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01 März 2025

Gilbert Keith Chesterton: Orthodoxie

 Gilbert Keith ChestertonOrthodoxie : Eine Handreichung für die Ungläubigen. Mit einer Einleitung von Martin Mosebach

Chesterton erklärt, er habe sich bei diesem Buch gefühlt wie jemand, der eine lange Reise unternimmt, um etwas zu erleben, und dann zu Hause ankommt. Eben bei seinem christlichen katholischen Glauben traditioneller Weise.

Kritik an diesem Glauben bezeichnet er als Verneinung des Denkens, weil da von ständiger Veränderung der Welt die Rede ist und er als Voraussetzung des Denkens feste Begriffe ansetzt.

Dies Buch von Chesterton "Handreichung für die Ungläubigen" hat mich zum falschen Zeitpunkt erreicht. Ob es daran liegt, dass ich mich gegenwärtig normal gläubig fühle, jedenfalls bin ich nicht in das Buch hinein gekommen, obwohl ich meinen Trick, es an 3, 4 Stellen zu versuchen, unternommen habe.

Inzwischen habe ich eine Passage bei Chesterton gefunden, mit der ich mehr anfangen kann als mit anderen: 

"Ich weiß nicht, warum, aber mir schien seit jeher unser Verhältnis zur Welt besser erfasst, wenn man es in Begriffen soldatischen Gehorsams beschreibt, als wenn man es unter dem Gesichtspunkt von Ablehnung und Zustimmung betrachtet. Dass ich das Universum akzeptiere, hat nichts mit Optimismus zu tun, sondern gemahnt eher an Patriotismus. Es ist der Ausdruck eines ursprünglichen Treueverhältnisses [...]. Sie [die Welt] ist unsere Stammburg, von deren Zinnen die Fahne unseres Geschlechts flattert, und je schlechter es um sie bestellt ist, umso weniger dürfen wir sie im Stich lassen. Ob diese Welt zu traurig ist, um sie lieben zu können, oder so fröhlich, dass man sie einfach lieben muss, ist nicht der Punkt; der Punkt ist vielmehr, dass die Fröhlichkeit von etwas, das man wahrhaft liebt, ein Grund ist, es zu lieben, und seine Traurigkeit Grund ist, es noch mehr zu lieben."

Hier wird mit Emotionen argumentiert und nicht mit irgendwelchen mystischen Kategorien oder Behauptungen wie, dass die Gedanken, das Denken unmöglich machten.

Aber soldatischer Gehorsam und Patriotismus liegen mir beide nicht nahe, und dass ich etwas mehr lieben soll, weil es traurig ist, auch nicht. So werde ich es noch bei anderen Passagen versuchen; aber nicht mehr oft.

Klappentext und Rezensionen bei Perlentaucher:

Klappentext

Aus dem Englischen von Monika Noll und Ulrich Enderwitz. Vor drei Jahren ist Chestertons großer Essay "Ketzer" erschienen. In diesem Buch hat er sich, mit verheerender Wirkung, über die Materialisten lustig gemacht. Orthodoxie ist keine bloße Fortsetzung dieser Attacke; hier wird die Dosis gesteigert und ein härterer Stoff geboten. Denn nun wird Chesterton positiv; er schildert die Vorzüge des Glaubens, und bekanntlich gibt es für einen Autor keine schwierigere Aufgabe als die Darstellung des Positiven. Chesterton verteidigt die Tradition, das Wunder, die Phantasie und das Dogma, aber auf eine Art und Weise, die jedem Dogmatiker von Herzen zuwider sein muss; denn er beruft sich dabei einzig und allein auf die alltägliche Erfahrung, den common sense, die Vernunft und die Demokratie. Man kann sein Buch auch als die Autobiografie eines Abenteurers lesen, der mit zwölf ein Heide, mit sechzehn ein Agnostiker war, und den einzig und allein sein wildes Denken zum Glauben führte.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001

Seit dem 11. September läuft die Debatte über das friedliche Miteinander der Religionen auf Hochtouren. Es ist aber nicht damit Genüge getan, schreibt Ulrich Greiner, wenn man sich allein mit dem Anderen beschäftigt, ohne sich selbst, die eigene Kultur zu kennen. Und die fußt, ist der Rezensent überzeugt, auf dem Christentum, viel mehr als Vielen recht sein dürfte. Zur Nachhilfe über das, was denn christliche Kultur nun ist, empfiehlt Greiner zwei Bücher des als Autor von Detektivgeschichten ("Pater Brown") bekannt gewordenen Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), der vor mehr als siebzig Jahren treffliche Betrachtungen über die "widersprüchliche Vielfalt des Christentums" abgefasst und den Rezensenten damit beeindruckt hat. Zwei dieser Essays, "Ketzer", bereits 1998 erschienen, und "Orthodoxie", liegen "hervorragend übersetzt" auf Deutsch vor.
Beiden widmet Greiner eine lange Besprechung, in der er dem Leser aber scheinbar nicht verraten mag, worin das jeweils Eigene der Bücher liegt. Beide jedenfalls beinhalteten drei Aspekte des Christentums: den der christlichen Haltung, den der demokratischen Grundannahme und schließlich den Konservatismus, dass einzig das Christentum menschenfreundlich und Demokratie ein Grundbedürfnis sei. Den Leser erwartet, verspricht Greiner, ein "seltenes intellektuelles Vergnügen", und doch muss er mit Entspannung und Beunruhigung zugleich rechnen. Es beruhigt, meint der Rezensent, zu wissen, wie klar die Ursprünge der christlichen Kultur sind, und es beunruhigt, fährt Greiner fort, dass ihre Lebenskraft ein Spektrum zeigt, das von Aggressivität zur Defensivität, von Souveränität zur Servilität, vom Erlöschen bis zur Unbesiegbarkeit reicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.12.2000

