budapest, die Männer der Familie finden Arbeitsplätze aufgrund der Beziehungen von Lajos, aber sie haben ihr Selbstgefühl verloren (S. 259 ff.)
Kapitel 44, drei Jahre später auf einem Bauernhof in Osten
Kapitel 45 Es geht um Eva und Pista, dann kommt die Milan hinzu, Eva schläft mit ihm wegen der körperlichen Erfahrung.
Kapitel 46: "Einige Zeit, nachdem Eva hinter der Scheune [...] das erste Mal Sex hatte, suchte ein älterer Mann unter dem allabendlichen Schwindelgefühl, das die von Osten heran rollenden Gewitterwolken zusätzlich verstärkten, nach Gogols Die toten Seelen.
Er suchte schon, seit er das erste Donnergrollen vernommen hatte. Seine Bibliothek umfasste zwanzigtausend  Bände, da war es nicht überraschend, dass er das Buch nicht auf Anhieb fand. Dennoch: früher hätte er es schneller gefunden. Sein Gedächtnis ließ nach, er musste täglich an Dinge erinnert werden, die er stets gewusst hatte. [...]
Anschließend ging er zurück ins kleine Esszimmer, in dem er auch nachts schlief, legte sich auf das rosarot bezogene Sofa und sah, als er gerade das Licht löschen wollte, Die toten Seelen auf dem Nachttisch liegen." (S.274)
Kapitel 47 "Stand sie nach der Arbeit, hinter der Scheune, den Rücken an der rauen Holzwand, die trägen fliegen im Blick, er erinnerte sie sich manchmal lächelnd an die Worte ihrer Mutter, die gesagt hatte, dass Menschen nur Geschlechtsverkehr miteinander hätten, wenn sie sich sehr fest liebten. Mittlerweile wusste sie, dass das nicht stimmte, dass der Akt etwas viel zu Pragmatisches und Körperliches war, um an die Liebe geknüpft zu sein.
Hätte jemand von Milan und ihr gewusst und sie gefragt, ob sie ihn liebe, hätte sie sofort nein gesagt. Er war zu schön, zu makellos, um von ihr geliebt zu werden. [...]
Gleichzeitig war er ein junger Mann, der tun und lassen konnte, was er wollte, der keine Erwartungen erfüllen musste und jede Frau im Dorf heiraten konnte.
Sah sie ihn, seinen salzigen Geschmack im Mund, nach, wie er auf seinem roten Fahrrad nach Hause fuhr, dachte sie, dass er sehr glücklich war – und es vermutlich gar nicht wusste. (S. 276). 
Kapitel 48 "Obwohl er den georgischen Wein, den er trotz der Mäßigungsratschläge seiner Ärzte in rauen Mengen trank, gewöhnt war, fühlte er sich sehr betrunken, als er seine Gäste um vier Uhr morgens zur Tür brachte. [...] er gab Ihnen die Hand und drückte besonders fest zu, um sich die Erschöpfung nicht anmerken zu lassen. Sie warten nur auf deinen Tod, dachte er, während er Ihnen die Hände zerquetschte. Sie warten nur darauf, dass dein Griff erschlafft, der eiserne Griff des stählernen Stalin, und ihre Zeit beginnt. [...] Stalins Augen waren geschlossen. Er hörte, wie sich die Ärzte Worte zuflüsterten, ohne diese zu verstehen. In Gedanken lag er noch immer auf dem Teppich vor dem rosarot bezogenen Sofa, Die toten Seelen von Nikolai Gogol neben sich. Und während sich die Stimmen immer weiter entfern/ten, während er immer tiefer in den Kissen versank, erinnerte er sich plötzlich wieder Wort für Wort an das rätselhafte Ende dieses Buches seiner Jugend." (S. 277-280). 
[*"Nach würdelosem Jammern und Betteln um Freilassung sowie Fürbitte Murasows wird Tschitschikow begnadigt im Sinne einer Ausweisung. Dass er tatsächlich keine Läuterung erreicht hat, zeigt die Passage, mit der Tschitschikow sich aus dem Roman verabschiedet: Er lässt sich noch kurz vor seiner Abreise für den doppelten Preis in Nachtarbeit einen Maßanzug aus edlem Stoff schneidern, um sein bisheriges Leben wirkungsvoll weiterführen zu können." (Wikipedia]
Kapitel 49 Lajos ist depressiv, in Ungarn 1953 Nagy
Seite 284 Eva liest über die Emanzipation der Frau unter anderem Simone de Beauvoir und Virginia Woolf "Ein Zimmer für sich allein"
Kapitel 52: Eva und der werdende Schriftsteller Ákos, mit dem Pista befreundet ist, weil er schreibt
Kapitel 52/53: Annäherung von Eva und Ákos1956, 52: Annäherung 53 Vergewaltigung Evas durch Akos.
Kapitel 52 Pista liebt jetzt Kati; rein wegen ihres Äußeren und ihrem Auftreten. ihr Inneres interessiert ihn nicht.
Kapitel 54 Nagy bei Aufstand 1956 am 24. Oktober zum Ministerpräsidenten berufen.
Kapitel 55 Pista sucht Ákos.
Kapitel 56, die Sowjetunion, erklärt Nagy für abgesetzt und Kadar bildet die neue Regierung.
Kapitel 57 Imre wird in der psychiatrischen Anstalt von den Geschwistern Eva und Pista besucht.
Kapitel 58 Flucht von Eva und Pista im Wald an der Grenze zu Jugoslawien und dem flachen zugefrorenen Fluss.
Kapitel 59 in Jugoslawien treffen sie auf Laszlo und die schwangeren Nicoletta.
Kapitel 60 im Zug nach Zürich

