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15 September 2017

Johnson: Jahrestage 10. September

10. September, 1967    Sonntag
Die Landwirtschaft braucht Steuererleichterungen! Überhaupt muß der Fiskus die Abgaben in Naturalien annehmen! Das Tarifrecht muß geändert werden! Der Staat soll lieber was gegen die Zwischenhandelsspannen tun! Wenn Berlin wenigstens die Einfuhren drosseln würde!
So: klagte Papenbrock senior: könne der Mecklenburgischen Ritterschaft vielleicht noch einmal über das Jahr 1931 geholfen werden! Der Alte schrie nicht einmal, vertuschte auch nicht sein Asthma in den Pausen, zu denen die Zigarre ihn zwang, lag schlaff bei halbgeschlossenen Augen, gegen sein Sesselpolster in den schiefen rötlichen Sonnenstrahlen, die seine Kontorfenster blind machten. Er wollte nur Zeit gewinnen gegen seinen Besucher, einen Menschen namens Cresspahl, der ihn auf dem Briefpapier des Lübecker Hofs um eine Unterredung angegangen war. Der Besucher gab sich zudem, als läge ihm ernstlich an den Sorgen des ostelbischen Adels.
– Die Steuerschulden der Herrschaften, die sind wohl zum Tapezieren: sagte Cresspahl ernst, im selben förmlichen Platt, gehörig steif auf dem Besuchssofa, den Blick auf Papenbrocks abendlich spiegelnder Glatze haltend. Der Vater der Braut erkannte beim besten Zwinkern nichts Unehrerbietiges.
Papenbrock wußte gegen den Mann nichts zu tun. Der Mann war kräftig, nicht verspeckt, nicht kleinzureden. Der Mann konnte sich das Zimmer im Lübecker Hof schon acht Tage leisten. In dem Telegramm, das er aus England bekommen hatte, war von Aufträgen die Rede, wenngleich Frieda Klütz, Telegrafistin von Jerichow, nicht imstande gewesen war, für Papenbrock eine genaue Übersetzung dieser Geschäfte anzufertigen. Die Tochter erzählte von dreitausend Pfund auf einem Konto bei der Surrey Bank of Richmond, und Papenbrock hatte sein verächtliches Pusten versteckt, denn er hielt was vom Baren. Der Mann hatte darauf verzichtet, dem künftigen Schwiegervater mit einem Konto in Jerichow zu imponieren, der hatte aus dem deutschen Bankenkrach vom Juli gelernt. Der Mann hatte gedient, den hatten Papenbrocks Kameraden an der Russenfront zum Unteroffizier gemacht. Der Mann war Mecklenburger. Aber Papenbrock konnte sich nicht zu dem Mann entschließen.
– Wenn Sie als ein geriebener Kaufmann für das Programm der Ritterschaft eintreten …: sagte Cresspahl auffordernd und nahm die Schultern ein wenig vor, als sei er neugierig auf Papenbrocks Absprachen in den Ministerien von Mecklenburg-Schwerin.
Papenbrock zögerte noch, diesem Cresspahl seine Freunde zu offenbaren. Der kam aus einer Gegend im Sudösten, in der Papenbrock einmal eine Gutspachtung verloren hatte. Dieser Cresspahl hatte womöglich im warener Rathaus hinter einem Schreibtisch gesessen, als Papenbrock seine Gewehre an eine Arbeiterkontrolle herausrücken mußte. Dieser Cresspahl hatte inzwischen zehn Jahre außer Landes gelebt, in den Niederlanden, in England, bei den Gewinnern des Krieges, und selbst der Hauptmann a. D. Papenbrock konnte einen solchen Schwiegersohn nicht leicht beim Stahlhelm annehmlich machen. Der Mensch benahm sich nicht einmal, als hätte Papenbrock vor wenig Jahren sein Vorgesetzter sein können. Dieser Mann, so bürgerlich ihm seine Sparsamkeit in den Geschäften Jerichows anzurechnen war, er saß doch bei Peter Wulff in der Hinterstube, über die Polizeistunde hinaus, und redete mit Leuten, die mit Fahrrädern aus Wismar kamen und von denen nicht einmal der Landjäger wußte, wo sie über Nacht abblieben. [...]
(10.9.1967)

