Neunzehntes Kapitel
Mary war dem schweren Abschied, der
mich mit dem ungewissen Schicksal eines Schiffes verband, aus dem
Wege gegangen und einige Tage früher von Hamburg nach Hohenhaus
heimgereist. Am Tage vor der Abfahrt hatte ich mit Georg einen Besuch
in meinem schwimmenden Hause gemacht. Es war ein Stockfisch führender
Dampfer der Sloman-Linie. Kapitän Sutor, schlank und mittleren
Alters, hieß mich willkommen. Abends gab mir, wie ich es wünschte,
Vater allein das Geleit zum Schiff. [...]
Er war ein großes Erlebnis,
vielleicht in meinem bisherigen Dasein das größte, weil zugleich
mit dem kleinen Frachtdampfer mein eignes Lebensschiff vom festen,
vom heimatlichen Ufer stieß und sich – so war mein bewußtes
Gefühl – schicksalhafter, uferloser Unendlichkeit überlieferte.
[...]
Nachdem Kapitän Sutor mit mir allein
einige Male in der offiziellen Kajüte steif diniert hatte, fragte er
mich, wie ich darüber dächte, mit seinen Leuten und ihm in der
Messe zu essen. Mit Vergnügen nahm ich die Ehre an. Es war ein
Beweis, daß ich dem Kapitän nicht mißfallen hatte.
Seltsamerweise
– Systole nach Diastole – verengte sich nun meine Vorstellung des
großen und weiten Seewesens zu einem kleinen, sehr gemütlichen,
freilich schwimmenden Bürgerhaus. Kapitän Sutor,
Maschinenmeister Wagner, der Erste Steuermann, der Bootsmann und ich
bildeten sein Konvivium. Dazu kamen zwei Untermaschinisten, einige
Matrosen und der immer behaglich am Herde beschäftigte Koch, dessen
Ausruhen darin bestand, vor der Kambüse Rüben zu schaben oder
Kartoffeln zu schälen. Über dem kleinen Kreis lag der Geist einer
stillen Seßhaftigkeit, unbeschadet dessen, daß der Frachtdampfer
seine zehn Knoten die Stunde zurücklegte.
Nach
einigen Tagereisen war ich auf der »Livorno« eingelebt. Ich gehörte
ganz zur Familie. Eigentlich war ich mehr ein lieber Besuch, der von
allen verwöhnt wurde. Ich brachte die Tagesstunden bei jedem Wetter
auf der Kommandobrücke zu, wo ich meist, während Kapitän und
Erster Steuermann observierend auf und ab schritten, mit dem dicken,
kleinen Maschinenmeister Schach spielte.
Wir
brauchten acht Tage, bevor wir in Malaga anlegen konnten.
Wann
hätte ich wohl während meines bewußten Lebens acht Tage in solcher
Ruhe und solcher Harmonie zugebracht? Ich empfand das bald, und der
Gedanke an ihren Abschluß war mir kein lieber. Herrliche Luft,
Weitsicht ohnegleichen, Bewegung bei völliger Ruhe und
Verantwortungslosigkeit. Küsten, Schiffe, die Goodwin-Sands, im
werdenden Dunkel zuckende Leuchtfeuer, Schifferbarken, Lotsenkutter,
Dreimaster, Fracht- und Passagierdampfer, als Punkte auftauchend und
wieder verschwindend, manchmal in voller Größe da. Aber immer, ob
größer, ob kleiner, unüberbrückbar eine Entfernung zwischen den
Gegenständen und uns: uns, den stillgeeinten, ruhigen Menschen.
Außer
uns wohlzufühlen, hatten wir keinen Beruf.
Nie
kam eine Zeitung, nie ein Brief, keinerlei Nachrichten, nicht gute,
nicht schlimme, erreichten uns, noch weniger hatten wir einen Besuch
zu gewärtigen.
Das
bedeutete ein tiefes Ausruhen, wie es in Zeiten der drahtlosen
Telegraphie und des Radio kaum mehr möglich ist.
Ich
brachte schlecht und recht unsere selbstgenügsame Schiffsfamilie in
mein Skizzenbuch. Sutor, über die Barre gelehnt, Falstaff-Wagner,
den Bootsmann, den Koch. Daran nahmen die einzelnen teil wie die
Kinder.
Die
Messe war das Innere eines Würfels mit eisernen Wänden. Man mußte
sich zwischen Wandbank und Tisch hineinschieben, wenn man bei
Frühstück und Abendbrot seinen Platz einnehmen wollte. Das Essen
war gut. Es wurden nach Hamburger Sitte auf der »Livorno« nur immer
gewaltige Fleischstücke, Kalbskeulen oder Roastbeefs, aufgetragen
und dabei viel Tee, weniger Bier und Wein genossen.
