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28 Mai 2018

Ungestilltes Sehnen und Sehnsucht nach dem Tod in der Romantik

"Der Topos der Hinwendung zum Tod ist in der Romantik natürlich sehr stark vertreten und äußert sich vor allem als Topos des archetypischen ungestillten Sehnens, konkret, vor allem des Liebessehnens. Hier gibt es in der Frühromantik die für das 19. Jahrhundert maßgeblich gewordenen Titel der "Schönen Müllerin" (Schubert) und der "Fernen Geliebten" (Beethoven), die geradezu zum Muster wurden und vor allem von Schumann bis Mahler und den frühen Berg auch musikalisch-motivischer Form und sogar bis hin zum musikalischen Zitat (z.B. in Schumanns Dichterliebe) aufgegriffen werden. Auch im Symphonischen Repertoire gibt es die Entgenzung, etwa im wiederum maßgeblichen letzten Satz von Beethovens 9., wo, wiederum auf Grundlage eines dichterischen Textes, [...]"(baucolo: auf gutefrage.net zu "Musik der Romantik-Motiv der Unendlicheit?")

mehr dazu: von baucolo

16 August 2016

Eichendorff: Ahnung und Gegenwart

Schon bei der ersten Lektüre hat mich die romantisch stilisierte Wirklichkeit der ersten Seiten sehr angesprochen.
Alles ist wie gemalt, ich habe, wenn ich es lese, nie das Gefühl, mit Wirklichkeit zu tun zu haben.
Wie im Märchen oder im Herrn der Ringe ist das Abenteuer nie wirklich bedrohlich, weil es mehr Traum als Wirklichkeit ist.


Ludwig Richter: Überfahrt am Schreckenstein

Bei der Lektüre schwebte mir ein Bild vor, ähnlich wie Richters Überfahrt (s.o.), nur bunter, mit mehr Personen, aus weiterer Ferne gesehen, aber ebenso arrangiert, wo man keinen Augenblick befürchtet, der Mann könnte ins Wasser stürzen, der da höchst labil mit nur einem Bein im Boot stehend, das andere auf den Bootsrand gestellt, ganz in den Anblick des Schreckensteins versunken ist.

Doch nun zum Text: 

