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24 August 2018

Die Woche mit Frau Cresspahl: Über das Schicksal von Mrs. Ferwalter

„In Mauthausen wurde ich befreit“ (11. August 1968)

Kurz vor Gesine Cresspahls Abreise nach Prag wird das bislang nur angedeutete Schicksal ihrer Nachbarin Mrs. Ferwalter konkret. Ausgelöst wird die Erinnerung der Nachbarin, weil sie zu Maries Abschiedsgesellschaft „Passovergebäck“ mitbringen will und dessen Geschmack beschreibt – Marcel Proust lässt grüßen. „Wir haben es zuletzt zuhause gebacken im vierundvierziger Jahr.“ Mrs. Ferwalter stammt aus Transkarpatien, heute der westlichste Teil der Ukraine, mit dem Vertrag von Trianon kam das Gebiet 1920 zur Tschechoslowakei, nach deren Auflösung 1938 zu Ungarn. Zwischen April und Juni 1944 wurde die Bevölkerung aus diesem Gebiet deportiert, auch Mrs. Ferwalter, obwohl sie einen „katholischen Paß“ hat, „mit katholischer Religion“.
„Wir kamen nach Auschwitz. Ich war da acht Monate. Die meisten kamen gleich ins Krematorium. Viele von den Aufsehern laufen noch frei herum, und man staunt wo. So wie wir hier sprechen habe ich mit dem Mengele geredet.
Ich wurden selektiert ins Magazin als Einweiserin.“
Mit diesem „Vernichtungsvokabular“ (wie Alexandra Kleihues die kursiv gesetzten Begriffe nennt) beschreibt Mrs. Ferwalter ihr Leben in Auschwitz, das nur durch die Fürsprache der Geliebten der Leiterin des Frauenlagers „Frau Gräser“ gerettet wird. Denn als Mrs. Ferwalter einer Dreizehnjährigen Suppe bringt und von einer „Kapo“ verraten wird, sagt Gräser: „Sie werden jetzt erschossen. Rief einen Posten herbei.“ Gemeint ist vermutlich Irma Grese, die 1945 von einem britischen Gericht zum Tode verurteilte Aufseherin der Lager Ravensbrück, Auschwitz-Birkenau und Bergen-Belsen, die als besonders brutal bekannt war. Mrs. Ferwalters Erinnerungen sind an die Zeugenaussage Magda Szabos vom 24. August 1964 im Frankfurter Auschwitzprozess angelehnt, die wie Mrs. Ferwalter in der Lagerküche arbeitete. [...]"

22 Juni 2018

Die Woche mit Frau Cresspahl: Auslassungen

„– Was hast Du mir noch verschwiegen?“ (9. und 12. Juni 1968)

Unter den vielen Interviewmethoden der Oral History gibt es eine, bei der am Ende Themen aufgegriffen werden, die im Interview nicht genannt wurden, als Korrektiv und Abgleich. Gesine Cresspahl steckt in einer erzählerischen Sackgasse, sie kann die Chronologie der Jerichow-Ebene nicht fortführen, denn sie kriegt „Cresspahl nicht los von den Sowjets“. Die Adressatin und zugleich das Korrektiv ihrer Erinnerungen, ihre Tochter Marie, wird nämlich in ihrer katholischen Privatschule zu einer zuverlässigen „Antikommunistin“ erzogen. Sie fürchtet zudem, Marie werde einer Reise in die Tschechoslowakei nicht zustimmen (die Voraussetzung für die eigene Reise nach Prag), sollte sie die Wahrheit über die Haft des Großvaters erfahren. Kommt der zurück, wird er ja berichten müssen, auch in den Erinnerungen seiner Tochter.
Ihr Lebensgefährte Dietrich Erichson rät, Marie lieber gut als gar nicht zu informieren, er traut ihr eine differenzierte Perspektive zu, trotz des Geschichtsunterrichts bei Schwester Magdalena. Als sie von einem Bekannten erfährt, dass die Mutter nach Prag reisen will, muss die nun endlich mehr erzählen, um den Haussegen wieder gerade zu rücken.
„– Also ich will zugeben es erging Cresspahl übel in der sowjetischen Haft. Gelegentlich. Schlimmer, als ich dir erzählen mochte.
– Hunger?
– Auch Hunger.
– Körperliche Verletzungen?
– Verletzungen unterschiedlicher Art.
– Es stieß ihm irrtümlich zu, Gesine.
– Es stieß ihm zu.“
Der Vater fehlt nicht nur während seiner Gefangenschaft, er fehlt auch in der erzählten Erinnerung als Augenzeuge, ohne ihn bekommt Gesine, seine Tochter, „nichts als dreizehnjähriges Dabeigewesensein“ hin, in dem die Sorge darum, Jakob Abs und dessen Mutter Marie auch noch zu verlieren, sehr präsent ist. Marie bekommt es „mitsamt der Unordnung“ zu hören, „die eine Wissenschaft von später darin angerichtet hat“. [...]
Marie aber wehrt sich gegen die Unterstellung ihrer Mutter, sie werde „Falsches“ mit deren Erinnerungen anstellen: „–Wart es ab, Gesine. Wart es ab.“ [...]

mehr und ohne die Auslassungen "[...]" in FAZ online

25 Mai 2018

Der Vergangenheit entkommen (oder nicht) - Die Woche mit Frau Cresspahl

Der Vergangenheit entkommen (oder nicht)

"Heinrich Cresspahl bekommt in Jerichow Besuch aus vergangenen Zeiten, Mrs. Ferwalter wird derweil in New York zur amerikanischen Staatsbürgerin und schafft sich so ein weiteres „Bollwerk gegen die Vergangenheit“. Sie feiert mit Marie und Gesine Cresspahl und fragt, ob denn der Film „Der fünfte Reiter ist die Angst“ nicht etwas wäre. Das verneint Gesine, die von den Stimmen der Toten nun darüber aufgeklärt wird, was mit dem Titel des Films gemeint ist."

"„Oft war sie mutlos, eine alte Frau, das Gehirn von zerpflügt von Nervenzucken und Schlaflosigkeit, nicht mehr zum Lernen imstande, und ließ sich trösten wie ein Kind. Wenn es uns nicht gelang, verabschiedete sie sich mit langem Händedruck, das Gesicht beiseite, ging traurig und ungelenk davon auf den Beinen, die die Deutschen und Österreicher ihr kaputt gemacht haben“.
Dennoch ist die Aussicht auf die offizielle Zugehörigkeit zum Gastland für Mrs. Ferwalter, die eine totale Schutzlosigkeit erfahren musste, ihr nicht nur „Vergnügen“, sondern auch „eine neue schützende Hülle, noch ein Bollwerk gegen die Vergangenheit“. Sie hat die behördliche Prüfung überstanden, „Stolz angenommen auf diesen Staat“ und feiert nun mit den Cresspahls. Denn die Erinnerung an die Vergangenheit, das Ausgeliefertsein, die Zerstörung ihrer Dorfgemeinschaft haben ein wenig an Schrecken verloren, weil „ihr nun ein Paß“ ihrer neuen Heimat zusteht.
„– Die Freude: sagt Mrs. Ferwalter, fast in Tränen. – Die Freude!“ "

"Nach ihrem Kinobesuch in der vergangenen Woche hatte Gesine Cresspahl vergeblich versucht, den Titel des Films „The Fifth Horseman Is Fear“ als englische Redewendung zu entschlüsseln. Die Stimmen der Toten in ihrem Kopf, darunter auch die Mutter Lisbeth, klären sie nun auf über die Verbindung mit der Apokalypse, indem sie die Offenbarung des Johannes in der Übersetzung der King James Bible vortragen. Den fünften Reiter aber, die Furcht, gibt es nicht in der Bibel, wohl aber für die Tschechen. „Für die sind die Deutschen alle vier Plagen der Apokalypse, und noch mehr als Raub und Krieg, Hunger, Pestilenz und Tod. Für die haben die Deutschen eigens einen fünften Reiter mitgebracht, die Angst.“ [...]"