Angelika Dörfler-Dierken hat sich gefragt, was dem Zeitgenossen dieses Buch sein kann. Zu einer befriedigenden Antwort ist sie dabei nicht gelangt. Was den Autor - Apologet der theologischen Orthodoxie in ihrer krudesten Form, wie Dörfler-Dierken sichtlich irritiert schreibt - beispielsweise von seinem Kontrahenten Bernard Shaw unterscheidet, hätte sie gerne gewusst. Doch weder die Einleitung des Buches noch der ihr offenbar nicht ganz geheure Witz Chestertons waren da auskunftfähig. Chestertons apologetische Plädoyers, so die Rezensentin, reizten doch mehr zum Spott als zum Christentum.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.09.2000

In einer neuen, "annehmbaren" Übersetzung, schreibt Ulrich Horstmann, liegt das "teuflisch unterhaltsame" Werk des 1922 zum Katholizismus übergetretenen Anglikaners hier vor. Sein "paroxaler Schreib- und Argumentationsstil", abgeguckt von Oscar Wilde, lässt den Rezensenten schwelgen: Da schützen einen die simplen Behauptungen der Orthodoxie nicht etwa vor dem Nachdenken, sondern gleich vor "ebenso selbstverliebter wie substanzloser Intellektualität", sie kann einen Schirm bilden gegen die sterile Ratio und kräftig die "Einbildungskraft" aktivieren. Und derart eingeschworen auf die Tradition begreife man, dass diese die "Demokratie der Toten" ist, die es nicht schlechter haben sollen als wir, nur weil sie tot sind. Was Chesterton am Christentum fasziniert, meint Horstmann, ist die Koexistenz der Extreme, "von äußerster Weltfrömmigkeit und ebenso bedingungsloser Weltverachtung" und so macht er aus der "Öde scholastischer Kontroversen" ein "einziges wirbelndes Abenteuer". Ob er der Kirche einen Bärendienst erwiesen hat - oder am Ende gar sie ihm? Jedenfalls wurde ihm der Titel eines "Fidei Defensor", Verteidiger des Glaubens verliehen, wie auch lange vor ihm einem anderen Briten: dem König und Kirchenspalter Heinrich XIII, bemerkt Horstmann listig.

28 Mai 2021

Lewis Wallace: Ben Hur

 "Dschebel es Subleh heißt ein über fünfzig Meilen langer schmaler Gebirgszug, von dessen rotweißen Klippen man nach Osten auf die arabische Wüste blickt. Ungezählte Wadis, Rinnsale, haben sich in diesen Gebirgszug eingegraben, und zur Regenzeit füllen sie sich mit Wasser, um es dem Jordan oder dem Toten Meer zuzuführen.

Aus einem dieser Wadis, das vom äußersten Ende des Dschebel gegen Osten ausläuft und in das Bett des Jabbokflusses übergeht, kam ein Wanderer hervor, der dem Tafellande der Wüste zustrebte.

Dem Aussehen nach mochte er etwa fünfundfünfzig Jahre alt sein. Sein über die Brust herabwallender schwarzer Bart zeigte Spuren von Grau, sein Antlitz war tiefbraun und zum größten Teil durch ein rotes Tuch verdeckt. Er ritt ein großes, weißes Dromedar, das ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Sonne war gerade aufgegangen, als das Tier sich aus dem Wadi herausarbeitete. Weithin erstreckte sich hier die Wüste, von einem Pfade oder Wege konnte hier keine Rede mehr sein. Aber das Kamel schien einer unsichtbaren Führung zu folgen und strebte in langen Schritten dem Osten zu. Genau um Mittag blieb es von selbst stehen und drückte durch einen klagenden Schrei seine Ermüdung aus.

Sein Reiter fuhr auf, als erwache er aus einem tiefen Schlafe. Sorgfältig prüfte er die Gegend nach allen Richtungen, wie um sich zu vergewissern, daß er am rechten Orte angelangt sei. Dann atmete er befriedigt tief auf und nickte, als wollte er sagen: Endlich! Er legte die Hände kreuzweise über die Brust, neigte das Haupt und verrichtete ein stilles Gebet. Nach Erfüllung dieser frommen Pflicht gab er dem Tiere das Zeichen zum Niederknien. Langsam und grunzend folgte es dem Rufe. Der Reiter setzte seinen Fuß auf den schlanken Hals und trat auf den sandigen Boden.

Wie es sich jetzt zeigte, war der Mann von wunderbar ebenmäßigem Körperbau, mehr kräftig als hochgewachsen. Der Schnitt seines fast schwarzen Gesichts, die breite Stirn mit der Adlernase und das herabwallende glänzende Haar verrieten seine ägyptische Abstammung.

Obschon allein in einer von Leoparden und Löwen wie auch halbwilden Menschen besuchten Wüste, trug er doch merkwürdigerweise keine Waffen, nicht einmal den zum Anspornen der Kamele dienenden gekrümmten Stab. Er befand sich also auf friedlichem Wege und war entweder sehr kühn oder stand unter einem außerordentlichen Schutze.

Der lange und ermüdende Ritt hatte seine Glieder steif gemacht, und daher umschritt er wiederholt sein treues Kamel, wobei sein Blick immer wieder den Horizont musterte. Jedesmal glitt dann ein leichter Schatten von Enttäuschung über sein Gesicht, der verriet, daß er Gesellschaft erwartete, vielleicht nach vorangegangener Verabredung. Allein, was konnte das für ein Geschäft sein, das an einem so abgelegenen Orte verhandelt werden mußte?

