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09 November 2014

Flämmchen tanzt "Tod und Auferstehung"

[...] horch, ich höre das Flämmchen, sie soll uns den Tod und die Auferstehung tanzen.« Die Alte richtete sich auf, wankte in eine Ecke, kniete dort nieder, stemmte die Arme in die Seite, und hob an, ein Lied zu singen, welches Hermann, der, sobald die Türe frei geworden war, hatte entfliehn wollen, mit magischer Gewalt zurückhielt. 
Bei seinen Tönen trat Flämmchen ein, im vollen, üppigen Putze, schritt, ohne selbst Hermanns zu achten, wie gefesselt und bezwungen auf die Alte zu, senkte vor ihr das Haupt, und bewegte sich dann nach dem Takte der Melodie rund im Kreise um ihn. Die Worte des Liedes waren wieder aus der fremden Sprache, welche Hermann nicht verstand, aber Melodie und Ausdruck gaben den klaren Sinn. Tief und wehmutsvoll klangen die ersten Strophen, ein Schmerz, der keine Grenzen und keinen Namen hat, zitterte in ihnen, aber gehalten und bewußt. Auf einmal fielen in einem ganz wunderbaren, raschen Tempo wirbelnde, schneidende Töne ein, und zuletzt sprudelte daraus ein Gewimmel von Lauten hervor, als wollten Rhythmus, Worte, Musik einander aufheben und vernichten, ohne daß gleichwohl die dämonische Harmonie in diesem Aufruhre aller Takt – und Tongesetze unterging. Angemessen dem Liede waren die Tanzbewegungen Flämmchens. Das Haupt gesenkt, die Arme schlaff am Leibe niederhangend, den Leib matt in den Hüften wiegend, setzte sie die kleinen, wie durch Starrsucht gefesselten Schritte, lieblich immer, aber träge in die Runde. Es war mehr ein Schleichen, als ein Gehn, die Augen hielt sie halbgeschlossen, die Lippen waren wie von Erschöpfung geöffnet. So gab sie das Bild einer sterbenden Magdalena, an deren süßen Fleische schon der grimmige Freudenhasser nagt. Bald ging dieses Schleichen in ein völliges Stocken über, kaum merklich waren noch die Bewegungen, sie erstarrte endlich, sich auf die Knie niederlassend, zu einer Gestalt von Stein, durch deren Adern und Fibern es nur noch wie ein unseliges Rieseln und Wirbeln lief. Der Anblick dieses schönen Mädchenkörpers, seiner leisen, zuckenden Regungen war unbeschreiblich rührend, die Augen tat sie auf, und warf auf Hermann einen erloschnen Blick, vor dem er gleichwohl die seinigen senken mußte. Denn es rief aus demselben wie mit schluchzendem Munde: »Erlöse mich, o du mein Geliebter, aus den Krallen der zerwühlenden Elemente!« So blieb sie einige Sekunden haften, dann aber warfen die raschen schneidenden Strophen der Alten den Aufruhr auch in ihre Glieder. Sie erhob die Arme, sie richtete sich auf ihre Füße, vorwärts und rückwärts flog der Leib, von den geschwungnen Schenkeln bewegt; immer wilder, zerbrochner wurde dieser rasende Tanz, die Glieder schienen sich voneinander zu lösen und dahin und dorthin zu zerflattern, endlich schwebte das lemurische Gebilde hauchartig in den Lüften, denn kaum den Fußboden noch berührten die Spitzen der Zehen. Die Kreise hatte das tanzende Schattenähnliche aufgegeben, in einer geraden Linie schwebte es gegen den Sarkophag in der Nische, von welcher die Alte den Vorhang hinweggezogen hatte, und zitterte dann mit ängstlichem Wenden von seinem Mumieninhalte zurück. Nachdem dieses Hinan – und Zurückschweben einige Male stattgefunden hatte, verklang das Lied der Alten.

Immermann: Die Epigonen, 7. Buch, 14. Kapitel

07 November 2014

Flämmchen wird älter

Der Prinz zu Hermann über Flämmchen:
Nun, Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt, anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste, entzückendste Geschöpf ausgebildet. Ich behaupte, wer sie tanzen gesehn, kann nie wieder ganz unglücklich werden. Wäre ich ein Freund von Paradoxen, so würde ich sagen: Sie tanzt Geschichte, Fabel, Religion, ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein. [...] 
Mit dem Rufe: »Liebster! Bester! Einziger!« hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen. »Habe ich dich endlich wieder!« rief sie, indem sie ihm Augen und Stirn küßte. »Nun aber werde ich dich nicht lassen, nun sollst du mein werden, sie mögen tun, was sie wollen.« [...] 
Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte, war das Ausschweifendste von der Welt. Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie, wie man es nennen will, versammelt, bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz, die, durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt, dorthin geströmt waren. Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt, zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend, so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten, oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus, welche Scharwachen und Beamte aufregten, so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen, jedoch höheren Ortes bedeutet worden war, solches zu unterlassen, da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt. Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus. [...] 
Das ist nun der Tanz, den ich nicht lassen kann, der mich mir selbst wiedergibt, wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will. Könntest du mich lieben, und immer bei mir sein, so wäre alles gut, dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen; leider wird es nicht so gut werden.«
Immermann: Die Epigonen, 7. Buch, 8. und 9. Kapitel

