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25 Dezember 2020

Mendelsohn: Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich.

Odyssee in der Wikipedia 

Zu Mendelsohns Roman:

Der größte Schmerz, den Odysseus in der Unterwelt erlebt: Dass er seine Mutter nicht umarmen kann (weil sie nur noch ein Schatten ist). Bezug auf Corona (S.201)

Odyssee:

Auch besiegten mich nicht Krankheiten, welche gewöhnlich

Mit verzehrendem Schmerze den Geist den Gliedern entreißen.

Bloß das Verlangen nach dir und die Angst, mein edler Odysseus,

Dein holdseliges Bild nahm deiner Mutter das Leben!

Also sprach sie; da schwoll mein Herz vor inniger Sehnsucht,

Sie zu umarmen, die Seele von meiner gestorbenen Mutter.

Dreimal sprang ich hinzu, an mein Herz die Geliebte zu drücken,

Dreimal entschwebte sie leicht wie ein Schatten oder ein Traumbild

Meinen umschlingenden Armen; [...] (Odyssee, 11. Gesang vgl. Vergils Aeneis*)

Begegnung mit Achilles. "Lieber der Kleinste unter den Lebenden als der Herrscher über die Toten." (S.204) 

drauf antwortete jener und sagte:

Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus.

Lieber möcht ich fürwahr dem unbegüterten Meier,

Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,

Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen. (Odyssee 11. Gesang)*

*Parodistisch dazu Heinrich Heine

Der Vergleich der Ilias mit der Odyssee am Beispiel ihrer Helden scheint mir unwichtig. Wichtiger die Begegnung mit Agamemnon, die Warnung vor der Heimkehr, besser als Unbekannter kommen.

Zu Eindrücken bei der Lektüre:

Die Idee, die Interpretation der Odyssee in eine Erzählung einzukleiden, finde ich weiterhin gut: Natürlich macht es Spaß, am Rande der Erzählung in altes Bildungsgut eingeführt zu werden.
Ich habe mir die Ausgabe von Ilias und Odyssee meines Bruders (meine Taschenbuchausgaben habe ich fortgetan) geholt, um mir einen Überblick über den ersten Gesang zu verschaffen, und mich daran erfreut, wie genau Wolfs Theorie der Entstehung der Homerischen Epen zu dem historisch bezeugten Verfahren Lönnrots passt, mit dem er die Kalevala zusammengestellt hat. 
Aber als die Karikaturen von Studenten auftauchten, die der Professor mit den stehenden Epitheten versieht und als der Vater seinen ausführlichen Beitrag lieferte, da wurde mir das Ganze doch zu künstlich, allzu konstruiert, um eine angebliche Ähnlichkeit von heutiger Lebenswelt mit antiker Überlieferung aufzuzeigen.
Das ständige Eingreifen der Götter hatte sich mein Vater übrigens damit erklärt, dass zur Zeit Homers die Griechen sich ein Über-sich-hinaus-Wachsen eines einzelnen nicht ohne Eingreifen der Götter hätten erklären können.
Bei den Römern: vor der Entscheidung den Willen der Götter erkunden, weil man nicht gegen den Willen der Götter handeln darf, sonst wird man gestraft (Zeus über Ägisthos); Erklärung eines Scheiterns als Missgunst der Götter. (Weshalb hat Odysseus so viel Pech? Missgunst Poseidons. Weshalb schafft er es am Ende doch, nach Hause zu kommen? Hilfe Athenes und Begünstigung durch Zeus, der Poseidon beweisen will, dass immer noch er das Sagen hat.)
Und vermutlich wird mich die erzählerische Einkleidung noch durch die gesamte Interpretation tragen, obwohl mir die retardierenden Momente bei der Interpretation auf die Nerven gehen. 

Wie sehr Melville Homers Odyssee im Blick gehabt hat, weiß ich nicht. Die Ähnlichkeit und der Unterschied sind aber erstaunlich.

Teiresias' Weissagungen über das zukünftige Schicksal des Odysseus sie reichen weit über das Ende der Odyssee hinaus:

"Aber kommen wirst du und strafen den Trotz der Verräter.

Hast du jetzo die Freier, mit Klugheit oder gewaltsam

Mit der Schärfe des Schwerts, in deinem Palaste getötet,

Siehe, dann nimm in die Hand ein geglättetes Ruder und gehe

Fort in die Welt, bis du kommst zu Menschen, welche das Meer nicht

Kennen und keine Speise gewürzt mit Salze genießen,

Welchen auch Kenntnis fehlt von rotgeschnäbelten Schiffen

Und von geglätteten Rudern, den Fittichen eilender Schiffe.

Deutlich will ich sie dir bezeichnen, daß du nicht irrest.

Wenn ein Wanderer einst, der dir in der Fremde begegnet,

Sagt, du tragst eine Schaufel auf deiner rüstigen Schulter,

Siehe, dann steck in die Erde das schöngeglättete Ruder,

Bringe stattliche Opfer dem Meerbeherrscher Poseidon,

Einen Widder und Stier und einen mutigen Eber.

Und nun kehre zurück und opfere heilige Gaben

Allen unsterblichen Göttern, des weiten Himmels Bewohnern,

Nach der Reihe herum. Zuletzt wird außer dem Meere

Kommen der Tod und dich vom hohen behaglichen Alter

Aufgelöseten sanft hinnehmen, wann ringsum die Völker

Froh und glücklich sind. [...]"


Beim trotz Orpheus vielleicht berühmtesten Besuch der Unterwelt, bei Dante in der Göttlichen Komödie, sieht sich der noch Lebende dadurch geehrt, dass er zusammen mit seinem Führer Vergil* in den Kreis der illustrem Schatten aufgenommen wird, der von Homer, dem ersten, der in einem großen Epos einen Besuch der Unterwelt aufgenommen hat, angeführt wird:


"Mein Meister aber sagte rasch zu mir:
Sieh jenen mit dem Schwert in seiner Hand,
Der vor den andren hergeht als ihr Meister!
Das ist Homer, der königliche Dichter
Der zweit' ist der Satiriker Horaz,
Als dritter folgt Ovid, Lucan als letzter.
Weil jeder nun mit mir den Namen teilt,
Den du die Einzelstimme nennen hörtest,
Tun sie mir Ehr' an, und so ist's geziemend. –
So sah versammelt ich die schöne Schule
Der Meister des erhabensten Gesanges,
Der ob den andren, gleich dem Adler, fliegt.
Als miteinander etwas sie gesprochen,
Da wandten sie zu mir sich, freundlich grüßend;
Mein Meister aber lächelte darob.
Und mehr der Ehr' erzeigten sie mir noch;
Denn ihrer Schar gesellten sie mich zu,
So daß ich Sechster ward im Kreis der Weisen."

(Dante: Göttliche Komödie, 4. Gesang)


Vergil kann deshalb als Führer in die Unterwelt dienen, weil er im 6. Buch der Aeneis seinerseits (in Anknüpfung an Homer) einen Besuch in der Unterwelt beschrieben hat:

"Nach der Landung an der Westküste Italiens (Buch 6) steigt Aeneas mit der Sibylle von Cumae in die Unterwelt ab. Dort erfährt er durch Anchises von der künftigen Größe und dem Geschichtsauftrag Roms, der Stadt, die aus seiner Gründung entstehen wird. Außerdem begegnet er dort der durch Suizid gestorbenen Dido, die ihn jedoch ignoriert. Sie ist noch immer von der tiefen Wunde gezeichnet." (Wikipedia)

Anchises erläutert seinem Sohn die Gegebenheiten der Unterwelt:

"»Endlich kommst du! Die Liebe des Sohnes, erwartet vom Vater,

hat den beschwerlichen Weg überwunden. Ich darf jetzt dein Antlitz

sehen, bekannte Laute vernehmen und Antwort auch geben.[289]

War ich doch fest überzeugt, es werde so kommen, und zählte

sehnend die Tage. Mich trog nicht, trotz quälender Sorgen, mein Hoffen.