01 Mai 2011

Verkehrstechnische Entwicklung in Mecklenburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Mehr als fünfundvierzig Jahre sind an den räucherigen Dächern meiner kleinen Vaterstadt hingerollt, seit ich die ersten deutlichen Eindrücke von der Erhabenheit seines Kirchthurmes, der Großartigkeit seines Rathhauses und der Majestät seines Amtsgebäudes gewöhnlich ‘das Schloß’ genannt, empfing. Drei neue Straßen haben seit jener Zeit die Gestalt der Stadt so verändert, daß ich mich mit Mühe darin zurecht finde, und ausnahmsweise kühne Männer haben den Schutz des zur Sommerzeit etwas übelriechenden Wallgrabens verschmäht und sich vor den Thoren angesiedelt, jeder Gefahr keck die Stirn bietend, die innerhalb der Ringmauern der Stadt der Polizeidiener und die Nachtwächter zu verscheuchen verpflichtet sind. Die Priesterkoppel, wo ich durch meinen Papierdrachen Correspondenz mit den Wolken pflog, ist jetzt mit einem Häusermeer bedeckt; [...] und wo wir Knaben früher im idyllischen Spiel mit den Kälbern, Lämmern und Füllen des alten Nahmacher umhersprangen, wird von den gebildeten Töchtern der haute volée jetzt Polka-Masurka eingeübt. Die Straßen sind auf’s Beste gepflastert, und von den Thoren der Stadt aus gehen directe Chausseen nach Hamburg, Paris, Berlin und St. Petersburg. [...] Posten [Postkutschen] und Extra-Posten gehen unablässig, richtige Zeit haltend, hin und her durch die Straßen; Equipagen mit und ohne Kammerjungfern [...] halten vor einer Unzahl von Gasthöfen. Die vorzugsweise ‘Reisende’ genannte Nation, mit dem herrschenden Stamm der Weinreisenden an der Spitze, ist völkerwandernd und völkerbeglückend über die Stadt ausgegossen und sucht die Segnungen einer im steten steigen begriffenen Civilisation über die inwohnenden Schuster und Schneider zu verbreiten. Die sie selbst haben in aller Stille den jeden National-Ökonomen erschreckenden Beweis geliefert, daß trotz aller hemmenden Heimathsgesetze und Zuzugshinderungen eine Bevölkerung von 1200 Einwohnern in vierzig Jahren im Stande ist, sich durch Kraft und Ausdauer auf 2500 zu bringen.


Wie ganz anders war es in meinen Kinderjahren. Ungefähr monatlich einmal zog kothbespritzt ein einsamer Probenreiter [Vertreter mit Musterkoffer] auf buglahmem Gaule in die Thore der Stadt ein, und erkundigte sich in ergötzlichem, ausländischem Dialekte bei einem Straßenjungen, etwa bei mir, nach dem einzigen Gasthofe des Städtchens. Unter uns Rangen entspann sich dann ein lebhafter. Streit, wer den Fremden zu Toll’s, später Schmidt, später Beutel, später Kämpfer, später Kossel, später Holz, jetzt Clasen, geleiten sollte, bis wir uns zuletzt denn darüber vereinigten, ihm sämmtlich das Comitat zu geben, dem sich dann noch einige ältere Personen anschlossen und darüber debattirten, ob dies derselbe sei, der vor einem Jahre, oder vor drei Jahren die Stadt beglückt habe. Kein Kellner empfing den Unglücklichen – dies Geschlecht war damals noch nicht geboren - er war gezwungen, sein Rößlein selbst in den Stall zu führen; seiner selbst wartete in den Räumen des Hotels von allen Erquickungen, welche der Scharfsinn der Menschen seit dieser Zeit erfunden hat – nur holländischer Käse.
Posten kamen damals auch, und zeichneten sich durch die Zufälligkeit ihrer Ankunft aus. Zur Herbst-, Frühjahrs- oder Winterzeit namentlich kam gewöhnlich der Postillon auf einem Vorderpferde voraufgesprengt und brachte die tröstliche Nachricht, die Post würde bald kommen, sie wäre schon beim Bremsenkrug; "aewer dor is Sei tau Senk drewen", war dann der erfreuliche Nachsatz, welcher dann eine gründliche Nach- und Ausgrabung zur Folge hatte. Endlich kam dann ein hellblau angestrichener, durch Ketten und Eisenstangen auf’s Mannigfalltigste versicherter, mit acht Pferden bespannter offener Kartoffelkasten in die Stadt hinein gerumpelt, auf dessen quer über die Leiterbäume gelegten Bänken eine Anzahl halb ‘verklamter’ Unglücklichen, wie Schafe zur Schlachtbank, zum Posthause gefahren wurden, wo dann eine Sonderung zwischen den Schafen und den Böcken ["blinde" Passagiere, die nichts bezahlt hatten] eintrat. Die Böcke blieben vor der Thür, die Schafe gingen in’s Posthaus, und wurden dort von dem Postschreiber, der in einer Art Vogelbauer saß, welches er sein Comtoir zu nennen beliebte, den Vexationen [Qualen] unterworfen, von denen die Böcke befreit blieben. Die Naivetät, die sich in dieser Staatseinrichtung aussprach, ging soweit, daß, als der Postschreiber seine postalischen Bemerkungen irrthümlich auf einen vor der Thür stehenden Bock ausdehnen wollte, ihm derselbe trocken zur Antwort gab: "Sei hewwen mi nicks tau seggen, ick bün en Buck."

