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23 Februar 2020

Fanny Lewald in "Jenny" über Liebe

Das ist das Geheimnis der Liebe, dass sie zwei Herzen verbindet zu einem und diese absondert unter Tausenden; dass das Gefühl der erwiderten Liebe nicht der Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die Liebe wie ein flüchtiger Äther dem einen Herzen entströme, um das andere zu erfüllen und zu beleben. Aber nur das geliebte, geöffnete Herz empfindet das Lebenswehen, das für es ausgeströmt wird. Die übrigen berührt der Strom von jenseits nicht, und sie atmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen. (S.46)

Er liebte ihre reiche, schöne Natur, ihr lebhaftes Gefühl und wurde es doch nur zu häufig mit Betrübnis gewahr, dass Jenny infolge ihrer Erziehung und der Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen war, eine Richtung genommen hatte, die seiner ganzen Seele widerstrebte, die auch Eduard missbilligte, die aber zu ändern ihren beidseitigen Bemühungen bis jetzt nicht gelungen war. Reinhard glaubte an ihr Herz, er liebte sie, wie ein kräftiges Gemüt zu lieben vermag – und doch fühlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten; doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrücken, es stehe ein Etwas trennend zwischen ihm und ihr. (S.60)

Wie Herr Horn seine Tochter Clara liebte
 Er liebte sie, wie er zu lieben imstande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes, und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glänzend als möglich versorgt zu sehen. (S.62)

Sie wünschte und fühlte in sich die Macht, ihn zu entschädigen für alles, was fremde Unduldsamkeit an ihm verbrochen hatte; sie wollte ihm zeigen, dass sie wenigstens die Vorurteile der Menge nicht teile. Darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten ihm gegenüber, in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist, und die, allen andern unbemerkbar, sicher den Weg in das Herz dessen findet, dem sie gelten. (S.81)

»Da irrst du!« entgegnete der Vater. »Ich achte Reinhard und erkenne seine Vorzüge an, aber er lebt in einer Ideenwelt. Solche Menschen sind mir bedenklich und taugen nicht für die Ehe. Weil er mit der höchsten Anstrengung und allem Ernste daran arbeitet, die Vollkommenheit, die er im Auge hat, sein Ideal eines Menschen, zu erreichen, darum glaubt er sich berechtigt, auch an andere die gleichen Ansprüche zu machen. So wie er das Leben, die Liebe auffasst, sind sie nicht, und die Ehe, die sittliche Feststellung der Verbindung der beiden Geschlechter, bleibt trotz der höchsten Liebe, die zwei treffliche Menschen verbindet, immerdar hinter dem zurück, was einem jungen Manne oder Weibe als Ideal vorschweben mag! Der Ruhige, der Besonnene findet sich darin und tröstet sich mit dem Guten, das sich ihm in der Ehe offenbart, über das, was nicht zu erreichen ist – das aber, fürchte ich, will und kann Reinhard nicht. Weil er Jenny liebt, erscheint sie ihm geeignet, das Ideal einer Hausfrau, einer Gattin zu werden, wie er sie sich träumt; er wird es deshalb auch verlangen, dass sie sein Ideal verwirklicht und, wie ich ihn beurteile, nur zu geneigt sein, ihr aus den Unvollkommenheiten des Menschen überhaupt einen persönlichen Fehler zu machen. (S.127)

Er erriet, dass kein inneres Bedürfnis, sondern nur Liebe zu Reinhard der Beweggrund sei, welcher sie dem Christentum entgegenführe, und er tadelte sie deshalb nicht. [...] Mit dem gewissenhaftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprüft und sich dadurch in der Überzeugung befestigt, dass Liebe und Duldung bei fortschreitender geistiger Entwicklung die Grundzüge des Christentums und besonders des Protestantismus ausmachten. In diesem Sinne hatte er sein Amt behalten und verwaltet. (S.163)

Eduard zu Clara
»Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, ist herangekommen und zur Trennungsstunde für uns geworden – das höchste Glück, das Bewusstsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fällt die Pein des Scheidens. – Zürnen Sie mir um deshalb nicht. Mehr als mein eigener Schmerz peinigt mich der Gedanke, dass Sie mit mir leiden, dass meine Liebe Sie nicht zu schützen, nicht zu beglücken vermag. Ich könnte eine Welt hassen, in der Herzen, die zusammengehören, getrennt werden, weil das eine so, das andere anders zu seinem Schöpfer betet, der beide füreinander erschuf, der sie, wie uns, zusammenführte. Jahrtausende hat der Fluch über meinem Volke geschwebt, nun hat er auch mich getroffen. [...] Aber wer hieß Dich, einen Juden zu lieben? Warum wolltest Du lieben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer Religion der Liebe bekennen! – Oh! Christus wusste, wie der Hass zerfleischt, entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwürdigen begriffen nur den Hass, vor dem er sie gewarnt. (S.194)

Der Staat, der es erlaubt, dass Menschen ohne alle innere Zusammengehörigkeit einander den Eid der Treue vor dem Altare schwören, der es duldet, dass die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes geführt wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes lachte, den er heute beschwört, der Gesetze gibt, diese fluchenswerten Ehen zu schützen derselbe Staat will es nicht dulden, dass zwei Herzen, die in reinstem Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschiedene Weise Gott für das Glück danken würden, das er ihnen durch ihre Liebe gewährt. – Das sind die Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!   Nur eine Zuflucht bietet sich uns dar, wenn Du es vermöchtest, Dich von allen Vorurteilen zu befreien, wenn Du Dich entschließen könntest, mir unter dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen, das unsere Ehe zulässt, und dort die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den Verblendeten zeigen dürfte, wie die Liebe frei ist vor dem Urteil eines weiseren Staates; wenn Du durch ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest – ein Leben voll der wärmsten, ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, aus deren Hand mir die Liebe und Freiheit zugleich gegeben würden. (S.196)

So nimm denn wenigstens das heilige Versprechen, Du Geliebte, dass ich mit keinem Worte versuchen werde, das Urteil, wie Du's auch fällst, zu ändern. Was Dein liebendes Herz vermag oder nicht vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu tun gebietet, das soll auch meine Richtschnur sein. Nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch einmal zu sehen. Und somit Lebewohl!« (S.197)

Die Erzählerin über Eduards Sicht auf Clara
 Ihr preiset das süße Lächeln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lächelt über ein Dasein, das so grelle Gegensätze in sich schließt. Kommt dann einer einmal zu der Erkenntnis des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts und vergisst, dass jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf eine unglückliche Liebe schließt und mit roher Hand das stille Geheimnis an das Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm untertan, als Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angeborenem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt und selbst zerbrochen unvertilgbare Narben zurücklässt. Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen können, unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwicklung der weiblichen Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozess seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte. (S.201)

Über Jenny
Sie schauderte vor der Wahl zwischen der Wahrheit und der Liebe; sie fühlte, dass alle sie bedauern, alle mit ihr leiden würden, falls sie sich wirklich entschließen müsste, den Geliebten ihrer Überzeugung zu opfern. (S.232)

Jenny in ihren Glaubenszweifeln
Nicht nur um glücklich zu machen, sondern um es zu werden, war sie Christin geworden; es lag Selbstsucht auch in dieser Handlung, und die Bemerkung, dass es ihr fast zur Gewohnheit geworden, sich nach ihrem Bedürfnis zu täuschen, vermehrte ihre Seelenpein in einem Grade, der ihr jedes ruhige Urteil raubte. [...] ›Auch Reinhard‹, sagte sie sich, ›ziehe ich mit in mein Verderben; auch ihn wird der Strudel erfassen, wenn ich ihm nicht mehr verbergen kann, dass ich nicht glaube. Was soll er dann beginnen? Er wird mich lieben und mir doch nicht verzeihen können! Auch er wird in den heillosen Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben geraten; auch auf sein teures Haupt werde ich das Elend herabbeschwören, das mich nicht ruhen lässt, und das wird die erste Strafe sein, mit der Gott meine Sünden rächt.‹ (S.286)
»Geliebtester! Wieviel glücklicher wären wir beide, wenn statt dieses Briefes die Nachricht in Deine Hände käme, Deine Jenny sei gestorben. Du würdest weinen, mein Reinhard. Du würdest um mich trauern, mein Andenken lieben, wie Du mich liebst, und ich wäre, erhoben von diesen Gedanken, geschieden und hätte Ruhe. Warum konnte ich nicht sterben, als du mich das letzte Mal in Deine Arme schlossest, als Deine Liebe mich so beglückte? Denkst Du daran, wie ich es wünschte, wie ich es Dir sagte, weil ich schon damals ahnte, dass ein Augenblick wie der jetzige mir bevorstehen könnte?   Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwöre ich Dich, bei der Liebe und Nachsicht, die Du mir damals gelobt hast, stoße mich jetzt nicht von Dir, Geliebter! Du, der mich fast seit meiner Kindheit kennt, den ich liebte, seit ich ihn zuerst sah. Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele; Du weißt, dass mein Geist ebenso heiß nach Wahrheit dürstet, als mein Herz nach Liebe verlangt. Darum kannst Du mich verstehen, darum musst Du Mitleid mit mir haben, wenn ich Dir sage, dass ich Dich mehr als die Wahrheit liebe, dass ich meine Überzeugung zwingen wollte, sich meiner Liebe zu fügen. Ich vermag es nicht länger.   Von Augenblick zu Augenblick zögere ich, Dir ein Bekenntnis zu machen, von dem ich fürchte, dass es Dich tief betrüben, mich in Deinen Augen heruntersetzen könne. Ich möchte Dich an all die Liebe erinnern, die uns vereint, an das Glück, das wir gemeinsam erhoffen, damit sie Dir vorschweben, wenn ich Dir alles gesagt haben werde.   Ich glaube nicht, dass Christus der Sohn Gottes ist; dass er… (S.287)

Es schien ihr leichter, Unrecht zu haben, sich selbst eines Fehlers zu bezichtigen, als Reinhard eine Schuld beizumessen: denn wahre Frauenliebe klagt lieber sich als den Geliebten an. (S.302)

Graf Walter über sein Verhältnis zu Jenny (in Unklarheit über seine Gefühle)
[...] ich liebe Jenny Meier nicht, so sehr ich mich ihrer Freundschaft, ihres Umganges erfreue. Es ist wahr, sie ist schön und liebenswürdig in hohem Grade, aber eine gewisse Jugendlichkeit, das weiblich Weiche fehlt ihr, das man an Mädchen ungern vermisst. Sie weiß mit Sicherheit, dass sie gefällt, es ist ihr lieb, ohne dass sie Anspruch darauf macht, und sie würde, wie mich dünkt, nicht das geringste dazu tun, die Meinung oder Gunst eines Mannes zu erwerben. Gefällt sie, ist's ihr recht, wenn nicht, so gilt's ihr gleich. Gestehen Sie, das ist eigentlich nicht die Art, welche wir an einem Mädchen lieben. Es liegt etwas Männliches darin, das interessant ist, das den Umgang sehr erleichtert, unser Vertrauen, unsere Freundschaft erweckt, aber Liebe erzeugt es nicht. (S.322)

Die Erzählerin über Graf Walter
Er hatte Jenny immer schon geliebt, und jetzt, da sie freundlich und doch arglos, als müsse es so sein, seinen Schutz und seine Stütze annahm, jetzt ging die Sonne der Liebe siegreich in seinem Bewusstsein auf, und er fragte sich: ›Warum erst jetzt?‹ (S.327)

