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10 November 2023

Kalevala 46. Gesang

Dritter Väinämöinen-Zyklus 

39. bis 43. Gesang: Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen segeln nach Nordland, um den Sampo zu rauben. Auf der Reise tötet Väinämöinen einen riesigen Hecht und baut aus seinem Kiefer eine Kantele. Mit seinem Kantelespiel schläfert er die Nordländer ein. Väinämöinen und seine Gefährten fliehen mit dem Sampo. Nachdem sie erwacht ist, verwandelt sich Louhi in einen Riesenadler und macht sich mit ihrem Heer zur Verfolgung auf. Beim Kampf zerbricht der Sampo. 

 44. bis 49. Gesang: Louhi schickt Krankheiten und einen Bären nach Kalevala; sie versteckt die Sterne und raubt das Feuer. Väinämöinen und Ilmarinen erlangen die Sterne und das Feuer wieder zurück.


 In einer anderen Übersetzung:

Nach Pohjola kommt die Kunde,

Nach dem kalten Dorf die Botschaft,

Daß Wäinölä sich erholet,

Kalewala sich befreiet

Von den angehexten Schäden,

Von den nie erhörten Übeln.


Louhi, sie, Pohjolas Wirtin,

Nordlands zähnearme Alte,

Ward darob gewaltig böse,

Redet Worte solcher Weise:

Kenne wohl noch andre Mittel,

Finde wohl noch andre Wege;

Treib' den Bären von der Heide,

Aus dem Wald den Tatzenträger

Auf den Reichtum von Wäinölä,

Auf die Herden Kalewalas.


Trieb den Bären von der Heide,

Trieb ihn von dem starren Lande

Auf die Fluren von Wäinölä,

Auf die Herden Kalewalas.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Redet selber diese Worte:

Bruder du, Schmied Ilmarinen,

Schmied' mir eine neue Lanze,[269]

Einen Speer mir mit drei Spitzen,

Mit dem Schaft aus gutem Kupfer!

Gern möcht' ich den Bären fangen,

Ihn, das Tier mit teurem Felle,

Daß er meine Hengste nimmer,

Niemals meine Stuten fresse,

Daß er nicht den Herden schade,

Nicht die Kühe niederstrecke.


Hämmert einen Speer der Schmieder,

Keinen langen, keinen kurzen,

Hämmert einen mittelgroßen:

Stand ein Wolf auf seiner Kante

Und ein Bär an seiner Spitze,

Auf dem Speerschuh lief ein Elen,

Auf dem Schafte rannt' ein Füllen,

An dem Knopfe stieß ein Renntier.


Hatte grade frisch geschneiet,

War gar zarter Schnee gefallen,

Gleich dem Herbstschaf weiß an Farbe,

Gleich dem Hasenfell im Winter;

Sprach der alte Wäinämöinen,

Redet selber diese Worte:

Mich ergreift die Lust zu gehen,

Hin nach Metsola zu ziehen,

In der Waldesjungfraun Nähe,

Zu dem Hof der blauen Mädchen.


Von den Männern geh' zum Walde,

Von den Helden ich zur Arbeit;

Nimm mich, Wald, zu deinem Manne,

Tapio, mich zu deinem Helden,

Hilf das Glück du mir gewinnen,

Mir des Waldes Zierde fällen![270]


Mielikki, des Waldes Wirtin,

Tellerwo, du Weib Tapios!

Binde fest doch deine Hunde,

Halt in Ordnung deine Bracken

In dem geißblattreichen Gange,

Unterm eichenen Gerüste!


Petzlein du, des Waldes Apfel,

Runder mit den Honigtatzen!

Hörest du, daß ich erscheine,

Daß zu dir der Brave schreitet,

Birg die Krallen in den Haaren,

Deine Zähne in dem Zahnfleisch,

Daß sie nimmer mich berühren,

Ganz und gar sich nicht bewegen!


Petzlein, du mein Vielgeliebter,

Schönster mit den Honigtatzen!

Leg' dich schlafen auf den Rasen,

Auf die wunderschönen Felsen,

Daß die Fichten oben schwanken,

Über dir die Tannen rauschen;

Wälze also dich, o Breitstirn,

Wende dich, o Honigtatze,

Wie das Haselhuhn im Neste,

Wie die Gänse, wenn sie brüten!