Die Sonne war eben prächtig aufgegangen, da fuhr ein Schiff zwischen den grünen Bergen und Wäldern auf der Donau herunter. Auf dem Schiffe befand sich ein lustiges Häufchen Studenten. Sie begleiteten einige Tagereisen weit den jungen Grafen Friedrich, welcher soeben die Universität verlassen hatte, um sich auf Reisen zu begeben. Einige von ihnen hatten sich auf dem Verdecke auf ihre ausgebreitete Mäntel hingestreckt und würfelten. Andere hatten alle Augenblick neue Burgen zu salutieren, neue Echos zu versuchen, und waren daher ohne Unterlaß beschäftigt, ihre Gewehre zu laden und abzufeuern. Wieder andere übten ihren Witz an allen, die das Unglück hatten am Ufer vorüberzugehen, und diese aus der Luft gegriffene Unterhaltung endigte dann gewöhnlich mit lustigen Schimpfreden, welche wechselseitig so lange fortgesetzt wurden, bis beide Parteien einander längst nicht mehr verstanden. Mitten unter ihnen stand Graf Friedrich in stiller, beschaulicher Freude. Er war größer als die andern, und zeichnete sich durch ein einfaches, freies, fast altritterliches Ansehen aus. Er selbst sprach wenig, sondern ergötzte sich vielmehr still in sich an den Ausgelassenheiten der lustigen Gesellen; ein gemeiner Menschensinn hätte ihn leicht für einfältig gehalten. Von beiden Seiten sangen die Vögel aus dem Walde, der Widerhall von dem Rufen und Schießen irrte weit in den Bergen umher, ein frischer Wind strich über das Wasser, und so fuhren die Studenten in ihren bunten, phantastischen Trachten wie das Schiff der Argonauten. Und so fahre denn, frische Jugend! Glaube es nicht, daß es einmal anders wird auf Erden. Unsere freudigen Gedanken werden niemals alt und die Jugend ist ewig.
Wer von Regensburg her auf der Donau hinabgefahren ist, der kennt die herrliche Stelle, welche der Wirbel genannt wird. Hohe Bergschluften umgeben den wunderbaren Ort. In der Mitte des Stromes steht ein seltsam geformter Fels, von dem ein hohes Kreuz trost- und friedenreich in den Sturz und Streit der empörten Wogen hinabschaut. Kein Mensch ist hier zu sehen, kein Vogel singt, nur der Wald von den Bergen und der furchtbare Kreis, der alles Leben in seinen unergründlichen Schlund hinabzieht, rauschen hier seit Jahrhunderten gleichförmig fort. [...] 
Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen. Hier bog plötzlich ein anderes fremdes Schiff, das sie lange in weiter Entfernung verfolgt hatte, hinter ihnen um die Felsenecke. Eine hohe, junge, weibliche Gestalt stand ganz vorn auf dem Verdecke und sah unverwandt in den Wirbel hinab. Die Studenten waren von der plötzlichen Erscheinung in dieser dunkelgrünen Öde überrascht und brachen einmütig in ein freudiges Hurra aus, daß es weit an den Bergen hinunterschallte. Da sah das Mädchen auf einmal auf, und ihre Augen begegneten Friedrichs Blicken. Er fuhr innerlichst zusammen. Denn es war, als deckten ihre Blicke plötzlich eine neue Welt von blühender Wunderpracht, uralten Erinnerungen und nie gekannten Wünschen in seinem Herzen auf. Er stand lange in ihrem Anblick versunken, und bemerkte kaum, wie indes der Strom nun wieder ruhiger geworden war und zu beiden Seiten schöne Schlösser, Dörfer und Wiesen vorüberflogen, aus denen der Wind das Geläute weidender Herden herüberwehte.
[...] Das Schiff, worauf die schöne Unbekannte stand, folgte unsern Reisenden immerfort in einiger Entfernung nach. Der Strom war hier so breit und spiegelglatt wie ein See. Da ergriff einer von den Studenten seine Gitarre, und sang der Schönen auf dem andern Schiffe drüben lustig zu:

»Die Jäger ziehn in grünen Wald
Und Reiter blitzend übers Feld,
Studenten durch die ganze Welt,
So weit der blaue Himmel wallt.

Der Frühling ist der Freudensaal,
Viel tausend Vöglein spielen auf,
Da schallt's im Wald bergab, bergauf:
Grüß dich, mein Schatz, vieltausendmal!«

[...]
Friedrich war heute dabei sonderbar zumute. Er war seit mehreren Jahren diese Lebensweise gewohnt, und das Herz war ihm jedesmal aufgegangen, wie diese freie Jugend ihm so keck und mutig ins Gesicht sah. Nun, da er von dem allem auf immer Abschied nehmen sollte, war ihm wie einem, der von einem lustigen Maskenballe auf die Gasse hinaustritt, wo sich alles nüchtern fortbewegt wie vorher. Er schlich sich unbemerkt aus dem Zimmer und trat hinaus auf den Balkon, der von dem Mittelgange des Hauses über die Donau hinausging.  [...] Die Nacht war sehr finster. Als er sich über das Geländer hinauslehnte, glaubte er neben sich atmen zu hören. Er langte nach der Seite hin und ergriff eine kleine zarte Hand. Er zog den weichen Arm näher an sich, da funkelten ihn zwei Augen durch die Nacht an. Er erkannte an der hohen Gestalt sogleich das schöne Mädchen von dem andern Schiffe. Er stand so dicht vor ihr, daß ihn ihr Atem berührte. Sie litt es gern, daß er sie noch näher an sich zog, und ihre Lippen kamen zusammen. »Wie heißen Sie?« fragte Friedrich endlich. »Rosa«, sagte sie leise und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. In diesem Augenblicke ging die Stubentür auf, ein verworrener Schwall von Licht, Tabaksdampf und verschiedenen tosenden Stimmen quoll heraus, und das Mädchen war verschwunden, ohne daß Friedrich sie halten konnte. [...]