Er mußte wohl sicher sein, daß die erwartete Gesellschaft kommen würde, denn nachdem er sein Kamel gefüttert hatte, errichtete er mit Stäben aus seinem Gepäck und mitgebrachtem Tuch ein Zelt. Den mitgenommenen Vorräten entnahm er die Bestandteile eines Mahles: Wein in kleinen Lederschläuchen, getrocknetes und geräuchertes Hammelfleisch, syrische Granatäpfel, arabische Datteln, dazu Käse und gesäuertes Brot. Alles dieses stellte er in schöner Ordnung auf den Teppich unter dem Zelte, und legte zum Schlusse drei seidene Tücher als Servietten daneben. Hieraus konnte man auf die Anzahl der Personen schließen, die er als Gäste erwartete.

Alles war nun fertig. Er trat wieder hinaus, und sieh! fern im Osten war ein dunkler Punkt auf der Wüstenfläche zu bemerken. Wie festgewurzelt blieb er stehen; sein Auge erweiterte sich, ein heiliger Schauer durchrieselte seinen Leib.

Der Punkt wurde größer, endlich nahm er bestimmte Formen an. Etwas später erkannte er darin ein großes, weißes Dromedar, das genaue Seitenstück seines eigenen, mit der Reisesänfte eines Inders auf dem Rücken. Der Ägypter kreuzte seine Arme auf der Brust und blickte zum Himmel. »Gott allein ist groß!« rief er aus, während seine Augen mit Tränen sich füllten und Ehrfurcht seine Seele durchschauerte.

Der Fremde kam näher und näher, endlich machte er Halt. Auch er schien wie aus dem Schlafe erwacht. Er erblickte das kniende Kamel, das Zelt, und an seinem Eingange den Mann in betender Stellung. Er kreuzte ebenfalls die Arme, neigte das Haupt und betete schweigend. Nach einigen Augenblicken stieg er vom Kamele ab und ging dem Ägypter entgegen und dieser ihm. Einen Augenblick sahen beide einander an, dann umarmten sie sich.

»Friede sei mit dir, o Diener des wahren Gottes!« sagte der Fremde.

»Auch dir, o Bruder im wahren Glauben,« entgegnete mit Wärme der Ägypter, »auch dir Friede und Willkomm!«

Der Ankömmling war von schlanker, hagerer Gestalt, die Augen lagen tief in den Höhlen. Haar und Bart waren weiß, die Gesichtsfarbe rötlichbraun. Auch er war unbewaffnet. Seine Kleidung war die eines Inders, um das Haupt gewunden trug er einen Turban mit reichen Falten.

»Gesegnet sind die, die dem Herrn dienen!« sagte nach einer Weile der Ägypter. »Aber warten wir ab, denn sieh, schon kommt dort auch der andere!« Sie blickten gegen Norden, von wo gerade, dem Auge schon deutlich sichtbar, ein drittes Kamel, das ebenfalls von weißer Farbe war, wie ein Schiff herankam. Sie warteten, nebeneinander stehend, bis der Ankömmling nahe und abgestiegen war und ihnen entgegenging.

»Friede sei mit dir!« sagte er, den Inder umarmend.

»Gottes Wille geschehe!« erwiderte dieser.

Der neue Ankömmling war seinen Freunden ganz unähnlich. Er war zarter gebaut und hatte weiße Gesichtsfarbe. Reiches, wogendes Haar von lichter Farbe bildete die Krone seines kleinen, aber schönen Hauptes. Das warmblickende tiefblaue Auge offenbarte ein zartes Gemüt und einen herzlichen, edlen Charakter. [...]"

(Lewis Wallace: Ben Hur, 1. Kapitel)


Eine solche Ähnlichkeit mit Karl-May-Romanen hatte ich nicht erwartet, als ich nach Jahrzehnten erstmal wieder dieses Buch aufschlug. Doch habe ich aus meiner Jugendzeit in Erinnerung, dass das Buch ähnlich spannend war.

"Der Roman war ein großer und in viele Sprachen übersetzter Erfolg. Er war im 19. Jahrhundert das nach der Bibel meistgedruckte Buch." (Wikipedia: Ben Hur)


24 März 2019

Christentum und Kapitalismus

"Bucher, Rainer: CHRISTENTUM IM KAPITALISMUS Wider die gewinnorientierte Verwaltung der Welt

"Gegen die „gewinnorientierte Verwaltung der Welt“ hat das Christentum die paradoxalen Spannungen menschlicher Existenz freizulegen: zwischen Jetzt und Noch-nicht, Individuellem und Gesellschaftlichem, Freiheit und Gnadenbedürftigkeit."

http://www.libinst.ch/?i=christentum-und-kapitalismus-ein-pladoyer-wider-die-instrumentalisierung

http://www.balkanforum.info/f26/christentum-kapitalismus-jesus-befuerworter-kapitalismus-223007/