Wo jetzt in starrer, trockner Regelmäßigkeit die Chausseen sich hinziehen und das Auge blenden und ermüden, wo lange Reihen langweilig congruenter Pappeln den Wanderer gleichsam zum ewigen Spießruthenlaufen verdammen, wand sich damals der Weg in lieblich mäandrischer Krümmung durch pittoreske Alleen gekröpfter Weiden dahin und bot dem Auge in Gestalt von Pfützen und knietiefen Geleisen die Mannigfaltigkeit von Berg und Thal und See. Den etwa Strauchelnden nahm die liebende Mutter Erde in ihrem weichen Schoße auf, und entließ ihn nur mit einem Andenken an sich.

Leider war mit diesen malerischen Ergötzlichkeiten eine gewisse Unbequemlichkeit des Reisens verbunden, die uns während der Wintermonate außer Verkehr mit der Welt versetzte, und nur entschiedenen Wagehälsen erlaubte, die heimathlichen Thore zu verlassen. Ich entsinne mich noch, daß ein Kaufmann unserer Stadt, der vielleicht überseeischen Handel betreiben mochte, sich bestimmt aber durch sehr gewagte Speculationen in Feuerschwamm, Lorbeerblättern und Korinthen vor feinen Gewerbsgenossen auszeichnete, tags vor seiner Abreise nach Hamburg im blauen Leibrock mit blanken Knöpfen und wildledernen Handschuhen – das Glacé war noch nicht erfunden – in der Stadt, Haus bei Haus, auf Leben und Sterben Abschiedsvisiten machte. Wie er nach der Kirche, in der er das heilige Abendmahl genommen, auch zu uns kam, allen die Hand reichte und in tiefer Rührung das Haus verließ. Ich sehe meine Tante Christiane noch, wie sie ihm mit vorgerecktem Halse nachsah, bis die sturmbewegten Schöße seines neuen Leibrocks hinter der Apothekerecke verschwanden; ich höre sie noch in die Worte ausbrechen: "Ne! Wat is ‘t’ för ein Minsch!" Der Mann kam nicht wieder. Dunkle Gerüchte von, zu Schadenkommen’ und ‘Halsbrechen’, und dann wieder von einer verfehlten Lorbeerblätterspeculation und demnächstiger Abreise nach Batavia, kamen uns freilich zu Ohren. Gewißheit ward uns aber nicht zu Theil, und selbst den aufklärenden Talenten der Polizei ist es nie gelungen, das obwaltende Dunkel zu enthüllen.