Jenny zur Geheimrätin
»Ich habe die Entdeckung gemacht, die Liebe eines Mannes zu besitzen, an die ich nie gedacht habe, und das ist mir unangenehm.«   Die Geheimrätin sah sie verwundert an, lächelte dann und meinte: »Das heißt, du bemitleidest ihn, weil du diese Liebe nicht erwiderst und er dir nicht gefällt. Das kommt wohl vor im Leben und sollte dir nicht so neu sein, dich so sehr zu verstimmen.«   »Im Gegenteil«, antwortete Jenny, »er ist mir lieb und wert, und gerade darum tut es mir so wehe.«  [...] er ist frei und unumschränkter Herr seines Willens; ich zweifle nicht, dass er mir seine Hand anträgt, aber das ist es, was ich fürchte und was mein Vater ungern sehen wird.« (S.339)

Trotz ihres klaren Verstandes besaß Jenny die Schwärmerei eines tieffühlenden Herzens und hatte mit Treue das Andenken des Geliebten ihrer Jugend in sich gepflegt, bis sich nach Reinhards Verheiratung der Gedanke in ihr ausgebildet, sie habe jetzt keinen Anspruch mehr an Liebesglück zu machen, ihr Leben sei in der Beziehung beendet.   So hatte sie sich seit Jahren mit der Idee, »entsagt zu haben«, wie mit einem Witwenschleier geschmückt, den sie jetzt abzulegen sich nicht entschließen konnte. (S.344)

Sie konnte sich es nicht verhehlen, sie liebte Walter, nicht mit der stürmischen Glut der Leidenschaft, die sie für Reinhard einst gefühlt, sondern mit jener ruhigen Zuversicht, die an der Brust des Geliebten zwar nicht den Himmel jugendlicher Hoffnung, aber eine sichere Zuflucht in allen Stürmen des Lebens erwartet. [...] ›Ich war stark genug‹, sagte sie, ›noch ein halbes Kind, meiner Liebe zu entsagen, um Frieden mit mir selbst zu haben, und sollte nicht Kraft besitzen, für Walter ein Gleiches zu tun, für ihn, der mir ein so großes Opfer bringen will? Nein! Den Leidenskelch, der mir vom Schicksal bestimmt ist, will ich allein leeren. Ich will Walter wiedersehen, ich will ihm morgen sagen, dass ich nie die Seine werde, weil ich ihn liebe, und mir wenigstens den Trost erhalten, sein Leben nicht verbittert zu haben.‹ (S.362)

22 Februar 2020

Lewald: Wie Jenny auf die Absage ihres Geliebten reagierte

S.302:
Es schien ihr leichter, Unrecht zu haben, sich selbst eines Fehlers zu bezichtigen, als Reinhard eine Schuld beizumessen: denn wahre Frauenliebe klagt lieber sich als den Geliebten an. [...] 
S.305
Den Eltern Claras, welche sie scheidend seiner Sorgfalt empfohlen, war er ein treuer und geschätzter Freund geworden. Ihm, das wussten sie jetzt, verdankten sie das Glück ihrer Tochter, das in einer vollkommen übereinstimmenden Ehe mit William immer schöner erblühte.
[...] S.307
Nun stand Jenny allein an der Spitze ihres Hauses, auf sie war ihr Vater angewiesen.
[...] S.314
Überhaupt charakterisiert sich ein edles Gemüt, ein freier, durchgebildeter Sinn am meisten in der Art, mit welcher man Dienste empfängt und Gefälligkeiten annimmt. Sie auf eine schickliche Weise zu leisten erlernt mancher.
[...] S.315
Darum habe ich Vertrauen zu Personen, die mit guter Art anzunehmen verstehen, ohne den innerlichen Vorbehalt, durch einen Gegendienst baldmöglichst quitt zu werden oder zu vergelten.
[...] S.315
30.
So sehr Jenny und Clara sich ihres Wiedersehens erfreuten, so lieb sie einander waren, so konnte es beiden doch nicht verborgen bleiben, dass es ihnen eigentlich an jenen gemeinsamen Berührungspunkten fehle, welche die Basis der Freundschaft machen. Sie hatten im ganzen nur wenig Monate zusammen verlebt, eine Reihe von Jahren war seitdem verflossen, und trotz eines fleißigen Briefwechsels waren sie einander in ihrer gegenwärtigen Entwicklung fremd und wussten sich nicht recht ineinander zu finden. Wie Claras ganze Erscheinung Glück und Zufriedenheit ausdrückte, wie jeder Zug die Wonne aussprach, welche sie als Gattin und Mutter empfand, so zeigte sich auch in ihrer geistigen Richtung eine gewisse Ruhe, ein abgeschlossenes Begnügen. Sie hatte die höchsten Schätze des Lebens erreicht und, obgleich sie für die Außenwelt nicht abgestorben war, interessierte sie dieselbe doch eigentlich nur insoweit, als sie William berührte und mit seinen Wünschen und Ansichten zusammenhing, denn sie lebte doch eigentlich nur in ihrem Manne und in ihren Kindern. Jenny hingegen wollte, durch Eduard daran gewöhnt, teilnehmen an allem Großen und Wichtigen. Mit weiblicher Schwärmerei hing sie an den Plänen und Hoffnungen Eduards, nicht um seinetwillen allein, sondern weil sie auch die ihren geworden waren. Geistige und künstlerische Beschäftigungen füllten die größte Zeit ihres Tages aus, und mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit strebte sie nach neuen Kenntnissen, nach höherer, vielseitiger Ausbildung der Anlagen, die sie ungenutzt in sich fühlte. [...]
S.322
[...] ich liebe Jenny Meier nicht, so sehr ich mich ihrer Freundschaft, ihres Umganges erfreue. Es ist wahr, sie ist schön und liebenswürdig in hohem Grade, aber eine gewisse Jugendlichkeit, das weiblich Weiche fehlt ihr, das man an Mädchen ungern vermisst. Sie weiß mit Sicherheit, dass sie gefällt, es ist ihr lieb, ohne dass sie Anspruch darauf macht, und sie würde, wie mich dünkt, nicht das geringste dazu tun, die Meinung oder Gunst eines Mannes zu erwerben. Gefällt sie, ist's ihr recht, wenn nicht, so gilt's ihr gleich. Gestehen Sie, das ist eigentlich nicht die Art, welche wir an einem Mädchen lieben. Es liegt etwas Männliches darin, das interessant ist, das den Umgang sehr erleichtert, unser Vertrauen, unsere Freundschaft erweckt, aber Liebe erzeugt es nicht.
[...] S.327
Denn es gibt gewiss nichts Gleichgültigeres als die Sitte, einer fremden Dame den Arm zu bieten, und doch fast nichts Süßeres, als wenn diese gleichgültige Sitte unter Personen zur traulichen Gewohnheit wird, die es noch selbst nicht wissen, wie nahe sie schon zueinander gehören.   Was unverstanden wie eine dunkle Ahnung in Walter geschlummert hatte, das fühlte er plötzlich als unwiderstehliche Wahrheit. Er hatte Jenny immer schon geliebt, und jetzt, da sie freundlich und doch arglos, als müsse es so sein, seinen Schutz und seine Stütze annahm, jetzt ging die Sonne der Liebe siegreich in seinem Bewusstsein auf, und er fragte sich: ›Warum erst jetzt?‹ [...]

S.339:
»Ich habe die Entdeckung gemacht, die Liebe eines Mannes zu besitzen, an die ich nie gedacht habe, und das ist mir unangenehm.«   Die Geheimrätin sah sie verwundert an, lächelte dann und meinte: »Das heißt, du bemitleidest ihn, weil du diese Liebe nicht erwiderst und er dir nicht gefällt. Das kommt wohl vor im Leben und sollte dir nicht so neu sein, dich so sehr zu verstimmen.«   »Im Gegenteil«, antwortete Jenny, »er ist mir lieb und wert, und gerade darum tut es mir so wehe.«   »Jenny«, sagte die Geheimrätin, plötzlich ernsthaft geworden, »ich will kein Vertrauen erzwingen, wenn du nicht geneigt bist, es mir zu gewähren. Nur das eine sage mir, mich zu beruhigen: Ist der Mann, der dich liebt, verheiratet oder sonst in einer Weise gebunden, die deine Unruhe erregt? Nur die Frage beantworte mir.«   »Nein, nein!« rief Jenny, über den feierlichen Ernst ihrer Freundin lächelnd, »er ist frei und unumschränkter Herr seines Willens; ich zweifle nicht, dass er mir seine Hand anträgt, aber das ist es, was ich fürchte und was mein Vater ungern sehen wird.« [...]
S.343:
»Nein!« antwortete Jenny, »auch in mir sind Gründe dagegen. Mir fehlt die Fähigkeit, mich in dem Leben eines andern aufgehen zu lassen. Meine Existenz ist eine fest bestimmte, in sich abgeschlossene. Ich habe mich an eine gewisse Freiheit gewöhnt, die ich nicht mehr entbehren kann und die ich in der Ehe doch aufgeben müsste.
[...] S.344
Trotz ihres klaren Verstandes besaß Jenny die Schwärmerei eines tieffühlenden Herzens und hatte mit Treue das Andenken des Geliebten ihrer Jugend in sich gepflegt, bis sich nach Reinhards Verheiratung der Gedanke in ihr ausgebildet, sie habe jetzt keinen Anspruch mehr an Liebesglück zu machen, ihr Leben sei in der Beziehung beendet.   So hatte sie sich seit Jahren mit der Idee, »entsagt zu haben«, wie mit einem Witwenschleier geschmückt, den sie jetzt abzulegen sich nicht entschließen konnte.
[...] S.352
»Mir scheint, was die Dichtung anbetrifft, Nathan der Weise überhaupt mehr eine großartige Allegorie, ein didaktisches Gedicht, als ein darstellbares Schauspiel zu sein. In dem Bestreben, die positiven Religionsunterschiede als unwesentlich darzustellen, sobald die innere, wahre Religion vorhanden, hat Lessing den einzelnen Repräsentanten der verschiedenen Konfessionen ihren nationalen und durch den Glauben bedingten Typus genommen, so dass Saladin, der Templer und Nathan, drei so ganz abweichende Charaktere, eine Art von protestantischer Familienähnlichkeit bekommen. Das tut dem Interesse Abbruch, welches man an ihnen nähme, wenn die Gegensätze schärfer gezeichnet wären. Dazu kommt noch, dass die Ruhe, mit der der Templer, der strenggläubige Christ, sich als den Abkömmling eines Muselmannes, den Bruder einer Jüdin erblickt, etwas Unwahres hat, wie der ganze Schluss, der nicht befriedigt – wenigstens auf der Bühne nicht. Das Schauspiel unterhält den Zuschauer nicht, so herrlich das Gedicht ist, und wird durch den Darsteller noch langweiliger.«
[...] S.353
»Madame Steinheim hat recht!« bekräftigte Walter. »Gerade da liegt jenes Schauspielers Fehler in dieser Rolle. Er ist nicht der schlichte, klare Mann, der aus eigener Anschauung Gott, die Welt und den Menschen begriffen hat; nicht der anspruchslose Weise, der sich seiner hohen Weisheit kaum bewusst ist und sie für die natürlichste Erkenntnis hält – sondern ein selbstbewusster Gelehrter, der seine Sentenzen im Kathedertone vorträgt, weil er ihre wichtige Bedeutung fühlt. Deshalb stellt er sich jedes Mal in Position, ehe er eine seiner moralischen Behauptungen spricht, und der Schein von Demut, von Schlichtheit, mit dem er sich umgibt, täuscht uns keinen Augenblick. Lessing dachte sich einen Erzvater in heiliger, erhabener Einfalt, und jener stellt uns einen Professor des neunzehnten Jahrhunderts vor, der wohl fühlt, dass er tausendmal gescheiter sei als sein Auditorium, sich aber hütet, es zu zeigen, weil er weltklug genug ist, niemand beleidigen zu wollen. Er erscheint feig und arrogant zugleich.«   Frau von Meining lächelte und stimmte dem Grafen bei, auch Jenny schien seine Ansicht zu teilen.
[...] S.354
»Vor allem vergessen Sie nicht, dass Nathan, der unterdrückte, der verachtete Jude, zu seinem Herrn und Unterdrücker spricht. Das mag die bescheidene, fast furchtsam Weise seines Auftretens bei aller seiner Selbstschätzung entschuldigen.«   »Im Gegenteil!« rief Jenny. »Wenn er es fühlt, dass er ein freier Mensch ist vor den Augen des Schöpfers, wenn er die Qual empfindet, unterdrückt, verachtet zu sein, so muss ihn das nur stolzer gegen seinen Unterdrücker machen. Was kann ein Mann wie Nathan fürchten? – Ketten und Gefängnis? Darüber erhebt ihn sein Selbstgefühl; – den Tod? Er hat sein Weib und seine Söhne sterben sehen und Gott getraut, er kann den Tod für sich nicht… [...]