Sieh auch:
Auslassungen

13 Mai 2018

Gesine Cresspahl und ihre Tochter Marie streiten über mögliche Lösungen durch Protest.

"Ab dem 23. April 1968 besetzen die Studierenden der Columbia-Universität erst die Baustelle ihres neuen Sportzentrums in Morningside Park, dann fünf Gebäude der Universität und das Büro des Präsidenten Grayson Kirk. Der hatte bereits im März Demonstrationen auf dem Campus verboten und behauptet, die Studierenden seien dem Nihilismus anheimgefallen. Die Proteste richten sich zum einen unter dem Schlagwort „Gym Crow Must Go“ – einer Anspielung auf die rassistischen, als „Jim Crow“ bekannten Segregationsgesetze – gegen den Bau eines exklusiven Sportzentrums im Morningside Park, das den mehrheitlich afroamerikanischen Bewohner*innen Harlems ein wichtiges Erholungsgebiet nehmen würde.  [...]
Gebaut werden solle das Sportzentrum am Riverside Drive, findet Marie, und zusätzlich ein Schwimmbad im Morningside Park durch die Stadt. Zu ihrem Erstaunen ist die Mutter einverstanden mit ihrer Sicht auf die Dinge. Beim Urteil über die Mitarbeit von Wissenschaftler*innen bei der IDA hingegen bewertet die Mutter alle Proteste als hoffnungslos verspätet. Marie muss zugeben, dass es sich um Angehörige der weißen Mittelschicht handelt, tatsächlich hatte der SDS keinen Kontakt zu den ca. 70 afroamerikanischen Studierenden an der Columbia. Die Tochter will sie davon überzeugen, mit ihr zur Universität zu laufen und die Studierenden zu unterstützen. Sie kann nicht verstehen, dass die Mutter sich für „Sozialismus in einem fremden Land“ mit kapitalistischen Mitteln einsetzt und nicht in der Gesellschaft, die ihr zur Heimat geworden ist. Für Marie ist Protestieren wie Handeln im Arendtschen Sinne Veränderung, ihre Mutter ist skeptischer, als Grund nennt sie ihre Erfahrungen:
„Vielleicht habe ich zu lange an der Politik gelernt und kann es nun nicht mehr anwenden.“
Gesine Cresspahl wäre eine Angehörige jener mittleren Generation der Jahrgänge 1909 bis 1934 gewesen, wie jene Deutschen aller Schichten, mit denen 1968 Interviews an der Universität Bonn geführt wurden, die Christina von Hodenberg in ihrer gerade als Buch erschienenen Studie „Das andere Achtundsechzig“ ausgewertet hat. " (FAZ 5.5.18)

29 September 2017

Die Woche mit Frau Cresspahl

Die Woche mit Frau Cresspahl
Lektüreblog zu „Jahrestage“ von Uwe Johnson


"Es gibt nichts Älteres, heißt es, als die Zeitung von gestern. Doch das kommt darauf an. Als der Schriftsteller Uwe Johnson im Sommersemester 1979 Gastdozent für Poetik an der Universität Frankfurt war, erzählte er von seiner Zeit in New York und der Suche nach Material. Während seine Kollegen – Johnson war Angestellter eines Schulbuchverlags – auf einen Schlüsselroman im Verlagswesen hoffen, grast er 1966 und 1967 New York und dessen unmittelbare Umgebung nach etwas ab, wovon er selbst nicht weiß, was es sein kann. „Fast war das vereinbarte Jahr vorüber“, als Johnson am 12. April 1967 auf Gesine Cresspahl stößt: „Ob sie wohl in Restaurants in ihrem Mantel sitzt? die Brille im Haar traegt?“. In der nächsten Woche habe er sie dienstags in Richtung Sixth Avenue gehen sehen. „Meine Damen und Herren, Sie werden mir vorhalten, sicherlich sei ich der einzige gewesen auf der ganzen 42. Strasse einer Gesine Cresspahl zu begegnen“. Doch keine andere aus seinem erzählerischen Kosmos habe dort gehen können und nirgendwo hätte das „Mecklenburger Kind, aufgewachsen eine Stunde Fußweg von der Ostsee“ anders wohnen können als am Riverside Drive an der Westküste Manhattans, dort wo Johnson selbst lebte.
Dank der Rockefeller Foundation blieb Johnson noch bis zum August 1968 in New York. Vom 29. Januar an schrieb er an den „Jahrestagen“, die (undatiert) am 20. August 1967 an der Küste New Jerseys beginnen [...]
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"Nur wer Heimat ausschließlich mit Herkunft verknüpft, kann sie allein für die Herkommenden beanspruchen und sie den Ankommenden nicht gewähren wollen – gedanklich wie tatsächlich. Kann ausgrenzen, markieren und herabsetzen. Doch nicht einen Roman kann man in die Hand nehmen, kein Musikstück hören, keine Reise unternehmen, nicht eine Freundschaft pflegen, ohne zumindest eine Ahnung vom Glück einer Heimat des Ankommens zu haben." (Heimat als „Ort des Ankommens“)

Heimat als Ort des Ankommens“ ist im Deutschen nicht die naheliegendste Assoziation,
man kennt sie aber in der Redewendung des "Sichbeheimaten".

25 September 2017

Johnson: Jahrestage 20. September

20. September, 1967    Mittwoch
Gestern oder übermorgen vor sechsunddreißig Jahren bekam Papenbrocks jüngste Tochter die Einladung, Leslie Danzmann in Graal zu besuchen. Ihre Betten hatten in der rostocker Töchterschule Kopf an Kopf gestanden, und Leslie Danzmann machte tatsächlich Ferien in Graal. Sie war die Witwe eines Marineoffiziers, und von seiner Pension konnte sie nur die Nachsaison an der Ostsee bezahlen. Leslie Danzmann war gern gefällig.
Die Freundin aus Jerichow kam nach dem Frühstück in Graal an und schrieb im Speisesaal des Kurhauses Strandperle Ansichtskarten bis in den späten Nachmittag. Leslie sagte ihr die Ausflüge vor: Moorhof, Wallensteins Lager, Gespensterwald, Forsthaus Markgrafenheide. Als sie wieder auf dem Bahnsteig im Wald standen, umarmten sie einander unverhofft, ein ländliches Mädchen in einem zu groß karierten Jackenkleid und eine bleichhaarige Dame im Tennisdreß, beide überschwenglich, die eine wegen des Freundinnendienstes, die andere, weil sie die Ledige nicht hatte warnen mögen. Dann ging sie zur Post, setzte ihre Unterschrift auf die erste Karte an Papenbrock und steckte sie ein.
[...]
 Sie wollte gar nicht ihre Eltern hintergehen; sie wollte ein Geheimnis nicht ausliefern.
Am nächsten Morgen fuhr sie mit der Straßenbahn nach Fuhlsbüttel, holte den bestellten Flugschein ab, stieg in die londoner Maschine, landete in Bremen, landete in Amsterdam, landete neun Stunden später in Croydon bei London, und ließ sich in einer offenen Autodroschke nach Richmond fahren, eine mitgenommene, aufgeregte Touristin, die leicht offenen Mundes auf die vom Dunst des Nachmittags beschwerten rötlichen Straßenfarben starrte, fast überrascht, daß das New Star and Garter Hotel nicht nur in Griebens Reiseführer stand sondern auch am Richmond Hill (acht Schilling. Zwanzig Prozent Arbeitslose in England). Als der Chauffeur über das Trinkgeld verärgert abfuhr, wäre sie ihm am liebsten nachgelaufen. Sie wollte hier nicht mit Fehlern beginnen.
Es war schon dunkel, dicke aschige Nacht, als sie auf dem Hof vor Cresspahls Werkstatt stand. Sie ließ sich Zeit, ihm bei der Arbeit zuzusehen, einem derben Kerl in einem Hemd ohne Kragen, der seit Tagen nicht gegen seine gelben Bartstacheln angegangen ist und leise fluchend mit schweren Zwingen hantiert. Manchmal zwinkerte er in Gedanken, so allein glaubte er sich. Als er endlich mit einer Pfeife vor die Tür trat, konnte er ihr Gesicht nicht erkennen, und erkannte sie.
Sie waren sehr gerührt. Alle Worte, die er ihr über das Haus und über Salomon und über Richmond angeboten hatte, nahmen unverzüglich für sie die Gestalt seiner Treppe, seiner Küche, seines Zimmers und der Gaswerkschornsteine vor dem Fenster an. Sein Besuch in Jerichow nahm unaufhörlich an Wirklichkeit zu. Schon ängstigte sie sich davor, ihn zu verlieren; sie wünschte sich, vor ihm zu sterben.
Cresspahl war erschrocken. (Es war ihm nicht um das Geld, das sie auf diese Reise geworfen hatte; ihm war unbehaglich, da sie sich geeinigt hatten auf sparsames Wirtschaften.) Er war erschrocken über die Einfälle, die er nach diesem von ihr gewärtigen mußte. Ihm war unheimlich, wie blind sie sich in einem Schritt, in einer Zeit mit ihm glaubte; wo ihn noch Fremde und Entfernung scheuerten, bemerkte sie keinen Abstand mehr. Sie kam ihm vor wie das Kind, das beim Eierlaufen vor Überschwang vergißt, das auch die Spielgefährten die zerbrechliche Last ganz, zur Not mit feindseligen Tricks, ins Ziel bringen wollen; er fühlte sich verpflichtet, auch noch dafür zu sorgen, daß sie heil ankam. Jetzt war er ihr nicht nur durch sein Alter überlegen. Sie machte sich abhängig. Das hatte er nicht gewünscht. [...] (20.9.1967)

