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02 November 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.27-29)

Siebenundzwanzigstes Kapitel
Im Februar erlebte ich einen Faschingsball. Im Maskengewimmel bewegte sich jemand unter einem riesigen schwarzen Dreimaster. Diese ins Gigantische gesteigerte Kopfbedeckung war eigentlich ein Tintenfaß, in dem eine Gänsefeder steckte. Das monströse Gebilde zog meine Augen vor allem an und erregte in mir unendliches Staunen. Und mein Staunen steigerte sich, als ich einige Tage später dieses Pappdeckel-Tintenfaß in einem Zimmer der Krone entdeckte und erfuhr, daß beim Balle der Kopf meines Vaters darunter gesteckt hatte.   Das Vorspiel des Balles innerhalb der Familie zeigte meine Schwester Johanna zugleich als Hauptakteurin und als Unschuldslamm. Es ist insofern merkwürdig, als es wieder Gegensätze und Unstimmigkeiten im Wesen meiner Eltern bloßlegte. Meine Mutter frönte der Tradition, wonach man eine heiratsfähige Tochter ausführte. Diese Gepflogenheit aber, die meine Mutter als schöne Pflicht auffaßte, widerte meinen Vater an. Bei der Besprechung zwischen Vater und Mutter, ob man Johanna auf den Ball bringen solle oder nicht, hörte ich meinen Vater sagen: »Tue, was du willst, ich gehe nicht mit; ich müßte mich schämen in Grund und Boden, wenn ich meine Tochter wie ein Pferd auf dem Viehmarkt ausbieten sollte.« Tante Elisabeth wühlte aus andern Gründen, nämlich aus Eifersucht, gegen den Ball. Das alternde Mädchen war ziemlich üppig und vollblütig, die Faschingsbelustigung zog sie wie die allersüßeste Lockung der Hölle an, aber sie hätte den Ballbesuch weder vor ihrer Schwester Auguste noch vor ihren pietistischen Freunden verantworten können. Sie fing ihren Feldzug gegen den drohenden Mummenschanz mit Einwänden gegen die zu erwartende gemischte Gesellschaft, gegen die Unsittlichkeit der Maskenfreiheit und ähnliches an, bemäkelte dann die Kostüme, an denen Mutter und Tochter stichelten, und wandte sich gegen die Tanzsünde. Trotzdem sie im Endziel aber mit meinem Vater übereinstimmte, zog sie meistens vor zu verschwinden, sobald er in die Nähe kam. [...]

Um die Osterzeit etwa wurde für mich mein ältester Bruder Georg geboren. Allerlei kleine Begegnungen und Neckereien der vorhergehenden Jahre hatten mir ihn nicht eigentlich gegenwärtig und lebendig gemacht. Das geschah nun, da er als Oberprimaner in die Ferien kam. Mir sind von da zwei Seiten seines Wesens erinnerlich: die eine war gleichsam ein letztes, knabenhaftes, körperliches Austoben, während die andere in einer sich reif und erwachsen gebenden Art bestand und einer damit verknüpften Neigung zu Diskussionen, die ja übrigens in der Familie lag. Und wiederum waren es religiöse Fragen, die er hauptsächlich zur Sprache brachte, was ebenso mit der Familientradition zusammenhing. [...]
Ich hatte den Eindruck, daß mein ältester Bruder mir ein besonderes Interesse zuwandte. Vielleicht war es ihm überraschend, zu erkennen, welch seltsames Früchtchen in mir herangewachsen war, von dem er so gut wie nichts wußte. Er hatte wohl anderes zu tun gehabt in den kurzen Ferienzeiten der Vergangenheit, als sich mit einem kleinen Bruder zu beschäftigen, der übrigens selbst keinen Anschluß suchte und überall eigene Wege ging. Nun aber, da Georg selber die männliche Reife erlangt hatte und ihm der für sein Alter noch kindliche Bruder ferner gerückt und fremder geworden war, schien es ihm einen Reiz zu gewähren, ihn womöglich allseitig zu ergründen. Oder hatte er vielleicht von meinem Vater den heimlichen Auftrag dazu? Es war nicht leicht, mich vertraulich zu machen, solange das wohlerzogene Bürgerkind dem Proletarierjungen von der Straße den Platz geräumt hatte. Denn dieser hatte in sich die Abneigung seiner Klasse gegen die höhere, ihre Verstecktheit, ihr Mißtrauen und eine Scheu, man könne in die ihm liebgewordene Sphäre individueller Freiheit eingreifen. Der für seine zehn Jahre noch überaus zarte und kindliche Knabe, der ich gewesen sein muß, hat wohl dem erwachsenen Bruder mehr als einmal Entsetzen erregt, wenn er ihn, vertraulich gemacht, in gewisse Abgründe weniger seiner Gassen- als seiner Gossenerfahrung blicken ließ. Um mich nicht kopfscheu zu machen, stellte er sich bei meinen Eröffnungen harmlos amüsiert. In Wirklichkeit, wie er mir später sagte, sind ihm die Haare zu Berge gestiegen. Üble und schmutzige Handlungen gab es nicht zu beichten oder sonst mitzuteilen. Dagegen hatten sich um so mehr häßliche Reimereien wandernder Straßenbarden meinem Gedächtnis eingeprägt. Sie sind von einer so ausgesucht Rabelaisschen und auch zweideutigen Art, daß ich nicht daran denken kann, sie mitzuteilen. Ich hatte sie trotz aller Roheit und Gemeinheit wie etwas ganz Selbstverständliches hingenommen, allerdings auch mit einer im Grunde unbeteiligten Sachlichkeit. Nicht ohne deutliches Unbehagen spürte ich damals, daß ich nicht mehr allenthalben so unbeachtet und ungehemmt dahinleben konnte wie bisher. Überraschende Fragen und Mahnungen meiner Mutter, eine strengere Festlegung dessen, was ich außer dem Hause tun durfte, durch den Vater und schließlich sowohl Rügen als Unterrichtsversuche meiner Schwester Johanna belästigten mich. Besonders an meiner Schwester habe ich die Empörung über den neuen Zustand immer wieder bis zur Raserei ausgelassen. [...]