Die mannigfachen Verkehrshinderungen, die aus dem Schlamme lehmiger Vicinal-Wege [ländliche "Nachbarschafts"wege] emporwuchsen, wurden von einer unverwöhnten Bevölkerung mit stoischem Gleichmuthe als unvermeidliche Erdenübel hingenommen, und nur dann, wenn die trocknenden Frühlingswinde und die warme Junisonne die Hauptschlachten gegen die Einflüsse des Winters geschlagen hatten, rüstete sich die Besatzung eines Chaisewagens, die den vielversprechenden und wohlklingenden Namen einer Wege-Besichtigungs-Commission führte, als fliegendes Corps die Niederlage des nordischen Herrschers zu vervollständigen und seine Spur von der Erde zu vertilgen. So ein Sommerfeldzug hatte seine behaglichen Seiten. Das Terrain war bekannt, die Etappenörter nicht zu weit belegen, das Land mit allem reichlich versehen, und klüglich wußte man es so einzurichten, daß man zum Frühstück bei Pächter X. eintraf, dessen Frau als Verfasserin der besten Schinken bekannt war, zum Mtttag beim Pächter Y., der schon vorläufig den Tod eines fetten Kalbes annoncirt hatte, und zu Abend beim Gutsbesitzer Z., der noch neulich durch die Größe seiner Karauschen eine Wette gewonnen hatte.

Die Geschäfte der Commission waren angenehmer Natur; man sah von der Höhe des Chaisewagens auf die verharrschten Wunden der Wege hinab, man freute sich darüber, daß nun alles wieder so schön in Ordnung sei, und stieß man einmal zufällig auf eine auffallend tiefe Narbe, so überließ man sich dem wohlthuenden Gefühle, welches wir empfinden, wenn es draußen stürmt und regnet, und wir am warmen Ofen sitzen; man freuete sich, daß man nicht während des Winters in diesem schrecklichen Loche sitzen geblieben sei, und verordnete Schönpflästerchen für die widerwärtige Narbe, deren Applicirung in Gestalt von Wegebesserungen den einzelnen Gutsinhabern zur Pflicht gemacht wurde. Dadurch kam denn nun eine neue Noth über unsere kleine Welt. Zehn bis zwölf Tagelöhner wurden zu einer Zeit, in der sonst nichts Nützliches, etwa des vielen Regens wegen, gethan werden konnte, unter Anleitung eines Wirthschafters, der noch sehr in den Anfangsgründen des Nivellirungs-Systems steckte, längs des Weges in die Gräben gestellt und angewiesen, Koth, Schlamm und Rasen ja mitten in den unseligen Weg zu werfen; in die vorzugsweise halsbrechenden Stellen wurden abgesammelte Feldsteine und Bauschutt gestürzt, und ‘Knüppeldämme’ wurden angelegt, Besserungsanstalten für sonst unverbesserliche Idealisten, nutzanwendungsreiche Predigten über die Hinfälligkeit der menschlichen Natur und Kasteiungen des Fleisches, die in tiefgehender Wirkung alles übertrafen, was La Trappe jemals ersonnen hat. Ein gebesserter Weg war der Schrecken der Umgegend, und ich entsinne mich noch, wie ein wohlmeinender Pächter einmal zu meinem Vater sagte: "Führen S’ den annern Weg; jo nich desen! desen hewwen wi betert." (Reuter: Meine Vaterstadt Stavenhagen, S.114-119)

20 März 2011

Mecklenburg während der Zeit der französischen Besetzung 1806-1813

Äwer as achteihnhunnertunsöß Mürat un Bernadott un Dawuh achter den ollen Blücherten herjagten un hei ehr bi Speck un Wohren de Tähn wis'te, as von Berlin dat saubere Stichwurd utgahn was: »Ruhe ist die erste Bürgerpflicht«, dunn gung dat ruhiger her as tau dese Tid; dunn was blot von Befehl un Gehursam de Red'. Dunn plünnerten un brandschatzten de Herrn Franzosen nah Hartenslust, un dat Volk dukerte sick un schow sick ein achter den annern, un de richtige Nidertracht gaww sick allentwegent kund, denn ein jeder dachte an sick un sin Habseligkeiten, un Meister Kähler in Malchow säd tau sin Fru un Kinner: » Ick möt mi redden, an jug is nicks gelegen; ji bliwwt hir, wenn de Franzosen kamen«, un lep in't Ellerbrauk un kröp in't Ruhr. – Ful un anrüchig was allens von baben bet unnen.


