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27 September 2014

Ein Traum

Als ich endlich um 4 Uhr zu Haus kam und beim rosigen Tageslicht eingeschlafen war, bildete ich mir ein, mein Lager sei das Moos eines Waldes. Da weckte mich ein klägliches Geschrei. Ich sah mich um und erblickte einen armen Teufel, der eben von der Spitze eines hohen Baumes schräg durch die Luft fuhr, und neben mir zur Erde stürzte. Stöhnend und leichenblaß raffte er sich auf und jammerte schmerzlich: nun sei es aus mit ihm! Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, als ein Wesen, das einem zugestöpselten Tintenfaß glich, herbeikam und dem halbtoten Menschen unter Flüchen noch mehrere Stöße mit dem Stöpsel gab. Ich packte es aber, zog den Stöpsel heraus, und wie die Tinte nachströmte, verwandelte es sich in einen Mohren in glänzend silberner Jacke und prächtigem costume, der lachend rief: ich sollte ihn nur in Frieden lassen, er wolle mir Sachen zeigen, wie ich noch nie gesehen. 
Jetzt fingen auch sogleich Zaubereien an, die alle Pinettis und Philadelphias der Welt weit hinter sich zurückließen. Ein großer Schrank, unter andern, veränderte seinen Inhalt jeden Augenblick und alle Schätze Golkondas mit den unerhörtesten Seltenheiten kamen nacheinander zum Vorschein. Ein dicker Mann mit vier hübschen Töchtern, welcher eifrig zusah, und den ich sogleich als einen Herrn erkannte, der früher in Brighton Bälle gab, und Rolls hieß, weshalb man ihn (seiner Korpulenz wegen) ›double-rolls‹, seine Töchter aber ›hot-rolls‹ nannte, äußerte indes, das Ding daure ihm zu lange, er sei hungrig. 
Sogleich rief der beleidigte Zauberer mit zorniger Miene, indem sein Anzug sich vor unsern Augen scharlachrot färbte: Zwei wird fünf und sieben zehn. Augen eßt! Der Mund soll seh'n, Vorn und hinten wechselt schnell. Fitzli butzli very well. 
Kaum war diese Verschwörung ausgesprochen, als ein prächtiges Mahl erschien, und der arme Rolls sich eifrig frische grüne Erbsen in die Augen steckte, die auch ohne alle Umstände heruntergingen, während er, mit dem lorgnon vor dem Munde, alle die übrigen Wunderdinge, die sich auf der Tafel ausbreiteten, betrachtete und in Gedanken verschlang. Jetzt wollte er Frau und Töchter auch dazu einladen, konnte aber über kein anderes Sprechorgan als dasjenige disponieren, dem gewöhnlich das Lautwerden untersagt ist, so daß alle ›hot-rolls‹ sich über Papas sonderbare ›propos‹ fast totlachen wollten. 
Zu guter Letzt ging er noch, in der groteskesten Verdrehung, auf den Händen zum Zauberer hin, um sich zu bedanken, und langte en passant mit den Füßen in eine Schüssel tutti frutti, die sein neues Sprachorgan mit einem melodischen: »Delicious!« begleitete. (Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen)

10 September 2014

Unfallgefahr für Arbeiter

Die armen Arbeiter sind doch mitunter übel daran! Sie verdienen zwar hinlänglich, aber mehrere ihrer Beschäftigungen sind auch, bei der geringsten Nachlässigkeit, bei dem kleinsten Versehen, oft furchtbar gefährlich. So sah ich heute einen, dessen Geschäft es ist, bei dem Stampfen der Livree-Knöpfe den Würfel zu halten, und dem bei dieser Gelegenheit schon zweimal der Daumen zerschmettert wurde, welcher jetzt nur noch einen kleinen unförmlichen Fleischklumpen bildete. Wehe denen, die den Dampf- und andern Maschinen mit ihren Röcken zu nahe kommen. Schon mehrere faßte diese unerbittliche Macht, und zerquetschte sie, wie die grausame Boa ihre hilflose Beute. Dabei sind viele Arbeiten so ungesund wie in den Bleiwerken Sibiriens, und bei manchen ist ein Geruch auszustehen, den der ungewohnte Besucher kaum minutenlang ertragen kann. Es hat alles seine Schattenseite, auch diese hochgesteigerte Industrie, doch ist sie deshalb nicht zu verwerfen. Hat doch selbst die Tugend ihre Nachteile, wo sie im geringsten das Maß überschreitet, und dagegen das Schlimmste, ja das Laster nicht ausgenommen, seine lichteren Stellen.