22 September 2017

Johnson: Jahrestage 17. - 18. September

"[...] Cresspahl, zurück in London zu Beginn der 36. Steuerwoche 1931, richtete sich allen Ernstes auf ein Leben mit Papenbrocks jüngster Tochter ein. Die beiden Gesellen, mit denen er für gewöhnlich die Tischlerei unterhielt, sahen ihn nun öfters auf dem mit Hinterhöfen umbauten Hof stehen, den Blick gegen das Ziegelpflaster oder gegen den Schornstein des Gaswerks von Richmond, die Hand im Nacken, tief im Überlegen, ohne je den Kopf über sich zu schütteln. Da sie aber beide länger als ein Jahr für ihn und meistens neben ihm gearbeitet hatten, wiesen sie einander nur mit Lächeln hin auf den Alten, der in der Hitze stand wie ein Blinder, Minuten lang, bis er wieder hörte, daß innen gar kein Hobel mehr ging. Der jüngere, genannt Perceval, ging an einem späten Abend kundschaften und konnte doch nur erzählen, daß der Alte noch bis Mitternacht in der Werkstatt zu Gange gewesen war. Darauf boten sie ihm an, Überstunden zu arbeiten. Aber Cresspahl hatte gar keinen von ihnen entlassen wollen.
Die Firma gehörte Cresspahl nicht. [...]
Es mag drei Wochen gedauert haben, daß er den Anblick eines etwas kleinstädtischen Mädchens, winkend auf den Landungsbrücken von Sankt Pauli, im Gedächtnis fest behielt, die ganze Fahrt von Hamburg nach Kingston-on-Hull bis zum Bahnhof von King’s Cross, einen vollen Tag und zehn Stunden, und dann noch zwanzig Tage bei der Arbeit, noch bei dem letzten Abendessen mit Elizabeth Trowbridge. Dann schickte Lisbeth Papenbrock ihm ein Werk des gneezer Lichtbildners Horst Stellmann, Portraits seine Spezialität: ein nicht auffälliges Mädchen, das seine Haare mit einem Mittelscheitel geteilt hat und seitlich über die Ohren gelegt hat, Lisbeth Papenbrock mit den Händen vor dem Bauch aufgebaut vor Stellmanns eigenartig gerafften Vorhängen. Sie blickt vorsichtig und belustigt auf die Plattenkamera, an der Stellmann sich windet unter seinem schwarzen Tuch, und ihre Lippen waren ein wenig offen. Alle früheren Bilder vergaß Cresspahl sogleich." (17.9.1967)


18. September, 1967    Montag
Wo wir wohnen ist der Broadway alt. Wir sind weit von seinem legendären Stück oberhalb des Times Square, wo der rasche Umsatz den verwitterten Turm der New York Times mit Sandstrahlgebläsen weiß poliert hat, wo alte Häuser klammheimlich niedergemacht werden hinter mattenbehängten Gerüsten, wo die soliden Türgriffe und Schlösser und Treppengeländer des Astor Hotels versteigert werden, damit Platz wird für Glas und Kunststoff und eloxiertes Aluminium, wo die Straße ausgehängt ist mit ungeheuren Tüchern aus Licht, flackernd unter Kinobaldachinen, den unreinen Farben des Neongases, laufenden Schriftbändern, unter Punktstrahlern, unter Scheinwerfern und den kreisenden, springenden, platzenden Leuchtreklamen. Bei uns, auf der Oberen Westseite von Manhattan, sind die Lichter geringer, und hängen tiefer.
Unser Broadway beginnt an der 72. Straße, wo er auf die Amsterdam Avenue trifft und ihr den Verdipark abschneidet. Hier teilt ein geräumiger Mittelstreifen, an den Kreuzungen mit Querbänken und gelegentlich mit Gebüsch besetzt, ihn in zwei breite Fahrbahnen. Zu beiden Seiten der Straße sind Muster der Renaissance in elefantischen Baumassen aufgetürmt, und weit in den Norden hinein zeugen die vielfenstrigen Kästen unter ihren gefühlvollen Gesimsen von dem fiebrigen Vertrauen in den Baumarkt, der um 1900 zu galoppieren anfing, als die Ubahn unter den Broadway gelegt wurde. Es sind Hotels, Lichtspieltheater, Appartementhäuser einer Zeit, in der Gewinne angelegt wurden, als Jugendstil oder italienisches Gerank um Knie und Stirn der Häuser noch ihren Wert anzeigen sollte. Der Auftrieb hat nicht gereicht für eine geschlossene Kolonne dieser dekorierten Ungetüme, zwischen ihnen hocken ärmlich und vierstöckig die zaghafter kalkulierten Miethäuser, die sich weniger Mühe machten mit dem Verbergen ihrer Feuerleitern, nun stellt ihr Alter sie bloß. Wenige Hotels haben die vermögende Kundschaft halten und die Reputation wahren können, die die Fassade verspricht; vornehmlich beherbergen sie jetzt Dauergäste, verarmte Pensionäre, kaum Leute mit Kindern. Die Appartementhäuser müssen ihre Wohnungen nicht lange ausbieten, zwar hilft ihre Adresse nicht dem Ansehen, aber sie sind versorgt mit Ubahnstationen, Buslinien in alle vier Richtungen, und ihre unteren Geschosse sind in dichter, nicht gebrochener Kette vollgestopft mit Geschäften, mit Feinkostläden und Superhandlungen, mit Waschsalons, Friseurstuben, Imbißhallen, Gemüsemärkten, Bars, Ladenkirchen, Schuhbesohlanstalten, Reinigungsfilialen, Steuerberaterfirmen und Fahrschulen und Reisebüros, wenngleich die Auslagen mitunter verstaubt sind, die Textilien Ramsch und die Theken nicht so blitzblank wie auf der Ostseite.  (18.9.1967)

