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24 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Reise durch Rumelien, Bulgarien und die Dobrudscha

31. Der Turm von Galata 
Bujukdere, den 14. September 1837 
Zu meiner großen Freude trafen am 28. August drei meiner Kameraden, die Hauptleute Baron von Vincke und Fischer vom Generalstab und von Mühlbuch vom Ingenieurkorps in Konstantinopel ein. Das Dampfschiff wurde aus Triest erwartet und ich bestieg einmal über das andere den gewaltigen runden Turm von Galata, von dem ich über das Gewimmel des Hafens, über Konstantinopel und die Bogen des Valens fort in den flimmernden Propontis hinausspähte. [...]

32.  Reise durch Rumelien, Bulgarien und die Dobrudscha  – Der Trajanswall
Varna, den 2. November 1837 
Nach kurzem Aufenthalt in Bujukdere wurden meine Kameraden und ich dem Großherrn vorgestellt, der uns zu Beglerbey sehr gnädig empfing; bald darauf erhielten wir den Befehl zu einer Reise zur Donau. Bei uns würde man sich auf die Schnellpost setzen und wäre in zwei bis drei Tagen da; hier macht das etwas mehr Umstände; unser Gefolge bildet eine kleine Karawane von einigen vierzig Pferden und als wir über die Brücke von Konstantinopel ritten, sah der Zug ganz stattlich aus: Voraus eilte ein Tatar in seinem roten Anzug mit Pistolen und Handschar, der die Quartiere macht und die Pferde auf den nächsten Posten zusammentreibt; zwei andere Tataren schließen den Zug, um alles zu überblicken und die Nachzügler vorwärts zu treiben. Die militärische Bedeckung bilden drei Kawassen oder Gendarmen; außer ihnen folgen zwei armenische Dolmetscher, zwei griechische Bediente, ein Koch, drei türkische Offiziere, vierzehn Packpferde, vier oder fünf Surudschi oder Pferdejungen und ein paar Reservepferde. [...]
In diese öde Gegenwart ragen die Trümmer einer fast zweitausendjährigen Vergangenheit hinein. Auch hier sind es die Römer, die ihren Namen mit unverlöschlichen Zügen dem Erdboden eingegraben haben. Der doppelte, an einigen Stellen dreifache Wall, den Kaiser Trajan von Czernawoda an der Donau hinter der Seereihe von Karasu weg, nach Küstendsche, dem alten Constantiana, am Schwarzen Meer zog, ist überall noch 8 bis 10 Fuß hoch erhalten.

33. Altertümer in Konstantinopel – Die St. Sophia – Der Hippodrom – Das Forum Constantinum – Säulen und Kirchen – Die Stadtmauer 
Konstantinopel, den 28. Dezember 1837
Solche Fluten von Verheerungen sind über Konstantinopel zusammengeschlagen, dass fast jede Spur ihres Altertums verwischt worden ist. Dennoch ragen einige Denkmäler aus der Vorzeit und ich will dich an ihnen vorüberführen. Die meisten Erinnerungen haften an dem Tempel, den Konstantin der göttlichen Weisheit errichtete, und dessen Kalkwände und Bleikuppeln, durch vier riesenhafte Strebepfeiler gestützt, sich noch heute hoch über den letzten Hügel, zwischen dem Propontis und dem Goldenen Horn erheben. Dort steht noch immer die alte Sophia, wie eine ehrwürdige Matrone im weißen Gewand mit grauem Haupt auf ihre mächtigen Krücken gestützt und schaut über das nahe Gedränge der Gegenwart weit hinaus über Land und Meer in die Ferne. Feuersbrünste und Belagerungen, Aufruhr, Bürgerkrieg und fanatische Zerstörungswut, Erdbeben, Stürme und Ungewitter haben ihre Macht gegen diese Mauern gebrochen, welche christliche, heidnische und mohammedanische Kaiser unter ihre Wölbung aufnahm.
[...] obwohl fast alle Reiseschriftsteller über den Anblick der Aya Sophia in Bewunderung ausbrechen, so will ich dir nur gestehen, dass sie auf mich weder den Eindruck eines großen noch eines schönen Bauwerks gemacht hat, bis ich hineintrat. Die Sophia ist darin das Gegenteil der türkischen Moscheen überhaupt, welche von außen gesehen durch ihre geschmackvolle Bauart überraschen, deren Inneres aber keinen Ehrfurcht erweckenden Eindruck macht. Sie entbehrt eine der größten Zierden jener Moscheen, des Vorhofes, und man findet nirgends einen günstigen Punkt, um sie zu beschauen. Aber wenn man durch den Nartek oder Portikus, unter welchem die Büßenden zurückblieben, unter die weite Hauptkuppel tritt und einen Raum von 115 Fuß im Durchmesser ganz frei, ohne Säulen und Stützen vor sich sieht, über dem 180 Fuß hoch eine steinerne Wölbung in der Luft zu schweben scheint, dann staunt man über die Kühnheit des Gedankens, über die Größe der Ausführung eines solchen Baues. Die breiten Hauptkuppeln an den Seiten enthalten zwei geräumige Tribünen, getragen durch die acht Riesensäulen, die Konstantin aus Ephesus, Athen und Rom zusammenbrachte. Die Tempel Europas, Asiens und Afrikas wurden geplündert, um diese christliche Kirche zu schmücken, und du findest auf der zweiten Tribüne einen Wald von Säulen aus Porphyr, Gallo antico, Granit, Jaspis und Marmor.