Pückler-Muskau, Briefe eines Verstorbenen

08 September 2014

Hawkstone Park

Hawkstone Park, den 2ten Januar 1827 

Geliebte Freundin! Obgleich ich gestern mich sehr parkblasiert fühlte, und nicht glaubte, noch irgendein lebhaftes Interesse für dergleichen fassen zu können, so bin ich doch heute wieder umgewandelt worden, und muß Hawkstone sogar vor dem bisher Gesehenen den Vorzug geben, welchen ihm, nicht Kunst, noch Pracht und aristokratischer Glanz, sondern die Natur allein verleiht, die hier Außerordentliches getan hat, ja in einem Grade, daß ich, selbst mit der Macht begabt der Schönheit dieser Gegend noch etwas hinzuzusetzen (Gebäude ausgenommen), nicht aufzufinden wüßte, was. Es scheinen hier durchaus alle Elemente für die günstige Lage vereinigt, wie Du aus einer einfachen Beschreibung selbst entnehmen wirst. Wirf also Deine Geistesaugen auf einen Erdfleck von solchem Umfang, daß Du von dem höchsten Punkt darin, rund umher den Blick über 15 verschiedene Grafschaften schweifen lassen kannst. Drei Seiten dieses weiten Panoramas heben und senken sich in steter Abwechselung mannigfacher Hügel und niedriger Bergrücken, gleich den Wogen der bewegten See, und werden am Horizont von den höchst seltsam geformten, zackigen Felsen und hohen Gebürgen von Wales umgeben, die sich auf ihren beiden Enden sanft nach der vierten Seite der Aussicht, einer fruchtbaren, von Tausenden hoher Bäume beschatteten Ebene abdachen, welche in dämmernder Ferne, da, wo sie mit dem Himmelsgewölke zusammenfließt, von einem weißen Nebelstreife, dem Meere, begrenzt wird. Das Waliser Gebürge ist zum Teil mit Schnee bedeckt, und alles fruchtbare Land dazwischen so eng mit Hecken und Bäumen durchwirkt, daß es in der Ferne mehr den Anblick eines lichten Waldes gewährt, den nur hie und da Gewässer, mit unzähligen größeren und kleineren Wiesen und Feldern durchschneiden. Grade in der Mitte dieser Szene siehst Du nun auf einer Berggruppe, über die nahen Wipfel alter Buchen- und Eichwälder hinschauend, die oft mit den üppigsten Wiesenabhängen abwechseln, und deren Inneres 5-600 Fuß hohe Felsenwände mit hellgrün glänzenden, zutage gehenden Kupferadern, nach mehreren Richtungen durchkreuzen, und vielfache tiefe Gründe und freundliche Täler bilden. An einer der finstersten Stellen dieser Wildnis erheben sich die uralten Ruinen der ›Roten Burg‹, ein prachtvolles Andenken aus den Zeiten Wilhelm des Eroberers. Nun denke Dir noch, daß diese ganze romantische Berggruppe, die sich, ganz für sich allein bestehend, aus der Ebene erhebt, fast in regelmäßigem Kreise von den silberhellen Wellen des Hawk-Flusses umströmt wird, und dieser so natürlich eingeschlossene Raum eben der Park von Hawkstone ist, ein auch in der Umgegend so anerkannt reizender Ort, daß die jungen Ehepaare aus den nahen Städten Liverpool und Shrewsbury seit lange die Gewohnheit haben, wenn ihre Trauung in die schöne Jahreszeit fällt, die ersten Wochen des neuen süßen Glücks in Hawkstone zuzubringen. Vielleicht ist dies die Ursache, daß dieser Park, ganz wider die englische Sitte, mehr dem Publikum als seinem Besitzer gewidmet ist, der gar nicht hier wohnt, ja dessen Haus verfallen und unansehnlich in einem Winkel des Parks, gleich einem hors d'œuvre, verborgen liegt. Dagegen ist ein schöner Gasthof darin erbaut, der besagte Ehepaare, sowie Liebende aller Art, nebst andern Naturfreunden, mit den ausgesuchtesten Betten und solider Stärkung durch Speise und Trank versorgt. Hier schlugen auch wir unser Lager auf, und begannen, nach einem guten Frühstück à la fourchette, den langen Weg zu Fuß – denn wegen des schwierigen Terrains kann der Park nicht befahren werden. Die kletternde Promenade, die im Winter sogar nicht ganz ohne Gefahr ist, dauerte vier Stunden. Über einen weiten Wiesenplan, von Eichen beschattet und von weidenden Herden bedeckt, wanderten wir auf sehr nassem Boden (denn es hatte leider die ganze Nacht geregnet und geschneit) den Kupferfelsen zu. Diese erheben sich über einen hohen Abhang alter Buchen, wie eine darüberhängende Mauer, und sind oben wieder mit schwarzem Nadelholz gekrönt,...

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

27 August 2014

Raffael, Titian und Machiavelli - Kunstschätze auf Warwick Castle

Die Kunstschätze sind unzählbar, und die Gemälde, unter denen sich auch nicht ein mittelmäßiges befand, sondern die fast alle von den größten Meistern sind, haben überdem zum Teil ein ganz besonderes Familien-Interesse, da sehr viele Portraits der Ahnen sich darunter befinden, von der Hand Titians, Van Dycks und Rubens gemalt. Der größte Schatz, und zwar ein unschätzbarer, ist eins der bezauberndsten Bilder Raphaels, die schöne Johanna von Aragonien (eine nicht genau historisch auszumittelnde Person) von der es, seltsam genug, vier Bilder gibt, alle höchst vortrefflich, und die alle für das echte Original ausgegeben werden, drei davon jedoch ohne Zweifel Kopien sein müssen, dem Vorbilde aber so gut wie gleich geworden sind. Das eine ist in Paris, das andere in Rom, das dritte in Wien, das vierte hier. Ich kenne sie alle vier, und muß unbedingt dem hiesigen den Vorzug geben. Es liegt ein Zauber in diesem herrlichen Weibe, der nicht auszusprechen ist! Ein Auge, das in die Tiefen der Seele führt, königliche Hoheit, verbunden mit der weiblichsten Liebesempfänglichkeit, wollüstiges Feuer im Blick, zugleich mit süßer Schwermut gepaart, dabei eine schwellende Fülle des schönsten Busens, eine durchsichtige Zartheit der Haut, und eine Wahrheit, Glanz und Grazie der Gewänder, wie des ganzen Schmucks der Bekleidung – so, wie es nur ein so göttliches Genie in himmlischer Schöpferkraft vollständig hervorrufen konnte. Zu den interessantesten Portraits, durch das historische Interesse, welches man an den Personen nimmt, noch erhöht, gehören folgende: Zuerst Machiavelli, von Titian. Ganz, wie ich mir ihn gedacht. Ein feines und kluges, und doch dabei leidendes Gesicht, wie trauernd über die so tief erkannte, nichtswürdige Seite des menschlichen Geschlechts, jene hündische Natur, die nur liebt, wenn sie getreten wird, nur folgt, wo sie fürchtet, nur treu ist, wo sie Vorteil davon hat. Ein Zug mitleidigen Spottes umschwebt die schmalen Lippen, während das dunkle Auge nachdenkend in sich selbst hineinzuschauen scheint. Es deucht einem im ersten Augenblick sonderbar und auffallend, daß dieser große und klassische Schriftsteller so lange auf die abgeschmackteste Weise mißverstanden worden ist, entweder als ein moralisches Scheusal geschildert (und wie albern ist in dieser Hinsicht die Refutation Voltaires) oder gar die abenteuerliche Hypothese aufgestellt, daß sein Buch eine Satire sei! Bei näherer Betrachtung erlangt man indes bald die Überzeugung: daß nur die neuere Zeit, welche endlich anfängt, die Politik aus einem höhern, wahrhaft menschlichen Gesichtspunkte zu verstehen und zu behandeln, Machiavellis ›Fürsten‹ richtig beurteilen konnte . Dieser tiefe und scharfsinnige Geist gibt wirklich den Fürsten der Willkür – so nenne ich aber alle die, welche sich nur par la grâce de Dieu, um ihrer selbst willen, ›Fürsten‹ glauben; alle Eroberer, auch alle Glückspilze der Geschichte, denen durch ein blindes Ohngefähr Völker geschenkt wurden, die sie für ihr Eigentum ansahen – dieser Art Fürsten also, sage ich, gibt er die einzige und wahre Weise an, wie sie prosperieren, die einzigen erschöpfenden Regeln, die sie befolgen müssen, um ihre, von Haus aus auf dem Boden der Sünde und des Irrtums erwachsene Macht erhalten zu können. Sein Buch ist und bleibt für ewige Zeiten das unübertreffliche, das wahre Evangelium für solche, und wir Preußen insbesondere mögen uns Glück wünschen, daß in neuester Zeit Napoleon ›seinen Machiavelli‹ so schlecht inne hatte, weil wir sonst wohl noch unter seinem Joche seufzen möchten! Wie herrlich geht aber über diesem Abgrund, dem seine relative Wahrheit nicht abzustreiten ist, die Sonne des repräsentativen Volksfürsten neuerer Zeit auf! Wie nichtig wird dann, von dieser Basis ausgehend, das ganze Gebäude der Finsternis, welches Machiavelli so meisterhaft entwickelt, und sinkt vor ihren Strahlen in Nichts zusammen, denn es braucht ja nun weder mehr der List und Unwahrheit, noch der despotischen Gewalt und Furcht, um zu regieren....