Was für Länder und Meere durchquertest du, bis ich dich heute

anschauen darf, und was für Gefahren hast du bestanden!

Was für Befürchtungen hegte ich, Libyen könnte dir schaden!«


Aber Aeneas erwiderte: »Vater, dein trauernder Schatten

ist wiederholt mir erschienen und trieb mich zum Gang in den Orkus.

Im Tyrrhenischen Meere liegen die Schiffe. Die Rechte

gib mir doch, bitte, Vater, entzieh dich nicht meiner Umarmung!«

Während der Worte strömten die Tränen ihm über das Antlitz.

Dreimal versuchte er jenem den Arm um den Nacken zu schlingen,

dreimal entwich den ins Leere greifenden Händen der Schatten,

ebenso leicht wie ein Windhauch, ebenso flüchtig wie Träume.*

(vgl. Odysseus' Versuch, seine Mutter zu umarmen in der Odyssee)

Nunmehr erblickte Aeneas im hinteren Teile des Tales

einen gesonderten Hain, ein Dickicht mit raschelnden Blättern,

und die Lethe, den Strom, der am Lande des Glückes entlangfließt.

Zahllos umdrängten Seelen das Ufer in wimmelnden Scharen,

wie auf den Wiesen bei wolkenlos heiterem Himmel im Sommer

Bienen auf vielerlei Blumen sich niederlassen und weiße

Lilien umschwärmen, die Landschaft erdröhnt vom lebhaften Summen.

Ahnungslos fühlte Aeneas bei diesem Anblick von jähem

Schreck sich durchzuckt, und er fragte, was dort für ein Fluß sich ergieße,

was für Leute in solcher Menge am Ufer sich drängten.

Antwort erteilte Anchises: »Die Seelen, die, göttlicher Weisung

fügsam, erneut sich verkörpern, trinken vom Wasser der Lethe,

schlürfen mit ihm Vergessenheit ein und Freiheit von Sorgen.

Lange schon möchte ich dir von ihnen erzählen, sie zeigen,

aufzählen dir die Nachkommen meines Geschlechtes: Mit größrer

Freude begrüßt du danach mit mir die Entdeckung Italiens.«
[290]

»Vater, so steigen denn wirklich von hier aus etliche Seelen

aufwärts und schlüpfen aufs neue in träge irdische Körper?

Weswegen streben die Elenden derart fanatisch zum Lichte?«


»Darlegen will ich es dir und deine Bedenken zerstreuen«,

gab Anchises zurück und erklärte der Reihe nach alles.

»Geistige Kraft durchdringt seit Beginn den Himmel, die Erde,

sämtliche Flächen des Wassers sowie die Titanengestirne

Sonne und Mond, sie durchflutet als Weltseele nährend die Teile,

treibt die gesamte Materie, verschmilzt mit dem riesigen Ganzen.

Diesem entstammen die Menschen, die Tiere, die fliegenden Wesen,

sämtliche Scheusale unter dem schimmernden Spiegel des Meeres.

Feurige Stärke und himmlischen Ursprung besitzen die Wesen,

werden beeinträchtigt nur von den schwachen, schädlichen Körpern,

werden entkräftet von irdischen Gliedern und sterblichen Leibern.

Daraus ergeben sich Furcht und Begierde, Kummer und Freude.

Düsterem Kerker verfallen, erkennen die Seelen die reine

Himmelsluft nicht. Sogar wenn das Leben erlosch an dem letzten

Tage, verloren die Armen nicht völlig das Übel, nicht restlos

wichen die Seuchen des Körpers. Es müssen in seltsamer Weise

viele lang haftende Schwächen des Leibes auch Wurzeln in Seelen

schlagen. So dulden die Seelen denn Qualen und sühnen durch Strafen

frühere Sünden: Ausgereckt hängen die einen im Luftraum,

Spielball der Winde; anderen werden die Flecken des Frevels

sauber getilgt in tiefen Gewässern oder im Feuer.

Jeder von uns unterliegt der eigenen Sühne. Im Anschluß

schickt man uns in das weite Elysium, wenige freilich,

die wir im Lande der Freude dann wohnen, bis uns der späte

Zeitpunkt nach Ablauf der Frist befreit von dem Schandfleck und unsre

himmlische Seele, das Feuer der reinen Höhe, zurückläßt.

Alle die Seelen hier ruft, sobald sie im Kreislaufe tausend

Jahre erfüllten, die Gottheit in Scharen zum Strome der Lethe.

Ohne Erinnerung sollen sie wieder die Wölbung des Himmels

sehen, den Wunsch zur Rückkehr in Körpergestalten empfinden.« [...]

(Aeneis 6. Gesang)


Das Büßen der Sünden fand Dante also bereits vorgebildet bei Vergil.


Vgl. dazu auch die Unterwelt in der finnischen Mythologie in der Kalevala.

13 September 2010

Aeneas und Kreusa

Überall lauerte Schrecken, auch Stille jagte mir Furcht ein.
Dann begab ich nach Hause mich; hatte Krëusa viel leicht sich
dorthin gewandt? Erstürmt und besetzt von den Danaern alles!
Gierig schon fraß sich das Feuer zum oberen Teil des Gebäudes,
über den Dachfirst züngelten Flammen, hoch stoben die Funken.
Weiter gelangte ich dann zum Priamosschloß und zur Stadtburg.
In den verödeten Hallen der Juno – einst heiliger Freistatt! –
walteten Phoinix bereits und der schlimme Odysseus als Wächter
sämtlicher Beutestücke. Man hatte die troischen Schätze
Tempeln entrafft und hierher zusammengetragen, geweihte
Tische der Götter, vergoldete Mischkrüge, schöne Gewebe.
Kinder und schreckenverstörte Mütter standen, zu langen
Zügen gereiht, ringsumher.
Schließlich wagte sogar ich laut durch das Dunkel zu rufen,
ließ durch die Straßen tieftraurig den Namen Krëusas erschallen
und wiederholte ihn immer aufs neue, doch ohne Ergebnis.

Während ich zwischen den Häusern umsonst, wie von Sinnen, sie suchte,
trat mir Krëusa als Bildnis des Unglücks, als Schatten, ganz plötzlich
klar vor die Augen, größer, als ich sie im Leben einst kannte.
Starr vor Entsetzen stand ich, mir sträubte das Haar sich, die Stimme
stockte. Da sprach sie mich an und benahm mir Schrecken und Sorge:
›Warum, mein teurer Gefährte, ergibst du dich derart verzweifelt
grundlosem Schmerze? Nicht ohne das Wirken der Götter vollzog sich
alles Geschehene. Weder das Schicksal noch Jupiter, Herrscher
hoch im Olympus, gestatten, daß dich Krëusa begleitet.
Lange Zeit heimatlos, wirst du weithin die Meere durchfurchen.
Auch nach Hesperien wirst du gelangen. Der lydische Tiber
windet sich dort gemächlich voran durch fruchtbare Fluren.
Dort erringst du dir Glück, ein Königreich, eine Gemahlin
fürstlichen Stammes. Beweine nicht deine geliebte Krëusa!
Keinen stolzen Palast bei den Dolopern und Myrmidonen
werde ich sehen, nicht griechische Mütter als Sklavin bedienen,
ich, als Dardanerin, Schwiegertochter der göttlichen Venus.
Nein, hierzulande behält mich die mächtige Mutter der Götter.
Lebe jetzt wohl, bewahr dir die Liebe zu unserem Jungen!‹

Vieles noch wollte ich, unter Tränen, zur Antwort ihr sagen,
doch sie verließ mich, entwich und löste sich auf in die Lüfte.
Dreimal versuchte ich ihr noch den Arm um den Nacken zu schlingen,
dreimal indessen griffen die Hände ins Leere; der Schatten
war wie der Windhauch so leicht, er glich dem geflügelten Traumbild.

