Posts mit dem Label Lieder werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lieder werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

15 November 2024

Chatwin: Traumpfade

 Songlines oder Traumpfade nennen die Einwanderer Australiens die in Lieder gefassten Nachschöpfungen der Natur (Landschaftsbeschreibungen) der Aborigines. (Diese nennen ihre Beschreibungen "Fußspuren der Ahnen" oder "Weg des Gesetzes".)

Neben der Kodierung der äußeren Natur im Lied steht für die Aborigines die Verkörperung der Seelen der Ahnen in Tschuringas oder Tjurungas, die in Höhlen aufbewahrt werden.
Bei seinen Reflexionen über das Nomadentum verweist Bruce Chatwin, der Verfasser des Buches "The Songlines" (deutsch: Traumpfade), darauf, dass Kain, der Ackerbauer, zum Mörder an Abel, dem Hirten, wurde und Gott von ihm als Sühne verlangt, dass er seinerseits zum Umherziehenden wird, im Lande Nod, dem Bereich des Umherwanderns, der Wildnis oder Wüste.
Meiner Meinung nach ist deutlich genug, dass Chatwin im Roman nicht eine wissenschaftlich treffende Beschreibung der Vorstellungen der Aborigines versucht, sondern etwas anderes: Die Übersetzung des Fremdartigen, das er erlebt hat, in eine dichterische Welt, die es einem Europäer von heute ermöglicht, eine eigene Vorstellung von dem zu gewinnen, was die Welt der Aborigines von der unsrigen unterscheidet. 
Deshalb schaltet er zwischen seine Darstellung der Welt der Aborigines den "Fachmann" Akardy ein, der die Erkenntnisse, die er von den Aborigenes hat, nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit bekommen hat, seine Erkenntnisse aber weitergibt, so wie er - um die Welt der Aborigines zu schützen - seine Erkenntnisse darüber, was man beim Eisenbahnbau nicht zerstören sollte, der Eisenbahngesellschaft weitergibt.


Zumindest theoretisch konnte ganz Australien wie eine Partitur gelesen werden. Es gab kaum einen Felsen oder einen Bach im Land, der nicht gesungen werden konnte oder gesungen worden war. Man musste sich die Songlines wie Spaghetti aus Iliaden und Odysseen vorstellen, die sich hier hin und dorthin schlängelten, wobei jede 'Episode' den geologischen Formen abzulesen war.
"Unter Episode, verstehen Sie 'heilige Stätte'?" fragte ich. "So ist es." 
"Stätten wie die, die sie zur Zeit für die Eisenbahngesellschaft vermessen?" 
"Sie müssen es so sehen", sagte er. Überall im Busch können sie auf irgendeine Stelle in der Landschaft zeigen und den Aborigine an ihrer Seite fragen: 'Was für eine Geschichte ist das?' oder: 'Wer ist das?' Es ist möglich, dass er 'Känguru oder 'Wellensittich' oder 'Eidechse' antwortet, je nachdem, welcher Ahne diesen Weg gegangen ist."
"Und die Entfernung zwischen zwei solcher Stätten kann als Abschnitt des Lieds gemessen werden?"
"Deshalb", sagte Arkadi, "habe ich so viele Schwierigkeiten mit den Leuten von der Eisenbahn." (S.24)
Man musste es natürlich nicht, sondern die 'Ilias als Spaghettifaden' ist ein Bild, das dem Leser ermöglichen soll, sich eine eigene Vorstellung darüber zu machen, wie eine Landschaft in ein Lied umzusetzen sei und wie man ein Lied als Orientierungshilfe in der (möglichst über Jahrtausende unveränderten) Landschaft verwenden könne.

"Es war nicht leicht, einen Vermesser davon zu überzeugen, dass ein Haufen Flusssteine, die Eier einer Regenbogenschlange oder ein rötlicher Sandsteinbrocken die Leber eines mit dem Speer erlegten Kängurus war. Schwerer noch war es, ihm einsichtig zu machen, dass eine öde Schotterlandschaft die musikalische Entsprechung zur Beethovens Opus 111 war.
Indem sie die Welt ins Dasein, sangen, sagte er, seien die Ahnen Dichter in der ursprünglich Bedeutung des Wortes poesis gewesen, das 'Schöpfung' besage. Kein Aborigine könne sich vorstellen, dass die erschaffene Welt in irgendeiner Weise unvollkommen sei. Sein religiöses Leben habe nur ein Ziel: das Land so zu erhalten, wie es war und wie es sein sollte. Ein Mann, der 'Walkabout' ging, machte eine rituelle Reise. Er folgte den Fußspuren seines Ahnen. Er sang die Strophen seines Ahnen, ohne ein Wort oder eine Note zu ändern – und er schuf so die Schöpfung neu." [...] 
Aborigines konnten nicht glauben, dass das Land existierte, bevor die Ahnen es sangen. [...]
Aborigines glaubten, dass die 'lebenden Dinge' im verborgenen unter der Erdkruste gemacht worden waren, wie auch alle Maschinen des weißen Mannes- seine Flugzeuge, seine Gewehre, seine Toyota-Landcruiser - und aller Erfindungen, die man noch erfinden würde, sie schlummerten unter der Oberfläche und warteten, bis sie gerufen wurden.
"Vielleicht können sie die Eisenbahn in die erschaffene Welt Gottes zurücksingen?" schlug ich vor.
"Da können Sie sicher sein", sagte Arkady. (S. 25/26).
 