Es
ging nicht anders, ich hatte mich in diesem enggedrängten Kreis
wieder als Erzähler aufzutun. Auf das Umgekehrte war ich gefaßt:
nämlich Sindbadberichten meiner weitgereisten Seeleute mit offenem
Munde zuzuhören. Aber sie wußten nichts und wollten nichts wissen
von dem berühmten Fliegenden Holländer oder vom Klabautermann, und
so konnten und wollten sie nichts erzählen, sondern nur hören
wollten sie. Nie, außer dem kleinen Gustav und der kleinen Ida
Krause vor dem Ofenloch im Souterrain des Gasthofs zur Krone und den
Kindern von Lohnig im Heu, hatte ich ein so unersättliches Publikum.
An der kleinen Messetafel sprach außer
mir nur der Kapitän. Der Erste Steuermann, Maschinist Wagner oder
der Bootsmann taten den Mund nur auf, wenn der Kapitän das Wort an
sie richtete. Aber dieser handelte nur im Sinne aller, wenn er nach
und nach meine ganze Lebensgeschichte aus mir herausholte. [...]
Es ist nicht leicht, die psychischen
Ursachen meiner Hingerissenheit von damals, mit der ich andere hinriß
oder wenigstens in Staunen versetzte, manchmal zum Widerspruch
reizte, auszumitteln: große Illusionen beherrschten mich, das
wirkliche Glück, das wie ein grünes Meer den köstlichen Segler
meines Lebens trug, ließ von ferne glückselige Inseln vor mir
auftauchen. Es bleibt ein Wesenszug des Glücks, daß es immer noch
höheres Glück erstrebt, dem Unglück darin sogar überlegen. [...]
Zwanzigstes
Kapitel
Unser
Bootsführer, ein kleiner, halbnackter, sehniger und struppiger Kerl,
wurde von einer schönen, mit schwarzer Mantilla bekleideten Dame
empfangen. Es war, wie der Kapitän mir sagte, seine Frau.
Ich
wartete auf dem Flur vor dem Büro des Konsulates, solange der
Kapitän darin zu tun hatte. Da kam wiederum eine schwarzgekleidete,
diesmal höchstens vierzehnjährige Schönheit, ebenfalls mit dem
Spitzentuch um den Kopf, mit mehreren lachenden jungen Herren an mir
vorbei, eine Begegnung, die mir Herzklopfen machte.
Ich
eröffnete mich dem Kapitän. Er lachte und sagte, daß man
allerdings hier in Malaga mehr als anderswo seine Brust verschanzen
müßte. [...]
Liebe
ist Mitleid, Mitleid ist Liebe, behauptet Schopenhauer, mit Recht nur
insoweit, als überhaupt ein so unergründliches Phänomen mit Worten
zu vereinen ist. Und doch verurteilte ich mich als einen Hochverräter
zum Tode durch das Schwert, im Gedanken an die ferne Mary, als ich
die Finger des spanischen Mädchens mit den meinen eng verschlungen
fühlte. Es bedeutete wenig, es ging vorüber. Aber wußte ich denn,
wie weit mich die begonnene Bindung fesseln, zu welchen nicht
wiedergutzumachenden, selbstverderberischen Schritten sie mich noch
verleiten würde? Vielleicht telegraphierte ich an Mary, log, ich sei
bestohlen worden oder so, ließ mir Geld senden, kaufte das Mädchen
frei oder ging mit ihm durch, ohne es freizukaufen, wurde verfolgt,
festgenommen, was weiß ich – und würde an Mary als Schurke
gehandelt und sie mit Recht verloren haben.
Aber
was ging mich das Gestern an?
Der
Teetisch ward mehr und mehr vereinsamt, und ich und das Mädchen
saßen schließlich als die letzten daran. Da sagte ich, daß ich sie
zeichnen wolle, holte aus der Garderobe mein Skizzenbuch, und wir
folgten einer alten Beschließerin, die uns dann in einem beinahe
prunkvoll eingerichteten Schlafgemach, nachdem sie einige Lichter
entzündet, verließ.
Treue
in Dingen der Liebe erscheint heute manchem lächerlich. Hätte ich
sie in jener Nacht Mary nicht zu halten vermocht, mein Leben wäre
ganz anders verlaufen. Pilar, die Säule, hatte sich in reiner
Nacktheit gehorsam vor mich aufgestellt. Ich betrog mich selbst, wenn
ich meiner zitternden Hand, meinem ringenden Herzen, meiner faseligen
Benommenheit die Möglichkeit andichtete, diese nahe Aphrodite zu
zeichnen.
Die
Nähe des Bettes, der leise befremdete, gehorsame Blick, das
Ehrenrührige meiner Josephhaftigkeit steigerten mich in eine große
Verwirrung hinein, indem ich Pilar zur Mitwisserin meines Kampfes
machte. Ich legte allen Kummer und alle Liebe zu ihr, wie ich meinte,
in meinen Blick, ich legte die Hände an die Schläfen, ich habe dann
ihre Stirn leise geküßt, ebenso leise ihre Schultern berührt,
ebenso leise und leiser ihren Busen. Und dann habe ich das
Lichtbildchen meiner Braut aus der Brusttasche gezogen und geküßt.