06 November 2014

Cornelie

Unter solchen Gesprächen waren sie in das Tal hinuntergestiegen. Hermann nahm wahr, daß die Hirten und Melkmädchen, Cornelien, wie sie an ihnen vorüberging, mit einem Ausdrucke grüßten, der an Ehrfurcht grenzte. Ja, eine junge schwarzbraune Dirne, die aus feurigen Augen schaute, sank vor ihr, wie vom Gefühl überwältigt, in die Knie und legte die Hand Corneliens sich auf das Haupt. Ein Lämmchen kam aus der Herde munter auf Cornelien zugesprungen, und gab durch schmeichelnde Gebärden ein Anliegen zu erkennen. Sie beugte sich zu dem zarten Tiere hinab, nahm ein Milchfläschchen aus dem Busen, und tränkte das Geschöpf, welches sich vertraulich an die Knieende anschmiegte, aus der hohlen Hand. Hermann betrachtete mit Vergnügen das reizende Bild. Nachdem sie ihr mildes Geschäft vollbracht, erhob sie sich und sagte: »Das Närrchen hat seine Mutter verloren, und obgleich ein andres mitleidiges Stück der Herde deren Stelle schon oft bei ihm vertreten hat, so sucht es doch immer mich und mein Milchfläschchen, wenn ich mich zeige.« Alles, was Hermann hier sah und hörte, gab ihm das Gefühl eines süßen Friedens, und er malte sich mit Entzücken das Bild der Häuslichkeit aus, welche ihm Cornelie gewähren würde. Denn daß sie nicht länger sich seinem treugemeinten Werben widersetzen werde, war ihm nach dem traulich-liebevollen Empfange, den er hier über alle Erwartung gefunden hatte, gewiß. [...]
»Ich habe dich angehört, nun höre auch du mich an«, versetzte Cornelie mit niedergeschlagnen Augen. »Daß ich mich nicht gegen dich verstellen kann, weißt du, und mein Herz kennst du. Ich denke an dich, wo ich bin und weile, das war seit der Nacht im Walde so bei mir entschieden, und mit Freuden ginge ich für dich in den Tod. Es wäre mir auch kein größeres Glück auf der Welt, als wenn ich dich so täglich einige Stunden sähe, oder wenn das nicht anginge, so wäre ich schon zufrieden, wenn du nur abends im letzten Strahle der Sonne auf die Spitze des Hügels dort trätest, der so grün in das Tal schaut, und ich dann dein Bild von fern in mir empfinge, und es still mit mir zur Ruhe nähme. Sieh, so ist es mit mir. Deinen Wunsch erfülle ich nicht, das ist auch beschlossen.«
Immermann, Die Epigonen, 

Die Welt der Fabriken

Hermanns Oheim erläutert, wie er sein umfangreiches Geschäftswesen im Griff behält.
Deshalb entschloß ich mich, aus meinen Dienern und Faktoren, welche zum Glück sich in meiner Schule tüchtig herangebildet hatten, selbständige Herrn zu machen, ihnen als Gesellschaftern die Kapitalien, welche ich für die verschiedenen Geschäftszweige bestimmt hatte, vorzustrecken, und einen jeden übrigens auf eigne Gefahr sein Departement verwalten zu lassen. Bis jetzt habe ich mich bei dieser Einrichtung sehr wohl befunden. Die Direktoren treiben das Geschäft zu eigner Ehre und Vorteil, und bringen deshalb einen weit lebhafteren Schwung hinein, als wenn sie nur meine Handlanger wären, die wöchentlichen Konferenzen erhalten mich mit dem Ganzen im Zusammenhange, und da in den Hauptsachen doch immer auf meinen Rat gehört wird, so lenke ich im Grunde alles nach wie vor.« »Eins fiel mir auf«, sagte Hermann. »Warum lassen Sie von Anleihen, welche ein Institut von dem andern macht, Zinsen geben, da doch das gesamte Betriebskapital Ihnen gehört? Sie scheinen solchergestalt sich selbst die Interessen zu entrichten.« »Nicht so ganz«, versetzte der Oheim. »Die Direktoren haben nur von den reinen Überschüssen ihren Anteil. Sie müssen sich daher bestreben, die Zinsen durch vorteilhafte Spekulationen einzubringen; und da dies in den meisten Fällen gelingt, so gewinnt die Anleihe ihre Interessen in der Tat und nicht bloß zum Schein.« [...]
Man habe von fernher geschickte Leute des Fachs kommen lassen, welche ihre Kunststücke anfangs wie zum Scherz auf Tanzböden und in Schenkstuben vorgewiesen hätten. Alsobald sei der Nachahmungstrieb, besonders bei den jüngeren Leuten, rege geworden, da man denn hauptsächlich auf die zweiten und dritten Söhne der Hofesbesitzer Augenmerk genommen habe, welche, zum Dienen bestimmt, unzufriednen Geistes, sehr froh gewesen wären, einen lohnenderen und ehrenvolleren Erwerb zu finden. [...]
Es ist zugleich hier ein neues Geschlecht entstanden, ein Mittelstand neben der bäuerlichen Aristokratie, ähnlich den englischen Verhältnissen. Der Erstgeborne erbt den Hof, und wird nach dem Hofe benannt, setzt also auch eigentlich allein die Familie fort, die andern Söhne und die Töchter gehn in die Fabriken, und legen sich in der Regel von ihrer Beschäftigung neue Namen bei, gegen das Zeugnis des Kirchenbuchs, und ohne daß die Verbote der Obrigkeit, welche daraus allerhand Verwirrungen befürchtet, etwas fruchten wollen.« [...]
Abschreckend war die kränkliche Gesichtsfarbe der Arbeiter. Jener zweite Stand, von welchem die Vorsteher geredet hatten, unterschied sich auch dadurch von den dem Ackerbau Treugebliebenen, daß seine Genossen bei Feuer und Erz oder hinter dem Webstuhle nicht nur sich selbst bereits den Keim des Todes eingeimpft, sondern denselben auch schon ihren Kindern vermacht hatten, welche, bleich und aufgedunsen, auf Wegen und Stegen umherkrochen. Wie die beiden Beschäftigungen, die natürliche und die künstliche, dem Menschen zuschlagen, sah Hermann in diesem Gebirge oft im härtesten Gegensatze. Während er hinter den Pflügen Gesichter erblickte, die von Wohlsein strotzten, nahm er bei den Maschinen andre mit eingefallenen Wangen und hohlen Augen wahr, deren Ähnlichkeit die Brüder oder Vettern jener Gesunden erkennen ließ. [...]
Entschieden war es ihm: wenn diese Bestrebungen weiter um sich griffen, so war es in ihrem Umkreise um alles getan, weswegen ein Mensch, der nicht rechnet, leben mag. Der Sinn für Schönheit fehlte hier ganz. Die Stunde regierte und die Glocke; nach deren Schlage füllten und leerten sich die Arbeitsplätze, traten die Träger ihre täglichen Wege immer in der nämlichen Richtung an, versammelten sich die Hausgenossen zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten. Bei diesen griff ein jeder nach englischer Manier zu, wo es ihm beliebte; der Reihenfolge der Speisen achtete man wenig, da sie fast sämtlich zu gleicher Zeit aufgesetzt wurden.
Immermann: Die Epigonen, 