Mit dem Auftreten des Primaners Georg fing die Erörterung allgemeiner Fragen an, in die sich mein Vater, als ob ihn danach gehungert hätte, gern verwickelte. Sie enthoben ihn einer Isolierung, wie mir scheint, zu der er sich selbst für Jahrzehnte verurteilt hatte. Sein Wesen während dieser Zeit war wie das gegen jedermann: Schweigsamkeit, ja Unnahbarkeit. Seine Äußerungen gingen nirgend über das im sozialen Verkehr unbedingt Erforderliche hinaus; selbst meine Mutter ist vergebens immer wieder gegen die Burgmauern seiner Verschlossenheit Sturm gelaufen. Nun aber, Georg gegenüber, und somit auch Carl und mir gegenüber, trat er offen aus sich heraus. Es gab in unserer Familie »Auftritte«. Mein und besonders Carls Temperament konnte ohne dergleichen Höhepunkte nicht auskommen. Schwester Johanna reizte uns durch geheuchelte Kälte. Sie verarbeitete ihre Auftritte innerlich. Beispiele, welche das Temperament meiner Mutter und meines Vaters durch heftige Auftritte bestätigten, sind in diesen Blättern schon angeführt. Spätere Vorfälle werden beweisen, daß mein Bruder Georg in dieser Beziehung vielleicht am stärksten belastet war und gelegentlich von einem maßlosen, höchst gefährlichen Jähzorn übermannt wurde. Um jene Ostern trug sich dieser tragikomische Auftritt zu: Das neugebackene Denken Georgs hatte für sich die Frage entschieden, ob Jesus von Nazareth ein Mensch oder ein Gott gewesen sei. Georg hatte behauptet, er sei zwar der edelste und reinste der Menschen, die je gelebt hätten, aber doch nur ein Mensch. Wäre Jesus ein Gott gewesen und hätte er sich als eingeborener einziger Sohn Gottes gefühlt, so wäre sein Opfer kein Opfer gewesen. Wie solle auch ein Mensch den Tod erleiden, der selber von sich wisse, daß er ein Gott und daß er unsterblich sei. Und so war denn das A und O der Darlegung meines Bruders Georg am Familientisch, der auch Carl beiwohnte, daß Jesus ein Mensch und nicht Gottes Sohn wäre. Niemand versah sich des Eindrucks, den diese Eröffnung auf den damals wohl dreizehnjährigen Bruder Carl machte. Er sprang vom Stuhl, er weinte fast vor Entrüstung und Wut. Aus seinem Munde sprudelten einige Minuten lang die heftigsten Vorwürfe: »Du wirst es büßen! Du wirst es zu büßen haben!« schrie er seinen älteren Bruder an. Was er sage, sei Blasphemie, sei Gotteslästerung, sei verbrecherischer Unglaube. Die Mutter, der Vater waren verdutzt. Dem Vertreter aufgeklärter Ideen blieb die Sprache weg. Schwester Johanna war verzückt wie bei allem, was Carl in den Augenblicken seiner idealistischen Aufschwünge äußerte. Dieser aber schloß, sich in weinender Heftigkeit überschlagend, indem er vor Georg aufstampfte, in einer Wiederholung, die nicht seine Überzeugung, sondern sein heiligstes Wissen verriet: »Ich sage dir, Jesus ist Gottes Sohn!« [...]
Carl wurde allseitig besänftigt und durch die übliche Unwahrhaftigkeit beruhigt, es sei nicht so gemeint. Was mich betraf, so existierte die Frage damals für mich noch nicht. Ich wußte von ihr sowie auch davon, daß es ein protestantisches und ein katholisches Glaubensbekenntnis gab, aber ich nahm alle diese Tatsachen als das und nichts anderes hin. Alles, was mit Kirche und Religion zusammenhing, ließ mich gleichgültig,  [...]
Es scheint mir, daß nach dem Abzug Georgs Johanna mit der Aufsicht über mich in Schuldingen betraut worden ist. Das war eine undankbare Aufgabe, der sie außerdem nicht gewachsen war. Nicht nur hat sie hier auf lange hinaus meine Neigung verscherzt, sondern sie hatte auch allerlei üble Eigenschaften meiner Natur kennenzulernen, mit denen ich mich zur Wehr setzte. [...]
