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25 März 2022

Gottfried Keller: Strapinski

 "[...] Hierauf beging er als stolzer Weltmann in stattlichen Tanzschritten den Kreis, hie und da sich vor den Anwesenden huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Plötzlich faßte er den Polen, ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand als eine Säule vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik aufhörte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz einfiel.

»Ei ei ei ei!« rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den Arm gegen den Unglücklichen aus, »Sieh da den Bruder Schlesier, den Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer kleinen Geschäftsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit mir. Nun, es freut mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Goldach?«

Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasitzenden Grafensohn die Hand, welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eisenstange, während der Doppelgänger rief: »Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften Schneidergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dienstmägden, auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen übergeschnappt ist!«

Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterm treuherzig die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und zitterte. Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die Seldwyler, sowie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum Abzuge und marschierten unter Absingung eines wohleinstudierten[322] diabolischen Lachchors aus dem Saale, während die Goldacher, unter welchen Böhni die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten gewußt hatte, durcheinanderliefen und sich mit den Seldwylern kreuzten, so daß es einen großen Tumult gab.

Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen, unschlüssig, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht.

Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem steinernen ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen.

Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an.

Da stand er langsam auf und ging mit schweren Schritten hinweg, die Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben fielen.

Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen bedeckten, hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen passieren, indem sie ihm still auswichen, ohne zu lachen oder harte Worte nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem Quartiere erst noch recht belustigten, und er wandelte halb unbewußt, nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe Straße gegen Seldwyla hin, auf welcher er vor einigen Monaten hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes, durch welchen sich die Straße zog. Er war barhäuptig, denn seine Polenmütze war im Fenstersimse des Tanzsaales liegengeblieben nebst den Handschuhen,[323] und so schritt er denn, gesenkten Hauptes und die frierenden Hände unter die gekreuzten Arme bergend, vorwärts, während seine Gedanken sich allmählich sammelten und zu einigem Erkennen gelangten. Das erste deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wäre durch Hereinbrechen irgendeines verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwünschte Stadt nie ein Vergehen zuschulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die Kindheit zurückreichten, war ihm nicht erinnerlich, daß er je wegen einer Lüge oder einer Täuschung gestraft oder gescholten worden wäre, und nun war er ein Betrüger geworden dadurch, daß die Torheit der Welt ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke überfallen und ihn zu ihrem Spielgesellen gemacht hatte. Er kam sich wie ein Kind vor, welches ein anderes boshaftes Kind überredet hat, von einem Altare den Kelch zu stehlen; er haßte und verachtete sich jetzt, aber er weinte auch über sich und seine unglückliche Verirrung.

Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt; wenn ein Priester die Lehre seiner Kirche ohne Überzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe mit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile eines hohen Lehramtes innehat und genießt, ohne von der Höhe seiner Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den kleinsten Vorschub zu leisten; wenn ein Künstler ohne Tugend, mit leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und Ruhm der wahren Arbeit vor wegstiehlt; oder wenn ein Schwindler, der einen großen Kaufmannsnamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und Notpfennige bringt, so weinen alle diese nicht über sich, sondern erfreuen sich ihres[324] Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne aufheiternde Gesellschaft und gute Freunde.

Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, das heißt, er fing solches plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und die Erniedrigung zeigten ihm mit einem hellen Strahle das verlorene Glück und machten aus dem unklar verliebten Irrgänger einen verstoßenen Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor und taumelte mehr als er ging auf seiner Straße dahin, stand wieder still und schüttelte den Kopf, als plötzlich ein roter Schein den Schnee um ihn her erreichte und zugleich Schellenklang und Gelächter ertönte. Es waren die Seldwyler, welche mit Fackeln nach Hause fuhren. Schon näherten sich ihm die ersten Pferde mit ihren Nasen; da raffte er sich auf, tat einen gewaltigen Sprung über den Straßenrand und duckte sich unter die vordersten Stämme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht hatte, von der Kälte wie von den erst genossenen feurigen Getränken und seiner gramvollen Dummheit übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder aus und schlief ein auf dem knisternden Schnee, während ein eiskalter Hauch von Osten heranzuwehen begann. [...]"

Wovon handelt die Erzählung? (Auflösung)




05 Mai 2021

Meister Gottfrieds Späße (G. Keller: Martin Salander)

 So sehr ich im allgemeinen Fontanes Briefe denen von Storm und Keller vorziehe, muss ich eine Ausnahme machen für den Briefwechsel, der nur zwischen diesen beiden stattgefunden hat. Da ist zum einen Kellers großartiges Bild von den Klosterherren:

"Es ist mir übrigens, wenn ich von dergleichen an Sie schreibe, nicht zu Mute, als ob ich von literarischen Dingen spräche, sondern eher wie einem ältlichen Klosterherren, der einem Freunde in einer anderen Abtei von den gesprenkelten Nelkenstöcken schreibt, die sie jeder an seinem Orte züchten."

Zum anderen aber auch der offene Umgang, bei dem beide vom Kunstverstand des anderen zu profitieren suchen. Auch wenn Storm bei seiner Kritik an Kellers Lyrik diesem zu weit ging (Bekannten gegenüber hat er da schon einmal geklagt, Storm gegenüber aber nicht, dafür war ihm sein Urteil zu wichtig), hat Storm es an anderer Stelle sehr gut verstanden, Kritik mit Wertschätzung zu verbinden und zwar in Bezug auf Kellers Rüpelszenen. Sehr eindrucksvoll in seinem Brief vom 27. 2.1878 (schon in seinem dritten Brief an Keller):

"Lassen Sie mich , lieber Herr Confrater, hier eines sagen ! „ Der Dichter will auch seinen Spaß haben ! “ Ich meine, dass der Spruch von Goethe stammt* . Jedenfalls lassen Sie sich dies Recht in keiner Art verkümmern ; ich für meine Person, z.B. wenn das Seldwyler Kriegsherr den Quast in seinen schwarzen Farbetopf taucht, stemme dann die Hände in die Seite, sehe ruhig zu und denke: "Ja so! der Gottfried muss erst seinen Spaß zu Ende machen!" Und er macht ihn dann auch jedes Mal zu Ende. Aber es sind Leute, kein schofles Volk, sondern gute Leute, denen ich gern den kräftigen Born ihrer Dichtung gönnen möchte; die rufen: "Das halt der Deuwel aus!" und laufen mir davon. Diese Leute sollen wir jetzt "Die sieben Aufrechten" lesen, und ich habe alle Hoffnung, dass sie danach, wenn sie wiederum einmal den Dichter auf seinem Spaß betreffen, respektvoll mit dem Hut in der Hand das Ende abwarten werden."

*Goethes Ausspruch "Der Dichter will auch seinen Spaß haben" ist von Johanna Schopenhauer überliefert und zwar in der Form: "Das muss man nun den Künstler zugeben, er will seine Freiheit, will auch seinen Spaß haben"* (nach H. H. Houben: Damals in Weimar, Erinnerungen und Briefe von und an Johanna Schopenhauer, 2. Auflage Berlin 1929 S. 57)

Hier ein Beispiel für eine solche Rüpelszene aus Martin Salander. Dargeboten wird sie von Möni Wighart. Er berichtet, wie Julian Weidelich bei seinen Betrügereien auch zwei alte Geizkragen geschädigt hatte und wie die damit umgingen:

"Noch kurz vor der Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not- und Hilfsbank einen schönen, neuen, vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf sechstausend. Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher, filziger alter Bauer hinter Lindenberg, genannt Ägidi, als Pfand dessen Hof und Land, und als Gläubiger der Bruder des Schuldners, ein anderer alter Filz, der sogenannte Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer. Diese beiden Brüder führen seit Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere, und wenn sie fertig sind, fangen sie von vorn an. Sie leben wie Hund und Katz' gegeneinander und betrachten sich gegenseitig als den Fluch ihres Daseins, ohne alle Not, da jeder für sich genug hätte. 
Gut, die alten Männer waren heute nebst manchen anderen einberufen. Man zeigte ihnen, als die Reihe an sie kam, die schöne Hypothek und fragte, ob sie in Ordnung sei? Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand, weil er eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war; im übrigen sind beide übelhörig und verstanden zunächst kein gesprochenes Wort. Kaum hatte der Hofbesitzer herausstudiert, daß er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein sollte, geriet er in eine fürchterliche Aufregung und zerriß den Brief von oben bis unten so von Zorn zitternd, daß die zwei Stücke zwei Sägen ähnlich wurden. Der Schleifer aber, der nicht anders glaubte, als daß der Bruder eine ihm nützliche und zustehende Urkunde vernichte, fiel über ihn her, und augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden, und die Greise hämmerten sich mit den kurzen, kraftlosen Faustschlägen auf die Köpfe. Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen, als sie atemlos dastanden, den Sachverhalt in die Ohren. 
Allein, sobald sie vernahmen, daß irgend jemand auf das Schriftstück, das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische lag, sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe, gerieten sie, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, wieder aneinander, zerklaubten sich aber diesmal in kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher. Abermals wurden sie unter großem Gelächter, das endlich den amtlichen Ernst überwand, gebändigt. Den eingebildeten Gläubiger packten zwei Männer an den Schultern, drückten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein, ob er diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg für den Ägidibauer, der hier neben ihm stehe, selbst oder durch einen anderen übergeben und diesen nämlichen Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe?

Nach ängstlichem Besinnen, während dessen ihm das Blut auf die unglückliche Hypothek tropfte, krächzte er schließlich: »Nein, davon weiß ich nichts! Man soll mich gehen lassen!«

»Aber ich will wissen, wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat!« schrie der andere, dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien. Sie wurden jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tür geführt, wo die übrigen Zeugen harrten. Man gab ihnen ihre Hüte und Stecken und schickte sie fort. 