20 Mai 2017

Heine über die Reformation und Luther

Die erlauchten Leute, die Anno 1521 im Reichssaale zu Worms versammelt waren, mochten wohl allerlei Gedanken im Herzen tragen, die im Widerspruch standen mit den Worten ihres Mundes. Da saß ein junger Kaiser, der sich, mit jugendlicher Herrscherwonne, in seinem neuen Purpurmantel wickelte, und sich heimlich freute, daß der stolze Römer, der die Vorgänger im Reiche so oft mißhandelt und noch immer seine Anmaßungen nicht aufgegeben, jetzt die wirksamste Zurechtweisung gefunden. Der Repräsentant jenes Römers hatte seinerseits wieder die geheime Freude, daß ein Zwiespalt unter jenen Deutschen entstand, die, wie betrunkene Barbaren, so oft das schöne Italien überfallen und ausgeplündert, und es noch immer mit neuen Überfällen und Plünderungen bedrohten. Die weltlichen Fürsten freuten sich, daß sie, mit der neuen Lehre, sich auch zu gleicher Zeit die alten Kirchengüter zu Gemüte führen konnten. Die hohen Prälaten überlegten schon, ob sie nicht ihre Köchinnen heuraten und ihre Kurstaaten, Bistümer und Abteien, auf ihre männlichen Sprößlinge vererben könnten. Die Abgeordneten der Städte freuten sich einer neuen Erweiterung ihrer Unabhängigkeit. jeder hatte hier was zu gewinnen und dachte heimlich an irdische Vorteile. Doch ein Mann war dort, von dem ich überzeugt bin, daß er nicht an sich dachte, sondern nur an die göttlichen Interessen, die er vertreten sollte. Dieser Mann war Martin Luther, der arme Mönch, den die Vorsehung auserwählt, jene römische Weltmacht zu brechen, wogegen schon die stärksten Kaiser und kühnsten Weisen vergeblich angekämpft. [...]
Wie von der Reformation, so hat man auch von ihrem Helden sehr falsche Begriffe in Frankreich. Die nächste Ursache dieses Nichtbegreifens, liegt wohl darin, daß Luther nicht bloß der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer Geschichte ist; daß in seinem Charakter alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt sind; daß er auch persönlich das wunderbare Deutschland repräsentiert. Dann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten vereinigt finden, und die wir gewöhnlich sogar als feindliche Gegensätze antreffen. Er war zugleich ein träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann der Tat. Seine Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern auch Hände; er sprach und handelte. Er war nicht bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit. Auch war er zugleich ein kalter scholastischer Wortklauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet. Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen Distinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er des Abends zu seiner Flöte, und betrachtete die Sterne und zerfloß in Melodie und Andacht. Derselbe Mann, der wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte auch weich sein, wie eine zarte Jungfrau. Er war manchmal wild wie der Sturm, der die Eiche entwurzelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephyr, der mit Veilchen kost. Er war voll der schauerlichsten Gottesfurcht, voll Aufopfrung zu Ehren des heiligen Geistes, er konnte sich ganz versenken ins reine Geisttum; und dennoch kannte er sehr gut die Herrlichkeiten dieser Erde, und wußte sie zu schätzen, und aus seinem Munde erblühte der famose Wahlspruch: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein lebenlang. Er war ein kompletter Mensch, ich möchte sagen ein absoluter Mensch, in welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn einen Spiritualisten nennen, wäre daher eben so irrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll ich sagen, er hatte etwas Ursprüngliches, Unbegreifliches, Mirakulöses, wie wir es bei allen providentiellen Männern finden, etwas schauerlich Naives, etwas tölpelhaft Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches. [...]
Es entsteht das evangelische Christentum. Indem die notwendigsten Ansprüche der Materie nicht bloß berücksichtigt, sondern auch legitimiert werden, wird die Religion wieder eine Wahrheit. [...] 
Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. [...] 
Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie. In der Tat, nicht einmal in Griechenland hat der menschliche Geist sich so frei aussprechen können wie in Deutschland, seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zur französischen Invasion. Namentlich in Preußen herrschte eine grenzenlose Gedankenfreiheit. Der Marquis von Brandenburg hatte begriffen, daß er, der nur durch das protestantische Prinzip ein legitimer König von Preußen sein konnte, auch die protestantische Denkfreiheit aufrecht erhalten mußte.
Und was gölte den Fürsten alle Wissenschaft, Studien und Bildung, wenn die heilige Sicherheit ihrer Kronen gefährdet stünde! Sie wären heroisch genug, alle jene relativen Güter für das einzig Absolute, für ihre absolute Herrschaft, aufzuopfern. [...] 

05 September 2012

Dreizehnlinden


Im 19. Jahrhundert entfalteten sich die modernen Geschichtswissenschaften und entwickelte sich der historische Roman. Der Verkaufserfolg von Victor von Scheffels Ekkehard dürfte für dessen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.
Friedrich Wilhelm Weber wählte sich seinen Stoff wie Scheffel aus dem Mittelalter, doch als Form für   Dreizehnlinden (1878) wählte er das Epos (in 4-hebigen Trochäen).
Es spielt in der Zeit Ludwigs des Frommen (genauer: 822 bis 823) und handelt von den Auseinandersetzungen zwischen dem übermächtig werdenden Christentum und den in die Defensive gedrängten Heiden. (Thematisch zeigt sich eine große Ähnlichkeit mit dem hier schon früher behandelten Einsiedler von Auerbach, der außerdem auch stark vom Lokalkolorit geprägt ist.)