Ich schwanke nicht, mir für diese Zeit alle häßlichen Eigenschaften der werdenden Flegeljahre zuzuschreiben. In dem Bestreben, mich aus der autoritativen Umklammerung meiner zähen Schwester frei zu machen, war mir jedes Mittel willkommen. Manchmal muß ich ein Unhold gewesen sein, was niemand, der mich von ungefähr erblickte, meinem sanften und zarten Wesen zutraute. Ich warf Bücher und Tintenfaß an die Wand, sprang vom Stuhl und lief davon, gleich nachdem meine Schwester mich durch ein Gemisch von Drohungen und Überredungen zur Erledigung meiner Schularbeiten willig gemacht hatte. »Was willst du mich lehren«, schrie ich ihr ins Gesicht, »du bist dümmer als ich!« Mehr als einmal bedrohte ich sie, ging gegen sie vor und drängte die Lehrerin aus dem Zimmer. Es war mein Dasein, das ich gut fand, mit dem ich so lange zufrieden gewesen und das ich im Grunde bis an mein Lebensende beizubehalten wünschte, das ich mit dem Mut der Verzweiflung verteidigte. Es war die Wut gegen den Zaum, die Kandare, das Kumt, die Zugstricke und den Wagen, die mich zu einem um sich beißenden, bäumenden, ausschlagenden jungen Pferde machte. Es waren mir noch zwei Jahre bestimmt, bis sich die völlige Zähmung durchsetzen konnte. 

Achtundzwanzigstes Kapitel 
Wie vieles wird uns vorgelebt, wie viele Schicksale verfolgen wir, wie viele Belehrungen erfahren wir dadurch unbewußt. Das eigene Schicksal findet zunächst am wenigsten Beachtung bei uns selbst. Es einigermaßen genau zu sehen ist daher nur in späteren, reifen Jahren möglich. Die Schicksale andrer aber sind es, die uns von früh an belehren, bereichern und bilden. [...]
Polizeiverwalter Keßler, der mit meinem Vater in guten Beziehungen stand, hatte seine Frau durch den Tod verloren und bald zum zweiten Male geheiratet. Seine Tochter aus erster Ehe, Eveline, die im Alter Johannas war, litt schwer unter ihm und der Stiefmutter. Es schien, daß die amtliche Brutalität des Polizeiverwalters sich vollständig hinter die Auffassung seiner zweiten Frau stellte, wonach die Tochter aus erster Ehe verpflichtet war, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und darüber hinaus für die Stiefgeschwister aus zweiter Ehe zu arbeiten. Wie ein Sklavenvogt, hart und gnadenlos, war Keßler hinter Eveline her, die sich mit seinem Wissen eine Erholung nicht gönnen durfte. Ohne sein und der Stiefmutter Wissen kam sie zu uns und weinte sich aus.
Der Fall enthüllte mir damals eine der düstersten Seiten der Menschennatur. Das schöne, liebenswerte, vielleicht ein wenig einfältige Mädchen war ganz hilfreiche Güte, Fügsamkeit und Schmiegsamkeit, was aber nur jene Folge hatte, daß man sie ohne jede Erkenntlichkeit gnadenlos überbürdete. Einmal wurde mein Vater deswegen bei Keßler vorstellig, was eine lange Verfeindung ergab. Ein andermal wäre der harte Mann, der vor Züchtigungen der erwachsenen Tochter nicht zurückschreckte, beinahe in ein gerichtliches Nachspiel verwickelt worden, als Eveline einen Selbstmordversuch gemacht hatte. Ich habe später auf einen besonderen Fall zurückzukommen, der seinen Sohn aus zweiter Ehe, Albrecht Keßler, betraf. Fünfundfünfzig Jahre nach dieser Zeit sah ich Eveline überraschenderweise in Berlin, nachdem sie fast ebensolange meinem Gesichtskreis und meinem Gedächtnis entschwunden war. Der Schriftsteller Julius Bab schrieb mir, daß eine Weißnähterin bei ihm arbeite, die eine genaue Kenntnis meiner Person und meiner Familie aus Jugendtagen her behaupte. Es war erschütternd für mich, als Eveline, verwitwete Lippe, geborene Keßler, mir als Nähterin gegenübertrat und mit jedem Wort auf rührende und ehrenvollste Weise all der Stunden gedachte, die meines Vaters, meiner Mutter, meiner Schwester Johanna sie liebevoll umhegender Trost ihr gewährt hatte. In dieser bezaubernden, beinah jenseit-heiteren Frau, die einen Lebenskampf ohnegleichen mit einem schweigenden Heroismus durchgekämpft hatte, war ein Spiegel vorhanden, der den humanen Geist unserer Familie fast zu meiner Beschämung aufbewahrt hatte. [...]