03 November 2014

Mondscheinmärchen

In jener grauen Urzeit, von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe machen, war es, wie neuere Forschungen lehren, mit der Welt folgendermaßen beschaffen. Die Erde war alles, und außer ihr gab es nichts, nur eine falsche Bescheidenheit späterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt, aus welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bällchen hervorgesprungen sei. Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes, nämlich in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft, und die Seitenflächen bogen sich als schützende Ränder hoch und weit über. Es gab weder Gras noch Baum, weder Tiere noch Menschen auf der Erde, auch schien keine Sonne, dennoch war es auf ihr, und in der Höhlung des großen Nestes weder unfein, noch still, noch dunkel. Ihre Oberfläche war glatt und sanft anzufühlen wie der feinste Sammet, sie sang sich selbst ein süßes Lied von jener frohen Ewigkeit vor, und phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte.
Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert. Endlich aber, wie denn nichts ungestört bleiben kann, regte sich ein gefährlicher Fürwitz in der Erde, und sie sprach so zu sich: »Wozu ein Nest ohne Eier? Meine Bestimmung ist nur halb erreicht.« Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern, aus denen sich, wie sie meinte, die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen für sie entwickeln würden.
Wie froh erstaunte sie, als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schoße eine Menge der schönsten Eier fand! Auf welche Art sie dieselben gewonnen, auf welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden, darüber schweigt Geschichte und Märchen. Genug, sie lagen, in Kreisen gereiht, im Grunde des großen Nestes, waren durchsichtig, wie die Edelsteine, herrliche Figuren schmückten die glänzenden Schalen, im Innern pulsierte es, ein eignes, wildkräftiges Leben.
Mutter Erde, vor Freude ganz wirblicht, machte eine schräge Bewegung, woraus später die Schiefe der Ekliptik entstanden[398] ist, erinnerte sich aber noch zur rechten Zeit ihrer neuen Pflichten, nahm sich zusammen und weinte nur einige Tränen in den unendlichen leeren Raum hinab. Darauf begann sie liebevoll ihr vertrautes Gut zu wärmen und machte tausend Plane, wie sie mit den Vöglein, wenn sie aus den Eiern gekrochen wären, freundlich und herzlich verkehren wolle.
Unter diesen Sorgen, Gedanken und Träumereien war es in dem einen Eie rege geworden, es pickte, und eine leuchtende, beflügelte Gestalt brach durch die Schale. Anfangs war sie noch einigermaßen in den Grenzen erträglicher Größe, aber mit Sturmeseile wuchs sie, wahrscheinlich durch die einströmende atmosphärische Luft geschwellt, ins Ungeheure, so daß der Erde vor dieser Geburt angst und bange wurde. Doch faßte sie sich und sagte: »Gesell, du wirst nicht vergessen, wer deine Stärke also gepflegt? Komm, sei mein Freund.« – »Was Freund?« fuhr sie der feurige Recke an, »ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit, meine Bahn geht selbständig durch die unermeßlichen Räume.« Und damit schoß er fort, der Undankbare, und ward der erste Fixstern. Seinem Beispiele folgten die andern Geburten, die nun bald nacheinander kamen, sie wollten alle nichts von Häuslichkeit und gemütlichem Zusammenleben wissen, vielmehr eigne Fortüne droben im Blauen machen, was ihnen denn auch gelungen sein muß, wie der gestirnte Himmel besagt.
Nur ein Flüchtling, eine schöne üppige Person von lebhaftem Temperament, bereute den Undank, als sie ein paar Millionen Meilen weit fortgerannt war, hielt inne in ihrem wüsten Laufe, und ward feuerrot vor Scham. Sie sieht sich noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlaßnen Neste um, und das Erröten dauert auch noch fort, welches uns sehr zustatten kommt, denn wenn die Sonne sich nicht so schämte, und uns dadurch nicht mit einheizte, wären wir alle längst erfroren, weil die Dinge bald eine betrübte Gestalt annahmen, wie ich gleich erzählen werde.
Zuerst schüttete die Erde, in ihren Hoffnungen so schmerzlich getäuscht, einige noch nicht ausgekommne Eier zornig über Bord. Sie fielen eine geraume Zeit unaufhaltsam in die Tiefe, endlich stießen sie doch irgendwo an eine scharfe Weltecke,[399];die Schalen zerbrachen, und die unreifen Geburten taumelten heraus. Diese haben nun ein Leben und haben keins, im halbwachen Traume schießen sie dahin und dorthin, ziehen einen feurigen Schweif von allerhand Eulenspiegeleien hinter sich her, und sind mit einem Worte unglückselige Kometen, auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verlaß und Glaube ist.
Doch, was gehn uns die Kometen an? Auf der Erde entstanden ganz andre Folgen der mißlungnen freundlichen Absicht. Zuvörderst zog sie sich aus der offnen Nestgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen, welcher nur bis auf eine geringe Tiefe etwas anzuhaben ist. Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch einen heftigen Gallenerguß Proteus, der Metallkönig, nieder, der also eigentlich der kristallisierte Verdruß der Erde ist, und bei allen nachfolgenden Händeln eine große Rolle spielt. Darauf, um ihr einigen Ersatz zu geben, geschah die Schöpfung in sechs Tagen mit Kräutern und Bäumen, Fischen, Vögeln, vierfüßigem Getier und endlich dem Menschen. Die Erde tröstete sich wohl, als sie das alles auf sich grünen und blühen, krabbeln und zappeln sah, aber dann war's ihr doch wieder nicht recht, und sie sprach alle Tage unzählige Male zu sich selbst: »Das tut's doch alles nicht.« Und sooft sie das für sich sagt, stirbt oder verdorrt etwas.
