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04 März 2022

Stifter: Der Nachsommer - Mathilde erklärt das Ende ihrer Liebe zu Gustav Risach

 ›Schwer oder nicht schwer, von dem ist hier nicht die Rede‹, antwortete sie, ›von dem, was sein muß, ist die Rede, von dem, dessen Gegenteil ich für unmöglich hielt. Gustav, Gustav, Gustav, wie konntest du das tun?‹

Sie ging einige Schritte von mir weg, kniete, gegen die Rosen, die an dem Gartenhause blühten, gewendet, in das Gras nieder, schlug die beiden Hände zusammen und rief unter strömenden Tränen: ›Hört es, ihr tausend Blumen,[783] die herabschauten, als er diese Lippen küßte, höre es du, Weinlaub, das den flüsternden Schwur der ewigen Treue vernommen hat, ich habe ihn geliebt, wie es mit keiner Zunge, in keiner Sprache ausgesprochen werden kann. Dieses Herz ist jung an Jahren, aber es ist reich an Großmut; alles, was in ihm lebte, habe ich dem Geliebten hingegeben, es war kein Gedanke in mir als er, das ganze künftige Leben, das noch viele Jahre umfassen konnte, hätte ich wie einen Hauch für ihn hingeopfert, jeden Tropfen Blut hätte ich langsam aus den Adern fließen und jede Faser aus dem Leibe ziehen lassen – und ich hätte gejauchzt dazu. Ich habe gemeint, daß er das weiß, weil ich gemeint habe, daß er es auch tun würde. Und nun führt er mich heraus, um mir zu sagen, was er sagte. Wären was immer für Schmerzen von außen gekommen, was immer für Kämpfe, Anstrengungen und Erduldungen; ich hätte sie ertragen, aber nun er – er –! Er macht es unmöglich für alle Zeiten, daß ich ihm noch angehören kann, weil er den Zauber zerstört hat, der alles band, den Zauber, der ein unzerreißbares Aneinanderhalten in die Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte.‹
Ich ging zu ihr hinzu, um sie empor zu heben. Ich ergriff ihre Hand. Ihre Hand war wie Glut. Sie stand auf, entzog mir die Hand, und ging gegen das Gartenhaus, an dem die Rosen blühten.“
(Stifter: Der Nachsommer, 3. Band, 4. Kapitel: Der Rückblick, S.782/83)

Stifter, der im Nachsommer Metaphern sorgfältig vermeidet, Emotionen unausgesprochen lässt, dessen Liebesszenen zwischen Heinrich und Nathalie stocksteif wirken, der im Vorwort der "Bunten Steine" das sanfte Gesetz beschwört, lässt die junge Mathilde sich zu Hyperbeln versteigen wie dieser: "jeden Tropfen Blut hätte ich langsam aus den Adern fließen und jede Faser aus dem Leibe ziehen lassen – und ich hätte gejauchzt dazu".
Ich habe dieselbe Passage in etwas größerem Zusammenhang schon einmal zitiert und besprochen. Diesmal fällt mir auf, dass Stifter im Zusammenhang mit dem Rückblick auf die Jugend seines alten Paares auf den überschwänglichen Stil seiner frühen von Jean Paul beeinflussten Jugenderzählungen zurückgreift. 
Er beherrscht ihn noch, die "blutlose" Darstellung wird dadurch als artifiziell, als Kunstanstrengung erkennbar. 
Mathilde sagt später: "Wie diese Rosen abgeblüht sind, so ist unser Glück abgeblüht." Risach widerspricht: "Es ist nicht abgeblüht, es hat nur eine andere Gestalt." 
Rosen, Glück, Nachsommer, das Rosenhaus; es gibt viele Motive und die künstliche Gefühlsverschweigung ...
Dazu Begemann:
Der fremdartige, irritierende Reiz des Buches geht von der Radikalität aus, mit der Künstlichkeit hier zum Programm erhoben und zugleich kaschiert wird. [...] Und diese Künstlichkeit macht unverkennbar, daß die Ordnung, deren Zeuge wir werden, eine Ordnung ist, die allein vom Text produziert wird.(Ch. Begemann: Erschriebene Ordnung)
Vergleiche dort auch: "Denn dieser Roman ist in all seiner kühlen Schönheit und perlmuttenen Glätte mit Pessimismus, Resignation, ja Verzweiflung unterfüttert. All das, was die Epoche und das eigene Leben an Häßlichkeit, Gemeinheit und Widerwärtigkeit beinhalten, ist aus der Nachsommer-Welt strikt verbannt. Bis in die frugalen Mahlzeiten hinein ist hier alles anders und besser als im wirklichen Leben. Biographisch gesehen, schreibt Stifter sich das Elend seiner Lebenswelt vom Leib.".(Ch. Begemann: Erschriebene Ordnung)
Bonhoeffer hat im Gestapogefängnis den Witiko gelesen.  Stifters Leistung ist die bewusste Entfernung von der Lebenswelt, aber er schließt seinen Roman nicht, ohne Mathilde aussprechen zu lassen, dass der Abgeklärtheit eine Zerstörung vorausging: "er [hat] den Zauber zerstört [...], der alles band, den Zauber, der ein unzerreißbares Aneinanderhalten in die Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte."