"Auf einmal begriff Pista, dass er sie nie würde beschützen können. Nur da sein für sie konnte er.
Er sah sie an, bis er spürte, dass sie unter seinem Blick aufwachen würde. Dann schaute er wieder hinaus. Weiße Felder, schwarze Bäume, der Himmel blau, und ab und zu ein Bauernhof .Zagreb lag hinter ihnen – und damit die ganze Ihnen bekannte Welt.
Vor ihnen lag Zürich, der See, die weißen Schwäne und die verschneiten Berge. (Seite 331, Schluss des Romans) 

 



10 Juli 2021

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 In diesem Blog versuche ich, Leseerlebnisse für mich festzuhalten und für andere nachvollziehbar zu machen, meist nicht durch gedankliche Aufschlüsselung, sondern indem ich Passagen, die mir beim Lesen wichtig erschienen, festhalte.

Der Gedanke dahinter ist, dass ich viele Werke nicht mehrmals werde lesen können, dass ich aber einzelnes daraus mehrmals lesen können will. 

Im Fall von Marcel Proust sehe ich es inzwischen anders. Ich benutze die Reflexion anderer, um festzuhalten, weshalb ich keinen Versuch gemacht habe (und auf absehbare Zeit auch nicht machen werde),  in sein Werk einzudringen. 

Dazu zunächst Arno Widman, der ein Zitat Walter Benjamins anführt:

In Prousts Welt von Arno Widman, FR 10.7.21

"[...] Walter Benjamin schrieb 1929: „Das überlaute und über alle Begriffe hohle Geschwätz, das uns aus Prousts Romanen entgegenkommt, ist das Dröhnen, mit welchem die Gesellschaft in den Abgrund [dieser Einsamkeit] hinabstürzt.“ [...]