De Tiden süllen sick ännern. De Not lihrt beden; äwer sei lihrt ok sick wehren. Schill brok los un de Herzog von Brunswick; in ganz Nedderdütschland würd't späuken; keiner wüßt, woher't kamm; keiner wüßt, wohen't führen süll. Schill treckte dwars dörch Meckelborg nah Stralsund. Up Befehl von Boneparten müßten em de Meckelbörger den Paß bi Damgoren un Tribsees verleggen; sei kregen Släg', denn sei slogen sick hundsvöttsch slicht. Ein Schillsche Husor namm 'ne ganze Kapperalschaft lange meckelbörgsche Granedier gefangen. »Kinner«, röp hei ehr tau, »sid ji all gefangen?« – »Ne«, säd de brave Kapperal, »uns hett nüms wat seggt.« – »Na, denn kamt man mit!« – Un sei gungen mit. – Was dat Feigheit? Was dat Furcht? Wer uns' Landslüd' achteinhunnertdrütteihn un -virteihn seihn hett, wer wat von't strelitzsche Husoren-Regiment hürt hett, urtelt anners. Wenn ein Stamm in Dütschland dat Tüg dortau hett, up en Slachtfeld tau stahn, dann hett't de Meckelbörger. – Ne, dat was kein Feigheit – dat was de Unwill, gegen dat tau striden, wat sei sülwst in den deipsten Harten drogen un wünschten. Dat späukte in Meckelborg; un as't in Preußen losbrok, was Meckelborg dat irste Land in Dütschland, wat folgen ded. So is't west, un so möt't ok bliwen.

Un de Tiden wiren anners worden. Uns' Herrgott hadd den Franzosen in den rußschen Winter de goldschinige Snakenhut afströpt. Hei, de süs as Herr rümme pucht hadd, kamm as Snurrer un Pracher taurügg un wendt sick an't dütsche Erbarmen, un dit schöne dütsche Gottsgeschenk kreg de Äwerhand äwer den grimmigen Haß. Keiner wull de Hand upböhren gegen den Mann, de von Gott slagen was, dat Mitled let vergeten, wat hei verschuldt hadd. Knapp hadd sick äwer de verklamte Snak wedder verdort in dat warme dütsche Bedd, as sei ok den Stachel wedder wisen würd, un de Schinneri süll wedder losgahn; äwer dat Späuk in Nedderdütschland was taum Schatten worden, un de Schatten kreg Fleisch un Bein un kreg en Namen, un de Namen würd lud up de Strat raupen: »Upstand gegen den Minschenslachter!« – Dat was dat Feldgeschri. Äwer dat Feldgeschri was kein Dagsgeschri. Nich en Hümpel unbedarwte junge Lüd', nich de Janhagel up de Strat fung dormit an, ne, de Besten un Vernünftigsten treden tausam, nich tau 'ne Verswörung mit Metz un Gift, ne, tau 'ne Verbräuderung mit Wehr un Wurd gegen andahne Gewalt; de Ollen redten dat Wurd, un de Jungen schafften de Wehr. Nich up apne Strat bluckte de irste Flamm tau Höcht; wi Nedderdütschen liden kein Füer up de Strat; ne, ein jeder stickte dat still in sinen Hus' an, un de Nahwer kamm taum Nahwer un warmte sick an sine Glaut. Nich as en Füer von Dannenholt un Stroh, wat tauletzt blot en Hümpel Asch äwrig lett, steg de Läuchen taum Hewen, ne, wi Nedderdütschen sünd en hart Holt, wat langsam Füer fangt, äwer denn ok Hitt giwwt. Un tau de dunnmalige Tid was ganz Nedderdütschland en groten Kahlenmiler, de in sick swälte un gläuhte, heimlich un still, bet de Kahlen gor wiren; un as sei fri wiren von Rok un Flackerflammen, dunn smeten wi uns' Isen in de Kahlenglaut un smäd'ten uns' Waff un Wehr dorin, un de Haß gegen den Franzosen was de Slipstein, de makte sei scharp, un wat dunn kamm, weit jedes Kind up de Strat, un süll't dat nich weiten, denn is't dütsche Mannspflicht för sinen Vader, em dat so intauremsen, dat hei't sindag' nich vergett.