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

22 August 2014

Warwick Castle

Warwick den 28sten Dez. 1826
 Teuere Julie! 
Beim Himmel! diesmal erst bin ich von wahrem und ungemeßnem Enthusiasmus erfüllt. Was ich früher beschrieben, war eine lachende Natur, verbunden mit allem, was Kunst und Geld hervorbringen können. Ich verließ es mit Wohlgefallen, und obgleich ich schon Ähnliches gesehen, ja selbst besitze, nicht ohne Verwunderung. Was ich aber heute sah, war mehr als dieses, es war ein Zauberort, in das reizendste Gewand der Poesie gehüllt, und von aller Majestät der Geschichte umgeben, dessen Anblick mich noch immer mit freudigem Staunen erfüllt. Du erfahrne Historienkennerin und Memoirenleserin weißt besser als ich, daß die Grafen von Warwick einst die mächtigsten Vasallen Englands waren, und der große Beauchamp, Graf von Warwick, sich rühmte, drei Könige entthront, und ebenso viele auf den leeren Thron gesetzt zu haben. Sein Schloß steht schon seit dem 9ten Jahrhundert und ist seit Elisabeths Regierung im Besitz derselben Familie geblieben. Ein Turm der Burg, angeblich von Beauchamp selbst erbaut, hat sich ohne alle Veränderung erhalten, und das Ganze steht noch so kolossal und mächtig, wie eine verwirklichte Ahnung der Vorzeit da.
 Schon von weitem erblickst Du die dunkle Steinmasse [Bild], über uralte Zedern vom Libanon, Kastanien, Eichen und Linden, senkrecht aus den Felsen am Ufer des Avon, mehr als 200 Fuß hoch über die Wasserfläche emporsteigen. Fast ebenso hoch noch überragen wieder zwei Türme von verschiedener Form das Gebäude selbst. Der abgerissene Pfeiler einer Brücke, mit Bäumen überhangen, steht mitten im Fluß, der, tiefer unten, grade wo die Schloßgebäude beginnen, einen schäumenden Wasserfall bildet, und die Räder der Schloßmühle treibt, welche letztere, mit dem Ganzen zusammenhängend, nur wie ein niedriger Pfeilervorsprung desselben erscheint. Jetzt verlierst Du im Weiterfahren eine Weile den Anblick des Schlosses, und befindest Dich bald vor einer hohen krenelierten Mauer aus breiten Quadern, durch die Zeit mit Moos und Schlingpflanzen bedeckt. Die Flügel eines hohen eisernen Tors öffnen sich langsam, um Dich in einen tiefen, durch den Felsen gesprengten Hohlweg einzulassen, an dessen Steinwänden ebenfalls von beiden Seiten die üppigste Vegetation herabrankt. Dumpf rollt der Wagen auf dem glatten Felsengrunde hin, den in der Höhe alte Eichen dunkel überwölben. Plötzlich bricht bei einer Wendung des Weges das Schloß im freien Himmelslichte aus dem Walde hervor, auf einem sanften Rasenabhang ruhend, und zwischen den ungeheuren Türmen, an deren Fuß Du Dich befindest, verschwindet der weite Bogen des Eingangs zu dem Schein einer unbedeutenden Pforte. Eine noch größere Überraschung steht Dir bevor, wenn Du durch das zweite eiserne Gittertor den Schloßhof erreichst. Etwas Malerischeres und zugleich Imposanteres läßt sich beinah nicht denken! Laß Dir durch Deine Phantasie einen Raum hinzaubern, ungefähr noch einmal so groß als das Innere des römischen Colosseums, und versetze Dich damit in einen Wald voll romantischer Üppigkeit. [...]
Vor Dir jedoch erwartet Dich, wenn Du jetzt den Blick nach der Höhe erhebst, von allem das erhabendste Schauspiel. Denn auf dieser vierten Seite steigt aus einem niedrigen bebuschten Kessel, den der Hof hier bildet, und mit dem sich auch die Gebäude eine geraume Strecke senken, das Terrain von neuem, in Form eines konischen Berges steil empor, an dem die gezackten Mauern des Schlosses mit hinan klimmen. Dieser Berg, der ›Keep‹, ist bis oben dicht bewachsen mit Gesträuch, das jedoch nur den Fuß der Türme und Mauern bedeckt. Dahinter aber ragen, hoch über alle Steinmassen, noch ungeheure uralte Bäume hervor, deren glatte Stämme man wie in der Luft schwebend erblickt, während auf dem höchsten Gipfel eine kühne Brücke, auf beiden Seiten von den Bäumen eingefaßt, gleich einem hehren Himmelsportal plötzlich die breiteste, glänzendste Lichtmasse, hinter der man die Wolken fern vorüberziehen sieht, unter dem Schwibbogen und den dunklen Baumkronen durchbrechen läßt. Stelle Dir nun vor: diese magische Dekorationen auf einmal zu übersehen, verbinde die Erinnerung damit, daß hier neun Jahrhunderte stolzer Gewalt, kühner Siege und vernichtender Niederlagen, blutiger Taten und wilder Größe, vielleicht auch sanfter Liebe und edler Großmut, zum Teil ihre sichtlichen Spuren, oder wo das nicht ist, doch ihr romantisch ungewisses Andenken, zurückgelassen haben – und urteile dann, mit welchem Gefühl ich mich in die Lage des Mannes versetzen konnte, dem solche Erinnerungen des Lebens seiner Vorfahren durch diesen Anblick täglich zurückgerufen werden, und der noch immer dasselbe Schloß des ersten Besitzers der Veste Warwick bewohnt, desselben halb-fabelhaften Guy, der vor einem Jahrtausend lebte, und dessen verwitterte Rüstung mit hundert Waffen berühmter Ahnen in der altertümlichen Halle aufbewahrt wird. Gibt es einen so unpoetischen Menschen, in dessen Augen nicht die Glorie dieses Andenkens, auch den schwächsten Repräsentanten eines solchen Adels, noch heute umglänzte? [...]
War ich nun vorher, schon seit dem ersten Anblick des Schlosses, von Überraschung zu Überraschung fortgeschritten, so wurde diese, wenngleich auf andre Weise, fast noch in den Zimmern überboten. Ich glaubte mich völlig in versunkene Jahrhunderte versetzt, als ich in die gigantische baronial-hall trat, ganz wie sie Walter Scott beschreibt, die Wände mit geschnitztem Zedernholz getäfelt, mit allen Arten ritterlicher Waffen angefüllt, geräumig genug um alle Vasallen auf einmal zu speisen, und ich dann vor mir einen Kamin aus Marmor erblickte, in dem ich ganz bequem mit dem Hute auf dem Kopf, noch neben dem Feuer stehen konnte, das auf einem 300 Jahre alten eisernen, seltsam gestalteten Roste, von der Form eines Korbes, wie ein Scheiterhaufen aufloderte. Seitwärts war, der alten Sitte getreu, auf einer Unterlage, gleichfalls von Zedernholz, mitten auf dem steinernen Fußboden, den nur zum Teil verschossene hautelisse-Teppiche deckten, eine Klafter ungespaltenes Eichenholz aufgeschichtet. Durch einen in Braun gekleideten Diener, dessen Tracht, mit goldnen Kniegürteln, Achselschnüren und Besatz hinlänglich altertümlich aussah, wurde von Zeit zu Zeit dem mächtigen Feuer, vermöge eines drei Fuß langen Klotzes, neue Nahrung gegeben. Hier war überall der Unterschied zwischen der echten alten Feudalgröße, und der nur in moderner Spielerei nachgeahmten ebenso schlagend, als zwischen den bemoosten Trümmern der verwitterten Burg auf ihrer Felsenspitze, und der gestern aufgebauten Ruine im Lustgarten eines reich gewordnen Lieferanten. Fast alles in den Zimmern war alt, prächtig und originell, nirgends geschmacklos, und mit der größten Liebe und Sorgfalt unterhalten. Es befanden sich die seltsamsten und reichsten Zeuge darunter, die man jetzt gar nicht mehr auszuführen im Stande sein möchte, in einer Mischung von Seide, Samt, Gold und Silber, alles durcheinander gewirkt.
Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