Als die Gefährten ich wiedersah, war die Nacht schon vorüber.
Staunend erblickte ich jetzt den gewaltig geschwollenen Zustrom
neuer Begleiter, Mütter und Männer, Menschen im Elend*,
eine zum Auswandern willige Schar. Sie waren von allen
Seiten zusammengeströmt, voll Mut, mit den Resten der Habe,
wünschten in See zu stechen, wohin ich auch immer sie führte.

Lucifer** stieg vom Rücken des Ida bereits in die Höhe,
Bote der Ankunft des Tages. Fest hielten die Danaer Trojas
Tore besetzt, uns winkte keinerlei Hilfe. Zum Aufbruch
mahnte ich, zog dann, den Greis auf den Schultern, voran ins Gebirge.«

*Joseph Spitzenberger übersetzt: "ein kläglicher Haufe". Das passt freilich nicht zu der Kriegsmacht, die Aeneas auch nach Jahren der Irrfahrt noch mit sich führt.
**der Morgenstern

Vergil: Werke in einem Band. Berlin 21987; Zweiter Gesang S. 189-191.

Wofür Thomas Mann den Geist der Erzählung bemüht hätte, das übernehmen bei Homer und Vergil dankenswerterweise die Götter: Wofür ein realistischer Erzähler umfangreiche Motivierungsarbeit geleistet hätte, wo eine Fernsehserie von heute auf die verschiedensten Todesarten zurückgreift, um eine Person aus der Erzählung zu entfernen, die den geplanten Gang der Handlung stören könnte, da ist bei ihnen stets ein Gott zur Stelle. In diesem Fall ist es laut Vergil Juno, laut Wikipedia Aphrodite, die Kreusa aus dem Verkehr zieht, ohne dass diese sich darüber beklagt. Pausanias freilich weiß zu berichten, dass sie in der Lesche der Knidier unter den troischen Gefangenen der Griechen ist. Aeneas hört davon freilich nichts und kann von seiner Frau informiert, dass ein göttlicher Plan hinter ihrem Verschwinden steht, unbesorgt in Karthago (Dido) und Italien (Lavinia) seine Frauengeschichten erleben.
Das klingt für manchen vielleicht frivol. Es ist aber anzunehmen, dass auch die antiken Autoren die Götter, die einen Teil ihrer Handlungsstränge bevölkern, durchaus funktional sahen.

sieh auch:
Irene VallejoElyssa. Königin von Karthago, 2024 - Eine Aeneis aus weiblicher Sicht (Dido), Perlentaucher

11 September 2010

Juno rettet Turnus und der ist darüber unglücklich

Juno entgegnete demütig: »Warum, du herrlichster Gatte,
quälst du mich Arme, die deine gestrengen Weisungen fürchtet?
Liebtest du mich doch so innig wie früher und wie es der Gattin
eigentlich zusteht! Dann würdest, Allmächtiger, du es mir schwerlich
abschlagen, daß ich Turnus dem Schlachtengetümmel entziehe,
Daunus, dem Vater, gesund ihn und wohlbehalten bewahre.
Mag er jetzt sterben, mit frommem Blute büßen den Troern!
Trotzdem, er führt sein edles Geschlecht zurück auf das unsre.
War doch Pilumnus sein Urahn. Auch hat er freigebig oftmals
reichliche Gaben in deinen Tempeln als Opfer gespendet.«

Kurz nur erteilte ihr Antwort der König der himmlischen Höhen:
»Wenn du für einen dem Tode verfallenen Helden nur einen
Aufschub erbittest und glaubst, ich könnte den Aufschub bewirken,
führe den Turnus vom Schlachtfeld, entzieh ihn dem nahenden Schicksal!
Soweit vermag ich Nachsicht zu üben. Verbirgt sich indessen
unter der Bitte ein größerer Wunsch und wähnst du, dem Kriege
einen ganz anderen Ausgang zu geben, so hoffst du vergeblich.«

Weinend erwiderte Juno: »Gewährtest du das mit dem Herzen,
was du dem Wortlaut nach ablehnst, bliebe mein Turnus am Leben.
Nunmehr erwartet ein bitterer Tod den Schuldlosen, sollte
ich mich nicht täuschen. Narrte mich lieber doch falsche Befürchtung,
schlügest den Weg du zum Besseren ein, da allmächtig du waltest!«

Darauf ließ sie sogleich sich vom hohen Himmel hernieder,
quer durch die Lüfte, von Sturmwind umhüllt und von Wolken umflattert,
eilte zur troischen Streitmacht sowie zum laurentischen Lager,
formte aus Wolkendunst klüglich ein kraftloses Schattengebilde,
das wie Aeneas aussah, ein kunstreiches Werk zum Erstaunen,
rüstete es mit dardanischen Waffen, ähnlichem Schutzschild,
täuschendem Helmbusch auf göttlichem Haupt, verlieh ihm auch Sprache,
Laute nur, nichtig, vernunftlos, und gab ihm die typischen Schritte;
Seelen der Sterblichen sollen, verstarb der Körper, so flattern,
oder auch Träume, die der Empfindungen Schlafender spotten.
Frohlockend eilte der Schatten vor das vordere Treffen,
reizte zum Schein mit funkelnden Waffen, lauthöhnend, den Turnus.
Dieser entsandte von ferne auf ihn die schwirrende Lanze,
stürmte dann gegen ihn. Aber da wandte zur Flucht sich der andre.
Turnus wähnte, Aeneas suche tatsächlich das Weite,
schöpfte, verwirrt durch die Täuschung, eine ganz grundlose Hoffnung:
»Wohin, Aeneas? Verschmähe nicht die dir verheißene Ehe!
[403] Meine Faust verschafft dir das Land, das zu Wasser du suchtest.«
Derart prahlte er, folgte dem Fliehenden, zückte die blanke
Klinge – und sah nicht, daß Windstöße ihm sein Wunschbild entrafften.

Zufällig lag ein Schiff vor Anker am ragenden Felshang,
hatte die Leitern heruntergelassen, den Laufsteg befestigt.
Clusiums König Osinius war auf dem Fahrzeug gekommen.
Dorthin schwebte bestürzt der Schatten des fliehenden Troers,
schlüpfte hinein und verschwand. Beharrlich folgte ihm Turnus,
ließ durch kein Hemmnis sich abhalten, eilte hoch über den Laufsteg.
Kaum betrat er das Vorschiff, da kappte Juno die Leine;
forttreiben ließ sie das Schiff auf rückläufig kabbelnden Wellen.
Während Aeneas in Wirklichkeit Turnus zum Zweikampfe suchte
und die ihm zahlreich entgegentretenden Feinde erlegte,
suchte nicht länger mehr sich zu verstecken der flüchtige Schatten,
sondern entschwebte zur Höhe, zerfloß in den düsteren Wolken.
Seewärts entführten indessen wirbelnde Winde den Turnus.