Ok in unsre Gegend swälte un smökte de Kahlenmiler, un de Franzosen röken't in de Luft; sei fäuhlten bi jeden Schritt un Tritt, dat de Bodden, up den sei marschierten, unner sei bäwern ded as 'ne Ruhrplag: sei müßten erfohren, dat de süs so demäudigen Beamten un Magistratspersonen anfungen, sick tau winnen un tau strüben un katthorig tau warden, sei segen, dat Börger un Bur unnod worden was, un sei läden ehr Hand sworer up dat Land. Dat was nu nich dat Middel, den upsternatschen Sinn sachter tau stimmen, dat Volk würd ümmer wedderhoriger; de Befehle von un för de Franzosen würden mit Afsicht falsch verstahn; wat süs glatt gahn was, würd nu 'ne Tüderi. Tag as en Reimen wehrte sick dat Volk mit Listen allerlei Ort, un de Franzosen, de woll marken müggten, dat ehr Regiment hir bald sin Endschaft hadd, nemen, wat sei mit de Tähnen dorvon wegtrecken können, denn de Soldat wüßt, dat sin Offizierers dat nich beter makten.
(Fritz Reuter: Ut de Franzosentid, Kapitel 11)

15 Februar 2011

De Reis' nah Konstantinopel (Fritz Reuter)

Je, Rostock! – Jeden Meckelnbörger geiht dat Hart up un männigmal ok de Geldbüdel, wenn von Rostock de Red' is. Wat in ollen Tiden Tyrus un Sidon was för de Welt wegen den Handel, wat vördem Athen was för de Welt wegen Kunst un Wissenschaft, dat is up Stunns Rostock för den Meckelnbörger, un Warnemünn' is sin Piräus, un 't Spill (Am Rostocker Hafendamm vor Warnemünde steht eine große Winde (Gangspill).  Nach dieser Winde wird auch der ganze Hafendamm Spill genannt.) müßt eigentlich Sunium döfft warden, un dor, wo 't nah Papendörp 'rute geiht, müßt de Akropolis stahn, un unner de Swibbagens von dat Rathhus müßt Aristoteles mit sine Schäulers ümmer up un dal, up un dal gahn, ahn dat em en Krewt (Polizist) wat tau befehlen hadd. [...]
Tau Rostock in de Alexandrinenstrat (Alexandrinenstraße in der Steintorvorstadt) satt an desen Abend in 'ne schöne, warme Stuw' Fru Jeannette Groterjahn – sei heit eigentlich ›Hanne‹, un so was sei ok von lütt up annäumt, æwer sei hadd sick ümdöfft un schrew sick nu ›Jeannette‹ – un bi ehr satt ehre einzige Dochter Helene, de sei ok ümdöfft hadd, denn sei näumte sei bald ›Hella‹, bald ›Ellen‹, wat sick wegen de Afwesselung in 'n Ganzen sihr gaud utnemen ded. Achter 'n Abenkek noch 'ne lütte, stuwe Näs 'rute, de hürte Fru Groterjahnen ehren drütteihnjöhrigen Herrn Sæhn Paul tau, den Fru Groterjahnen ut jichtenseinen vernünftigen Grund ›Poll‹ näumen ded; Herr Groterjahn säd ›Paulus‹, wil dat dordörch up em sick en lichten Schin von sogenannte klassische Bildung smiten künn. –

Buten got (draußen goss) de Regen in Gæten dal, de Wind kloppte an de Finsterladen, as wull hei Jeden vermahnen, sick vör em in Acht tau nemen, un Helene schudderte tausam un slog ehren warmem Daukfaster üm de Schullern. – Dat kunn nu æwer ok en annern Grund hewwen, denn ehr leiw' Mutting hadd ehr eben en langes, frostiges Kapittel von Vörlesung æwer de Frag' hollen (gehalten):woans sick en jung' Mäten in Herren-Gesellschaften tau verhollen hadd, wenn sei tau 'm Klavirspill upföddert würd, un sei slot ehre Reden mit de Würd': »Früher, mein Kind, als Du noch Kind warst, mußtest Du Dir verschiedene Bücher auf den Stuhl legen, um anzukommen; jetzt thut das nicht mehr nöthig, Du setzest Dich auf einen gewöhnlichen Rohrstuhl und läßt Dir die Noten von den Herrn umschlagen. – Aber, Gott im Himmel! – Nein. – Diese Rücksichtslosigkeit von Vater! läßt uns hier in dem Wetter allein sitzen!« – Helene kek von ehr Stickarbeit tau Höchten, as wull sei wat seggen,sweg æwer still, un Paul kreihte achter 'n Aben 'rute: »»Oh, Mutting, wi sitten jo ganz warm.««
[...]