Warwick Castle als Touristenattraktion
Bildergalerie

Pückler Muskaus Reisebeschreibungen erschienen zwei Jahre vor dem ersten Baedeker-Reiseführer. Doch Karl Baedeker folgte seinerseits dem Vorbild des ersten Rhein-Reiseführers von 1827.

15 August 2014

Punch, der englische Kasperle

Es ist dies ›Punch‹, der englische, ganz vom italienischen verschiedene Pulcinella, dessen getreue Abbildung ich hier beifüge, wie er eben seine Frau totschlägt, denn er ist der gottloseste Komiker, der mir noch vorgekommen ist, und so complet ohne Gewissen, wie das Holz, aus dem er gemacht ist, und ein wenig auch die Klasse der Nation, welche er repräsentiert. Punch hat, wie sein Namensvetter, auch etwas von Arrak Zitronen und Zucker in sich, stark, sauer und süß, und dabei von einem Charakter, der dem Rausche, welchen jener herbeiführt, ziemlich gleich ist. Er ist überdies der vollendetste Egoist, den die Erde trägt, et ne doute jamais de rien. Mit dieser unbezwingbaren Lustigkeit und Laune besiegt er auch alles, lacht der Gesetze, der Menschen, und selbst des Teufels, und zeigt in diesem Bilde zum Teil, was der Engländer ist, zum Teil, was er sein möchte, nämlich Eigennutz, Ausdauer, Mut, und wo es sein muß, rücksichtslose Entschlossenheit auf der vaterländischen Seite, unerschütterlichen leichten Sinn und stets fertigen Witz auf der ausländischen – aber erlaube, daß ich, sozusagen mit Punchs eignen Worten, ihn weiter schildere, und aus seiner Biographie noch einige fernere Nachrichten über ihn mitteile. Als ein Nachkomme Pulcinellas aus Acerra ist er für's erste unbezweifelt ein alter Edelmann, und Harlekin, Clown, der deutsche Kasperle selbst u.s.w. gehören zu seiner nahen Vetterschaft, er jedoch paßt, wegen seiner großen Kühnheit, am besten zum Familien-Chef. Fromm ist er leider nicht, aber als guter Engländer geht er doch ohne Zweifel Sonntags in die Kirche, wenn er auch gleich darauf einen Priester totschlägt, der ihn zu sehr mit Bekehrungsversuchen ennuyiert. Es ist nicht zu leugnen, Punch ist ein wilder Kerl, keine sehr moralische personnage, und nicht umsonst von Holz. Niemand z. B. kann besser boxen, denn fremde Schläge fühlt er nicht, und seine eignen sind unwiderstehlich. Dabei ist er ein wahrer Türke in der geringen Achtung menschlichen Lebens, leidet keinen Widerspruch, und fürchtet selbst den Teufel nicht. Dagegen muß man aber auch in vieler andern Hinsicht seine großen Eigenschaften bewundern. Seine admirable Herzens-Unempfindlichkeit und schon gepriesene, stets gute Laune, sein heroischer Egoismus, seine nicht zu erschütternde Selbstzufriedenheit, sein nie versiegender Witz und die konsommierte Schlauheit, mit der er aus jedem mauvais pas sich zu ziehen, und zuletzt als Sieger über alle Antagonisten zu triumphieren weiß, werfen einen glänzenden lustre über alle die kleinen Freiheiten, die er sich im übrigen mit dem menschlichen Leben herauszunehmen pflegt. Man hat in ihm eine Verschmelzung von Richard III. und Falstaff nicht ganz mit Unrecht gefunden. In seiner Erscheinung vereinigt er auch die krummen Beine und den doppelten Höcker Richards mit der angehenden Beleibtheit Falstaffs, zu welcher noch die italienische lange Nase und die feuersprühenden schwarzen Augen sich gesellen. Seine Behausung ist ein auf vier Stangen gestellter Kasten mit gehörigen innern Dekorationen, ein Theater, das in wenigen Sekunden am beliebigen Orte aufgeschlagen wird, und dessen über die Stangen herabgelassene Draperie Punchs Seele verbirgt, die seine Puppe handhabt, und ihr die nötigen Worte leiht. Dieses Schauspiel, in dem er täglich, wie gesagt, in der Straße auftritt, variiert daher auch nach dem jedesmaligen Talente dessen, der Punch dem Publikum verdolmetscht, doch ist der Verlauf desselben im wesentlichen sich gleich, und ohngefähr folgender: Sowie der Vorhang aufrollt, hört man hinter der Szene Punch das französische Liedchen ›Marlborough s'en va-t-en guerre‹ trällern, worauf er selbst tanzend und guter Dinge erscheint, und in drolligen Versen die Zuschauer benachrichtigt, wes Geistes Kind er sei. Er nennt sich einen muntern, lustigen Kerl, der gern Spaß mache, aber nicht viel von andern verstehe, und wenn er ja sanft werde, ihm dies nur vis-à-vis des schönen Geschlechts arriviere. Sein Geld vertue er frank und frei, und seine Absicht sei überhaupt,... 