34. Reise nach Samsun – Die Häfen des Schwarzen Meeres – Dampfschifffahrt 
Tokat in Asien, den 8. März 1838
Kaum finde ich Zeit, dir einige Zeilen zu schreiben, so schnell geht unsere Reise vorwärts; heute erst machen wir einen halben Tag Halt und ich setze mich sogleich neben ein loderndes Kaminfeuer, schichte eine Menge Sofakissen übereinander, um ein hier unbekanntes Möbel, einen Tisch zu konstruieren, und fange an meine Reiseschicksale zu erzählen; aber da kommt alle Augenblick ein Besuch, ein Oberst aus Konstantinopel, der mein alter Reisegefährte in Rumelien war und jetzt Kommandeur der Landwehr ist, ein Imam, ein Jude mit alten Münzen usw. [...]
Der Anblick von Samsum ist höchst angenehm; ein altes genuesisches Kastell, mehrere gut gebaute türkische Konaks, einige steinerne Moscheen und Hanns zeichnen sich schon in der Ferne ab. Das ganze Städtchen ist von einem Olivenwäldchen umgeben, welches das Bergamphitheater bekleidet und aus dem freundliche Kiosks und Gartenhäuser hervorblicken; die Gipfel der Hügel krönt ein griechisches Dorf und dahinter ragen Waldkuppen, die ihre 3000 Fuß Höhe haben mögen. Ich benutzte den Abend, um einen Plan dieses Orts, des Hafens und der Umgebungen aufzunehmen, und es kam mir wirklich seltsam genug vor, in Pontus, im Lande Mithridats, meinen englischen Patentmesstisch aufzustellen. [...]
Es hat sich so getroffen, dass ich nun fast alle Häfen des Schwarzen Meeres von der Mündung der Donau bis zum Kisil-Irmak genauer kennen gelernt habe; sie sind alle schlecht. Das schon von alters her so verrufene Schwarze Meer ist weder stürmischer noch so oft mit Nebel bedeckt wie unsere Ostsee und Untiefen und Klippen, wie jene, hat es gar nicht; die große Gefahr besteht hauptsächlich in dem Mangel an geschützten Reeden und gesicherten Häfen. Der ostindische Handel nahm früher seinen Weg durch die Levante. Die Genueser waren Herren aller Hafenplätze an der kleinasiatischen Küste, wie an so vielen anderen Punkten des Osmanischen Reiches. Überall haben sie dauernde Spuren ihrer Herrschaft hinterlassen; ihre Anlagen zeichnen sich durch Solidität und Tüchtigkeit aus; ihre alten Schlösser stehen noch jetzt und verspotten durch ihr Profil die späteren türkischen Anlagen. Persische Kaufleute besuchten auch früher schon die Leipziger Messe, von wo sie Fabrikwaren und Pelzwerk holten. Die Reise dauerte gewöhnlich fünfzehn Monate und war zahllosen Gefahren und Beschwerden ausgesetzt. Heute geht derselbe Handelsmann von Trapezunt mit den Dampfschiffen in vierunddreißig Tagen über Konstantinopel und Wien nach Leipzig und kehrt in zwanzig Tagen zurück. [...]
35. Amasia –Die Felsenkammern 
Sivas, den 10. März 1838 
Unser erster Marsch von Samsun betrug vierzehn Stunden; es gab mehrere Höhen und Täler zu überschreiten, die von Schnee eben erst entblößt, doppelt mühsam zu passieren waren; auch kamen wir spät in der Dunkelheit und von Regen durchnässe in Ladika an. Dieser Ort hat, wie wir am folgenden Morgen von den hohen schneebedeckten Bergen sahen, eine schöne Lage; wir stiegen nach einigen Stunden in ein breites angebautes Tal hinab, dessen Wände sich immer mehr näherten, bis sie dicht zusammentrafen und eine tiefe enge Schlucht bildeten. Schroff und fast ganz ohne Vegetation erhoben sich wohl 100 Fuß die Felslehnen zu beiden Seiten, während die enge Sohle des Tals zwei Stunden weit einen fortlaufenden Garten bildete, bedeckt mit Häusern und Maulbeerpflanzungen. In dem Augenblick, als wir über eine kleine Anhöhe hervortraten, entfaltete sich plötzlich der eigentümlichste und schönste Anblick, den ich je gesehen – die uralte Stadt Amasia. Der Zusammenfluss zweier beträchtlicher Gebirgswasser aus ganz entgegengesetzten Richtungen, welche dann vereint nordostwärts abfließen, bildet einen tiefen Gebirgskessel, in den Kuppeln, Minaretts und Wohnungen von 20 000 bis 30 000 Menschen zusammengedrängt sind. Schöne Gärten und Maulbeerplantagen, die der rauschende Strom durchteilt, sind ringsum von hohen Felswänden umschlossen, und rechts auf einer hervorragenden Klippe thront ein uraltes, seltsam gestaltetes Kastell. Was aber den befremdendsten Eindruck hervorbringt, sind die wunderbaren Felsenkammern, die in den senkrechten Steinwänden eingemeißelt sind; lange betrachtete ich diese kolossalen Nischen, Gänge und Treppen, ohne mir eine Vorstellung davon machen zu können, was der Zweck einer so mühevollen, vieljährigen Arbeit sein könne. Fünf große Felsenkammern befinden sich nahe aneinander und sind durch Galerien und Treppen verbunden, die mit ihren Balustraden in die Felswand eingehauen sind. Wahrscheinlich waren es Gräber der Könige von Pontus. Obwohl über 2000 Jahre alt, sind die Linien so scharf erhalten, als wenn sie eben fertig geworden. Der Anblick von der Zitadelle herab ist prachtvoll; es war eben Beiram, der größte Feiertag der Türken. Überall war Leben und sämtliche Frauen, in ihren grellen bunten Gewändern, kamen aus den Bädern. Von der Zitadelle wurde mit Böllern geschossen, die in den Tälern prächtig widerhallten, auch wir feuerten unsere Pistolen ab, um nach Kräften zu dieser Feierlichkeit beizutragen. [...]