Wonnig ist's, in Frühlingstagen
Nach dem Wanderstab zu greifen
Und, den Blumenstrauß am Hute,
Gottes Garten zu durchschweifen.
Oben ziehn die weißen Wolken,
Unten gehn die blauen Bäche,
Schön in neuen Kleidern prangen
Waldeshöh' und Wiesenfläche.
[...]
Klugen Sinns und unverdrossen
Bauten sie [die Mönche] mit Lot und Waage,
Winkelmaß und Säg' und Hammer,
Axt und Kelle Tag' auf Tage,
Bis es ihrem Fleiß gelungen,
Haus und Kirche fest zu gründen,
Bis der Brunnen rauscht im Hofe
Des Konvents von Dreizehnlinden.
In Gehorsam, Zucht und Armut
Schafften still die tapfern Streiter:
Reuteten des Urwalds Riesen,
Dorn und Farn und wüste Kräuter;
[…]
Elmar, Herr vom Habichtshofe,
Sprach zu seinem Jagdgesinde:
»Gute Meute, gute Beute;
Hängt den Bären an die Linde!
Achtet auf das Weidgeräte
Und besorgt die müden Hunde,
Dann euch selbst; mich will bedünken,
Daß euch wohl der Imbiß munde.
Drauf zerwirkt den braunen Riesen,
Aber mit geschickten Händen
Schont den Pelz; nach Bodinkthorpe
Will ich ihn zum Grafen senden,
Dem der ungeschlachte Brummer
Jüngst die Heimkehr abgeschnitten,
Als der Alte mit der Tochter
Spät vom Eschenberg geritten.
[…]
Auf der Iburg stumpfem Kegel
Hatten sich zum Balderfeste
Fromm geschart die Heidenleute,
Gaugenossen, fremde Gäste.
Unter Eichen auf dem Rasen
Stand der Opferstein, der graue,
Neben ihm mit blut'gem Messer
Eine riesenhafte Fraue:
Swanahild, die greise Drude,
Ihres Priesteramts zu walten,
Erzgegürtet; weißes Linnen
Floß um sie in reichen Falten.
Werinhard, der freie Bauer,
Nahm den Stahl aus ihren Händen;
Fulko, Schmied von Bodinkthorpe,
Wühlte schürend in den Bränden.
[…]
Gero, der christliche Franke, und Elmar, der heidnische Sachse, suchen die Gunst Hildegundes, der christlichen Fränkin.
Elmar, Herr vom Habichtshofe,
Trat zum Bischof, seinem Öhmen;
Freundlich war er, doch er wollte
Nicht die Hand des Jünglings nehmen.
Im Gesicht des Heidenmannes
Starb ein Lächeln, trüb und schmerzlich;
Werinhard, der Freiling, drückte
Ihm die Linke fest und herzlich.
Gero sah's, der gelbe Franke,
Jüngst gesandt als Königsbote,
Der dem Gau mit neuen Diensten,
Neuem Zins und Zehnten drohte.
Herbe war er, doch die Rede
Wußt' er schmeichelnd zu versüßen,
Wenn er plaudernd in der Halle
Saß zu Hildegundens Füßen.
Schweigend hört' ihn stets die Jungfrau,
Ob er scherzte, ob er klagte; [...]

Es kommt zum Brand. Gero flieht, Elmar rettet Hildegunde und den Grafen.
Arge Geister, rote Schlangen,
Die sich reckten, die sich ballten,
Zischten, zuckten, schlüpften, schossen
Durch die Fugen, durch die Spalten;
Rote Schlangen, rote Flammen,
Überstürzten sich im Rennen:
Wildes Brennen an der Sohle,
Hoch im Giebel wildes Brennen!
Faltenreich im Hauch des Windes
Wogt' ein Kleid von Rauch und Feuer
Um das Strohdach, um die Wände
Von der First zum Grundgemäuer.
Weh dem Leben in der Lohe!
Imma stürzte aus den Bränden
Bleich, entsetzt; ans Tor der Scheune
Schlug sie hart mit beiden Händen.
»Hilfe! Rettet Hildegunden!
Machtlos und mit schwerem Keichen
Liegt der Graf betäubt am Boden,
Und sie will nicht von ihm weichen!«
Doch der Schrei, der messerscharfe,
Weckte nicht die wüsten Träumer;
Aiga nur, die kleine Aiga,
Flog heran und griff zum Eimer.
»O die Bären, wie sie schnarchen!«
Plötzlich, wie der Erd' entwachsen,
Auf des Hofes Mitte ragte
Elmars Haupt, des finstern Sachsen.
Gero hüpft an ihm vorüber,
Unterm Arm ein rauchend Bündel:
»Ach, mein Scharlachkleid; ich sterbe!
Helft! Wo steckt das Dienstgesindel?«
Falk, nun spanne Fang und Feder!
Auf der Zofe schrilles Rufen
Stürzt' er hastig in die Esse
Über halbverkohlte Stufen.
Hastig, wie der Frank' ins Freie,
Sprang der Sachse in die Flammen;
Vor ihm schlug die gelbe Lohe,
Hinter ihm der Rauch zusammen.
Prasseln, Brechen, dumpfes Dröhnen
In den Sparren, in den Balken;
Schirme Gott die zwei Verlaßnen,
Schirme Gott den kühnen Falken! –
Mut gibt Sieg! – Auf starken Armen,
Ob ihn Dampf und Glut umwallten,
Sicher schreitend trug er beide
Abwärts in des Mantels Falten.
Auf dem Stein am Fuß der Linde
Setzt' er nieder seine Bürde;
Zitternd dankt' ihm Hildegunde
Und der Graf mit kühler Würde. [...]

Was zwischen Gero und Elmar im folgenden vorfällt, wird hier nicht mitgeteilt, man mag es nachlesen. 
Danach klagt Gero Elmar des Mordanschlags, des Betens zu den heidnischen Göttern und der Brandstiftung an. 
Elmar verteidigt sich so:

Elmar sprach: »Des Götzendienstes
Zeiht er mich vor Ring und Dinge:
Trügt ihr's, so ich frech zu höhnen
Euern Gott mich unterfinge?
Wo ich mich in Demut beuge,
Darf ein Tor nicht ruchlos schelten:
Was euch heilig, will ich achten;
Was mir heilig, laßt es gelten!
Euern Priestern, euern Mönchen
Zins und Zehnten gab ich willig;
Sprecht, was habt ihr uns gegeben?
Laßt uns atmen, das ist billig!
Nein, ihr braucht sie nicht zu dulden,
Menschenrechte müßt ihr ehren!
Erstes Recht ist Recht zu beten,
Und das darf kein König wehren!
[Ganz im Sinne der Aufklärungsphilosophie des 18.(!) Jahrhunderts beruft Elmar sich auf Menschenrechte und Religionsfreiheit.]