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

Wir Deutsche, die wir von unserem Kasperle nur das Tri, tra, trullala kennen, entdecken bei Punch zwar den großen Knüppel und den Holzkopf wieder, doch das deftige Erbe der Shakespearezeit ist von Gottsched mit dem Hanswurst offenbar nicht nur von der Theater, sondern auch von der Puppenbühne vertrieben worden. Jedenfalls ist Pückler-Muskau schon 1826 aufgefallen, wie stark der Geschmack des Publikums der Ränge damals außerhalb der italienischen Oper noch das Theatergeschehen prägte:

Was den Fremden in den hiesigen Theatern gewiß am meisten auffallen muß, ist die unerhörte Rohheit und Ungezogenheit des Publikums, weshalb auch, außer der italienischen Oper, wo sich nur die höchste und bessere Gesellschaft vereinigt, diese Klasse nur höchst selten und einzeln die Nationaltheater besucht, ein Umstand, von dem es noch zweifelhaft sein möchte, ob er gut oder nachteilig auf die Bühne selbst wirkt. Englische Freiheit also artet hier in die gemeinste Lizenz aus, und es ist nichts Seltenes, mitten in der ergreifendsten Stelle einer Tragödie, oder während dem reizendsten cadence der Sängerin, mit Stentorstimme eine Zote ausrufen zu hören, der, nach Stimmung der Umstehenden, in der Galerie und obern Logen, entweder Gelächter und Beifallsgeschrei, oder eine Prügelei und Herauswerfen des Beleidigers folgt. In jedem der beiden Fälle hört man aber lange nichts mehr vom Theater, wo Schauspieler und Sänger sich jedoch aus alter Gewohnheit von dergleichen keineswegs unterbrechen lassen, sondern comme si de rien n'était ruhig fortdeklamieren, oder mit der Stimme wirbeln. Und solches fällt nicht einmal, nein zwanzigmal während einer Vorstellung vor, und belustigt manche mehr als diese. [...]

Ich fand Mozarts ›Figaro‹ im Drury Lane angekündigt, und freute mich, die süßen, vaterländischen Töne wieder zu hören, ward aber nicht wenig von der unerhörten Behandlung überrascht, die des unsterblichen Komponisten meisterhaftes Werk hier erfahren mußte. Du wirst es mir gewiß kaum glauben wollen, daß weder der Graf, noch die Gräfin, noch Figaro sangen, sondern diese Rollen von bloßen Schauspielern gegeben, und die Hauptarien derselben, mit einiger Veränderung der Worte, von den übrigen Sängern vorgetragen wurden, wozu der Gärtner noch eingelegte englische Volkslieder zum besten gab, die sich zu Mozarts Musik ohngefähr wie ein Pechpflaster auf dem Gesichte der Venus ausnahmen. Die ganze Oper war überdies von einem Herrn Bischoff (was ich auch auf der affiche bemerkt sah, und zuerst gar nicht verstand) ›arrangiert‹, d.h. englischen Ohren durch die abgeschmackten Abänderungen gerechter gemacht. Die englische National-Musik, deren plumpe Melodien man keinen Augenblick verkennen kann, hat, für mich wenigstens, etwas ganz ausnehmend Widriges – einen Ausdruck brutaler Gefühle in Schmerz und Lust, der sich von rostbeef, plum-pudding und Porter ressentiert. Du kannst Dir also denken, welchen angenehmen Effekt diese Verschmelzung mit den lieblichen Kompositionen Mozarts hervorbringen mußte. Je n'y pouvais tenir, der arme Mozart kam mir vor wie ein Märtyrer auf dem Kreuze, und ich selbst litt nicht weniger dabei.

Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen

14 August 2014

Ursachen des Reichtums der Grundbesitzer in Großbritannien

Der große Reichtum der Gutsbesitzer in England muß immer die Kontinentalen frappieren, wo jetzt größtenteils gerade die Gutsbesitzer die ärmste und die am wenigsten von den Gesetzen und Institutionen protegierte Klasse sind. Hier konkurriert alles zu ihrem Vorteil. Es ist äußerst schwer, für den Rentier freies Grundeigentum in England zu akquirieren, da fast aller Grund und Boden der Krone, oder dem hohen Adel gehört, die es in der Regel nur auf eine Art Erbpacht ausgeben, so daß zum Beispiel, wenn ein Großer ein Städtchen sein nennt, dies nicht, wie bei uns, bloß die Oberherrschaft darüber bedeutet, sondern jedes Haus das wirkliche Eigentum des Besitzers ist, dem Inhaber nur, wie ich gleich auseinandersetzen werde, auf bestimmte Zeit überlassen. Man kann sich denken, welche ungeheure, immer steigende Revenuen dies in einem außerdem so industriellen Lande hervorbringen muß, und kann nicht umhin, zu bewundern, wie die dortige Aristokratie sich, in großer Übereinstimmung, seit Jahrhunderten alle Institutionen zu ihrem besten Vorteil einzurichten gewußt hat. Der freie Kauf eines Grundstücks erfordert mehrere schwierige Bedingungen, und jedenfalls kann er nur zu so hohen Preisen stattfinden, daß kleinere Kapitalisten sie nicht daran wenden können, und wie es einmal ist, bei der Erbpacht für ihre Person immer noch mit besserem Nutzen dazu kommen, und diese daher auch fortwährend vorziehen. Die hiesige Erbpacht ist aber sehr verschieden von der bei uns üblichen. Es wird nämlich dem Anbauer der nötige Platz auf 99 Jahren dergestalt überlassen, daß er, bei Häusern pro Fuß der Front, eine gewisse Rente jährlich, von einigen Schillingen bis zu 5 bis 10 Guineen, bei größern Grundstücken soundsoviel per acre (englischer Morgen) an den Grundbesitzer zahlt. Er schaltet nun damit wie er will, baut auf wie er Lust hat, macht Gärten, Parkanlagen u. s. w.; nach dem Verlauf der 99 Jahre aber fällt alles, wie es steht und liegt, und was niet- und nagelfest ist, der Familie des Verkäufers wieder zu, ja noch mehr, der Pächter muß sein Haus u. s. w. im besten Stand erhalten, und sogar den Ölanstrich alle 7 Jahre erneuern, wozu er durch Visitationen polizeilich angehalten wird. Übrigens kann er während der ihm zugemessenen Frist auch wieder an andere verkaufen, aber immer nur bis zu jener festgesetzten Epoche, wo der eigentliche Herr wieder in Besitz tritt. Alle Landstädte, Villen u. s. w., die man sieht, gehören also, wie gesagt, auf diese Weise Haus für Haus einzelnen großen Gutsbesitzern, und obgleich die Erbpächter nach umgelaufener Frist gewöhnlich das prekäre Eigentum von neuem erstehen, so müssen sie doch, im Verhältnis als der Wert der Grundstücke seitdem gestiegen, oder sie selbst sie verbessert haben, die Rente verdoppeln und verdreifachen. Selbst der größte Teil der Stadt London gehört unter solchen Verhältnissen einzelnen Adeligen, von denen z. B. Lord Grosvenor allein über 100 000 L. St. Kanon ziehen soll. Daher ist, außer der Aristokratie, fast kein Hausbewohner in London wahrer Grundeigentümer des seinigen. Selbst der Bauquier Rothschild besitzt kein eignes, und wenn einer, dem Sprachgebrauch nach, eins kauft, so fragt man ihn: ›auf wie lange?‹ Der Preis variiert dann, nachdem es aus erster Hand, gewöhnlich auf Rente, oder aus zweiter und dritter für ein Kapital erstanden wird. Der größte Teil des Erwerbs der Industrie fällt durch diesen Gebrauch ohnfehlbar der Aristokratie zu, und vermehrt notwendig den unermeßlichen Einfluß, den sie schon ohnedem auf die Regierung des Landes ausübt. [...]
[Laß mich hier ein für allemal bemerken, daß wer England nur nach seinem Aufenthalte daselbst im Jahre 1813 beurteilt, sich ganz darüber irren muß, denn damals war eine Epoche des Enthusiasmus, eine grenzenlose Freude der ganzen Nation von ihrem gefährlichsten Feinde durch uns befreit worden zu sein, die sie zum ersten, und vielleicht letztenmale allgemein liebenswürdig machte. ] [...]
Auch mir, von dem die Engländer wie von jedem Heiratsfähigen, der hier herkommt, steif und fest glauben, es geschehe nur, um eine reiche Engländerin zur Frau zu suchen, hat man einen coup fourré machen wollen, und einen satirischen Artikel, jene Materie berührend, aus einer heimatlichen Fabrik erborgt, und in verschiedene hiesige Zeitungen gesetzt. Ich bin aber schon längst in der Schule eines alten Praktikers in diesem Punkt aguerriert worden, und lachte daher selbst zuerst am lautesten darüber, indem ich öffentlich harmlose Scherze über mich und andere dabei nicht sparte. Dies ist das einzige sichre Mittel, dem ridicule in der Welt zu begegnen, denn zeigt man sich empfindlich oder embarrasiert, dann erst wirkt das Gift, sonst verdampft es, wie kaltes Wasser auf einem glühenden Stein. Das verstehen auch die Engländer vortrefflich. [...]