Ich spielte gern mit den Nixdorfkindern, soweit mein antibürgerlicher Betätigungsdrang es zuließ. Plötzlich schied der kleine, freundliche Max Nixdorf, Nixdorfmaxel genannt, aus dem Kreis der Gespielen für immer aus. Man hatte den Knaben eine Zeitlang vermißt, und alles war nach ihm auf der Suche. Auch wir, meine Rotte Korah von Dorfschlingeln und ich, beteiligten uns daran, indem wir natürlich die Sache zu einem Spiel machten und mit Pfadfindertricks und dergleichen verbanden. Man fand den Vermißten nicht fern dem Hause im ortsbekannten, wohlkultivierten Nixdorfschen Gemüsegarten, wo er irgend etwas auf dem Grund einer Regentonne hatte fischen wollen, sich dabei zu weit über ihren Rand gebeugt, das Übergewicht bekommen hatte und so kläglich ertrunken war. Wie vieles wird uns vorgelebt, wie viele Schicksale verfolgen wir, sagte ich zu Anfang des Kapitels, und ich füge hinzu: wie viele Schicksale überleben wir! Ich verfolgte noch immer alles in den näher und ferner gelegenen konzentrischen Kreisen meines Wirkungs- und Gesichtsfeldes mit großer Aufmerksamkeit. Noch immer reihte sich in den Akten, die ich unwillkürlich über jede menschliche Einzelerscheinung oder Familie führte, Zug an Zug, Beobachtung an Beobachtung, wodurch sich der immanente Besitz an Erfahrungen fortwährend bereicherte. Um jene Zeit begann bereits eine Verletzlichkeit mich zu quälen wegen der herablassenden Geringschätzung, die man im allgemeinen einem Knaben von zehn Jahren entgegenbringt. Zehn Jahre Lebens und das darin Errungene an Erfahrungen und Kenntnissen sind durchaus keine Kleinigkeit. Ich darf mir auch keineswegs schmeicheln, einen erheblichen Teil davon mit meinem bisherigen Bemühen erfaßt zu haben. Der Besitz des Gewonnenen belastete mich indes noch nicht. Es war, als wäre ich frei davon und hätte ihn irgendwo aufgehoben. Mein Leben im großen ganzen sowie im besonderen setzte sich gewohnheitsmäßig fort. [...]

Es war bukolische Schönheit des Griechentums, die mich zum erstenmal in der Geschichte Jesu, vor dem Beginn seines Leidens, anwehte. Die Hirtengestalt des Heilands – »Ich bin ein guter Hirte« – hatte in all ihrer sanften Schönheit Wohnung genommen in mir. Ich hatte vielfach Umgang mit ihr, obgleich ich, so oder so wie jeder Knabe allfältig mißverstanden, weder Eltern, Geschwistern noch sonst irgend jemand davon redete. Aber was hätte die Entscheidung der Frage, ob dieser mein treuer Kinderfreund und älterer Bruder einen Gott oder einen Menschen zum Vater, ja überhaupt einen Vater hatte, meiner Liebe und meinem tiefen Vertrauen zu ihm noch hinzusetzen sollen? War mein Verhältnis zu Jesu nun doch vielleicht Religion, dann gehörte es in den tiefgeheimen, esoterischen Teil derselben. Eine Verbindung mit dem Aberglauben, von dem ich sprach, hatte sich – sage ich: glücklicherweise? – noch nicht angebahnt. [...]

Neunundzwanzigstes Kapitel 
Bevor die ernste Stunde erschien, in der Carl uns verlassen sollte, um in Breslau die Realschule zu beziehen, ereignete sich ein Vorfall, der für die Nächstbeteiligten ein niemals aufgeklärtes Mysterium geblieben ist. Darüber sind mein Vater, meine Mutter, Tante Auguste und Tante Elisabeth, ohne die Wahrheit zu erfahren, hingestorben. Irgendwie kam es einmal in diesem Spätherbst zu einer Landpartie, die in unsrer Kutsche und einem Mietswagen unternommen wurde. Nach stundenlanger Fahrt kamen wir am Ziel, einem entlegenen Dorfe, an, in dessen Kretscham wir einkehrten. Außer meiner Mutter und meinem Vater waren Tante Auguste und Tante Elisabeth sowie Onkel Gustav und Tante Julie von der Partie. Das Ganze gewann an heiterer Lebhaftigkeit, da man Johanna, Carl und mich sowie den kleinen Georg Schubert mitgenommen hatte. Während die Alten beim Kaffee saßen, hatten wir Jungen in Gärten, Hof und Ställen des bäurischen Anwesens herumgetollt, wobei auch Schwester Johanna wie öfter ihr steifes Pensionswesen fallen ließ. Plötzlich, im Stalle hinter den Pferden, bückte sie sich und nahm einen Gegenstand von der Erde, den sie unterm Stroh entdeckt hatte. Wir andern scharten uns um sie und mußten nun mit Erstaunen und Jubel feststellen, daß sie nichts weniger als einen goldenen Ring gefunden hatte. Er wurde im Triumph dem sich lebhaft unterhaltenden Verwandtenkreise vorgelegt. [...]
Ich brachte diese Episode mit der Übersiedlung Carls nach Breslau in Zusammenhang, und zwar nicht allein wegen der zeitlichen Nähe, sondern weil Carl daraus nicht wegzudenken ist. Inwiefern dies der Fall war, hat mir mein Bruder etwa in seinem sechzigsten Lebensjahre gestanden. Er hatte sich nämlich spielerischer Weise den Ring im Dachrödenshof angeeignet, was auf ihm lastete und ihn veranlaßte, den Ring im Stall wegzuwerfen und meine Schwester ihn finden zu lassen. [...]