S.362:
Sie konnte sich es nicht verhehlen, sie liebte Walter, nicht mit der stürmischen Glut der Leidenschaft, die sie für Reinhard einst gefühlt, sondern mit jener ruhigen Zuversicht, die an der Brust des Geliebten zwar nicht den Himmel jugendlicher Hoffnung, aber eine sichere Zuflucht in allen Stürmen des Lebens erwartet. Sie wusste, wie teuer sie ihm sei, sie konnte sich in den lieblichsten Farben eine Zukunft an seiner Seite denken und hatte ihre Hoffnung, ohne es zu wissen, bereits an diese Zukunft geknüpft. Das fühlte sie an dem Schmerz, den der Gedanke, sich von Walter trennen zu müssen, in ihr hervorrief. Aber diese Trennung stand jetzt als Notwendigkeit vor ihr. Die Äußerungen Steinheims am Morgen und die Unterhaltung, deren Zuhörerin sie am Abend gewesen war, hatten ihr gezeigt, was sie ohnehin fühlte, dass sie Walter, indem sie seine Hand annehme, in den Kampf verwickle, den sie als Jüdin gegen die Meinung der Menge zu bestehen hatte.   ›Ich war stark genug‹, sagte sie, ›noch ein halbes Kind, meiner Liebe zu entsagen, um Frieden mit mir selbst zu haben, und sollte nicht Kraft besitzen, für Walter ein Gleiches zu tun, für ihn, der mir ein so großes Opfer bringen will? Nein! Den Leidenskelch, der mir vom Schicksal bestimmt ist, will ich allein leeren. Ich will Walter wiedersehen, ich will ihm morgen sagen, dass ich nie die Seine werde, weil ich ihn liebe, und mir wenigstens den Trost erhalten, sein Leben nicht verbittert zu haben.‹

18 Februar 2020

Fanny Lewald: Jenny: Der Briefwechsel zwischen den Verlobten

Jenny's Herz schlug freudig der langersehnten Nachricht entgegen, sie drückte das Blatt an ihre Lippen. Vor der sichern Hoffnung auf die nahe Vereinigung mit dem Geliebten war für einen Augenblick jeder andere Gedanke aus ihrer Seele geschwunden; und sie begann den Brief nochmals zu lesen, um nur keines der Worte zu verlieren, welche sie so glücklich machten. Da fiel ihr Blick auf die Stelle: Ich wünsche noch vor unserer Hochzeit mit Dir das Abendmahl zu nehmen, und auch auf diese Weise in die heiligste, innigste Gemeinschaft mit Dir zu treten, die Du bald als mein geliebtes Weib, unauflöslich, untrennbar mit mir verbunden, mein sein wirst.
Ihrer Hand entsank das Blatt, jetzt war der Augenblick gekommen! Zum zweiten Mal, wie bei der Taufe, ein Spiel[249] zu treiben mit Dem, was Reinhard das Heiligste auf der Welt war, das vermochte sie nicht. Dies, das fühlte sie, dies war der entscheidende Moment, in welchem sie entweder sich durch einen gewaltsamen Entschluß in ihrer eigenen Achtung wieder herstellen und ihr Gewissen in Bezug auf Reinhard beruhigen, oder sich mit geschlossenen Augen in ein Labyrinth stürzen mußte, in dem sie und der Geliebte untergehen konnten.
Der Kampf war ernst und schwer, aber die Wahrheit siegte, und aufgelöst in Schmerz schrieb sie nach durchwachter Nacht, als schon das helle Tageslicht in ihre Fenster schien, folgenden Brief an Reinhard:
Geliebtester! Wie viel glücklicher wären wir Beide, wenn statt dieses Briefes die Nachricht in Deine Hände käme, Deine Jenny sei gestorben. Du würdest weinen, mein Reinhard! Du würdest um mich trauern, mein Andenken lieben, wie Du mich liebst, und ich wäre, erhoben von diesem Gedanken, geschieden und hätte Ruhe. Warum konnte ich nicht sterben, als Du mich das letzte Mal in Deine Arme schlossest, als Deine Liebe mich so beglückte? Denkst Du daran, wie ich es wünschte, wie ich es Dir sagte, weil ich schon damals ahnte, daß ein Augenblick, wie der jetzige, mir bevorstehen könnte?
Bei der Erinnerung an jene Stunde beschwöre ich Dich, bei der Liebe und Nachsicht, die Du mir damals gelobt hast, stoße mich jetzt nicht von Dir, mein Geliebter! Du, der mich fast seit meiner Kindheit kennt, den ich liebte, seit ich ihn zuerst sah. Du bist mein Lehrer gewesen und kennst meine Seele; Du weißt, daß mein Geist ebenso heiß nach Wahrheit dürstet, als mein Herz Liebe verlangt. Darum kannst Du mich verstehen, darum mußt Du Mitleid mit mir haben, wenn ich Dir sage, daß ich Dich mehr als die Wahrheit liebe, daß ich meine Ueberzeugung zwingen wollte, sich meiner Liebe zu fügen. Ich vermag es nicht länger.[250]
Von Augenblick zu Augenblick zögere ich, Dir ein Bekenntniß zu machen, von dem ich fürchte, daß es Dich tief betrüben, mich in Deinen Augen heruntersetzen könne. Ich möchte Dich an all die Liebe erinnern, die uns vereint, an das Glück, das wir gemeinsam erhoffen, damit sie Dir vorschweben, wenn ich Dir Alles gesagt haben werde.
Ich glaube nicht, daß Christus der Sohn Gottes ist; daß er auferstanden ist, nachdem er gestorben. Ich glaube nicht, daß es seines Todes bedurfte, um uns Gottes Vergebung und Nachsicht zu erwerben. Die Dreieinigkeit, die er lehrte, ist mir ein ewig unverständlicher Gedanke, der keinen Boden in meiner Seele findet. Ich glaube nicht, daß es ein Wunder gibt, daß Eines geschehen kann, außer den Wundern, die Gott, der Eine, einzig wahre, täglich vor unsern Augen thut. Und selbst zu Christus, des erhabenen, göttlichen Menschen Erinnerung kann ich das Abendmahl nicht nehmen, mich nicht zu einer Ceremonie entschließen, die mir wie eine unheimliche Form erscheint, während Du die innigste Verbindung mit Gott darin feierst.
Ich kann nicht anders! Diese Ueberzeugung ist stärker als meine Liebe, als ich! Nach furchtbarem Kampfe wurde ich Christin; denn schon vor der Taufe war die Wahrheit in mir Herr geworden über eine Täuschung, die ich mit der Angst der Verzweiflung in mir zu erhalten strebte, um Deinetwillen! Lügen kann ich nicht länger, aber auch glauben kann ich nicht – kein Ausweg ist möglich; und mit dem Gefühl der tiefen Liebe, die ewig wahr und unverändert in mir ist, werfe ich mich an Deine Brust. Du sollst mir sagen, wie ich Frieden mache zwischen Liebe und Glauben, wie ich mich wiederfinde in dem Gewühl des Kampfes.
Wenn Du mich liebst, habe Mitleid mit mir, komme bald, komme gleich und laß mich aus Deinem Munde die Worte hören, die meiner Seele allein Ruhe geben können. Sage mir,[251] daß Du mich lieben kannst, wenn ich auch nicht an Christus glaube, wie Ihr es verlangt. Ihr sagt, er sei die Liebe – nun, dann ist er mit mir, denn ich liebe Dich, wie je ein Mensch zu lieben vermochte; ich kenne kein Glück als Deine Liebe. Schreibe mir nicht! Das dauert zu lange, komme selbst, damit ich Dich sehe und in Deinen Augen die Antwort finde, die langsam aus todten Lettern zu lesen, eine Qual wäre, die Du mir ersparen wirst, weil Du mich liebst. 
Ja! ich weiß, daß Du mich liebst. Mit dem Glauben, sage ich Dir, auf Wiedersehen! Geliebter, Lehrer, Freund, mein Alles auf der Welt! Laß mich nicht lange auf Deine Ankunft warten, jetzt, wo jede Minute mir zu Jahren wird, bis ich Dich sehe!
Nachdem sie diesen Brief gefaltet und der Diener ihn besorgt hatte, schien es ihr, als hätte sie nichts von Dem gesagt, was sie eigentlich gedacht. Sie wollte ihn zurück haben, es anders sagen, nochmals überlegen. Sie warf sich vor, zu rasch gehandelt zu haben, sie befahl dem Diener, sich zu beeilen und Alles aufzubieten, um ihr diesen Brief zurückzubringen. Aber vergebens. Die Post war abgegangen, kein Widerruf war möglich. Nun, so mag Gott sich meiner erbarmen! rief Jenny und stürzte weinend zu ihren Eltern, die jetzt durch sie das Geschehene erfuhren und, mit ihr leidend, Alles aufboten, ihr Ruhe und Trost zu geben. Zärtlich, nur für den Augenblick besorgt, versicherte ihre Mutter, Jenny könne doch unmöglich daran zweifeln, daß Reinhard sie liebe, und sie hege das Vertrauen, ein so aufgeklärter Mann werde an seiner Braut wegen einer Meinungsverschiedenheit nicht irre werden. [...]
Geschäftig, ihn zu trösten, hielt sie ihm das Unrecht vor, das man an ihm begehe, und steigerte dadurch sein eignes Leiden so sehr, daß er, von Eifersucht und gekränktem Stolz getrieben, in der ersten Aufregung seines leidenschaftlichen Schmerzes diese Antwort schrieb:
Ein Mädchen, das Seelenstärke genug besitzt, den vertrauenden Mann, der mit glaubensvoller Liebe jeden Zweifel an sie für eine Todsünde gehalten, mit dem heiligsten Eide zu täuschen, wird die Kraft finden, eine Trennung zu ertragen, der mein Männermuth zu unterliegen droht. Wohl ihr, wenn diese Kraft sie auch vor Reue zu bewahren vermag.
Anfänglich sollte das Alles sein, was er ihr sagen wollte, und seine Mutter, welche dies Blatt gelesen, war eilig, es abgesendet zu wissen, weil es gerade so ihrer Gesinnung entsprach. Aber ein anderer Geist, eine unsägliche Traurigkeit kam über Reinhard. Er nahm das Blatt aus den Händen seiner Mutter, öffnete es nochmals und fuhr fort:
Jenny, warum hast Du mir das gethan? Gab es kein anderes Spiel, als das mit meinem Herzen? Ich weiß jetzt Alles, weiß, daß mich mein Argwohn nicht betrog. Du kannst mich nicht mehr täuschen. Alle Bande zwischen uns sind gelöst, mein Gewissen verlangt, daß ich sie zerreiße, aber mein Herz blutet. Ich fühle, daß ich kein Weib die Meine nennen darf, dem der heilige Glaube, welchen zu verkünden ich berufen bin, verschlossen ist. Und doch könnte ich Dich lieben, könnte Dich segnen, wenn Du mir nur die Möglichkeit gelassen hättest, Dich zu achten. Warum sagtest Du mir nicht, daß Du[257] Erlau liebtest, daß nur er Dich beglücken könne? Für Dich wäre mir das Opfer nicht zu schwer gewesen. Aber Du liebtest ihn und gelobtest mir Treue; Du theilst meinen Glauben nicht und schwörst, daß auch Dich Christus durch seinen alleinseligmachenden Tod mit dem Vater im Himmel vereint. Jenny, wie durftest Du so grausam das Ideal zerstören, das ich in Dir anbetete? Wie konntest Du Deine Seele, dies heilige, Dir von Gott vertraute Pfand, bis zu dieser That versinken lassen? Sage mir nicht, daß Du Dich getäuscht hast, das ist unmöglich, wenn Du es nicht wolltest. Selbst Liebe entschuldigt die Lüge nicht, und diese Lüge ist es, die uns für ewig trennt, denn ich habe unwiederbringlich den Glauben an Dich verloren, in der ich alles Heilige und Wahre liebte. Lebe denn wohl, Du, die ich nimmer vergessen kann, die mir das größte Glück und das tiefste Leid meines Lebens gegeben. Lebe wohl. Ich klage Dich nicht an, denn Du bist unglücklicher als ich, der im Glauben eine Stütze finden wird. O, wollte Gott, daß ich Dir den Glauben geben könnte zum Dank für das Glück, das ich, wenn auch nur durch eine Täuschung, bisher in Deiner Liebe genossen!
So kam der Brief in Jenny's Hände. Sie selbst vermochte ihn nicht zu lesen, ihre Hände zitterten, die Buchstaben schwammen vor ihren Augen. Sie reichte ihrem Vater, der gerade bei ihr war, das Blatt hin und fragte bebend: Kommt er? Sage mir, ob er kommt, ich kann nicht lesen. – Verneinend schüttelte der Vater das Haupt, nachdem er den Brief beendet, und gab ihn der Tochter wieder, die sich gewaltsam zusammennahm, um ihn hastig zu durchfliegen. Eine tiefe Ohnmacht, das einzige Glück, das ihr in dieser Stunde werden konnte, senkte sich auf sie nieder.
Als sie erwachte, las sie wieder und immer wieder den Brief, ohne zu begreifen, wie Reinhard an ihrer Liebe zweifeln [258] könne, oder was der Gedanke bedeute, daß sie Reinhard um Erlau's willen aufopfere. Sie hatte sich gesagt, daß eine Trennung bei Reinhard's Gesinnung denkbar sei, aber für möglich hatte sie sie nicht gehalten, trotz der Andeutungen ihres Vaters. Von dem Geliebten verachtet, ohne Glauben, ohne Hoffnung, mir selbst eine Last, was bleibt mir im Leben? rief sie aus.
Jenny! sagte der Vater verweisend und doch mit unaussprechlicher Liebe, zog seine Tochter in seine Arme und rief auch die Mutter herbei, daß sie Beide mit ihrer Liebe das Kind beschatten möchten vor dem versengenden Strahl des Schmerzes, der sie getroffen."