Ich
bin von Pilar verstanden worden.
Nie
wird man einen gesünderen Körper sehen: straff, edel, ohne Hüften,
mit festen, breit auslaufenden Brüsten, wie man sie an den schönsten
griechischen Marmorbildern sieht. Alles gesund, straff, bodenwüchsig,
und doch – Spital, Opium, Trunk, Untergang. [...]
Einundzwanzigstes Kapitel
Einen
wirklichen Sturm, den einzigen unserer Reise, erlebten wir im Golfe
du Lion. Die »Livorno« lief gleichsam in einen Graben von Wasser
eingesenkt. Die kurzen springenden Wellen des Mittelmeeres gaben an
jeder Seite des Schiffes die Illusion einer bewegten Glasmauer. Es
bestand keine Gefahr, aber wir schienen verloren zu sein.
Ich
ging in Marseille an Land, weil man mir riet, die schöne Strecke von
dort nach Genua mit der Bahn zurückzulegen.
In
Monaco nahm ich vierundzwanzig Stunden Aufenthalt, wollte das Kasino
besuchen, um den Eindruck der Spielhölle mit mir zu nehmen, wurde
jedoch am Eingang zurückgewiesen.
Ich
sei noch zu jung, sagte man.
Wie
alt man sein müsse, um die Spielsäle besuchen zu können? Man gab
zur Antwort: Majorenn. Ich sei majorenn, behauptete ich, worauf man
sogleich die Frage stellte, in welchem Jahre ich geboren sei.
Überrascht und kopflos gab ich mein wahres Geburtsjahr an.
Der
Herr am Eingang lächelte nur: »Sie haben in der Eile nicht richtig
gerechnet«, sagte er, »Sie hätten ihrem Alter nicht nur zwei,
sondern mindestens vier Jahre hinzusetzen müssen.«
Damit
war die Sache abgetan. Ich habe den kleinen Vorfall erwähnt, weil er
zeigt, wie ich im Gegensatz zu manchen andern nicht für älter,
sondern für erheblich jünger, als ich wirklich war, gehalten wurde:
schien mich doch der Spielbankkontrolleur auf siebzehn zu schätzen.
Daß
ich mich noch auf dem alten Kontinent befand, hatte ich fast
vergessen, als ich in der Dachstube eines Genueser Hotels mein
Nachtessen mit einer halben Flasche Rotwein zu mir nahm. Es waren ja
mehr als zwei Wochen verflossen, seit ich Hamburg verlassen hatte –
es schienen einige Jahre zu sein, in Ansehung des Erlebten und meiner
Wesensveränderung.
Allerdings
wirkte Genua, verglichen mit Malaga und Barcelona, das wir ebenfalls
angelaufen hatten, im europäischenSinne nicht mehr fremdartig. Aber
mein neues Wesen sah es nur als Durchgangspunkt. Morgen mußte die
»Livorno« im Hafen sein, mich aufnehmen und weiter, mit dem Ziel
Athen, in die Fremde forttragen.
Im
übrigen, was das Hauptsächlichste war: seit ich in Hamburg den
Schiffsbord betreten, lag der alte Kontinent meiner Seele hinter mir,
und ich sah auf ihn von Malaga aus und wiederum aus dem Genueser
Hotelzimmer als auf einen fern verschwimmenden Traum zurück. [...]
In Genua trifft Gerhart Hauptmann
mit seinem Bruder Carl zusammen.
Durch dieses Zusammentreffen, so schön
es war, wurde ich in der Folge von meinem Ziel Griechenland
abgelenkt. Das Wesen unserer brüderlichen Verbindung und
Freundschaft ist nicht leicht zu erhellen. Sie besaß etwas Inniges,
Unzertrennliches und, trotz aller schweren Krisen oder gerade infolge
dieser Krisen, etwas Siamesisches. Es war in uns ein Zwillingsgeist,
ein Zwillingswollen, ein Zwillingsschritt – aber ich war dabei
jetzt der Führende. Es lag daran, daß ich schon früh aus dem
Pferch gebrochen war, daß ich für mich allein gerungen und gesucht
hatte, während für Carl noch die Schule dachte und handelte. [...]
Die kluge Martha Thienemann, Carls
Braut, ward durch die Anziehungskraft, die wir aufeinander ausübten,
Carl weniger auf mich als ich auf Carl, mit Recht beunruhigt. Wer
sollte ihr wohl verdenken, daß sie den Geliebten und seine Neigung
für sich allein haben wollte? Aber nicht der Verlust an Liebe allein
machte sie besorgt, ihr aufmerksam wacher Sinn sah Carls Wesen durch
mich beunruhigt. [...]
Carl fährt ein Stück mit Gerhardt
auf der Livorno mit, verträgt die Seefahrt aber nicht und überredet Gerhart dazu, in Italien zu bleiben, statt nach Griechenland weiter
zu reisen.