vgl. dazu das Nationalepos der Finnen Kalevala, wonach die alten Finnen/Heroen Wirklichkeit durch Singen bewirkten.("Übersinge, wer mich ansingt,/Überspreche, wer mich anspricht,/Singe, daß der beste Sänger/Bald als schlechtester erscheinet,/Sing' ihm Steinschuh' an die Füße,/Hölzern Beinkleid an die Hüften,/Sing' ihm Steinlast auf das Brustbein,/Einen Steinblock auf die Schultern,/Steinern' Handschuh' an die Hände,/Eine Steinmütz' auf den Schädel.")

Auf den Seiten 80-89 lässt Chatwin den Ex-Benediktiner Flynn eine relativ verständliche Darstellung zu der Bedeutung der Song-Lines abgeben.

Zitate:

"Die Weißen, begann er, gingen von der allgemein verbreiteten, irrtümlichen Annahme aus, dass die Aborigines, weil sie Wanderer waren, keine Landbesitzordnung hätten. Das sei Unsinn. Aborigines, das stimmte, / konnten sich ein Territorium nicht als ein von Grenzen umschlossenes Stück Land vorstellen, sondern sahen es eher als ein verschachteltes Netz von 'Linien' oder 'Durch-Gängen'.

Alle unsere Worte für Land sind identisch mit den Wörtern für Linie, sagte er.

Dafür gab es eine einfache Erklärung. Der größte Teil des australischen Busch Landes bestand aus dürrem Gestrüpp oder Wüste, wo die Regenfälle immer unregelmäßig kamen und wo auf ein fettes Jahr sie magere Jahre folgen konnten. in einer solchen Landschaft herumzuziehen, bedeutete Überleben, am selben Ort zu bleiben war Selbstmord. 

 Die Definition von 'eigenem Land' eines Menschen war der 'Ort, an dem ich nicht fragen muss'. (S.81/82)

Chatwin deutet an, dass die Aborigines die Regeln der Kultur der Weißen nicht akzeptieren und dafür erwarten, dass die Weißen, sie sich an sie annähern, sich den Aborigines-Regeln anzupassen hätten und dass bei Nichtbefolgung der Tod drohe. Eine seiner Personen spricht von Apartheid, und er deutet an, dass sie von den Aborigines ausgehe.



Tschuringa: "der Begriff umfasste nach Strehlow heilige Zeremonien, Stein- und Holzobjekte, SchwirrgeräteBodenzeichnungen, zeremonielle Pfähle, zeremoniellen Kopfschmuck, Gesänge und Erdhügel" (https://de.wikipedia.org/wiki/Tjuringa)



"Einer hatte noch die Kraft, den Arm zu heben, ein anderer etwas zu sagen. Als sie hörten, wer Limpy [ein Aborigine] war, lächelten alle drei spontan, dasselbe, zahnlose Lächeln.
Arcady schlug die Arme übereinander und beobachtete sie.
"Sind sie nicht wunderbar?" flüsterte Marian, legte ihre Hand in meine und drückte sie.
Ja. Ihnen fehlte nichts. Sie wussten, wohin sie gingen. Im Schatten eines Geistereukalyptusbaumes lächelten sie dem Tod entgegen." (S,393/394)


