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28 Dezember 2023

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart

 Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart

Rezension bei Perlentaucher

Leseprobe bis S.29

1. Eintracht und Streit in der Familie . . . . . . . . . . . 19 

Der große und der kleine Bruder . . . . . . . . . . . . . 19 

Die Großrussen und die Kleinrussen . . . . . . . . . . 25 

 2. Die gemeinsame Wiege der Kyjiver Rus’ . . . . . 28 

Der Erbstreit der Historiker . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 

Der Erbstreit der Politiker . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 

 3. Mongolen und Polen – Asien und Europa: Die Geschwister gehen getrennte Wege  (14. bis 17. Jahrhundert) . . . . . . . . . . . . . . . . . .    37 

Danylo von Galizien-Wolhynien und Alexander Nevskij . . . . . . 38 

Der Aufstieg Moskaus und die Herausbildung des Zarenreichs. . . 43 

Die Ukraine unter litauischer und polnischer Herrschaft . ............46 

 Kirchenunion von Brest 1596, Ukrainische griechisch-katholische Kirche

Die ukrainischen Kosaken und die Revolution von 1648  . . . . . . . .51 

Starker Staat – libertäre Gesellschaft, belagerte Festung – Orientierung nach Europa . 53

4. Die Annäherung der Ukraine an Russland und die Integration der «Kleinrussen» in das Imperium der Zaren (17. bis frühes 19. Jahrhundert) . .. . . . . . . . . . . . . . . . . 56 

Die Vereinbarung von Perejaslav und der Beginn der Herrschaft Russlands über die Ukraine 59 Peter der Große, Mazepa und das Ende des ukrainischen Kosakentums .  . . . . . . . . . . . 65    Doch Angehörige einer ukrainischen Kosakenfamilie erlebten unter der Kaiserin Elisabeth einen auffallenden Aufstieg: Alexei Grigorjewitsch RasumowskiKirill Grigorjewitsch Rasumowski (S.71), Andrei Kirillowitsch Rasumowski (S.72)

Die Ukrainisierung der russischen Kultur . .. . . . . . . . . . . . . . . . .  72                                  "Im 18. Jahrhundert kamen etwa 60 Prozent der Bischöfe des Imperiums aus der Ukraine und Weißrussland." (S.73)                                                                                                        Feofan Prokopovyč . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74                                                              "Ausgerechnet ein ukrainischer Absolvent der Kijiver Akademie wurde so zum wichtigsten frühen Ideologen des autokratischen Absolutismus in Russland. [...]  Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts hob sich die linksufrige Ukraine von Russland durch ein merklich höheres Bildungsniveau ab, wie ausländische Beobachter bestätigten. Sie wies ein recht breites Netz von Kirchenschulen auf, an denen auch Mädchen ausgebildet wurden." (S.75/76)

"Im Laufe des 18. Jahrhunderts erlebte die auf Mittel- und Westeuropa ausgerichtete weltliche Bildung und Kultur auch in Russland einen raschen Aufschwung. Die Kijiver Akademie und die anderen Bildungsstätten in der Ukraine sanken dagegen zu Priesterseminaren ab, während die weltliche höre Bildung seit dem Jahr 1755, als die Universität Moskau gegründet wurde, immer mehr von russischen Institutionen übernommen wurde. Allerdings wurde die zweite (russischsprachige) Universität des Imperiums 1805 in Charkiv gegründet, wo sie auf dem dortigen Collegium aufbauen konnte. Trotzdem beraubte der ständig zunehmende Brain Drain die Ukraine zahlreicher Gebildeter. In der Mitte des 18. Jahrhunderts drehte sich die Richtung des Kulturtransfers um, und die Ideen der französischen Aufklärung kamen  nicht mehr über die Ukraine nach Russland, sondern über St. Petersburg in die Ukraine. Die Bildungssprachen waren nicht mehr Latein und Kirchenslawisch, sondern Deutsch, Französisch und zunehmend Russisch. (S.76/ 77)

Die Expansion Russlands ans Schwarze Meer und in die rechtsufrige Ukraine . . .. . . . . . 77   "Der Steppengürtel nördlich des schwarzen Meeres war seit der Antike Durchzugsgebiet aus Asien kommender Reiternomaden gewesen. Seit dem 15. Jahrhundert stand er unter der Herrschaft der Krimtataren, deren Khan Vasall des Osmanischen Reiches war. Die Region war landwirtschaftlich nicht erschlossen und kaum besiedelt. Lediglich die Saporoger  Kosaken hatten am Unterlauf des Dnjepr  Fuß gefasst. Sie standen in ständigen kriegerischen Auseinandersetzungen (aber auch in Handelsbeziehungen) mit den Krimtataren und fuhren mit ihrem kleinen Booten auf das Schwarze Meer, wo sie osmanische Galeeren kaperten und Hafenstädte ausraubten.

Im Türkischen Krieg von 1768 bis 1774 eroberte Russland das gesamte Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres, 1783 folgte die Annexion der Krim." (S. 77)
"Das eroberte Gebiet im Süden der heutigen Ukraine wurde offiziell als Neurussland bezeichnet und in einem Generalgouverneurment dieses Namens zusammengefasst. Die südukrainische Steppe mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden wurde nun für die Landwirtschaft nutzbar gemacht, und in den folgenden Jahrzehnten wurde sie von ukrainischen und russischen Bauern besiedelt. Sie kamen zum größeren Teil in die Abhängigkeit von (vorwiegend russischen) Adligen, denen die Regierung in Neurussland Güter verliehen hatte. [...] Zunächst rief man aus dem Osmanischen Reich orthodoxe Bulgaren, Serben, Rumänen und Griechen ins Land. Die größte Gruppe waren die deutschen Kolonisten, unter ihnen zahlreiche Mennoniten, die als tüchtige Ackerbauern den ostslawischen Bauern als Vorbild dienen sollten. Die Region stieg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum wichtigsten Getreideproduzenten des Imperiums auf. In den Städten ließen sich Russen, Juden, Griechen und Armenier nieder, während die Ukrainer hier nur kleine Minderheiten stellten. (S.77/78)
"Katharina II. rechtfertigte die Annexion des östlichen Polen-Litauens  damit, dass diese Länder und Städte, die an das Russische Reich angrenzen, einst in seinem Besitz waren und von ihren Stammesgenossen bevölkert sind, die zum orthodoxen Glauben bekehrt wurden und ihn bis heute ausüben. Indem die Kaiserin darauf verwies, dass diese Gebiete früher im Besitz Russlands (gemeint ist die Kyjiver Rus') gewesen sein, lancierte sie die Auffassung von der 'Wiedervereinigung' der Ukraine und Weißrussland. Obwohl sie diesen 'Stammesgenossen' ihre besondere Fürsorge verhieß, kümmerte man sich in der Folge kaum um die ukrainischen Leibeigenen, sondern verkehrte mit Ihnen nur indirekt über ihre adeligen polnischen Herren. Eine Ausnahme war die Konfession. Staat und Kirche betrachteten sich als Schutzjahren ihrer orthodoxen Untertanen, die gegen katholische Einflüsse abgeschirmt werden sollten. "(S. 80)

 Die Entdeckung Kleinrusslands durch die Russen um 1800 . . . . . . . . .  . . . . . . . . . . . . . 81 

Im Geiste Rousseaus wurde die Ukraine als einfaches, moralisch reines, von der Zivilisation nicht verdorbenes Volk und ihr Leben als ländliche Idylle idealisiert. Die ukrainischen Bauern erschienen als Kinder der Natur, als ehrlich, fröhlich, treu, offen, gastfreundlich, musikalisch, emotional und tief religiös. [...]  Man kann von einer Kleinrussland-Mode im Russland der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprechen. Nicht nur die Reiseberichte, sondern auch die wichtigsten russischen Zeitschriften der ersten vier Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, sowohl konservativer wie liberaler Ausrichtung, zeichneten ein überwiegend positives Bild von der Ukraine. [...]