Erst lange Zeit nachher ging er wieder in sein Zimmer zurück. Aber da war indes alles still geworden. [...] Friedrich machte daher die Tür leise zu und begab sich wieder auf den Balkon hinaus, wo er die Nacht zuzubringen beschloß. Entzückt in allen seinen Sinnen, schaute er da in die stille Gegend hinaus.
»Fliegt nur, ihr Wolken«, rief er aus, »rauscht nur und rührt euch recht, ihr Wälder! Und wenn alles auf Erden schläft, ich bin so wach, daß ich tanzen möchte!« Er warf sich auf die steinerne Bank hin, wo das Mädchen gesessen hatte, lehnte die Stirn ans Geländer und sang still in sich verschiedene alte Lieder, und jedes gefiel ihm heut besser und rührte ihn neu. Das Rauschen des Stromes und die ziehenden Wolken schifften in seine fröhlichen Gedanken hinein; im Hause waren längst alle Lichter verlöscht. Die Wellen plätscherten immerfort so einförmig unten an den Steinen, und so schlummerte er endlich träumend ein.
[...]  Als die ersten Strahlen der Sonne in die Fenster schienen, [...] Friedrich überdachte seine Begebenheit in der Nacht. Es war ihm, als erwachte er aus einem Rausche, als wäre die schöne Rosa, ihr Kuß und alles nur Traum gewesen.

[...] Friedrich blickte bei diesen Worten durchs offene Fenster auf den Strom und die Berge drüben, welche heute Nacht stille Zeugen seiner Glückseligkeit gewesen waren. Jetzt sah da draußen alles anders aus und eine unbeschreibliche Bangigkeit flog durch sein Herz. [...]
Dann stellte er sich ans Fenster. Man sah von dort weit in das Gebirge. Ein Strom ging in der Tiefe, an welchem eine hellglänzende Landstraße hinablief. Die heißen Sonnenstrahlen schillerten über dem Tale, die ganze Gegend lag unten in schwüler Ruhe. Draußen vor der offenen Tür spielte und sang der Harfenist immerfort. Friedrich sah den Wolken nach, die nach jenen Gegenden hinaussegelten, die er selber auch bald begrüßen sollte. »O Leben und Reisen, wie bist du schön!« rief er freudig, zog dann seinen Diamant vom Finger und zeichnete den Namen Rosa in die Fensterscheibe. Bald darauf wurde er unten mehrere Reuter gewahr, die auf der Landstraße schnell dem Gebirge zu vorüberflogen. Er verwandte keinen Blick davon. Ein Mädchen, hoch und schlank, ritt den andern voraus und sah flüchtig mit den frischen Augen den Berg hinan, gerade auf den Fleck, wo Friedrich stand. Der Berg war hoch, die Entfernung und Schnelligkeit groß; doch glaubte sie Friedrich mit einem Blicke zu erkennen, es war Rosa. Wie ein plötzlicher Morgenblick blitzte ihm dieser Gedanke fröhlich über die ganze Erde.

(Eichendorff: Ahnung und Gegenwart 1. Buch Kapitel 1 und 2)

zu einem Ausschnitt aus dem 3. Kapitel

vgl. den Wikipediaartikel zu Ahnung und Gegenwart

Selbstverständlich lohnt es, den Text ohne Auslassungen zu lesen. Mir geht es bei den Auslassungen und bei den durch grünen Hintergrund hervorgehobenen Stellen das typisch Eichendorffsche herauszuarbeiten. 
Andere mögen es anders lesen. Für mich bleibt der Eindruck des Nichtwirklichen durch den gesamten Roman hin erhalten. 
Übrigens, der Roman wurde 1812 vollendet, Richters Bild 1837 gemalt. Eichendorff konnte das Bild nicht kennen, Richter freilich den Roman.