Uwe Johnson: Jahrestage

19 September 2017

Johnson: Jahrestage 14. September

"[...] Cresspahl muß sich geekelt haben vor der Wiederholung. Mit sechzehn Jahren ja, da konnte die Welt noch zugestellt werden von der Nähe, dem Atem, dem Blick, dem Hautgefühl, der Stimme eines Mädchens; mit sechzehn Jahren, ja da mögen ihm einmal die Absicht und der Plan und die Zukunft verhängt worden sein vom geduldigen, zuversichtlichen Verlangen nach einer Fünfzehnjährigen, die so sehr Ziel wurde, daß er in ihr nicht mehr die Enkelin des Meisters wahrnahm, nur noch die unausweichliche Notwendigkeit, das Vertrauen auf einen abgeblendeten Entwurf für das ganze kommende Leben: mit sechzehn Jahren, als Tischlerlehrling in Malchow am See, zu Anfang des Jahrhunderts; aber 1931, in Jerichow bei Gneez, mit 43 Jahren?
Ist nicht die Wiederholung unerträglich: daß immer wieder das Bedürfnis nach einer Person das Bewußtsein wie zum ersten Mal nach dem alten Raster preßt, daß längst ausgedachte Empfindung wiederkehrt wie frisch, daß die Vorstellung unermüdet von neuem die bloße Außenseite einer Person ausdeutet und ausbaut zu allen denkbaren Entsprechungen zwischen ihr und ihm, daß die Leerstellen in der wirklichen Person ungewarnt verdeckt werden von dem Bild der Person, daß der Herzschlag anzieht nur bei ihrem Anblick so lebensängstlich wie nur beim Anblick einer anderen Person schon vor fünf, vor zwölf, vor achtundzwanzig Jahren, als wäre hier unerhörte Wirklichkeit zu entdecken, noch nie Berührtes, noch nie Gefühltes? er muß sich vergessen haben. [...]" (14.9.1967)

15 September 2017

Johnson: Jahrestage 10. September

10. September, 1967    Sonntag
Die Landwirtschaft braucht Steuererleichterungen! Überhaupt muß der Fiskus die Abgaben in Naturalien annehmen! Das Tarifrecht muß geändert werden! Der Staat soll lieber was gegen die Zwischenhandelsspannen tun! Wenn Berlin wenigstens die Einfuhren drosseln würde!
So: klagte Papenbrock senior: könne der Mecklenburgischen Ritterschaft vielleicht noch einmal über das Jahr 1931 geholfen werden! Der Alte schrie nicht einmal, vertuschte auch nicht sein Asthma in den Pausen, zu denen die Zigarre ihn zwang, lag schlaff bei halbgeschlossenen Augen, gegen sein Sesselpolster in den schiefen rötlichen Sonnenstrahlen, die seine Kontorfenster blind machten. Er wollte nur Zeit gewinnen gegen seinen Besucher, einen Menschen namens Cresspahl, der ihn auf dem Briefpapier des Lübecker Hofs um eine Unterredung angegangen war. Der Besucher gab sich zudem, als läge ihm ernstlich an den Sorgen des ostelbischen Adels.
– Die Steuerschulden der Herrschaften, die sind wohl zum Tapezieren: sagte Cresspahl ernst, im selben förmlichen Platt, gehörig steif auf dem Besuchssofa, den Blick auf Papenbrocks abendlich spiegelnder Glatze haltend. Der Vater der Braut erkannte beim besten Zwinkern nichts Unehrerbietiges.
Papenbrock wußte gegen den Mann nichts zu tun. Der Mann war kräftig, nicht verspeckt, nicht kleinzureden. Der Mann konnte sich das Zimmer im Lübecker Hof schon acht Tage leisten. In dem Telegramm, das er aus England bekommen hatte, war von Aufträgen die Rede, wenngleich Frieda Klütz, Telegrafistin von Jerichow, nicht imstande gewesen war, für Papenbrock eine genaue Übersetzung dieser Geschäfte anzufertigen. Die Tochter erzählte von dreitausend Pfund auf einem Konto bei der Surrey Bank of Richmond, und Papenbrock hatte sein verächtliches Pusten versteckt, denn er hielt was vom Baren. Der Mann hatte darauf verzichtet, dem künftigen Schwiegervater mit einem Konto in Jerichow zu imponieren, der hatte aus dem deutschen Bankenkrach vom Juli gelernt. Der Mann hatte gedient, den hatten Papenbrocks Kameraden an der Russenfront zum Unteroffizier gemacht. Der Mann war Mecklenburger. Aber Papenbrock konnte sich nicht zu dem Mann entschließen.
– Wenn Sie als ein geriebener Kaufmann für das Programm der Ritterschaft eintreten …: sagte Cresspahl auffordernd und nahm die Schultern ein wenig vor, als sei er neugierig auf Papenbrocks Absprachen in den Ministerien von Mecklenburg-Schwerin.
Papenbrock zögerte noch, diesem Cresspahl seine Freunde zu offenbaren. Der kam aus einer Gegend im Sudösten, in der Papenbrock einmal eine Gutspachtung verloren hatte. Dieser Cresspahl hatte womöglich im warener Rathaus hinter einem Schreibtisch gesessen, als Papenbrock seine Gewehre an eine Arbeiterkontrolle herausrücken mußte. Dieser Cresspahl hatte inzwischen zehn Jahre außer Landes gelebt, in den Niederlanden, in England, bei den Gewinnern des Krieges, und selbst der Hauptmann a. D. Papenbrock konnte einen solchen Schwiegersohn nicht leicht beim Stahlhelm annehmlich machen. Der Mensch benahm sich nicht einmal, als hätte Papenbrock vor wenig Jahren sein Vorgesetzter sein können. Dieser Mann, so bürgerlich ihm seine Sparsamkeit in den Geschäften Jerichows anzurechnen war, er saß doch bei Peter Wulff in der Hinterstube, über die Polizeistunde hinaus, und redete mit Leuten, die mit Fahrrädern aus Wismar kamen und von denen nicht einmal der Landjäger wußte, wo sie über Nacht abblieben. [...]
(10.9.1967)

