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31 Juli 2023

Martin Walser

 "[...] Seine viel geschmähte Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche ist ein Beleg dafür, dass Walser in der Lage war, Wahrheiten zu sagen, die niemand hören wollte: „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.“ Das ist natürlich völliger Unsinn. Nichts eignet sich so gut für diese drei Zwecke wie Auschwitz. Das wissen wir, weil wir es erlebt und praktiziert haben. Die Nachkriegsgeneration wusste diese Keule sehr gut einzusetzen gegen ihre Väter und Mütter und auch Martin Walser hatte sie einzusetzen gewusst. Die Rede von 1998 stellte denen, die ihm zuhörten, die Aufgabe, auf dieses probate Mittel zu verzichten. Privat und öffentlich.

Nicht, um nicht mehr über Auschwitz zu sprechen, sondern um endlich wieder darüber sprechen zu können. Dass Walser behauptete, Auschwitz eigne sich nicht dazu, missbraucht zu werden, ist ein erzählerischer Trick, der dem Zuhörer vorgibt, ihn an einer Stelle abzuholen, an der er nicht ist. Das zeigten dann auch die Reaktionen. Die belegten, wie recht er mit seiner Kritik hatte. [...]" (Arno Widmann: Schriftsteller Martin Walser gestorben: Ein Werk wie ein Gebirge FR 31.7.23)

mehr zu Martin Walser:


30 November 2018

Muss ein Literaturkritiker alle Gedichte Walsers aus dem Jahr 1968 kennen?

In der FAZ kritisiert Metz ein Walser-Gedicht von 1968 so, als ob es von 2018 stammte, nur weil Walser nicht darauf hingewiesen hat, dass er in "Spätdienst" nur eine leicht veränderte Neufassung des Gedichtes von 1968 aufgenommen hat.
War das eine unfaire Falle, die Walser da aufgestellt hat?
Ich danke Iris Radisch in der ZEIT vom 29.11.18, dass ich schon auf dieser Metaebene über den Artikel von Metz reflektieren darf.

Hier die Passage, die Metz aus dem verführerischen Gedicht zitiert:

„Ostern, schönes Feuilleton
Aus Blut und Blüte,
du, das feiern wir!
Statt Golgatha, Verdun und Auschwitz
lassen wir diesmal holzschnitthaft Hué herkommen
und sagen keinem hierzulande nach,
dass er diesen Krieg andauernd billigt,
sagen das nicht der CDU nach,
die diesen Krieg andauernd billigt,
sagen das nicht der SPD nach,
die diesen Krieg andauernd billigt.“

Freilich, dass das Massaker von Hué 1968 stattfand, lässt sich relativ leicht feststellen. Und eine Rede von 1998 zur Interpretation eines Gedichtes von 1968 heranzuziehen, das "geht gar nicht". Dazu reicht auch nicht aus, was Metz zu seiner Rechtfertigung anführt:

"Auschwitz aber ist kein Phänomen, das man in eine Anadiplose einreihen kann. Es ist kein historisches Ereignis, das man auf Knopfdruck herkommen lässt oder wieder abbestellt, wenn es einem gerade nicht passt. Auch nicht, wenn dies nur in einem einzelnen Satz innerhalb eines Buchs geschieht. Und selbst dann nicht, wenn es sich – wie die für die Umschlagrückseite gewählte Bezeichnung „Lebensstenogramme“ nahelegt – um ein historisches Notat etwa aus dem Jahr 1968 handeln sollte, als in Hué von amerikanischen Truppen ein Massaker verübt wurde und CDU und SPD als erste Große Koalition in Bonn regierten. Denn weder musste man das damals schreiben, noch ist jemand dazu gezwungen, diese Formulierung fünfzig Jahre später zu wiederholen."

Offenbar wollte Metz Anstoß nehmen. Denn niemand "muss" ein Gedicht von 1968 aus der Sicht nach 1998 interpretieren. 