Wer nicht länger in den Roman hineinsehen möchte, ist eingeladen, sich noch die Stellen anzusehen, die ich vor zwei Jahren  in diesen Blog eingestellt habe. Schon damals ging es mir darum, einzufangen, wie unwirklich das dargestellte Geschehen ist und was mich daran anzieht. (damals aus: "Dichter und ihre Gesellen")

10 Oktober 2013

Die Zauberei im Herbste

Die Zauberei im Herbste. Ein Märchen, wohl Eichendorffs früheste Prosadichtung (1808), ist das Werk eines Zwanzigjährigen. Da ich diese romantische Erzählung als letztes seiner Prosawerke kennenlernte, bin ich erstaunt, wie viele charakteristische Elemente von Eichendorffs Lyrik und Prosa schon hier auftauchen. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen und werde einige Elemente zumindest für einige Zeit hier farbig abheben.
Ich hoffe diese Auszüge regen zur Lektüre des vollständigen Textes und des Wikipediaartikels von Hedwig Storch an. 

Rahmenerzählung:

Ritter Ubaldo war an einem heiteren Herbstabend auf der Jagd weit von den Seinigen abgekommen und ritt eben zwischen einsamen Waldbergen hin, als er von dem einen derselben einen Mann in seltsamer, bunter Kleidung herabsteigen sah. Der Fremde bemerkte ihn nicht, bis er dicht vor ihm stand. Ubaldo sah nun mit Verwunderung, daß derselbe einen sehr zierlichen und prächtig geschmückten Wams trug, der aber durch die Zeit altmodisch und unscheinlich geworden war. Sein Gesicht war schön, aber bleich und wild mit Bart verwachsen.
Beide begrüßten einander erstaunt, und Ubaldo erzählte, daß er so unglücklich gewesen, sich hier zu verirren. Die Sonne war schon hinter den Bergen versunken, dieser Ort weit entfernt von allen Wohnungen der Menschen. Der Unbekannte trug daher dem Ritter an, heute bei ihm zu übernachten; morgen mit dem frühesten wolle er ihm den einzigen Pfad weisen, der aus diesen Bergen herausführe. Ubaldo willigte gern ein und folgte nun seinem Führer durch die öden Waldesschluften. [...]
Es war schon Abend geworden, als sie auf der Burg anlangten. Der Ritter ließ daher ein wärmendes Kaminfeuer anlegen und brachte von dem besten Wein, den er hatte. Der Einsiedler schien sich hier zum ersten Male ziemlich behaglich zu fühlen. Er betrachtete sehr aufmerksam ein Schwert und andere Waffenstücke, die im Widerscheine des Kaminfeuers funkelnd dort an der Wand hingen, und sah dann wieder den Ritter lange schweigend an. »Ihr seid glücklich«, sagte er, »und ich betrachte Eure feste, freudige, männliche Gestalt mit wahrer Scheu und Ehrfurcht, wie Ihr Euch, unbekümmert durch Leid und Freud, bewegt und das Leben ruhig regieret, während Ihr Euch demselben ganz hinzugeben scheint, gleich einem Schiffer, der bestimmt weiß, wo er hinsteuern soll, und sich von dem wunderbaren Liede der Sirenen unterwegens nicht irremachen läßt. Ich bin mir in Eurer Nähe schon oft vorgekommen wie ein feiger Tor oder wie ein Wahnsinniger. – Es gibt vom Leben Berauschte – ach, wie schrecklich ist es, dann auf einmal wieder nüchtern zu werden!«
Der Ritter, welcher diese ungewöhnliche Bewegung seines Gastes nicht unbenutzt vorbeigehen lassen wollte, drang mit gutmütigem Eifer in denselben, ihm nun endlich einmal seine Lebensgeschichte zu vertrauen. Der Klausner wurde nachdenkend. »Wenn Ihr mir versprecht«, sagte er endlich, »ewig zu verschweigen, was ich Euch erzähle, und mir erlaubt, alle Namen wegzulassen, so will ich es tun.«