36. Tokat – Siwas
Siwas, den 11. März 1838 Der Pascha dieses Orts ist gestern mit achtzig Pferden von hier fortgezogen, sodass die Post keine mehr hat und wir genötigt sind einen Ruhetag zu machen; ich fahre daher in meiner Erzählung fort. Die acht Wegstunden nach Tokat machten wir am 8. im weiten Tal des Tusanly, fast im beständigen Galopp; Tokat liegt in einer Schlucht, die aus hohen Bergen hervortritt. Eine scharfe Klippenwand schneidet beide Täler voneinander ab und auf dem letzten schroffen Gipfel ist kühn ein altes Schloss erbaut und durch einen unterirdischen Gang mit der Stadt verbunden; diese ist von bedeutender Größe und kann 30 000 bis 40 000 Einwohner haben. Sie liegt schön, aber doch nicht so schön wie Amasia.  [...]

38. Der Euphrat – Kieban-Maaden 
Kieban-Maaden am Euphrat, den 16. März 1838
Durch die einförmige Schnee-Einöde ging es am 14. fort bis Hassan-Tscheleby; die Häuser dieses Dorfes sind mit flachen Erdterrassen eingedeckt und liegen mit dem Rücken gegen eine Anhöhe, sodass, wenn man von dieser Seite kommt, man sie fast gar nicht gewahr wird. So geschah es mir, dass ich auf das Dach eines Hauses hinaufritt und beinahe durch den Rauchfang in den Salon der unterirdischen Familie gefallen wäre. Ich war sehr bestürzt über diesen Vorfall, als wir aber nach dem Frühstück weiterritten, ging die ganze Karawane über die gesamten Dächer der Ortschaft im fröhlichen Trabe fort. Je langweiliger die Gegend, je mühsamer der Weg bisher gewesen, umso erfreulicher war es jetzt, im raschen Galopp durch ein tiefes Felstal längs eines schäumenden Gebirgsbachs hinzueilen; das Wetter war sehr frisch, aber heiter, die Luft hatte schon die schöne blaue Farbe der italienischen Landschaft und die Felsen von rötlichem und blauem Gestein mit schroffen kühnen Abhängen waren malerisch schön. Im Hintergrund erhoben sich zu beiden Seiten mächtige Berge mit Schnee hoch überlagert, von der Abendsonne purpurn gemalt. So aus der Ferne sah der Schnee wundervoll aus, wir waren aber herzlich froh, ihn von unserem Wege vorerst los zu sein; die Nacht brachten wir in Hekimhann zu, eine Palanka oder Festung; der Hof des Hanns nämlich ist von einer Mauer umschlossen und enthält einige Dutzend Hütten, eine Moschee und ein Bad.  [...] Der alte Herr trank aus Gefälligkeit eine Flasche Xeres mit mir aus; nur darüber war er erstaunt, dass ich mit dem Degen äße, so nannte er meine Gabel. [...]

Das Städtchen Kleban-Maaden wird erst jetzt unten sichtbar; es liegt am Fuß einer schmalen Reihe von zackigen Bergen, die den Fluss zu einer weiten Windung nötigen. In seltsam geformten Booten setzten wir über; das Städtchen ist ganz gut gebaut und lebt von dem Ertrag der Silberminen, die sich in dieser schroffen Bergwand finden. Eine Stunde oberhalb fließen die beiden Wasser, der Murad vom Ararat kommend und der eigentliche Frat von Erzerum her, zusammen und bilden nun einen auch im Sommer nicht mehr zu durchwatenden Strom, der hier etwa 120 Schritt breit und überaus reißend ist. Sobald die Fähre in die Mitte des Flusses kam, glitt sie, mit Menschen und Pferden angefüllt, pfeilschnell abwärts und es schien, als ob sie unmöglich das andere Ufer erreichen könne, aber ein Gegenstrom erfasst sie bald und führt sie genau an die Landestelle. Zur größten Freude unseres Effendis gab's keine Pferde auf der Post. Der Pascha gibt uns morgen dreißig von seinen eigenen. Wir benutzten den Aufenthalt uns hier umzusehen und ins Bad zu gehen, denn ein verdächtiges Jucken erinnerte uns daran, dass wir in Asien reisten, und ich benutzte die Ruhe, um diese Zeilen auf meinem Knie niederzuschreiben.