Nichtsahnend, keineswegs froh der Errettung, schaute der König
rückwärts und streckte flehend die Hände empor zu den Sternen:
»Vater, Allmächtiger, hast du mich eines so schweren Verbrechens
etwa für schuldig befunden, daß du mich so grausam bestrafest?
Wohin nur soll ich? Woher? Als Flüchtling? Als was für ein Feigling?
Soll ich die Mauern Laurentums wiedersehen, das Lager?
Was unternehmen die Männer, die mir in das Schlachtgewühl folgten?
Ließ ich sie alle schmachvoll zurück zu abscheulichem Tode,
sehe sie ratlos umherirren, höre die Fallenden jammern?
Wie jetzt handeln? Wo könnte für mich ein Abgrund jetzt klaffen,
hinreichend tief? Doch lieber erbarmt euch meiner, ihr Winde!
Jagt mir das Fahrzeug an Felsen, auf Klippen – ich, Turnus, ich flehe
innig darum –, in die tückischen Untiefen wütender Syrten,
wohin die Rutuler mir und die wissende Fama nicht folgen!«
Während des Flehens schwankte er unschlüssig, fast wie von Sinnen
[404] angesichts solcher Schande: Ob er sich selbst in die Klinge
stürzen, das grausame Schwert durch den Brustkorb hindurchjagen solle
oder auch springen ins Meer und schwimmen zur buchtreichen Küste,
dort sich aufs neue ins Schlachtgewühl gegen die Teukrer begeben.
Dreimal versuchte er beides, doch hemmte die mächtige Juno
dreimal ihn auch und hielt ihn zurück aus innigem Mitleid.
Über die hohe See glitt er mit günstiger Strömung,
trieb dann ans Festland, zur uralten Hauptstadt des Daunus, des Vaters.

Quelle: Vergil: Werke in einem Band. Berlin 21987, S. 402-404

Wie sich die Sterblichen darüber täuschen, was ihnen gut tut, zeigt diese Passage genauso wie das Ende des Kampfes zwischen Turnus und Pallas. Es spricht freilich kein allwissender Erzähler, wie es in einer epischen Vorausdeutung geschieht, sondern der Leser/Hörer hat mehr Wissen als die handelnden Personen und kann ihren Irrtum daher ohne weitere Nachhilfe durch den Erzähler erkennen.

Das Ende des Kampfes zwischen Aeneas und Turnus

Turnus, am Boden, demütigen Blickes, streckte die Rechte
bittend nach vorn: »Ich verdiene mein Los, erflehe nicht Gnade.
Nutze dein Glück! Und vermag dich das Schicksal meines geprüften
Vaters zu rühren, bitte – du hattest ja selber solch einen
Vater, Anchises –: Erbarm dich des alten Daunus, den Meinen
gib mich zurück jetzt oder, sofern du das vorziehst, den toten
Körper. Du siegtest, mich sehen die Völker Italiens die Hände
heben als völlig Geschlagenen. Dein ist Lavinia. Treibe
aber den Haß nicht zu weit!«

Aeneas stand mit gezücktem
Schwerte, erbittert, mit rollenden Augen. Noch hemmte er seine
Rechte, er schwankte. Schon wollten die Worte zur Milde ihn stimmen.
Aber da glänzte zum Unglück, hoch auf des Geschlagenen Schulter,
prächtig das Wehrgehenk mit den goldenen Buckeln, der Schwertgurt
früher des jungen Pallas, den Turnus besiegt und erschlagen
hatte. Jetzt trug er das herrliche Schmuckstück sich selbst zum Verderben.
Starrte Aeneas doch wie gebannt auf die Beute, ein Mahnmal
wütenden Schmerzes. Dann rief er mit schrecklicher Stimme, von wilder
Rachgier entflammt: »Du willst mir entschlüpfen – und trägst noch die Beute,
die du den Meinen entrissest? Pallas erschlägt dich jetzt, Pallas
sühnt jetzt mit deinem Blut die Verbrechen, die du begingest!«
Damit stieß er, glühend vor Zorn, in die Brust ihm die Klinge.
Unter der Kälte des Todes erschlafften die Glieder des Turnus,
unwillig stöhnend entwich sein Geist hinab zu den Schatten.

Vergil: Werke in einem Band. Berlin 1987, Übersetzung von Wilhelm Hertzberg, S. 477

Der Kampf zwischen Turnus und Pallas

Fürst Turnus

sprang von dem Wagen, er wollte den Zweikampf zu Fuße bestehen.

Ganz wie ein Löwe, der fern von der Höhe hernieder im Felde

einen zum Kampfe entschlossenen Stier erspähte und grimmig

gegen ihn stürmt, so bot sich der nahende Turnus den Blicken.



Als ihn Pallas in Wurfweite wähnte, gedachte den Anfang

kühn er zu wagen; er hoffte, als Schwächerem werde ein Zufall

Hilfe ihm bringen, und flehte innig zum mächtigen Äther:

»Enkel des Alkeus, bei meines Vaters gastlichem Tische,

den du einst aufsuchtest, hilf mir, bitte, beim schweren Beginnen!

Sähe mich Turnus, noch lebend, die blutigen Waffen ihm rauben!

Müßte er, sterbenden Auges, den Anblick des Siegers ertragen!«

Herkules hörte den Jüngling, er unterdrückte die bittre

Klage im tiefsten Herzen, vermochte nur hilflos zu weinen.

Aber da sprach sein Vater zu ihm die tröstlichen Worte:

»Jeden erwartet sein Tag, die Lebensfrist dehnt sich für alle

kurz nur und unwiederholbar. Doch rühmlich zu glänzen durch Leistung,

bleibt des Tapfren Verpflichtung. Vor Trojas ragenden Mauern

[397] fielen so zahlreiche Söhne von Göttern, mit ihnen mein eigner

Sprößling sogar, Sarpedon. Den Turnus auch wird noch sein Schicksal

rufen, auch er gelangt noch zum Schluß der verliehenen Spanne.«

Damit wandte er seine Augen vom Rutulerlande.



Pallas jedoch entsandte den Speer mit Anspannung aller

Kräfte und riß dann sogleich das funkelnde Schwert aus der Scheide.

Über der Schulter ritzte die Waffe im Fluge den Panzer,

hatte zuvor schon den oberen Schildrand durchschlagen und streifte

schließlich, gehemmt schon, nur leicht den Riesenkörper des Turnus.

Seinerseits schwang jetzt dieser den Schaft mit der schneidenden Spitze

längere Zeit, dann rief er, und schleuderte los ihn auf Pallas:

»Schau jetzt, ob unsere Waffe nicht kraftvoller durchdringt zum Ziele!«

Quer durch den Schild, durch so zahlreiche Schichten von Eisen und Bronze,

auch durch so zahlreiche Lagen von Rindsfellen bohrte im starken

Schwung sich die Lanze, genau in der Mitte, durchschlug auch den Panzer,

drang in die Brust dann des jungen stattlichen Helden. Vergeblich

riß der Getroffene noch das warme Geschoß aus der Wunde:

Gleich mit der Spitze entströmten dem Körper das Blut und das Leben.

Jäh auf die Wunde stürzte der Held, ihn umklirrten die Waffen,

schlug noch, im Sterben, ins feindliche Erdreich die blutigen Zähne.

Über ihn stellte sich Turnus und rief:

»Hört, ihr Arkader, und meldet mein Wort dem König Euander:

Wie es die Sühne erheischt, so schicke zurück ich ihm Pallas.

Ehren des Grabes und Trost der Bestattung will ich gewähren.

Teuer bezahlt er die Gastfreundschaft, die er Aeneas gewährte.«

Danach setzte er seinen linken Fuß auf den Leichnam,

zog das gewichtige Wehrgehenk ab mit dem Bild des Verbrechens,

[398] der in der Brautnacht vollzognen Ermordung der eben vermählten

Jünglinge und der mit Blut besudelten Hochzeitsgemächer,

kunstreich getrieben in Gold von dem Sohn des Eurytus, Clonus.