17 Februar 2020

Fanny Lewald: Über die Spannungen, die eine nur halbe Emanzipation der Juden bedeutete

Jüdisches Leben im 19. Jahrhundert

In ihrem Roman Jenny kann Fanny Lewald durch die Nähe zu ihren eigenen Erfahrungen an den Schicksalen der Hauptpersonen deren Gefühlen einen sehr glaubwürdigen Ausdruck verleihen. 
Wikipedia: "Fanny Lewald selbst bezeichnete rückblickend das Verfassen ihrer ersten beiden Romane, Clementine und Jenny als relativ leicht: hier „war das Arbeiten in sofern ganz subjektiv, als ich (…) mich selbst in gewisser Weise meiner Natur zum Modell hatte - und auch für die anderen Figuren hatte ich Modelle, die jedoch zum Teil nur insofern benutzte, als ich das Typische an ihnen festhielt“.[14]
Besonders von einem heutigen Standpunkt aus, wo ein weniger enges Verständnis des christlichen Dogmas der Dreieinigkeit herrscht, berühren  die Gewissensbisse, die sich die Hauptperson darüber macht, dass sie drei Personen nicht als eine aufzufassen versteht. Das gilt umso mehr, als sie Glauben als "für wahr halten" und nicht als Vertrauen in Gott auffasst.
Denn wenn man Gewissensbisse als im Grunde unbegründet sieht, wirkt es umso stärker, wenn eine Person sehr darunter leidet und sich darum von der Person getrennt fühlt, die ihr die wichtigste in ihrem Leben erscheint. 
Auch wenn Kellers Kritik trifft, dass der realistischen Schilderung des Alltagslebens des Lebens zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, so scheint die Konzentration auf die gedankliche und gefühlsmäßige Auseinandersetzung mit der unvollständigen Emanzipation der Juden doch angemessen.  