39. Ankunft im Hauptquartier der Taurus-Armee Messre
bei Karput, den 19. März 1838 
Von Kleban-Maaden stiegen wir durch ein tiefes Gebirgstal drei Stunden aufwärts und erreichten dann ein flaches, aber hohes Hügelland, auf dem einzelne Kurdendörfer zerstreut liegen. [...]
Wir hielten eine halbe Stunde vor der Stadt in dem Dorf Messre an, wo das Hauptquartier sich gegenwärtig befindet. Ein weitläufiges Gebäude aus Lehm mit flachem Dach, wie ich es eben beschrieben, war die Wohnung des kommandierenden Generals; eine kleine Wache und zahlreiche Dienerschaft, Kawassen, Tataren, Seymen und Hausoffizianten füllten den Hof. Ich fand den Pascha in einem hohen, mit Balken eingedeckten Zimmer, dessen Fußboden und Diwan mit grauem Tuch überzogen und dessen Fenster mit Papier verklebt waren. An den Wänden hingen Waffen und auf den Sofas lagen eine Menge von Briefen in Stückchen Musselin eingewickelt und mit rotem Wachs versiegelt; Tische, Stühle, Kommoden, Spiegel, Gardinen oder anderes Gerät, welches wir für unentbehrlich halten, war so wenig hier wie in anderen türkischen Gemächern vorhanden; dagegen stand eine große Zahl von Dienern und Offizieren mit vor den Leib verschränkten Armen ehrerbietig schweigend da. Der Pascha saß mit untergeschlagenen Beinen auf einer Tigerhaut an der Erde; er war in einen blauen Mantelkragen mit Zobelbesatz gekleidet, den Fes auf dem Kopf. Se. Exzellenz empfingen uns mit einer leichten Bewegung des Kopfes, winkten uns niederzusitzen und sagten nach einer Pause, dass wir willkommen seien. Hafiz-Pascha ist ein geborener Tscherkesse und wurde für das Serail des Großherrn gekauft, er hat daher eine bessere Bildung erhalten als die meisten seiner Kollegen; er liest und schreibt, kennt etwas von der persischen und arabischen Sprache, hat einige Kenntnisse und viel Interesse für die ältere Geschichte des Landes; er begleitete die Gesandtschaft, die vor fünf Jahren nach Russland ging; in Skodra in Albanien leistete er einen dreizehnmonatigen Widerstand gegen die ihn belagernden Arnauten und als Reschid-Pascha in Diarbekir starb, gab der Großherr ihm das Kommando über die damals mit den Kurden im Krieg begriffene Armee, deren Hauptauftrag jedoch die Beobachtung der ägyptisch-syrischen Armee war. Anders als die meisten seiner Kollegen ist der Pascha blass und mager; der Fes, den er zuweilen zurückschiebt, bedeckt eine hohe, tief gefurchte Stirn. Wenige Wochen, bevor wir ankamen, hatte er eine Tochter und einen Sohn verloren. Obgleich gewiss nicht unempfindlich, beachtete er doch die ruhige, gelassene Haltung, die überall, aber besonders hier, einen Mann von Stande bezeichnet. Nach einigen Fragen über unsere Reise und nachdem wir Kaffee getrunken hatten, waren wir entlassen. Der Diwan-Effendi, unser Begleiter, blieb aber zurück, um seine Briefe und mündlichen Aufträge mitzuteilen. Man führte uns in ein großes Zimmer, ganz dem des Paschas ähnlich; obgleich noch niemand eigentlich wusste, was aus uns zu machen sei, empfingen uns die Leute doch freundlich; der Pascha schickte Betten aus seinem Harem und wir ruhten von den Beschwerden der Reise bis spät den folgenden Morgen. Wir waren noch nicht lange wach, als man vier prächtige arabische Hengste in den Hof führte; ein Geschenk des Paschas für uns.  [...]
In Is-oglu überschritten wir den Strom und kamen mittags nach Malatia, einer bedeutenden Stadt von 5000 aus Lehm erbauten Häusern, mit Terrassen statt Dächern; selbst die Kuppeln der Moscheen und Bäder sind mit Lehm überzogen, alle Höfe mit Lehmmauern umgeben und die ganze Stadt von derselben umformen grauen Farbe. Die Erfindung der Fensterscheiben ist für diesen Teil des Erdballs noch nicht gemacht.  [...]
Am 26. waren wir genötigt, Maulesel zu besteigen; die Tiere gehen sehr gut, nur muss man ihnen gestatten am äußersten Rand der Abgründe zu spazieren und sie nicht mit Zügel oder Sporen inkommodieren. Wir erkletterten an einer sehr steilen Berglehne den Kamm des Taurus und über ein Geröll von Steinen hinunter, welches in der Tat halsbrecherisch genug aussah. In einer wundervoll wilden Felsschlucht klebt an einer Berglehne das Dörfchen Erkeneh, tief unten schäumt ein Bach von Klippe zu Klippe und die schwarzen Felswände scheinen jedes Hinabsteigen unmöglich zu machen. Im Dorf Belveren bildet ein flacher Rücken die Wasserscheide zwischen den Zuflüssen des Arabischen und denen des Mittelländischen Meeres.
Gestern hatten wir einen mühsamen Ritt über hohe Gebirge, es schneite und regnete; als wir aber abends in das weite, prachtvolle Tal von Marasch hinabstiegen, änderte sich die Szene: Die Weide sprosste ihre ersten Blätter, das saftigste Grün färbte die breiten Felder und Wiesenflächen, in welchen sich zwei silberne Flüsse schlängeln, und Allahs goldene Sonne funkelte über der Stadt, während dicke schwere Wolken an den Schneegipfeln des Giaur-Gebirges hingen.
Heute war Ruhetag nach fünfundsechzig Stunden Ritt. Schon gestern Abend, durchnässt und halb erstarrt an dem südlichsten Punkte, den ich je erreicht, erquickte ich mich im heißen türkischen Bade; heute ordnete ich meine Papiere, ritt mit dem Pascha, der mir seine Rediff-Bataillone zeigte, und schreibe dir dies im Hofe eines armenischen Bankiers an einer sprudelnden Fontäne unter blühenden Mandelbäumen. (Kapitel 40)
41. Das turkmenische Lager – Der mittlere Lauf des Euphrats – Rumkaleh – Biradschik – Orfa 
Orfa, den 6. April 1838 [...]
Nach mehrstündigem Ritt über grüne Reisfelder und flache Hügel und nachdem wir den Fluss Akdere durchfurtet, sahen wir uns zwischen einer Menge von Zelten, die in kleine Dorfschaften an den Berglehnen und auf der Ebene gruppiert waren. Wir hatten einige Mühe die Residenz des Kurdenfürsten zu finden, und endlich entdeckten wir in einem kleinen Tal ein Zelt, das wohl 100 Fuß lang und halb so breit war. Der Aga, ein Greis mit schönem grauen Bart, von ehrwürdigem Aussehen, aber in ganz einfacher Tracht, empfing mich am Eingang. Das Innere des Zeltes (wie alle übrigen aus schwarzem Ziegenhaar) war durch niedrige Schilfwände in mehrere Gemächer abgeteilt, in denen die Fremden, die Frauen, die Pferde, Kamele, Kühe, Ziegen, jedes seinen Platz fand; ein mächtiges Feuer brannte in der Mitte. Die Kurden halten sich immer in der Nähe des Waldes auf, sonst wäre es auch fast unmöglich, im Winter, der mindestens ebenso streng und länger als der unsrige ist, in einer solchen Wohnung auszuhalten. Die Wirtschaft des Agas hatte ein ganz patriarchalisches Aussehen; er setzte mir Brot, Milch, Honig und Käse vor, er selbst aber ließ sich erst nieder, nachdem ich ihn dazu aufgefordert hatte. Nirgends war ein Anschein von Macht und Herrlichkeit und doch gebietet dieser Mann über 600 Familien.
(Kapitel 31 - 41)