Kaum auf die Gasse gelangt, benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte Gelegenheit und hetzte die betörten Filze aufs neue aneinander. Ohne zu wissen wohin, und ohne sich lassen zu können, so fesselte sie der Haß, liefen sie auf beiden Seiten der Straße fort unter greulichem Schimpfen und Drohen; es war bei Gott ein widerwärtiges Beispiel, wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar betagter Brüder treiben kann. Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den Rasenden nach, bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen Weißdornstöcken dareinhieben, ohne sich zu treffen. Es kam dann ein Stadtpolizist und führte die armen Teufel auf die Wache. Nachher ging ich auf Vier Winden, wo ich das andere vernahm, wie ich es erzählt.

Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius, ein köstlicher Einfall sogar, den geldstollen Brüdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu verstricken als Gläubiger und Schuldner? Viel Haare waren es freilich nicht mehr, und die spärlichen Streifen, die noch herumhingen, haben sie sich vollends ausgerauft!« [...]"

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 17)


*Wie wichtig es Goethe war, auch mal seine Freiheit, seinen Spaß zu haben, hat Albrecht Schöne bei seinen Studien der Paralipomena zu Goethes Klassischer Walpurgisnacht in Faust II aufgezeigt. Goethe hat da seinen Figuren allerlei sexuell Explizites in den Mund gelegt, was er zu seinen Lebzeiten seinem Publikum nicht hätte zumuten können. Er hat es aber sehr fein säuberlich abgeschrieben (oder schreiben lassen?) und zur eventuellen Verwendung nach seinem Tod zurückgelegt.
Dass es über 200 Jahre gedauert hat, bis diese Stellen einer Ausgabe von Faust II hinzugefügt wurden, beweist einerseits, wie richtig er seine Zeitgenossen eingeschätzt hat, und andererseits, wie gut er vorausgesehen hat, dass die Zeiten sich einmal ändern würden (und dass sein Werk dann immer noch so ernst genommen würde, dass man sich für seine Freiheiten so interessieren würde, dass sie der breiten Öffentlichkeit vorgestellt würden). 

Heute liest man so wohl einerseits respektvoller und andererseits mit weniger empathischer Liebe als Storm, der 'mit eingestemmten Händen' den Meister Gottfried 'seinen Spaß zu Ende machen' ließ.

Mehr zu den letzten Kapiteln von Martin Salander findet man im vorigen Blogbeitrag.

Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 16 bis 21

 Da ich mich im letzten Blogeintrag etwas kritisch über das letzte Drittel des Romans geäußert habe, möchte ich das jetzt doch etwas relativieren, da ich dafür die Zeit gewonnen habe.

Jetzt gebe ich sowohl den Kritikern wie Fontane recht. Es ist Keller und insofern lebendig, bildkräftig und sein ganz eigener Stil. Und doch ist die Charakterzeichnung insbesondere bei Arnold nicht differenziert genug, er erscheint zu einseitig positiv. Und andererseits fällt das, was als Martin Salanders neuer Zug vorgestellt wird, sein eigener Sinn für Frauenschönheit, aus dem Rahmen der Zeitkritik heraus und ist andererseits nicht vertieft genug, um das Verhältnis zwischen den Eheleuten als ergänzendes Thema interessant zu machen.

Doch jetzt zum Text:

Eines Sonntags taucht Frau Weidelich im Haus Salander auf, um zu erfahren, was die eventuell darüber wissen, weshalb sich das Verhältnis der Weidelich-Söhne zu ihren Eltern so verändert hat:

"Nach nochmaligem kurzen Besinnen fand Marie Salander es an der Zeit, ihr ohne weiteren Rückhalt auf die Spur zu helfen. »Sehen Sie, Frau Schwäherin,« sagte sie mit ruhigem Ernste, soweit die innere Erregtheit es zuließ, »es ist sicher nicht alles, wie es sein sollte, da haben Sie recht! Ich will Ihnen jetzt nur erzählen, daß wir vor nicht langer Zeit etwas Ähnliches an unseren Töchtern erlebten, wie Sie nun an Ihren Söhnen. Sie ließen sich gar nicht mehr bei uns sehen, wie wenn sie das Elternhaus geflissentlich fliehen würden, und als das uns endlich auffiel und wir uns deshalb die Köpfe zerbrachen, vernahmen wir von dritter oder vierter Hand, daß die Kinder auch unter sich jeden Verkehr verloren hätten und sich scheuten, zusammenzutreffen. Da haben wir uns auch auf den Weg gemacht, mein Mann und ich, aber wir sind gleich zu den Töchtern gegangen und haben sie zur Rede gestellt.« »Und nu? Was war's?« »Wir fanden beide allerdings zu Haus und in einer großen Traurigkeit, jede von ihnen hatte Heimweh nach den Eltern und nach der Schwester und getraute sich doch nicht, die zu sehen, die sie gern gesehen hätte. Wir brachten sie dann am gleichen Tage wieder zusammen, wie mit uns, und halfen ihnen über die Wunderlichkeit hinweg, so gut es ging.« 

»Aber was ist's denn gewesen? Ging es meine Söhne an?« fragte die ungeduldige Wäscherin. »Da Sie es wissen wollen, so muß ich es Ihnen sagen; es dient vielleicht zum notdürftigen Ausgleich der Irrungen oder Mißverständnisse und zur allgemeinen Erkenntnis seiner selbst. Meine Töchter haben ihre Heirat bereut und sich deshalb voreinander geschämt, weil sie den vermeintlichen Irrtum gemeinschaftlich mit langer Beharrlichkeit begangen, und vor uns, weil wir die Heirat nicht gern gesehen haben!« »So?« sagte die arme Frau Weidelich mit gedehntem Laute, höchst betroffen und bleich geworden; denn trotz ihrer anzüglichen Reden von vorhin traf sie die Eröffnung so unerwartet, wie ein Blitz aus blauem Himmel. Sie fühlte das schöne Lebensgebäude schwanken, das sie mit so viel Sorge und Kunst ihren Söhnen aufgerichtet. Der erste Gedanke war das große Erbgut, das viele Geld, und der zweite, daß nicht einmal Kinder da seien. Als sie sich vom Schrecken etwas erholt, fragte sie mehr kleinlaut als trotzig, was denn die Frauen groß Ursache hätten, die Heirat zu bereuen und mit so umständlichen Manieren. 

Ohne weiteres Besinnen erwiderte Frau Marie: »Ja, das ist eben das Verwunderliche, das sich mit der Zeit verlieren kann, weil es ertragen werden muß; sie sagen von den jungen Herren, es sei nichts mit ihnen, sie haben keine Seelen!« 

Mit rotem Kopfe, den sie so stark schüttelte, daß der Hut darauf mit allen Blumen und Bändern zitterte, der müden Beine vergessend, sprang die Frau Weidelich aus ihrem Sessel auf und rief tödlich beleidigt: »Keine Seelen? Meine zwei Buben, die ich unter dem Herzen getragen? Das ist eine niederträchtige Verleumdung! Rund und nett hab' ich sie zur Welt gebracht, wie zwei Forellen, von den Köpfchen bis zu den Füßchen kein Mängelchen, und jedem hab' ich sein Seelchen mitgegeben von meiner eigenen unsterblichen Seele, soviel Platz finden kann in einem so kleinen Tümpelchen Blut, und es ist mit den Buben nachgehends gewachsen, wie sie selbst! Wo sollt' es denn hingekommen sein? Würden sie Landschreiber geworden sein? Keine Seelen! Die verfluchten Gänse! Die dürfen mir nicht so kommen! Oh!«

Sie war so zornig, daß sie nicht weitersprechen konnte und sich niedersetzen mußte. [...]

Dann kommt Herr Weidelich hinzu und berichtet, dass sein Sohn Isidor gefangen gesetzt wurde, weil Belege für erhebliche Betrügereien vorliegen.

Inzwischen hatte Amalie Weidelich mit ihrem Hute zu schaffen, der sich wegen der Erregungen der Frau verschoben und nicht mehr recht sitzen wollte. Sie suchte ihn vor einem Spiegel zurechtzurücken und festzumachen, und Marie Salander kam ihr zu Hilfe. Plötzlich aber riß sie ihn vom Kopfe und erklärte, sie wolle ihn nicht mehr aufsetzen, sondern ohne Hut heimgehen. So begab sich das Paar auf den Weg. Kaum waren sie auf der Straße, so fühlte sich die Frau so schwach, daß der Vater Jakob sie am Arme führen mußte; in der linken Hand trug er den schönen bunten Hut wie einen Henkelkorb am Bande. Sein eigener abgetragener, schweißbefleckter Hut vollendete den wunderlichen Aufzug des Paares, welches trübselig dahinschwankte durch den unsicheren Gang der Frau, die sonst von manchem Glase Wein, das sie getrunken, niemals geschwankt hatte. Man blickte ihnen nach, Vorübergehende standen sogar still, und jemand sagte vernehmlich zum andern: Die zwei Leutlein haben ja wacker gefrühstückt! Sie hörten es mit den scharfen Ohren der jungen Schande, sahen aber weder rechts noch links. Auf einer geräumigen Brücke kamen sie noch schwieriger voran; eine Menge Kirchenleute kreuzte sie von beiden Seiten her, und fast alle blickten auf den Hut, der an Jakob Weidelichs linker Hand hing, und sodann auf den etwas zerzausten Kopf der Frau. »Gib mir den Hut, Jakob!« sagte sie, »es schickt sich nicht für dich, daß du ihn trägst!« Er ließ es sich gefallen und gab ihr das stattliche Modenstück, und da sie in diesem Augenblicke gegen das Brückengeländer gedrängt wurden, warf die Frau den Hut in den Fluß, ohne ihm nachzusehen. »Was machst denn? Bist du närrisch?« murmelte der Mann. »Nur vorwärts! Steh nicht still!« sagte sie, »ich habe genug von der Herrlichkeit!« So gingen sie weiter und bekamen Raum genug. Denn die nächsten des Brückenvolkes, welche den Wurf bemerkt hatten, liefen eiligst auf die andere Seite hinüber und bogen sich über das dortige Geländer, um den Hut unterhalb der Brücke hervorschwimmen zu sehen, und als die übrigen dies Gelaufe wahrnahmen, pflanzte sich die Bewegung fort, und die ganze Brücke entlang sprang alles wie besessen nach jener Seite und guckte ins Wasser. Auf den ziehenden Wellenspiegeln fuhr auch der arme Hut schon den Fluß abwärts, wie ein mit Seide bewimpeltes und mit Blumen bekränztes Schiffchen oder ein schwimmendes Gärtchen. Aber in kurzer Frist stießen auch schon in einem Rettungskahne zwei Burschen vom Lande und ruderten dem lustigen Fahrzeug eilig nach, um es entweder für sich zu erbeuten oder wenigstens ein gutes Trinkgeld zu verdienen, während die beiden Ufer entlang sich immer neue Zuschauer einstellten. Indessen gewannen die bekümmerten Eltern der Zwillinge unerkannt das Freie und klommen zum alten Zeisig empor. »Daß du den Hut nicht mehr aufsetzen magst,« begann Weidelich, als sie einen Augenblick verschnauften, »finde ich auf eine Art begreiflich; aber du hättest ihn ja verkaufen können. Ich fürchte, die Zeit ist nah, wo wir auf jeden Franken achten müssen!«