06 September 2017

Johnson: Jahrestage 1.- 6. September 1967

"Du mußt nicht mich heiraten: sagt D. E.: du sollst bei mir leben.
D. E. schickt Blumen, Telegramme, Theaterkarten, Bücher. Er führt Marie zum Essen aus, er hat sich mit Esther angefreundet, er hört Mr. Robinsons Erzählung von seiner Militärdienstzeit in Westdeutschland zu. D. E. wohnt in New Jersey, aber er verbringt viele Zeit in den Bars um die 96. Straße am Broadway, zwei Blocks vom Riverside Drive. [...]     D. E. arbeitet in der Rüstung.
D. E. sagt: Ich arbeite für die Verteidigung.
Gesine hat D. E.s Namen zum ersten Mal in Wendisch Burg gehört, 1953. Er hatte die selbe Schule besucht, von der Klaus Niebuhr und die Babendererde in jenem Frühjahr vorzeitig abgingen, und er sollte von seinem Physikstudium in Ostberlin ausgeschlossen werden, nachdem er in einer Fakultätsversammlung den Fall Babendererde als ein Beispiel für Verfassungsbruch in der Deutschen Demokratischen Republik (durch die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik) dargestellt hatte. Da noch nicht, aber nach dem Juniaufstand verließ er das Land. Er wird sich entschieden haben mit einer solchen Liste von positiven und negativen Faktoren, wie er sie heute anlegt, wenn er sich zwischen Autos oder Häusern oder politischen Meinungen nicht entscheiden kann. Damals hatte auf der einen Seite Wendisch Burg gestanden, der Sozialismus in der ostdeutschen Manier und eine verschleppte Liebschaft mit Eva Mau; auf der anderen Seite seiner Rechnung war herausgekommen: Die Aussichten für meine Ausbildung sind hier nicht günstig. So hatte er sich nicht selbst entschließen müssen.
Gesine hatte ihn im Flüchtlingslager Marienfelde in Westberlin zum ersten Mal gesehen, einen hageren, steilköpfigen Jungen mit damals blondem Haar, der sich in einer zerstreuten Art um sie bemühte, indem er sie nach Jerichow ausfragte und ihr politische Theorie mit viel physikalischem Vokabular vortrug. Mühelos wußten sie sich nur über den Fall Babendererde zu unterhalten. Er machte sich nicht die Mühe, sich in die selbe Stadt wie sie weisen zu lassen. Sie traf ihn nur zwei Tage, bevor er nach Westdeutschland ausgeflogen wurde. Vor der Aufnahmekommission sollte er gesagt haben: Ich habe mich für das kleinere Übel entschieden. Sie ließen ihn dafür nach Stuttgart, er schrieb seine Doktorarbeit in Hannover, von Westdeutschland ging er nach England, in die U. S. A. gekauft wurde er 1960. Er schickte zwar Ansichtspostkarten, manchmal Briefe, in denen vornehmlich von den Taten und Erlebnissen Eva Maus die Rede war, und aus Stuttgart schrieb die junge Frau Niebuhr Berichte über D. E.s rasche Liebschaften in einem bewundernden, fast ergebenen Ton. Die Babendererde spricht von D. E. noch heute wie von einem älteren Verwandten, als hätte sie ihm etwas zu verdanken. Gesine war elf Monate in New York, ehe er sie fand, beim Blättern im Telefonbuch, und sie zum ersten Abendessen einlud, ein massiger, maulfauler, fast feierlicher Patron, und ihr die Ehe antrug, nachdem er Marie kennengelernt hatte.
D. E. arbeitet für eine Firma in einem Industrial Park, New Jersey, die an der DEW LINE beteiligt ist. D E W sind die Anfangsbuchstaben von Distant Early Warning, einer Linie aus Radarstationen rund um die Territorien des nordatlantischen Vertrages, die sowjetische Raketen so rechtzeitig anzeigen sollen, daß noch Zeit ist für einen amerikanischen Gegenschlag. [...]" (1.9.1967)

"Mrs. Ferwalter ist eine kleine, zu beleibte Frau, die Mutter von Rebecca, eine stämmige Person, die gern Hängekleider in roten Farben trägt. Ihre Backenknochen stehen breit, die Stirn ist schmal über fast schwarzen Augen und Brauen, und der Schwung, in dem ihr Kopf zu einem engen Untergesicht verjüngt ist, erinnert an ihr Mädchengesicht. Jetzt ist es zugepackt mit Alter, festgehalten in einem starren Ausdruck von Abscheu, den sie nicht ahnt. Sie ist vom Jahrgang 1922, sie sieht aus wie eine Sechzigjährige. Vor sechs Jahren auf diesem Spielplatz hörte Mrs. Ferwalter Gesine deutsch sprechen mit ihrem Kind, und stand auf von der benachbarten Bank, kam heran auf ihren dicklichen Beinen, schwer auftretend, und setzte sich neben Gesine. – Mag sein mein Kind kann spielen mit yours: sagte sie gutmütig, in einem Akzent, der fast russisch klang. Sie sah aus wie nach einer gefährlichen Krankheit. Ihr starkes braunes Haar war uneben kurz geschnitten, wie nach einer Schädeloperation. Sie trug ein Kleid ohne Ärmel, und als sie sich beim Hinsetzen aufstützte, sah Gesine die Nummer, die innen in ihren linken Unterarm tätowiert war. Sie wandte den Blick ab auf die umfänglichen Beine der Frau, in denen aber Krampfadern hervortraten. [...]
 
Mrs. Ferwalter ist aus einem ruthenischen Dorf, dem Osten der Slowakei, »wo die Juden saßen wie in einem Nest«. Sie betont, daß es ein »gutes« Dorf war. Die Christen duldeten die Andersgläubigen, und das fünfzehnjährige Mädchen wurde im christlichen Ende nicht einmal abends von den halbwüchsigen Jungen belästigt. Nach ihren Eltern können wir sie nicht fragen. »Ich war nicht hübsch. Man nannte mich apart.« »Das Haar ging mir bis ans Kreuz.« 1944 wurde sie, wahrscheinlich von den Ungarn (danach können wir sie nicht fragen), ausgeliefert an die Deutschen. Die Deutschen brachten sie in das Konzentrationslager Mauthausen. »Eine von den Aufseherinnen, die war so gut, sie hatte fünf Kinder und mußte das alles ja.« Sie meint eine S. S.-Wächterin. [...]
Mrs. Ferwalter war die erste von den europäischen Emigrantinnen am Riverside Drive, die Gesine in der Nachbarschaft beriet, ihr einen Kindergarten für Marie vorschlug, ihr Geschäfte mit importierten Lebensmitteln zeigte, sie vor Läden von »schlechten Juden« warnte und immer von neuem auf alles »Europäische« auf der Oberen Westseite von Manhattan hinwies. Sie hat Heimweh nach dem Geschmack des Brotes in Budweis, und vielleicht hat sie in diesen sechs Jahren an Gesine festgehalten mit Telefonanrufen und Spaziergängen und Gesprächen im Riverside Park, weil diese Deutsche den Geschmack des Brotes kennt, den sie entbehrt. [...]
Sie läßt sich von Gesine aus der Zeitung vorlesen, sie würde für eine Zeitung kein Geld ausgeben." (2.9.1967)



3. September, 1967    Sonntag
An einem Tag wie diesem, vor 36 Jahren. An einem weißen Tag wie diesem, kühl unter hartem Blau, in sauberer, laufender Luft. Auf dem Strandweg in Rande, neben der grau und grünen See, gegenüber dem scharfen und finsteren Umriß der holsteinischen Küste. Unter flackrigem Laub sich auf der Sonnenseite halten. Cresspahls Stimme muß damals ein schwerer Baß gewesen sein, mit heiseren Vokalansätzen, im malchower Platt; die meiner Mutter klein, biegsam, ein hoher Alt. Manchmal unterläuft ihr eine hochdeutsche Redewendung, »wenn Gott will«, oder »meiner Mutter wegen«. Sie ist hinter ihren Eltern zurückgeblieben, und Louise Papenbrock dreht wieder und wieder den Kopf über die Schulter nach dem Fremden, der ihre Tochter womöglich nach der Uhrzeit fragt.
 
Was soll aber daraus werden?
Wollen wir das nicht abwarten?
Sie haben sich aber etwas vorgenommen.
Darauf muß ich warten.


[...]

Wünschst du dir Kinder, Heinrich Cresspahl?   (3.9.1967)

"[...] Es ist das erste Wochenende in diesem Sommer, an dem es nicht geregnet hat. Vom Riverside Drive aus, über die ganze Breite des Hudson, sind auf dem Ufer New Jerseys scharf und unleugbar die bräunlichen Kästen und Zylinder zu sehen, moderne Baukunst, die zerstörte Aussicht, die in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts beschlagnahmt werden sollte für den Riverside Drive.
Die Häuser an dieser Straße, kaum eines unter zehn Stockwerken, wurden gebaut für die neue Aristokratie des neunzehnten Jahrhunderts, für das junge Geld, Eisenbahngeld, Minengeld, Erdgasgeld, Ölgeld, Spekulationsgeld, das Geld der industriellen Explosion. Riverside Drive, die Straße am Flus, sollte die Fifth Avenue als Wohngegend übertreffen, mit seinen herrschaftlichen Eingängen, feierlichen Foyers, den Achtzimmerfluchten, den Dienstbotenkammern, versteckten Lieferantenfluren, den Angestellten in der Uniform, mit der reservierten Aussicht auf den Fluß, die wüsten Wolken Wald auf dem jenseitigen Steilufer, auf Natur. Am ganzen Riverside Drive gibt es nicht ein Geschäft, keinen Laden, nur zwei, drei Hotels, allerdings Residenzen für Dauergäste. Wo der Kommerz wohnte, wollte er von Adel sein. [...]