17 Juni 2018

Moltke: Unter dem Halbmond - Reise des Großherrn

Reise des Großherrn
Varna, 2. Mai 1837 
Ich schrieb dir im vorigen Monat, dass ich vom Großherrn den Befehl erhalten habe ihn auf einer Reise durch Bulgarien und Rumelien zu begleiten. Heute benutze ich die erste freie Stunde, um dir eine Nachricht über diese Reise zu geben, und obgleich ich meinen Brief vorerst nicht absenden kann, so will ich doch wenigstens fertig sein, um die erste Gelegenheit zu benutzen, mit der es geschehen kann. Am 24. April, 10¼ Uhr vormittags, hatte die glückliche Stunde für den Antritt der Reise Seiner Hoheit des Großherrn geschlagen; die Gelehrten hatten diese Stunde richtig genug bestimmt, denn das regnerische Wetter der letzten Tage war durch den heitersten Himmel ersetzt und der Südwind, den wir für unsere Fregatte nötig hatten, blies frisch von den asiatischen Bergen herunter. Ich hatte mich schon abends zuvor an Bord der »Nusrethieh« oder »Siegreichen« begeben, welche den Kanal bis Bujukdere hinaufgegangen war. Um nicht als Franke in der Umgebung des Sultans anstößig aufzufallen, hatte ich die rote Mütze und einen türkischen Anzug angelegt, den der Großherr mir zugeschickt hatte. Um Mittag sahen wir das grüne Kaik des Sultans mit seinen vierzehn Paar Ruderern schnell wie einen Delphin heranschießen; die Marinesoldaten traten unters Gewehr; die Musik spielte. Die Anker waren fast gelichtet, die Segel halb entfaltet. Se. Hoheit trugen eine scharlachrote Husarenuniform mit goldenen Schnüren, den roten Fes, weiße Beinkleider mit Goldtressen und schwarze Samtstiefel. Sein Gefolge trug blaue Husarenuniform. Man hatte mir meinen Platz in der Parade zwischen den Paschas und den Obersten angewiesen, wo ich mit den Übrigen mein Taminah oder den Gruß mit der Hand zur Erde, auf die Brust und Stirn machte. Se. Hoheit schickte den Kapudan-Pascha ab, um mir sagen zu lassen, »dass das Wetter gut sei«, und dieser brachte glücklich »parfaitement bon le temps« heraus. Dies war eine besondere Gnade und Auszeichnung, welche später noch erhöht wurde, als der Sultan die Bemerkung machte, dass mein roter Fes sehr kleidsam sei, eine Behauptung, mit der ich bisher durchaus nicht einverstanden war. Jetzt hallten die steilen Bergwände des Bosporus von dem Donner der Geschütze unserer Fregatte und der Batterien am Ufer wider. Die mächtigen Segel entfalteten sich, und mit zunehmender Schnelligkeit ging's hinaus in den gefürchteten Euxin. Die Nusrethieh führt 68 Geschütze und ist vielleicht die schönste und größte Fregatte. Bald ließen wir nicht nur die Leuchttürme an der gefahrvollen Mündung des Bosporus, sondern auch die beiden vortrefflichen österreichischen Dampfschiffe, die uns begleiten sollten, hinter uns, und gegen Abend sah man in der Ferne nur noch ihre Rauchstreifen aufsteigen. [...]
Der Moment des Ausschiffens gewährte einen schönen Anblick. Sobald der Großherr sich in sein Kaik begeben hatte, feuerten die Batterien der Festung und der Fregatte, bunte Wimpel wehten von allen Masten und die Schiffsmannschaft in ihrer roten Uniform paradierte auf den Rahen des Schiffs bis zur schwindelnden Höhe des Mastes. [...]