Das Geschwätz ist einerseits Ausdruck dieser Einsamkeit wie auch die die Welt vernichtende Kraft, das schwarze Loch, das alles, was ist, anzieht und vernichtet. Es sei denn, man gibt sich diesem Geschwätz wie allen anderen Belanglosigkeiten des Daseins hin, man praktiziert eine „tiefe Komplizität mit Weltlauf und Dasein“ und entreißt so Minute für Minute dem Abgrund, indem man Kunst aus ihr macht. Die Augenblick für Augenblick verloren gehende Zeit wird nicht irgendwann irgendwo wieder gefunden. Sie wird mit jeder vom Dichter beschriebenen Minute gerettet. Der Autor hält die Welt an. [...]" (Arno Widman)

Ich habe meinerseits nicht die Absicht, diese Welt zu retten, sondern erlebe den Versuch, ein lebensfreundliches Umfeld für kommende Generationen zu retten. 

Dass dazu immer wieder der Blick auf literarisch gestaltete Welt früherer Zeiten gehört, ist Teil meines Selbstverständnisses seit meiner Jugend.

Hier ein Zitat aus Prousts Werk mit dem Angebot, selbst weiter zu lesen (Der Anfang des 3. Romans von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit":

"Das Piepen der Vögel morgens kam Françoise abgeschmackt vor. Bei jedem Wort der »Bonnen« fuhr sie in die Höhe; es war ihr lästig, wenn sie ihre Schritte hörte, und sie fragte sich, was sie nur treiben! Wir waren umgezogen. Gewiß machten die Dienstboten, die sie in dem sechsten Stock über unserer früheren Wohnung hörte, nicht weniger Lärm; aber die kannte sie, mit ihrem Kommen und Gehn hatte sie sich angefreundet. Jetzt gab sie gequält sogar auf die Stille acht. Und da unser neues Viertel so still schien wie der Boulevard, an dem wir bisher wohnten, laut war, trieb – schwach, von fern gehört wie ein Orchestermotiv – das Lied eines Vorübergehenden der Françoise in ihrem Exil die Tränen in die Augen. Wohl hatte ich mich über sie lustig gemacht, [...]

Übrigens war auch von andern Gesichtspunkten als dem der Wohltätigkeit das Viertel – und zwar bis auf weite Entfernung – für den Herzog nur eine Verlängerung seines Hofes, eine ausgedehntere Rennbahn für seine Pferde. Hatte er gesehn, wie ein neues Pferd trabte, ließ er es anspannen und durch die nächsten Straßen fahren, der Bereiter mußte neben dem Wagen herlaufen, das Pferd am Zügel halten und es vor dem Herzog auf und abtraben lassen; Herr von Guermantes stand auf dem Trottoir, hochaufgerichtet, lang und mächtig, im hellen Mantel, die Zigarre im Munde, den Kopf erhoben und spähte durch sein Monokel bis zu dem Augenblick, in dem er auf den Sitz sprang, selbst kutschierte, um das Pferd auszuproben, und schließlich mit dem neuen Gespann abfuhr, um in den Champs-Elysées seine Mätresse zu treffen.

(Marcel Proust: Die Herzogin von Guermantes 1. Band, 1. Kapitel)

"[...] Prousts Hauptwerk ist Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (À la recherche du temps perdu) in sieben Bänden. Dieser monumentale Roman ist eines der bedeutendsten erzählenden Werke des 20. Jahrhunderts.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist eine fiktive Autobiographie mit raffinierter Struktur: Ein weitgehend anonymes „Ich“, das aber möglicherweise "Marcel" heißt, erzählt von seinen zum Teil vergeblichen Versuchen, sich an seine Kindheit und Jugend zu erinnern.

Was ihm willentlich nicht gelingt, ermöglichen ihm schließlich eine Reihe „unwillkürlicher Erinnerungen“ – Sinnesassoziationen, die Erlebnisse der Vergangenheit auf intensive Weise vergegenwärtigen und damit erinnerbar machen; das berühmteste Beispiel ist der Geschmack einer in Tee getauchten Madeleine, der den Ort seiner Kindheit, Combray, in ganzer Fülle wiederauferstehen lässt. Am Ende des Romans entschließt sich das „Ich“, die auf diese Weise wiedererlebte und damit „wiedergefundene“ Zeit nun in einem Roman festzuhalten.