Die Belgier haben mich Madame genannt, und die Amerikaner sagen mir Liebling. In Europa verbeugen sich die Kinder beim Gruß vor den Erwachsenen. Meine Familie war seit fünf Jahrhunderten in Deutschland. Mit dem langen französischen Brot unterm Arm kam mein Vater nach Hause. Mein Vater ist –.
Ihr Vater ist von den Deutschen umgebracht worden, Mrs. Blumenroth.
Mein Vater ist früh gestorben, Mrs. Cresspahl. [...]" (4.9.1967)



5. September, 1967    Dienstag
Gestern abend um halb sieben kamen vier Polizisten in einem der Ghettos von Brooklyn dazu, wie vier oder fünf junge Neger einen alten Weißen angriffen. Sie konnten einen Jungen festnehmen und schossen einen anderen in den Hinterkopf. Eine Menge lief zusammen und bewarf die Polizei mit Flaschen und Steinen und schrie: Bringt sie um! Ein Schnapsladen wurde von Halbwüchsigen geplündert, andere Schaufenster eingeschlagen. Die Polizei räumte ihre Barrikaden um das Gebiet gegen 10 Uhr weg, aber kurz nach elf knallten 15 Molotow-Cocktails in die Straße. Da war der erschossene Junge schon zwei Stunden tot. Richard Ross, 14 Jahre alt.
Die Sowjetunion hat seit 1955 wahrscheinlich 500 Millionen Dollar in Waffen an Entwicklungsländer geliefert.
Mitunter sacken die Fahrstühle in der Bank im Anfahren ab, als gingen die Maschinen in die Knie. Fast zwanzig Leute in dem fahrenden Kasten hören zwei Mädchen zu, die hartnäckig, aber nicht ärgerlich, auf den Laden an der Ecke schimpfen. Zwar hat die Firma nicht den Preis des Kaffees erhöht, aber sie verwendet neuerdings kleinere Becher. Gesine trifft in den belustigten Blick der Nachbarn, die einander zuzunicken beginnen. Die kleinen Bewegungen aus dem Nacken lassen sie wie Aufwachende aussehen. Alle Knöpfe in der Tastatur neben der Tür sind mit gelbem Licht gefüllt, der Fahrstuhl wird in jedem Stockwerk halten. Ja, ein Bummelzug: sagt sie zustimmend, lächelnd, vergeßlich. In den leuchtenden Fächern über den Türen steht zwölfmal der Name des Unternehmens, zwölfmal die selben drei Worte mit dem roten Fünfstrichsymbol, ohne die Abteilungen zu nennen, ausgenommen für den zweiten Stock: Empfang. Im zweiten Stock werden die Besucher gefiltert und die Bankgeschäfte der Laufkundschaft aufbewahrt. Im dritten Stock steigen die beiden Mädchen mit ihren Kaffeetüten aus, und wieder lächeln einige Passagiere, als sei etwas Wahrscheinliches eingetreten. Im dritten Stock ist die Maschinenbuchung. In einer Maschinenbuchung war ihr erster Arbeitsplatz in diesem Land, eine meterbreite Arbeitsplatte, die dritte links in einer Reihe von zwölf, vor einem Rechengerät, dessen Rasseln ihr sonderbar einzeln aus der Geräuschwolke im weiten Saal ans Ohr drang. Im vierten Stock ist die Materialausgabe und die zentrale Poststelle. Im vierten Stock ist sie nicht mehr gewesen, seit Mrs. Williams sie mit Papier, Bleistiften, Farbbändern versorgt. Anfangs hatte sie sich dagegen gewehrt, bedient zu werden; dann hatte sie begriffen, daß Mrs. Williams an solchen über den Tag verteilten Gängen gelegen war. Im fünften Stock, der nach den Küsten Ost und West heißt, hat sie in diesem Haus angefangen, an einer Blechkommode im offenen Büroraum, von vier Seiten sichtbar, an einer Schreibmaschine und dem Vorschalttelefon eines Sachbearbeiters. Im sechsten Stock sind Cafeteria und Konferenzräume. In der Cafeteria werden noch die größeren Kaffeebehälter verwendet, und viele steigen hier noch einmal aus. Im siebenten Stock sitzen die Abteilungen Technik und Personal; im achten das Gedächtnis der Bank; im neunten die Abteilungen Recht und Bücherei. Aus dem Milchglashimmel des Fahrstuhls, in dem eine wacklige Röhre kleine, gewitterähnliche Finsternis flackern läßt, dringt verwaschene Barmusik und mischt sich mit dem Klacken der aufscherenden Tür und dem Klingeln des Signals im Gang. Im zehnten Stock steigt Gesine aus und wendet sich nach Westen. Das Gebäude ist durch die Fahrstuhlschächte und die Versorgungsleitungen in zwei Hälften geteilt, und diese Etage hat im östlichen Teil die Abteilung Südamerika, im westlichen einen Teil von Westeuropa. Sie nennt aber den zehnten Stock auch in Gedanken den elften, nach der amerikanischen Zählung. Hinter ihr fällt die Tür mit einem schweren Schmatzen zu.

Guten Morgen, Dschi-sain.
Guten Morgen.
(5.9.1967)

6. September, 1967    Mittwoch
In Gefechten im Queson-Tal sind seit gestern morgen 54 Amerikaner und 160 Nordvietnamesen gefallen, 136 Nordvietnamesen bei Tamky, 3 Amerikaner am Nuibaden-Gebirge, 16 Vietnamesen bei Cantho, 5 Amerikaner und 37 Vietnamesen bei Conthien, 34 Vietnamesen in der Provinz Quangngai.
In Brownsville in Brooklyn warfen die Neger gestern nacht wiederum Steine, Flaschen und Molotow-Cocktails auf Polizei und Feuerwehr. Die Luft war dick vom Rauch der angezündeten Mülltonnen und Abfallhaufen. Bürgermeister Lindsay traf sich mit Sprechern des Ghettos in einem Polizeirevier. Die New York Times erwähnt, daß er einen blauen Anzug und ein blaues Strickhemd trug.
Gestern in den frühen Morgenstunden stürzte ein Mann in die Kneipe »Bluebird« in der Bronx, gab acht Gewehrschüsse ab und verließ das Lokal, ohne ein Wort gesagt zu haben. 1 Toter, 2 Verwundete.
1920, während des Kapp-Putsches, beschoß Baron Stephan le Fort, Rittmeister a. D., Besitzer von Boek (2622 Hektar), die Stadt Waren an der Müritz mit einer Kanone, weil die Arbeiter die Stadt übernommen hatten. Der Einschuß am Rathaus ist heute noch zu sehen. Als die Landarbeiter der Gegend von fünf Toten in Waren hörten, gingen sie mit Jagdflinten und Sensen los und suchten auf den Gütern nach den Gewehren, Maschinengewehren und Munition, die die güstrower Reichswehr den Besitzern geschickt hatte. Der Gutspächter Papenbrock auf Vietsen, der sich in seinem Haus fünf Baltikumer als Hauslehrer, Eleven und Sekretär hielt, schickte die Soldaten durch den Hintergarten weg, als der Gärtner angelaufen kam und den Anmarsch des Feindes meldete. Papenbrock, damals 52 Jahre alt, stellte sich auf der Freitreppe auf, mit zurückgedrückten Schultern, Bauch im Gürtel aufgehängt, in Breeches und Stiefeln und sagte: Meine Herren. Ich gebe Ihnen mein Wort als Offizier. Bei mir sind keine Waffen. (Wenn Sie trotzdem suchen wollen, seien Sie bitte im Kinderzimmer leise und lassen die Mädchen schlafen.)
Meine Mutter, ein vierzehnjähriges Kind, stand in ihrem knöchellangen weißen Hemd auf den Dielen und wand sich ihr Haar ums Handgelenk und sah hin und her zwischen Papenbrock, ihrer Schwester Hilde und den Arbeitern, die sie auf Platt ausfragten. Papenbrocks Gesicht schaukelte zwischen einem drohenden und einem zärtlichen Ausdruck. Sie sagte endlich, tief Atem holend und mit niedergeschlagenen Augen: Inne Döe. Hinter dem eichenen Schrank im Kinderzimmer, der von Wäsche zentnerschwer war, in einer zugestellten Tür, hingen neun Infanteriegewehre und zweihundertzehn Schuß Munition in Gurten. Meine Mutter wurde für zwei Wochen auf Wasser und Brot gesetzt. Papenbrock sprach von Verrat durch sein eigen Fleisch und Blut. Seine Frau sprach von der Liebe des Christen zur Wahrheit. Papenbrock rutschte die Hand aus an ihre Schläfe, und er ging den Sommer über nicht in die Kirche. Auf den umliegenden Gütern wurde von Papenbrocks Offiziersehre gesprochen. 1922 gab Papenbrock die Pacht auf. [...] (6.9.1967)