»Es ist jetzt geschehen,« seufzte Amalie, »ich hab' kaum gewußt, was ich machte! Übrigens ist noch manches da, was ich verkaufen kann, die Röcke, die Uhr und die Kette, das schickt sich alles nicht mehr, weil es die Blicke der Leute auf mich zieht, und dann werde ich auch die Brosche nie mehr vorstecken, mit den zwei Bübchen drauf – nein, die Brosche kann ich nicht verkaufen, wenn sie jetzt auch nicht mehr recht tun können und uns verloren sind – ach, es war doch eine glückliche Zeit! Nein, ich will das Bildchen behalten und auch das Gold daran lassen, solang wir noch eine Brotrinde haben!«

Sie sagte das in Tränen, von Schluchzen unterbrochen. Jakob mahnte sie erschreckt und kummervoll, sich zu fassen.

»Wie kannst du auf einmal so reden und beide Söhne in einen Tiegel werfen? Auch wenn der, der jetzt gefangen ist, nicht zu retten wäre, so haben wir ja noch den Julian, der wird doch, will's Gott, nicht so zum Vorschein kommen!« [...]

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 16)

"Da kam spät noch Herr Möni Wighart auf eine Tasse Tee mit dem guten Rum, welchen Salander zu beziehen wußte. Dieser ging in letzter Zeit nicht unter die Leute und sah es gern, daß der teilnehmende und doch stets anspruchslose Kumpan zuweilen ein Stündchen vorsprach. Frau Marie hatte ihm die Untat längst verziehen, die er einst an ihr begangen, als er bei der ersten Rückkehr aus Brasilien ihren sehnlich erwarteten Martin sozusagen vor der Haustür in ein Wirtshaus verlockte. Sie holte ihm sogleich einen Aschenbecher herbei. 

Herr Wighart rief heuchlerisch: »Hoho! Man sollte mich für einen Schnapsbruder halten; nun, 's mag für einmal hingehen!« als ihm Martin Salander ans dem Rumfläschchen die Tasse bis zum Rande vollgoß. »Warum ich so spät noch komme, ist etwas Lustiges, das ich erzählen muß! Es wird Euch ein klein wenig Spaß machen! Der verflossene Meister Notar Julian (Verzeihung, Frau Netti!) kommt noch täglich als ein trefflicher Humorist zum Vorschein!« »Ein Humorist?« seufzte Netti. »Ach, du lieber Gott!« 

»Hört nur! Ich komme aus den Vier Winden, wo einige Herren sitzen, die den ganzen Tag mit den Angelegenheiten des Bewußten zu tun hatten. Noch kurz vor der Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not- und Hilfsbank einen schönen, neuen, vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf sechstausend. Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher, filziger alter Bauer hinter Lindenberg, genannt Ägidi, als Pfand dessen Hof und Land, und als Gläubiger der Bruder des Schuldners, ein anderer alter Filz, der sogenannte Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer. Diese beiden Brüder führen seit Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere, und wenn sie fertig sind, fangen sie von vorn an. Sie leben wie Hund und Katz' gegeneinander und betrachten sich gegenseitig als den Fluch ihres Daseins, ohne alle Not, da jeder für sich genug hätte. Gut, die alten Männer waren heute nebst manchen anderen einberufen. Man zeigte ihnen, als die Reihe an sie kam, die schöne Hypothek und fragte, ob sie in Ordnung sei? Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand, weil er eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war; im übrigen sind beide übelhörig und verstanden zunächst kein gesprochenes Wort. Kaum hatte der Hofbesitzer herausstudiert, daß er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein sollte, geriet er in eine fürchterliche Aufregung und zerriß den Brief von oben bis unten so von Zorn zitternd, daß die zwei Stücke zwei Sägen ähnlich wurden. Der Schleifer aber, der nicht anders glaubte, als daß der Bruder eine ihm nützliche und zustehende Urkunde vernichte, fiel über ihn her, und augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden, und die Greise hämmerten sich mit den kurzen, kraftlosen Faustschlägen auf die Köpfe. Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen, als sie atemlos dastanden, den Sachverhalt in die Ohren. Allein, sobald sie vernahmen, daß irgend jemand auf das Schriftstück, das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische lag, sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe, gerieten sie, ohne sich um etwas anderes zu kümmern, wieder aneinander, zerklaubten sich aber diesmal in kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher. Abermals wurden sie unter großem Gelächter, das endlich den amtlichen Ernst überwand, gebändigt. Den eingebildeten Gläubiger packten zwei Männer an den Schultern, drückten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein, ob er diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg für den Ägidibauer, der hier neben ihm stehe, selbst oder durch einen anderen übergeben und diesen nämlichen Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe?

Nach ängstlichem Besinnen, während dessen ihm das Blut auf die unglückliche Hypothek tropfte, krächzte er schließlich: »Nein, davon weiß ich nichts! Man soll mich gehen lassen!«

»Aber ich will wissen, wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat!« schrie der andere, dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien. Sie wurden jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tür geführt, wo die übrigen Zeugen harrten. Man gab ihnen ihre Hüte und Stecken und schickte sie fort. Kaum auf die Gasse gelangt, benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte Gelegenheit und hetzte die betörten Filze aufs neue aneinander. Ohne zu wissen wohin, und ohne sich lassen zu können, so fesselte sie der Haß, liefen sie auf beiden Seiten der Straße fort unter greulichem Schimpfen und Drohen; es war bei Gott ein widerwärtiges Beispiel, wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar betagter Brüder treiben kann. Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den Rasenden nach, bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen Weißdornstöcken dareinhieben, ohne sich zu treffen. Es kam dann ein Stadtpolizist und führte die armen Teufel auf die Wache. Nachher ging ich auf Vier Winden, wo ich das andere vernahm, wie ich es erzählt.

Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius, ein köstlicher Einfall sogar, den geldstollen Brüdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu verstricken als Gläubiger und Schuldner? Viel Haare waren es freilich nicht mehr, und die spärlichen Streifen, die noch herumhingen, haben sie sich vollends ausgerauft!«

»Das ist kein lustiger Einfall gewesen,« sagte Netti; »ich erinnere mich jetzt, daß er schon früher einmal klagte, wie er bei den reichen Geizhälsen Geld für Klienten gesucht habe und von beiden grob abgewiesen worden sei. Nun hat er sie eben doch noch benutzt, ohne sie zu fragen!« [...]"

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 17)

Da geschah es an einem Winternachmittage, als er einen Marsch ins freie Feld tun wollte, daß er dem Fräulein Myrrha Glawicz begegnete, welches in der Vorstadt einen verlorenen Weg zu suchen schien und, in Samt, Pelz und Schleier gehüllt, vorsichtig und scheu die feinen Füße in den Schnee setzte gleich einem verirrten ziervollen Vogel aus wärmeren Zonen. Erst als sie schon ganz in der Nähe war, erkannte er die Gestalt, die er mit den Augen wohlgefällig verfolgt hatte, und sah, wie sie tief errötete und ihn mit den großen Augen flehentlich ansah, als ob sie um Mitleid bäte, da er sie freudig erschreckt begrüßte. Erfahrend, wohin sie wolle, führte er sie eine Strecke auf den richtigen Weg, den sie zu gehen hatte, und versuchte mit ihr zu sprechen, abermals ohne einen ordentlichen Gang der Wechselreden zu finden. Denn er war bald ebenso verwirrt wie die Dame selber, die sich, vor einem Hause stehen bleibend, plötzlich mit süßem Danke und neuem Erröten losmachte und hineinging. Seinen Weg stundenlang fortsetzend, bis die rötliche Dämmerung die beschneiten Fluren allmählich verhüllte, beschloß er, seiner Gattin anzukündigen, daß er die Wohlwendschen Frauen ins Haus einzuführen wünsche, und ihr dabei offen zu bekennen, wie er des Anblickes der unschuldigen Schönheit Myrrhas bedürfe und daran von den Krankheiten der Zeit zu gesunden und wieder zu erstarken hoffe, und wie das alles keine Bedenken und Gefahren in sich bergen solle. Kurz, er dachte sich eine lange Rede aus, seine Torheit als Weisheit darzustellen; und selbst die guten Töchter erschienen ihm nicht mehr als Hindernisse, sondern im Gegenteil als jugendliche Mittlerinnen in dem Verjüngungshandel, da sie ja erst recht den wonniglichen Verkehr ermöglichten. Trotzdem schlug ihm das Herz etwas ängstlich, als er sich seinem Hause näherte; [...]

