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27 Mai 2017

Heinrich Heine über Johannes Tauler

"Wie wir bis Luther die Theologie, so haben wir bis Wolff die Philosophie nur in lateinischer Sprache zu behandeln gewußt. Das Beispiel einiger wenigen, die schon vorher dergleichen auf deutsch vortrugen, blieb ohne Erfolg; aber der Literarhistoriker muß ihrer mit besonderem Lobe gedenken. Hier erwähnen wir daher namentlich des Johannes Tauler, eines Dominikanermönchs, der zu Anfang des vierzehnten Jahrhunderts am Rheine geboren und 1361 ebendaselbst, ich glaube zu Straßburg, gestorben ist. Er war ein frommer Mann und gehörte zu jenen Mystikern, die ich als die platonische Partei des Mittelalters bezeichnet habe. In den letzten Jahren seines Lebens entsagte dieser Mann allem gelehrten Dünkel, schämte sich nicht, in der demütigen Volkssprache zu predigen, und diese Predigten, die er aufgezeichnet, sowie auch die deutschen Übersetzungen, die er von einigen seiner früheren lateinischen Predigten mitgeteilt, gehören zu den merkwürdigsten Denkmälern der deutschen Sprache. Denn hier zeigt sie schon, daß sie zu metaphysischen Untersuchungen nicht bloß tauglich, sondern weit geeigneter ist als die lateinische. Diese letztere, die Sprache der Römer, kann nie ihren Ursprung verleugnen. Sie ist eine Kommandosprache für Feldherren, eine Dekretalsprache für Administratoren, eine Justizsprache für Wucherer, eine Lapidarsprache für das steinharte Römervolk. Sie wurde die geeignete Sprache für den Materialismus. Obgleich das Christentum, mit wahrhaft christlicher Geduld, länger als ein Jahrtausend sich damit abgequält, diese Sprache zu spiritualisieren, so ist es ihm doch nicht gelungen; und als Johannes Tauler sich ganz versenken wollte in die schauerlichsten Abgründe des Gedankens und als sein Herz am heiligsten schwoll, da mußte er deutsch sprechen. Seine Sprache ist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwängert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften. Aber erst in neuerer Zeit ward die Benutzbarkeit der deutschen Sprache für die Philosophie recht bemerklich. In keiner anderen Sprache hätte die Natur ihr geheimstes Werk offenbaren können wie in unserer lieben deutschen Muttersprache. Nur auf der starken Eiche konnte die heilige Mistel gedeihen."
(Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland 2. Buch)

Volker Leppin: Die fremde Reformation, Luthers mystische Wurzeln

Volker Leppin: Die fremde Reformation Luthers mystische Wurzeln, 2016



Stephan Speicher: Das Reformationsjubiläum treibt frühe Blüten: Zwei neue Bücher über Martin Luther zeigen den Wittenberger Reformator als Barbaren in Rom und als Erben des mystischen Denkens. ZEIT Nr.25/2016

"Was wir oft als genuin reformatorisch ansehen, nämlich die Überzeugung, dass der Mensch allein durch die Gnade Gottes (sola gratia) gerettet werde, das findet sich schon früher. Einer der populärsten Autoren des Spätmittelalters war der Dominikaner Johannes Tauler, dessen gedruckte Predigten der junge Luther studierte und mit ausgiebigen Randnotizen versah. Tauler stellte das Verhältnis zu Christus in den Mittelpunkt der Betrachtungen, wobei der Gläubige "leidend", Christus aber "wirckent" gedacht war. Und Luther notierte dazu, es sei viel nötiger, Göttliches zu erleiden als zu tun. Hier ist schon die iustitia passiva zu greifen: dass die Rechtfertigung des Menschen ganz und gar Gottes Werk ist. Mit der Verinnerlichung des Glaubens ging bei Tauler Distanz zu den vermittelnden Instanzen der Kirche einher. Wer seine Sünden bereue, müsse damit nicht gleich zum Beichtvater laufen. Und Luther am Rande: "Ein überaus nützlicher Ratschlag!"

Luther selbst hat später gern von Wendungen seines Denkens gesprochen, die schlagartig eingetreten seien. Das war ein literarischer Kniff, vielleicht auch eine Saulus-Paulus-Imitatio. Leppin vollzieht nach, wie viel sich allmählich aus mittelalterlichen Wurzeln entwickelte. Die Abneigung gegen die Scholastik mit ihren argumentationstechnischen Finessen war nichts Ungewöhnliches in der Zeit. Distanz zur Kirchlichkeit zeichnete auch die Frömmigkeitsbewegung Devotio moderna aus, die Luther geschätzt hat, sie interessierte sich weniger für Liturgie und Sakramentenspendung als für das Verhältnis des Einzelnen zu Christus.
Was Luther aber von seinen Vorläufern unterschied, das war die Beharrlichkeit, mit der er an der einmal gefundenen Schraube drehte."