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.24-26) Krankheit der Mutter, Johanna, Kunst, Dichtung

Vierundzwanzigstes Kapitel 
Eines Morgens wachte meine Mutter, mit der ich, wie schon gesagt, das nicht sehr anheimelnde Schlafzimmer teilte, auf eine seltsame Weise auf. »Gerhart, gehe doch mal«, sagte sie, im Bett sich aufrichtend, »Gerhart, gehe doch mal ...« Weiter kam sie nicht. »Gerhart, willst du so gut sein und ...« Aber auch diesmal kam sie nicht weiter. »Gerhart, mir ist nämlich, mußt du wissen ...« Abermals trat die Stockung ein. Ich erkannte sogleich, daß meine Mutter nur halb bei Besinnung war und hilflos um sich her tastete. »Gerhart, willst du nicht Vater sagen ...« Ich sprang aus dem Bett und rief ihn herbei. Doktor Straehler, Doktor Oliviero und Doktor Richter wurden gerufen. Nach ihrem gemeinsamen Ausspruch bestand kein Zweifel, daß die furchtbare Hand der herrschenden Pest in unser Haus und nach meiner Mutter gegriffen hatte. Sie war da, unter unserm Dach, mitten unter uns. Keiner wußte, ob er ihr noch entgehen konnte. Die Kranke wurde sogleich im Hause isoliert, so gut oder schlecht, wie es damals üblich war. Aber infolge der Energie meines Vaters wurden alle Vorsichtsmaßregeln, Ansteckung zu vermeiden, durchgeführt. Immerhin lag der Eingang zum Krankenzimmer nur vier oder fünf Schritt von dem unserer Wohnstube. Carl und ich wurden sogleich geimpft, alle Hausgenossen desgleichen, und es hat denn auch eine Übertragung der Krankheit im Kurhaus nicht stattgefunden. Daß mein Vater und wie mein Vater die Mutter liebte, erwies sich bei dieser Gelegenheit. Der Kursaal war nun also ein Blatternhaus. Er mußte als Gasthof geschlossen werden und wurde – ich weiß nicht durch welche äußere Zeichen – als verseucht kenntlich gemacht. [...]
[Die Mutter erkrankt.]
Sorgenvolle Wochen vergingen nun, in denen wir auf das Befinden der Mutter aus dem Verhalten des Vaters schließen konnten, auch wenn er keine Berichte gab. Stieg im Krankenzimmer die Gefahr, so war der Vater schweigsam und unruhig, waren die Ärzte hoffnungsvoll, so spürten wir das an einer gewissen Zärtlichkeit, mit der uns der Vater behandelte.
Es kam dann ein Tag, an dem er nach dem Besuch der Ärzte zu uns trat, die goldene Brille abnahm und putzte und mit feuchten Augen sprach: »Unser lieber himmlischer Vater scheint beschlossen zu haben, daß wir unsere gute Mutter behalten sollen. Sorgt nun, daß ihr selber gesund bleibt, macht euch fort an die Luft, springt im Posthof herum, aber meidet die andern Menschen!«
Die Ärzte behielten recht. Bald bezogen sich die Krankenberichte nur noch auf einzelne Phasen der Rekonvaleszenz, den Rückgang des Fiebers und sein Ende, die Art und Menge der Nahrungsaufnahme, die man der Kranken zubilligte, die Mittel, die man gegen die zu befürchtenden Blatternarben anwandte, Mittel, welche die Hoffnung rechtfertigten, es werde im Antlitz meiner Mutter keine entstellende Spur der überstandenen Krankheit zurückbleiben.
Mit der Natur über Frühlingsanfang hinweg wuchs meine Mutter wiederum mehr und mehr ins Leben hinein, und eines Tages hieß es, sie könne nun bald aufstehen. [...]

Fünfundzwanzigstes Kapitel 
Die Saison war im Gang, das Hotel zur Krone, wie immer um diese Zeit, glich einem Bienenhaus. Ankommende Gäste, Kutscher und allerlei Leute lärmten im Hof. »Hauffe, sullst assa kumma!« schrie die kleine, jetzt siebenjährige Ida Krause mit durchdringender Stimme täglich um zwölf Uhr vom Haus hinüber zu den Stallungen. Den derben, kleinen, resoluten Strunk hatte man gern, und mein Vater freute sich jedesmal, wenn er Idas »Hauffe, sullst assa kumma!« vernahm. Sagte man ihm, daß er ihr das Geschrei verbieten sollte, lehnte mein Vater lachend ab. Plötzlich, nachdem ich sie tags zuvor noch ihren pflichtgetreuen Ruf hatte ausstoßen hören, wurde bekannt, Ida Krause sei tot. Sie war an Diphtheritis gestorben. Der Ruf also, der den alten Pferdeknecht Hauffe zu jenem Mittagessen aufforderte, das ich selbst einmal als Gast am Krausetisch unvergeßlichen Angedenkens eingenommen hatte, erscholl von nun an in Ewigkeit nicht mehr. Ein scheinbar unsterbliches Etwas, ein tüchtiges, bei all seiner Jugend bereits arbeitswütiges Bauernmädel hatte sich ins Nichts aufgelöst. Ich habe weder die Leiche gesehen, noch habe ich den kleinen Sarg begleitet, als man Ida unter Vorantritt der Schule und des Lehrers Brendel vom Oberdorf nach dem Niederdorf, parallel dem Flusse der Salzbach, zu Grabe trug. [...]