01 Januar 2018

Martin Walser

"Jetzt sagen wir, dass es so und so gewesen sei, obwohl wir damals, als es war, nichts von dem wussten, was wir jetzt sagen."

"Über das, was man definieren soll, weiß man hinterher, hat man es denn definiert, weniger als vorher."

"Was mir wichtig ist im Leben, ist nicht links und nicht rechts"

(zitiert nach Gregor Gysi: Ein Leben ist zu wenig, 2017)

29 Dezember 2017

Martin Walser und die Werkherrschaft

MARTIN WALSERS GESAMTAUSGABE: Der Wille zur Werkherrschaft VON HUBERT SPIEGEL, faz.net 26.12.17

Heinrich Bosse: Autorschaft ist Werkherrschaft. Über die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit
Roland Reuß/Volker Rieble (Hrsg.): Autorschaft als Werkherrschaft in digitaler Zeit (PDF) Vittorio Klostermann, Frankfurt am Main 2009

"Pope v Curll (1741) ist ein Gerichtsverfahren vor dem Court of Chancery aus dem Jahre 1741. Erstmals unterschied ein englisches Gericht darin zwischen dem gegenständlichen Sachobjekt und dem Inhalt eines literarischen Werkes mit daraus resultierender Werkherrschaft des Autors."
Seite „Pope v Curll“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 23. Oktober 2016, 13:29 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Pope_v_Curll&oldid=159004456 (Abgerufen: 29. Dezember 2017, 15:45 UTC)

25 März 2017

Martin Walser: „Ein fliehendes Pferd“ und andere Lektüren - verschiedene Sichten auf Walser

Ein Kritiker liest die von Marcel Reich-Ranicki hochgelobte Novelle jetzt erstmals und konstatiert:
"Walser enttäuscht die Lesererwartung aufs Entzückendste. Auf dem Höhepunkt der dramatischen Handlung schildert sein Held auf einer halben Seite mit Musilscher Genauigkeit ein Insekt, ein grünes Heupferd, das auf seinem Bettvorleger liegt." (Michael Maar, FAZ 24.3.17)

Ich habe die Novelle damals gelesen und Reich-Ranickis Lob nicht nachvollziehen können. 
Für mich bleibt "Ehen in Philippsburg" das stärkste Leseerlebnis meiner Walserlektüre. 
Mit der Kristlein-Trilogie konnte ich nichts anfangen, ich bin über ein erstes Hineinlesen nie hinausgekommen. Das Schwanenhaus und der Brief an Lord Liszt halfen mir, die dabei entstandene Allergie zu überwinden. Finks Krieg hat mir wegen des Gegenstands recht gut gefallen. Die Verteidigung der Kindheit sprach mich ebenfalls vom Gegenstand her an. In beiden Fällen imponierte mir die positive Sicht auf den vom Schicksal gebeutelten Helden, die mir nicht so larmoyant erschien wie Kristlein. 
Ein springender Brunnen hat mir gut gefallen, freilich habe ich eine gewisse Schwäche für Autobiographisches, insofern sagt das nicht viel. Ein liebender Mann und Muttersohn habe ich vor allem aus Interesse an Goethe und Theologie gelesen. Aber ich habe nicht die Besorgnis, dass ich etwas verpasse, wenn ich Werke von Walser nicht kennen lerne. 

Bei den beiden Malen, wo ich ihn auf Dichterlesungen erlebt habe, hat er mir imponiert (er las ausgezeichnet), und andererseits hat mich seine Verletzlichkeit* gerührt. *
Bei Frisch und Johnson hätte ich keine ihrer wichtigeren Schriften verpassen wollen. Bei Grass wollte ich alles zumindest angelesen haben und habe ich manches mit Vergnügen gelesen. 
Mehrmals lesen will ich vor allem Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts und Thomas Mann. Und natürlich meine Favoriten unter den Erzählungen von Kafka. 
De Bruyns autobiographische Schriften hätte ich beinahe übergangen. Aber jetzt fallen mir die englischen Autoren ein, und da höre ich lieber auf, sonst merke ich, dass ich viel zu pauschal geschrieben habe. Ich lasse es aber trotzdem einmal so stehen. 