Während die historisch zuerst entstandenen Anfangs- und Schlussteile des Romans hauptsächlich die Erinnerung und das Erinnern thematisieren, wird im Mittelteil, etwa ab Mädchenblüte, das schon gleich zu Anfang in Aussicht gestellte "ungeheure Bauwerk der Erinnerung" durch präzise, perspektivisch wechselnde, teilweise ironisierende Beschreibungen der mondän-dekadenten Gesellschaft der Jahrhundertwende und des Innenlebens ihres Betrachters (des Erzählers) aus kleinsten Beobachtungsatomen mosaikartig aufgebaut. Prousts Technik, auch noch den winzigsten Details allein schon durch ihre ausufernde Beschreibung Funktion zuzuweisen, hat später der Nouveau Roman weiter vervollkommnet.

Literaturhistorisch bedeutend ist Prousts Roman vor allem deshalb, weil er mit einer bis dahin ungekannten Konsequenz die Subjektivität der menschlichen Wahrnehmung inszeniert, mit all ihren Nachteilen und Möglichkeiten: So zeigt er einerseits, dass kein Mensch die Wirklichkeit oder Wahrheit als solche erkennen kann, sondern allenfalls eine subjektive Wahrheitsvorstellung besitzt. Andererseits entfaltet jeder Mensch in seiner subjektiven Wahrheit eine einzigartige Welt, jeder Mensch ist ein eigener Kosmos.

Das Erzählen und damit die Literatur werden von Proust als eine Möglichkeit entdeckt, anderen Menschen zumindest Teile dieser einzigartigen, subjektiven Welt eines „Ich“ zugänglich zu machen.

Das Motiv der versagenden Erinnerung, mit der ein „Ich“ sich quält und an der es die prinzipielle Unzugänglichkeit der Wirklichkeit erfährt, wird in der französischen Literatur vor allem von Claude Simon aufgegriffen und neu bearbeitet, nun mit Bezug auf die Kriege des 20. Jahrhunderts. [...]" (Wikipedia: Marcel Proust)


Marcel Proust – „Er blickt ohne Scheu in die Abgründe des Menschen“ von Judith von Sternburg FR 10.7.21 Interview mit Ina Hartwig über die Aktualität der „Suche nach der verlorenen Zeit“
"[...] Das größte Missverständnis besteht darin, Proust als Autor zu begreifen, der die Belle Époque als etwas Schönes feiert. Er feiert aber rein gar nichts als schön, obwohl viel von schönen Dingen die Rede ist im Roman. Prousts Blick auf die Gesellschaft ist sezierend und analytisch. Er ist kein gutmütiger Autor. Manche glauben, es ginge darum, elegante Hüte aufzusetzen, Champagner zu trinken und den Adel zu bewundern. Aber das ist Unsinn. Die Salons der „Recherche“ sind nur die Kulisse einer untergehenden Gesellschaft, einer Aristokratie, die nicht begriffen hat, dass ihre Macht ein für allemal beendet ist. Die Dreyfus-Affäre hat im Roman die Funktion, die Gesellschaft der Dritten Republik als eine gespaltene zu zeigen. [...]

Lesen wir Proust zu verklemmt? Ist er moderner als wir heute? 
 Jedenfalls blickt er ohne Scheu – und ohne sie zu bewerten – in die Abgründe des Menschen. Er hat sich immer sehr für Grausamkeit interessiert. An der Figur des Charlus ist das gut festzumachen, denn Charlus ist grausam und sadomasochistisch unterwegs. Auch die einflussreiche Köchin der Familie, Françoise, die in ihrer Küche herrscht wie einst Ludwig XIV. an seinem Hof, ist grausam. Sie quält ein schwangeres Küchenmädchen mit unverhohlener Lust. Die Franzosen sind da anders gestrickt sind als die romantischen Deutschen. Sie haben die Revolution in den Genen, und Grausamkeit – Stichwort de Sade – begreifen sie als revolutionäre Energie und nicht als etwas, das uns moralisch gefährde. [...]"