31 August 2017

Johnson: Jahrestage (27.8.-31.8.1967)

"Die Ostdeutschen an der Macht sagen: Soeben führen wir die Fünftagewoche zu 43¾ Stunden ein, eine einzigartige sozialistische Errungenschaft. Die amerikanische Nazipartei sagt: Die Leiche unseres Führers gehört der Partei. Die Frau des verhafteten Unteroffiziers sagt: Das kann doch nicht wahr sein, mein Mann ist kein Spion. Die New York Times sagt: In den U. S. A. wurde die Vierzigstundenwoche 1938 eingeführt.
Und das Wetter in Nord-Viet Nam war wieder gut genug für Bombenangriffe, und das Pentagon läßt durchblicken, daß die ja ihre eigenen Maschinen in China verstecken, und gestern morgen überfielen drei Männer das Schuyler Arms Hotel in der 98. Straße, schossen den Nachtportier an und entkamen mit 68 Dollar. Das war gegen drei Uhr, zwei Blocks von hier.
"Und die New York Times widmet der Tochter Stalins, beginnend auf der ersten Seite, mehr als acht volle Spalten, 184 Zoll. Diese ungeratene Tochter Etzels saß demnach bei den Goten auf Long Island, in einem Garten unter einer Schwarzeiche, und sagte: Sie sei im allgemeinen für die Freiheit." (27.8.67)


"Jerichow zu Anfang der dreißiger Jahre war eine der kleinsten Städte in Mecklenburg-Schwerin, ein Marktort mit zweitausendeinhunderteinundfünfzig Einwohnern, einwärts der Ostsee zwischen Lübeck und Wismar gelegen, ein Nest aus niedrigen Ziegelbauten entlang einer Straße aus Kopfsteinen, ausgespannt zwischen einem zweistöckigen Rathaus mit falschen Klassikrillen und einer Kirche aus der romanischen Zeit, deren Turm mit einer Bischofsmütze verglichen wird; lang und spitz läuft er zu, und wie die Mütze eines Bischofs hat er Schildgiebel an allen vier Stirnen. Um den Marktplatz im Norden, zur See hin, standen ein Hotel, die Bürgermeisterei, eine Bank, die Raiffeisenkasse, Wollenbergs Eisenwarenlager, Papenbrocks Haus und Handlung, die alte Stadt, hier gingen Nebenstraßen ab, Kattrepel, Kurze Straße, die Bäk, Schulstraße, Bahnhofstraße. Am südlichen Ende, um Kirche und Friedhof herum, war die erste Stadt gewesen, fünf Gänge zwischen Fachwerkhäusern, bis sie abbrannte, 1732, erst im neunzehnten Jahrhundert wieder zugestellt mit gedrungenen Backsteinhäusern, Schulter an Schulter unter sparsamen Dächern, da steht heute das Postamt, das Konsumkaufhaus, die Ziegelei hinter dem Friedhof, die Ziegeleivilla. [...] 
Cresspahl schrieb eine offene Postkarte nach Richmond und gab sie dem Hoteldiener zum Einwerfen. Er besuchte den Rechtsanwalt Jansen. Er ging nach Rande und aß im Hotel Stadt Hamburg zu Abend. Er las alle Anzeigen im Gneezer Tageblatt auf der Seite für Jerichow und Umgebung. Er ging nicht langsamer, wenn er an Papenbrocks Einfahrt vorbeikam, aber seine Gänge brachten ihn da vorbei, und er wußte nach einer Weile, daß der junge Mann, der im Hof beim Sackabladen die Aufsicht führte, Horst Papenbrock war, der Erbe, damals 31 Jahre. Zwischen fliehendem Kinn und fliehender Stirn war Horsts Gesicht so spitz wie ein Fisch. Cresspahl sah den alten Papenbrock durchs offene Fenster am Schreibtisch, schwitzend über seinem behaglichen zarten Bauch, so heftig nickend vor Höflichkeit, als dienerte er im Sitzen. Offenbar handelte er mit der vornehmen Kundschaft nicht gern, oder nicht lange, Papenbrock, der so knausrig war, daß er sich einen Personenwagen nicht leistete und die Familie im Lieferauto zum Kaffeetrinken nach Travemünde fuhr. Meine Mutter sah Cresspahl nicht. Er sah meine Großmutter in der Bäckerei verkaufen helfen, eine ergebene flinke Alte mit einer etwas süßlichen Redeweise, besonders zu Kindern. Hier grüßte Cresspahl im Vorbeigehen, durch die offene Tür.

und ich war nie ein Schaf, Gesine.
Dich haben sie auf die Seite geschmissen, dir haben sie die Pfoten zusammengebunden, dir haben sie den Hals mit Knien gegen die Tenne gedrückt, dir haben sie mit einer stumpfen Schere die Wolle abgerissen, und du hast das Maul nicht aufgemacht, Louise geborene Utecht aus der Hageböcker Straße in Güstrow, du Schaf.

Cresspahl wußte, das Horst Papenbrock und der Ackerbürger Griem Nazis waren und zu ihren Schlägereien nach Gneez mußten, weil die Sozialdemokraten in Jerichow ihre Nachbarn, Verwandten, Stadtverordneten waren. Er wußte, daß Papenbrock mit seiner Getreidehandlung, seiner Bäckerei, seinen Lieferungen aufs Land der reichste Mann in Jerichow war, und daß er außerdem noch Geld verlieh. Er wußte, daß die Geschichte hier lediglich eine Franzosenschanze hinterlassen hatte, an der Küste, acht Kilometer entfernt." (28.8.67)