Als Martin nach Hause kommt, stellt er fest, dass sein Sohn Arnold aus Brasilien zurückgekehrt ist:

"[...] »Apropos Wohlwend, sagte Arnold Salander, »da bring' ich Neuigkeiten mit! Ich habe die Akten, betreffend deinen Handel mit der verpufften Bank in Rio, nicht vergebens mitgenommen. Erst ein Vierteljahr vor der Abreise bekam ich durch einen guten Bekannten von dir Wind, daß ein alter ausgeräucherter Kerl von jener Gesellschaft, von der Not getrieben, herangeschlichen sei und krank im Spitale liege. Er sei entdeckt worden; verschiedene Leute, die einst Schaden erlitten, ließen ihn gerichtlich verhören, und der geschwächte Patron, der nichts mehr zu verlieren habe, krame aus, was er wisse. Natürlich gab ich deine Akten, versehen mit einem zweckdienlichen Auszug und Bericht, auch ein und verlangte die Einvernahme. Siehe da, er bekannte, hinter dem Rücken des schönen Direktoriums mit Schadenmüller-Wohlwend noch einen besondern geheimen Betrugskonto geführt zu haben, zu dessen Gunsten sie einander bei guter Verlegenheit allerlei Hasen in die Küche gejagt; so habe er auch den Wohlwend von deiner Erzählung und der dafür erhaltenen kolossalen Tratte in Kenntnis gesetzt und ihm bedeutet, was er zu tun nicht unterlassen solle. Allein sie hätten, von den Ereignissen überrascht, den sauberen Konto nie liquidieren können, und so habe Wohlwend für sich behalten, was er erwischt, das heißt, was hier in Münsterburg nicht ausbezahlt worden sei. Das Protokoll in gutem Portugiesisch, gehörig beglaubigt, habe ich bei mir. Der Mensch ist dann gestorben; was dort weiter geschehen, weiß ich nicht.« Martin hörte staunend zu und sagte zuletzt nur: »Also doch!« Aber statt sich lange bei der altvermuteten und neubestätigten Sache aufzuhalten, mußte er in verschwiegenen Gedanken nur das gütige Geschick preisen, das im letzten Augenblicke ihn davor bewahrte, in das ihm gestellte Netz zu fallen, seine treue Frau zu kränken und vor dem Sohne als ein törichter alter Mensch dazustehen. Mit dem letzten Seufzer, den er in dieser Sache tat, gelobte er sich Besserung, und schritt darauf an der Spitze der Seinigen in das Speisezimmer, wo Frau Marie und ihre Töchter zu Ehren des Heimgekehrten den Tisch bereitet hatten und die Magdalena mit wahrem Hochmut den schönsten Braten auftrug, den sie seit langem gewendet und begossen. [...]

Noch geraume Zeit saß die wiedervereinigte Familie beisammen und ganz so glücklich, wie an jenem Abend, da Martin gekommen war, die hungernden Kinder samt der Mutter zu speisen. Mit leichtem Mute und wirklich verjüngt ging er zu Bett. Nach einiger Zeit, da Marie wahrnahm, daß er nicht schlief, sondern zufrieden etwas spintisierte, rief sie: »Du, Martin! Gelt, der Arnold freut dich doch, denn du hast zum ersten Male deinen Gutenachtseufzer vergessen, mit dem du mich seit länger als einem halben Jahre betrübt hast!« »Du bist nur halb auf der Spur!« gab Martin bedächtig stockend zur Antwort; dann entschloß er sich jedoch, der treuen Frau seine Abirrung zu bekennen, damit kein dunkler Punkt zwischen ihnen sei. Er erzählte ihr also die ganze Geschichte mit der Myrrha Glawicz, die eingebildeten Liebesleiden bei harmlosen Absichten und höheren ethischen Beweggründen, samt der Rede, die er sich für Frau Marie ausgedacht, bis zu dem Augenblick, wo der bloße Anblick des Sohnes das Luftschloß zertrümmerte. »Nun, was sagst du dazu?« fragte der vergebungsbedürftige Mann hinüber, da die Frau schwieg. Erst nachdem sie sich eine Weile unruhig auf ihrem Lager gedreht, lachte sie plötzlich hellauf und schwieg dann wieder. Dann lachte sie nochmals und sagte: »Ich lache nur aus Freuden darüber, daß diese letzte Gefahr, die uns bedroht, sich so glimpflich verzogen hat! Dank' du dem Himmel, Mann! daß dein Sohn so zu rechter Zeit, auf die Minute, gekommen ist! Es wäre ja nicht um mich zu tun gewesen, aber um dich und ihn, und die Töchter! Wie wären wir vor denen dagestanden! Aber weißt du, Martin, weil du von der einfachen, unerwarteten Gegenwart unseres Sohnes geheilt wurdest, so soll dir die Verrücktheit vergeben und vergessen sein, die du mir hast antun wollen! Es ist ein gutes Zeichen, ein goldenes, das ich mir im Gemüt aufbewahren will, solang ich noch lebe! Und jetzt, schlaf wohl, Mann, deine Geschichte hat doch etwas Einschläferliches an sich!« So ging Martin Salanders später Liebesfrühling, der die Verjüngung seiner politischen Tatkraft herbeiführen sollte, in Gnaden und ohne weitere Gewitter vorüber."

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 19)

Und er schien doch jünger geworden, als er, den Sohn zur Seite, am nächsten Morgen den Weg nach seinem Kontor beschritt. Leicht trugen ihn die Füße; die Hüften aber wiegten sich leise, fast unmerklich, hin und her, wie einstmals, wenn ein frischer Lebensmut, ein guter Gedanke ihn durchströmten.

Im Geschäftshause angekommen, unterhielten sie sich zuerst mit den Angestellten, die Arnold freundschaftlich grüßte, und besprachen im allgemeinen dies und jenes, was der Tag brachte oder in letzter Zeit ausgeführt worden. Dann begaben sich Vater und Sohn in Martins besonderes Zimmer, um in ausführlicher Unterredung Stand und Zukunft des Hauses gründlicher zu erörtern, als es in Briefen geschehen konnte. Neues trat hierbei nicht viel zutage, wenn es nicht etwa die Schlußfrage war, ob nicht die Geschäfte, die Unternehmungen bei so befriedigendem Gange auszudehnen und ein gewisser Aufschwung zu wagen sei?

Es war Martin, der die Frage aufgeworfen und den Sohn aufmerksam und mit vollem Vertrauen ansah.

Arnold bedachte sich oder hielt vielmehr mit der Antwort zurück, welche er nicht zu suchen brauchte. Er spielte indessen mit dem Muster einer neuen Goldwage, die man auf des Vaters Tisch gestellt hatte.

»Es hängt von dir ab, lieber Vater!« sagte er endlich, »ich arbeite gern mit unter deiner Leitung!«

»Nein, von dir hängt es ab!« erwiderte Martin, »du bist der Sohn und Erbe, dessen die Zukunft ist!«

»Der Nachdruck der Frage liegt in den Worte ›wagen‹, das du gebraucht hast; ob eine Ausdehnung zu wagen sei!« fuhr Arnold fort, »wir stehen hart an der Grenze, wo dies ganz richtig gesagt ist, das heißt, wo man, um Mehreres zu tun, ein Teil des Gewonnenen, vielleicht schließlich alles aufs Spiel setzen muß. Für meine Person, muß ich gestehen, habe ich drüben, jenseits des Wassers, in stillen Augenblicken mehr als einmal nachgedacht, wieweit wir eigentlich gedeihen wollen in unserm Erwerb? Wollen wir in der Tat kleine Nabobs werden, die entweder ihr Leben ändern oder den weit über ihre Bedürfnisse reichenden Mammon ängstlich vergraben müssen und in beiden Fällen vor sich selbst lächerlich sind? Zudem bist du ja Politiker und Volksmann, ich bin meines Zeichens Geschichtsfreund und Jurist; es steht also uns beiden besser an, wenn wir in schlicht bürgerlichen Verhältnissen und Gewohnheiten bleiben, wie du es bis jetzt so musterhaft getan hast. Vergib, das ist mein Gefühl! Ich empfinde auch einiges Heimweh nach meinen Büchern und müßte bei allfällig rapidem Anwachsen des Geschäfts mehr Zeit mit dem Kurszettel in der Hand und auf der Börse zubringen, als mir lieb wäre!«

»Du sprichst nur Gedanken aus, die ich selbst schon gehegt! Was mich aber auf die Frage gebracht hat, ist die Zukunft unseres Landes. Ich fürchte, die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher die Gesetzgebung die Hand kräftiger auf das Vermögen legen wird; da dürfte es, dacht' ich, gut sein, wenn man tüchtiger einzuschießen hat, ohne gerade zu verarmen.«

Arnold lachte.

»Das wäre,« sagte er, »nicht mein Standpunkt, ich möchte nicht Geldmacher für zukünftige Dinge sein, die ich nicht billigen kann. Ich werde vielmehr die Willkür bestreiten, solang ich es vermag; siegt sie, wohl und gut, so füge ich mich gelassen; dann ist es mir aber auch gleichgültig, ob sie uns zwei oder zehn Millionen nehmen.«

»Ei, wer spricht denn gleich so von nehmen,« rief der Vater leicht gereizt, »es geht alles mit rechten Dingen zu! Glaub' aber nur, die Postulate der Notwendigkeit werden so dicht regnen, daß wir noch froh sind, gute Schuhe zu haben!«

»So laß regnen, es wird auch wieder aufhören! Erinnere dich, Vater, an den Anfang unseres Jahrhunderts, als nach der durchgerungenen Helvetik das Vaterland auf den Kopf gestellt war und in der Knechtschaft des ersten Konsuls von Frankreich seufzte. Damals berichteten die Pfarrer, daß in ihren Gemeinden viele Leute lebensmüd seien und sich nach dem Tode sehnten! Jetzt nach achtzig Jahren sitzen wir, geringe Leute vom Lande, frei wie Lerchen in der Luft, wenn auch nicht frei von Leidenschaft vielleicht: wir sitzen hier in einem der Häuser der untergegangenen Aristokratie und pflegen Rats, ob wir noch reicher werden wollen oder nicht! Ich fürchte mich aber weder mit dem vielen Gelde, noch ohne dasselbe!«

Der alte Salander blickte den jungen mit glänzenden Augen an und ergriff dessen Hand.