Proteus aber, der Metallkönig, der alte Verdruß, drängt sich unaufhaltsam an das Tageslicht. Denn es ist nicht wahr, daß die Menschen ihn suchen, und daß er gern in seinen dunklen Kammern bliebe; nein, er blickt und lockt nach ihnen aus dem Finstern, und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag, so sucht er ihre Träume heim. Dann müssen sie, von Unruhe gepeinigt, die Erde aufreißen und ihr Elend herauffördern. Denn wenn er oben ist, so ergreifen den alten Griesgram kindische Launen; er kann es nicht leiden, in zerstückten Gliedern sich durch die Welt zu breiten, er will immer beisammen sein. Aus dieser Sehnsucht des Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen, welche das unglückliche Menschengeschlecht heimsuchen: Krieg, Eigennutz, Dieberei, Raub. Denn so strebt z.B. der aufgespeicherte Vorrat an Schwertern, Gewehren und Kanonen in den Zeughäusern des einen Landes nach seinesgleichen[400] in dem andern, das Eisen reizt durch geheime Einflüsse den Arm des Menschen so lange, bis dieser sich zu seinem Dienste darbietet, und es mit großem Getöse aus dem Verschlusse hervorholt. Dann heißt es, die und die Nation habe der andern den Krieg erklärt. Nun ziehen die Heere, oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen. Endlich treffen sie sich, und es gibt ein frohes Wiedersehn und Umarmen, bei welchem die dazwischen befindlichen Menschen übel wegkommen; das nennen sie dann eine Schlacht, und meinen, sie wären es, die selbige geschlagen, während doch nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrüßten, und die Schlünde des Erzes einander feurige Küsse zuwarfen.
Ebenso geht es mit Silber und Gold. Wo dessen eine Menge vorhanden ist, da regt sich in ihm die Lust, mit einem Schatze, der anderswo liegt, verbunden zu sein. Die bösen roten und weißen Zauberaugen schauen nach Händen um, welche den Gefallen ihnen täten, der Wucherer und Betrüger, den sie erblicken, wird von ihnen bestrickt, er muß daran, und mit allerhand schlimmen Künsten die getrennten Horte zusammenbringen. Er meint, den Mammon zu haben, und der Mammon hat ihn. Aber über den Redlichen ist diesem die Gewalt versagt, daher der auch für die Vereinigung der Metalle nichts tut, den Proteus, wenn dieser sich aus Irrtum einmal zwischen seine Finger verirrte, sogleich wieder aus denselben fallen läßt, mit andern Worten zeitlebens arm bleibt.
Also geht es zu in der Welt; das wissen wir alle. Wie anders und schöner es aber geworden wäre, wenn die Erde die Vöglein aus den Eiern sich zur Gesellschaft hätte ausbrüten können, das deutet in gewissem Maße uns der Mondschein an. Nämlich, als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten, und die Kometen zu früh zur Welt gekommen waren, tönte es aus einem Winkel gar lieblich und bat um milde Behandlung. Die Erde sah nach, und bemerkte, daß eins der Eier zurückgeblieben war, dessen Inwendiges sich eben zum äußeren Leben hindurchrang. Es war eine sanfte Mädchengestalt, viel sanfter und zarter, als die andern, welche, sobald sie nur auf ihren kleinen Füßen stehn konnte, unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete, und versprach, ihr immer hold und gewärtig zu sein. Die Erde aber, welche der Undank der übrigen tief erbitterte, und in welcher sich schon Proteus, der Metallverdruß abgelagert hatte, ließ, wie es in solchen Fällen geht, die Unschuldige büßen, verstieß sie mit harten Worten, und rief, sie möchte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel suchen, ihr solle sie nicht vor die Augen kommen. Und damit schüttelte sie sich dermaßen, daß die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert wurde.
Aber sie ließ sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen. War ihr auch ein näheres Verhältnis untersagt, so konnte ihr doch niemand verbieten, der zornigen Mutter zu folgen, und sie in gemeßner Entfernung zu umkreisen. Das hat sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis an der Welt Ende, was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt.
Der Zorn der Erde ist längst vorüber, und sie lechzt eigentlich im stillen innigst nach der Vereinigung mit Lunen. Allein diesem Umstande tritt die inzwischen entstandne Schöpfung entgegen, da sich voraussehn läßt, daß, wenn die beiden großen Mächte zusammenkämen, Wälder und Felder, Tiere und Menschen dazwischen zerquetscht werden würden. Ein solches Verderben will nun die Erde als gute Haushälterin nicht, und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht werden, und Luna hat sich entschließen müssen, nur zu scheinen. Der Mondschein ist der schwärmerische Ersatz für den Kuß der Mutter und Tochter. Er ist kein bloßer Schein; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter, welche davon bis in ihre Tiefen selig erschüttert wird. Nicht Geheimes, oder Unbekanntes verkünde ich, was ich erzähle, ist jedem bewußt. Wer hat nicht die Zauber der Mondnacht empfunden? Alle Geschöpfe fühlen, daß etwas Großes, Liebes vorgehe, und sind in einer Art von Verwandlung, die Läuber der Bäume zittern, die Blumen spenden süßen Duft, die Lilien schicken leichte Flämmchen aus ihren Kelchen, die Vögel singen im Schlafe, und in den Herzen der Menschen sprießt die Liebe. Immer stärker wird das Verlangen Lunas nach der guten, gekränkten Mutter, sie wächst mit ihren Wünschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe, aus dieser zum Vollmonde.