[...] S.160
»Ich habe«, sagte sie, »mein Leben lang an Gott gedacht; ich habe seit meiner frühesten Kindheit, wenn mir etwas besonders Gutes oder Böses begegnete, geglaubt, das komme mir aus seiner Hand; und da mir meine Eltern als seine sichtbaren Stellvertreter auf Erden erschienen, mich vollkommen ruhig und glücklich gefühlt, ohne nach einer besonderen religiösen Erkenntnis zu streben.«   »Und Sie fühlen diese innere Zufriedenheit auch jetzt noch?« fragte der Geistliche.
[...] S. 163
Er erriet, dass kein inneres Bedürfnis, sondern nur Liebe zu Reinhard der Beweggrund sei, welcher sie dem Christentum entgegenführe, und er tadelte sie deshalb nicht. Ein langes Leben hatte ihn zu der Überzeugung gebracht, die er in früher Jugend mit orthodoxer Strenge bekämpft, dass man Christ sein könne ohne den Glauben an die christlichen Dogmen, und er war, einmal zu dieser Erkenntnis gelangt, ernstlich mit sich zu Rate gegangen, ob diese Ansicht ihn nicht zwinge, sein Amt niederzulegen. Mit dem gewissenhaftesten Eifer hatte er die Lehre Jesu und sich selbst geprüft und sich dadurch in der Überzeugung befestigt, dass Liebe und Duldung bei fortschreitender geistiger Entwicklung die Grundzüge des Christentums und besonders des Protestantismus ausmachten. In diesem Sinne hatte er sein Amt behalten und verwaltet. Er hatte von ganzem Herzen danach getrachtet, unter seiner Gemeinde die Lehre Jesu in ihrer moralischen Reinheit zu verbreiten, und auch die Form heilig geehrt, in der diese Lehre uns übergeben worden ist, ohne jedoch diejenigen fanatisch zu verdammen, die sich ausschließlich an den Geist hielten. Diese bekannte Gesinnung hatte den Vater bewogen, ihn zu Jennys Lehrer zu wählen, womit Reinhard nur auf Zureden seiner Mutter sich einverstanden erklärt.
[...] S. 167
Nach einer einfachen Einleitung sagte er zu ihr, die ersten christlichen Philosophen, welche über die Dreifaltigkeit gedacht, hätten von ihr gesagt: Gott war! Aber außer ihm nichts. Gott dachte sein Bild; und da das Denken und Entstehen bei Gott eins ist, so war dies Bild Gottes vorhanden, ohne selbständiges Wesen zu sein, denn es besteht nur in Gott. Dieses Wesen, für das die deutsche Sprache kein Wort hat, heiße in dem Urtext der Bibel Logos und sei in dem Menschen Jesus Mensch geworden, als die geistigen Geschöpfe der Erde, die Menschen, einer göttlichen Offenbarung gewürdigt werden sollten. Darum nenne sich Christus den Erstgeborenen. Das Band nun zwischen diesem Gedanken Gottes und Gott sei der Heilige Geist. Man könne also Gott allein, ohne Jesus und den Heiligen Geist denken, nicht aber die letzteren ohne Gott – denn nur in ihm sind sie.
[...] S.167
Als Jenny diese Erklärung vernommen hatte, rief sie freudig: »Oh! Sie geben mir das Leben wieder, indem Sie mir sagen, ich dürfe Gott denken ohne Christus und den Heiligen Geist! Das ist der Gott, den man mich von Kindheit an gelehrt hat, der uns alle beschützt. So vermag ich ihn zu glauben.«   »Nein, meine Tochter!« wendete der Greis ihr ein, erstaunt über die willkürliche Auslegung, welche Jenny seinen Worten gegeben. »Nein, Sie täuschen sich selbst! Ich habe Ihnen gesagt, dass wir Gott allein zu denken vermögen, aber es konnte unmöglich meine Absicht sein, Ihnen den Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes preiszugeben, den unsere Religion lehrt.«
[...] S. 169
Vergebens rang sie danach, zu einer klaren Vorstellung zu kommen, es gelang ihr nicht, und immer wieder tönte ihr das furchtbare »Glaube« ins Ohr, auf das man sie verwies und das sie nicht in sich erzwingen konnte.
[...] S.170
Durch einen Eid will ich mich in wenigen Wochen lossagen vom Glauben meiner Väter, den ich begreife und heilig halte, und zu einer Religion übertreten, gegen welche meine Überzeugung sich noch immer sträubt. Das kann Gott nicht wollen, das wäre Sünde.‹   Aber was konnte sie denn tun, sich zu befreien aus dieser Not? Sich Reinhard entdecken oder irgendjemandem, hieße Reinhard verlieren; denn nur als Christin konnte sie die Seine werden, konnte er ihr angehören. Sie erschien sich unglücklicher als jene Arbeiter, die in Dürftigkeit, aber gewiss ruhigen Geistes neben ihr herschritten. Was hatte sie verbrochen, um so schwer geprüft zu werden? Die sorglose Freudigkeit, mit der sie an Gott geglaubt und das Rechte getan, hatte ihr Reinhard geraubt und sie auf Lehren hingewiesen, die ihr bis jetzt nicht die geringste Beruhigung boten und sie den qualvollsten inneren Kämpfen preisgaben.
[...] S.172
Wie ernst strebte sie, den Gedanken der Dreieinigkeit zu fassen um seinetwillen! Denn sie selbst, sie konnte wie bisher sehr glücklich sein auch ohne diese Erkenntnis – aber ohne Reinhard nicht.
[...] S.185
Es bewährte sich auch an ihm, dass niemand uns so tödlich verletzen, so unablässig zu peinigen vermag als wir selbst, weil niemand so genau die wunde Stelle unserer Seele kennt und sie in jedem Augenblick so tief und sicher zu treffen weiß als eben wir. Darum sollte man sich vor keinem Feinde so sehr hüten als vor seinen eigenen Schwächen und Phantasien, mögen sie auch noch so nahe mit der Tugend verwandt sein! Jedem Feinde tritt man mit Härte, mit aller Macht des Geistes entgegen, und eine Art von Schadenfreude nebst der Lust am Siege sind uns vortreffliche Hilfstruppen gegen den Feind außer uns. Wer hat aber Selbstbeherrschung genug, mit offenen ehrlichen Waffen gegen sich selbst zu kämpfen? Wen freut es, über ein verhätscheltes Kind des eigenen Wesens zu siegen, das wir doch immer lieben, eben wie ein Vater sein Kind, wenngleich er nicht blind für dessen Fehler ist?
[...] S. 194
»Jene Stunde, die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte, ist herangekommen und zur Trennungsstunde für uns geworden – das höchste Glück, das Bewusstsein, Ihre Liebe zu besitzen, wird zum Schmerz, denn auch auf Sie fällt die Pein des Scheidens. – Zürnen Sie mir um deshalb nicht. Mehr als mein eigener Schmerz peinigt mich der Gedanke, dass Sie mit mir leiden, dass meine Liebe Sie nicht zu schützen, nicht zu beglücken vermag. Ich könnte eine Welt hassen, in der Herzen, die zusammengehören, getrennt werden, weil das eine so, das andere anders zu seinem Schöpfer betet, der beide füreinander erschuf, der sie, wie uns, zusammenführte. Jahrtausende hat der Fluch über meinem Volke geschwebt, nun hat er auch mich getroffen. Ich wähnte, es sei an der Zeit, frei zu werden von jenen Fesseln, die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit auferlegt. Ich hatte Dich gesehen, ich liebte Dich und ich hoffte, Du solltest die Aurora werden, welche ein neues Morgenrot der Aufklärung für unser ganzes Land verkündete. Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses, er schlägt in gerechtem Undank selbst die Mutter, die ihn erzeugt. Auch Du, die Christin, leidest unter ihm. Aber wer hieß Dich, einen Juden zu lieben? Warum wolltest Du lieben, was die Deinen hassen? Die Deinen, welche sich zu einer Religion der Liebe bekennen! – Oh! Christus wusste, wie der Hass zerfleischt, entmenscht, darum predigte er Liebe, und die Unwürdigen begriffen nur den Hass, vor dem er sie gewarnt.
[...] S. 196
Der Staat, der es erlaubt, dass Menschen ohne alle innere Zusammengehörigkeit einander den Eid der Treue vor dem Altare schwören, der es duldet, dass die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes geführt wird, welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes lachte, den er heute beschwört, der Gesetze gibt, diese fluchenswerten Ehen zu schützen derselbe Staat will es nicht dulden, dass zwei Herzen, die in reinstem Einklang schlagen, sich verbinden, weil sie auf verschiedene Weise Gott für das Glück danken würden, das er ihnen durch ihre Liebe gewährt. – Das sind die Gesetze, vor denen man Achtung verlangt!   Nur eine Zuflucht bietet sich uns dar, wenn Du es vermöchtest, Dich von allen Vorurteilen zu befreien, wenn Du Dich entschließen könntest, mir unter dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen, das unsere Ehe zulässt, und dort die Meine zu werden; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den Verblendeten zeigen dürfte, wie die Liebe frei ist vor dem Urteil eines weiseren Staates; wenn Du durch ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest – ein Leben voll der wärmsten, ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen; Dir, aus deren Hand mir die Liebe und Freiheit zugleich gegeben würden.
[...] S. 197
So nimm denn wenigstens das heilige Versprechen, Du Geliebte, dass ich mit keinem Worte versuchen werde, das Urteil, wie Du's auch fällst, zu ändern. Was Dein liebendes Herz vermag oder nicht vermag, was Dein gerader Sinn Dir zu tun gebietet, das soll auch meine Richtschnur sein. Nur versage mir die Gunst nicht, Dich noch einmal zu sehen. Und somit Lebewohl!«
[...] S. 201
Er bewunderte Clara, aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen. Ja, einen Augenblick lang wagte er zu glauben, Claras Gefühl könne an Stärke dem seinigen nicht gleich sein; sie müsse ihn weniger lieben als er sie. Das ist eine Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das Weib sei leidensfähiger als der Mann. Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt; man denkt nicht an jene schweren Stunden, in denen sie genötigt sind, sich zu beherrschen, wenn ihr Herz gepeinigt wird. Wer sieht die Tränen, die oft aus der innersten Seele hervorbrechen möchten, während ein Männerarm die schöne Gestalt umschlingt und mit ihr durch die fröhlichen Reihen des Walzers dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Tautropfen auf dem Rosenkranz in ihren Locken, nur die Perlen, die den schönen Nacken zieren, und ahnet nicht, dass hinter dem feuchten Blau des Auges, das euch entzückt, Perlen und Tautropfen hängen, viel kostbarer und reiner als der Tand, den ihr bewundert. Ihr preiset das süße Lächeln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lächelt über ein Dasein, das so grelle Gegensätze in sich schließt. Kommt dann einer einmal zu der Erkenntnis des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts und vergisst, dass jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf eine unglückliche Liebe schließt und mit roher Hand das stille Geheimnis an das Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm untertan, als Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angeborenem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt und selbst zerbrochen unvertilgbare Narben zurücklässt. Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen können, unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwicklung der weiblichen Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozess seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte.
[...] S. 229
Und wieder geleitete er Clara zu ihrem Wagen, wie an dem letzten Abende, den sie in der Stadt zusammen verlebt; aber gegen den dumpfen Gram, den beide jetzt empfunden, musste ihnen der Schmerz jener Stunden wie ein Glück erscheinen. Denn in jenem Schmerze lag noch Bewegung und Leben; heute aber fühlten sie die Entsagung wie ein Leichentuch über ihre Zukunft gebreitet und schieden wortlos, hoffnungslos.
[...] S. 229
Wie der Dichter, namentlich in seiner Jugend, die Geschöpfe seines Geistes kaum von den um ihn her lebenden Menschen zu unterscheiden vermag; wie Kinder sich spielend so fest in die erfundenen Verhältnisse ihrer Puppen hineindenken, dass sie unwillkürlich Erfundenes und Wirkliches vermischen und nicht mehr trennen können, so ging es in gewisser Art Jenny mit ihrer religiösen Erkenntnis. Nachdem sie vergebens versucht, die Symbole des Christentums mit dem Verstande zu erfassen, bemächtigte sich einst plötzlich ihre Einbildungskraft derselben, und sie wurde mit Überraschung gewahr, dass sie vieles sich denken und in seinen Folgen und in seiner Veranlassung ausmalen, ja es bis zu einer deutlichen Vorstellung in sich ausbilden könne, woran ihr der Glaube fehlte. Christus, der eingeborene, gekreuzigte und wiederauferstandene Sohn Gottes, wurde für sie zu einer so festen Gestalt in seinen Wundern, wie es ihr früher irgendein Gott des Olymps gewesen, wie es ihr noch jetzt Goethes göttlicher Mahadö war, der die sich opfernde Geliebte mit sich verklärt aus den Flammen emporhebt. So wie sie, trotz der historischen Kenntnis des mittelaltrigen Johann Faust, diesen gänzlich in der unsterblichen Gestalt des Goetheschen Faust verloren hatte, weil der letztere allein ihr durch die poetische Schönheit des Gedankens als wirklich erschien, so bildete sie aus dem Menschen Jesus, den die Apostel beschrieben, jenen mystischen Christus in sich aus, wie ihn die späteren christlichen Philosophen als Teil der Dreieinigkeit dachten. Sie wähnte, als diese Erscheinung in einer bestimmten Form in ihr lebte, endlich an Christus und seine Wunder zu glauben, in dem Sinne, den Reinhard verlangte, so dass sie mit vollem Vertrauen von sich zu behaupten wagte, jetzt sei ihr nicht bloß die christliche Moral, sondern die Menschwerdung Christi zu einer vollkommenen Wahrheit geworden. Wie bei allen Trugschlüssen stimmte plötzlich alles zu ihren Ideen, nachdem sie willkürlich einen Anfangspunkt für ihr System gefunden hatte, den sie als richtig annahm, obgleich er es in der Tat nicht war. Die sichere Ruhe, mit der sie sich hinterging, täuschte auch Reinhard und den sie unterrichtenden Pastor, obgleich der letztere über eine so unerwartete Veränderung der Ansichten bei seiner Schülerin sehr überrascht zu sein schien.
[...] S. 231
Als sie nun jenes Glaubensbekenntnis niederschreiben wollte, das sich eigentlich streng an die im »Glauben« enthaltenen Dogmen binden musste; als sie ihr Nachdenken fest auf den Punkt richtete, fing das Luftgebäude ihrer künstlichen Überzeugung zu schwanken an, und die Schöpfung einer regen Phantasie zerfloss vor dem festen Blick ihres Verstandes in ein Nichts. Sie bemerkte das mit Schrecken. Sie hatte Ruhe und Heiterkeit gewonnen durch die Täuschung, der sie sich unbewusst hingegeben; was frommte ihr eine Einsicht, die ihr beides schonungslos raubte, die sie in das alte Chaos des Zweifels stürzte und, wenn sie wahr sein sollte, sie von Reinhard trennte, weil ihr Übertritt zum Christentum bei diesen Zweifeln zu einer Lüge wurde? Vergebens wollte sie die Vorstellungen in sich zurückrufen, die ihr vor wenig Stunden geläufig und klar gewesen waren; es gelang ihr nicht. Ebenso wie es dem Erwachsenen nicht gelingt, jene Empfindung in sich hervorzuzaubern, die wir als Kinder alle haben, wenn wir im Wagen dahinfahrend wähnen, Bäume und Häuser an uns vorüberfliegen zu sehen, während wir stillstehen.
[...] S.232
Einen Moment lang mag man noch hoffen, sich gegen die Wahrheit zu verblenden, eine liebgewonnene Täuschung in sich festhalten zu können – die Wahrheit siegt doch immer. Es ist ihr Prüfstein, dass sie siegen muss, und auch Jenny sträubte sich jetzt vergebens gegen die Gewalt der Wahrheit.   Die Überzeugung, dass der Geist des Christentums die Hauptsache in demselben sei, war es allein, die ihr einen Ausweg für ihre Besorgnisse zeigte, einen Ausweg, vor dem ihre Redlichkeit sich scheute. Was aber sollte sie tun? Jetzt, nachdem sie unaufhörlich ihren Glauben an die christlichen Dogmen behauptet hatte, plötzlich erklären, sie habe sich getäuscht und sie könne nichts davon glauben? [...] S. 232
Sie schauderte vor der Wahl zwischen der Wahrheit und der Liebe; sie fühlte, dass alle sie bedauern, alle mit ihr leiden würden, falls sie sich wirklich entschließen müsste, den Geliebten ihrer Überzeugung zu opfern. Alle würden es beklagen, selbst Joseph, der sie ungern Christin werden sah, und Erlau, der sie liebte – alle – nur Therese nicht. Therese allein konnte sich darüber freuen, [...]
S. 233
Das sollte und durfte aber nicht geschehen; Therese sollte nicht ernten, wo Jenny mit ihrem Herzblute gesät hatte, und wieder und wieder ging sie daran, alles durchzudenken, was ihr je von religiösen Ansichten bekannt geworden war, bis sie entschieden zu der Überzeugung gelangte, die Dogmen als eine Nebensache zu betrachten, und, um Reinhards Meinung zu schonen, endlich ein Glaubensbekenntnis zustande brachte, das in Spitzfindigkeit dem ältesten Jesuiten Ehre gemacht hätte. Mit großem Geschick hatte sie vermieden, jener Lehren von der Kindschaft Christi, der Erlösung durch seinen Tod und der damit gegebenen Genugtuung zu erwähnen, ohne irgend Zweifel [...]
S. 234
Was tat es ihrer Liebe oder ihrem häuslichen Glücke, wenn Jenny den Gekreuzigten für den ersten unter den Menschen statt für Gott hielt, solange sie nur seine Lehren befolgte? Indessen führten alle diese Gedanken sie doch nur immer auf den einen Punkt zurück, dass Reinhard es nimmer zugeben würde, sie Christin werden zu lassen, wenn sie ihm die Wahrheit bekenne: dass sie ihn verliere, wenn sie es nicht werde. Das machte sie verzagt, und diese Kämpfe ermüdeten sie so sehr, dass sie aus Schwäche Mut zu einer Trennung von dem Geliebten fühlte, wie Feiglinge zu Selbstmördern werden würden, wenn im Moment der Entscheidung nicht eben ihre Feigheit sie von der Tat zurückhielte.
[...] S.234
Claras ruhige, ergebene Entsagung leuchtete ihr als Beispiel vor; sie wollte nicht kleiner sein als ihre Freundin, denn auch sie war sich bewusst, das Unvermeidliche würdig zu tragen und eher das Glück als die Achtung vor sich selbst entbehren zu können.
[...] S. 236
Obgleich nur ein paar Monate seit der Abreise der Pfarrerin verflossen waren, fand sie das Verhältnis ihres Sohnes zu Jenny wesentlich verändert und fast umgekehrt. Reinhards Eifersucht hatte sich gelegt, da Erlau dieselbe nicht mehr erregte; mit den äußern Verhältnissen seiner Zukunft, mit dem Reichtum seiner Braut hatte er sich ausgesöhnt, je mehr er sich überzeugte, dass die ganze Familie denselben zwar in seinem Werte begriff, aber doch nicht überschätzte oder damit absichtlich prunkte; und da nun auch Jennys religiöse Erkenntnisse sich seinen Ansichten angeschlossen hatten, war er vollkommen glücklich und zu einer inneren Zufriedenheit gelangt, die ihn seit seiner Verlobung geflohen hatte.
[...] S. 244
Wieweit Therese bei dieser Unterredung sich selbst über die Beweggründe ihrer Handlungen getäuscht hatte, wieweit sie absichtlich dabei zu Werke gegangen, möchte schwer zu entscheiden sein. Ob sie wirklich an Jennys Liebe für Reinhard zweifelte, an eine Neigung für Erlau glaubte, ob nur der Wunsch, Reinhard und Jenny vor Reue zu bewahren, allein sie antrieb, der Pfarrerin jenen Bericht zu erstatten, das lassen wir dahingestellt sein. Jedenfalls aber war sie sich der eigensüchtigen Motive, die zweifelsohne in ihrer Seele sich regten, nicht deutlich bewusst, so dass sie die Lobsprüche der Pfarrerin mit ruhigem Gewissen annahm und sich Jenny gegenüber in einer stillen Größe erschien, welche es ihr leichter machte. sich fügsam und nachgebend gegen sie zu betragen.
[...] S. 284
Und leider war Josephs Vermutung nur zu richtig. Je glücklicher sich Jenny in Reinhards Liebe fühlte, umso mehr demütigte sie der Gedanke, unwahr gegen ihn zu sein. Von frühester Kindheit an hatte man ihr die Lüge als etwas so Unedles, so Verächtliches dargestellt, dass sie sich nur mit Entsetzen zu gestehen vermochte, wie tief sie sich in dieselbe verwickelt habe.
[...] S. 285
Als aber der Zweifel in ihr erwachte; als sie mit aller Anstrengung und dem Aufwande von tausend Scheingründen in sich die Lehren Reinhards und des Pastors zu begründen strebte; da, sagte sie sich jetzt, da habe sie gewusst, dass sie niemals werde glauben können, was sich gegen ihre Vernunft sträube; und dass sie dennoch, trotz dieser inneren Gewissheit, Christin geworden sei, dass sie ihren Vater, Reinhard und sich selbst habe hintergehen wollen, das war ein Verbrechen, um dessentwillen sie sich verächtlich vorkam, eine Sünde, die sie sich nicht vergeben konnte. ›Aber was ist eine Sünde?‹ fragte sie sich dann wieder. ›Wenn ich Reinhard nicht anders glücklich machen konnte als durch eine Unwahrheit; wenn ich selbst ohne sie elend werden musste, kann Gott ein Unrecht strafen, das aus großer Liebe begangen wurde?‹
[...] S. 286
Nicht nur um glücklich zu machen, sondern um es zu werden, war sie Christin geworden; es lag Selbstsucht auch in dieser Handlung, und die Bemerkung, dass es ihr fast zur Gewohnheit geworden, sich nach ihrem Bedürfnis zu täuschen, vermehrte ihre Seelenpein in einem Grade, der ihr jedes ruhige Urteil raubte. Eine Furcht vor der Strafe Gottes bemächtigte sich ihrer Seele, und sie, die nicht an die mystischen Lehren des Christentums zu glauben vermochte, überließ sich fast willenlos dem Aberglauben des Alten Testaments, das Gott einen Rächer nennt, das Böse strafend bis in das fernste Glied. ›Auch Reinhard‹, sagte sie sich, ›ziehe ich mit in mein Verderben; auch ihn wird der Strudel erfassen, wenn ich ihm nicht mehr verbergen kann, dass ich nicht glaube. Was soll er dann beginnen? Er wird mich lieben und mir doch nicht verzeihen können! Auch er wird in den heillosen Kampf zwischen seiner Liebe und seinem Glauben geraten; auch auf sein teures Haupt werde ich das Elend herabbeschwören, das mich nicht ruhen lässt, und das wird die erste Strafe sein, mit der Gott meine Sünden rächt.‹
<Die Seitenzählung entspricht der Kindle-Ausgabe, nicht der der ZENO-Ausgabe.>