Nachdem ich Ch. Begemanns Arbeit noch einmal in Ruhe gelesen habe, kann ich die vollständige Lektüre empfehlen, obwohl ich mit manchen Aussagen nicht übereinstimme. 
Hier ein Ausschnitt mit einer eindrucksvollen Beschreibung von Stifters Altersstil:

"Vor allem in den späten Texten, aber auch schon im Nachsommer, wählt Stifter, wann immer es möglich ist, das Wort 'Ding' und das Hilfsverb 'sein' anstelle exakterer Bezeichnungen. In einer etwas gerafften Schilderung nimmt sich das so aus: "Das nächste Zimmer [...] war das Schlafgemach. [...] Das Bett stand mitten im Zimmer und war mit dichten Vorhängen umgeben. Es war sehr nieder [...]. Sonst waren die Geräte eines Schlafzimmers da [...]. Die Innenseiten der Türen waren hier wieder zu den Geräten stimmend [...]. Sonst war weder ein Stuhl noch ein anderes Geräte in dem Zimmer. Vor den Fenstern waren waagrechte Brettchen [...]" usw. (S. 79). Es ist nun nicht einfach so, daß Stifter auf einmal die Worte fehlten, vielmehr steht hinter solchen Befremdlichkeiten durchaus eine Absicht. Mit Recht hat man hier von einem 'ontologischen Stil' gesprochen, der dazu neigt, nur noch das bloße Dasein der Dinge auszusagen - 'Objektivität' in Reinform. Der Leser wird Zeuge einer extremen Reduktion und Abstraktion, einer unerhörten Radikalisierung der Sprache, die Monotonie nicht scheut, aber zugleich auch etwas durchaus Frappantes bekommt." (Ch. Begemann)

08 März 2015

Kunstgespräche im "Nachsommer"