Aber Proteus, dem alles sanfte Zerfließen ein Greuel, ärgert sich und ergrimmt zu wilden Gedanken, wenn die Sachen so weit gekommen sind. Die Erze in den Schachten rauschen und glimmern, die Waffen in den Rüstsälen klirren, die Goldstücke und Taler in den Säckeln der Reichen klappern unheimlich. Vor diesem bösen Wesen erschrickt Luna, nimmt ab bis zum Neumonde, und scheint für immer verschüchtert zu sein. Aber wer kann das Herz zwingen? Kaum hat sich der grimme Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben, so blinkt auch die liebe Sichel wieder am Saume des Horizonts hervor, und das trauliche Spiel beginnt aufs neue.
Den Tod hätten wir gewiß alle davon, wenn Luna das Verbot der Mutter überwände, und sich, anstatt des Scheins, an ihr Herz legte. Aber gedenke ich, wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat, in welchen süßen Frieden er mich einschlummernd gewiegt, so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang wünschen, nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren Ordnung der Dinge wieder auferständen. 
Immermann: Die Epigonen, 6. Buch, 12. Kapitel, S.398-402

Ein Papagei spielt Postbote

Die Klappe des Schreibtisches war offengelassen worden, Papiere, aus farbigen Mappen hervorsehend, lagen darauf. Der dreiste Vogel hatte sich die Entfernung der Gebieterin zunutze gemacht, vieles herausgezerrt, zerbissen, auf den Fußboden gestreut. Jetzt saß er auf dem Rande eines Korbes, welcher zur Aufnahme der weggeworfenen Papierschnitzel diente, und zerstörte mit großer Emsigkeit ein paar feine rote Blättchen, die er zwischen Klauen und Schnabel hin-und herzog. Hermann wollte ihm den Raub abjagen; der Papagei ließ die Blätter in den Korb fallen und entfloh mit lächerlichen Sprüngen. Hermann sah in dem Korbe die halbzerrißnen Blätter auf andern gleichfarbigen liegen; er mußte sie für Wegwurf halten und konnte meinen, wenigstens keine Indiskretion zu begehn, wenn er sich dieselben zueignete. Die Handschrift der Herzogin winkte ihm von ihnen entgegen; in seinen unklaren verworrnen Empfindungen streckte er nach ihnen die bebende Hand aus, er wollte etwas von der Fürstin besitzen, heutebesitzen, er drückte unwillkürlich seinen Mund auf die Blätter, und schob sie unter die Weste; auf seinem Herzen sollten sie ruhn. Wie ein Schatten schwebte die Gestalt Corneliens seiner Seele vorüber, schon hatten seine Finger die Blätter gefaßt, um sie an ihren Ort zurückzubringen, als das Erscheinen der Herzogin, die aus dem anstoßenden Gemache in das Zimmer trat, dieses gute Vorhaben vereitelte.