Weil es keine Tatzeugen gibt und weil er nicht sechs, sondern nur einen adligen Eideshelfer findet, wird Elmar  für vogelfrei erklärt. 

Der Prior spricht zu Elmar:
»Sohn, ich las im Runenbuche
Manches Blatt, ein Zeichendeuter;
Viel zur Trauer, viel zum Troste,
Wenn ich weiter las und weiter.
Was sie Weltgeschichte nennen,
Ist ein wüstverworrner Knäuel:
List und Trug, Gewalt und Schwäche,
Feigheit, Dummheit, Wahn und Greuel. [...]
»Freiheit sei der Zweck des Zwanges,
Wie man eine Rebe bindet,
Daß sie, statt im Staub zu kriechen,
Froh sich in die Lüfte windet. –
Beides schaffte Karl der Franke,
Liebenswertes, Hassenswertes;
Hielt er fest am Kreuz der Kirche,
Fester doch am Kreuz des Schwertes.
Und mit rotgefärbten Händen
Schwang er's gegen unsre Väter,
Ein Apostel in der Brünne,
Ein mit Blut bespritzter Beter.
Uns uns selbst abzugewinnen,
Hat er todwund uns gehauen;
Zeigend nach den Himmelsburgen,
Nahm er uns die Erdenauen.
Dienen muß der faltenreiche
Kirchenmantel hundert Zwecken:
Ehrsucht, Habsucht, Machtgelüste,
Haß und Rache muß er decken.
Wie das Gold den Durst nach Golde
Mehrt der Ruhm die Gier der Degen,
Denn je mehr die Menschen dürfen,
Desto dreister wird ihr Mögen.
Vom beeisten Belt zum Tiber
Fuhr der Held in lichten Waffen:
War's, um Völker zu befreien,
War's, um Knechte sich zu schaffen?
Statt zu einen Deutschlands Stämme,
Warf er fremde zueinander,
Stark und groß, nur nicht so gütig
Als der Grieche Alexander.
Wär' er uns ein Ordner, Pfleger,
Uns ein milder Herr geblieben:
Wir, die hundertfach ihm danken,
Würden tausendfach ihn lieben;
Ihn, der fromme Friedensstätten
Baut' an Quellen und in Hainen,
Wo einst Menschenleiber zuckten
Auf entweihten Opfersteinen;
Der die Leuchte holder Bildung
Trug in unsre finstern Wälder,
Segensreiche Körner streute,
Doch in blutgedüngte Felder,
Und erst spät! Durch linde Lehre
Hätt' er uns bezwingen können
Rascher, sichrer als mit Eisen,
Als mit Hungerpein und Brennen.
Eitler Glanz der Römerkrone!
Verdens grause Mordgerichte
Mag ihm Gott verzeihn, doch schuldig
Bleibt er sie der Weltgeschichte:
Untat, die der kluge Einhard
Gern verhüllte und verschwiege,
Die in Rom der Völkervater
Selbst gestraft mit ernster Rüge.
Doch den Wirrern und den Klirrern,
Die da ziehn mit großem Schalle,
Allen klebt ein Mal am Schilde,
Und ihr Verden haben alle.« [...]
»Andre Zeiten, andre Menschen,
Andre Menschen, andre Götter:
Einer bleibt, der Ewigstille,
Unentwegt vom Zeitenwetter. [...]
Andre Zeiten, andre Götter,
Denn der Geist hat breite Schwingen,
In das Reich des Unerkannten
Strebt er rastlos vorzudringen.
Und die Sonnen jenes Reiches,
Die erleuchten, nicht verbrennen,
Führen aufwärts, Ihn, den Einen,
Unerkannten zu erkennen.
Und erbarmungsreiche Liebe
Neigt dem Sucher sich entgegen;
Jedem, der nach Wahrheit dürstet,
Quillt ihr Born auf allen Wegen. –
Trostlos ist es, für Geschwundnes,
Hingegangnes streiten wollen:
Hast du Macht, den Strom zu hemmen
Und zum Quell zurückzurollen?
Kann, was Asche ward, noch lodern?
Kann, was Leiche ward, genesen?
Zu den Toten fällt das Tote,
Sei es noch so schön gewesen.
Mag ins Abendrot versunken
Trüben Muts ein Träumer klagen,
Doch der Blick der Wohlbereiten
Grüßt im Ost das junge Tagen.«  [...]
»Manches hab' ich dir berichtet
Von dem Friedenskind, dem frommen,
Das zu diesem Mittelgarten
Aus dem Himmelreich gekommen;
Aus des Himmels Sonnenburgen,
Gottes Sohn in Manneshülle,
Daß an ihm, dem Längstverheißnen,
Sich das Seherwort erfülle;
Wahrer Gott, und mit dem Vater,
Mit dem Geist von gleichem Wesen,
Eins in Dreiheit: ein Geheimnis,
Menschensinnen nicht zu lösen;
Sohn des Schöpfers aller Dinge,
Gott von Gott und Licht vom Lichte,
Fleisch geworden, daß er sühne
Und in Liebe alles schlichte;
Wie er, als ein Held und Herrscher,
Hochgemute kühne Degen,
Teure Zwölf sich auserkoren,
Fest und treu in allen Wegen;
Wie er zog von Gau'n zu Gauen
Segnend, mahnend, wundertätig,
Stets bereit zu sanfter Lehre,
Stets zu Hilf' und Trost erbötig;
Wie er dann ein Reich gestiftet,
Drin er seine Gnaden spendet,
Menschenhold, ein Reich des Friedens,
Das in dieser Zeit nicht endet;
Wie durch ungeheure Meintat
Schuldlos er am Kreuz gestorben
Und durch seinen Tod das Leben
All der Welt – und dir erworben;
Wie er sich, der Todbezwinger,
Siegreich aus der Gruft erhoben
Und verklärt hinaufgefahren
In sein Himmelreich dort oben;
Wie er einst, der Weltenwalter,
Kommen wird am Jüngsten Tage
Und den Lebenden und Toten
Wägen mit gerechter Waage,
Hoch und hehr, in großen Prächten
Auf den Wolken; mit Erstaunen
Und mit Zittern hört die Schöpfung
Das Erkrachen der Posaunen:
Dies und andres, was in dürrer,
Dürft'ger Red' ich dir entfaltet,
Hat ein gottgeweihter Sänger
Reich zum Heilandslied gestaltet.
Einer von den Unsern, Elmar!
Nicht in weicher welscher Zungen,
In der Heimat vollen Klängen
Hat er herrlich es gesungen.
Hörst du es, du glaubst im großen
Grünen Sachsenwald zu weilen:
Himmelweit die Astgewölbe,
Himmelhoch der Stamme Säulen! [...]
»Red' ich zu dir warme Worte,
Elmar, aus des Herzens Fülle,
Glänzt dir wohl die Trän' im Auge,
Doch verharrst du stumm und stille.
Nach der Wahrheit steilen Burgen
Mag ein andrer wohl die Pfade
Dir durch Dorn und Felsen zeigen:
Führen kann nur Gottes Gnade.
Die Erkenntnis ist das Erbe
Nicht der Weisen, nein, der Frommen;
Nicht im Grübeln, nein, im Beten
Wird die Offenbarung kommen.
Soll ein Menschenauge schauen,
Muß der Himmel sich erschließen
Und ein Strahl von seinem Lichte
In das dunkle Herz sich gießen.« [...]
Erst gehörst du deinem Gotte,
Ihm zunächst der Heimaterde.
Bist du stark, sei froh; am stärksten
Ist der Mann am eignen Herde.
Bläh dich unter fremden Menschen:
Schweigt dein Volk, dein Ruhm ist nichtig;
Sachsenkind, mit jeder Faser
Bist du deinem Volke pflichtig;
Deiner Heimat, deiner Mutter,
Einer Kranken, einem Weibe;
Bist du brav, so zahl mit jedem
Tropfen Bluts in deinem Leibe.
Willst du fort, sie wird als bleiche
Bettlerin am Wege stehen
Und die dürre Hand dir strecken
Nassen Blicks. – Nun kannst du gehen!« [...]