Kurzes Tagebuch von Paulen.
Triest, den ersten Osterdag: Diese Stadt ist voll von viel Volk, auch voll Snurrers, welche aus kleine Kinder und alte Weiber bestehen. Diese haben den Herrn Studenten Bauer for einen vornehmen Fürsten estimirt, indem er eine bunte Mütze und einen bunten Rock anhatte, dieses hat er mich nemlich erzählt. Den Mittag hat Vating wieder Fische gegessen, sie haben aber so gesmeckt, as wenn die Dirn die Oellamp in die Sauß gegossen hat. Wir Andern aßen Rinderbraten. Wir haben auch ein Kriegsschipp besehen, die alte Dam' hat uns das angeschünnt, und Helening hat viel Schelt von Mutting gekriegt; ich aber auch. Vating un Jochen un der alte Jahn haben sich aber sehr gefreut; Vating sollte eine Buddel Schipander zum Besten geben. –
Triest, den zweiten Osterdag. Herr Nemlich hat viel Schelt gekriegt, weil daß er noch nicht gepackt hätte. Ich habe auch wieder Schelt gekriegt, weil daß ich auf den Fischmark gelaufen war, daß ich da die erbärmlichen wilden Seethiere besehen wollte. Des Mittags haben wir nichts gegessen, indem daß wir schon Vormittags auf das Schipp mußten; es nennt sich ›Bumbi‹. Vating ist aber still weggegangen und hat uns stehen gelassen und hat heimlich in ein Wirthshaus Frühstück mit warme Bratkartoffeln gegessen, un Mutting hat ihn auch dafor orndlich ausgescholten. Auf das Schipp haben wir getroffen 1) Jochen Klæhnen, 2) Unkel Borßen, 3) Unkel Jahnen, 4) den Herrn Studenten Bayer, 5) einen Herrn Avkaten, 6) den Herrn Baron von Unkenstein, den Mutting ganz allein leiden mag, und 7) einen kleinen Komerzionsrath aus Thüringen, der Vating immer den alten und mir den jungen ›Grobian‹ benennt, indem daß er ›Groterjahn‹ in seine Sprache nicht sagen kann. Die Nacht hat sich ein grauwelliger Sturm erhebt, und die Bülgen haben man immer so über das Schipp geslagen. Vating und der kleine Komerzionsrath haben jämmerlich gestæhnt, denn das ist die Seekrankheit, und ich habe man knapp die Stiebel angekrigt. Unkel Jahn und Jochen haben Mutting oben 'rauf getragen, und Vating hat heute Schelt gekrigt, daß er das gelitten hat. Die alte Dam' sah mal putzlistig aus in Unkel Jahnen seinen Pelz.

Ragusa, den Dag nach Ostern. Nu sind wir hier. – –

Kapittel 12.
Ithaka. – Weck seihn vel, un weck seihn nicks. – De oll Dam' vertellt 'ne Geschicht. – Jochen arretirt Paulen, un Herr Nemlich höllt en Vordrag, den kein Minsch glöwen will. – Wat de meckelnbörgische Insel Poel dat ›Land der Phäaken‹ is. – Anton schämt sick nich, sine Fru vör Ogen tau kamen, nimmt dat Bitt mang de Tähnen un ward stüerlos. – De Herr Baron ward drister un redt sogor von sinen erbärmlichen Harten. – Jochen Klæhn stift't Paulen tau wat Slichtes an, weswegen denn Paul ok tau Bedd bröcht ward. – Tanten Line un de oll Jahn, un dat irnsthaft. – Kap Matapan.