[Der Klausner erzählt:]
»Die Herbstsonne stieg lieblich wärmend über die farbigen Nebel, welche die Täler um mein Schloß bedeckten. Die Musik schwieg, das Fest war zu Ende und die lustigen Gäste zogen nach allen Seiten davon. Es war ein Abschiedsfest, das ich meinem liebsten Jugendgesellen gab, welcher heute mit seinem Häuflein dem heiligen Kreuze zuzog, um dem großen christlichen Heere das Gelobte Land erobern zu helfen. Seit unserer frühesten Jugend war dieser Zug der einzige Gegenstand unserer beiderseitigen Wünsche, Hoffnungen und Pläne, und ich versenke mich noch jetzt oft mit einer unbeschreiblichen Wehmut in jene stille, morgenschöne Zeit, wo wir unter den hohen Linden auf dem Felsenabhange meines Burgplatzes zusammensaßen und in Gedanken den segelnden Wolken nach jenem gebenedeiten Wunderlande folgten, wo Gottfried und die anderen Helden in lichtem Glanze des Ruhmes lebten und stritten. – Aber wie bald verwandelte sich alles in mir!
Ein Fräulein, die Blume aller Schönheit, die ich nur einigemal gesehen und zu welcher ich, ohne daß sie davon wußte, gleich von Anfang eine unbezwingliche Liebe gefaßt hatte, hielt mich in dem stillen Zwinger dieser Berge gebannt. Jetzt, da ich stark genug war, mitzukämpfen, konnte ich nicht scheiden und ließ meinen Freund allein ziehen.
Auch sie war bei dem Feste zugegen, und ich schwelgte vor übergroßer Seligkeit in dem Widerglanze ihrer Schönheit. Nur erst, als sie des Morgens fortziehen wollte und ich ihr auf das Pferd half, wagte ich, es ihr zu entdecken, daß ich nur ihretwillen den Zug unterlassen. Sie sagte nichts darauf, aber blickte mich groß und, wie es schien, erschrocken an und ritt dann schnell davon.« [...]

Da hörte ich plötzlich mehrere Waldhörner, die in einiger Entfernung von den Bergen einander Antwort zu geben schienen. Einige Stimmen begleiteten sie mit Gesang. Nie noch vorher hatte mich Musik mit solcher wunderbaren Sehnsucht erfüllt als diese Töne, und noch heute sind mir mehrere Strophen des Gesanges erinnerlich, wie sie der Wind zwischen den Klängen herüberwehte: 

