15 April 2022
Niall Ferguson: Doom. Die großen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft
06 Juli 2021
Juli Zeh: Neujahr, 2018
Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen.
Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung.
Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern.
Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder.
Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés.
Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen. Etwas so Furchtbares, dass er es bis heute verdrängt hat …
Urlaub im Scheibenhaus
Die Geschichte beginnt mit einem stinknormalen Familienurlaub. Gebucht mit großen Erwartungen, aber die Realität fällt stark ab.
Daheim hatte Hennig von großen Villen geträumt, einsam gelegenen Anwesen, deren Mauern sich strahlend weiß aus dunklen Bergen erheben. Doch letztlich ist es nur ein Scheibenhaus geworden: ein funktionales Reihenhaus, eine schmale Scheibe Urlaubsglück. Dort verbringen Henning, Theresa und die Kinder ihre Tage genauso wie daheim – jedoch mit deutlich weniger Komfort.
An Neujahr ist Henning endgültig sauer. Er hatte gehofft, Theresa im Urlaub wieder näher zu kommen. Aber auf der Silvesterparty warf sie sich einem Fremden an den Hals. Der Frust bringt Henning auf die Palme und schließlich auf den Berg von Fémes.
Als er am Gipfel zusammenbricht, gleitet er in einen Dämmerzustand zwischen Traum und Realität. Er erinnert sich an die große Tragödie, die er als Kind hier erlebt hat: Tage grenzenloser Überforderung und tiefschwarzer Angst.
Mit dem Erreichen des Gipfels zerfällt auch das Buch in zwei Teile. Beide Hälften erzählen eine eigene Geschichte, die nur lose miteinander verbunden sind. Hennings Déjà-vu wirkt ein recht konstruiert und die Erklärung der Panikattacken ein wenig zu geradeaus. Aber dafür wird es ungemein spannend. Der Roman steigert sich zu einem intensiven Drama, in dem der alleingelassene Henning verzweifelt um das Leben seiner Schwester kämpft.
Zwei Familiengeschichten in einem Buch. Eine normale und eine außerordentliche. Gute Unterhaltung mit viel Lanzarote-Flair.
Rezension Deutschlandfunk: Trauma und Panik auf Lanzarote
Fontanefan:
Juli Zeh zeigt die Spannung auf, in die insbesondere die heutige Frauenrolle führt. Die Verantwortung für das Kind zu haben und dabei gleichzeitig die Anforderungen an ein völlig selbstbestimmtes Leben erfüllen zu sollen. Die Überforderung, die das bedeutet, wird in der Haupthandlung durch den älteren Bruder verdeutlicht, der durch den Ausfall der Eltern schlagartig in die Rolle des Haushaltungsvorstands versetzt wird und daran scheitert. In der Nebenhandlung wird an den Eltern von Therese (vergleiche dazu Therese in Wilhelm Meister) angedeutet, dass die neue Konstellation bei den Eltern Erwartungen an die Unterstützung durch die relativ fitten Großeltern entstehen lässt, die über die hinausgehen, die bei einer Mutter als Nur-Hausfrau bestanden. Dass die Eltern der Mutter diese Erwartungen eklatant nicht erfüllen, führt zu einer kleinen Einigkeit der Ehepartner.
16 Mai 2021
Vischer: Auch Einer (4) - Über den Solipsismus und A.E.
Zu Solipsismus (lateinisch sōlus ‚allein‘ und ipse ‚selbst‘) erläutert die Wikipedia, er sei die philosophische Vorstellung,
"dass nur das eigene Ich existiert. Häufiger Ausgangspunkt solcher Bedenken ist die Auffassung, dass es unmöglich sei, Gewissheit über eine Realität außerhalb des eigenen Bewusstseins zu erlangen."
A.E. ist freilich kein Solipsist im strengen Sinne. Vischer führt uns aber an seinem Beispiel vor, wie schwer er ist, sich in einen anderen Menschen einzufühlen.
Schon seine Vorstellung, ein rotbraunes Brillenfutteral verstecke sich am liebsten auf einem rotbraunem Möbel, doch die Vorstellung: "Haupttücke des Objekts ist, an den Rand kriechen und sich da von der Höhe fallen lassen, aus der Hand gleiten, – du vergissest dich kaum einen Augenblick und ratsch –« ", diese Vorstellung können wir nicht ohne weiteres teilen. A.E. führt - da er sich vorstellen kann, dass die Anderen das Objekt zunächst nicht so sehen - die Konstruktion ein, das Objekt sei von Dämonen beseelt, die ihrerseits an Stelle des Objekts handeln und den Menschen, der mit ihnen umgeht, zu quälen versuchen. - Man denke an die Dämonen, die in der Bibel in Menschen fahren und die aus den Menschen ausgetrieben werden müssen, damit sie die sich wieder normal verhalten können. (Teufelsaustreibung war zumindest bis ins 20. Jahrhundert hinein eine als legitim angesehene Aufgabe mancher Kirchenvertreter. So wie sie in der Bibel von Jesus und z.B. von Petrus vorgeführt wird.)