"Das Haus, in dem Miss Cresspahl ihr Geld verdient, besteht aus einem zwölfstöckigen Sockel, der von einer Straße bis zur anderen reicht, und darüber einer gestaffelten Terrasse, auf die ein glatter Turm aufsetzt. Das Glas zwischen den blanken Rippen ist mit blaugrauen Bändern umwickelt. Die meisten Fenster sind von Jalousiestäben blind, noch schimmert wenig Neonlicht zwischen den Ritzen. Von der gegenüberliegenden Straßenseite, den Kopf im Nacken, sollte sie ihre beiden Fenstereinheiten ausmachen können, aber sie verzählt sich regelmäßig. Auf der Ebene der Straße ist die äußere Schicht des Hauses zur Hälfte eingerichtet als eine gewöhnliche Bank hinter übermannshohen Schaufenstern, die weder getönt noch gerillt noch verhängt sind und den Blick hineinziehen zu den kunstledernen Sitzmöbeln, Rauchertischen, Schreibtischen auf Teppichinseln, Schreibpulten, Schalterreihen unter dem Auge automatischer Kameras, der hochpolierten Pfannentür des Tresorraums. Die Bank, ein Wohnzimmer so groß wie ein Wartesaal, ist noch leer. In der anderen Hälfte des Hauses sitzt zu ebener Erde ein Restaurant, das seine Kunden mit lindgrünen Vorhängen vor dem Licht des Tages schützt. Der Haupteingang mit seinen vier Schwingtüren zieht so viele Leute vom Bürgersteig, daß der Trott der Passanten an dieser Stelle aus dem Schritt kommt. Hinter einer Wand aus hellem Marmor mündet das Foyer nach links in drei Fahrstuhlgassen, im Hintergrund geht der Trakt der Hausmeisterei ab, die rechte Wand nimmt ein langer Stand mit Zeitungen, Süßigkeiten und Rauchwaren ein. Jede Fahrstuhlgasse wird einzeln vom Aufseher gesteuert, dessen blaugraue Uniform über dem Herzen in gestickter Schreibschrift den Namen des Unternehmens trägt. Es gelingt ihr, ihm zuzunicken. Beim Eintreten in eine Kabine, über der Grünlicht eine Aufwärtsfahrt anzeigt, sieht sie die in den Fußboden eingelassene Nummer des Hauses, die dem Benutzer anzeigen soll, ob er es verwechselt hat. Unter den etwa fünfundzwanzig Insassen sieht sie heute kein bekanntes Gesicht. Als die stählernen Doppeltüren vor ihr zusammenklappen, ist es neun Minuten vor neun Uhr.
Die Nachrichtentoten dieses Tages sind zwanzig Amerikaner, fünfzehn Südvietnamesen, achtundneunzig Nordvietnamesen, die letzteren geschätzt. Aus der Liste der amtlichen Toten führt die Zeitung nur zwei an, die zufällig aus dem Staat New York waren, als verschlüge die genaue Gesamtzahl ja doch nichts gegen einhundertfünfundneunzig Millionen Landesbürger. Der erschossene Nazi darf auf einem militärischen Ehrenfriedhof begraben werden, denn ihm ist lediglich Mordhetze gegen Neger und Juden nachzuweisen. Eine Mrs. Hart ist dagegen, dies Grab neben denen derer zu wissen, die im Krieg gegen die Nazis gefallen sind. In Westfalen hat ein Prozeß begonnen gegen vier Deutsche, die im Konzentrationslager Mauthausen Häftlinge in eiskaltem Wasser ertränkt haben sollen. Mindestens eine Million amerikanischer Hausfrauen sind alkoholsüchtig. Und diesmal ist die Tochter Stalins in der Zeitung, weil sie für ein Fernsehinterview nicht 250 000 Dollar haben will. Sie macht es für umsonst. Sie scheint erheblichere Einkünfte vorauszusehen.

– Und wie war es im Büro, Gesine?

Mrs. Williams ist wieder da, und sie war nun nicht in Griechenland, aus Angst vor dem Militär. Die Angestellten wurden in einem dritten Rundschreiben aufgefordert, in der Mittagspause die Tische abzuschließen und Taschen bei jedem Gang mitzunehmen, wegen neuer Diebstähle auf dem neunten Stockwerk. Das neueste Gerücht ist, wir hätten Xerox gekauft. Mein Chef mußte am Nachmittag nach Hawaii, sein Sohn kommt dahin von Süd-Viet Nam zur Erholung." (29.8.67)

"»Liebe Gesine.
Ich habe bis acht auf dich gewartet, dann hat Pamela Blumenroth mich zum Übernachten eingeladen. Bitte ruf nicht an.
Keine Post, außer für mich.
Was du brauchst ist im Eisschrank.
Mrs. Ferwalter ist sauer auf dich oder mich. Sie hat seit einer Woche nicht angerufen.
Wir müssen was mit D. E. machen. Er glaubt nicht, daß du allein in New Jersey warst.
Der Telefonverwechsler hat wieder zugeschlagen. Diesmal nannte er sich George und wollte mit einer Luise sprechen. Der Anruf kam aus Rhode Island.
Warst du allein in New Jersey?
Wenn du etwas Neues über den Zustand von Mahalia Jackson liest, bring es mir mit.
Diesen Griem in Jerichow, hast du den gekannt? Lebt der noch?
Ich habe in Wahrheit nur bis halb acht gewartet. Was ist das eigentlich für ein Büro, wo Leute behalten werden bis acht in der Nacht? Lohnt sich das für uns?
Mit affektioniertem Gruß,
Mary Fenimore Cressp. Cooper.«

Für »Eisschrank« benutzt sie ein britisches Slangwort, aus Treue zu London-Südost.
Was machen die Chinesen? In London fangen sie Streit an mit der Polizei und gehen mit Baseballschlägern, Eisenstäben und Äxten auf sie los. Der die Axt hält, ist ein schmächtiger Junge mit einer Brille, ein Schulkind." (30.8.67)



"Was für eine Person stellt Gesine sich vor, wenn sie an die New York Times denkt wie an eine Tante?
Eine ältere Person. Auf der Oberschule in Gneez wurden so Lehrerinnen bezeichnet, vorgeschrittenen Alters, humanistisch gebildet, die in gutem Willen den Lauf der Dinge mißbilligten, in Gesprächen unter vier Augen, wehrlos. Sie hatten einmal den Lauf der Dinge ändern wollen durch ein Studium an den wilhelminischen Universitäten, durch Zelten und Wasserwandern mit Männern ohne Trauschein, durch eigene Arbeit zum Kummer ihrer bürgerlichen Familien, deren Glaubenssätze sie im eigenen Alter, grauhaarig, auf derben Sohlen und womöglich in Hosen wandernd, gegen den Wandel der Zeiten verteidigten: Es schickt sich nicht, eine Revolution in den Sattel zu heben, vielleicht hat sie nicht genug Reitstunden gehabt. Man muß doch auch ans Pferd denken. Es ist wahr, eine solche Äußerung im Unterricht hätte ihnen Entlassung aus dem Schuldienst eingetragen. Sie wurden Tanten mit Nachsicht genannt, nicht unfreundlich, nicht ohne Mitleid. [...]
Ihre Manieren sind nützlich, sind bildend.
Sie brüllt nicht, sie hält Vortrag.
Auf fünfzehn mal dreiundzwanzig Zoll, acht Spalten, bietet sie über zwanzig Geschichten zur freien Auswahl.
Sie nennt einen Angeklagten noch nicht schuldig. Von den täglichen zwei Morden in der Stadt erwähnt sie nur die lehrreichen.
Sie nennt den Präsidenten nicht bei seinem Vornamen, allenfalls das Opfer eines Mordes.
Sie erwähnt Hörensagen als Hörensagen.
Sie läßt noch zu Wort kommen, wen sie verachtet. [...]
Sie ist unparteiisch gegen alle Arten der Religion.
Sie bewahrt die Reinheit der Sprache, noch in den Anzeigen ihrer Kunden verbessert sie.
Sie bietet dem Leser höchstens zwei Seiten Reklame ohne eine Nachricht an (außer am Sonntag).
Sie flucht nicht, noch daß sie den Namen Gottes fälschlich gebraucht.
Sie gesteht gelegentlich Irrtümer ein.
Sie kann sich mäßigen und einen Mörder einen umstrittenen Charakter nennen, vom Brigadegeneral aufwärts.
Sie hat die guten Formen mit dem Löffel gegessen. Warum sollten wir ihr nicht vertrauen?"
(31.8.67)