Ich bin im erzbischöflichen Palast einquartiert, worunter du dir eine sehr bescheidene Bretterbude vorzustellen hast. Mein Wirt führt auf Griechisch den etwas seltsamen Titel: Despot, ein Prädikat, das sich schlecht mit der tief gebeugten Stellung und dem Küssen des Rockzipfels eines türkischen Paschas verträgt. Der Despot hat aber einen trefflichen Wein, das Essen ist schmackhaft und alles reinlich und gut.


Schumla, den 5. Mai 1837
Der Großherr verließ Varna am 3., blieb die Nacht in einem Dorf, wo man binnen zwölf Tagen einen Kiosk für ihn erbaut und vollständig möbliert hatte. Er frühstückte am 4. in einem anderen Dorf, wo ebenfalls ein Haus für diesen viertelstündigen Aufenthalt aufgeführt und eingerichtet war, und traf mittags hier ein. Ich war schon am 2. in der Nacht vorausgereist, um mich vorher zu orientieren.

Die Empfangsfeierlichkeiten scheinen überall dieselben zu sein. Se. Kaiserliche Majestät steigen eine Viertelstunde vor der Stadt in ein Zelt ab, um den blauen Überrock mit der bewussten roten Uniform zu vertauschen. Für wen er eigentlich diese Toilette macht, weiß ich nicht; bei uns ist man gewöhnt, die Pracht des Monarchen durch den Glanz der Großen und Mächtigen, die ihn umgeben, gehoben zu sehen. Hier ist nur ein Herr, die Übrigen sind Knechte. Sobald Se. Hoheit zu Pferde stiegen, ließ man eine Menge Minen in den Steinbrüchen auf den Bergen rings umher auffliegen. Zu beiden Seiten des Weges paradierten die Notabilitäten der Stadt, rechts die Muslime, links die Rajahs. Obenan stehen die Mullahs oder Geistlichen, welche noch immer den schönen weißen Turban tragen, dann folgen die weltlichen hoch stehenden Personen. Links paradierten erst die Griechen mit Lorbeerzweigen, dann die Armenier mit Wachskerzen und endlich die armen verhöhnten und misshandelten Juden. Die Moslems standen aufrecht mit über den Leib verschränkten Armen, die Rajahs aber, und selbst Bischof und Priester mit den geweihten Kirchengeräten, warfen sich nieder und blieben mit der Stirn an der Erde, bis der Sultan vorüber war; sie durften das Antlitz des Padischahs nicht schauen. An mehreren Stellen wurde beim Vorüberreiten des Großherrn der Kurban oder das Opfer an sieben Hammeln vollzogen, denen man die Hälse abschnitt. 
Heute, am Freitag (dem türkischen Sonntag), ging der Großherr mit zahlreichem Gefolge in die Moschee: Ich habe dagegen tüchtig mit meiner Aufnahme [Vermessung der bereisten Gebiete, insbesondere Festungsanlagen] zu tun. [...]