Immermann: Die Epigonen, 

02 November 2014

Der Salon von Madame Meyer

Madame Meyer war eine enthusiastische Verehrerin des Schönen, besonders der bildenden Künste, in deren Wesen ihre Freunde ihr tiefe Einsichten zutrauten. Es machte auf Hermanns Augen einen sonderbaren Eindruck, als er zum ersten Male bei ihr vorgelassen wurde. Man führte ihn durch eine Reihe von Zimmern, worin Dämmrung und blendender Lichtglanz abwechselten. Denn, hatte er eins durchschritten, von welchem gemalte Fensterscheiben den Tag abhielten, so trat er in ein andres, in welchem goldgrundierte, heftig-bunte Gemälde die Wände bedeckten, und die Sehnerven sich fast verwundet fühlten. In diesem Hause war der eigentliche Sammelplatz der Künstler und Kunstfreunde, welche bei Medon mehr nur wie Zugvögel einsprachen, weil man ihm anmerken konnte, daß, so gefällig er auch auf artistische Gespräche einzugehn, und so verständig er sie zu führen wußte, sein Sinn und seine Neigung doch mehr andern Gebieten zugewendet waren. Zwei Abende in der Woche waren zu regelmäßigen Zusammenkünften bestimmt, in denen man sich über Gegenstände des Fachs unterhielt, Stein-und Handzeichnungen besah. Blieb nach diesen Beschäftigungen noch Zeit übrig, so pflegte man im Konzertzimmer Musik zu machen, zu welcher meistenteils altkatholische Hymnen auserwählt wurden. Madame Meyer hatte dieses Gemach wie eine kirchliche Kapelle aufschmücken lassen, und sich eine wohlklingende Haus- und Handorgel zu verschaffen gewußt.

Immermann: Die Epigonen, 

01 November 2014

Flämmchens Tanz

Einen Kranz auf dem Haupte, und einen in jeder Hand haltend, schritt das Mädchen gemessen, fast feierlich, erst rund um die Felsenplatte, als vollziehe sie die Weihe des Orts. Dann in die Mitte sich stellend, wandte sie ihr glänzendes Antlitz gegen den Mond, und begann nun, immer seiner leuchtenden Scheibe zugekehrt, ihren ausdrucksvollen Tanz. Bald neigte sie sich ihm mit zärtlicher Gebärde entgegen, bald schien sie vor ihm verstellterweise zu fliehn, jetzt hob sie den einen, dann den andern Kranz lockend empor, darauf ließ sie beide sinken, verwechselte sie, warf sie in die Luft, daß sie dort Bogen beschrieben, und fing sie jederzeit gewandt und zierlich wieder auf, während Füße und Leib ihr anmutiges Spiel fortsetzten. DerSinn dieses Tanzes war ein liebliches Gedicht; der kalte hohe Freund da oben, sollte zur Erde herabgezogen werden, mit welcher er einst in größerer Vertraulichkeit gelebt habe, und auf der jede Sehnsucht nur eine Erinnrung an diese schöne Liebeszeit sei. Was ihre Bewegungen an diesem Mondscheinmärchen noch dunkel ließen, deuteten Strophen aus, die sie dazwischen absang, und womit sie sich den Takt anzugeben schien. Sie hatten alle ein gewisses Metrum, bestanden aber oft nur aus abgebrochnen Worten, deren Verbindung die Zuhörenden ergänzen mußten. Die Alte gab zuweilen in einer fremden Sprache, welche weder der Arzt, noch der Domherr verstand, eine Art von Refrain zu vernehmen.

Immermann: Die Epigonen,

31 Oktober 2014

Die Bildungsgrundsätze des Edukationsrates

»Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ist es mein Grundsatz, die mir anvertrauten Zöglinge auf dem kürzesten Wege zu Menschen, welche dem wirklichen Leben angehören, auszubilden«, erwiderte der Edukationsrat. »Ich wünsche sie ohne Umschweife zu dem zu machen, wozu man nach der alten Manier nur infolge der schmerzlichsten Pilgerschaft wurde, nämlich zu Bürgern. Deshalb ist in meinen Lehrplan nur das aufgenommen, was sie in ihrem künftigen Berufe unmittelbar brauchen: Länder-und Völkerkunde, Gewerbe, Naturwissenschaft, Geschichte der neuesten Zeit. Von Sprachen, namentlich von den toten, nur das Notdürftigste. Ich leugne die Würde des Gelehrten nicht, aber die Menschen so erziehen, als ob sie alle Gelehrte werden sollen, heißt das Bette des Prokrustes von neuem in Anwendung bringen. Am günstigsten steht die Aufgabe des Jugendbildners, wenn früh sich entschiedne Neigungen zeigen, die den künftigen Stand vorbedeuten. Denn der Stand ist eigentlich der Mensch. Dieses Glück hatte ich bei meinen Söhnen. Sobald die beiden ältesten nur auf ihren Füßen stehn konnten, schleppten sie an Steinen, Pflanzen, toten Tieren herbei, dessen sie habhaft wurden. Ich bemerkte indessen, daß der eine sich mehr mit dem Erbeuten, der andre mehr mit dem Trocknen und Aufbewahren abgab. Auch verließ den ersten bald die Lust am Mineralreiche; er wandte sich ganz zum Vegetabilischen und Animalischen. Steckte nun also nicht in jenem der geborne Jäger, und in diesem der Naturforscher? Der Kleine dort, der Baumeister, schnitt, seitdem er die Hände zu regen vermochte, Figuren in Papier und Pappe aus, und der Pastor, über den ich am längsten unklar gewesen bin, hat mich endlich dadurch von seiner Anlage überzeugt, daß er stundenlang still sitzen, und dann plötzlich aus dem Stegreife anfangen kann, Verse zu deklamieren. Anfangs gaben wir die Namen, welche Ihre Aufmerksamkeit erregt haben, den Knaben zum Scherz, nach und nach ist bei uns und ihnen, ja in der ganzen Anstalt daraus Ernst geworden, und sie werden nun in jeder Hinsicht so behandelt, als seien sie das schon, was sie werden sollen.«