Hört der alte Wäinämöinen

Seinen Hund da munter bellen,

Hört den Welp gar heftig zanken

Auf dem Hof des Kleingeäugten,

Unterm Regendach der Plattnas'

Redet Worte solcher Weise:

Wähnte, daß ein Kuckuck riefe,

Daß ein liebes Vöglein sänge;

Hat kein Kuckuck jetzt gerufen,[271]

Nicht ein Vöglein lieb gesungen,

Ist mein Hund, der wohlbewährte,

Ist mein auserlesnes Tierchen,

An der Tür' von Breitstirns Stube,

Auf dem Hof des schönen Mannes.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Findet da den Bären liegen,

Stürzt ihm um das seidne Bette,

Stößt ihm um das goldne Lager,

Redet Worte solcher Weise,

Läßt auf diese Art sich hören:

Jumala sei nun gepriesen,

Einzig sei gelobt, o Schöpfer,

Daß den Bären du mir gabest,

Mir des Waldes Gold verliehest!


Er betrachtete den Goldnen,

Redet Worte solcher Weise:

Petzlein, du mein Vielgeliebter,

Schönster mit der Honigtatze!

Sei umsonst nicht voller Ärger,

Hab' dich, Lieber, nicht gefället,

Selber sankst vom krummen Baume,

Glittst du von des Astes Kante,

Hast das Holzgewand zerrissen,

Deine Kleidung du aus Zweigen;

Schlüpfrig ist des Herbstes Wetter,

Seine Tage reich an Nebel!


Goldner Kuckuck du des Waldes,

Der das schöne Fell du schüttelst!

Lasse nun dein Haus der Kälte,

Deinen Wohnsitz du nun öde,

Laß dein Haus aus Birkenzweigen,

Deine Hütt' aus Weidenreisern,[272]

Geh, Berühmter, auf die Wandrung,

Waldes Zier, fang an zu schreiten,

Lauf auf deinen leichten Schuhen,

Blaugestrümpfter, eile vorwärts,

Fort aus diesen kleinen Räumen,

Von den gar zu engen Pfaden

Zu dem Haufen starker Helden,

Zu der großen Schar der Männer!

Nicht wird man dich schlecht behandeln,

Nicht wirst elend du dort leben,

Honig gibt man dort zu essen,

Frischen Met man dort zu trinken

Allen Fremden, die da kommen,

Allen, die dahin gelangen.


Geh hervor von dieser Stelle,

Aus dem kleinen, schlechten Neste

Unters Dach, das vielgerühmte,

In das schöne Wohngebäude;

Gleite vorwärts auf der Schneeflur

Wie im Teich die Wasserrosen,

Hüpfe über diese Zweige

Wie ein Eichhorn in den Ästen!


Wäinämöinen alt und wahrhaft,

Er, der ew'ge Zaubersprecher,

Schreitet spielend durch die Fluren,

Singend durch die Heidestrecken,

An der Seite seines Gastes

Mit dem weichbehaarten Felle;

Hörbar ward das Spiel zu Hause,

Ward der Sang bis zu der Wohnung.


Rief das Volk bald in der Stube,

Sprach die schöne Schar im Hause:

Höret dieses Schallen draußen,[273]

Hört die Töne aus dem Walde,

Hört des Tannenpapageis Sang,

Hört das Horn der Waldesjungfrau!


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Kommt nun selber nach dem Hofe.

Aus der Stube stürzt die Menge,

Redet so die Schar, die schöne:

Ist das Gold wohl angekommen,

Ist das Silber hergewandert,

Ist das teure Fell erschienen,

Schreitet auf dem Weg das Goldstück,

Gab der Wald den Honiglecker,

Seinen Luchs der Wirt des Haines,

Da ihr singend hier erscheinet,

Jubelnd auf den Schneeschuhn laufet?


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Redet Worte solcher Weise:

Einen Otter fing zur Kunde,

Gottes Gabe ich zum Liede,

Deshalb komm' ich hieher singend,

Jubelnd deshalb auf den Schneeschuhn.


Aber nein, es ist kein Otter,

Ist kein Otter, auch ein Luchs nicht;

Der da kommt, ist der Berühmte,

Ist des Waldes Zier, die schreitet,

Er, der Alte, der heranzieht,

Der im Pelzrock hier erscheinet.

Ist der Fremde euch erwünschet,

Öffnet weit ihm alle Pforten.