Freiherr von Risach:
Das ist eben das Wesen der besten Werke der alten Kunst, und ich glaube, das ist das Wesen der höchsten Kunst überhaupt, daß man keine einzelnen Teile oder einzelne Absichten findet, von denen man sagen kann, das ist das Schönste, sondern das Ganze ist schön, von dem Ganzen möchte man sagen, es ist das Schönste; die Teile sind bloß natürlich. Darin liegt auch die große Gewalt, die solche Kunstwerke auf den ebenmäßig gebildeten Geist ausüben, eine Gewalt, die in ihrer Wirkung bei einem Menschen, wenn er altert, nicht abnimmt, sondern wächst, und darum ist es für den in der Kunst Gebildeten so wie für den völlig Unbefangenen, wenn sein Gemüt nur überhaupt dem Reize zugänglich ist, so leicht, solche Kunstwerke zu erkennen. [...]
Risach darüber, weshalb er Heinrich nicht auf den hohen Kunstwert der Statue angesprochen habe:
Ich habe geglaubt, irgend ein großes, allgemeines menschliches Gefühl, das euch ergreifen würde, würde euch auf den Standpunkt führen, auf dem ich euch jetzt sehe.« [...]
Risach:
Außer dem hier gegebenen Begriffe von stofflicher Ruhe mag wohl unter Ruhe weit öfter die künstlerische zu verstehen sein, die ein Kunstwerk, sei es Bild, Dichtung oder Musik, nie entbehren kann, ohne aufzuhören, ein Kunstwerk zu sein. Es ist diese Ruhe jene allseitige Übereinstimmung aller Teile zu einem Ganzen, erzeugt durch jene Besonnenheit, die in höchster kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf, durch jenes Schweben über dem Kunstwerke und das ordnende Überschauen desselben, wie stark auch Empfindungen oder Taten in demselben stürmen mögen, die das Kunstschaffen des Menschen dem Schaffen Gottes ähnlich macht und Maß und Ordnung blicken läßt, die uns so entzücken. Bewegung regt an, Ruhe erfüllt, und so entsteht jener Abschluß in der Seele, den wir Schönheit nennen. [...]
Ich-Erzähler Heinrich:
denn ein großes Werk, das sah ich jetzt ein, hat keine Schönheiten und um so weniger, je einheitlicher und einziger es ist.

Risach:

Darum ist die Kunst ein Zweig der Religion, und darum hat sie ihre schönsten Tage bei allen Völkern im Dienste der Religion zugebracht.
(Stifter: Der Nachsommer)

06 Mai 2011

Er fuhr schnell vorbei

"Er fuhr schnell vorbei, wie es bei Wägen dieser Art Sitte ist, ..."

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.190


"Ich hatte in meiner Jugend öfter den Namen Risach nennen gehört, allein ich hatte damals so wenig darauf geachtet, was ein Mann, dessen Namen ich hörte, tue, daß ich jetzt gar nicht wußte, wer dieser Risach sei. Ich fragte daher mit jener Rücksicht, die man bei solchen Fragen immer beobachtet, und erfuhr, daß der Freiherr von Risach zwar nicht die höchsten Staatswürden bekleidet habe, daß er aber in der wichtigen und schmerzlichen Zeit des nunmehr auch alternden Kaisers in den belangreichsten Dingen tätig gewesen sei, daß er mit den Männern, welche die Angelegenheiten Europas leiteten, an der Schlichtung dieser Angelegenheiten gearbeitet habe, daß er von fremden Herrschern geschätzt worden sei, daß man gemeint habe, er werde einmal an die Spitze gelangen, daß er aber dann ausgetreten sei. Er lebe meistens auf dem Lande, komme aber öfter herein und besuche diesen oder jenen seiner Freunde. Der Kaiser achte ihn sehr, und es dürfte noch jetzt vorkommen, daß hie und da nach seinem Rate gefragt werde. Er soll reich geheiratet, aber seine Frau wieder verloren haben. Überhaupt wisse man diese Verhältnisse nicht genau."

Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.191/92


"Stifter führt erst sehr spät die Namen seiner Hauptpersonen ein. Meistens umschreibt er die Personen durch ihre Funktion: der Vater, die Mutter, die Schwester, der Gastfreund, die Fürstin, der Gärtner, der Zitherspieler. Vorsichtig nähert er sich der Benennung mit den Vornamen der wichtigsten Personen: Mathilde, Natalie, Gustav, Eustach, Roland und Klotilde. Der Ich-Erzähler bezeichnet sich erst spät als Heinrich Drendorf, sein Gastgeber, der Freiherr von Risach, bleibt bis auf Andeutungen namenlos bis fast zum Schluss. Warum benennt Stifter nicht die Personen seines Romans? Vielleicht geht es ihm nicht so sehr darum, dass die Leser sich von den Personen „ein Bild machen“, sondern vom Weg der Personen durch das Leben. Die verschlungenen Pfade entwirren sich und alles wird gut."