*Julia Encke ist aus einer Lesung mit Walser hinausgegangen:
"Ich ging auf Distanz. Im Moment, in dem ich Martin Walser zum ersten Mal sah, begann ich, mich von ihm zu entfernen. Für das Monument Walser, den staatstragenden Gestus* bin ich, auch später, deshalb nie anfällig gewesen. Ich fand die Paulskirchen-Rede unmöglich und las lieber Camus und Simone de Beauvoir. Vor einem Jahr habe ich ein Gespräch mit ihm geführt. Meine Distanz, dachte ich, wäre eine gute Voraussetzung. Ich verabredete mich mit ihm in einem Gasthaus in München. Er war sehr freundlich, und ich erzählte ihm von meinem Deutschlehrer und dass er als Autor von „Ein fliehendes Pferd“ und „Brandung“ eine Weile lang mein Lieblingsschriftsteller gewesen sei. Er fand, ich hätte einen sehr guten Deutschlehrer gehabt. Ich musste lachen. Aber er hatte ja recht. Ich mag „Brandung“ noch immer." Der vollständige Artikel findet sich hier.

*"staatstragend" habe ich Walser nie erlebt. Und ich bin fasziniert davon, wie unterschiedlich man ihn sehen und seine Werke aufnehmen kann. Offenbar ist er - bei aller Ähnlichkeit seiner Suada - imstande, in seinen Lesern ganz unterschiedliche Saiten anzuschlagen.

20 September 2016

Lektüre von 1991

Reinhardswaldschule Lehrgang über Literatur (im November 1991): Was gab's zu entdecken? 

Zunächst einmal den Zusammenhang von Ecos "Der Name der Rose" mit den neuesten Restaurationsbemühungen auf dem Frankfurter Römerberg und den fragwürdigen Innenstadtgeschäften und -hotels mit Erkerchen, Dachgauben usw. und neuester deutscher Literatur, vor allem mit Ransmayrs "Die letzte Welt", einem Buch, das davon erzählt, wie ein Anhänger Ovids diesen in seinem Exil am Schwarzen Meer aufzuspüren sucht, ihn nicht findet und jetzt erlebt, daß er zwar auch dessen Werk die "Metamorphosen" nicht rekonstruieren kann, daß sich aber die Exilstadt Ovids, Tomi, unter seinem Einfluß (?) in ein Terrarium Ovidscher Gestalten verwandelt hat. - Gemeinsam ist, wie mir interessant war zu erfahren, die schon seit 1960 (!) sich entwickelnde Postmoderne. Aus dem kunsthistorischen Vortrag mit Architekturbeispielen aus aller Welt habe ich auch Neues über die klassische Moderne der Architektur dazugelernt. Außerdem haben mich zusätzlich Aufsätze in den Zusammenhang zwischen Saussures Linguistik und Derridas postmoderner Philosophie (besonders Erkenntnistheorie) eingeweiht. Dann habe ich auch Martin Walsers "Verteidigung der Kindheit" und Thomas Bernhards autobiographischen Text "Das Kind" schätzen lernen. Erstmalig hat mich ein Text des großen Bernhard unmittelbar angesprochen. Nach den Sitzungen habe ich viel gelesen, aber auch im Bett liegend von der Indonesienreise meines Zimmernachbarn einen Bericht in glühenden Farben erhalten, die dringliche Anregung erhalten, Rushdies "Satanic Verses" trotz aller Leseschwierigkeiten mir vorzunehmen, Hinweise, die das Verständnis von Walter Benjamins Ästhetik erleichtern und vieles andere. Und dann habe ich zu Enzensbergers Gedicht "Chinesische Akrobaten" aus seinem Band "Zukunftsmusik" ein engeres Verhältnis gewonnen. (1991) 