Den annern Dag führten sei an 'ne Insel vörbi, de utsach as en groten, riesigen Reis'kuffert, de unverseihns in de See follen was, mit en hogen Deckel, von den all de Hor afschürt wiren, un unsere beiden meckelnbörgschen Landlüd', Groterjahn un Jahn, kemen stillswigend in Gedanken mit ehren Ansichten æwerein: wo dat mæglich wir, dat so 'n Land in de Welt afsistiren künn, wo sick nich mal Buck un nich mal Snuck dorup ernähren künn; æwer in de Schippsgesellschaft gung de Red' hen un her: »Ithaka, das ist Ithaka, Ithaka.« – Allens was niglich, Allens drängte sick an de linke Burt un kek henæwer nah de olle, nakte Insel, as wir dor gräune Wald un gräune Wisch tau seihn, un Gorens un Feller un frische Borns un Beken, de von de Höh' as Sülwerfaden, Fall up Fall, herunnerstrudelten bet in de blage See. [...]
As sei vörn ankemen, begegnete ehr Jochen Klæhn, de Paulen an den Kragen fat't hadd un mit em furt slepte: »»Dat helpt Di nu All nich! Din Vater hett dat nu einmal seggt, ick sall Di bringen, un süh, dor kümmt nu ok Din Helene.«« – »Was soll er, Jochen?« frog Helene. – »»Je, nu seihn S' mal! Franz Nemlich sall Herr Groterjahnen dat hir von dese olle, verwunschene Insel erklären, un dat sall hei mit anhüren, dat hei dor nahsten Bescheid von weit, un dat will hei nich.«« – »Nein!« rep Paul un wennte sick an Helene, »was Herr Nemlich da sagen kann, das weiß ich schon, das haben wir All schon beim Herrn Subrektor gehabt, von Odysseussen und Telemachen und all die Andern, und da brauch ich nicht hinzugehen.« – »»Na,«« säd Jochen un nickte Helene tau, »»süh dor! Nu hüren Sei 't! – 'T is einen gottlosen Slüngel. – Sin Vater . . . .«« – »Ja, Paul,« föll Helene irnsthaft in, »Vater hat's nun einmal gesagt, und Du gehst gleich auf der Stelle.« – »»Oh, Lening . . . .«« – »Nein, auf der Stelle!« dormit gung sei af. – »»Sett Di in kein Unverlegenheit,«« säd Jochen un fot em wedder in den Kragen, »»pariren möst Du. – Ick wull blot, Du wirst ein acht Dag' bi min Mutter, de würd Di 't bibringen. – Wenn ick mi noch so schön in den Dörp 'rüm driwen ded un minen Lust doran hadd, un ick sull nah Hus kamen, meinst, dat s' mi rep? ne, sei fläut't mi blot (flötet mir bloß). Denn stunn s' in de Husdör un fläut't up ehren ollen, hollenKuffertslætel (hohlen Kofferschlüssel) un gnad' mi Gott, wenn 'ck nich kamm. – Nu kumm!«« un Paul folgte. –  [...]
Türken Teaki genannt, eine kleine Felseninsel zwischen Kephalonia und der Küste, mit dem Vorgebirge Neïon und dem Hafen Rheitron, einst das Reich des Ulysses . . .« – »»Nein,«« rep Paul dormang, »»er heißt Odysseus.«« – Jochen lachte un plinkte em tau: so wir 't Recht. – Herr Groterjahn kek irst Paulen un nahsten Herr Nemlichen an: »Woher weißt Du das, Paulus?« – »»Der Herr Subrekter hat 's uns so gesagt.«« – »Im Cannabich steht ›Ulysses,‹ säd Herr Nemlich. – »»Na,«« säd Herr Groterjahn, »»das hat nu woll weiter nicht viel zu bedeuten, dieser kann möglicher Weise ein Sohn von dem andern König sein; in Preußen heißen sie ja auch bald ›Friedrich‹ und denn ›Friedrich Wilhelm‹ un denn man slechtweg ›Wilhelm‹. – Na man weiter!«« – Herr Nemlich gung nu von de Geographie tau de Geschicht æwer un fung an: »Wenn wir uns nun diesen Ulysses betrachten, so stellt sich uns zuerst der Trojanische Krieg vor, von dem der Herr Professor Petiscus uns in seinen Werken berichtet. – Ulysses war ein Sohn des Laërtes und der Anticilia und war König von Ithaka und den umliegenden Gegenden. Die Geschichte dieses Heroen ist mit manchem Fabelhaften durchwebt.« – »»Ja,«« säd Herr Groterjahn, »»Lügen sind woll viele damang.«« »Ja, Herr,« föll Jochen ganz drist in, »un wat anner Lüd' nich lagen hewwen, dat lüggt Franz Nemlich dortau.«

(Fritz Reuter: De meckelnbörgschen Montecchi un Capuletti oder De Reis' nah Konstantinopel)

weitere charakteristische Passagen des Romans und ein kurzer Text über den Roman insgesamt findet sich im ZUM-Wiki