Die Ukrainer seien in ihrer Entwicklung stecken geblieben und hätten es nicht verstanden, eine gebildete Elite, eine höhere Zivilisation und einen Staat zu schaffen. Die idealisierten traditionellen Sitten wurden somit umgedeutet zu Rückständigkeit, Ignoranz und Aberglauben. Das häufigste Attribut, dass russische Beobachter den Ukrainern zuschrieben, war deren Trägheit und Faulheit." (S.83)

 5. Zwei verspätete Nationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 

Russland und die Ukraine existieren als Nationalstaaten erst seit einem Vierteljahrhundert. Sie sind junge, verspätete Nationen [...]  Dass die Ukrainer eine verspätete Nation sind, ist evident. Sie wurde nach dem plötzlichen Erscheinen des Nationalstaats auch als 'unerwartete Nation' bezeichnet, und es wird sogar bestritten, dass sie überhaupt eine Nation sein. 'Die Ukraine ist ein unabhängiger Staat, der kein Nationalstaat ist. Zwischen Historikern ist umstritten, ob es überhaupt eine ukrainische Nation gibt', so der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt [...] kurz nach der Annexion der Krim durch Russland. [...] 

Nicht selbstverständlich ist dagegen die These von den Russen als einer verspäteten Nation. Im Gegensatz zur Ukraine verfügt Russland über eine seit dem Mittelalter ununterbrochene staatliche Tradition, und bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion lebten fast alle Russen in einem Staat zusammen. Allerdings war der Staat nicht, wie in Westeuropa, der Kern, sondern der wichtigste Hemmschuh für die russische Nationsbildung [...]. Gerade der übermächtige, territorial riesige Stadt, das russländische Imperium [...] und die Sowjetunion behinderten die Formierung einer russischen Nation [...] Die autoritären Regime der Zaren und Sowjets verhinderten eine demokratische Entwicklung, eine politische Emanzpation der russischen Gesellschaft und ihre Integration zu einer Staatsbürgernation, Die Multiethnizität und die soziale Polarisierung standen der Bildung einer ethnischen Nation im Weg.". (S.85/86)

Prozesse der Nationsbildung in der Vormoderne . . 87                     

Das vormoderne kosakisch-kleinrussische Nationalbewusstsein äußerte sich noch einmal in einem bemerkenswerten Text, der die Beziehung des 'kleinen' zum 'großen' Russland zum Thema hat. 'Ein Gespräch zwischen Großrussland und Kleinrussland' des Absolventen der Kijiver Akademie Semen Divovyc wurde im Jahr 1762 in russischen Versen abgefasst, aber erst im Jahr 1882 gedruckt. Zu Beginn fragt Großrussland Kleinrussland:
'Welcher Herkunft bist du und woher bist Du gekommen?                                                Sprich, sprich von deinen Ursprüngen, von denen du herstammst!'
Kleinrussland erklärt dann ausführlich seine glanzvolle Geschichte seit dem Mittelalter, unter der Herrschaft des polnischen Könige und besonders die Heldentaten der Kosaken bis zu ihrer freiwilligen Unterstellung unter den russischen Herrscher Alexej Michajlovic, der ihnen die Erhaltung ihrer Privilegien garantierte." (S. 91)
Divovyc verfasste sein 'Gespräch' kurz nach dem Regierungsantritt Katharinas II. Er verteidigt die Eigenständigkeit und die Rechte 'Kleinrusslands', genauer des Kosaken-Hetmanats, und pocht auf Gleichberechtigung der ukrainischen Elite mit dem russischen Adel. Dabei werden die Bezeichnungen 'klein' und 'groß', wie wir wissen zu Unrecht, mit der unterschiedlichen Größe der beiden Länder erklärt. Es ist bemerkenswert, dass Divovyc die Verwandtschaft der beiden Völker nicht erwähnt, sondern Kleinrussland als eigenes Objekt mit einer von großen Russland getrennten Geschichte vorstellt. Von der gemeinsamen Abkunft von der Kyjiver Rus’  ist nicht die Rede." (S.92)

Varianten eines russischen Nationalbewusstseins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts . .  93
Westler (u.a.  Iwan TurgenewIwan PanajewPjotr TschaadajewWissarion Belinski und Alexander Herzen) und Slawophile                                                                                                          Die ukrainische Herausforderung und die russische Antwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .96
Nationaldichtung: Ivan Kotljarevskij und Nationalgeschichte 'Geschichte der Rus' ' (konzentriert auf die heroische Zeit der Kosaken aber auch Rückgriff auf die Kyjiver Rus’);  die Kyrill-und-Method-Bruderschaft "spielte eine zentrale Rolle in der Herausbildung eines Nationalbewusstseins in der Ukraine.[1]"  (Wikipedia),   Mykola Kostomarow (Gründer), Taras Schewtschenko (nach Kasachstan verbannt)(S.96-98); eine vergleichbare russischr Gruppe, der Dostojewski angehörte, wurde härter bestraft (Todesurteil, Begnadigung zu Zwangsarbeit in Sibirien). 
18 42 wurde Nikolai Gogol's Roman 'Die Toten Seelen' publiziert was Anlass zu Erörterungen über die nationale Zuordnung des ukrainisch-russischen Schriftstellers gab. [...]  Gogol' selbst äußerte sich dazu zwei Jahre später in einem Schreiben, in dem er bekannte, eine doppelte 'Seele' zu haben. Er wisse selbst nicht, 'welche Seele ich habe, die eines Chochol [Spitzname für Ukrainer] oder eine russische. Ich weiß nur, dass ich keineswegs dem Kleinrussen vor dem Russen noch den Russen vor dem Kleinrussen den Vorzug geben würde. Beide Naturen sind von Gott üppig bedacht worden, und mit Bedacht besitzt jede  von Ihnen für sich das, was der anderen fehlt: ein klares Zeichen, dass sie einander ergänzen müssen.'
Gogol', der aus einer ukrainischen Kosakenfamilie stammte, steht für die zahlreichen Ukrainer, die nach Moskau oder St. Petersburg zogen, und sich dort sprachlich russifizierten, gleichzeitig aber die russische  Kultur ukrainisierten. Seine Erzählzyklen 'Abende auf dem Gutshof bei Dikan'ka' und 'Migorod' hatten ukrainische Themen und waren in einem Russisch geschrieben, das viele Ukrainismen aufweist. In Russland wurden sie als Beispiele der exotischen Kleinerussischen Literatur positiv aufgenommen. Sie führten die Ukraine in die russische Literatur ein; ihre Natur verbundenen pittoresken, humorvollen, faulen, ess- und trinkfesten Gestalten mit einer deformierten Sprache und Irrationalität prägten das russische Ukrainebild für lange Zeit. In Russland warf man Gogol' vor, die Russen negativ und die Kleineussen mit viel Sympathie darzustellen, worauf er in dem zitierten Brief antwortet." (S. 100/101)