14 Februar 2020

Wie Frauen lieben - Darstellung einer Feministin des 19. Jh.

"[...] Er bewunderte Clara, aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen. Ja, einen Augenblick lang wagte er zu glauben, Claras Gefühl könne an Stärke dem seinigen nicht gleich sein; sie müsse ihn weniger lieben als er sie.
Das ist eine Ungerechtigkeit, deren man sich nur zu oft schuldig macht. Weil das Weib besser liebt, weil es nur an den Schmerz des Geliebten, nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des andern vollkommen vergessen kann, schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram, den man verursacht, mit dem alten Gemeinplatz, das Weib sei leidensfähiger als der Mann.
Die Schmach fühlt man gar nicht mehr, den Frauen, dem sogenannten schwachen Geschlecht, eine Stellung im Leben angewiesen zu haben, die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt; man denkt nicht an jene schweren Stunden, in denen sie genötigt sind, sich zu beherrschen, wenn ihr Herz gepeinigt wird. Wer sieht die Tränen, die oft aus der innersten Seele hervorbrechen möchten, während ein Männerarm die schöne Gestalt umschlingt und mit ihr durch die fröhlichen Reihen des Walzers dahinfliegt? Ihr seht nur die schimmernden Tautropfen auf dem Rosenkranz in ihren Locken, nur die Perlen, die den schönen Nacken zieren, und ahnet nicht, dass hinter dem feuchten Blau des Auges, das euch entzückt, Perlen und Tautropfen hängen, viel kostbarer und reiner als der Tand, den ihr bewundert. Ihr preiset das süße Lächeln des holden Mundes, der nur zu oft traurig lächelt über ein Dasein, das so grelle Gegensätze in sich schließt.
Kommt dann einer einmal zu der Erkenntnis des Schmerzes, den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt, dann schreit er über die Verstellung, die Unwahrheit des Geschlechts und vergisst, dass jeder, der ein Mädchen traurig sieht, ohne sich zu bedenken, auf eine unglückliche Liebe schließt und mit roher Hand das stille Geheimnis an das Licht ziehen möchte. Ein Frauenherz, in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet, erkennt seinen Besieger in dem Manne, fühlt sich ihm untertan, als Sklavin seines Willens, und möchte doch aus angeborenem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen, durch die es gebunden wird, die oft blutig drückt und selbst zerbrochen unvertilgbare Narben zurücklässt.
Geliebt werden ist das Ziel der Frauen. Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben; ihr Glück lieben, und die Liebe, nach der sie gestrebt, nicht erlangen können, unglücklich lieben, eine Kränkung, welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen. So beruht die ganze Entwicklung der weiblichen Seele auf dem Verhältnis zum Manne; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen, wenn es den geheimnisvollen Prozess seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte. [...]"
Fanny Lewald Jenny (Volltext, S.175-176)

10 Februar 2020

Fanny Lewald: Jenny

Fanny Lewald: Jenny (Wikipedia)

Dieser Roman unterscheidet sich ganz wesentlich von dem zuvor vorgestellten: "Diogena".
"Jenny" ist ein Roman, in dem in Einfühlung in möglichst lebenswahre Gestalten das Problem der Judenemanzipation am Anfang des 19. Jahrhunderts behandelt wird. Dazu dienen ausführliche Gespräche und die Handlung, die beide aufzeigen, dass die Juden damals zwar in der Gesellschaft zugelassen waren, aber noch nicht akzeptiert.
Daraus spricht das Lebensgefühl von Fanny Lewald, die als begabte junge emanzipierte jüdische Frau so gar nicht ins konventionelle Frauenbild passte. Immer wieder lässt sie ihre Personen davon sprechen, dass als wertvollste weibliche Eigenschaft Fügsamkeit gilt. Geistige Interessen und gar selbständige Ansichten entwickeln ihre positiven Frauengestalten zwar in hohem Maße, doch leiden sie darunter - wie offenbar Fanny selbst -, dass das nicht geschätzt wird. Jennys Bruder Eduard hat in abgeschwächter Form das gleiche Problem. Lewald sieht also Judenemanzipation und Frauenemanzipation  als verwandte Probleme. 