Da der Eigentümer also nur auf 99 Jahre Besitz im besten Falle rechnen kann, baut er auch so leicht als möglich, und dies hat zur Folge, daß man öfters in den Londner Häusern seines Lebens nicht sicher ist. So fiel denn auch diese Nacht, ganz nahe von mir in St. James Street ein gar nicht altes Gebäude plötzlich wie ein Kartenhaus ein, und nahm auch die Hälfte des andern noch mit sich, wobei mehrere Menschen gefährlich beschädigt worden sein sollen, aber doch größtenteils noch Zeit zur Rettung fanden, da drohende Vorzeichen sie avertierten. Bei der Schnelligkeit, mit der man hier aufbaut, wird ohne Zweifel das Gebäude in vier Wochen wieder stehen, wenngleich ebenso unsicher wie vorher.

 Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Dritter Teil [chronologisch der erste]

13 August 2014

In London trifft Pückler u.a. Rothschild

London, den 5ten Oktober 1826 
Ich habe eine sehr unglückliche Überfahrt gehabt. Eine bourrasque, die leidige Seekrankheit, 40 Stunden Dauer statt 20, und zu guter Letzt noch das Festsitzen auf einer Sandbank in der Themse, wo wir 6 Stunden verweilen mußten, ehe uns die Flut wieder flott machte, waren die unangenehmen événements dieser Reise. Ich weiß nicht, ob ich früher (es sind 10 Jahre seit ich England zum letztenmal verließ), alles mit verschönernden Augen ansah, oder meine Einbildungskraft seitdem, mir unbewußt, das entfernte Bild sich mit reizenderen Farben ausmalte – ich fand diesmal alle Ansichten, die wir von beiden Ufern erhielten, weder so frisch noch pittoresk als sonst, obgleich zuweilen doch herrliche Baumgruppen und freundliche Landsitze sichtbar wurden. Auch hier verstellt, wie im nördlichen Deutschland, das Lauben der Bäume gar oft die Landschaft, nur daß ihre Menge in den vielfachen Hecken, die alle Felder umgeben, und die Rücksicht, daß man ihnen wenigstens die äußersten Kronen und Wipfel läßt, den Anblick weniger trostlos machen, wie z. B. in dem sonst so schönen Schlesien. Unter den Passagieren befand sich ein Engländer, der erst kürzlich aus Herrnhut zurückkehrte, und auch das Bad von M... besucht hatte. Es divertierte mich sehr, ungekannt von ihm, seine Urteile über die dortigen Anlagen zu hören. Wie der Geschmack verschieden ist, und man daher bei nichts verzweifeln darf, kannst Du daraus abnehmen, daß dieser Mann jene düstern Gegenden ungemein bewunderte, bloß wegen der Immensität ihrer ›evergreen woods‹, womit er die endlosen monotonen Kieferwälder meinte, die uns so unerträglich vorkommen, in England aber, wo die Kiefern mühsam in den Parks angepflanzt werden, obgleich sie in der Regel schlecht gedeihen, eine sehr geschätzte Seltenheit sind. [...]
Den 7ten Oktober 
Was Dich hier sehr ansprechen würde, ist die ausnehmende Reinlichkeit in allen Häusern, die große Bequemlichkeit der meuble, die Art und Artigkeit der dienenden Klassen. Es ist wahr, man bezahlt alles was zum Luxus gehört, (denn das bloß Notwendige ist im Grunde nicht viel teurer als bei uns) sechsfach höher, man findet aber auch sechsfach mehr comfort dabei. So ist auch in den Gasthöfen alles weit reichlicher und im Überflusse, als auf dem Kontinent. Das Bett z.B., welches aus drei übereinandergelegten Matratzen besteht, ist groß genug, um zwei bis drei Personen darauf Platz zu geben, und sind die Vorhänge des viereckigen Betthimmels, der auf starken Mahagoni-Säulen ruht, zugezogen, so befindest Du Dich wie in einem kleinen cabinet, ein Raum, wo in Frankreich jemand ganz bequem wohnen würde. [...]
Alles präsentiert sich so behaglich vor Dir, daß Dich sofort beim Erwachen eine wahre Badelust anwandelt. Braucht man sonst etwas, so erscheint auf den Ruf der Klingel entweder ein sehr nett gekleidetes Mädchen mit einem tiefen Knicks, oder ein Kellner, der in der Tracht und mit dem Anstand eines gewandten Kammerdieners respektvoll Deine Befehle entgegennimmt, statt eines ungekämmten Burschen in abgeschnittener Jacke und grüner Schürze, der mit dummdreister Zutätigkeit Dich fragt: ›Was schaffen's, Ihr Gnoden‹, oder: ›haben Sie hier geklingelt?‹ und dann schon wieder herausläuft, ehe er noch recht vernommen hat, was man eigentlich von ihm wollte. Gute Teppiche decken den Boden aller Zimmer, und im hellpolierten Stahl-Kamin brennt ein freudiges Feuer, statt der schmutzigen Bretter und des rauchenden oder übelriechenden Ofens in so vielen vaterländischen Gasthäusern. [...] die Dienerschaft ist stets da, wenn man sie braucht, und drängt sich doch nicht auf, der Wirt selbst aber erscheint gewöhnlich beim Anfang des dinner, um sich zu erkundigen, ob man mit allem zufrieden sei; kurz, man vermißt in einem guten Gasthofe hier nichts, was der wohlhabende gereiste Privatmann in seinem eignen Hause besitzt, und wird vielleicht noch mit mehr Aufmerksamkeit bedient. Freilich ist die Rechnung dem angemessen, und auch die waiters müssen ziemlich ebensohoch wie eigne Diener bezahlt werden. In den ersten Hotels ist ein Kellner, für seine Person allein, mit weniger als zwei Pfund Trinkgeld die Woche durchaus nicht zufrieden. Die Trinkgelder sind überhaupt in England mehr als irgendwo an der Tagesordnung, und werden mit seltner Unverschämtheit selbst in der Kirche eingefordert. [...]