Scheint der Fremde unwillkommen,

Schlagt sie zu, bevor er eintritt.(46. Gesang)

03 Januar 2021

Kalevala 16. Gesang: Wäinämöinens Fahrt in die Unterwelt Tuonela

Wäinämöinen alt und wahrhaft,
Er, der ew'ge Zaubersprecher, 
Zimmerte an seinem Boote,
Arbeitet' am neuen Fahrzeug

An der nebelreichen Spitze,

Auf dem dunstumwobnen Eiland;

Doch an Holz gebrach's dem Zimmrer,

Bretter fehlten ihm zum Boote.


Wer soll Bauholz ihm nun suchen,

Wer die Eichenstämme schaffen

Zu dem Boote Wäinämöinens,

Zu dem Boden seines Fahrzeugs?


Pellerwoinen, Sohn der Fluren,

Sampsa, er, der Kleingeratne,

Mußte wohl die Bäume suchen,

Mußt' die Eichenstämme schaffen

Zu dem Boote Wäinämöinens,

Zu dem Boden seines Fahrzeugs.


Er wird von allen Bäumen weiter verwiesen, bis die Eiche ihm erklärt, dass sie für den Bootsbau geeignet sei und daher gefällt und dafür verwendet wird. 

Wäinämöinen fährt damit zur Unterwelt und bittet die Wächterin, die Tochter Tuonis,  darum, ihn über den Grenzfluss zu bringen. Da er seine wahre Absicht (das Lernen neuer Zauberwörter für den Bootsbau) nicht zugibt, durchschaut sie ihn. Als er dann die Wahrheit sagt, warnt sie ihn, sein Wunsch sei töricht und ein Fehler, ermöglicht sie ihm die Überfahrt.


Tuonis Tochter zankte weidlich,

Manas Jungfrau schalt und schmähte:

Toller Mensch in deiner Narrheit,

Mann, von Schwachsinn du befallen!

Ohne Grund und ohne Krankheit

Nach Tuonis Reich zu kommen;

Besser wär' es dir gewesen

Nach dem eignen Land zu gehen,

Viele sind's, die hierher kommen,

Viele nicht, die heimwärts kehren.


Sprach der alte Wäinämöinen:

Alte Weiber mögen weichen,

Nicht ein Mann, sei's auch ein schlechter,

Nicht ein Held, sei's auch der schwächste;

Bring' dein Boot, Tuonis Tochter,

Deine Fähre, Kind Manalas.


Tuonis Tochter bringt den Nachen,

Führt den alten Wäinämöinen

Durch die Flut der Wasserenge,

Durch den Fluß zum andern Ufer,

Redet selber diese Worte:[215]

Wehe dir, o Wäinämöinen,

Kamst ins Reich Tuonis lebend,

Ungestorben nach Manala!


Tuonetar, die gute Wirtin,

Sie, die Alte von Manala,

Bringet Bier herbei in Krügen,

In Gefäßen mit zwei Henkeln,

Redet selber diese Worte:

Trink, o alter Wäinämöinen!


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Schaute lange auf den Bierkrug,

Frösche laichen in dem Innern,

Würmer ringeln an den Wänden;

Redet Worte solcher Weise:

Nicht bin ich hieher gekommen,

Daß Manalas Krug ich trinken,

Tuonis Becher leeren sollte,

Trunken wird des Bieres Trinker,

Wer die Kanne leert, geht unter.


Sprach die Wirtin von Tuonela:

O du alter Wäinämöinen,

Weshalb kamst du nach Manala,

In die Stuben von Tuonela,

Ehe Tuoni dich verlangte,

Eh' dich Mana abgerufen?


Sprach der alte Wäinämöinen:

Zimmerte an meinem Boote,

Baute an dem neuen Nachen,

Hatte nötig drei der Worte,

Um des Bootes Hintersteven

Und den Vorderstamm zu enden;

Da ich diese nicht gefunden,

Auf der Welt nicht hab' erlanget,[216]

Mußt' ich nach dem Reich Tuonis,

Mußt' ich nach Manala gehen,

Um die Worte zu erlangen,

Um die Sprüche zu erlernen.


Spricht die Wirtin von Tuonela,

Redet Worte solcher Weise:

Tuoni gibt die Worte nimmer,

Nicht gewährt die Sprüche Mana,

Kannst nicht wieder fort von hinnen,

Nie im Laufe deines Lebens

Nach der lieben Heimat wandern,

Nach dem eignen Lande ziehen.