»So laß uns,« sprach er gerührt, mit leiserer Stimme, wie ein Verschwörer, »laß uns zu dieser Stunde geloben, daß wir das Land und Volk nie verlassen wollen, es mag beschließen, was es will!« [...]

Kaum waren auch diese Dinge abgetan und die Männer im Begriff, jeder an eine Beschäftigung zu gehen, so klopfte es und der unglückliche Wohlwend trat herein, die schöne Myrrha am Arme führend. »Verzeih, alter Freund,« rief er, »daß wir dich so unvorgesehen überfallen! Da mache ich mit meiner Schwägerin einen Gang durch die Stadt und vernehme plötzlich, daß der Herr Sohn heimgekehrt sei. Und wie wir hier an das Haus kommen, sag' ich, wir wollen einen Sprung hinauf tun, du kannst immer mitkommen, und den Herrn in frischer Tat begrüßen! Seien Sie auch uns bestens willkommen, Herr Arnold, so heißen Sie doch?« Vater und Sohn waren wie vom Blitz getroffen. Keiner ergriff die dargebotene Hand, aber keiner wußte ein Wort zu sagen, noch weniger brachten sie es über sich, den Mann in Gegenwart des so rührend schönen Frauenzimmers schroff abzuweisen. Endlich ermannte sich Martin Salander, indem er den alten Freund sachte beiseite zog und leise zu ihm sagte: »Sie entschuldigen, Herr Wohlwend, daß wir Sie jetzt nicht sprechen können! Wir sind, wie Sie leicht begreifen, dringend beschäftigt!« »Sie?« murmelte Wohlwend stutzend, und trat sogleich weiter zur Seite, »was soll das heißen?« »O nicht eben viel!« versetzte Martin verlegen und doch sonderbar gereizt, daß der böse Geist die gefährliche Person vor die Augen des Sohnes brachte. »Die Verhältnisse ändern sich zuweilen; ein geeigneter Aufschluß wird sich wohl finden lassen; für heute, wie gesagt, müssen wir Entschuldigung verlangen, wir sind wirklich sehr beschäftigt!« Er hätte kein härteres Wort über die Lippen gebracht, weil Myrrha, nach welcher er einmal hinschielte, ein inniges Mitleid von neuem erweckte. In seiner Verlegenheit schritt er neben Wohlwend an der Wand auf und nieder, während er seine abgebrochenen Worte sprach, und Wohlwend schritt beharrlich neben ihm her, schweigend, böse Blicke schießend, auch nach den jungen Leuten spähend und den Aufbruch nicht wagend, weil er nicht wußte, wie der sich gestalten würde. Indessen war Myrrha verlassen im Zimmer gestanden, ratlos blickend und zuletzt zitternd, als Arnold sie überrascht betrachtete. Nun bat er sie gefälligst, sich zu setzen, und nahm selbst einen Stuhl. »Sie sind aus Ungarn, mein Fräulein?« fragte er sie mit unwillkürlicher Teilnahme, um etwas zu sagen. Wiederum zitternd schaute sie ihn an und erwiderte mit erwachendem Vertrauen: »Ja wahrlich aus Ungarn, Königreich. Aber Schwager Volvend-Glavicz hat nicht wahr gesagt, nicht jetzt auf der Straßen, schon gestern abend hat gewußt, daß gnädiges Herr angekommen sind! Aber entschuldigen Sie, er hat nur vergessen!« »Und wie lange leben Sie schon hier?« »Glaub' ich, zwei Jahr', oder eines, bitt' ich um Vergebung, ich weiß es nicht sicher!« »Und wie gefällt es Ihnen denn in der Schweiz?« fuhr er etwas verblüfft fort und sah sie genauer an. Das empfand sie wohl. Sie flüsterte mit fallenden Tränen: »Mir gefällt es nirgendwo! bin ich nur schön, aber nicht ganz gescheit, sagte mein Vater seliger, und Herr Volvend-Glavicz sagt, bin ich auf den Kopf gefallen, aber Heiraten macht gesund! Versteh' ich nicht, aber auch glaub' ich nicht, bis ich das sehe!«

Das alles sagte sie trotz der Bedrängnis mit trauten Worten, von Jugend zu Jugend, wie wenn sie da vor die rechte Schmiede gekommen wäre in einer verworrenen und höchst bedenklichen Angelegenheit. Immer mehr erstaunt sah Arnold das zierliche Geschöpf forschend an und entdeckte erst jetzt, wie ein irres Licht durch den feuchten Schleier der Tränen flackerte.

In diesem Augenblicke blinzelte Wohlwend herüber, der noch immer in der Unbehaglichkeit neben dem alten Salander herlief, und sah die scheinbar schnelle Vertrautheit der jungen Leutchen. Offenbar hielt er die ausgeworfene Angel für festsitzend, mochte aber für geraten halten, die Schnur für einmal abzureißen, um die Angel für einen günstigeren Zeitpunkt wirken zu lassen. Plötzlich ließ er den Vater Salander stehen, trat mit zwei Schritten hinter Myrrhas Stuhl und legte die Hand auf ihre Achsel.

»Nun dürfen wir die Herren aber wirklich nicht länger stören,« rief er, »komm, Schwägerin Myrrha, wir wollen uns empfehlen!«

Zugleich nahm er sie, die sich erschrocken erhob, an den Arm und verschwand, laute Abschiedsworte in das Zimmer zurückrufend und eine stattliche Pelzmütze schwingend, mit dem schönen Scheingebilde ebenso rasch durch die Tür, wie er gekommen war.

Vater und Sohn standen und schauten sich an.

Arnold tat endlich einen starken Atemzug, gleich einem, der sich von jähem Schreck erholt.

»Wie schad' um das schöne Frauenzimmer!« sagte er.

»Wieso schade?« fragte der Alte entgegen, der schon zu fürchten begann, der Sohn möchte sich bereits verliebt haben.

»Nun,« meinte Arnold hinwieder, »weil der arme Tropf ja blödsinnig ist, wo nicht gar verrückt!«

»Blödsinnig?«

»Aber weiß man denn das nicht? Hast du nie mit ihr gesprochen?«

»Mehrmals! Allerdings wollte nie ein ordentliches Gespräch zustandekommen!«

»Jedenfalls ist das Mädchen in hohem Grade einfältig, was wohl aufs gleiche herauskommt! Hör nur, mit was die Ärmste mich unterhalten hat.«

Arnold erzählte den Inhalt ihrer wenigen Reden und schilderte ihr Benehmen, den Ausdruck ihres Gesichtes.

Der Vater wurde feuerrot bis unter die angesilberten Locken über der Stirne, ratlos, was er dazu sagen solle. Es war ein allzu bitterer Nachklang, der ihn auf dem Nachhauseweg, den sie angetreten, wiederholt den Kopf schütteln ließ. Arnold nahm diese innere Erregung nicht wahr. Der Sohn hatte das kleine Ereignis auch schon vergessen, als es ihm bei Tisch unversehens einfiel und er davon zu reden begann. Nachdem er den Hergang geschildert, hob er hervor, wie gut sich natürliche Anmut mit Blödsinnigkeit zu vertragen scheine. Es sei aber ein unheimliches Schauspiel, und er würde sich doch dafür bedanken. [...]"

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 20)

"Das neue Leben der wieder vollzähligen Familie floß nun klar und ruhig weiter, bis die Flut sich etwas kräuselte, durch Martins pflichteifrigen Geist bewegt. Es dauerte nicht lange, so wollte er nicht mehr zusehen, wie Arnold außer dem Geschäfte nur seinen Studien und dem gesellschaftlichen Verkehr mit einigen Jugendgenossen lebte; er drang in ihn, sich doch allgemach den öffentlichen Dingen zuzuwenden, wozu er ja die beste Gelegenheit habe, wenn er mit dem Vater die politischen Vereine, Wahlversammlungen und zuweilen auch einen der zahlreichen Vorträge zur Erklärung eines Gesetzes oder anderer Volksbeschlüsse und obschwebenden allgemeinen Fragen besuche. Da werde er bald lernen, die erworbenen Kenntnisse anzuwenden, die Urteilskraft geltend zu machen und ein Mitwirkender zu werden. Und das sei notwendig, denn ohne erweckte Jünglinge und junge Männer fehle es den weisesten Alten am halben Leben. Allein Arnold lehnte des Vaters Andringen bescheiden, aber beharrlich ab. Er habe sich vorgenommen, so erklärte er, sich auf die Erfüllung aller Bürgerpflichten zu beschränken, wozu, nebenbei gesagt, auch gehöre, niemals an einer Wahl teilzunehmen, wenn man weder den Vorgeschlagenen noch die Vorschlagenden kenne. Das sogenannte Mitwirken wolle er an sich kommen lassen, wenn es einst sein müsse, bis dahin aber das faktische Geschehen beobachten und die Früchte desselben betrachten; an ihnen werde er auch die Personen erkennen, die sie hervorbringen, besser als aus ihren Reden, und die Parteien hinwieder an diesen Personen, sowie an den Zeitungsartikeln, die sie schreiben. Die hergebrachten Einflüsse möge er nicht auf sich wirken lassen und gehe deshalb auch nicht hin, wo sie ausgewechselt werden; nur so fühle er sich frei und einst imstande, jedem zu sagen, was er für wahr halte. Manche junge Leute dächten jetzt so. Der Vater bestand nicht länger auf seinem Ansinnen; aber er fühlte sich verletzt, wenn das nun der ganze Einfluß war, den er auf den eigenen Sohn haben sollte, er, der so uneigennützig es sich sauer werden ließ, dem Lande zu dienen. Er kam daher wieder auf den Gedanken zurück, der Sohn sei auf den Schulen ein Doktrinär geworden, in welchem vielleicht der Reaktionär nur schlummere. Ein schmerzliches Mißtrauen fing an sein Gemüt zu belästigen. Das wandte sich zwar wieder zum Bessern, als Arnold eines Tages sich erbat, einige Freunde im Haufe bewirten zu dürfen, da er etwas derart schuldig sei. Es handelte sich um acht junge Leute, von denen ein Teil unbemittelt, wo nicht arm, ein anderer Teil aber Söhne reicher Familien waren. Arnold wünschte zugleich, daß der Vater seine Gegenwart schenke, und dieser schlug mit dem raschen Gedanken ein, bei diesem Anlasse des Sohnes Umgang und Gesinnung gründlicher zu erfahren. Die Mutter machte dem Sohne gern die Freude, erklärte aber, man müsse einen Koch mit Aufwärter kommen lassen, die alte Magdalene sei außerstande, die Sache zu bewältigen, und sie selbst wisse nicht, was jetzt üblich sei und könne auch nicht mehr in der Küche stehen. Die Töchter dürfe man nicht vorspannen.