Über gelb und rote Streifen 
Ziehen hoch die Vögel fort. 
Trostlos die Gedanken schweifen, 
Ach! sie finden keinen Port, 
Und der Hörner dunkle Klagen 
Einsam nur ans Herz dir schlagen. 
Siehst du blauer Berge Runde
 Ferne überm Walde stehn, 
Bäche in dem stillen Grunde 
Rauschend nach der Ferne gehn?
[…]
Ich aber konnte nicht widerstehen und folgte dem verlockenden Waldhornsliede immerfort, das sinnenverwirrend bald wie aus der Ferne klang, bald wieder mit dem Winde näherschwellte. Schöner, unglücklicher Jüngling, wie lieb ich dich! Schon lange liebt ich dich, und wenn der Herbst seine geheimnisvolle Feier beginnt, erwacht mit jedem Jahre mein Verlangen mit neuer, unwiderstehlicher Gewalt. Unglücklicher! Wie bist du in den Kreis meiner Klänge gekommen? Laß mich und fliehe!› Mich schauderte bei diesen Worten, und ich beschwor sie, weiter zu reden und sich näher zu erklären. Aber sie antwortete nicht, und wir gingen stillschweigend nebeneinander durch den Garten. Es war indes dunkel geworden. Da verbreitete sich eine ernste Hoheit über ihre ganze Gestalt. ‹So wisse denn›, sagte sie, ‹dein Jugendfreund, der heute von dir geschieden ist, ist ein Verräter. Ich bin gezwungen seine verlobte Braut. Aus wilder Eifersucht verhehlte er dir seine Liebe. Er ist nicht nach Palästina, sondern kommt morgen, um mich abzuholen und in einem abgelegenen Schlosse vor allen menschlichen Augen auf ewig zu verbergen. – Ich muß nun scheiden. Wir sehen uns nie wieder, wenn er nicht stirbt.› Bei diesen Worten drückte sie einen Kuß auf meine Lippen und verschwand in den dunklen Gängen. […]
Ein stiller Weiher lag im Kreise der hohen Felsen, an denen Efeu und seltsame Schilfblumen üppig emporrankten. Viele Mädchen tauchten ihre schönen Glieder singend in der lauen Flut auf und nieder. Über allen erhoben stand das Fräulein prächtig und ohne Hülle und schaute, während die anderen sangen, schweigend um die wollüstig um ihre Knöchel spielenden Wellen wie verzaubert und versunken in das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel widerstrahlte. […]
So gejagt, geängstigt und halb sinnlos, rannte ich durch die Wildnis über die Gartenmauer hinweg zu dem Schlosse des Fräuleins. Mit allen Kräften riß ich dort an den Angeln des verschlossenen Tores. ‹Mach auf›, schrie ich außer mir, ‹mach auf, ich habe meinen Herzensbruder erschlagen! Du bist nun mein auf Erden und in der Hölle!› Da taten sich die Torflügel schnell auf, und das Fräulein, schöner als ich sie jemals gesehen, sank ganz hingegeben in flammenden Küssen an meine von Stürmen durchwühlte, zerrissene Brust. Laßt mich nun schweigen von der Pracht der Gemächer, dem Duft ausländischer Blumen und Bäume, zwischen denen schöne Frauen singend hervorsahen, von den Wogen von Licht und Musik, von der wilden, namenlosen Lust, die ich in den Armen des Fräuleins -» […]
Als ich erwachte, war es Nacht geworden und alles still im Schlosse. Der Mond schien sehr hell. Meine Geliebte lag auf seidenem Lager schlafend neben mir hingestreckt. Ich betrachtete sie mit Erstaunen; denn sie war bleich wie eine Leiche, ihre Locken hingen verwirrt und wie vom Winde zerzaust um Angesicht und Busen herum. Alles andere lag und stand noch unberührt umher, wie es bei meinem Entschlummern gelegen; es war mir, als wäre das schon sehr lange her. – […]
‹Was ist das? Wo bin ich denn?› rief ich erstaunt und wußte nicht, wie mir geschehen. ‹Herbst und Winter sind vergangen, Frühling ists wieder auf der Welt. Mein Gott! wo bin ich so lange gewesen?› So langte ich endlich auf dem Gipfel des letzten Berges an. Da ging die Sonne prächtig auf. Ein wonniges Erschüttern flog über die Erde, Ströme und Schlösser blitzten, die Menschen, ach! ruhig und fröhlich kreisten in ihren täglichen Verrichtungen wie ehedem, unzählige Lerchen jubilierten hoch in der Luft. Ich stürzte auf die Knie und weinte bitterlich um mein verlorenes Leben. Ich begriff und begreife noch jetzt nicht, wie das alles zugegangen; aber hinabstürzen mocht ich noch nicht in die heitere, schuldlose Welt mit dieser Brust voll Sünde und zügelloser Lust. In die tiefste Einöde vergraben, wollte ich den Himmel um Vergebung bitten und die Wohnungen der Menschen nicht eher wiedersehen, bis ich alle meine Fehle, das einzige, dessen ich mir aus der Vergangenheit nur zu klar und deutlich bewußt war, mit Tränen heißer Reue abgewaschen hätte. […]
Es war wieder ein heiterer Herbstmorgen wie damals, als er vor vielen Jahren das Schloß verlassen hatte, und die Erinnerung an jene Zeit und der Schmerz über den verlorenen Glanz und Ruhm seiner Jugend befiel da auf einmal seine ganze Seele. Die hohen Linden auf dem steinernen Burghofe rauschten noch immerfort; aber der Platz und das ganze Schloß war leer und öde, und der Wind strich überall durch die verfallenen Fensterbogen. […] Da sprengte plötzlich unten auf einem schlanken Rosse das schöne Zauberfräulein, lächelnd, in üppiger Jugendblüte, vorüber. Silberne Sommerfäden flogen hinter ihr drein, die Aster von ihrer Stirne warf lange, grünlichgoldene Scheine über die Heide. In allen Sinnen verwirrt, stürzte Raimund aus dem Garten, dem holden Bilde nach. Die seltsamen Lieder des Vogels zogen, wie er ging, immer vor ihm her. Allmählich, je weiter er kam, verwandelten sich diese Töne sonderbar in das alte Waldhornlied, das ihn damals verlockte. 
«Golden meine Locken wallen, 
Süß mein junger Leib noch blüht –» 
hörte er einzeln und abgebrochen aus der Ferne wieder herüberschallen. 
«Bäche in dem stillen Grunde 
Rauschend nach der Ferne gehen.» 
– Sein Schloß, die Berge und die ganze Welt versank dämmernd hinter ihm.    «Reichen, vollen Liebesgruß 
Bietet dir der Hörner Schallen. 
Komm, ach komm! eh sie verhallen!» 
hallte es wider – und, im Wahnsinn verloren, ging der arme Raimund den Klängen nach in den Wald hinein und ward niemals mehr wiedergesehen.