Der russische imperiale Nationalismus und die Krise der ukrainischen Nationsbildung . . . . 103 

 6. Ein asymmetrisches Verhältnis: Russen und Ukrainer im Russländischen Reich im 19. und frühen 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113              Russische Stadt – ukrainisches Dorf . . . . . . . . . . . 114                                                 Hierarchie der Kulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117                                             Wechselseitige Perzeptionen . . . . . . . . . . . . . . . . . 121                                                   Akkulturation und doppelte Identität . . . . . . . . . 124                                                             War die Ukraine eine Kolonie Russlands? . . . . . . . 130 

 7. Die Russische und die Ukrainische Revolution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. .     . . . 132

In der Zeit von 1917-1922 herrschten in der Ukraine unübersichtliche und zeitlich rasch wechselnde Machtverhältnisse:

Die national-ukrainisch orientierten Kräfte des Bürgertums und der Intelligenz, die Mittelmächte, die weißen Truppen [Deniken, Wrangel], die die russische Revolution annullieren wollten, die ukrainischen Bauern, die weitgehend russischen, bolschewistisch orientierten Arbeiter, die provisorische russische Regierung ab Februar 1917, die Rote Armee der Sowjetunion. (Eine gewisse Sonderrolle spielte die im November 1918 in Lemberg ausgerufene Westukrainische Volksrepublik (S.142) der Ruthenen/Ukrainer im Bereich der Habsburger Monarchie. [Einen groben Überblick liefern die Seiten 132-149 und im Internet die betreffenden Artikel, die nur zum Teil verlinkt sind, einiges ist dort genauer dargestellt als im Buch.

Die Russische Revolution (Februar 1917 bis März 1918) . . . . . . . . .            . . . . . . . . 132 Die Ukrainische Zentralrada und ihr Verhältnis zu Petrograd . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 Die Ukrainische Volksrepublik [UNR] zwischen den «roten» und den «weißen»* Russen.141   *"Die Weißen, deren bewaffneter Arm die Weiße Armee war, vereinten politisch sehr unterschiedliche Kräfte der russischen Gesellschaft, deren Vorstellungen über die Methoden, die Richtung und die Ziele des Kampfes gegen Sowjetrussland stark differierten."                     Weshalb gelang es den Bolschewiki, den Bürgerkrieg zu gewinnen und die Herrschaft über den größten Teil der Ukraine zu erringen? . .(NÖP) . . . . ................................................146  "[...] die Ukrainer waren nach 1918 das größte Volk Europas ohne Nationalstaat." (S.147)

 8. Russen und Ukrainer in der sowjetischen «Völkerfamilie» . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Die Gründung der Ukrainischen und der Russländischen Sowjetrepublik . . . . . . . . . . . 151 Korenizacija und Ukrainisierung . .[unter Stalin zurückgenommen]        . . . . . . . . . . . .155 Der ukrainische Nationalkommunismus . [ Skrypnyk;S.163/64] . . . . . . . .                       162  Industrialisierung, Zwangskollektivierung und Hungersnot (Holodomor) . . . . . . .  . . . . . . . .            165

"Das Bewusstsein, als Nation Opfer des Sowjetkommunismus zu sein, ist heute ein wichtiges Element des ukrainischen Nationalbewusstseins." (S.170)

Sowjetpatriotismus, Völkerfreundschaft und die Rückkehr des «Großen Bruders» . . . 171 Referat von Kappelers Darstellung: "Die Ukrainische Nation habe in den 1920er-Jahren ein soziales Fundament erhalten, das die Brüder näher auf Augenhöhe brachte. Erst Stalin setzte dem ukrainischen Nationalkommunismus ein Ende, als er die Ukraine zum Risikofaktor für den Fünfjahrplan erklärte. Kappeler weist den Genozidbegriff von sich, mit dem die von Stalin induzierte Hungerkatastrophe der frühen 1930er-Jahre zuweilen beschrieben wird; doch Terror und Hungersnot richteten sich auch in Kappelers Deutung gezielt gegen die neue ukrainische Elite. Der „Große Bruder“ kehrte zurück und er bestimmte auch die Lesart nach 1945.". . . . . . . . . . .. ..... . . . . . . .. . . . . . . . . . . . . . . .
"Trotz dieses gemeinsamen Anteils, Leid und Sieg gegen Nazi-Deutschland ist der zweite Weltkrieg heute Gegenstand heftiger erinnerungspolitische Kontroversen zwischen Russland und der Ukraine. Auch innerhalb der Ukraine wird der zweite Weltkrieg unterschiedlich bewertet. Die wichtigste Ursache für diese Kontroversen liegt darin, dass die Bevölkerung der Westukraine, die erst 1939 gewaltsam in die Sowjetunion eingegliedert worden war, wenig Loyalität gegenüber Moskau zeigte.

Im Gefolge des Hitler – Stalin – Paltes (und seines Zusatzprotokolls) besetzte die Rote Armee im September 139 das östliche Polen und mit ihm Galizien und West-Wolhynien. Galizien hatte nie zum Zarenreich gehört." ( S.178)

 Großer Vaterländischer Krieg oder antisowjetischer Befreiungskampf . . . . . . . . . . . . . 175

"Nicht nur in der Westukraine, sondern auch in den zentralen Regionen, die als Reichskommissariat Ukraine organisiert wurden, und im Osten, der der Militärverwaltung unterstellt war, arbeiteten zahlreiche Ukrainer als Hilfswillige für die Deutschen, in der Hilfspolizei, in Schutzmannschaften und in der Lokalverwaltung. Dabei wurden sie in der Regel gegenüber ethnischen Russen bevorzugt. Unter der breiten Bevölkerung zerstörte die brutale deutsche Besatzungspolitik aber rasch anfängliche Illusionen. (S. 180)

"In der Sowjetunion und im postsowjetischen Russland war und ist die Vorstellung von den Ukrainern als Kollaborateuren und Banderisten [...] weit verbreitet. Sie wird von der russischen Propaganda geschürt, die den Krieg gegen die Ukraine als Neuauflage des Krieges gegen 'die ukrainischen Faschisten' und 'geistigen Erben Banderas, des Handlangers von Hitler im zweiten Weltkrieg', inszeniert.