Dieses gewann jetzt Turnus frohlockend als Beute des Sieges.

Nichts von den künftigen Schicksalen ahnen die menschlichen Herzen,
wissen im Übermaß reichlichen Glückes das Maß nicht zu wahren.
Turnus erlebt noch die Stunde, da vieles er gäbe für einen
lebenden Pallas, da er den Sieg von heute verabscheut!

Diese letzten Worte sind eine epische Vorausdeutung auf den Kampf zwischen Turnus und Aeneas, der aufgrund dieses vorausgegangenen Kampfes Turnus den Tod bringt.

09 September 2010

Juno öffnet die Kriegstore

Schon im hesperischen Latium herrschte der Brauch, den im Anschluß
dann die Albaner voll Ehrfurcht bewahrten, den heute die Weltmacht
Rom auch noch treulich befolgt beim Ausbruch jeglichen Krieges,
mag man das getische Volk mit dem Jammer der Schlachten bedrängen,
Araber oder Hyrkaner; mag man nach Osten zu Indern
aufbrechen oder zurück von den Parthern die Feldzeichen fordern:
»Doppelte Tore« besitzt der Krieg – so heißen sie –, heilig
werden verehrt sie aus Furcht vor dem Mars, dem schrecklichen Gotte.
Hundert eherne Riegel und dauerhaft eisenbeschlagnes
Eichenholz schließen sie, ständig lauert Janus am Eingang.
Wenn unumstößlich die Väter beschlossen, den Krieg zu beginnen,
öffnet der Konsul persönlich im weißen Gewand des Quirinus,
nach gabinischer Weise gegürtet, die knarrenden Flügel,
ruft auch persönlich zum Kampf; ihm folgen die übrigen Männer,
eherne Blashörner dröhnen dazu in kräftigen Stößen.
König Latinus auch sollte den Krieg mit dem Heer des Aeneas
derart verkünden, die Tore der Trauer brauchgemäß öffnen.
Doch er entzog sich dem Auftrag, vermied die Ausführung einer
Amtspflicht, die Unheil nur brachte, und ließ sich im Freien nicht blicken.
Aber da schwang sich die Fürstin der Götter vom Himmel hernieder,
stieß mit der eigenen Hand an die säumigen Tore; die Angeln
drehten sich, Juno erbrach die eisernen Pfeiler des Kampfes.
(Vergil: Aeneis, Siebter Gesang)

08 September 2010

Ein Schild voll mit römischer Geschichte

Venus überreicht ihrem Sohn Aeneas einen Schild, den ihr Mann, der Gott Volkanus geschmiedet hat und auf dem die Geschichte Roms seit seiner Gründung in charakteristischen Episoden dargestellt ist.
Für Aeneas sind das alles Geschehnisse, die in der Zukunft liegen und deren Darstellung ihm nichts sagt, dafür dem Leser umso mehr.


Freude empfand er über die ruhmreiche Gabe der Göttin,
konnte sich sattsehen nicht, betrachtete staunend die Stücke
einzeln und wendete sie wiederholt in den Händen; den festen,
flammensprühenden Helm mit dem fürchterlich nickenden Buschen;
weiter das tödliche Schwert; den von Bronze starrenden Panzer,
blutrot, von riesiger Größe, wie eine blau schimmernde Wolke,
die von den Strahlen der Sonne erglüht und fernehin leuchtet;
schließlich die glänzenden Beinschienen, Silbergold neben dem reinen
Golde; den Speer; das schwerlich beschreibbare Kunstwerk des Schildes.

Hatte auf ihm doch Vulcanus, in Kenntnis mancher Orakel,
wohl unterrichtet über die Leistungen kommender Zeiten,
Taten italischer Helden und Siege der Römer in Bildern
dargestellt, des Ascanius Stamm und der Reihe nach alle
Kriege: Wie einst in der grünenden Grotte des Kriegsgotts die Wölfin
lag, zum Säugen bereit; wie die Zwillinge furchtlos im Spielen
sich an den Zitzen festsaugten, zärtlich die Amme beleckten;
wie sich die Wölfin zurückbog mit schmiegsamem Nacken und beide
liebkoste, dann mit der Zunge sorglich das Jungenpaar putzte.

Wie man im nahegelegenen Rom bei den Spielen im Zirkus
dreist die sabinischen Mädchen von ihren Plätzen entführte,
plötzlich das Volk des Romulus sich im Krieg mit dem greisen
Tatius maß und den sittenstrengen Bürgern von Cures;
wie dann, nach Schlichtung des Streites, die Fürsten im Schmucke der Waffen
vor dem Altare Jupiters standen, die Schalen in ihren
Händen, und mit dem Opfer der Sau den Staatsvertrag schlossen.

Ganz in der Nähe hatten vier feurige Rosse den Mettus
grausam zerrissen – weswegen auch brachest dein Wort du, Albaner! –,
fortschleifen ließ schon Tullus die Teile des toten Verräters
quer durch das Dickicht, die Blutspritzer troffen herab von den Dornen.
Durchsetzen wollte Porsenna die Rückkehr des kürzlich verbannten
Königs Tarquinius, Rom durch harte Blockade bezwingen.
Doch die Aeneasenkel stürmten zum Kampf für die Freiheit.
Deutlich sah man den König Porsenna ärgerlich drohen,
weil voll Verwegenheit Cocles soeben die Pfahlbrücke abbrach,
Cloelia aus der Gefangenschaft über den Tiber davonschwamm.
Auf der tarpejischen Burghöhe hielt, zum Schutze des Tempels,
Manlius Wache, er hütete das Kapitol, und die Hütte –
»Hofburg« des Romulus – leuchtete hell mit erneuertem Strohdach.
Hier auch im goldenen Säulengang meldete schnatternd, die Flügel
schlagend, die silberne Gans den drohenden Angriff der Gallier.
Hatten doch diese durch dichtes Gestrüpp den Berg schon erklommen,
günstig getarnt dank der nächtlichen Finsternis: Golden erglänzte,
lockig, ihr Haar, ihr Gewand auch, es leuchteten ihre gestreiften
Mäntel, um milchhelle Nacken hingen goldene Ketten;
sicher gedeckt durch die Langschilde, hielten sie fest in den Fäusten
stoßbereit die in den Alpen üblichen blinkenden Spieße.
Tanzende Salier, nackte Luperker zeigte daneben
gleich das Relief, die wolleumwundenen Mützen, die Schilde,
die einst vom Himmel herabfielen. Ehrbare Hausfrauen fuhren
Opfergeräte durch Rom in gefederten Prachtkutschen.

Ferne
zog sich der Tartarus hin, die gähnenden Tore des Pluton,
wo man die Frevler bestrafte, wo du, Catilina, an steiler
Felsenwand hingst, vor den Furien zitternd, und abseits die milde
Heimstatt der Seligen, denen ein Cato Recht und Gesetz gab.
Zwischen den Bildern erstreckte das wogende Meer sich ins Weite,
golden, doch trugen die tiefblauen Wellen schäumende Kämme.
Silberhelle Delphine peitschten rings mit den Schwänzen
spielend zum Kreise die Flut und durchfurchten die Wogen. Inmitten
sah man die Seeschlacht von Actium dargestellt, ehern beschlagne
Kriegsflotten, sah das Kap am Leukate von kämpfenden Schiffen
rührig umwimmelt, die Wellen auch schäumen in goldenem Glanze.
Caesar Augustus stand dort auf ragendem Hinterdeck, Feldherr
aller Italer, mit Vätern und Volk, mit Penaten und machtvoll
hilfreichen Göttern; ihm strahlten die Helmwangen, sicher des Sieges;
über dem Haupte erschien hellglänzend der Glücksstern des Vaters.
Seitlich führte, begünstigt von Göttern und Winden, in straffer
Haltung Agrippa die Flotte; als stolze Auszeichnung glänzte
ihm um die Schläfen der Kranz, der mit goldenen Schiffsschnäbeln prangte.
Ihm gegenüber Antonius, Feldherr zahlreicher fremder
Truppen, im Orient siegreich, am Roten Meer, kommandierte
Streiter Ägyptens, des ferneren Ostens, ja Bactras, der fernen
Grenzstadt; ihm folgte, zu bitterer Schmach, die ägyptische Gattin.