Überdies macht das bequeme Gehen auf den vortrefflichen Londoner Trottoirs, die bunten fortwährend wechselnden Bilder in den Straßen und die vielen reichen Läden, welche die meisten zieren, die Spaziergänge in der Stadt, besonders bei Abend, für den Fremden sehr angenehm. Außer der glänzenden Gasbeleuchtung sind dann vor den vielen Apothekerläden große Glaskugeln von tief roter, blauer und grüner Farbe aufgehangen, deren prachtvolles Licht meilenweit gesehen wird, und oft zum Leitstern, aber auch zuweilen zum Irrstern dient, wenn man unglücklicherweise eines mit dem andern verwechselt. [...]
Wie hätte ich aber die City verlassen können, ohne ihren wahren lion (englischer Ausdruck für jedes Außerordentliche in seiner Art) ihren Beherrscher – mit einem Wort: Rothschild, besucht zu haben. Auch er bewohnt hier nur ein unscheinbares Lokal (denn im West End of the town befindet sich sein Hotel), und in dem kleinen Hof des comptoirs wurde mir durch einen Frachtwagen, mit Silberbarren beladen, der Eingang zu diesem Haupt-Alliierten der heiligen Allianz ziemlich schwierig gemacht. Ich fand den russischen Konsul daselbst, der eben seine Cour machte. Es war ein feiner und gescheiter Mann, der seine Rolle perfekt zu spielen, und den schuldigen Respekt cum dignitate zu verbinden wußte. Dies wurde um desto schwerer, da der geniale Selbstherrscher der City eben nicht viel Umstände machte, denn, nachdem er gegen mich, der ihm seinen Kreditbrief überreicht hätte, ironisch geäußert: wir wären glückliche reiche Leute, daß wir so umherreisen und uns amüsieren könnten, während auf ihm armen Manne Weltlasten lägen, fuhr er damit fort, sich bitter zu beklagen, daß kein armer Teufel nach England käme, der nicht von ihm etwas haben wolle. So habe noch gestern wieder ein Russe bei ihm gebettelt, eine Episode, die dem Gesicht des Konsuls einen bittersüßen Stempel aufdrückte, »und«, setzte er hinzu, »die Deutschen lassen mir vollends gar keine Ruhe!« Hier kam die Reihe an mich, gute contenance zu halten. Als sich nachher das Gespräch auf politische Gegenstände richtete, gaben wir beide gern zu, daß ohne ihn Europa nicht mehr bestehen könne; er lehnte es aber bescheiden ab, und meinte lächelnd: »Ach nein, da machen Sie nur Spaß, ich bin nichts mehr als ein Bedienter, mit dem man zufrieden ist, weil er die Geschäfte gut macht, und dem man dann aus Erkenntlichkeit auch was zufließen läßt.« Dies wurde in einer ganz eigentümlichen Sprache, halb englisch, halb deutsch, das Englische aber ganz mit deutschem Akzent, vorgetragen, jedoch alles mit einer imponierenden assurance, die dergleichen Kleinigkeiten unter ihrer Aufmerksamkeit zu finden scheint. Mir erschien gerade diese originelle Sprache sehr charakteristisch an einem Manne, dem man Genialität, und sogar einen in seiner Art großen Charakter gar nicht absprechen kann.

 Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen, Dritter Teil [chronologisch der erste]

12 August 2014

Fürst Pückler auf Englandreise macht Station bei Goethe

In der Wikipedia heißt es über Pücklers zweite Englandreise:
1822 wurde Pückler in den Fürstenstand erhoben. 1826 kam es pro forma zur Scheidung von Lucie, mit der er dessen ungeachtet lebenslang freundschaftlich zusammen blieb. Der verschuldete Park- und Gartengestalter wollte nach England reisen, um erneut reich zu heiraten. Auf der Suche nach einer vermögenden Erbin verbrachte Pückler zwischen 1825 und 1829 viele Monate dort. Seite „Hermann von Pückler-Muskau“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 16. Juni 2014, 18:16 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Hermann_von_P%C3%BCckler-Muskau&oldid=131358522 (Abgerufen: 12. August 2014, 20:59 UTC)
Seine tagebuchartigen Berichte bracht er anonym unter dem Titel Briefe eines Verstorbenen heraus, doch wurde seine Autorschaft recht bald aufgedeckt. Zugrunde liegen seine realen Briefe an seine Frau Lucie, die er in der Druckausgabe aber als Freundin und als Julie anspricht. Es war auch von Anfang an geplant, die Briefe zu veröffentlichen. Daher der bewusst auf Wirkung ausgerichtete Stil. 