Der Abt von Dreizehnlinden spricht:
Was dich kränkt und heilt, ich weiß es
Besser als der Mann im Norden:
Elmar, sei ein Christ! Im Geiste
Bist du längst ein Christ geworden.«
»Ich ein Christ?« – »Seit Sorg' und Kummer
Deine düstern Schlafgenossen!
Elmar, wer da sucht, der findet,
Wer da klopft, dem wird erschlossen.
Arme Menschen, hin und wieder
Tun sie recht im besten Falle;
Reicher Gott, in ew'ger Liebe
Hält und hegt er dich und alle.
Rief er dich? Wie oft! – Sein Rufen
Übertäubten Wind und Welle;
Endlich kam er selbst, er selber
Führte dich zur Klosterzelle.
Wund und siech! Die Wunde heilte,
Und vom Siechtum fast genesen,
Zweifelst du, weil du so lange,
Allzulange siech gewesen.« –
Sprachlos stand der junge Sachse,
Starr sein Blick und schlaff die Glieder;
Plötzlich, wie vom Blitz getroffen,
Vor dem Greise sank er nieder.
Jammer in den nassen Augen
Lag er flehend auf den Knien,
Und die Hände faltend, sprach er:
»Segne mich – und laß mich fliehen!«
»Sei gesegnet, wilder Knabe,
Doch du darfst nicht von uns scheiden!
Komm, wir gehn zum Pater Prior,
Er ist klug und rät uns beiden;
Klug und fromm; die Bücher alle
Sind ihm kund; von einem Helden,
Der geritten nach Damaskus,
Wird er Sturz und Sieg dir melden.«
[...]
Elmar lässt sich taufen.
Hell im Chor der Klosterkirche
Flammten weiße Opferkerzen:
Heller brannten, heißer glühten
Opferfrohe Menschenherzen.
Auf dem Altar frische Sträuße:
Heiliger und reiner blühte
Ros' und Lilie in der Beter
Stillandächtigem Gemüte.
Elmar kniete vor den Staffeln
Im Gewand von weißem Linnen,
Sanft gebückt, geschloßnen Auges,
Wie versenkt in sel'ges Sinnen;
Auf dem Antlitz Fried' und Freude,
Zartes Rot auf Kinn und Wangen,
Gleich als sei ein heil'ges Feuer
Warm im Herzen aufgegangen.
Und ein Strahl der Frühlingssonne
Glitt hinein mit goldnem Glanze
Und umwob des Jünglings Locken
Wie mit einem Glorienkranze.
Denn er siegte, und soeben,
Von des Abtes Hand ergossen,
Hatte das geweihte Wasser
Gnadenreich sein Haupt umflossen,
Dank dem Prior, der dem Ringer
Erst ein Helfer war und Rater,
Jetzt des Überwinders Zeuge,
Jetzt im Geist sein zweiter Vater. [...]