Vielleicht sah meine Schwester in meinem Verhalten mit Besorgnis Zeichen der Verwahrlosung und hatte sich mit ihrer Lehrerin Mathilde Jaschke darüber ausgesprochen. Sie nahm mich jedenfalls eines Tages zu dieser Dame und deren Pflegemutter, dem Fräulein von Randow, mit.
Beide Persönlichkeiten neigten sich mit einer großen Zartheit und Wärme zu mir. Ich durfte Tee trinken, Kuchen essen und mich in den Räumen des Hauses, genannt Kurländischer Hof, nach Belieben umsehen. Wohlfühlen konnte sich hier ein zügelloses Naturkind zunächst freilich nicht, aber es überkam mich ein heimliches Staunen, eine stille Bewunderung. Die Zimmer mit ihren antiken Möbelstücken und ihren Parkettfußböden rochen nach poliertem Holz und nach Bohnerwachs und waren mit Reseda und Goldlack in Vasen und Schalen parfümiert.
Fräulein von Randow war wohlhabend. Ich habe die hohe, würdevolle Erscheinung mit der weißen Rüschenhaube und dem schlichten grauen Habit deutlich in Erinnerung. In ihrem Besitz befand sich eine alte Vitrine, die von vier Mohren getragen wurde. Ein anderer Schrank mit vielen kleinen Schüben war mit Olivenholz fourniert und das Äußere jedes Faches mit sogenanntem Landschaftsmarmor ausgelegt. Jedes der beiden Stücke war eine Seltenheit. Aber auch alles übrige der gesamten Einrichtung war kostbar und von erlesenem Geschmack. Das Ganze, als es später durch Erbschaft an Mathilde Jaschke, hernach auf meine Schwester überging, blieb jahrzehntelang eine Fundgrube und ist trotz mancher Verkäufe und Schenkungen bis zum heutigen Tag noch nicht erschöpft.
Die selbstverständliche Freiheit und Sicherheit, mit der meine Schwester sich im Hause der adligen Dame bewegte und wie sie hier gleichsam als dazugehörig betrachtet wurde, steigerte meinen Respekt vor ihr. Und in der Tat hatte schon damals das Verhältnis des weißgelockten Fräuleins von Randow zu ihr einen mütterlichen Charakter angenommen. Ähnlich stand es mit Fräulein Jaschke, der Pflegetochter.
Ein resoluter Geist und ein goldenes Herz waren vereinigt in ihr, Eigenschaften, womit sie sich überall durchsetzte.
»Das größte Zartgefühl schulden wir dem Knaben«, sagt Juvenal. Es war auch der Grundsatz, nach dem ich im Kurländischen Hof behandelt wurde. Hier erschloß sich mir ahnungsweise ein bis dahin unbekanntes Bildungsgebiet, wenn es mich vorerst auch nur sehr gelegentlich und sehr flüchtig berühren mochte. Eine gewisse Verwandtschaft bestand allerdings zwischen diesem Hause und Dachrödenshof als den letzten Ausläufern einer Kultur, die im großen ganzen versunken war.
In der Umgebung des Fräuleins von Randow herrschte der Geist heiter-ernster Weltlichkeit, der keine moralische Schärfe zeigte und es einem ganz anders als in der scharfen Atmosphäre um das bucklig-fromme Täntchen Auguste wohlwerden ließ, deren spitze Blicke und spitzere Worte fortwährend Kritik übten. Welche der beiden Geistessphären an sich tiefer und bedeutsamer war, entscheide ich nicht.
Es war der Kummer meiner Mutter, daß mein Vater zu seiner Tochter Johanna, solange sie Kind war, kein freundliches Verhältnis gewinnen konnte. Er schien sie immer zurückzusetzen. Es war nicht zu ergründen, ob dies nun nach Hannchens gleichsam triumphaler Rückkehr aus der Pension anders geworden war. Immerhin schien sich mein Vater zurückzuhalten, und wahrscheinlich hatte meine Schwester im Kurländischen Hof mit der imponierenden adligen Dame und ihrer resoluten und gebildeten Pflegetochter einen neuen und starken Rückhalt gefunden. Dieser Rückhalt verstärkte sich. Er führte alsbald im Dachrödenshof und sogar bei meiner Mutter zu Eifersucht. Tante Auguste und Fräulein Jaschke hatten einander nichts zu sagen und mieden sich. Elisabeth stand Fräulein Jaschke näher, da sie immer noch Hoffnungen weltlicher Art nährte, aber das Verhältnis war kriegerisch. Nie ist zwischen beiden das Kriegsbeil vergraben worden. Meistens war es die Seele Johannas, um die man auf beiden Seiten stritt, Elisabeth im zelotischen Sinn, Mathilde ihren Zögling verteidigend. 