Allesamt stürzten sie sich in den Kampf, wild schäumte das Wasser
unter den Rudern, durchwühlt von dreizackigen Rammen. Man drängte
weit in die offene See, als schwämmen, vom Grunde gerissen,
fort die Kykladen, als prallten Berge mit Bergen zu sammen:
Derart gewaltig maßen im Kampf sich die turmhohen Schiffe.
Brandfackeln wurden geschleudert, es hagelte spitze Geschosse,
Blutströme röteten Neptuns Wogen wie niemals vor Zeiten.
Mitten im Schlachtgewühl spornte die Fürstin mit Isisgeklapper
rüstig die Ihren, sie sah nicht das Schlangenpaar hinterrücks drohen.
Vielerlei göttliche Scheusale, wie auch der Kläffer Anubis,
zückten die Waffen gegen Neptun, Minerva und Venus.
Kunstreich aus Eisen gemeißelt, tobte im Zentrum des Kampfes
Mars, aus dem Äther schwebten die grausigen Furien, in wildem
Freudenrausch schritt die Zwietracht einher mit zerrissenem Kleide;
Göttin Bellona folgte ihr nach mit blutiger Peitsche.
Hoch vom Kap Actium sah es Apollo und spannte den Bogen.
Jähes Entsetzen ergriff da Ägypter, Araber, Inder
sämtlich, es wandten zur Flucht sich alle Sabäer. Die Fürstin
selber sah man die Winde anflehen, sah sie mit vollen
Segeln davonfahren, lockern so weit wie möglich die Taue.
Dargestellt hatte der Feuergott sie, wie die Flut und der Nordwind
sie dem Gemetzel entführten, erblaßt vor dem nahenden Tode,
ihr gegenüber den mächtigen Nil, der traurig die Arme
breitete und die Besiegten, winkend mit seinem Gewande,
rief in den bläulichen Schoß, in die sichere Obhut des Stromes.
Caesar jedoch, als dreifacher Sieger, erreichte die Hauptstadt,
brachte Italiens Göttern ein niemals vergängliches frommes
Denkmal: Er weihte in Rom an die dreihundert prächtige Tempel.
Freude und Spiel und lärmender Beifall durchdröhnten die Straßen:
Chöre von Müttern und Festaltäre in sämtlichen Tempeln –
vor den Altären der Boden bedeckt von geschlachteten Rindern!
Selber thronte am schneeweißen Tor er des leuchtenden Phöbus,
musterte prüfend die Gaben der Völker und ließ an die stolzen
Pfeiler sie heften. Der Zug der Besiegten dehnte sich weithin,
vielfach verschieden an Sprache, verschieden an Kleidung und Waffen.
Dargestellt sah man Nomaden, Afrer mit wallenden Kleidern,
Leleger, Karer, mit Pfeil und Bogen bewehrte Gelonen.
Ruhiger strömte der Euphrat bereits. Vom Rande der Erde
kamen die Móriner, weiter der Rhein mit der zweifachen Mündung,
trotzig die Daher, zum Schluß der Araxes, der Brücken verabscheut.

Diese Reliefs bestaunte Aeneas am Schild des Vulcanus,
den ihm die Mutter geschenkt. Er verstand nicht die Bilder, doch freudig
hob er sich über die Schulter die ruhmreichen Taten der Enkel.
(Vergil:Aeneis, 8. Gesang)

02 September 2010

Egoismus der Gene, Panegyrik oder kulturelle Höchstleistung?

Venus rettet ihren Sohn Aeneas trotz seiner Kampfeslust aus dem zusammenbrechenden Troja. Hilfreich ist für ihre Zielsetzung, dass Aeneas sich verpflichtet fühlt, seinen Vater zu retten.
Ist's die göttliche Mutter oder ist es der Egoismus von Aeneas' Genen? Der Held entzieht sich dem Kampf, und Vergil hat viel zu tun, uns glaubhaft zu machen, dass er es nicht aus Feigheit tut, also dadurch nicht seine Ehre verliert.
Aeneas macht mit seiner Schönheit und dem Bericht von seinen Abenteuern Eindruck auf Dido (Nach Vergil leistet die Hauptarbeit freilich Aeneas' Halbbruder Amor, der Dido zur Liebe zwingt, so wie er das sogar bei Göttern kann.)
Weshalb hat Venus darauf gedrängt? Um Aeneas in Karthago eine gute Aufnahme zu sichern, um ihn vor dem Risiko eines Kampfes zu sichern?
Jedenfalls scheint ihr die Liebe (sicher die von Dido, wohl aber auch die von Aeneas) - obwohl sie doch ihr Spezialgebiet sein sollte - wenig zu bedeuten gegenüber Hoffnung, dass Aeneas' Sohn
Julus ein großes Reich begründet.
Warum soll es aber unbedingt in Italien sein, warum nicht in Nordafrika?


Vergil gehörte zum Kreis um Maecenas, dessen Name heute die Bedeutung von Förderer der Kunst angenommen hat. Es liegt nahe, dass er Kunstförderung zur Imagepflege von Oktavian/Augustus betrieben hat, dass er also Vergil nahegelegt hat, einen Gründungsmythos des römischen Reiches zu stiften, der Augustus besser in den Mittelpunkt stellte als die Sage von Romulus und Remus.
"Nationalepos" ist auf das Reich zur Zeit des Augustus bezogen an sich zu eng. Aber die Konzentration auf die Stadt Rom als Ausgangspunkt hatte schon lange vorher und noch lange danach identitätsstiftende Wirkung. Die Verengung auf die Sippe der Julier und deren angeblich göttliche Abstammung brachte nicht nur Augustus einen Zuwachs an Legitimität. Dass Roms Gründung als Projekt Jupiters dargestellt wurde, ließ das gesamte Reich als Ergebnis eines göttlichen Heilsplanes erscheinen.
Ist die Aeneis also lediglich ein besonders ausgedehntes Beispiel für Panegyrik?

Es könnte auch sein, dass Vergil in bewusster Konkurrenz zu Ilias und Odyssee und ihrem - vermuteten - Schöpfer Homer einen würdigeren Gegenstand als nur einen dauernden Streit und ständige Irrfahrten gesucht hat und in Aeneas den dafür idealen Helden gefunden hat: Irrfahrten, aber nicht mit der Heimat, sondern Vergils Gegenwart als Zielpunkt, auch Streit, aber Streit, der zu einem Friedensreich führt. Prophet, der Prophetien verkündet, die von seiner Gegenwart handeln.
Immerhin ist Vergil so für viele Christen zum christlichen Prophet geworden und für Dante zum Führer durchs Jenseits.

Do ut des

Wer einem Gott opfert, kann von ihm auch erwarten, dass der sich dann seiner Wünsche annimmt.