21 Mai 2017

Heine: Luther und die deutsche Sprache

Aber dieser Martin Luther gab uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondern auch das Mittel der Bewegung; dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache. 
Dieses geschah, indem er die Bibel übersetzte. 
In der Tat, der göttliche Verfasser dieses Buchs scheint es ebenso gut wie wir andere gewußt zu haben, daß es gar nicht gleichgültig ist durch wen man übersetzt wird, und er wählte selber seinen Übersetzer, und verlieh ihm die wundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begraben war, in eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte. [...]
Wie aber Luther zu der Sprache gelangt ist, worin er seine Bibel übersetzte, ist mir bis auf diese Stunde unbegreiflich. Der altschwäbische Dialekt war, mit der Ritterpoesie der hohenstaufenschen Kaiserzeit, gänzlich untergegangen. Der altsächsische Dialekt, das sogenannte Plattdeutsche, herrschte nur in einem Teile des nördlichen Deutschlands, und hat sich, trotz aller Versuche die man gemacht, nie zu literärischen Zwecken eignen wollen. Nahm Luther zu seiner Bibelübersetzung die Sprache, die man im heutigen Sachsen sprach, so hätte Adelung Recht gehabt zu behaupten, daß der sächsische, namentlich der meißnische Dialekt unser eigentliches Hochdeutsch d. h. unsere Schriftsprache sei. Aber dieses ist längst widerlegt worden, und ich muß dieses hier um so schärfer erwähnen, da solcher Irrtum in Frankreich noch immer gang und gebe ist. Das heutige Sächsische war nie ein Dialekt des deutschen Volks, ebenso wenig wie etwa das Schlesische; denn so wie dieses entstand es durch slawische Färbung. Ich bekenne daher offenherzig, ich weiß nicht wie die Sprache, die wir in der lutherschen Bibel finden, entstanden ist. Aber ich weiß, daß durch diese Bibel, wovon die junge Presse, die schwarze Kunst, Tausende von Exemplaren ins Volk schleuderte, die lutherische Sprache in wenigen Jahren über ganz Deutschland verbreitet und zur allgemeinen Schriftsprache erhoben wurde. Diese Schriftsprache herrscht noch immer in Deutschland, und gibt diesem politisch und religiös zerstückelten Lande eine literärische Einheit. Ein solches unschätzbares Verdienst mag uns bei dieser Sprache dafür entschädigen, daß sie, in ihrer heutigen Ausbildung, etwas von jener Innigkeit entbehrt, welche wir bei Sprachen, die sich aus einem einzigen Dialekt gebildet, zu finden pflegen. Die Sprache in Luthers Bibel entbehrt jedoch durchaus nicht einer solchen Innigkeit, und dieses alte Buch ist eine ewige Quelle der Verjüngung für unsere Sprache. Alle Ausdrücke und Wendungen, die in der lutherschen Bibel stehn, sind deutsch, der Schriftsteller darf sie immerhin noch gebrauchen; und da dieses Buch in den Händen der ärmsten Leute, so bedürfen diese keiner besonderen gelehrten Anleitung, um sich literarisch aussprechen zu können. 
Dieser Umstand wird, wenn bei uns die politische Revolution ausbricht, gar merkwürdige Erscheinungen zur Folge haben. Die Freiheit wird überall sprechen können und ihre Sprache wird biblisch sein. 
Luthers Originalschriften haben ebenfalls dazu beigetragen die deutsche Sprache zu fixieren. Durch ihre polemische Leidenschaftlichkeit drangen sie tief in das Herz der Zeit. Ihr Ton ist nicht immer sauber. Aber man macht auch keine religiöse Revolution mit Orangenblüte. Zu dem groben Klotz gehörte manchmal ein grober Keil. In der Bibel ist Luthers Sprache, aus Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Geist Gottes, immer in eine gewisse Würde gebannt. In seinen Streitschriften hingegen überläßt er sich einer plebejischen Rohheit, die oft ebenso widerwärtig wie grandios ist. Seine Ausdrücke und Bilder gleichen dann jenen riesenhaften Steinfiguren, die wir in indischen oder ägyptischen Tempelgrotten finden, und deren grelles Kolorit und abenteuerliche Häßlichkeit uns zugleich abstößt und anzieht. Durch diesen barocken Felsenstil erscheint uns der kühne Mönch manchmal wie ein religiöser Danton, ein Prediger des Berges, der, von der Höhe desselben, die bunten Wortblöcke hinabschmettert auf die Häupter seiner Gegner. 
Merkwürdiger und bedeutender als diese prosaischen Schriften sind Luthers Gedichte, die Lieder, die, in Kampf und Not, aus seinem Gemüte entsprossen. Sie gleichen manchmal einer Blume, die auf einem Felsen wächst, manchmal einem Mondstrahl, der über ein bewegtes Meer hinzittert. Luther liebte die Musik, er hat sogar einen Traktat über diese Kunst geschrieben, und seine Lieder sind daher außerordentlich melodisch. Auch in dieser Hinsicht gebührt ihm der Name: Schwan von Eisleben.  [...]

07 September 2007

Traumpfade

Songlines oder Traumpfade nennen die Einwanderer Australiens die in Lieder gefassten Nachschöpfungen der Natur (Landschaftsbeschreibungen) der Aborigines. (Diese nennen ihre Beschreibungen "Fußspuren der Ahnen" oder "Weg des Gesetzes".)
Neben der Kodierung der äußeren Natur im Lied steht für die Aborigines die Verkörperung der Seelen der Ahnen in Tschuringas oder Tjurungas, die in Höhlen aufbewahrt werden.
Bei seinen Reflexionen über das Nomadentum verweist Bruce Chatwin, der Verfasser des Buches "The Songlines" (deutsch: Traumpfade), darauf, dass Kain, der Ackerbauer, zum Mörder an Abel, dem Hirten, wurde und Gott von ihm als Sühne verlangt, dass er seinerseits zum Umherziehenden wird, im Lande Nod, dem Bereich des Umherwanderns, der Wildnis oder Wüste.




Einer hatte noch die Kraft, den Arm zu heben, ein anderer etwas zu sagen. Als sie hörten, wer Limpy war, lächelten alle drei spontan, dasselbe, zahnlose Lächeln.
Arcady schlug die Arme übereinander und beobachtete sie.
"Sind sie nicht wunderbar?" flüsterte Marian, legte ihre Hand in meine und drückte sie.
Ja. Ihnen fehlte nichts. Sie wussten, wohin sie gingen. Im Schatten eines Geistereukalyptusbaumes lächelten sie dem Tod entgegen.