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Anders und tiefer war der Kampf, den meine Mutter damals, durch Jahre, um die Seele der Tochter kämpfte, die ihrer Meinung nach ihre kindliche Pflicht vergaß und in ein fremdes Lager überging.
Wie meine Mutter fühlte und nicht fühlte, lebte sie in einer Art Aschenputtelexistenz. Gram und Kummer deswegen waren vielfach auch mir gegenüber zum Ausdruck gekommen. Sie setzte instinktiv bei Johanna ein ähnliches Fühlen voraus. Vielleicht schwebte ihr von dieser Seite eine Entlastung vor, die sie anderwärts nicht erhoffen konnte.
Johanna ging einen andern Weg. Obgleich sie, wie mein Vater es nannte, als Siebenmonatskind nur ein kleines Leben war, bestand ein starker Wille in ihr, den auch ich nicht selten zu spüren bekam. Sie schwieg, wo sie anderer Meinung war, verharrte jedoch um so fester auf ihrer. Das Beispiel der Mutter, die in den Sorgen und der Mühsal des Haushaltes ertrunken war, glich einer immerwährenden Warnung, aus Willensschwäche einem ähnlichen Schicksal anheimzufallen. Nein! Eier quirlen, Bouillon abraumen, Knochenbänder durchhauen, Hühner und Fische schlachten, Pfannen reinigen, scharfen Fettdunst einatmen, Bohnen schneiden, Schoten auspahlen, Kirschen entkernen, Strümpfe stricken und Strümpfe stopfen lag meiner Schwester nicht.
Unwiderstehlich fühlte sie sich vielmehr durch die vornehme Geistigkeit des von Randowschen Kreises angezogen, wo man Englisch und Französisch trieb, deutsche Dichter las und am Klavier Mozart, Schubert und Beethoven pflegte. Die Auseinandersetzungen zwischen meiner Mutter und meiner Schwester, die nicht selten in meiner Gegenwart stattfanden, steigerten sich mitunter zu großer Heftigkeit. Meine Mutter war hierin kurzsichtig. Wäre Johanna ihr gefolgt, wahrscheinlich wäre sie zeitig zugrunde gegangen, denn eine Entwicklung, wie die hier für sie erstrebte, war für sie bei der Zartheit ihrer Anlage Unnatur. [...]

Dieser junge George oder Fritz oder Jean, mit Strohhut, Stöckchen und elegantem Sommerpaletot, stand eines Tages, während ich speiste, vor mir in der Büfettstube. Er schwenkte sein Stöckchen, hob den Hut, wischte mit einem seidenen Taschentuch seine Stirn und fragte mit einer mir an ihm fremden Ungeniertheit: »Sagen Sie, Gerhart, wo ist Ihr Vater?« Ich war erschreckt, denn ich merkte, daß etwas bei ihm nicht in Ordnung war. Als ich zunächst durch Schweigen antwortete, fiel ihm das, wie mir schien, nicht auf. Er pflanzte sich vor den Spiegel und bürstete sorgfältig seinen Scheitel, der tadellos von der Stirn bis zum Nacken ging. Er müsse meinen Vater sprechen, erklärte er, weil er ein Geheimnis entdeckt habe. Er sagte das aber nicht zu mir, sondern führte ein Selbstgespräch, währenddessen er meine Gegenwart, wie ich fühlte, vergessen hatte. »Ich habe ein Geheimnis entdeckt!« war der Schluß, der sich wohl zwanzigmal wiederholte.
Es hieß am gleichen Nachmittag, der arme hübsche Junge sei auf der Promenade einer Generalin buchstäblich aufgehuckt, also auf den Rücken gesprungen, und sei, arretiert, in Tobsucht verfallen. Unheilbar geistesgestört, steckte er wenige Tage später hinter den Gitterstangen einer Irrenanstalt. Es war das erstemal, daß ich die Zerstörung eines Geistes aus der Nähe beobachten konnte. Ein mir vertrauter, liebenswerter Mensch erlitt plötzlich lebendigen Leibes den geistigen Tod. Daß etwas dergleichen schon in diesem Leben möglich ist, erschwert die Antwort auf die Frage nach geistiger Unsterblichkeit und macht den Glauben daran beinah unmöglich. [...]