(Joseph Freiherr von Eichendorff: Die Zauberei im Herbste)

Hier noch zwei Strophen aus Eichendorffs Gedicht "Die zwei Gesellen" von 1818:

           Dem zweiten sangen und logen
          Die tausend Stimmen im Grund,
          Verlockend’ Sirenen, und zogen
          Ihn in der buhlenden Wogen
          Farbig klingenden Schlund.

          Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,
          Da war er müde und alt,
          Sein Schifflein das lag im Grunde,
          So still war’s rings in die Runde,
          Und über die Wasser weht’s kalt.

30 Oktober 2011

Nolten (und Mörike?) zu Antike und Romantik


"Zwei heterogen scheinende Kräfte können sich wunderbar einander stärken, und das Trefflichste hervorbringen. Doch ich verirre mich. – Ich wollte von Ihren kindischen Geständnissen aus nur auf den Punkt kommen, wo der Philister und der Künstler sich scheiden. Wenn dem letztern als Kind die Welt zur schönen Fabel ward, so wird sie's ihm in seinen glücklichsten Stunden auch noch als Mann sein, darum bleibt sie ihm von allen Seiten so neu, so lieblich befremdend.
Am meisten als Enthusiast hat Novalis (der mir übrigens dabei nicht ganz wohl macht) dieses ausgesprochen, soweit es den Dichter angeht –«
»Ganz recht!« fiel Nolten ein; »aber wenn dem wahren Dichter bei dieser besondern Anschauungsweise der Außenwelt jene holde Befremdung durchaus eigen sein muß, selbst im Falle sie sich in seinen Produktionen nicht ausdrücklich verraten sollte so kann dagegen die Vorstellungsart des bildenden Künstlers ganz entfernt davon sein, ja sie ist es notwendig. Auch der Geist, in welchem die Griechen alles personifizierten, scheint mir völlig verschieden von demjenigen zu sein, was wir soeben besprechen. Ihre Phantasie ist mir hiefür viel zu frei, zu schön und, möcht ich sagen, viel zu wenig hypochondrisch. Ein Totes, Abgestorbenes, Fragmentarisches konnte in seiner Naturwesenheit nichts Inniges mehr für sie haben. Ich müßte mich sehr irren, oder man stößt hier wiederum auf den Unterschied von Antikem und Romantischem.«" (Mörike: Maler Nolten, 2. Teil, S. 255-56)

27 September 2009

Owen Tudor

Owen Tudor, die sagen- und märchenhafte Erzählung des Romantikers Achim von Arnim, handelt von Owen Tudor dem Stammvater des englischen Königshauses Tudor. Sie ist in eine Rahmenerzählung eigebettet, die von einer Postkutschenfahrt berichtet, auf der eine unbekannte Waliserin ihre Reisegefährten mit der Sage von Owen Tudor unterhält.