In der Ukraine wird ihre Rolle unterschiedlich bewertet. Während OUN und UPA in Galizien von vielen Ukrainern als Helden im Befreiungskampf gegen die sowjetische Herrschaft verehrt wurden und noch werden, galten und gelten sie vielen Ukraine im Osten und Süden des Landes als Verräter. Präsident Juschtschenko  initiierte eine offizielle Neubewertung des Zweiten Weltkrieges, der auch als nationaler Befreiungskampf der Ukraine gegen die Sowjetunion anerkannt werden sollte." (S.181/182)

 Von der Völkerfamilie zum Sowjetvolk . . . . . . . . . 183                                                        Russland und die Ukraine als Totengräber der Sowjetunion . . . . . . . . .. . . . . . . 192 

Die Reformen, die der 1985 zum Generalsekretär der KPDSU gewählte Gorbacev (geb. 1931) [Gorbatschow]  unter den Slogans Perestroika (Umbau) und Glasnost' (Transparenz) anstieß und die eine Modernisierung der Sowjetunion, deren wirtschaftliche Rückständigkeit immer offensichtlicher geworden war, zum Ziel hatten, führten in wenigen Jahren zu einer schweren Wirtschaftskrise und zur Delegitimierung der sowjetischen Ordnung. In heftigen Geschichtsdiskussionen fiel ein ideologisches Tabu nach dem anderen, und selbst der Gründungsmythos der Oktoberrevolution und die Person Lenins gerieten unter Beschuss. 1989 wurden erstmals seit 1917 weitgehende freie Parlamentswahlen durchgeführt [...]" (S. 192)


 9. Feindliche Brüder? Die Konfrontation der beiden postsowjetischen Staaten . . . 199 Die Unabhängigkeit der Ukraine und die Reaktion Russlands . . .. . . . . . . 199   Kontroversen und Kompromisse . . . . . . . . . . . . . 203  

"Die Schwarzmeerflotte und die militärische Infrastruktur wurden zwischen beiden Staaten aufgeteilt, wobei der Ukraine 18 Prozent der Marine zugesprochen wurden. Der größere Teil von Sevastopol mit der russischen Flottenbasis blieb zwar Staatsgebiet der Ukraine, wurde aber von Russland bis 2015 gepachtet. 2010 wurde der Pachtvertrag bis zum Jahr 2047 verlängert." (S.206)

"Dabei blieb der Begriff Russen mehrdeutig. Um Staatsbürger konnte es sich nicht handeln, denn eine russlandische Staatsbürgerschaft gab es erst nach dem Ende der Sowjetunion. Gemeint waren mit Russen die Personen russischer Nationalität oder/und die Russischsprachigen. Die Nationalität war nur in der Sowjetunion eine offizielle, in den Volkszählungen erhobene und im Inlandpass eingetragene Kategorie, die in der Regel vererbt wurde, im Fall von Mischeben auch geändert werden konnte. Sie war nicht gleichzusetzen mit der Kategorie der Mutter- oder Umgangssprache, die in den Volkszählungen ebenfalls erhoben wurde. So wurden die Juden der Sowjetunion als eigene Nationalität geführt, obwohl fast alle Russisch als Muttersprache hatten. In der unabhängigen Ukraine machten die Angehörigen der ukrainischen Nationalität 78 Prozent aus, doch war etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung vorwiegend russischsprachig, wobei Zweisprachigkeit weit verbreitet war. Die Kategorie der Nationalität verlor in den postsowjetischen Staaten ihren offiziellen Status, doch wurde sie in den Zählungen weiter erhoben, und sie wurde als politische Waffe eingesetzt. (S.207)                        

 Die Orange Revolution von 2004: Juščenko, Janukovyč und Putin . 212                            Die Revolution des Euro- Majdan . .                         .219                                                          Das militärische Eingreifen Russlands – Versuch einer Deutung . . . . .222                              Putins Begründungen zur Rechtfertigung des Anschlusses der Krim .  226 

10. Feinde statt Brüder: Russlands Krieg gegen die Ukraine . . . . .232 

Die Ukraine und Russland in der ersten Phase des Krieges (2014 bis 2021)  . 232

Der Krieg im Donbass veränderte die Einstellung der ukrainischen Bevölkerung zu Russland und den Russen. Die meisten Ukrainer, auch im Osten und Süden des Landes, betrachteten die Russen nun nicht mehr als Brüder, sondern als Feinde. [...] Die ukrainische Regierung ergriff Maßnahmen gegen die russische Propaganda und schränkte die Tätigkeit russischer und teilweise auch russischsprachiger Medien ein. Manche Ukrainer,  vor allem Bewohner der umkämpften Gebiete im Donbass, die unter dem Krieg besonders litten und sich teilweise von Kyjiv im Stich gelassen fühlten, glaubten der durch das russische Fernsehen verbreiteten Propaganda, laut der die Ukraine der Aggressor sei." (S.234)

             Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Jahr 2022 . .  242                                  Putins Begründungen und Rechtfertigungen des Kriegs . . . . . . . 255 

11. Russland, die Ukraine und Europa . . . . . . . . . . 264

15 Mai 2022

Roger Portal: Entwicklung des russischen Bauerntums

 "An den Volksaufständen, die seit dem Ende des 16. Jahrhunderts immer wieder in Rußland aufflackerten, nahmen Russen und Fremdvölker immer in parallel verlaufenden, manchmal sogar in gemeinsamen Aktionen teil."

 (Roger Portal: Die Slawen, Kindlers Kulturgeschichte Europas, Bd.19, S.167)

"Das sibirische Volk war so weit verstreut, die soziale Umwelt war aus so kleinen Menschengruppen zusammengesetzt, dass hier der Staatsgewalt kaum Widerstand begegnete. So ergab sich auch überall die selbe Formung der Menschen. Das sibirische Volk war Nichts anderes als eine russische Vorhut in Richtung auf den Pazifik. (S. 169)

Doch im Zuge der schrittweisen Versklavung der Bauern bis hin zur Leibeigenschaft, wo der Bauer zur "Sache" wurde, ergaben sich dann doch wieder Unterschiede:

"Der russische Bauer, de jure frei, de facto bis zum 14. Jahrhundert noch relativ frei, verlor zunächst das Eigentumsrecht über die von ihm bebaute Erde, dann wurde er immer mehr an sie gefesselt, und im 18. Jahrhundert schließlich wurde er für seinen Grundbesitzer zur bloßen 'Sache'. Als einzige entgingen der Knechtschaft die Bauern auf den Staatsgütern, freilich ohne die gleichen Rechte zu genießen wie die Bauern im Westen. Da sie aber ebenfalls schweren Frondiensten unterworfen waren und ihre Dorfgemeinde nicht ohne Genehmigung verlassen dürften, wurden sie aufgrund ihres analogen Schicksals mit der Masse der Leibeigenen zusammengeworfen. Ihre Lage war jedoch wesentlich besser, ihr Dasein im ganzen genommen weniger elend."(S.177)

"So bildeten die Länder jenseits der Wolga, der Ural (wo als einzige die Familie Stroganow sich im 17. Jahrhundert weite Landstrecken zuweisen ließ), und Sibirien ein ungeheures Rückzugsgebiet, wo ein neues Bauerntum entstand und sich entwickelte, das der Leibeigenschaft fast ganz entging und das unter Peter dem Großen eine eigene soziologische Schicht konstruieren sollte, wie noch zu sehen sein wird. Die geographischen Bedingungen ließen dort ebenso wie die örtlichen Notwendigkeiten der Kolonisation jene Versklavung scheitern, die von jetzt an bis 1861 der wesentlichste Zug der bäuerlichen Gesellschaft in den Westgebieten sein sollte, die, in früherer Zeit besiedelt und kultiviert, der Staatsmacht viel zwangsläufiger unterworfen waren und deren Stärke gerade in der Stabilität der Besiedlung und dem Gleichmaß ihrer Ausbeutung lag." (S.182)

Trotz mancher pauschalen Formulierungen differenziert Portal also immer wieder. Dabei ist zu beachten, dass die pauschale Aussage sich auf die weitgehende Einheit der Kultur bezieht und die differenzierende auf die soziologischen Verhältnisse.