16 März 2016

Martin Walser: Ein sterbender Mann

Martin Walser: Der Amoklauf der Liebe  von 
"Alle großen Themen Walsers werden in diesem unmöglichen Buch noch einmal aufgerufen und in einem dionysischen Tischfeuerwerk verbrannt – Liebe, Ehe, Sehnsucht nach Lebenssteigerung, Befreiung aus dem Korsett sozialer Verbindlichkeiten, Verrat, demütige Rückkehr ins Asyl der Verlässlichkeit und zur vergötterten Gattin, Leben ohne Hoffnung auf Hoffnung und so weiter. Theo Schadt ist in der langen Reihe der reizbaren Walser-Helden, die mehr vom Leben wollten, als es zu geben bereit ist, einer der reizbarsten und radikalsten."

09 November 2015

Martin Walser und Nietzsche

„Also sprach Zarathustra“ faz.net 8.11.15
"[...] Dem Zarathustra-Ton bin ich sofort und, wie sich dann herausstellte, für immer verfallen. Zum Beispiel: „Das Nachtlied. Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.“ Daraus wurde bei mir immerhin ein Romantitel. Alles, was Zarathustra singt und sagt, ist feierlich, anmaßend, betörend, zärtlich, rücksichtslos, verletzend, heilend. Was Zarathustra singt und sagt, ist, was du brauchen kannst. Das ist die wirkliche Kraft dieser Dichtung, du kannst damit machen, was du kannst. Du kannst bloß genießen. Du kannst dich erheben lassen in Höhen, in denen du nicht zuhause bist. Du kannst diese Sprache nicht lesen wie eine Mitteilung. Zarathustra ist ein großer Tänzer, und du bist unwillkürlich aufgefordert, mitzutanzen. [...]
Der Autor, der mir am meisten galt, verkündet: Gott ist tot. Ich hatte immer das Gefühl, dieser Satz sei unter Nietzsches Niveau. Dass Nietzsche bisweilen lustvoll unter seinem Niveau agiert, wusste ich ja. Trotzdem: gottlos!? Das war doch zu simpel für diesen Ausbund der Feinheit. Also: Gott ist tot als eine Verlegenheit bis zu dem Tag, an dem ich Karl Barths Buch „Der Römerbrief“ las. Ein Buch, das in der Welt des Gedruckten nur eine Verwandtschaft hat: Nietzsches „Zarathustra“.
Es scheint mir erwähnenswert zu sein, dass beide, Nietzsche und Karl Barth, Pfarrerssöhne sind. Und dass Gott tot sei, heißt bei Karl Barth: „ Als der unbekannte Gott wird Gott erkannt ... Als der, an den man nur ohne Hoffnung auf Hoffnung glauben kann.“ Und glauben, heißt es auch bei ihm, ist „der Sprung ins Leere“.
Beide, Nietzsche und Karl Barth, kennen keine datierbare, erreichbare Zukunft.
Und das ist der andauernde Zarathustra-Refrain: „Euren höchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen: der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.“ Mir wurde durch die spürbare Nähe der Pfarrerssöhne die Gottlosigkeit Nietzsches neu erlebbar. [...]"

25 Februar 2015

Martin Walser: Unser Auschwitz - Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld

Martin Walser: Unser Auschwitz, 1965
Quelle: Kursbuch Nr. 1, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Juni 1965, S. 189 - 200

Martin Walser

Unser Auschwitz

Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld
Rowohlt Verlag, Reinbek 2015

"Darin versammelt sind Texte und Textstellen aus fast 60 Jahren, in denen Walser jüdisches Leben und den Holocaust erörtert. Wer es noch nicht wusste, weiß es nach der Lektüre: Die deutsche Vergangenheit ist eines der Lebensthemen des Schriftstellers (und Historikers)." (Aus fortwährend aktuellem Anlass Von MARTIN OEHLEN, FR 25.2.2015)