Immermann: Die Epigonen, 


Mein Eindruck ist, dass Immermann hier die pädagogische Provinz aus Goethes Wilhelm Meisters Wanderjahren parodiert und zwar in durchaus kritischer Absicht gegenüber dem selbstgerechten Ton, der dort von den Erziehern angeschlagen wird. 


Unserm Wanderer fiel der Ernst auf, die wunderbare Strenge, mit welcher sowohl Anfänger als Fortschreitende behandelt wurden; es schien, als wenn keiner aus eigner Macht und Gewalt etwas leistete, sondern als wenn ein geheimer Geist sie alle durch und durch belebte, nach einem einzigen großen Ziele hinleitend. Nirgends erblickte man Entwurf und Skizze, jeder Strich war mit Bedacht gezogen, und als sich der Wanderer von dem Führer eine Erklärung des ganzen Verfahrens erbat, äußerte dieser: die Einbildungskraft sei ohnehin ein vages, unstätes Vermögen, während das ganze Verdienst des bildenden Künstlers darin bestehe, daß er sie immer mehr bestimmen, festhalten, ja endlich bis zur Gegenwart erhöhen lerne.
Man erinnerte an die Notwendigkeit sicherer Grundsätze in andern Künsten. »Würde der Musiker einem Schüler[249] vergönnen, wild auf den Saiten herumzugreifen oder sich gar Intervalle nach eigner Lust und Belieben zu erfinden? Hier wird auffallend, daß nichts der Willkür des Lernenden zu überlassen sei; das Element, worin er wirken soll, ist entschieden gegeben, das Werkzeug, das er zu handhaben hat, ist ihm eingehändigt, sogar die Art und Weise, wie er sich dessen bedienen soll, ich meine den Fingerwechsel, findet er vorgeschrieben, damit ein Glied dem andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den rechten Weg bereite; durch welches gesetzliche Zusammenwirken denn zuletzt allein das Unmögliche möglich wird.
Was uns aber zu strengen Forderungen, zu entschiedenen Gesetzen am meisten berechtigt, ist: daß gerade das Genie, das angeborne Talent sie am ersten begreift, ihnen den willigsten Gehorsam leistet. Nur das Halbvermögen wünschte gern seine beschränkte Besonderheit an die Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen und seine falschen Griffe, unter Vorwand einer unbezwinglichen Originalität und Selbstständigkeit, zu beschönigen. Das lassen wir aber nicht gelten, sondern hüten unsere Schüler vor allen Mißtritten, wodurch ein großer Teil des Lebens, ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpflückt wird. (Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, 2. Buch, 8. Kapitel)

Der Adel als Ruine

Aber diese sogenannte Kultur scheint mir nur eine andre Barbarei zu sein, der wir entgegengehn, oder vielleicht schon verfallen sind. Denn, wenn die frühere darin bestand, daß niemand oder wenige etwas wußten, so ist die jetzige wohl nicht minder beklagenswürdig, wo alle zu verstehn glauben, was kaum einer oder der andre überwältigt. Das ist eben das traurige Gefühl, was man gar nicht los wird, daß man die Nichtsnutzigkeit der Gegenwart immer empfinden muß und mit seinem Verstande sich doch vorhält, wie schwierig eine Restauration dessen sein möchte, was vor der Welt freilich zur Ruine geworden ist.« »Auch der Adel ist so eine Ruine«, sagte Hermann. »Ich muß immer lächeln, wenn ich sie noch mit ihren Titeln und Würden sich brüsten sehe. Was macht den Adel? Die Abgeschlossenheit, das Kastenmäßige. Nun aber haben die Bessern sich längst mit dem gebildeten Mittelstande vermischt. Nirgends finden Sie noch in der guten Gesellschaft den Unterschied der Stände. Leben wir hier auf unserm Schlosse anders, als in einer anständigen Bürgerfamilie? Erinnert irgendeine Etikette daran, daß wir mit Gliedern eines der ältesten Häuser unsres Vaterlandes Umgang pflegen?«

(Hervorhebung von mir)