Der Großherr hielt nun durch seinen ersten Sekretär, Wassaf-Effendi, eine Rede, in der er den Versammelten sagte, dass er selbst gekommen sei, um sich von ihrem Zustand zu überzeugen, dass er ihre Stadt und Festung wieder aufzubauen und Ordnung und Wohlstand im Lande selbst zu befestigen gewillt sei, dass Gesetz und Recht nicht nur in der Hauptstadt, sondern im ganzen Reich gehandhabt werden sollen. »Ihr Griechen«, sagte er, »ihr Armenier, ihr Juden seid alle Diener Gottes und meine Untertanen so gut wie die Moslems; ihr seid verschieden im Glauben, aber euch alle schützen das Gesetz und mein kaiserlicher Wille. Zahlt die Steuer, die ich euch auferlege; die Zwecke, zu denen sie verwendet werden, sind eure Sicherheit und euer Wohl.« Zum Schluss fragte der Sultan, ob jemand unter den Rajahs Beschwerden habe und ob ihre Kirchen der Ausbesserung bedürfen. In diesem Land, wo der einfache Mann gewöhnt ist, alles umsonst, als Frondienst für den Mächtigen zu tun, bezahlt der Großherr die Kosten seiner Reise bar. Wie ich höre, führt er an Geld 2½ Millionen Gulden, außerdem eine Menge von Pretiosen mit sich; an keinem Armen oder Krüppel reiten wir vorüber, dem der Großherr nicht durch einen seiner Leute ein Goldstück schickt. Bei seiner Abreise hat er für die Armen in Schumla 10 000 Gulden hinterlassen und dabei ausdrücklich dafür gesorgt, dass das Geld wirklich an die ihm besonders namhaft gemachten Notleidenden kommt, und nicht allzu viel zwischen den Fingern der Austeiler kleben bleibt. Die Imame müssen darüber berichten. Sooft wir zurückkehren, sehe ich Gruppen von Weibern, welche Bittschriften über ihre Köpfe emporhalten. Ein Offizier reitet dann heran, rafft die Zettel zusammen, steckt die ganze Korrespondenz in seine Satteltaschen, um sie dem Almosenier zu überreichen. 
Silistria, den 11. Mai 1837 
Heute erst finde ich Muße, meinen Bericht wieder aufzunehmen. Am 9. ritt ich vor Sonnenaufgang zu einem Dorf auf der anderen Seite des Gebirges; mittags war ich zurück, fand frische Pferde und begleitete den Großherrn bis 5 Uhr; dann wurde ein treffliches Mittagsmahl eingenommen. Wir setzten uns in den Wagen und fuhren die Nacht durch; ich traf um 1 Uhr nachmittags hier ein und konnte noch am Abend und am folgenden Morgen vor Ankunft des Großherrn den Plan der Festung aufnehmen. Der Großherr hat in seinem Benehmen gegen seine Umgebung so viel gemütliche Geradheit und Gutmütigkeit, dass bei aller Strenge und Etikette ein jeder es bequem hat. Wenn man den Herrn so sieht, sollte man nicht denken, dass es derselbe Mann ist, der 20 000 Janitscharen köpfen ließ. Die Fürsten Ghika und Stourdza sind aus der Moldau und Walachei hier, um ihren Herrn zu begrüßen. Ich war neugierig ihren Empfang zu sehen: Er war eben nicht sehr schmeichelhaft; wohl zwei Stunden warteten diese Halbsouveräne im Sonnenschein, bis der Großherr eintraf, vor seinem Zelt abstieg und Toilette machte. Der Sultan empfing die beiden Vasallen unter einem Baldachin auf Samtpolstern sitzend; die Fürsten, gefolgt von ihren Bojaren, schritten mit über den Leib verschränkten Armen heran, warfen sich auf beide Knie und küssten den Zipfel des Gewandes Sr. Hoheit, welcher die Gnade hatte, ihnen zu gestatten, zehntausend Dukaten zu überreichen; dagegen erhielten sie heute ihre Ehrenpelze, Tabatieren und Schals.
Fürst Ghika hat mich heute Abend zu sich geladen, und da die türkische Uhr 12 schlägt, das heißt da die Sonne untergeht, so schließe ich für heute, um womöglich in Rustschuk fortzufahren.
Rustschuk, den 14. Mai 1837

Nie habe ich ärger gefroren wie gestern Nacht auf der Reise hierher; meine türkischen Begleiter waren ganz erstarrt und der Araber, der die Handpferde führte, rief ein Aman – »Erbarmen« – über das andere und sehnte sich nach dem milderen Himmel des Sennars.
Seit langer Zeit sah ich jenseits in Gjurgewo zum ersten Mal wieder einen Kirchturm und der befreundete Schall der Glocken tönte durch die klare Abendluft zu uns herüber.
Rustschuk liegt auf einer Höhe, die an 50 bis 60 Fuß senkrecht zur Donau abstürzt; der Rand dieses Abhanges war mit zahllosen Frauen bedeckt, und da alle den weißen Schleier um Kopf und Schultern trugen, so sah es aus, als ob die Höhen beschneit wären. Unten am Gestade paradierten wie gewöhnlich die Landwehr, dann die Geistlichkeit der verschiedenen Nationen, die Notabeln des Orts und endlich das Volk.
Tirnowa, den 19. Mai 1837 
Was für ein wunderschönes Land ist doch dieses Bulgarien! Alles ist grün; die Wände der tiefen Täler sind mit Linden und wilden Birnbäumen bestanden, breite Wiesen fassen die Bäche ein, üppige Kornfelder bedecken die Ebene und selbst die weiten Strecken unangebauten Landes sind mit reichem Graswuchs geschmückt. Die vielen einzeln stehenden Bäume geben der Gegend einen besonderen Reiz und zeichnen ihren dunklen Schatten auf den lichtgrünen Flächen ab. In der Nähe der Donau habe ich fast nur türkische Dörfer gefunden; wahrscheinlich sind die christlichen Bewohner jenseits des Stromes in die Fürstentümer gezogen, von wo die Glocken herüberschallen und wo ihre Kirchtürme die Häupter in die blaue Luft zu erheben wagen. Gestern Mittag kamen wir hier in Tirnowa an. Da ich keine Sonderaufgaben mehr habe, folge ich jetzt mit den Übrigen Sr. Hoheit zu Pferde. Schon weit vor Tirnowa bildeten die Einwohner ein Spalier, die Landwehr paradierte und die griechischen Frauen standen auf den flachen Dächern und Terrassen, um den Basileus eintreffen zu sehen. Ich habe nie eine romantischere Lage als die dieser Stadt gefunden; denke dir ein enges Gebirgstal, in dem die Iantra sich ihr tiefes Felsbett zwischen senkrechten Sandsteinwänden gewühlt hat und wie eine Schlange in den seltsamsten Windungen fortfließt. Die eine Wand des Tals ist ganz mit Wald, die andere ganz mit Stadt bedeckt. Mitten im Tal erhebt sich ein kegelförmiger Berg, dessen senkrechte Felswände ihn zu einer natürlichen Festung machen; der Fluss schließt ihn ein wie eine Insel, und er hängt mit der übrigen Stadt nur durch einen 200 Fuß langen und 40 Fuß hohen natürlichen Felsdamm zusammen, der aber nur breit genug für den Weg und die Wasserleitung ist. Ich habe eine so abenteuerliche Felsbildung nie gesehen."