Elmar wird wieder in seine alten Rechte eingesetzt.
Sprach der greise Eschenburger,
Nickend mit vergnügter Miene:
»Prüft, ihr Herrn, ob, was ich bringe,
Nicht ein Botenbrot verdiene?
Doch zuvörderst ruft den Falken,
Denn, was ich zu melden habe,
Zielt auf ihn zumeist; nicht immer
Unheil krächzt der alte Rabe.« –
Elmar trat herein und stutzte,
Freudig halb und halb verlegen;
Diethelm, Tränen in den Augen,
Stürzte jubelnd ihm entgegen:
»O du bist es! O wie lange –«
Rab dazwischen: »Immer kühle,
Hausverwalter; heut Geschäfte,
Morgen Schwatz und Zartgefühle!
Elmar, hier die Hand, mein Knabe!
Deine Unschuld ward erwiesen;
Wie? – das später; jetzt das eine:
Du bist frei; Gott sei gepriesen!«
»Himmelsmächte«, rief der Falke,
»Frei der Acht und los des Bannes?
Frei, ich frei?« Und schluchzend sank er
An die Brust des treuen Mannes. [...]
»Gott sei Dank, und Euch und allen«,
Sagte Elmar, »die dem Wunden,
Bannbestrickten, Wahnbefangnen
Treu und stark zur Seite stunden.
Zwiefach habt ihr mich gerettet –«
Rab darein: »Nur keine Rührung!
Übel schickt sie sich zu meiner
Hungerregung, Durstverspürung.«
Drauf der Abt: »Die Schüsseln dampfen,
Tretet her zu euren Plätzen!
Was der Kost an Würze mangelt,
Mag der gute Met ersetzen.« [...]

Elmar kehrt zurück. Der Graf ist gestorben, doch Hildegunde erwartet ihn.
Plötzlich schrak empor die Jungfrau;
In die Halle traten leise
Elmar mit dem Eschenburger,
Markward und Warin, die Greise.
O wie schoß der Kummerbleichen
Jäh das Blut in Stirn' und Wange!
»Elmar! – Er ist tot! Er hoffte,
O, er harrte dein so lange!
Seht, o seht, ehrwürd'ge Vater.
Edler Rab! – Er hoffte immer:
Elmar, als er sterben mußte,
Rief er dich, doch kamst du nimmer!«
Elmar nahm die Hand des Toten
Und die ihre: »Hildegunde,
Leid war unser Los, und leidvoll
Ist des Wiedersehens Stunde.«
Sprach der Bischof: »Tränen trocknen;
Glücklich, wer gesät im Harme;
Denn in Freuden wird er ernten:
Elmar, komm in meine Arme!
Dir und euch, ihr frommen Brüder,
Hab' ich, wie mir aufgetragen,
Dieses Toten letzte Wünsche
Mit dem letzten Gruß zu sagen.
Falk, so er durch menschlich Fehlen
Mit versah, was du gelitten:
Zeih ihn nicht; der stumme Schläfer
Läßt dich um Vergebung bitten.
Abt Warin, gern hätt' er selber
Euch gedankt; ich soll Euch danken
Für die Bergung, für die Pflege
Eines Flüchtlings, eines Kranken;
Euch für alles, guter Prior,
Was Ihr Holdes an ihm übtet,
Und zumal, daß Ihr ihn lehrtet,
Und zumeist, daß Ihr ihn liebtet.
Eins nur macht' ihm hart das Scheiden,
Der Gedanke, schwer zu fassen,
Dies sein Kind, sein teures Kleinod,
In der Welt allein zu lassen.
Nicht allein! Sein teures Kleinod
Bat er mich mit seinem Segen,
Elmar, so dein Herz ihm offen,
An dein treues Herz zu legen.«
Und der Falk, die Arme breitend:
»Du mein Bangen und Verlangen,
Hilda, kommst du?« – Der Erlöste
Hielt die Weinende umfangen. –
Sprach der Bischof: »Amen, Amen!«
Auf die Knie sanken alle;
Friedensgeister, Gottes Engel,
Schwebten durch die stille Halle.

Schluss
Und nun ist mein Lied zu Ende,
Und ich hab' es doch gesungen,
Alter Uhu, dir zum Trotze,
Dir und deinen Lästerungen. [...]
O, die Zeit ist schwer geworden,
Und mich mahnt ihr wirres Rauschen;
Anderm Saitenspiel als solchem,
Andrer Lehre will sie lauschen.
Doch, was quillt, das muß zutage,
Und in langen Winternächten
Fuhr ich fort, getrosten Mutes,
Einsam Reim an Reim zu flechten.
Nicht für viele, nicht für manche;
Nur für diesen, nur für jenen,
Der abseits der großen Straße
Horchen mag verlornen Tönen:
Wie zu einer Waldkapelle
Nicht im Feierzug die Frommen,
Doch abseits der großen Straße
Jägersmann und Pilgrim kommen,
Die allein, gebückten Hauptes
Durch das niedre Pförtlein treten,
Um am kleinen staubbedeckten
Holzaltare still zu beten;
Scheidend dann zu dürren Kränzen,
Die sich sacht im Winde regen,
Wohl als Opferspend' ein armes
Reis von ihrem Hut zu legen. –
Helf' uns Gott den Weg zur Heimat
Aus dem Erdenelend finden:
Betet für den armen Schreiber,
Schließt der Sang von Dreizehnlinden!

Friedrich Wilhelm Weber: Dreizehnlinden