Arnold verwahrte sich gegen die Maßregel. Er wolle nicht Aufwand und Üppigkeit ins Haus bringen, das sei ihm nicht eingefallen! Seine Freunde seien alle verständige und fröhliche Gesellen, und wenn die alte Magdalena ein paar solide Stücke zubereite, was sie ja schon lange könne, und die Speisen etwas drollig daherbringe, so werde alles aufs beste ablaufen. Einen weiblichen Adjutanten in der Küche möge sie immerhin beiziehen.

Es gab hierüber einen kleinen Zank, bis er die Oberhand behielt, aber nur scheinbar. Als er am bestimmten Abend eine Stunde früher nach Hause kam, stand ein schneeweißer Koch am Herde und im Speisezimmer ein befrackter Aufwärter, der sich mit einer Menge von Tellern und Gläsern zu schaffen machte und ohne Zweifel die Servietten gefaltet hatte, welche auf dem bereits gedeckten Tisch in Gestalt von Kaninchen und Hühnern die Teller zierten. Frau Marie sagte, es wäre nicht anders gegangen; sie habe nicht mit einem mißlungenen Wesen die Familie erst recht als eine Emporkömmlingsware ins Gerede bringen können!

Die Gäste stellten sich pünktlich ein, fast alle auf einmal, so daß Vater Salander bequemlich als der letzte erscheinen konnte, ohne zu lange warten zu müssen. Sogleich fand er sich angenehm berührt durch das gute Aussehen und das anständig offene Benehmen der Gesellschaft. Bei Tisch vollends wunderte er sich insgeheim über den unbefangenen guten Ton, die Abwesenheit aller schlechten Sprechmanier verhockter Kreise mit ihren Trivialwitzen und Zweideutigkeiten. Um besser zu hören, sprach er selbst nicht viel und hütete sich besonders, von Politik anzufangen, in der Absicht, daß die Freunde Arnolds und mit ihnen er selbst um so rückhaltloser darauf verfallen sollten. Er sorgte auch genügend für Erneuerung der Getränke, welche die Zungen lösen. Die jungen Herren wurden nur fröhlicher, alles in geziemenden Grenzen, ohne einiger Vorsicht zu bedürfen. Die Unterhaltung belebte sich, und da die Teilnehmer ziemlich gleichmäßig gebildet, wohlunterrichtet und auch lebendigen Geistes waren, so tauchten politische Gegenstände nicht minder als andere hervor; allein nicht ein unfreisinniges Wort, nicht ein Wort, welches auf Mißachtung des Volkes hätte schließen lassen, war zu hören, kaum etwa ein ungezwungen derber Ausdruck über diesen oder jenen gemeinen Sykophanten, der eben in der Presse oder in den Räten spukte; dann hieß es höchstens: Was wollt ihr? Dem Kerl ist sein Weg vorgezeichnet, er muß ihn laufen und wird seinem Lohn nicht entgehen!

Indem Martin sich noch über den erfahrungsmäßigen Ton wunderte, welcher dieser Jugend schon geläufig schien, war der Gegenstand schon aus dem Gespräch verschwunden. Die haben, dachte er, nicht die Fähigkeit, auf einer Idee zu beharren; sie scheinen doch keine politische Ader zu besitzen! Aber ehe er den Verdacht besser ausspinnen konnte, bewegte sich die Unterhaltung auf weiten freien Bahnen; keiner tat sich als Lehrer oder Prophet hervor, und Phrasen wurden noch weniger laut; man sah nur, daß es männliche Jünglinge seien, die sich die Welt offen behielten und nicht in einen Tabaksbeutel stecken ließen. Martin hatte einige Mühe, neuen und neuesten Anregungen auf den Pfaden des allgemeinen Bildungszustandes zu folgen, denn er war in manchen Dingen ein wenig viel zurückgeblieben und mußte sich mehr als einmal Aufschluß erbitten, der ihm ohne Wohlweisheit und ganz ohne Aufheben erteilt wurde, als selbstverständlich, wie man einem sagt, was draußen für Wetter sei. Und durch alles ging ein Hauch unverdorbener Ehrlichkeit, die ihm das Herz erfrischte.

»Gottlob!« dachte er, »wir haben unser Geld nicht umsonst ausgegeben! Das sind doch auch Erziehungsfrüchte!«

Doch untersuchte er nicht, ob des Hauses oder des Staates.

Er teilte bald die heitere Laune der Tischgenossen; ritterlich dachte er, sein sichtliches Vergnügen damit zu bezahlen, daß er um zehn Uhr schon die kleine Tafelrunde Arnolds sich selbst überließ und sich als Alter zurückzog. Allein es gelang ihm erst um halb elf loszukommen und die Frauen in ihrem Asyl aufzusuchen, wo sie noch wach beisammen saßen.

»Kommst du endlich, du Kneipier?« sagte die Mutter, »das muß dir ja herrlich gefallen haben bei den jungen Leuten! Wie war es denn?«

»Ich habe mich, glaube ich beinah', in meinem Leben nicht so gut unterhalten, wie diesen Abend!« versicherte der Mann, »es sind ganz vortreffliche Menschen, helle Köpfe und nota bene gesittete Bursche, mit denen unser Arnold verkehrt, Gesellen, von denen man sagen kann, sie seien alle gut aufgehoben, wenn sie beieinander sind!« [...]

Ruhig fuhr nun das Schifflein Martin Salanders zwischen Gegenwart und Zukunft dahin, des Sturmes wie des Friedens gewärtig, aber stets mit guten Hoffnungen beladen. Manches Stück mußte er noch als gefälschte Ware über Bord werfen; allein der Sohn wußte unbemerkt die Lücken so wohl zu verstauen, daß kein Schwanken eintrat und das Fahrzeug widerstandsfähig blieb den bösen Klippen gegenüber, welche bald hier, bald dort am Horizont auftauchten. Auch das dunkle Raubschiffchen des Louis Wohlwend, das seit bald einem Menschenalter Martins Bahn kreuzte, strich noch wiederholt heran, konnte aber nicht mehr entern. Es war jetzt ziemlich sicher, daß er mit dem an Martin begangenen Raube seine Frau auf die bewußte Weise erwarb, damit das Gut bergend und zugleich ihr eigenes Erbe. Also hatte er keineswegs nötig, noch mehr zu raffen; allein er hielt den »alten Freund« einmal für sein Privateigentum, und der Neid der angeborenen Beschränktheit trieb ihn immer wieder, seinen Teil zu erhaschen und den Freund zu schädigen, während die einfältige Religionsstifterei ihm zur Vermummung dienen und zugleich die rohe Eitelkeit befriedigen sollte, der er zu allen Zeiten frönte. [...]

Eines Abends erschien Möni Wighart, der Getreue, und erzählte, er habe Wohlwend auf dem Bahnhofe gesehen, wie er mit Weibern, Kisten, Koffern und bösen Blicken erschienen und mit einem Blitzzuge abgefahren sei."

(Gottfried Keller: Martin Salander Kapitel 21)

04 Mai 2021

Gottfried Keller: Martin Salander

  Nach dem Bekenntnis meines Deutschlehrers, der alles gelesen hatte*, dass er dies Buch als zu langweilig beiseite gelegt habe, glaubte ich mich berechtigt, nicht hineinschauen zu müssen. 

Das hatte gewiss seine Berechtigung. "Kein Mensch muss müssen." Aber nachdem ich heute in  Fontanes Briefen unter dem 10.12.1886 über Martin Salander gelesen habe: "von Heft zu Heft mit größtem künstlerischen Behagen gelesen, er ist einer der Wenigen, die einen nie im Stich lassen, gleichviel welche Wege sie gehn, [...] wie Sterne kann er thun, was er will, weil seine dichterische Persönlichkeit [...] alles siegreich herausreißt" wollte ich doch wenigstens den Versuch machen. 

*Auch von der Gegenwartsliteratur las er fast alles, auch wenn er später im privaten Gespräch meinte, die Deutschstunde von Siegfried Lenz sei das Lesen nicht wert gewesen, er habe sie nur gelesen, weil er während seiner Dienstzeit als Deutschlehrer alles, was im Gespräch gewesen sei, habe kennen müssen (ein Urteil, das ich so nicht nachvollziehen konnte).

Ich habe mir also den Salander als Lektüre vorgenommen und es nicht bereut.

Ich habe bis zum Schluss durchgehalten und auch manche beachtenswerte Passagen gefunden, bin aber zumindest vom letzten Drittel des Romans so enttäuscht, dass ich ihn nicht bis zum Schluss vorstellen werde. Immerhin habe ich so einiges in dem Wikipediartikel zum Roman verbessern können.

02 Mai 2021

Gottfried Keller: Martin Salander 11. Kapitel: Die Doppelhochzeit

Da die beiden Salandertöchter dem Willen der Eltern folgend jeden heimlichen Verkehr mit ihren heimlich Verlobten beenden und nur noch brieflich mit ihnen verkehren, andererseits aber hartnäckig an ihrem Wunsche sie zu heiraten, festhalten, kommt es zu einer Doppelhochzeit, zu der mangels Verwandtschaft und Freundinnen und Freunden der Töchter vor allem politische Freunde des Vaters eingeladen werden. 