"[...] S.46:
Das ist das Geheimnis der Liebe, dass sie zwei Herzen verbindet zu einem und diese absondert unter Tausenden; dass das Gefühl der erwiderten Liebe nicht der Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die Liebe wie ein flüchtiger Äther dem einen Herzen entströme, um das andere zu erfüllen und zu beleben. Aber nur das geliebte, geöffnete Herz empfindet das Lebenswehen, das für es ausgeströmt wird. Die übrigen berührt der Strom von jenseits nicht, und sie atmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen.
Das ist das Geheimnis der Liebe, dass sie zwei Herzen verbindet zu einem und diese absondert unter Tausenden; dass das Gefühl der erwiderten Liebe nicht der Worte, kaum des Blickes bedarf, um sich deutlich zu machen. Es ist, als ob die Liebe wie ein flüchtiger Äther dem einen Herzen entströme, um das andere zu erfüllen und zu beleben. Aber nur das geliebte, geöffnete Herz empfindet das Lebenswehen, das für es ausgeströmt wird. Die übrigen berührt der Strom von jenseits nicht, und sie atmen ruhig die kalte Erdenluft, ohne zu ahnen, wie schnell und leicht und freudig zwei Herzen in ihrer Nähe klopfen.
[...] S.56:
Ich strebe täglich, diese heitern Vorbilder einer fröhlichen Vorzeit zu erreichen, aber kommt man dazu? Kaum hat man sich verliebt und schwelgt in Wonne, so erzählen sie von Aktien zu einer Eisenbahn oder von Entwürfen zu Kleinkinderschulen, in denen lauter Prüde und Pedanten erzogen werden sollen. Denkt man daran, sein Herz frei zu machen, um es bald wieder gefangen zu geben, so soll man einer Korporation zur Befreiung der Negersklaven oder zur Erleichterung der Hunde beitreten; und kein Mensch denkt dabei, dass mich zum Beispiel dies viel mehr ennuiert als es irgendeinen Neger langweilt, Zuckerrohr zu tragen oder einen Hund, seinen Karren zu ziehen.«
[...] S.60:
Er liebte ihre reiche, schöne Natur, ihr lebhaftes Gefühl und wurde es doch nur zu häufig mit Betrübnis gewahr, dass Jenny infolge ihrer Erziehung und der Verhältnisse, in denen sie aufgewachsen war, eine Richtung genommen hatte, die seiner ganzen Seele widerstrebte, die auch Eduard missbilligte, die aber zu ändern ihren beidseitigen Bemühungen bis jetzt nicht gelungen war. Reinhard glaubte an ihr Herz, er liebte sie, wie ein kräftiges Gemüt zu lieben vermag – und doch fühlte er eine Scheidewand zwischen sich und der Geliebten; doch konnte er die bange Ahnung nicht unterdrücken, es stehe ein Etwas trennend zwischen ihm und ihr. Jetzt, bei Jennys letzten Worten, erwachte das Gefühl aufs Neue und heute umso schmerzlicher in ihm. Trüb und verstimmt nahm er, als sich die Gesellschaft trennte, von der Geliebten Abschied, trüb und verstimmt schritt er an seiner Mutter Seite heim, während Jenny in ihrem Zimmer Tränen der bittersten Reue vergoss. Sie wusste, was sie ihm angetan hatte, aber so hatte sie heute doch nicht von ihm zu scheiden geglaubt. – Er hatte keinen Blick für sie gehabt, und jetzt wusste er es doch, dass sie ihn liebte.
[...] S. 62:
Von den Eltern nicht mehr als notdürftig beachtet, geneckt und geplagt von den eigensinnigen Launen des Bruders, gewöhnte sich Clara schon in erster Kindheit an eine Fügsamkeit und Anspruchslosigkeit, die später der edelste Schmuck der schönen Jungfrau wurden. Nicht ohne Stolz sah der Vater auf die Bewunderung, die das erste Auftreten Claras in der Gesellschaft erregte. Die wilden Leidenschaften der Jugend hatten sich bei ihm gelegt, sein Sohn, der Mutter Liebling, war ihm fremd geblieben; er vermisste eine freundliche Heimat, die Anhänglichkeit einer Familie, und so konnte es nicht fehlen, dass der Tochter demütige Ergebenheit, ihr kindliches Anschmiegen ihn fesselten. Er liebte sie, wie er zu lieben imstande war. Sie war sein Stolz, die Krone seines Besitzes, und alle seine Wünsche gingen darauf hinaus, diese Tochter so glänzend als möglich versorgt zu sehen.
[...] S.64:
Für Clara begann mit des Vetters Anwesenheit ein neues Leben. Mutter und Bruder überboten sich in tausend Freundlichkeiten gegen sie, man bemühte sich, sie in dem vorteilhaftesten Lichte erscheinen zu lassen und war jetzt plötzlich bereit, ihren Ansichten und Wünschen zu schmeicheln, weil man sie zu ähnlicher Fügsamkeit zu überreden wünschte. Von Natur weich und hingebend, fühlte Clara sich zum ersten Mal in ihrem Leben wahrhaftig glücklich durch das Wohlwollen, von dem sie sich umgeben sah; und da auch auf sie das Glück seinen verschönenden, belebenden Einfluss zu machen nicht verfehlte, war es nur natürlich, dass William seine Cousine sehr liebenswürdig fand.
[...] S.70:
Sie nannte William in ihrem Herzen einen guten, aufgeklärten Menschen – aber Eduard war mehr als das. Sie musste an sein klares, kluges Gesicht denken, an seine freie Stimme, und sein jüdisches Gesicht kam ihr fast schön vor.   ›Ob Christus wohl auch ähnliche Züge gehabt haben mag‹, fragte sie sich, und immer und immer wieder an ihn denkend, sank sie endlich in einen festen Schlaf, in dessen Träumen William und Eduard und der Heiland, wie die alten Bilder ihn uns zeigen, ineinander flossen und aus dem sie erst am frühen Morgen neu gestärkt erwachte.
[...] S.78:
Was band ihn an Moses und seine Gesetze? Es sträubte sich bei diesen ebenso viel gegen seine Vernunft als bei den Lehren Jesu. Warum nicht einen Aberglauben gegen den andern vertauschen und mit der Geliebten vereint zu dem allmächtigen Wesen beten und rein vor seinen Augen wandeln? – Aber war es denn allein der Glaube, den er zu verleugnen hatte? War es nicht auch das Volk, in dem er geboren war, von dem er sich losreißen musste? Das uralte Volk, das in tausendjährigen Kämpfen seine Selbständigkeit zu wahren und damit seine innere Mächtigkeit zu bekunden gewusst hat?
[...]  S.79:
Wie mag ich mein Glück, das Glück des Einzelnen, so hoch schätzen, während mein ganzes Volk nicht glücklich ist!
[...]  S. 80:
Ein Jeder hat es gewiss erfahren, wie in einem Kreise befreundeter Menschen sich allmählich eine Epoche vorbereitet, in der unvorhergesehene Ereignisse eine gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse hervorrufen. Es ist, als ob ein jeder sich mit einem Male bewusst geworden sei, was er wolle und müsse; und wo noch vor kurzer Zeit nur Keime vorhanden waren, steht schnell emporgewachsen eine reife Ernte da. Aber dem Erscheinen solcher Zeitpunkte gehen in den Familien, wie in der Natur bei der Ernte, heiße, schwere Tage voraus, in denen die Luft drückend und unheilschwer über uns liegt und sich in gewaltsamen Gewitterstürmen abkühlt. Wir fühlen den herannahenden Orkan, eine Unruhe überfällt uns, wir zagen vor dem entscheidenden Momente und sehnen ihn doch ungeduldig herbei, um in der erfrischten Atmosphäre frisch und frei aufatmen zu können.   Ein solcher Zeitpunkt war für den Kreis von Menschen herangerückt, in dessen Mitte diese Erzählung uns führt. Jeder der Beteiligten fühlte, dass ein entscheidender Schritt geschehen müsse, und keiner hatte den Mut, ihn zu tun.
[...]  S. 81:
Sie wünschte und fühlte in sich die Macht, ihn zu entschädigen für alles, was fremde Unduldsamkeit an ihm verbrochen hatte; sie wollte ihm zeigen, dass sie wenigstens die Vorurteile der Menge nicht teile. Darum hatte sie tausend jener kleinen Aufmerksamkeiten ihm gegenüber, in denen weibliche Liebe so erfinderisch ist, und die, allen andern unbemerkbar, sicher den Weg in das Herz dessen findet, dem sie gelten.
[...]  S. 84:
Hughes fühlte eine wachsende Neigung für sie, der er sich sorglos hingab, da er wusste, dass sie die Wünsche beider Familien für sich habe. Er gehörte zu jenen ruhigen, trefflichen Menschen, die bei wahrem Gefühle doch keiner Leidenschaft fähig sind.
[...]  S. 90
Du wirst hoffentlich ein Mensch werden nach dem Herzen Gottes, aber du wirst niemals Christin sein noch Jüdin. Wie wir Juden jetzt in religiöser Beziehung denken, gibt es keine positive Religion mehr, die für uns möglich ist, und wir teilen mit Tausenden von Christen die Hoffnung, dass eine neue Religion sich aus den Wirren hervorarbeiten werde, deren Lehren nur Nächstenliebe und Wahrheit, deren Mittelpunkt Gott sein muss, ohne dass sie einer mystischen Einhüllung bedürfen wird.«   Joseph hielt inne, auch Jenny schwieg. Endlich fragte sie leise: »Und was soll aus mir werden? Was soll ich denn beginnen, wenn ich nicht glauben kann?«
[...]  S. 93
Kapitel 8.  
 Der Doktor kam aus dem Hornschen Hause. Man hatte dort von einem Treibhause gesprochen, in dem eine Menge der schönsten Blumen gerade jetzt in voller Blüte ständen, und Hughes hatte dabei die Bemerkung gemacht, er halte das Treibhaus von Eduards Vater für eines der reichsten und schönsten, die er jemals gesehen habe. Er erzählte von all den verschiedenen Kamelien, Azalien und Hyazinthen. Clara schien sich dafür lebhaft zu interessieren, und Eduard wagte endlich den Vorschlag, sie möge seinen Eltern die Freude machen, sich selbst durch den Augenschein davon zu überzeugen. Hughes fand die Idee vortrefflich; er war gleich bereit, seine Cousine zu begleiten, und erhielt dazu nach einigen Einwendungen die Erlaubnis seiner Tante.   Die Kommerzienrätin nämlich, die ihren Plan niemals aus dem Gesichte verlor, fingen Williams häufige Besuche im Meierschen Hause zu beunruhigen an. Es bangte ihr vor der Möglichkeit, Jenny könne der Magnet sein, der ihn dort hinziehe, und sie wünschte lebhaft, die Verlobung Claras mit William, die ihr sehr am Herzen lag, so schnell als möglich geschlossen zu sehen. Darum war ihr jede Veranlassung willkommen, die Clara und Hughes zusammenführte, besonders diese, bei welcher der junge Mann als Beschützer des Mädchens auftrat; und es war ihr lieb, wenn sich die Leute gewöhnten, das Paar als verlobt zu betrachten, weil nur zu häufig das Urteil der Welt uns erst zu Entschlüssen bestimmt, die wir sonst vielleicht gar nicht oder doch viel später fassen würden.   Eine größere Freude hätte die Kommerzienrätin aber weder ihrer Tochter noch Eduard bereiten können. Beide erglühten vor Lust, als ihre Blicke sich begegneten. Die Verabredung wurde für den nächsten Morgen getroffen, und Eduard eilte nach Hause, um seine Eltern davon in Kenntnis zu setzen.
[...]  S. 97
Sie ist geboren für diesen Schmuck! Aber sie kann ihn nicht entbehren; ich vermag ihn ihr nicht zu geben und würde doch erröten, mein Weib in einer Pracht zu sehen, die sie nicht mir allein verdankte, die ich nicht mit ihr teilen könnte, ohne von den Wohltaten eines Dritten zu leben. Und wenn Jenny in einem jener Anfälle rücksichtslosen Witzes jemals ein Wort sagte, das mich daran erinnerte, sie sei die Reiche mir gegenüber – gerade, weil ich sie liebe – bei Gott, ich glaube, ich könnte sie hassen!«   »Das wird Jenny nie«, begütigte die Pfarrerin, »und in der Beziehung würde ich sie ruhig an deiner Seite sehen. Was mir an ihr missfällt, ist das jüdische Element in ihr. Der Witz dieses Volkes ist eigentümlich und fürchterlich, er hat mich oft erschreckt, gepeinigt, wenn es mir in ihrem Vaterhause wohl war, wie es einem bei so braven, gebildeten Menschen wohl werden muss. Der Witz der Juden hat etwas von dem Stilett des Banditen, der aus dem Verborgenen hervorstürzt, den Wehrlosen umso sicherer damit zu treffen. Er ist die letzte Waffe des Sklaven, dem man jede andere Waffe gegen seinen Unterdrücker genommen hat, die feige Rache für erduldete tiefempfundene Schmach.«   »Mutter! Jennys Witz ist nicht so schlimm; er ist kindisch, schnell und treffend. Aber wenn ich, in törichter Eifersucht aufgeregt, hart über Jenny urteilte – vergiss es, liebe Mutter!« bat der Sohn, »denn ich habe Jenny Unrecht, sehr Unrecht getan. Ich selbst glaube nicht, was ich sagte; es war Leidenschaft, Zorn, was aus mir sprach, nicht meine Überzeugung, nicht mein Herz, das Jenny liebt – und, nicht wahr, auch du hast Jenny lieb?« fragte Reinhard, und die Pfarrerin schwankte, was sie beginnen sollte. Sie sah, dass ihr Sohn zu sehr an der Geliebten hing, um selbst aus dem Munde seiner Mutter ein Wort des Tadels gegen sie ertragen zu können.