So kann A.E. sich nicht vorstellen, dass ein tragisches Geschehen auf Menschen zurückgeführt werden kann, ohne dass ein tückisches Objekt im Spiel ist. In "Wilhelm Tell", kann die "Tellsplatte" nicht zulassen, dass Tell aus der Gefangenschaft Geßlers entkommt, vielmehr muss es - nach A.E. so dargestellt werden:
"Die Szene des Tellsprungs dürfte nun keineswegs nur erzählt, müßte dargestellt werden, und mit unsern theatralischen Mitteln wäre das möglich. Also: Tell springt, gleitet aus, fällt ins Wasser. Wird herausgefischt, trotz allem Sträuben in den Kahn gezogen. Geßler ruft mit teuflischem Tone: ›So, jetzt verklabastert ihm den Sitzteil recht tüchtig!‹ Es geschieht, und zwar um so wirksamer, da Tells Hosen bereits durch die Nässe gespannt sind. Erlauben Sie hier eine kleine Abschweifung. Ich trage mich mit der Idee, den antiken Chor in die Tragödie hohen Stils wieder einzuführen, so auch hier. Der Chor spricht bekanntlich allgemeine Betrachtungen aus und könnte zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse verschiedener Art benutzt werden. Hier nun, an dieser Stelle, hätte ein am Lande befindlicher Chor von Kunstfreunden aus Geßlers Umgebung – ein Anachronismus, ich gebe es zu, doch ein poetisch erlaubter – einige Sätze über die Bedeutung der sogenannten nassen Gewänder in der Skulptur vorzutragen.« "
Othello kann Desdemona nicht allein aufgrund seiner Eifersucht ermorden, er muss von einer bösen Macht getrieben sein, einem Katarrh, der in ihn hineinfährt und ihn daran hindert, sich menschlich zu verhalten.
Diese Vorstellung entwickelt A.E., weil er seinerseits bei irgendwelchen Reizworten oder -Vorstellungen von einem fürchterlichen Katarrh erfasst wird. So, als eine Reisebekanntschaft, ein dreizehnjähriger Junge ein Beispieldistichon von Schiller vortragen will:
"Er wählte das schöne Distichon auf das Distichon, und begann, unterstützt von der mitskandierenden Lehrerin:
»Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule –«* |
So weit kam er.
Die Geschichte ist eine strenge Wissenschaft. Sie kennt nur die Wahrheit. Die Schicklichkeit wird sie beobachten, so lange es tunlich, ohne ein wesentliches Stück der Wahrheit zu unterdrücken. Würde diese leiden, wenn sie jener sich fügte: sie wird, wenn auch mit Wehmut, unerbittlich ihre Bahn verfolgen. Zarte Gemüter, denen diese Strenge unerträglich: sie sind frei, sie können die ernsten Blätter der Geschichte zuklappen, sie können weiter lesen – nach Belieben. Es hatte mir geschienen, A. E. sei des lästigen Uebels, das ihn auf der Reise befallen, ungewöhnlich schnell los geworden; doch das war Täuschung.
Ein Niesreiz just bei jenen Worten – schnelle Seitenwendung von der schönen Nachbarin ab – Taschentuch – vorsichtige Applikation – trotzdem – der Ueberraschte schien im Drang des Augenblicks versäumt zu haben, eine doppelte Ringmauer von Leinwandfalten um den kleinen Geiser der Nase zu bilden, – wenig half es, daß die um Menschenbegriffe so schuldlos unbekümmerte Natur diesmal mehr zierlich, als gröblich, ja mit einer gewissen fein spielenden Zartheit sich einmischte – die Dame zur Linken zuckt hinter ihrem soeben mit Kapernsauce frisch versehenen Teller zusammen und rückt mit dem Stuhl. Die Freundin zur Rechten bemerkt den Vorgang nicht, wohl aber der Alte, der ein Lächeln unterdrückt, und sehr wohl die zwei Knaben, die ein helles Lachen nicht unterdrücken, und nicht minder der Kellner, ein Subjekt mit einem jener Gesichter, die man als ohrfeigenwürdig bezeichnen möchte; er sprach einen abgeriebenen rheinischen Dialekt und war offenbar nur für die Sommersaison herbeschrieben, A. E. hatte ihm ab und zu einen Blick voll Widerwillen zugeworfen; dieser nahm grinsend den Teller schnell weg und schob einen neuen hin." (Vischer: Auch Einer, Kapitel 3)
*Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule,
Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.
Eine Parodie von Matthias Claudius darauf lautet:[5]
Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein;
Im Pentameter drauf läßt er ihn wieder heraus." (Wikipedia: Distichon)