In einem Rüpelspiel von Unbekannten wird vorgeführt, wie die beiden Bräutigame ihre Parteizugehörigkeit in den beiden größten Parteien des Landes untereinander ausgewürfelt hatten. Sie hielten es nämlich für sinnvoll, in jeder der beiden Parteien vertreten zu seien, um in beiden Parteikreisen Beziehungen anknüpfen zu können.* 

Der Pfarrer hatte in seinem Toast auf die Familien der Bräutigame und der Bräute mit Lob nicht gespart, was Frau Marie Salander unangenehm berührte, weil deutlich wurde, dass er eigentlich nicht dahinter stand:

Da jetzt neue Speisen aufgetragen wurden, beschloß das Salandersche Ehepaar, das für einmal genug gespeist hatte, einen Gang zwischen den Tischen und um die Baumwiese herum zu machen. Das Weidelichsche Paar wollte späterhin das gleiche tun.

Als Marie an Salanders Arm ging, drängte es sie nachträglich, sich über den Geistlichen auszusprechen.

»Das scheint doch ein schnurriger Herr zu sein!« sagte sie, »erst die dicke Lobhudelei und nachher, wenn man nur das Nötigste dagegen höflich bemerkt, wenn er kommt, den Dank zu holen, gleich spitzige Worte, deren Zusammenhang man suchen muß. Wie verfänglich grob hat er dir so blitzschnell geantwortet! Und mir hat er mit gleicher Artigkeit zu verstehen gegeben, daß es sich nicht um mich, sondern um eine künstlerisch abgerundete Volksrede handle!«

»Du mußt das nicht für so gefährlich auffassen,« entgegnete Martin Salander, »er liegt eben immer im Kampfe mit seiner eigenen Sophistik, die sich stets in seine Rede drängt, auch wenn er nichts damit will. Er braucht sie unbewußt, wie ein natürliches Verteidigungsmittel, auch wo kein Mensch ihn angreift. Ich habe einmal über einen Parteigenossen mit ihm gesprochen und beklagt, daß dieser so viel lüge. Da gab er mir zur Antwort, er sei der beste Hausvater und erziehe seine Kinder musterhaft. Damit war ich abgefertigt, weil es ihm nicht bequem war, über das Thema zu sprechen, und er nicht wußte, wieweit es sich gegen ihn drehen könnte.«

»Du lieber Gott,« sagte die Frau Marie in ihrer Einfalt, »das ist ja eine traurige Existenz!«

»Nicht so traurig! Es ist nur Manier! Jeder, der viel spricht, besonders in Politik, hat seine Manier, und es gibt solche, welche eine Manier der Unwahrheit haben, ohne gerade etwas Übles damit zu bezwecken; diese sind immer damit geplagt, anderen kleine Fallen zu stellen, sie aufs Eis zu führen, verfängliche Fragen an sie zu richten; das alles bildet mehr eine schützende Hecke für sie selbst, ein System der Abschreckung, als ein Angriffsmittel. Aber was führen wir da für Hochzeitsgespräche!«

(Gottfried Keller: Martin Salander, 11. Kapitel)


*In der Wikipedia heißt es dazu: "Indessen haben seine beiden Töchter das heiratsfähige Alter erreicht und beginnen ein Verhältnis mit zwei Zwillingen, ehrgeizigen, aber wenig ausdauernden jungen Burschen, den Söhnen eines Gemüsegärtners. Die Eltern Salander sehen das Verhältnis nicht gerne, sie empfinden es als Mesalliance, da die Knaben deutlich jünger als die Töchter und noch in Ausbildung begriffen sind. Umgekehrt ist die Mutter der Zwillinge, Amalie Weidelich, stolz auf die Bekanntschaft mit den Salanders und macht sich für ihre Söhne Julian und Isidor Hoffnung auf das zu erwartende Frauengut.

Diese schliessen bald ihre Ausbildung zu Notaren ab und beginnen ihre weitere Karriere systematisch zu planen. Zu diesem Zweck engagieren sie sich insbesondere in der Politik, wobei sie in zwei verschiedene Parteien eintreten, damit sie sich besser in die Hände arbeiten können. Es gelingt ihnen auch tatsächlich sehr bald, je ein Amtsnotariat in der Umgebung von Münsterburg übernehmen zu können und sich sogar in das Kantonsparlament wählen zu lassen.

Die Eltern Salander können sich jetzt einer Vermählung kaum mehr entgegenstellen, und Martin plant die Doppelhochzeit im Stile eines Volksfestes. Dessen Durchführung entwickelt sich allerdings etwas anders, als von Martin beabsichtigt. Verschiedene Darbietungen arten in Peinlichkeiten aus, die Bräutigame werden verhöhnt und derbe Possen beleidigen die Anwesenden, anstatt die Parteien zu versöhnen. Einzig Salanders Rede kann die Wogen etwas glätten." 

Gottfried Keller: Martin Salander 8. Kapitel: Der Vater belauscht die Liebesleute

 »Rate, wo sie hingehen!« sagte Marie zum Manne, als sie ihm die Ankündigung hinterbrachte. »Du errätst es nicht, und doch sind sie oft dort gewesen: in dem großen Garten, der sich hinter dem Hause deines Geschäftslokales erstreckt!«

»Die Wetterhexen! Wie kommen sie hinein? Sie werden mir doch nicht die Haus- und Kontorschlüssel ausführen und die fremden Burschen überall durchlassen?«

»Bewahre! Sie haben den alten rostigen Schlüssel gefunden, der die kleine Hintertüre in der Gartenmauer aufschließt, der Mauer, welche das große Grundstück an der entlegenen Seitenstraße eingrenzt. Die Mädchen gehen zuerst hin, zehn Minuten später machen sich die Zwillinge aus der Probe fort.«

An dem betreffenden Tage hielten sich die Töchter still zu Hause bis am Abend, rollten dann ihre Singstimmen zusammen und begaben sich richtig in die Konzertprobe. Der Vater hatte sie am Mittagtische beobachtet, etwas verlegen, denn es waren ja stattliche Frauenzimmer von guter Haltung und lang nicht mehr Kinder. Er hatte auch nichts Besonderes an ihnen gewahrt, als daß sie dem musikalischen Abend mit einiger Spannung entgegensahen, der schwierigen Aufgabe wegen.

Das Haus, in welchem er seine Geschäftsräume gemietet, war im übrigen zur Zeit unbewohnt, und Salander ging zuweilen mit dem Gedanken um, das alte Wesen zu kaufen und umzubauen, kam aber immer wieder bescheidentlich davon ab. Inzwischen hatte er einen Buchhalter und den Gewerbsknecht darin untergebracht; die hausten aber auf einer anderen Seite, als wo der Garten lag. Salander begab sich am vorgerückten Abend unbemerkt auf sein Kontor, machte bei verschlossenen Läden Licht und verweilte so lange, bis er die Stunde für gekommen hielt. Dann zog er Gummischuhe über die Füße und ging leise über den mondhellen Hof weg bis an das Gittertor des parkartigen Gartens. Vorsichtig guckte er eine Weile durch das krause Eisenzeug, hörte und sah jedoch weder einen Laut noch eine Bewegung von Menschen. Also öffnete er sachte das Gitter und betrat den Garten, der überall mit schlanken hohen Bäumen besetzt war, wie sie jetzt nicht mehr gepflanzt wurden.

Ungefähr in der Mitte stand ein altes, in Sandstein gearbeitetes und verwittertes Brunnenwerk mit Delphinen und Tritonen, von einem spärlichen Wassergeträufel umflüstert. Vor dem Brunnen dehnte sich ein geräumiger Rundplatz, von mächtigen Akazien umstanden, und da die Bäume noch unbelaubt waren, schien der Vollmond ungehindert auf den Platz wie auch auf die Alleewege, die in denselben mündeten. Dicht hinter dem Brunnen stand ein neues Gebüsch von Nadelhölzern. Martin Salander schlüpfte hinein; es verbarg ihn vollkommen. Diesen Platz beschloß er besetzt zu halten, da dem Brunnen gegenüber eine halbrunde Steinbank den zu dieser Jahreszeit einzigen Ruhesitz darbot.

Es war auch Zeit, daß der lauschende Vater seinen Standort eingenommen. In wenig Minuten hörte er ganz nahe gedämpfte, aber rasche Schritte, und die dunklen Gestalten seiner Töchter glitten wie Nachtschatten an dem Brunnen vorüber und umwandelten nebeneinander den runden Platz, ohne ein Wort zu sprechen, zwei- oder dreimal, bis sie plötzlich vor dem Brunnenbecken anhielten. Salander konnte sie nicht erkennen, sie hatten die Schleier tief über die Gesichter und um Hals und Kinn gezogen. Sie streiften die Handschuhe ab, suchten die hohle Hand unter den Delphinen mit Wasser zu füllen und schlürften es begierig in sich hinein. Zwar wehte eine milde Aprilnacht in der Luft, fast wie eine Mainacht so lau, aber doch nicht so warm, den Durst der Jungfrauen zu erklären.

»Himmel, da brennt's, daß sie so löschen!« dachte Martin Salander hinter seinen Koniferen; »natürlich, trägt doch jede ein Elmsfeuer im Herzen!«

Sie schöpften abermals Wasser und kühlten die Stirnen, nachdem sie die Schleier etwas gelüftet.

»Die armen Würmer!« dachte der Vater wiederum, »das ist eine schwierige Geschichte!«

Jetzt erkannte er auch die Jüngere, Nettchen, an der Stimme, als sie nicht laut, aber vernehmlich sagte. »O Setti, ich fürchte, unser Glück hat am längsten gedauert!«

»Warum? Wegen der schlechten Madlene?« erwiderte die ältere Schwester, freilich auch nicht ohne einen unfreiwilligen Seufzer.