Stracks nun lenkt sie [Fama, die Göttin des Gerüchts] den Lauf zum herrschenden König Iarbas,
Und sie entflammt durch Reden das Herz und stachelt den Zorn ihm.
Ammons Sohn und der Nymphe, die jener geraubt, Garamantis,
Hatt' er im weiten Gebiet dem Juppiter zahlreiche Tempel,

200 Viele Altäre gebaut, und ewige Flammen geheiligt,
Und nie rastende Wache der Himmlischen, immer von Blut auch
Feisten Grund, und in schönem Geflecht stets blühende Schwellen.
Dieser, das Herz sinnlos, und entbrannt von dem herben Gerüchte,
Betete vor den Altären, im Anschaun waltender Götter,
205 Viel zu Juppiter flehend mit rückwärts ragenden Händen:
Juppiter, mächtiger Gott, dem schmausend auf farbigen Polstern
Jetzt maurusisches Volk abträuft den lenäischen Festwein,
Schauest du dies? Was? Vater, vor dir, wenn du Strahlen herabschwingst,
Schaudern umsonst wir in Angst? Blind fliegende Glut in den Wolken
Schreckt der Sterblichen Sinn, und verrollt mit nichtigem Murmeln?
Jene, das Weib, die verirrt an unseren Grenzen ein Städtlein,
Arm und gering', aufbaute für Preis, der zu pflügen den Meerstrand,
Der wir Beding des Ortes verliehn, stößt unsre Vermählung
Weg und empfängt in das Reich den Oberherrscher Äneas!
Und der Paris nunmehr, von dem Trupp Halbmänner begleitet,
Mit mäonischer Haube das Kinn und das triefende Haupthaar
Untergeknüpft, der genießet des Raubs. Wir tragen ja billig
Dir in die Tempel Geschenk und pflegen des eitelen Rufes!

01 September 2010

Didos Fluch

Dass die Aeneis als Nationalepos geplant war, kann man nicht nur der Ausgestaltung des Gründungsmythos entnehmen, sondern auch der nachträglichen Rechtfertigung der Vernichtung Karthagos; denn aufgrund dieses Fluchs habe die Erbfeindschaft zu Karthago schon vor der Gründung Roms bestanden und sei als nimmerendend angelegt.
Zusätzlich wird der karthagische Herrschaftsanspruch als Ausdruck enttäuschter Liebe erklärt und der römische dagegen als Auftrag des Göttervaters Jupiter verstanden.


Sol, der du jegliches Thun wahrnimmst im strahlenden Umlauf,
Du auch, Mittlerin dieses Vereins, mitkundige Juno,
Hekate du, der heulen die Städt' auf nächtlichem Dreiweg,
Und ihr, rächende Diren, und Götter der sterbenden Dido:
Dieses vernehmt und übet Gewalt, wie verdienet die Bosheit,
Und, o hört dies unser Gebet! Wenn kommen zum Hafen
Muß das verworfene Haupt, und ans Land zu schwimmen sein Los ist,
Und so Juppiters Rat es verlangt, dies Ziel unverrückt steht:
Doch mit Streit und Waffen vom mutigen Volke geängstigt,
Über die Grenz' auswandernd, getrennt vom teuren Iulus,
Müss' er um Hilf' anflehen, und schaun unwürdige Tode
Seiner Freund'; auch wann er Bedingungen lästigen Friedens
Eingeht, weder des Reichs, noch erfreulichen Lichtes genieß' er,
Sondern er fall' unzeitig, und lieg' unbestattet im Sande!
So mein Gebet; dies seufz' ich, wann Stimm' und Blut mir entschwindet!
Dann, o Tyrier, hegt dem Geschlecht und dem spätesten Abstamm,
Hegt ihm ewigen Haß, und bringt dies Opfer der Sühnung
Unserer Gruft! Nicht Liebe sei je, noch Bündnis den Völkern!
Mög aus meinem Gebein sich einst ein Rächer erheben,
Welcher mit Brand sie verfolget und Stahl, die dardanischen Pflanzer,
Jetzt und dereinst und zu jeglicher Zeit, wenn die Macht es gestattet!
Möge sich Strand mit Strand, so fleh' ich, und Woge mit Woge,
Heer sich befehden mit Heer: sie selbst und die spätesten Enkel!

sieh auch:
Irene VallejoElyssa. Königin von Karthago, 2024 - Eine Aeneis aus weiblicher Sicht, Perlentaucher

Juno und Venus

Juno bemerkt, dass Dido der Liebe zu Aeneas nicht widerstehen kann.

Als von solchem Verderb sie bewältiget sahe die Gattin
Juppiters
, und daß sogar nicht Leumund störe den Wahnsinn;
Naht mit solcherlei Rede Saturnia jetzo der Venus:

Traun, ein herrliches Lob und herrliche Beute gewannt ihr,
Du und dein Junge mit dir! O groß und erhaben die Obmacht,
Wenn ein Weib durch den Trug zwei himmlischer Götter besiegt wird!
Auch nicht blieb mir verhehlt, daß, scheu vor unseren Mauern,
Du in Verdacht die Häuser gehabt der hohen Karthago.
Doch wo endlich das Ziel? und wozu noch solche Beeifrung?
Mög' uns ewiger Friede vielmehr und ehliches Bündnis
Einigen. Was du gesucht mit ganzer Seele, das hast du.
Dido flammet in Lieb', und im Innersten tobt ihr der Wahnsinn.
Drum mit gleicher Gewalt laß uns und gemeinsamer Obhut
Lenken das Volk. Gern mag sie dem Phrygiergatten sich fesseln,
Gern die tyrischen Männer zum Brautschatz bringen dir selber!

Wiederum (denn sie merkte, wie heuchlerisch jene geredet,
Daß sie der Italer Reich ablenkt' auf libysche Küsten)
Redete Venus darauf: O sinnlos wäre, wer solches
Weigerte, oder sich wählte, mit dir im Kampfe zu eifern.
Wenn nur, so wie du sagst, das Geschehene Segen begleitet.
Aber mich halt das Geschick unstät, ob Juppiter eine
Stadt für die Tyrier will und die Ausgewanderten Trojas,
Ob er der Völker Verein und geschlossenes Bündnis genehmigt.
Dir, der Gattin, gebührt, sein Herz durch Flehn zu versuchen.
Frisch nur; ich folg'. – Ihr drauf antwortet die Königin Juno:
Mein sei jenes Geschäft. Doch welcherlei Weg, was bevorsteht,
Auszuführen sich bahne, vernimm mit wenigem jetzo.
Morgen gedenkt mit Äneas die unglückselige Dido
Jagen zu gehn in den Forst, sobald aus tagender Dämmrung
Neu sich Titan erhebt und mit Glanz umstrahlet den Erdkreis.
Dann ein schwarzes Gewölk, mit Hagelschauer belastet,
Weil die geschäftigen Rotten die Thal' umstellen mit Fanggarn,
Schütt' ich hinab und errege mit hallendem Donner den Himmel.
Rings sich zu bergen entfliehn in den dunkelen Wald die Begleiter.
Dann zur selbigen Kluft gehn Dido und der Gebieter
Trojas ein. Selbst komm' ich, und ist dein Wille mir sicher,
Sei sie in Ehe gesellt, als eigene Ehegenossin.
Dies sei das Hochzeitsfest. – Nicht abgeneigt dem Gesuche
Nickt' und lächelte schlau der gefundenen List Cytherea.
(Vierter Gesang)

31 August 2010

Venus zu Amor

Neue List nun planet in sinnender Brust Cytherea,
Neuen Entwurf: daß Cupido, Gestalt umtauschend und Antlitz,
Statt des süßen Ascanius komm', und mit Gaben zu Wahnsinn

Zünde der Königin Herz und Glut ihrem Herzen entflamme.
Denn das schlüpfrige Haus, zweizüngige Tyrier scheut sie;
Qual ist die trotzige Juno; es kehrt mit den Nächten der Kummer.
Darum redet sie nun dies Wort zum geflügelten Amor:
Sohn, mir einzige Kraft, o allein du große Gewalt mir,

Sohn, der des oberen Zeus typhoische Blitze verachtet,
Dir nun nah' ich mit Flehn und bitt' um dein göttliches Wesen.
Wie dein Bruder Äneas im Meer um alle Gestade
Wogt und irrt, durch den Zorn der unbarmherzigen Juno,
Ist dir bekannt, nicht selten betrübte dich meine Betrübnis.