Owen Tudor wird in jungen Jahren an den französischen Hof bestellt, wo er der eigenwilligen Prinzessin Katharina (historisch: Catherine de Valois (1401–1437)) als Page zu dienen hat. Einerseits schlägt sie ihn, andererseits kann sie nicht aufhören, ausgiebig mit ihm zu tanzen. Als Katharina den englischen König Heinrich V. heiraten soll, nimmt sie beim Abschied Owen den Schwur lebenslanger Treue ab. Als Heinrich relativ bald darauf stirbt, trifft sie wieder auf Owen, als sie Heilung bei einer Wallfahrtsstätte des heiligen Benno sucht. Die Legende besagt, dass, wer in dem heiligen Teich statt seines Spiegelbildes das des Heiligen sehe, geheilt werde. An dieser Wallfahrtsstätte führt inzwischen Owen den frommen Betrag des vorigen Einsiedlers fort, der dort tauchend das Gesicht des Heiligen darstellte. Er entdeckt sich seiner früheren Herrin, und diese erreicht durch allerlei Täuschungen ihres Hofes, dass sie ihn heimlich als den Vertreter eines alten Adelsgeschlechtes heiraten kann.

In der Rahmenhandlung stellt sich die erzählende Waliserin als Betrügerin heraus, die im Auftrag einer hohen Adligen deren uneheliches Kind als ihr eigenes ausgibt, um deren Ruf zu retten. Sie gewinnt die Unterstützung der Mitreisenden, die den sie verfolgenden Konstabel in einem Tanzgottesdienst der Jumpers, einer methodistischen Sekte, festhalten, bis die Waliserin mit ihrem Geliebten einen sicheren Vorsprung gewonnen hat.

Haupt- und Rahmenhandlung sind durch das Motiv des Tanzes verbunden. Erlebt Owen, der begnadete Tänzer, als junger Page zunächst die Tanzwut seiner Herrin als lästig, kann er sie später als Zeichen ihrer Zuneigung deuten. In der Rahmenhandlung will der Presbyterianer aus der Reisegruppe zunächst die Jumpers als gefährliche Sekte verfolgen und alle ihre Mitglieder hinrichten lassen, doch dann hält er den Konstabel im Gottesdienst der Jumpers fest, indem er ihn in das wilde Springen der Gottesdienstbesucher hineinzieht.
Ein weiteres verbindendes Motiv sind die verkleideten Personen, die zunächst unerkannt den Lebensweg Owens lenken, und die verkleidete Waliserin, die ihre Mitreisenden zu ihren Helferinnen macht. Das Motiv der unerkannten Lebenslenker tritt in der Romantik häufiger auf, seine wohl bekannteste Ausformung hat es in der deutschen Literatur aber als Turmgesellschaft in Wilhelm Meisters Lehrjahre erhalten.
Die Erzählung vom Stammvater des englischen Königsgeschlechtes erscheint mehrfach ironisch gebrochen. Zum einen verpflichtet die Herrin ihren Pagen genau in dem Augenblick zur Treue, wo sie selbst die Ehe mit einem ungeliebten Mann eingeht. Zum anderen gewinnt Owen sie zur Frau, weil er den Eremiten spielt, als solcher die Pilger ständig betrügt und seine geistliche Würde benutzt das Gefolge der Königin zum Narren zu halten. Schließlich wird diese Erzählung von der endlich erfüllten Lebensliebe von einer Frau vorgetragen, die eine außereheliche Beziehung deckt.
So wird nicht nur die Heiligenlegende von Benno ironisiert, sondern auch die der treuen Liebe Owen Tudors. Schließlich ist eine der Lebensregeln, die dem jungen Owen auf den Weg gegeben wird, sich nicht zu schämen. Der wird er gerecht, indem er sich nicht schämt, Pilger zu betrügen und die Königin aus dem Kreis ihrer Höflinge zu entführen.
Die Rahmenerzählung hat einige Ähnlichkeit mit der des weit bekannteren Wirtshaus im Spessart von Wilhelm Hauff, steht aber selbstverständlich in einer weit längeren Tradition, in der Giovanni Boccaccio eine wichtige Rolle gespielt hat.