Auf der Höhe des scharfen Kamms hat man eine weite Aussicht über das Hügelland von Bulgarien und eine noch schönere auf der rumelischen Seite in das reizende Tal von Kasanlik. Wie eine Landkarte liegen die Felder, Wiesen und Dörfer da, die weißen Wege und die Bäche, deren Lauf an prächtigen Bäumen kenntlich ist; jenseits erhebt sich eine andere, aber niedrigere Bergkette, und das Ganze erinnerte mich lebhaft an das schöne Hirschberger Tal, vom Kynast aus gesehen. [...]
Von dem Wasserreichtum dieser Gegend kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Ich fand eine Quelle am Wege, die 9 Zoll stark senkrecht aus dem Kiesgrund emporsprudelte und dann als kleiner Bach davoneilte. Wie in der Lombardei werden alle Gärten und Felder täglich aus dem Wasservorrat getränkt, der in Gräben und Rinnen dahinrauscht. Das ganze Tal ist ein Bild des gesegnetsten Wohlstandes und der reichsten Fruchtbarkeit, ein wahres gelobtes Land; [...]

Es ist selbst in Konstantinopel äußerst schwer, sich dieses Öl unversetzt zu verschaffen. Ich hatte mir einen Vorrat Rosenöl mitgenommen und da ich genötigt war, einen Tag mit der Flasche in der Tasche zu reiten, so dufte ich auch acht Tage wie ein Rosenstock. [...]
Die Lage Adrianopels erhält einen eigentümlichen Charakter durch den Zusammenfluss von vier beträchtlichen Strömen: Maritza, Arda, Tundscha und Usundscha; daher die weite, mit Maulbeerbäumen bedeckte Niederung, welche die Stadt einschließt. Adrianopel ist auf einem Hügel erbaut, dessen Gipfel von der prachtvollen Moschee Sultan Selims gekrönt ist. Zahlreiche große Steinbrücken von schöner Arbeit überqueren die vielen Wasserarme in allen Richtungen und der Anblick dieser Stadt von außerhalb ist höchst prachtvoll. Adrianopel war, nachdem die osmanischen Herrscher den europäischen Boden betraten, der Sitz ihrer Regierung, wie Brussa es zuvor gewesen und wie Konstantinopel es später wurde.
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Hoch über alle die vielen Moscheen erhebt sich die Kuppel Sultan Selims mit den vier schlanken Minaretts. Ich fand den Durchmesser der Wölbung hundert Fuß, also fast so groß wie irgendeine in Konstantinopel, selbst die Aya-Sophia nicht ausgenommen. Zweihundertundfünfundvierzig Stufen führten mich auf den obersten der drei Umgänge oder kranzförmigen Balkone eines der Minaretts. Die Höhe beträgt über 200 Fuß, bei einem Durchmesser von unten 11, oben nur 8 Fuß, am Schatten gemessen. Die Minaretts gleichen daher in der Tat eher Säulen als Türmen, und doch, so künstlich sind sie erbaut, winden sich in ihrem Innern drei vollkommen bequeme Treppen ineinander, sodass drei Menschen zugleich hinaufsteigen können. Ohne im Geringsten zum Schwindel zu neigen, schien mir der erste Blick von oben herunter schauerlich. Die breite Kuppel, der steinerne Vorhof mit der schönen Fontäne in der Mitte, die ausgedehnten Imarete oder Armenküchen, Medresseen oder Schulen und viele andere mit Bleikuppeln gedeckte Gebäude, welche zur Moschee gehören, das alles liegt tief und unmittelbar unter den Füßen des Beschauers. Man glaubt, die entsetzlich schlanke Steinsäule könne umschlagen, wenn man sich dem Rand der Galerie nähert. Die Kuppel erhebt sich bis beträchtlich über die halbe Höhe des Minaretts und mag im Innern 120 Fuß hoch sein. Konstantinopel, den 6. Juni 1837 Heute früh um 9 Uhr kamen wir vor Konstantinopel an und zogen durch das Tor Topkapu, das Tor der Kanone, vormals des heiligen Romanus', in die Hauptstadt ein. Es ist dasselbe Tor, durch welches Mohammed der Zweite in die Stadt der griechischen Kaiser drang und vor welchem der letzte Konstantin unter einer nahe stehenden Zypresse fiel.