Immermann: Die Epigonen, 

29 Oktober 2014

Welt des Adels

[...] weiße Meubles mit goldnen Leisten standen umher, von Konsolen herab sahen die Büsten der großen Dichter. Heitre und doch ernsthafte italienische Landschaften füllten die Zwischenräume aus; auf einem runden Tische lagen rote vergoldete Bände. Der Advokat schlug einige derselben auf, und fand »Hermann und Dorothea«, »Tasso«, »Iphigenia«, Homer, die Gesänge unsres Schiller. Die Herzogin hatte dieses Zimmer vor kurzem erst einrichten lassen; man brachte dort den Abend zu, wenn es draußen zu schwül war, und genoß der Aussicht auf die neuen Anlagen, welche in stetiger Folge die Blüten jeder Jahreszeit spendeten. Alle Hausgenossen, welche zum Zirkel gehörten, besaßen den Schlüssel zu diesem Gemache, um nach Bequemlichkeit dort verweilen zu können. Er war eine geraume Zeit lang allein, und seine Empfindungen wurden immer trüber, je länger er diese gewölbten Marmorstirnen, diese Prospekte auf Felsen und Palmen, Himmel und Meer betrachtete, oder in die gelbrot glühenden Georginenbeete der holden Fürstin schaute. Der junge Mann hatte nichts von dem, was man heutzutage ästhetische Bildung nennt, aber er folgte einem natürlichen Gefühle. Seine erste Empfindung war stets, andre Menschen für edler und klüger zu halten als sich, und das Lied eines Dichters konnte ihn bis zu Tränen rühren. In diesem, der geistigen Erholung gewidmeten Orte, drängten sich ihm nun alle Anregungen der vergangnen Tage zusammen. Schon erblickte er hier, wo das Schöne gute Menschen beseligt hatte, ein ödes rechnendes Comptoir, schon sah er dort, draußen, quer über die armen Blumen, über den samtnen Rasen einen Weg für Karren und Schleifen zu irgendeiner trostlosen Fabrikhütte führen. Er kam sich selber hassenswürdig und niedrig vor, daß er zu solchem Beginnen die mithelfende Hand bieten wollte. Mit dem Buchstaben eines ungerechten Rechts den geheiligten Zustand so verehrungswerter Personen zu zerstören, es erschien ihm gemein und ruchlos. Aber was sollte er tun? Wie durfte er eine Treulosigkeit begehn, gegen welche sich alle seine Begriffe sträubten? Im heftigen Kampfe mit sich selbst ging er auf und nieder, und blickte bald diese bald jene Büste an, als fragte er die Helden des Gesangs um Rat in seiner Not. Denkverse standen mit goldnen Buchstaben unter jeder Konsole. Er las den Spruch unter Schillers Haupt:   Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!   Und plötzlich kam ihm, wie durch innre Erleuchtung der Entschluß. »Ja«, rief er, »es gibt etwas Höheres, als die Form, und das ist der Gehalt. Über alle Worte und Satzungen hinaus liegen die Quellen des Wahren und Guten. Kein Kontrakt kann uns zu einer Schlechtigkeit verpflichten. Mein Machtgeber kennt den ganzen Stand der Sache, ausführlich will ich ihm melden, was ich hier verhandelt habe, aber dann rühre ich keine Feder mehr für ihn an!«

Immermann: Epigonen,  

Flämmchen

Flämmchens Fluchtgeschichte war einfach genug. Das Mädchen war die Tochter eines polnischen Offiziers, der, unter den Fahnen des Eroberers dienend, Mutter und Kind auf den Kriegszügen durch Deutschland mit sich umhergeführt hatte. Er blieb in einer großen Schlacht, bald nachher starb auch seine Geliebte, eine Spanierin, von Klima und Mangel aufgezehrt. Aus den Händen armer Leute empfing der Komödiant das elternlose Geschöpf. Er war ein gutmütiger Mensch und spielte schon damals edle Väter. Der Anblick des kleinen Wesens, dem die Augen wie Kohlen im Kopfe brannten, und welches aus seinen Lumpen so keck hervorsah, als sei es eine Prinzessin, rührte ihn. Er ließ das Kind sich abtreten, und beschloß, es zu seinem Gewerbe anzuführen. Indessen brachte ihm diese wohltätige Handlung keinen Segen, sondern nur Herzeleid. Fiametta, die lieber Flämmchen heißen wollte, war das eigensinnigste, widerspenstigste Ding, was polnisches und spanisches Blut, vereinigt erzeugen können. Die sogenannte Erziehung, welche ihr in jener Komödiantenwirtschaft zuteil wurde, fruchtete nichts, und unmöglich war es, sie zum Auftreten zu bewegen. Sie begreife nicht, sagte sie, wozu das dumme Zeug, wie sie das Schauspiel nannte, diene? der falsche Vater lüge ja den ganzen Tag über, warum er denn des Abends zu seinen Lügen die fremden Kleider anziehe?

Immermann: Epigonen, 

27 Oktober 2014

Krankheit als Glück

Eine bedeutende Krankheit kann bisweilen ein Glück sein. Unser Leben wird zur größeren Hälfte von Gewohnheiten, und nur zur kleineren von Freiheit und Entschluß genährt. Gewohnheiten aber sind meistens die Polster, welche die schwachen Seiten unsrer Natur sich unterlegen. Eine Krankheit unterbricht nun den einschläfernden Gang dieser Nachgiebigkeiten, und macht es dem Genesenden möglich, sich nicht bloß im körperlichen, sondern auch in einem höheren Sinne, wie neugeboren zu fühlen.

Immermann: Die Epigonen