Der Nachsommer, Wikipedia über die - weithin verschwiegenen - Namen als Besonderheit des Romans
»Siehst du, meine liebe Henriette«, sprach die alte Frau, »wie sich die Dinge in der Welt verändern. Du weißt es noch nicht, weil du noch jung bist und weil du nichts erfahren hast. Das Niedrige wird hoch, das Hohe wird niedrig, Eines wird so, das Andere wird anders, und ein Drittes bleibt bestehen. Dieser Risach ist sehr oft in unser Haus gekommen. Da uns der Vater noch zuweilen in dem alten Doktorwagen, den er hatte, und der dunkelgrün und schwarz angestrichen war, spazieren fahren ließ, ist er nicht einmal, sondern oft auf dem Kutschbocke gesessen, oder er ist gar, wenn wir im Freien fuhren und uns die Leute nicht sehen konnten, hinten aufgestanden wie ein Leibdiener, denn der Wagen des Vaters hat ein Dienerbrett gehabt. Wir waren kaum anders als Kinder, er war ein junger Student, der wenig Bekanntschaft hatte, dessen Herkunft man nicht wußte und um den man auch nicht fragte. Wenn wir in dem Garten auf dem Landhause waren, sprang er mit den Brüdern auf den hölzernen Esel, oder sie jagten die Hunde in das Wasser oder setzten unsere Schaukel in Bewegung. Er brachte deinen Vater zu meinen Brüdern als Kameraden in das Haus. Man wußte damals kaum, wer schöner gewesen sei, Risach oder dein Vater. Aber nach einer Zeit wurde Risach weniger gesehen, ich weiß nicht warum, es vergingen manche Jahre, und ich trat mit deinem Vater in den heiligen Stand der Ehe. Die Brüder waren als Staatsdiener zerstreut, die Eltern waren endlich tot, von Risach wurde oft gesprochen, aber wir kamen wenig zusammen. Der Vater begann seine Tätigkeit hauptsächlich erst dann, als Risach schon ausgetreten war. Da sitze ich jetzt nun wieder, aber in einem anderen Teile der Burg, dein Vater hat die Erde verlassen müssen, du bist nicht einmal mehr ein Kind, dienst deiner hohen, gütigen Herrin, und da von Risach die Rede war, meinte ich, es seien kaum einige Jahre vergangen, seit er die Schaukel in unserem Garten bewegt hat.«

Ich fragte, ob nicht Risach eine Besitzung im Oberlande habe.

Man sagte mir, daß er dort eine habe.

Ich wollte nicht weiter fragen, um nicht die ganze Darlegung meiner Einkehr in diesem Sommer machen zu müssen.
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.192/93

Der Vater kannte den Freiherrn von Risach sehr gut. Er war in früherer Zeit mehrere Male mit ihm zusammengekommen, hatte ihn aber jetzt schon lange nicht gesehen. Als Anhaltspunkte, daß mein Beherberger in dem Rosenhause der Freiherr von Risach gewesen sei, dienten, daß ich ihn, wenn mich nicht in der Schnelligkeit des Fahrens eine Ähnlichkeit getäuscht hat, selber gesehen habe, daß er im Oberlande eine Besitzung hat, daß er wohlhabend sei, was mein Beherberger sein müsse, und daß er hohe Geistesgaben besitze, die mein Beherberger auch zu haben scheine. Man beschloß, in dieser Sache nicht weiter zu forschen, da mein Beherberger mir seinen Namen nicht freiwillig genannt habe, und die Dinge so zu belassen, wie sie seien.
Adalbert Stifter: Der Nachsommer, 1. Band, 6. Kapitel: Der Besuch, S.193


Adalbert Stifters belässt in seinem "Nachsommer" vieles im Allgemeinen, wie es bei einem Roman dieser Art Sitte ist.

Das gilt nicht nur für den "Beherberger", der als junger Mann "die Schaukel in unserem Garten bewegt hat".