22 Februar 2021

Die Tyrannei der (russischen) Dorfgemeinschaft

"So hatte das Statut von 1861 [Aufhebung der Leibeigenschaft] am Ende die Tyrannei des mir noch gestärkt."

 (Roger Portal: Die Slawen, Kindlers Kulturgeschichte Europas, Bd.19, S.406)

Anmerkungen:

"Eine Befreiung der Bauern aus der Polizeigewalt der Gutsbesitzers erfolgte unmittelbar mit dem Inkrafttreten der Reform 1861; weil das Land aber im Kollektivbesitz der örtlichen Bauern blieb und die schon bislang übliche periodische Umverteilung des Bodens festgeschrieben wurde, blieben die Möglichkeiten der Bauern, selbstbestimmt zu wirtschaften, höchst begrenzt.[30]" (Wikipedia: Alexander II. von Russland)

"Erst unter dem Reformzaren Alexander II. wurde die Leibeigenschaft der abwertend als „Muschiki“ bezeichneten Bauern am 19. Februarjul.3. März 1861greg. abgeschafft, etwa 50 Jahre später als in Westeuropa und in den zwar unter russischer Herrschaft, aber unter der Verwaltung des deutschbaltischen Adels stehenden Ostseegouvernements. Oft folgte hierauf keine Freiheit für die Bauern, sondern eine verschärfte wirtschaftliche Abhängigkeit (Schuldenfalle), jedoch ohne dass sie den alten Rechtsschutz genossen.[109] Diese Situation wurde nie zufriedenstellend gelöst und wurde zu einer der Ursachen für den Erfolg der Oktoberrevolution." (Wikipedia: Leibeigenschaft in Russland)

sieh auch:

Portal: Die russische Kirche als "Schmelztiegel der Revolution"

16 November 2019

Fontanes Briefe

über Keller und Storm
Karlsbad, 17.8.1898
"Mit Gottfr.[ied] Keller hätte ich gern Freundschaft geschlossen, denn er ist in meinen Augen der bedeutendste deutsche Erzähler, wie Storm der bedeutendste Liebeslyriker seit Goethe. Dennoch wäre, trotz besten Willens auf meiner Seite, wohl nie was daraus geworden; ich befürchte, dass ich ihm gründlich missfallen hätte."

über das Ende der britischen Weltherrschaft
an James Morris Berlin, 13.5.1898

"[...] Der Moment ist nah, wo die Weltherrschaft an den weißen Zaren abgetreten werden muß. Eigentlich ist der Moment schon da. Nichts komischer als Harcourts Reden, der den armen Salibury für all das verantwortlich machen will. Niemand ist dafür verantwortlich als die Weltgeschichte. Nichts dauert. Was ist aus dem Spanien Karls des Fünften geworden! [...]"

28 September 2018

12 August 2015

Russische Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts

Es ist eine Ironie der Geschichte, daß sich gerade in der russischen Kirche ein Schmelztiegel der Revolution bildete [...]
Die administrative und militärische Führungsschicht des Staats lieferte der Adel, der nicht nur das Befehlen von Kindheit an gelernt hatte, sondern auch allein im Besitz einer elementaren weltlichen Bildung war. Die Reformen Peters des Großen hatten ihn zu westlicher Bildung gezwungen, in Schulen, in denen der technische und militärische Unterricht die Allgemeinbildung zurückdrängte und in denen westliche Einrichtungen die Vorbilder waren. [...] Wenn der Kern ihrer Mentalität, wenn ihre täglichen Gewohnheiten sich aus einer langen Vergangenheit herleiteten, so speisten sich ihre »Meinungen«, die Vorstellungen, die sie sich über die Gesellschaft und die Welt bildeten, weniger aus der russischen Wirklichkeit als aus ihrer Erziehung. Von der alten Tradition losgelöst, führte sie diese Erziehung auch auf dem Umweg über eine technische Grundunterweisung, zu allgemeinen und abstrakten Begriffen, zu einem utopischen Rationalismus nach dem Geschmack des europäischen 18. Jahrhunderts. Aus dem Schoß des Adels als der einzigen kultivierten Klasse außerhalb der Kirche ging jene intelligencija hervor, die in Opposition zum Regime trat und 1825 den sogenannten »Dekabristenaufstand« auslöste. Gerade ihre starke Bindung an den Staat trieb die besten denkenden Köpfe des Adels dazu, Reformideen aus dem Ausland zu entleihen. Und ihr ganzes Leben, ihre ganze Erziehung spiegelten ihnen die trügerische Illusion eines leichten Erfolgs vor. Die russischen Adligen waren nicht, wie die des Westens, mit dem Boden verbunden, sie hatten vom Zaren weit auseinanderliegende und austauschbare Güter bekommen, auf denen sie nur selten lebten, weil der Dienst sie völlig in Anspruch nahm, der sie als hohe Beamte oder Militärs durchs ganze Reich führte. Ihre Kinder wurden von den Frauen und inmitten einer leibeigenen Dienerschaft erzogen, die sie früh daran gewöhnten, den Herren zu spielen und ihre Autorität auf die Spitze zu treiben. Die Söhne kamen sehr bald von der Familie weg; sie erhielten eine militärisch orientierte Bildung, oft weit entfernt vom Landgut ihrer Kindheit; damit verloren sie die Beziehung zu den Realitäten des Landlebens und entwickelten nur den Sinn und Geschmack fürs Befehlen. Wenn dann die Reihe an sie kam, ihren Grundbesitz zu übernehmen, dann war es ihr Bestreben, ihren Bauern militärischen Gehorsam beizubringen; im Staatsdienst, der ihr Leben weit mehr ausfüllte als die Bewirtschaftung ihrer Güter, beseelte sie das Gefühl, einer heiligen Pflicht ihrem Land gegenüber zu gehorchen. Ohne eine rechte Beziehung zu Grund und Boden, von Jugend an auf den Dienst im Staat ausgerichtet, von klein auf gewohnt, untertänige Bauern im Griff zu haben, übernahmen sie fast alle die Konzeption des auf­geklärten Despotismus, die auch das Regime vertrat. So kam es, daß ihre politischen Anschauungen, wenn sie einmal nonkonformistisch waren, im Abstrakten und Utopischen blieben und sich mit einer sehr ausgeprägten Sorge um ihre materiellen Interessen vereinigen ließen, ja mit großer Härte in der Verteidigung ihrer Rechte; der liberale Adlige stand keineswegs zurück, wenn es galt, das Letzte aus den Leibeigenen herauszuholen.
Roger Portal: Die Slawen, Kindlers Kulturgeschichte Europas, S.277-78