Den hält Dido nunmehr, die Phönicerin, fesselnd in holder
Schmeichelred', und mir graut, wohin sich wende der Juno
Gastfreundschaft; nicht säumt sie fürwahr in so großer Entscheidung.
Drum mit Listen zu fahn und rings zu umhegen mit Feuer
Denk' ich die Fürstin zuvor, daß keinerlei Macht sie verändre,

Sondern sie fest anhange mit mir dem geliebten Äneas.
Wie das schaffen du mögest, vernimm jetzt meine Gesinnung.
Zu der sidonischen Stadt, auf den Ruf des teueren Vaters,
Trachtet der fürstliche Knabe zu gehn, mein trautester Liebling,
Bringend Geschenk, das vom Meer und Trojas Flamme verschont ward.

Ihn, in betäubendem Schlaf zu Idalions oder Cytheras
Luftigen Höhen entführt, verberg' ich in heiliger Wohnung,
Daß nicht merken er könne die List, noch begegnen zur Unzeit.
Du, nur die einzige Nacht erkünstele seine Gestalt dir
Trüglich und schlüpfe vertraut als Knab' in des Knaben Geberde:

Daß, wenn dich auf dem Schoß sie empfängt, die fröhliche Dido,
Unter dem Königsmahl und dem feurigen Trank des Lyäus,
Wenn sie hold dich umarmt und zärtliche Küsse dir aufdrückt,
Du die verborgene Glut einhauchst, und dein Gift sie berücke.

Vergil: Aeneis, Göttergespräch

Nahte betrübt und genetzt die glänzenden Augen von Wehmut,
Venus und sprach: O der du, was Sterbliche schaffen und Götter,
Lenkst durch ewige Macht und mit donnerndem Strahle sie schreckest,
Was hat mein Äneas an dir so Großes zu freveln,
Was die Troer vermocht: daß, nach so viel Wehe den Duldern
Ganz noch der Erd' Umkreis Italias wegen gesperrt wird?
Dorther würden Romaner dereinst, mit den kreisenden Jahren,
Dorther Führer entstehn aus erneuetem Blute des Teucrus,
Welche mit Allherrschaft durch Meer und Länder geböten,
Sagtest du. Welch ein Entschluß hat dich, o Erzeuger, gewendet?
Hieraus, wann mich betrübte der Fall der gesunkenen Troja,
Schöpft' ich Trost, abwägend das Schicksal gegen das Schicksal.
Jetzo verfolgt die so lange mit Unglück ringenden Männer
Stets Unglück. Wann setzst du ein Ziel, Weltherrscher, dem Elend?
Konnte ja doch Antenor, dem Schwarm der Achiver entronnen,
Tief zur illyrischen Bucht und dem innersten Reich der Liburner
Eingehn ohne Gefahr und umlenken den Quell des Timavus:
Wo er, mit dumpfem Getöse des Bergs, neun Schlünden entrollend,
Geht zu brechen das Meer und den Schwall an die Felder emporbraust.
Dennoch gründete jener Pataviums Stadt und der Teucrer
Wohnungen dort, gab Namen dem Volk und weihete Trojas
Rüstungen; Friede nunmehr und behagliche Ruhe beglückt ihn.
Wir, dein eignes Geschlecht, die zur himmlischen Burg du erhöhn willst,
Werden der Schiff' (o entsetzlich!) beraubt und dem Zorne der Einen
Bloß gestellt und so weit von den Italerlanden entfernet.
Das ist der Frömmigkeit Lohn? so kehrt uns wieder die Herrschaft?
Ihr nun lächelte mild der Menschen und Ewigen Vater,

So wie sein Antlitz Himmel und Witterungen erheitert,
Und sanft naht' er der Tochter zum Kuß, dann redet er also:
Banne die Furcht, Cytherea; dir bleibt der Deinigen Schicksal
Stets unverrückt; schaun wirst du die Stadt und Laviniums Mauern,
Die ich verhieß, und erheben den großgesinnten Äneas
Hoch zu dem Äthergestirn; nicht hat mein Entschluß sich geändert.
Er (denn ich kündige dir's, weil noch die Sorge dich naget,
Und aus der Fern' aufroll' ich die dunkelen Gänge des Schicksals)
Führt einst schrecklichen Krieg in Italia, trotzige Völker
Bändigt er und ordnet Gesetz und Mauern den Männern:
Bis drei Sommer den König in Latium walten gesehen,
Und dreimaliger Frost dem bezwungenen Rutuler hinfloh.
Aber Ascanius drauf, der jetzt den Namen Iulus
Führet, Ilus vordem, als machtvoll Ilios herrschte,
Wird durch dreißig Kreise der monatrollenden Jahre
Weit das Gebiet ausdehnen und weg vom Sitze Lavinums
Heben das Reich zur langen mit Kraft befestigten Alba.
Drei Jahrhunderte nun wird dort verwaltet die Herrschaft
Vom hectorischen Stamm, bis die Priesterin, Tochter des Königs,
Ilia, schwanger von Mars, ein Zwillingspaar auf die Welt bringt.
Froh mit gelblicher Hülle der säugenden Wölfin sich deckend,
Wird nun Romulus erben das Volk und mavortische Mauern
Aufbaun und die Romaner nach eigenem Namen benennen.
Deren Gewalt soll weder ein Ziel mir engen noch Zeitraum;
Endlos daure das Reich, das ich gab. Ja die eifernde Juno,
Die nun Meer und Länder mit Furcht und den Himmel beängstigt,
Wird zum Besseren wenden das Herz und begünstigen gleich mir
Romas Volk, die Gebieter der Welt, die Togaumwallten.
Also gefällt's. Einst kommt mit den schlüpfenden Zeiten das Alter,
Wann des Assaracus Haus der berühmten Mycen' und der Phthia
285 Knechtisches Joch auflegt und siegreich schaltet in Argos.
Dann aus schönem Geschlecht wird blühn der trojanische Cäsar,
Der zu den Sternen den Ruhm, zum Oceanus dehnet die Herrschaft.
Julius, also benannt vom edelen Ahnen Iulus.
Diesen mit östlicher Beute Beladenen wirst du gesichert
290 Einst im Himmel empfahn; dann rufen auch ihm die Gelübde.
Jetzt wird, ruhend vom Streit, das rauhere Alter sich mildern.
Vesta, die grauende Treu, und Remus vereint mit Quirinus,
Geben Gesetz. Doch gesperrt mit Eisen und zwängenden Klammern
Stehn die gräßlichen Pforten des Kriegs; wild drinnen auf Waffen
Sitzet die frevelnde Wut, wo in hundert ehernen Fesseln
Jen' auf den Rücken geschnürt, graunvoll knirscht blutigen Mundes.
Juppiter sprach's, und er sendet den Sohn der Maja vom Himmel,
Daß sich öffnen die Land' und die Burg der neuen Carthago
Gastlich dem teucrischen Volk, und nicht, unkundig des Schicksals,Dido die Grenze verwehr'. Er entfleugt durch die luftigen Räume
Mit hinrudernder Schwing' und betritt schnell Libyas Ufer.