»Ach, schilt sie deswegen nicht, sie ist unserer Mutter doch auch etwas schuldig! Und einmal mußte es doch kommen, jetzt ist es da!«

»Nun ist es freilich da oder wird bald kommen, ja! Nun heißt es eben kämpfen und ausharren! Oder sollen wir die liebsten Menschen, dies Wundergeschenk des Himmels, leichten Sinnes fahren lassen und verstoßen?«

»Und kannst du dich so leichten Kaufes im Unfrieden von den besten Eltern trennen? Wenn nur die Mutter die armen Knaben für brav halten könnte! Aber ich weiß, sie tut es nicht und tut es nicht!«

»Sie hat gut sagen, weil sie alle mit unserem Vater vergleicht, der freilich ein Ausbund ist, dem nicht jeder das Wasser reicht! Und doch ist er vielleicht nicht minder ein kleiner Springinsfeld gewesen, so gut wie unsere blonden Schätze, die Goldköpfe! Und sind sie nicht jetzt schon so fleißig wie die Bienen, ehe sie nur die Nahrungssorgen kennen? Ich verlasse mich auf die nie ganz versiegende Güte der Mutter und hauptsächlich aber auf den freieren Sinn des Vaters! Ich habe neulich ein gewiß wahres Wort gelesen, daß nur ein Mann im vollen Sinne des Wortes human sein könne, human in allen Lagen des Lebens! Ich fühle wenigstens, ich als Weib bin es nicht imstande, ich will nichts weitersagen!«

Salander war von solch ungeheuerlichen Reden seiner Ältesten so verwundert und zugleich erschüttert, daß er sich unwillkürlich an einer jungen Tanne festhielt und so ein Geräusch in dem Busche verursachte. Die Schwestern schwiegen mäuschenstill, voll Schrecken in die Finsternis hineinstarrend. Als nichts weiter erfolgte, sagte Setti: »Es ist der Wind oder ein Vogel gewesen, den wir aus dem Schlafe geweckt haben. Wir wollen uns niedersetzen!«

Sie wendeten sich nach der Steinbank, hatten sie aber noch nicht erreicht, als im Hintergrunde die Mauerpforte knarrte. Die Mädchen standen wie gebannt und sahen die Zwillingsherren auf den Fußspitzen die mondhelle Allee einhersäuseln. Auf dem Brunnenplatze angelangt, breiteten sie ohne Säumen die Arme nach den Liebhaberinnen aus, wurden jedoch zurückgewiesen.

»Halt, ihr Herren!« schalt Setti mit verhaltener, aber entschiedener Stimme, »es ist ausgemacht, daß ihr bei solcher Gelegenheit ungleiche Hüte tragen sollt, damit jede Dame ihren Ritter erkennen kann! Nun kommt ihr mit Hüten, die sich so gleich sehen wie zwei Eier! Welcher ist denn nun der Isidor?«

»Und welcher der Julian?« fügte Netti bei.

Beide riefen gleichzeitig: »Ich!« offenbar aus Mutwillen.

»Laßt sehen!« befahl Setti unwillig, »die Ohrläppchen her!« Sie ging auf den einen zu und griff nach seinem rechten Ohre, während Netti das gleiche mit dem linken Ohre des andern tat.

»Aha!« sagte Salander bei sich selbst, »das Eiernudelchen und das Zuckerschneckchen!« und wieder mußte er an sich halten, um sich nicht durch lautes Gelächter zu verraten. »Soll ich diese meine zwei Meisterstücke mit ihren Liebhabern nicht um Geld sehen lassen?«

Inzwischen hatten die Schwestern richtig herausgefunden, was ihnen gehörte, ohne sich von den Schäkern länger hänseln zu lassen. Jeder erhielt einen feierlichen Kuß und sodann auf der halbrunden Bank einen Platz angewiesen neben seiner Liebsten, worauf sogleich die Befehlsworte doppelt zu vernehmen waren: »Nicht umfangen, oder wir gehen!«

Zuerst schien die kleine Versammlung sich paarweise zu unterhalten, weshalb Salander nicht ein Wort verstand. Er sah nur, daß die Töchter aufrecht und bewegungslos saßen, wie Steinbilder, während Isidor und Julian, jeder der Seinigen bescheiden zugeneigt, sich begnügen mußten, die nur mondhellen Gesichter mit den Augen zu liebkosen.

Herr Salander wunderte sich aufs neue über die Mädchen; sie erschienen ihm wie zwei dämonische Verkörperungen einer und derselben Wahnidee, von welcher die Unglücklichen besessen wären. Wenn nun der eine der Zwillinge sterben müßte oder sonst abhanden käme, würden sie dann vielleicht durch die bloße Halbierung geteilt, oder würden sich am Ende beide an den übrigbleibenden Teil hängen, gleich den salomonischen Müttern, und das Gespenst ihrer eingebildeten Leidenschaft sie aufreiben?

Es schauderte ihn bei dem Gedanken, daß solche Seelenstörungen den so blühenden Mädchen beschieden sein könnten. Und immer saßen sie noch da und flüsterten Unvernehmliches mit den Jünglingen, die jetzt aufsprangen, von irgendeinem Worte getroffen.

Setti sprach allein weiter und so laut, daß es der Vater im Busche verstehen konnte: »Ja, ihr schönen Brüder! Es ist geschehen, was uns weh tut! Aus gewissen Reden, die eure Frau Mutter auf offenem Markte hören ließ, müssen wir schließen, daß man uns Schwestern für reiche oder reich werdende Personen hält und somit alle Lieb' und Treue dem vermeintlichen Vermögen unserer Eltern gilt!«

Die Brüder prallten zurück und standen betreten vor den gestrengen Mädchen; denn auch Nettchen wendete sich düster, obgleich mit weicher Stimme, gegen ihren Zwillingsanteil, zwar schon nicht mehr genau wissend, ob es der rechte sei, wegen des vorgegangenen Platzwechsels. Auch die Schwestern waren nämlich aufgestanden und zwischen die verwirrten Zwillinge getreten, die nach Worten suchend hin und herschritten.

»Ja, so ist es, wir sind keine Marktware!« sagte Netti und wischte sich die Augen, mit denselben trotzdem den durch das Hin- und Hergehen der Unterscheidung entschlüpften Julian zu haschen suchend. Das beliebte Greifen nach dem Ohrläppchen war durch den Ernst des Augenblicks unmöglich geworden.

Setti befand sich in gleicher Lage, jedoch mit mehr Geistesgegenwart.

»Sprich du, Isidor, wenn ihr etwas zu sagen habt!« rief sie in leidenschaftlicher Vergessenheit dennoch lauter, als sie wollte. Und sofort sich fassend, ergriff er endlich das Wort.

»Was können wir dafür, wenn unsere gute Mama sich freut, daß ihre Söhne reiche Bräute haben? Ist es eine Sünde für sie? Und wäre es selbst für uns eine Sünde, die Geliebte vor allen Nahrungssorgen gesichert zu wissen? Obgleich wir hoffen und vertrauen, sie aus eigener Kraft dagegen zu schützen! Nein, teure Elisabeth! Ich habe nicht notwendig, dein Erbe zu lieben; aber dich zu lieben habe ich notwendig, das schwöre ich dir! Lasse Geld und Gut, Eltern, Haus und Heimat und alles im Stich und komm mit mir! Auch ich verachte nicht, um der Armut oder um meiner selbst willen einzig und allein geliebt zu werden, auch ich will alle schönen Hoffnungen und was mir von den Eltern zukommen wird, dahinten lassen und mit dir bis ans Ende der Welt gehen!«

Er hatte sich während dieser Worte dem älteren Fräulein Salander zu Füßen geworfen, was bisher unter den vier Leuten noch nie vorgekommen und auch sonst gerade nicht landesüblich war. Das gleiche tat Julian und hielt eine noch feurigere Rede an Netti, in welcher er aber nicht arm, sondern reich werden zu wollen versprach, um zu beweisen, daß er nicht auf den Reichtum der Braut zu schauen brauche.

Sie hielten die Hände der Schwestern fest umklammert und bedeckten sie, durch die eigenen Worte zu Tränen gerührt, mit Küssen. Da nun jede wieder ihren Anteil sicher an der Hand fühlte und noch größere Rührung empfand, so endete der prüfungsvolle Augenblick damit, daß die Jünglinge sich emporschwangen und die schmucken Mädchen ohne Widerstand umarmten, und dies unter so heftigem Küssewechsel, wie es auch noch nie geschehen. Man sah dabei, daß die Jünglinge kräftig genug in die Höhe geschossen waren, um die auch nicht kurzen Frauengestalten zu überragen.

Das bemerkte auch Martin Salander, der unversehens zwischen den zwei Paaren stand und vielleicht noch lange hätte stehen können. Allein er legte links und rechts eine Hand auf die entsprechende Zwillingsschulter und sagte: »Laßt's für heute genug sein, ihr jungen Herren! Und ihr artigen Frauenzimmer seid so gut, euch von ihnen zu trennen! Hier steht der Vater, wie es scheint für euch eine überflüssige Person!«

Die vier Liebesleute fuhren weit auseinander, Setti und Netti mit Schreckenslauten, Isidor und Julian aber sich bald ermannend.

»Herr Salander, es geht alles mit rechten Dingen zu, wir sind mit Ihren Fräulein Töchtern verlobt!«

(Gottfried Keller:  Martin Salander, 8. Kapitel)


Wenn ich es immer für allzu unwahrscheinlich fand, dass Old Shatterhand und Winnetou beim Beschleichen von Indianern oder Tramps immer genau das hören, was sie und der Leser über den weiteren Fortgang der Handlung wissen wollen, muss ich zugestehen, dass es bei Keller genauso läuft. Und zwar erzählen sich die Töchter Salander das, was sie auf dem Weg hätten sagen können, genau dann, wenn der Vater sie gut hören kann, und sie besprechen auch genau das, was der Vater wissen muss, um die folgende Liebesszene zu verstehen.

Freilich, so gern Karl May mit dem Auftreten von Zwillingsfiguren arbeitet und so sehr er sich bemüht, humorvolle Beschreibungen zu liefern: Dass Mädchen ihre Liebespartner nur an den Ohrläppchen unterscheiden können, ist denn doch ein skurriler Humor, den Keller Karl May voraus hat.