[...]  S. 98
»Ich habe Jenny sehr lieb«, sagte sie, »und die kindliche Freundlichkeit, die Hingebung, die sie mir immer zeigt, verdienen meinen wärmsten Dank. Klug, schön und gut, wie sie ist, darf jede Mutter stolz auf eine solche Tochter sein.« – Reinhards Gesicht leuchtete vor Freude, und ein feuriger Händedruck lohnte seiner Mutter diese Anerkennung. »Doch«, fuhr die Pfarrerin fort, »täusche dich nicht, mein Sohn! Jenny hat Fehler, für die sie nicht verantwortlich ist, weil sie gewissermaßen national sind, und weil die Mehrzahl der Jüdinnen sie mehr oder weniger mit ihr teilen. Die Lebhaftigkeit, die Rührigkeit der Juden wird bei der großen Masse zur unerträglichen Manier. Ihr Sprechen, ihre Gebärden sind karikiert. Davon ist der Gebildete bis zu einem gewissen Grade frei, die unruhige Lebhaftigkeit indessen bleibt ein hervorstechender Zug der Juden. Sie mag vortreffliche Geschäftsmänner hervorbringen, der Weiblichkeit aber tritt sie zu nahe. Jenny belebt eine ganze Gesellschaft; sie ist täglich neu; man hat Freude an der Unterhaltung mit ihr, nur Ruhe findet man nicht bei ihr.
[...]  S.  99
»Therese ist kälter; hat nicht so viel Geist«, wandte Reinhard ein, »und was du von den Jüdinnen sagst, trifft auch nicht immer zu. Ist Jennys Mutter nicht die liebenswürdigste, vortrefflichste Frau? Und diese beständige Lebhaftigkeit, die du tadelst, wieviel Freude muss sie dem Manne gewähren! Jennys Geist...«   »Das ist es, was ich fürchte!« sagte die Pfarrerin. »Jennys Geist ist unerbittlich klar; er lässt sich nie von ihrem Herzen täuschen. Das ist es, was mich besorgt macht. Diesen geistreichen Mädchen aus den jüdischen Familien, die gleich Jenny erzogen werden, fehlt es fast immer an gutem weiblichen Umgange: mehr unterrichtet als die Frauen ihrer nächsten Umgebung, überschätzen sie sich zu leicht; das Beisammensein mit Mädchen, die Sorge für die täglichen Bedürfnisse des Hauses hört auf, ihnen Freude zu machen; sie ziehen die Unterhaltung der Männer vor, welche mit Vergnügen solch einen kleinen Überläufer empfangen. Im Kreise der Männer machen ihr Geist und ihre Aufklärung rasche Fortschritte; die neuen Begriffe, der große Maßstab der Männer werden an alles gelegt; das Mädchen schämt sich der engen Verhältnisse, die  [...] 
S. 102:
Die Warnungen seiner Mutter, ihre Missbilligung hatten nur dazu gedient, ihn an Jennys Vorzüge zu erinnern, und widerstrebend versprach er, das Meiersche Haus ein paar Tage zu meiden und Jenny nicht zu sehen.    
Kapitel 9.   
Der nächste Morgen, ein Sonntag, brachte nach trüben Tagen mit Wind und Schneegestöber, wie der [...]  
S. 104:
Clara fühlte sich ganz heimisch in dem Kreise, als der Vater hinzukam und man sich zu dem reich versehenen Frühstück niedersetzte, währenddessen die Unterhaltung in zwei Teile zerfiel. Hughes hatte Briefe aus London erhalten, teilte manches Neue daraus mit, und es ergab sich infolgedessen unter den Herren eine Unterhaltung, die zwischen geschäftlichen und politischen Interessen sich hin und her bewegte und an der auch Eduard Anteil zu nehmen gezwungen war, obgleich er neben Clara saß und mehr auf ihr Gespräch mit den Damen achtete, als er zugestehen wollte. Sie musste erzählen, wie sich der Unfall zugetragen, der sie so lange an ihr Zimmer gefesselt hatte; sie konnte nicht genug ausdrücken, wie dankbar sie dem Doktor für seine große Sorgfalt sei, wie seine Freundlichkeit, sein Trost ihr die Stunden des Schmerzes verkürzt hätten. Die Mutter und Jenny waren hocherfreut über diese Äußerungen. Aber den Vater machte die Wärme nachdenklich, mit welcher Clara von seinem Sohne sprach.   Plötzlich klopfte es an die Türe. Man rief »Herein«, musste aber den Ruf zum zweiten und dritten Male wiederholen, ehe Steinheim mit Mephistos Worten: ›So recht! Du musst es dreimal sagen‹, seine Mutter am Arme, in das Zimmer trat. Man stand auf, die alte Frau Steinheim zu bewillkommnen. Sie wollte aber durchaus nicht leiden, dass man sich ihretwegen derangiere und bat mit schnarrender Stimme und jüdischem Jargon, gar keine Notiz von ihr zu nehmen, da sie nur auf wenig Augenblicke gekommen sei.
 [...]  S. 113:
»Das ist aber der Fehler aller engen Kreise«, meinte Clara, die mit feinem Gefühl dem Geliebten jede unbequeme Erörterung ersparen wollte. »In unsern kleineren und größeren Zirkeln wiederholt sich, was Sie eben rügten. Das darf man nicht so strenge tadeln, denke ich.«   »Und doch tut das alle Welt bei den Juden!« rief Eduard; »bei ihnen, denen man nicht einmal die Möglichkeit lässt, aus ihrem engen Kreise herauszutreten, so gern sie es möchten. Ein Teil der gebildeten Juden kann sich dreist mit jedem andern Gebildeten messen, er würde, wie in Frankreich, sich längst der Masse der Nation angeschlossen haben, er würde auch in Deutschland längst nationalisiert sein, wenn ihn sein Äußeres, seine dunklere Farbe und das schwarze Haar nicht auf den ersten Blick von den Deutschen unterschieden zeigten. Dies fremde Äußere erinnert unaufhörlich an eine verschiedene Abkunft und gibt, vom Pöbel ausgehend, dem Judenhass immer neue Nahrung, von dem wohl die wenigsten so frei sind, dass sie den Juden nicht den Mangel an gesellschaftlicher Bildung zum ächtenden Vorwurf machten. Und man brauchte sie doch nur zu emanzipieren, um die Unebenheiten von ihrer Außenseite abzuschleifen. Freilich ist es gar bequem zu sagen: Die Juden haben einen hässlichen Dialekt, hässliche Manieren. – Woher das aber kommt, fragt niemand! – Dass es so ist, reicht ja hin, den Juden auszuschließen von der Gesellschaft, und mehr braucht es nicht, mehr will man nicht.«   Eduard war erregter, als er selbst glaubte, Clara betrübt, und selbst Hughes nicht frei von Befangenheit. Doch bezwang er sich und sagte: »Allerdings trifft die Deutschen der Vorwurf, nur in den Juden die Nationalität nicht anzuerkennen, während sie sonst jeder fremden Eigentümlichkeit mehr als nötig nachsehen. Erwarten wir das Beste von der Zukunft, und wenigstens lassen Sie uns die Gegenwart meines Mühmchens mit fröhlicherer Unterhaltung feiern.
 [...]  S. 122:
Da fand sie, wie sie glaubte, Reinhard und Therese in zärtlich heimlichem Gespräche. Ihre beste Freundin, der Mann, der ihr alles war, hatten sie, wie sie glaubte, verraten. Das war zu viel für ein so junges, heißes Herz; sie eilte hinaus, sie war ihrer selbst nicht mächtig.
 [...]  
»Meine Therese?« rief Jenny und lachte bitter auf – »Du bist Reinhards und nicht mein! Fort! – Gehe zu ihm, aber gleich! – Und sage ihm, wie elend ihr mich macht!«   Nun fiel plötzlich die Binde von den Augen der ahnungslosen Therese. Sie fasste Jenny in ihre Arme und fragte: »Liebst du denn Reinhard?«   »Oh, unaussprechlich! So unaussprechlich, als ich elend bin, so wie du ihn liebst, so wie er dich!«   Kaum hatte Jenny unter heißen Tränen diese Worte hervorgebracht, da flog Therese zur Tür hinaus, die Treppe hinunter, suchte Reinhard und zog den Überraschten mit sich fort. In derselben Eile führte sie ihn zu Jenny und trat mit ihm vor sie hin, ohne dass Reinhard den Vorgang begriff.   »Jenny weint um Sie, Reinhard!« rief Therese ebenfalls weinend, »sie ist eifersüchtig auf mich!«, und ehe sie noch vollendet, sank Reinhard vor dem Ruhebette nieder und Jenny lag an seiner Brust.   So vergingen selige Minuten.
 [...]  S. 126:
Eduard bekannte, er habe seit längerer Zeit eine Neigung Jennys und Reinhards zueinander vermutet, habe aber absichtlich geschwiegen, weil dergleichen Verhältnisse wie eine Aeols-Harfe wären, die man bei der leisesten Berührung hell erklingen mache; und er habe andrerseits die Überzeugung gehegt, dass die Eltern keinen Grund irgendeiner Art haben könnten, dieser Neigung entgegen zu sein, da ihnen allen Reinhard als einer der tüchtigsten Menschen bekannt sei.
 [...]  S. 127
»Da irrst du!« entgegnete der Vater. »Ich achte Reinhard und erkenne seine Vorzüge an, aber er lebt in einer Ideenwelt. Solche Menschen sind mir bedenklich und taugen nicht für die Ehe. Weil er mit der höchsten Anstrengung und allem Ernste daran arbeitet, die Vollkommenheit, die er im Auge hat, sein Ideal eines Menschen, zu erreichen, darum glaubt er sich berechtigt, auch an andere die gleichen Ansprüche zu machen. So wie er das Leben, die Liebe auffasst, sind sie nicht, und die Ehe, die sittliche Feststellung der Verbindung der beiden Geschlechter, bleibt trotz der höchsten Liebe, die zwei treffliche Menschen verbindet, immerdar hinter dem zurück, was einem jungen Manne oder Weibe als Ideal vorschweben mag! Der Ruhige, der Besonnene findet sich darin und tröstet sich mit dem Guten, das sich ihm in der Ehe offenbart, über das, was nicht zu erreichen ist – das aber, fürchte ich, will und kann Reinhard nicht. Weil er Jenny liebt, erscheint sie ihm geeignet, das Ideal einer Hausfrau, einer Gattin zu werden, wie er sie sich träumt; er wird es deshalb auch verlangen, dass sie sein Ideal verwirklicht und, wie ich ihn beurteile, nur zu geneigt sein, ihr aus den Unvollkommenheiten des Menschen überhaupt einen persönlichen Fehler zu machen. Mit einem Worte, Reinhard hat eine Art Überspannung in seinen Gefühlen, die mich für Jennys Glück besorgt macht.«   Eduard konnte nicht leugnen, dass die Bemerkung seines Vaters Wahrheit enthalte, verteidigte den Freund aber lebhaft und meinte, sein Vater verfalle selber in den Fehler, den er an Reinhard rüge; er verlange, dass Reinhard vollkommen sein solle.
 [...]  S. 149:
So sehr sie früher darauf gehalten hatte, auch in Kleinigkeiten ihren Willen zu haben, so fügsam wurde sie jetzt. Einzelne unbedachte Äußerungen ihrer Mutter ließen sie vermuten, dass ihre Eltern die Verlobung mit Reinhard als ein großes Opfer betrachteten, welches sie dem Glücke ihres Kindes gebracht hatten. Das bewog Jenny, den Ihren nachzugeben, soweit es irgend möglich, und machte andrerseits sie noch zärtlicher gegen Reinhard; denn es tat ihr leid um seinetwillen, dass er den Eltern nicht der erwünschteste Sohn unter allen Männern auf der Welt, wie ihr der geliebteste war. Mit jedem Tage, den sie bei seiner Mutter verlebte,
 [...]  S. 154:
Die Kommerzienrätin erschrak so sehr, als die kaltblütige Frau es überhaupt vermochte. [...]