Leipzig, den 11ten In einem recht schönen Zimmer mit wohlgebohntem Parkett, eleganten meubles und seidenen Vorhängen, alles noch in der ersten fraicheur, deckt man soeben den Tisch für mein dîner, während ich die Zeit benütze, Dir ein paar Worte zu schreiben. Ich verließ heute früh um 10 Uhr Dresden in ziemlich guter Stimmung, das heißt, bunte Phantasiebilder für die Zukunft ausmalend, nur die Sehnsucht nach Dir, gute Julie, und die daraus folgende Vergleichung meines faden und freudelosen Alleinseins gegen die herrliche Lust, mit Dir in glücklicheren Verhältnissen diese Reise machen zu können, griffen mir oft peinlich an's Herz. Vom Wege hieher ist nicht viel zu sagen, er ist nicht romantisch, selbst nicht die, mehr Sand als Grün zur Schau tragenden, Weinberge bis Meißen. Doch erregt die zu offene, aber durch Fruchtbarkeit und Frische ansprechende Gegend zuweilen angenehme Eindrücke, unter andern bei Oschatz, wo der schön bebuschte Culmberg, wie ein jugendlich gelocktes Haupt in das Land hineinschaut. Die Chaussee ist gut, und es scheint, daß auch in Sachsen das Postwesen sich verbessert, seitdem in Preußen der vortreffliche Nagler eine neue Post-Ära geschaffen hat. [...]
Unterwegs aber geben mir die hellen Kristallfenster vom größten Format, die kein Gepäck und kein Bock verbaut, ebenso freie Aussicht als eine offene Kalesche, und lassen mich zugleich Herr der Temperatur, die ich wünsche. Die Leute auf ihrem hinter dem Wagen befindlichen hohen Sitze, übersehen von dort alles Gepäck und die Pferde, ohne in das Innere neugierige Blicke werfen, noch eine Konversation daselbst überhören zu können, wenn ja, im Lande der Brobdingnags oder Lilliputs angelangt, einmal Staatsgeheimnisse darin verhandelt werden sollten. [...]
Die Fluren von Jena und Auerstädt betrat ich mit eben den Gefühlen, die zwischen den Jahren 1806 und 1812 ein Franzose der großen Armee gehabt haben mag, wenn er über Roßbachs Felder schritt, denn der letzte Sieg bleibt (wie das letzte Lachen) immer der beste – und als nach so vielen Schlachterinnerungen mich der Musensitz, das freundliche Weimar in seinen Schoß aufnahm, segnete ich den edlen Fürsten, der hier ein Monument des Friedens aufgerichtet, und einen Leuchtturm im Gebiete der Literatur aufbauen half, der so lange in vielfarbigem Feuer Deutschland vorgeflammt hat. [...]
Der Großherzog hatte am Morgen die Güte, mir seine Privatbibliothek zu zeigen, die elegant arrangiert, und besonders reich an prächtigen englischen Kupferwerken ist. Er lachte herzlich, als ich ihm erzählte, kürzlich in einem Pariser Blatte gelesen zu haben, daß auf seinen Befehl Schiller ausgegraben worden sei, um sein Skelett in des Großherzogs Bibliothek in natura aufzustellen. Die Wahrheit ist, daß bloß seine Büste mit denen anderer die Säle ziert, sein Schädel aber dennoch, wenn ich recht hörte, im Postamente derselben verwahrt wird, allerdings eine etwas sonderbare Ehrenbezeugung. [...]
Diesen Abend stattete ich Goethe meinen Besuch ab. Er empfing mich in einer dämmernd erleuchteten Stube, deren clair-obscur nicht ohne einige künstlerische Koketterie arrangiert war. Auch nahm sich der schöne Greis mit seinem Jupiters-Antlitz gar sittlich darin aus. Das Alter hat ihn nur verändert, kaum geschwächt, er ist vielleicht weniger lebhaft als sonst, aber desto gleicher und milder, und seine Unterhaltung mehr von erhabener Ruhe als jenem blitzenden Feuer durchdrungen, das ihn ehemals, bei aller Grandezza, wohl zuweilen überraschte. Ich freute mich herzlich über seine gute Gesundheit, und äußerte scherzend, wie froh es mich mache, unsern Geister-König immer gleich majestätisch und wohlauf zu finden. »O, Sie sind zu gnädig«, sagte er mit seiner immer noch nicht verwischten süddeutschen Weise, und lächelte norddeutsch, satirisch dazu, »mir einen solchen Namen zu geben.« – »Nein«, erwiderte ich, wahrlich aus vollem Herzen, »nicht nur König, sondern sogar Despot, denn Sie reißen ja ganz Europa gewaltsam mit sich fort.« Er verbeugte sich höflich, und befrug mich nun über einige Dinge, die meinen früheren Aufenthalt in Weimar betrafen, sagte mir dann auch viel Gütiges über M... und mein dortiges Streben, mild äußernd, wie verdienstlich er es überall finde, den Schönheitssinn zu erwecken, es sei auf welche Art es wolle, wie aus dem Schönen dann immer auch das Gute und alles Edle sich mannigfach von selbst entwickele, und gab mir zuletzt sogar, auf meine Bitte, uns dort einmal zu besuchen, einige aufmunternde Hoffnung. Du kannst Dir vorstellen, Liebste, mit welchem empressement ich dies aufgriff, wenn es gleich nur eine façon de parler sein mochte. Im fernern Verlauf des Gesprächs, kamen wir auf Sir Walter Scott. Goethe war eben nicht sehr enthusiastisch für den großen Unbekannten eingenommen. ›Er zweifle gar nicht‹, sagte er, ›daß er seine Romane schreibe, wie die alten Maler mit ihren Schülern gemeinschaftlich gemalt hätten, nämlich, er gäbe Plan und Hauptgedanken, das Skelett der Szenen an, lasse aber die Schüler dann ausführen, und retouchiere nur zuletzt.‹ Es schien fast, als wäre er der Meinung, daß es gar nicht der Mühe wert sei, für einen Mann von Walter Scotts Eminenz seine Zeit zu so viel fastidiösen Details herzugeben 
[Fußnote: Sir Walters offizielle Erklärung, daß alle jene Schriften von ihm allein seien, war damals noch nicht gegeben. A. d. H. ]. [...]
Von Lord Byron redete er nachher mit vieler Liebe, fast wie ein Vater von seinem Sohne, was meinem hohen Enthusiasmus für diesen großen Dichter sehr wohl tat. Er widersprach unter andern auch der albernen Behauptung, daß ›Manfred‹ eine Nachbetung seines ›Faust‹ sei, doch sei es ihm allerdings als etwas Interessantes aufgefallen, sagte er, daß Byron unbewußt sich derselben Maske des Mephistopheles wie er bedient habe, obgleich freilich Byron sie ganz anders spielen lasse. Er bedauerte es sehr, den Lord nie persönlich kennengelernt zu haben, und tadelte streng, und gewiß mit dem höchsten Rechte, die englische Nation, daß sie ihren großen Landsmann so kleinlich beurteile und im allgemeinen so wenig verstanden habe. [...]
Ich grolle meinem schlechten Gedächtnis, daß ich mich nicht mehr aus unsrer ziemlich belebten Unterhaltung eben erinnern kann. Mit hoher Ehrfurcht und Liebe verließ ich den großen Mann, den dritten im Bunde mit Homer und Shakespeare, dessen Name unsterblich glänzen wird, solange deutsche Zunge sich erhält, und wäre irgend etwas von Mephistopheles in mir gewesen, so hätte ich auf der Treppe gewiß auch ausgerufen: Es ist doch schön von einem großen Herrn, mit einem armen Teufel so human zu sprechen  
[Fußnote: Ich glaube nicht, daß der erhabene Greis die Bekanntmachung dieser Mitteilung tadelnd aufnehmen wird. Jedes Wort, auch das unbedeutendere, seinem Munde entfallen, ist ein teures Geschenk für so viele, und sollte mein seliger Freund ihn irgendwo falsch verstanden, und nicht vollkommen richtig wiedergegeben haben, so ist wenigstens nichts in diesen Äußerungen enthalten, was, meines Bedünkens, eine Indiskretion genannt werden könnte. A. d. H.]
Fürst Pückler-Muskau: Briefe eines Verstorbenen Dritter Teil [chronologisch der erste]