30 April 2013

Rußland und Sowjetunion


Vieles war großartig, Leningrad vor allem [...]. Imposant die Eremitage und unvergeßlicher Anblick darin, wie in Scharen, den Hut ehrfürchtig in der Hand wie ehemals vor ihren Ikonen, die Arbeiter, die Soldaten, die Bauern mit ihren schweren Schuhen durch die einst kaiserlichen Säle gingen und die Bilder mit dem geheimen Stolz anschauten: das gehört jetzt uns, und wir werden lernen, solche Dinge zu verstehen.[...]  Auch hier wie überall war eine kleine Lächerlichkeit in diesem reinen und redlichen Bemühen, über Nacht das ›Volk‹ vom Analphabetismus gleich zum Verständnis Beethovens und Vermeers emporzureißen, aber diese Bemühung, die höchsten Werte einerseits auf den ersten Anhieb verständlich zu machen, andererseits zu verstehen, war auf beiden Seiten gleich ungeduldig. In den Schulen ließ man Kinder die wildesten, die extravagantesten Dinge malen, auf den Bänken zwölfjähriger Mädchen lagen Hegels Werke und Sorel (den ich damals selbst noch nicht kannte), Kutscher, die noch nicht recht lesen konnten, hielten Bücher in der Hand, nur weil es Bücher waren und Bücher ›Bildung‹ bedeuteten, also Ehre, Pflicht des neuen Proletariats. Ach, wie oft mußten wir lächeln, wenn man uns mittlere Fabriken zeigte und ein Staunen erwartete, als ob wir derlei noch nie in Europa und Amerika gesehen; »elektrisch«, sagte mir ganz stolz ein Arbeiter, auf eine Nähmaschine deutend, und blickte mich erwartungsvoll an, ich sollte in Bewunderung ausbrechen. Weil das Volk all diese technischen Dinge zum erstenmal sah, glaubte es demütig, die Revolution und Väterchen Lenin und Trotzkij hätten dies alles erdacht und erfunden. So lächelte man in Bewunderung und bewunderte, während man sich heimlich amüsierte; welch ein wunderbares begabtes und gütiges großes Kind, dieses Rußland, dachte man immer und fragte sich: wird es wirklich die ungeheure Lektion so rasch lernen, wie es sich vorgenommen? [...] In der einen Stunde hatte man Zuversicht, in der andern Mißtrauen. Je mehr ich sah, desto weniger wurde ich mir klar. [...]

Vierzehn Tage war ich in Rußland gewesen, und noch immer empfand ich diese innerliche Gespanntheit, diesen Nebel leichter geistiger Berauschtheit. Was war es eigentlich, das einen so erregte? Bald erkannte ich's: es waren die Menschen und die impulsive Herzlichkeit, die von ihnen ausströmte. Alle vom ersten bis zum letzten waren überzeugt, daß sie an einer ungeheuren Sache beteiligt waren, welche die ganze Menschheit betraf, alle davon durchdrungen, daß, was sie an Entbehrungen und Einschränkungen auf sich nehmen mußten, um einer höheren Mission willen geschah. Das alte Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Europa war umgeschlagen in einen trunkenen Stolz, vorauszusein, allen voraus. ›Ex Oriente lux‹ von ihnen kam das Heil; so meinten sie ehrlich und redlich, ›Die‹ Wahrheit, sie hatten sie erkannt; ihnen war gegeben, zu erfüllen, was die andern nur träumten. Wenn sie das Nichtigste einem zeigten, so strahlten ihre Augen: »Das haben wir gemacht.« Und dieses ›Wir‹ ging durch das ganze Volk. [...] Gerade das Stumme und doch Impulsive der Herzlichkeit war überwältigend, und es war eine bei uns unbekannte Breite und Wärme der Wirkung, die man hier sinnlich fühlte denn bei uns erreichte man doch niemals das ›Volk‹ –, eine gefährliche Verführung wurde jedes Beisammensein mit diesen Menschen, der manche der ausländischen Schriftsteller auch tatsächlich bei ihren Besuchen in Rußland erlegen sind. Weil sie sich gefeiert sahen wie nie und von der wirklichen Masse geliebt, glaubten sie das Regime rühmen zu müssen, unter dem man sie so las und liebte; es liegt ja in der menschlichen Natur, Generosität mit Generosität, Überschwang mit Überschwang zu erwidern. Ich muß gestehen, daß ich selbst in manchen Augenblicken in Rußland nahe daran war, hymnisch zu werden und mich an der Begeisterung zu begeistern.
Daß ich diesem zauberischen Rausch nicht anheimfiel, danke ich nicht so sehr eigener innerer Kraft als einem Unbekannten, dessen Namen ich nicht weiß und nie erfahren werde. Es war nach einer Festlichkeit bei Studenten. Sie hatten mich umringt, umarmt und mir die Hände geschüttelt. Mir war noch ganz warm von ihrem Enthusiasmus, ich sah voll Freude ihre belebten Gesichter. Vier, fünf begleiteten mich nach Hause, ein ganzer Trupp, wobei die mir zugeteilte Dolmetscherin, ebenfalls eine Studentin, mir alles übersetzte. Erst wie ich die Zimmertür im Hotel hinter mir geschlossen hatte, war ich wirklich allein, allein eigentlich zum erstenmal seit zwölf Tagen, denn immer war man begleitet, immer umhütet, von warmen Wellen getragen. Ich begann mich auszuziehen und legte meinen Rock ab. Dabei spürte ich etwas knistern. Ich griff in die Tasche. Es war ein Brief. Ein Brief in französischer Sprache, aber ein Brief, der mir nicht durch die Post zugekommen war, ein Brief, den irgend jemand bei einer dieser Umarmungen oder Umdrängungen mir geschickt in die Tasche geschoben haben mußte.
Es war ein Brief ohne Unterschrift, ein sehr kluger, ein menschlicher Brief, nicht zwar der eines ›Weißen‹, aber doch voll Erbitterung gegen die immer steigende Einschränkung der Freiheit in den letzten Jahren. »Glauben Sie nicht alles«, schrieb mir dieser Unbekannte, »was man Ihnen sagt. Vergessen Sie nicht, bei allem, was man Ihnen zeigt, daß man Ihnen auch vieles nicht zeigt. Erinnern Sie sich, daß die Menschen, die mit Ihnen sprechen, meistens nicht das sagen, was sie Ihnen sagen wollen, sondern nur, was sie Ihnen sagen dürfen. Wir sind alle überwacht und Sie selbst nicht minder. Ihre Dolmetscherin meldet jedes Wort. Ihr Telephon ist abgehört, jeder Schritt kontrolliert. « Er gab mir eine Reihe von Beispielen und Einzelheiten, die zu überprüfen ich nicht imstande war. Aber ich verbrannte diesen Brief gemäß seiner Weisung – »Zerreißen Sie ihn nicht bloß, denn man würde die einzelnen Stücke aus Ihrem Papierkorb holen und zusammensetzen« – und begann zum erstenmal alles zu überdenken. War es nicht wirklich Tatsache, daß ich inmitten dieser ehrlichen Herzlichkeit, dieser wunderbaren Kameradschaftlichkeit eigentlich nicht ein einziges Mal Gelegenheit gehabt hatte unbefangen mit jemandem unter vier Augen zu sprechen? Meine Unkenntnis der Sprache hatte mich verhindert, mit den Leuten aus dem Volke rechte Fühlung zu nehmen. Und dann: ein wie winziges Stück des unübersehbaren Reiches hatte ich in diesen vierzehn Tagen gesehen! Wenn ich ehrlich gegen mich und gegen andere sein wollte, mußte ich zugeben, daß mein Eindruck, so erregend, so beschwingend er in manchen Einzelheiten gewesen, doch keine objektive Gültigkeit haben konnte. So kam es, daß, während fast alle anderen europäischen Schriftsteller, die von Rußland zurückkamen, sofort ein Buch veröffentlichten mit begeistertem Ja oder erbittertem Nein, ich nichts als ein paar Aufsätze schrieb. Und ich habe mit dieser Zurückhaltung gut getan, denn schon nach drei Monaten war vieles anders, als ich es gesehen, und nach einem Jahr wäre dank der rapiden Wandlungen jedes Wort schon von den Tatsachen Lügen gestraft worden. Immerhin habe ich das Strömende unserer Zeit in Rußland so stark gefühlt wie selten in meinem Leben.