Immer tiefer gerieten wir in den Herbst hinein, und am 15. November brannten zehn Lichter um meinen Geburtstagskuchen. In meinem Gedächtnis ist dieser Tag verzeichnet gleichsam als epochaler Augenblick. Höchstens drei- oder viermal hat es einen solchen gegeben im ersten Vierteljahrhundert meines Daseinskampfs. Was war es? Was verlieh dem Zehnlichtertag diese Wichtigkeit? Die Frage ist heut nicht mehr leicht zu beantworten. Gewiß ist, sie lag in meinem Geiste, denn hier fand eine bishin unmögliche Art von Einkehr statt. Es war, als wenn ich jetzt erst zum Denken erweckt würde. Eine Erfahrung, die ich gemacht hatte, war das immer schnellere Entschwinden der Zeit. Ein Tag, der mir früher endlos erschienen war, wurde jetzt, in unendlicher Kette, vom nächsten im Handumdrehen abgelöst. Hatte ich in diesem einen Jahrzehnt meine bodenständige Welt so durch und durch kennengelernt, daß sie mir nichts Neues bieten konnte und etwas wie stumpfe Gleichgültigkeit bei mir herrschend ward, wodurch sich dann der Tag ohne neue Erkenntniswerte schnell und gleichgültig abgehaspelt hätte? Eine gewisse kindlich-selbstverständliche, fast gedankenlose Art der Lebensführung hatte sich in der Tat zum größten Teil ausgelebt. Eine Art Reue kam mich an, als ob ich eine unendliche Reihe vorüberfliehender Tage nicht genügend benützt hätte; beileibe nicht etwa im Sinne Brendels oder sonst eines Schulmeisters. Ich erkannte vielmehr in dem Geschenk eines Tages, in der Darbietung einer solchen Sonnenfrist eine ungeheure Kostbarkeit. Wollte ich ihren Verlust überhaupt nicht wahrhaben, so erst recht nicht ihre Verschleuderung. Andrerseits strebte mein innerer Blick plötzlich in die Zukunft hinaus: nicht das Morgen, das Übermorgen, das Weihnachtsfest oder sonst eines im Jahreslauf war mehr sein Ziel, sondern er verlor sich im Unergründlichen. Anhaltspunkte für kosmische oder transzendente Erkenntnis suchte er diesmal nicht, sondern solche, die Aufschlüsse über mein eigenes wartendes Schicksal bringen konnten. Dieser neue, ausdrucksvolle Blick jedoch wurde zugleich von einer Mauer gehemmt, die er zu meiner Pein nicht durchdringen konnte. Hatte ich dereinst meine Einmaligkeit und damit mein unverbrüchliches Alleinsein erkannt, so sah ich mich heut zum erstenmal einem neblichten Schicksal gegenübergestellt, das ich allein zu tragen hatte. Wie würde es nach der Enthüllung aussehen? Welche Lasten lud es mir auf? [...]
Nie eigentlich gab es in unserm Hause private Gesellschaft. [...] 
Einmal aber wurden doch die Gemächer des ersten Stockes für den Empfang einer größeren Abendgesellschaft hergerichtet, und zwar die ganze Zimmerflucht. Alles wurde sorgsam durchwärmt. Im ersten Raume stand das Büfett mit Leckerbissen, Gläsern und geöffneten Weinflaschen, im zweiten und dritten waren Eßtischchen aufgestellt, das vierte Zimmer aber hatte mein Vater zu einem Lesekabinett ausersehen, wo man allerlei Bücher und Zeitschriften durchblättern konnte, aus den sonst wenig benützten Schätzen seines Bücherschranks: Meyers Universum mit seinen schönen Illustrationen, ein dickes Prachtwerk, das, in Kupferstich reproduziert, einen großen Teil der Schätze des Berliner Museums enthielt, ein französisches Werk mit farbigen Lithographien, »Muses et fées«, und Illustrationen zur Ilias, die in einen deutschen Prosatext des Werkes eingefügt waren.
Selbstverständlich, daß ich vor dem Eintritt der Gäste alle diese Werke eifrig durchmusterte. [...]
Dann kam die Ilias an die Reihe. Als ich lange das Buch durchblättert und Prosastücke entziffert hatte, ging mir jäh wie ein helles Licht der Gedanke auf, man müßte diese Prosa in Verse umwandeln. Wenn du diese Aufgabe lösen könntest, dachte ich – der Ruhm eines großen Dichters würde damit gewonnen sein. Ich habe damals weder vom Vorhandensein der Ilias noch der Odyssee noch eines Dichters namens Homer gewußt. Diese Erkenntnis, der Gedanke, die Ilias zu dichten, die, ohne daß ich es wußte, als Dichtung bereits vorhanden war, die damit verknüpfte Hoffnung des Dichterruhms war eben der silberne Strahl, der keine Mauer zu durchdringen brauchte und sich in freier Ferne in einem silbern-lockenden Nebel verlor. Irgendeinen Versuch, die gefaßte Idee zu verwirklichen, habe ich damals nicht unternommen. Keinerlei Überlegung, sondern höchstens ein unbewußtes Wissen meiner knabenhaften Unzulänglichkeit hielt mich davon zurück.  [...]
Scheinbare Zufälle sind es meist, durch die folgenschwere Wirkungen ausgelöst werden. Hätte mein Vater nicht wider seine Gepflogenheit eine Gesellschaft gegeben und, um sie anzuregen, den Inhalt seines Bücherschranks ausgelegt, so würde ich weder die Konzeption des großen Homerischen Gedichts haben fassen können, noch hätten sich jene berühmten plastischen Kunstwerke in meiner Vorstellungswelt festgesetzt. An ihnen lernte ich die Wahrheit des Satzes kennen, den Demokritos gesprochen hat, wonach die großen Freuden aus der Betrachtung schöner Werke abzuleiten sind. Hatte die von mir entdeckten eine übermenschliche Kraft geschaffen, so erfüllte sie selber in meinen Augen außer- und übermenschliche Wesenheit. Sie wurden mir in sich und an sich Kultbilder, wie es mir die Kreuzabnahme geworden war und die Raffaelische Madonna im Großen Saal.

(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)