Senkte dann in Schlaf den Helden,

Legt' zur Ruh' den Angekommnen

Auf Tuonis Lagerfellen;

Reglos lag der Mann in Schlummer,

Lag der Held in Schlaf versunken,

Schläft der Mann, die Kleider wachen.


War ein Weib im Reich Tuonis,

Eine wackelkinn'ge Alte,

Spinnerin von Eisenfäden,

Gießerin von Kupferdrähten,

Spann ein Netz von hundert Klaftern,

Strickte eins von tausend Maschen

Während einer Nacht des Sommers

Und auf einem Stein im Wasser.


War ein Greis im Reich Tuonis,

Drei der Finger hatt' der Alte,

Knüpfen konnt' er Eisennetze,

Kupfernetze er bereiten,

Knüpfte eins von hundert Klaftern,

Strickte eins von tausend Maschen[217]

In derselben Nacht des Sommers,

Auf demselben Stein im Wasser.


Tuonis Sohn mit Hakenfingern,

Eisenspitz'gen Hakenfingern

Zog das Netz von hundert Klaftern

Durch den Fluß im Reich Tuonis,

In die Breite, in die Länge,

Zog es hin in schräger Richtung,

Damit Wäinö nicht entkomme,

Nicht der Wogenfreund entschlüpfe,

Nimmer in dem Lauf der Zeiten,

Nie, solang das Mondlicht leuchtet,

Aus den Häusern von Tuoni,

Aus Manalas ew'gen Höfen.


Wäinämöinen alt und wahrhaft

Redet selber solche Worte:

Scheint nicht Unheil schon zu kommen,

Not auf mich hereinzubrechen

In den Stuben von Tuonela,

In Manalas ew'gen Höfen?


Rasch verwandelt er das Aussehn,

Nimmt er andere Gestalt an,

Gehet schwarzgefärbt zum Meere,

Geht als Riedgras in das Röhricht,

Kriechet als ein Wurm von Eisen,

Schlüpft als Schlangenleib behende

Durch den Fluß im Reich Tuonis,

Mitten durch Tuonis Fischgarn.


Tuonis Sohn mit Hakenfingern,

Eisenspitz'gen Hakenfingern,

Ging des Morgens in der Frühe

Seine Netze zu beschauen,[218]

Findet hundert Lachsforellen,

Tausende von kleinen Fischen,

Findet nur nicht Wäinämöinen,

Nicht den alten Freund der Wogen.


Als der alte Wäinämöinen

Aus Tuonis Reich gekommen,

Sprach er Worte solcher Weise,

Ließ auf diese Art sich hören:

Nimmer, Jumala, du Guter,

Magst du einen solchen dulden,

Der von selbst zu Mana gehet,

In Tuonis Reich sich dränget!

Viele sind's, die hingekommen,

Wen'ge die hinweggezogen

Aus den Häusern von Tuoni,

Aus Manalas ew'gen Höfen.


Sprach sodann noch diese Worte,

Ließ sich solcherart vernehmen

Zu der Jugend, die emporsteigt,

Zu dem wachsenden Geschlechte:

Übet nie, o Menschenkinder,

Nie im Laufe dieser Zeiten

Unrecht an den Schuldentblößten,

Schadet nie den Unschuldvollen,

Daß ihr nicht den Lohn empfanget

In den Häusern von Tuoni:

Dorten ist der Schuld'gen Stätte,

Dort der Lasterhaften Lager:

Unter glühend heißen Steinen,

Unter brennend hitz'gen Fliesen,

Eine Decke wird aus Schlangen,

Eklen Nattern dort gebreitet.


(Kalevala 16. Gesang)


Wäinämöinen trifft also - anders als Odysseus, Aeneas und Dante auf keine Verstorbenen, sondern nur auf die Herrscher des Totenreichs. So erfährt er nichts über die Vergangenheit oder die Zukunft seiner Welt, sondern nur, dass es ein großer Fehler ist, sich vor dem Tod in die Unterwelt zu begeben. Die Warnung von Tuonis Tochter war also berechtigt. Nur seine Zauberkunst half ihm, aus der Unterwelt zu fliehen, und er bittet die guten Gott Jumala, zu verhindern, dass  Menschen freiwillig dorthin gehen. 

Anders als bei Dante, der die antiken Vorstellungen der Unterwelt einbezieht, wird hier also nur vor der Unterwelt gewarnt.