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Sonnenuntergang

06 Januar 2013

Russland als Vielvölkerreich


Andreas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. C.H.Beck Verlag Copyright 1992

Reich von Novgorod/Reich von Moskau: die Ureinwohner werden "sprachlich und religiös assimiliert, und sie verschwinden im 14. Jahrhundert aus den Quellen". (Seite 21)
Expansion: Sammlung der Rus, Sammlung der Länder der Goldenen Horde
In der Zeit der Herrschaft der Goldenen Horde Symbiose zwischen der Ruß und Kind hat Haaren (Seite 26)
"Regeln der Steppe": Forderung von Tribut und Einsetzen von Herrschern, aber nicht Eingliederung in ein anderes Territorium. (Goldene Horde / Mongolen)
Patrimoniales Prinzip (Großfürstentum Moskau) Eingliederung ins Territorium und Vererbung.
Daher wurde von dem Zaren im 19. Jahrhundert als Verrat interpretiert, was von den Vertretern der Steppe nur als wechseln der Koalition gesehen wurde (Seite 28)
Zur Zeit Iwans IV. wurden beide Prinzipien noch abwechselnd verwendet. Die Kirche drängte auf Annexion und religiösen Anschluss . Iwan gab sich mit Rücksicht auf Aufstände hin mit einer lockeren Formen der Unterwerfung zufrieden. (Seite 31 bis 32)
Nach der Eroberung des Khanats von Kazan: "Die tatarisch-muslimische landbesitzende Elite wurde in den erblichen Adel Russlands kooptiert, während die meisten Vertreter der animistischen Oberschichten sich zwar als "Dienstleute" von der Masse der Lastenpflichtigen abhoben, die Gleichberechtigung mit dem russischen Abel aber nicht erreichten. Damit zeichnete sich ein auch in Zukunft gültiges Muster ab: Wo die nichtrussische Oberschicht eine dem russischen Adel vergleichbare Stellung hatte, wurde sie als ebenbürtig anerkannt, wo dies nicht der Fall war, indem etwa Sippen- und Stammesbeziehungen vorherrschten, kam es zwar zur Kooperation mit der nichtrussischen Elite, nicht aber zu ihrer Kooptation in den Adel des Reiches. " (Seite 33)
Die Eroberung und Erschliessung Sibiriens, ein Vorgang von welthistori­scher Bedeutung, begann mit privater Initiative der Unternehmerfamilie Stroganov, die seit Ende des 15. Jahrhunderts "ein vorwiegend auf Salzgewinnung und Pelzhandel basierendes halbautonomes Wirtschaftsgebiet aufgebaut hatten". (Seite 38) Dann zog der Staat nach. "Dieses Wechselspiel von privater und staatlich-militärischer Initiative sollte für die Eroberung ganz Sibir Jans typisch bleiben." (Seite 38)
"1639 standen die ersten russischen Truppen am Pazifik, wo 1648 der Hafen Ochotsk begründet wurde." (Seite 39)

13 Dezember 2009

Meine Freundin Tamara

Er ist Kriegsgefangener, doch beim Einholen des Heus darf er bei einer russischen Familie übernachten. Freundlich ist die Begrüßung, es gibt Kapustasuppe, Speck und das dunkle russische Brot.
Rasch freundet sich die Tochter des (Holz)hauses mit ihm an. Der Großvater mit Erinnerungen an seine Amerikafahrt 1910, wo er über Bremen kam, erinnert sich jetzt noch an die Kirchen und den Roland und hilft bei der Verständigung zwischen Enkelin und Gast aus. Der Vater, Tischler, "sah allerdings das freundschaftliche Verhältnis nicht gern".
Dann der schwere Abschied. "Als ich mich an der Biegung des Weges noch einmal im Sattel umdrehte und winkte, sah ich Tamara einsam am Gartenzaun stehen. Ihr rotes Kopftuch leuchtete in der Wintersonne."
Diese kurze Erzählung von Friedrich Rudolf Hohberg erinnert in manchem an Hartungs "Ich denke oft an Piroschka". Genauso wie dort bringt die Tochter dem Besucher große Herzlichkeit entgegen, ist recht die "Unschuld vom Lande". Freilich, Tamara ist vier Jahre alt.
Die Erzählung habe ich - zusammen mit anderen eindrucksvollen Texten aus russischer Kriegsgefangenschaft - in dem Band "Und bringen ihre Garben", Stuttgart 1956, herausgegeben von H. Gollwitzer, J. Krahe und K. Rauch gefunden.

03 September 2008

Russlandfeldzug

Der Bericht über den Russlandfeldzug von 1812/13, aus dem auf diesem Blog wiederholt zitiert wurde, liegt jetzt als digitalisiertes Originalmanuskript bei Wikisource vor. Dort entsteht auch eine Edition des Textes, deren Wortlaut bei Abweichungen in jedem Fall der hier vorliegenden Fassung vorzuziehen ist.

Nachtrag von 2013:
Eine vergleichbare Quelle liegt seit November 2008 mit dem Tagebuch Ernst von Baumbachs zum Russlandfeldzug vor.