15 Februar 2015

Martin Walser: Verteidigung der Kindheit (Quellen)

Manfred Ranft wurde 1929 in Dresden geboren. In der Bombennacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde sein Zuhause vernichtet und mit ihm alle Erinnerungen an seine Kindheit. Auch seine Großeltern sind in dieser Nacht verbrannt. Dieser Verlust lässt Ranft nie wieder los, verzweifelt versucht er, ihn zu kompensieren. Als Erwachsener beginnt er alles zu sammeln, was ihm diese Zeit zurückbringt: Er versucht, alte Fotos von seiner Familie und Erinnerungsstücke zu ergattern, er notiert aus dem Gedächtnis Sätze, die früher gesagt wurden. So verteidigt er die Kindheit gegen die Zukunft – besonders nach dem Tod seiner Mutter, die für ihn das letzte Bindeglied zur Vergangenheit gewesen ist. [...] Das Sammeln bleibt, bis zu seinem Tod 1987, Ranfts große Leidenschaft.
Der Schriftsteller Martin Walser hat Manfred Ranfts Geschichte in dem biografischen Roman Die Verteidigung der Kindheit erzählt, der 1991 erschien und von dem Marcel Reich-Ranicki sagte, er sei eines der wichtigsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. Nun sind die Dokumente, auf die sich Walsers Buch stützt, im Militärhistorischen Museum in Dresden zu sehen: Bilder und Aufzeichnungen von Manfred Ranft. Sie sind Teil der Ausstellung Schlachthof 5 – Dresdens Zerstörung in literarischen Zeugnissen,die sich anlässlich des siebzigsten Jahrestages der Bombardierung mit literarischen Zeugnissen der Zerstörung beschäftigt. [...]
(Martin Walser: "Eine unersättliche Gier nach Vergangenheit")

31 März 2008

Marienbader Elegie

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
Von dieses Tages noch geschloßner Blüte?
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
[...]
Kein Zweifeln mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

"Noch einmal flieht [...] Goethe aus dem Erlebnis in die Dichtung, und in wundersamer Dankbarkeit für diese letzte Gnade schreibt der Vierundsiebzigjährige über dies sein Gedicht die Verse seines Tasso, die er vor vierzig Jahren gedichtet," - so schreibt Stefan Zweig in seinen "Sternstunden der Menschheit" - "um sie noch einmal staunend zu erleben:"
Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.

Zweig ist wie vergessen, wenn heute Walsers "liebender Mann" mit Manns "Lotte in Weimar" verglichen wird. Vergessen Zweigs Wort vom "Abschied von der Liebe, in Ewigkeit verwandelt durch erschütternde Klage". Zuviel Pathos, zuviel Würde dem Gedicht, zu wenig dem Leid des Liebenden? Dem versucht Walser nun gerecht zu werden, von dem Goethe selber sagt:
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zugrunde.


Immer wieder las Zelter ihm diese Worte vor, und so beruhigte sich Goethe über dem erhabenen Ausdruck seines Schmerzes und erfuhr wieder, was er am Werther erfahren hatte: "Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren". Freilich, erst im folgenden Jahr schrieb er diese Worte in seinem Vorspruch zum Werther in der Jubiläumsausgabe von 1924.

Ein liebender Mann

Liebenswürdig erscheint Ulrike von Levetzow, gern sieht man als Goethe auf sie. Doch will man sie nicht aus den Augen verlieren, weil in dem Goethe, den Walser einem zeigt, weniger die Kunstfigur Goethe als der reale Walser vor einem zu stehen scheint. Anders als bei Thomas Manns Goethe in Lotte in Weimar, wo die Kunstfigur Thomas Manns vorzuherrschen scheint.
Zu sehr Lustspielfigur und darüber stehend sieht Walser Manns Goethe im Reading Room der FAZ zum Walser Roman in einem Telefoninterview.
So viel als erste Eindrücke aus einer sehr bruchstückhaften Kenntnis des Romans.