29 April 2008

Preußische Reformen

Eher "bescheidene Leistungen (S.393) sieht der australische Historiker, wenn er den Ruhm der Reformer im 19. Jahrhundert mir ihren Ergebnissen vergleicht. Im Grunde sei ihnen vor allem wirtschaftliche Deregulierung (S.395/6) gelungen, während bei dem Aufbau von Verfassungsstaaten die Süddeutschen weit erfolgreicher gewesen seien. Dennoch weiß er die Überwindung von Schwierigkeiten und insbesondere auch die Reform des Bildungswesens durch W. v. Humboldt zu schätzen. Den deutschen Zollverein sieht er nicht als wichtige Stufe zu einer wirtschaftlichen Vormachtstellung Preußens, ja er schreibt ihm nicht einmal einen wichtigen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung Preußens zu. Aber die preußischen Politiker hätten bei seiner Vorbereitung gelernt, in deutschen Kategorien zu denken und hätten die "moralische Autorität" Berlins gestärkt (S.454). Preußen habe schon deshalb keine energische Großmachtpolitik betreiben können, weil es nach den Erfahrungen von 1807 und 1812/13 ängstlich bemüht gewesen sei, kein Missfallen Russlands auszulösen.
(Clark: Preußen)

04 April 2007

An der Grenze

Warten. Es wird kontrolliert. Nicht der eigene Bus, der davor. Stunden. Ein schwarzer Wagen. Darin eine Frau, die auf den Mann schließen lässt, der dazu gehört. So schön und gelangweilt, dass er sehr reich sein muss. Keine Chance, mitgenommen zu werden.

17 März 2007

Napoleons Weg

"Ich ging Napoleons Weg, und wie zu seiner Zeit gab es keine Straßenschilder ..."
Büscher zählt Berge und Flüsse. Nicht sieben Berge, sondern acht. Auf dem Wege nach Kardimowo.

16 März 2007

Osten

Für alle ist Osten das Schlechtere. Die Brandenburger sehen ihn in Polen anfangen, die Westpolen hinter Warschau, die Ostpolen in Weißrussland. Nur Moskau. "Moskau ist wieder Westen."

11 März 2007

Vitebsk

Endlich wieder Fernsehen. Ein Hochhaus in Rauch. Männer schauen es sich an. Frauen gehen weiter. Es ist der 11. September.

28 Februar 2007

Smolensk

"Auch ich nahm teil an dem Sieg über Smolensk. Es war gar trefflich anzusehen, wie unsere Kanonen dem Feinde zusetzten und die Reiterei die Kosaken in die Flucht trieb. Am Abend nach der Schlacht ritt unser Kaiser über die Stätte ..."
(Arno Surminski: Vaterland ohne Väter, S.105)

"Gerade sind die Sondermeldungen vom Sieg bei Smolensk durchs Radio gekommen. ...
Gestern marschierten wir an einem Heer von Gefangenen vorbei, Menschenmassen bis zum Horizont. Unser Leutnant sagt, die kämen nach Deutschland, um die Zerstörungen in den Städten aufzuräumen. So wäscht eine Hand die andere: Die Engländer zerstören die Städte, die Russen bauen sie wieder auf."
(Arno Surminski: Vaterland ohne Väter, S.103)

In Smolensk sitzt Büscher bei "Görings Hirsch". Den hatten die Sieger aus Deutschland mitgebracht und am Rande des Glinkaparks aufgestellt. Die Stadtjugend sitzt hier beim Bier. Von Michail Glinkas Standbild klingt seine Nationalhymne herüber.

(Bei Büscher heißt es "Michail Glinkas Sowjethymne". Vermutlich ist er dabei aber einem Irrtum erlegen. Welchem ist freilich nicht eindeutig klar. Von Glinka stammt das Patriotische Lied, das von 1990 bis 2000 Nationalhymne war. Im Jahr 2001, als Büscher in Smolensk war, war auf Putins Geheiß wieder die Hymne der Sowjetunion eingeführt worden. Freilich mit neuem Text. Dieser stammt freilich wie der der alten sowjetischen Hymne von 1944 auch von Sergei Michalkow.)
(Büscher: Berlin - Moskau)

19 Februar 2007

Müdes Land

"Unser armes Heimatland, lauter Wälder, Sumpf und Sand ..." so übersetzt Büscher das Gedicht von Jakob Kolas (von 1906).
Belarus, Weißrussland, ein Teil unter polnischer Herrschaft, ein Teil unter russischer, dann alles unter sowjetischer, nun Lukaschenka und seinen Milizionären ausgeliefert.
Die Sprache kommt weit langsamer und deshalb dem Ausländer verständlicher daher als das Russische. Der Fußwanderer hat bald nur zu viel Verständnis dafür, dass man hier leicht resignieren kann. Wo ist die Perspektive?
Freilich Novogrudok und Shodino ...

Lieben

Die Liebe des russischen Partisanen wurde von seinen Gefährten getötet, weil ihr Vater Nachrichten über die Partisanen an die Deutschen weitergab.
Die Liebe des deutschen Hauptmanns ist eine Jüdin, die er zu den Partisanen rettet, und die in Rostow mit einem jüdischen Offizier der Roten Armee weiterlebt, nachdem in Moskau ein Auto ihren Retter in ein Kriegsgefangenenlager abgeholt hat. Typhus wurde als seine Todesursache mitgeteilt.
Die Liebe des deutschen Oberst war die polnische Gräfin.

Der sibirische Yogi

Er hat heilende Hände. Es liegt in der Familie. Eigentlich eher in seinem Volk. Er ist Assyrier. (Oder seiner religiösen Tradition, die oft pauschal als nestorianische von Rom und Byzanz abgegrenzt wird.) Von Stalin deportiert. Er schlägt Büscher mit Wermutbesen. Noch Tage später glaubt Büscher, dass nichts mehr seinen Wandererfüßen anhaben kann.

Tschernobyl

7. Und der erste Engel blies, und es ward Hagel und Feuer, mit Blut vermischt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte.
8. Und der zweite Engel blies, und es stürzte sich wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer, und der dritte Teil des Meeres ward Blut.
9. Und der dritte Teil der Geschöpfe im Meer, welche Seelen hatten, starb, und der dritte Teil der Schiffe ging zugrunde.
10. Und der dritte Engel blies, und es fiel vom Himmel ein großer Stern, der wie eine Fackel brannte, und fiel auf den dritten Teil der Flüsse und auf die Wasserquellen.
11. Und der Name des Sternes heißt Wermut; und der dritte Teil der Wasser ward Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren.
(Offenbarung des Johannes, 8. Kapitel)
Tschornobyl oder Tschornobylnyk (Чорнобиль, Чорнобильник) bedeutet in der ukrainischen Sprache "Beifuß", lateinisch Artemisia vulgaris. Der „Wermut“ gehört zur gleichen Pflanzengattung und heißt auf lateinisch Artemisia absinthium.

Als Büscher auf seinem Fußmarsch von Berlin nach Moskau nach Minsk kommt, macht er mit einem "Liquidator" einen Abstecher in die atomverseuchte weißrussische Zone . Dort weist man ihn im Museum auf die Stelle in der Offenbarung und auf die Namensbeziehung zwischen Beifuß (Чорнобильник) und Tschornobyl hin.