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31 Juli 2023

Martin Walser

 "[...] Seine viel geschmähte Rede 1998 in der Frankfurter Paulskirche ist ein Beleg dafür, dass Walser in der Lage war, Wahrheiten zu sagen, die niemand hören wollte: „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.“ Das ist natürlich völliger Unsinn. Nichts eignet sich so gut für diese drei Zwecke wie Auschwitz. Das wissen wir, weil wir es erlebt und praktiziert haben. Die Nachkriegsgeneration wusste diese Keule sehr gut einzusetzen gegen ihre Väter und Mütter und auch Martin Walser hatte sie einzusetzen gewusst. Die Rede von 1998 stellte denen, die ihm zuhörten, die Aufgabe, auf dieses probate Mittel zu verzichten. Privat und öffentlich.

Nicht, um nicht mehr über Auschwitz zu sprechen, sondern um endlich wieder darüber sprechen zu können. Dass Walser behauptete, Auschwitz eigne sich nicht dazu, missbraucht zu werden, ist ein erzählerischer Trick, der dem Zuhörer vorgibt, ihn an einer Stelle abzuholen, an der er nicht ist. Das zeigten dann auch die Reaktionen. Die belegten, wie recht er mit seiner Kritik hatte. [...]" (Arno Widmann: Schriftsteller Martin Walser gestorben: Ein Werk wie ein Gebirge FR 31.7.23)

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10 März 2021

Annette Hess: Deutsches Haus

 Rezensionen bei Perlentaucher

"Die Rezensentin beklagt eine Sprache, die viel zu nahm am Mief der beschriebenen Kleinbürger ist. Handlungsfäden und Figuren würden einfach entsorgt. Und am Ende gibts noch ein Happy End. Ein "Triumph literarischer Trivialität", klagt Meyer-Gosau." über SZ 9.10.2018

"Das Thema der traumatischen Spaltung, die die Nachgeborenen wegen der Verschlossenheit ihrer Eltern durchleiden, sobald sie nach der Vergangenheit fragen, fand Renz mutig gewählt, aber nicht alle Figuren und Motivationen würde er als gelungen bezeichnen. Zu einer abschließenden Meinung scheint sich der Rezensent nicht durchringen zu können." über Werner Renz in FAZ 6.10.2018

Der Roman ist kein großes Kunstwerk. Der Anfang mit den aufdringlichen Vorausdeutungen, mit der sehr einfachen Sprache, mit der simplen Personenkonstellation und der unglaubwürdigen Handlungskonstruktion schienen mir eine leichte Lektüre zu versprechen. 

In der Tat liest sich alles ohne Anstrengung und mehr als einmal glaubte ich handwerkliche Fehler zu erkennen (was einem eine gewisse Souveränität gegenüber der Aussage des Romans verspricht). Und doch fühlte ich mich mit der fortschreitenden Lektüre über die Identifikation mit der Hauptfigur immer stärker in das Erschrecken darüber hineingetrieben, was Menschen möglich ist und wie verständlich es ist, dass man von einem gewissen Maß an Schuld kaum mehr imstande ist, es sich zuzugeben. 

Gerade weil nicht realistisch, sondern stark verkürzt beschrieben wird, habe ich weiter gelesen, obwohl ich mich auf eine tiefgehende Beschäftigung mit dem Thema nicht einlassen wollte. Ich bin gleichsam dazu überlistet worden. Das halte ich für eine großartige Leistung, für die ich dankbar bin.

Übrigens erhöht die Lesbarkeit auch, dass Hess, vom Film her kommend, viele Szenen gestaltet und Personen visuell charakterisiert. So bleiben Bildeindrücke haften, die für relevante Personen und Geschehnisse stehen.

Radioansprache von Anita Lasker nach ihrer Befreiung aus Bergen-Belsen am 16.4.1945

Hier ein Angebot zum direkten Zugang auf die 

Tonbandmitschnitte des1. Auschwitz-Prozesses (1963–1965) 

Raphael Gross, Werner Renz (Hrsg.) Der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965)

Zusammenschnitt von Dokumenten in 70 + 32 Minuten


25 Februar 2015

Martin Walser: Unser Auschwitz - Auseinandersetzungen mit der deutschen Schuld

Martin Walser: Unser Auschwitz, 1965
Quelle: Kursbuch Nr. 1, hrsg. von Hans Magnus Enzensberger, Juni 1965, S. 189 - 200

Martin Walser

Unser Auschwitz

Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld
Rowohlt Verlag, Reinbek 2015

"Darin versammelt sind Texte und Textstellen aus fast 60 Jahren, in denen Walser jüdisches Leben und den Holocaust erörtert. Wer es noch nicht wusste, weiß es nach der Lektüre: Die deutsche Vergangenheit ist eines der Lebensthemen des Schriftstellers (und Historikers)." (Aus fortwährend aktuellem Anlass Von MARTIN OEHLEN, FR 25.2.2015)

12 Mai 2014

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt

Großer Mut, gewaltige Opferbereitschaft zur Verhinderung des größten Verbrechens seit Menschengedenken: Jan Karskis Mission zur Erstellung eines Augenzeugenberichtes über den Holocaust.

Sein Werk Mein Bericht an die Welt ist jetzt literarisch neu aufgearbeitet worden.

Neben ihm darf freilich Witold Pilecki nicht vergessen werden. Er starb schon 1948, Karski erst 2000.
Sie berichteten beide schon 1943 über den Holocaust. Doch obwohl Karski Präsident Franklin D. Roosevelt persönlich sprechen konnte, wurde ihm nicht geglaubt.
Pileckis Bericht ging in die  Auschwitz-Protokolle ein, das zentrale Dokument der Anklage wegen des Holocaust bei den Nürnberger Prozessen. 


Das 32seitige Dokument, auch Vrba-Wetzler Report oder Vrba-Wetzler-Bericht oder Auschwitz notebook genannt, besteht aus drei verschiedenen Teilen:
Aufnahme aus Bratislava, Juni–Juli 1944. R. Vrba (rechts) und A. Rosin (links)
  • einem mehrseitigen Bericht von Arnost Rosin und Czesław Mordowicz, zwei kurz nach Vrba und Wetzler am 27. Mai 1944 ebenfalls aus Auschwitz Entflohenen.
Kopien des Dokuments befinden sich in der Nachlass-Bibliothek Roosevelts, Hudson River Valley, New York, im vatikanischen Archiv und inYad Vashem, Jerusalem. (Seite „Auschwitz-Protokolle“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. März 2014, 00:26 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Auschwitz-Protokolle&oldid=128392753 (Abgerufen: 12. Mai 2014, 08:11 UTC))

05 Juli 2009

deaf sentence

Taubheit ist komisch, Blindsein ist tragisch, schreibt David Lodge in seinem Roman über einen schwerhörigen Linguisten, bei dem er aus der eigenen Erfahrung schöpft. Der Titel deaf sentence spielt darauf an, dass ein Schwerhöriger deaf leicht als death missverstehen kann, so dass Todesstrafe für ihn genauso klingt wie gestraft mit Taubheit und umgekehrt.
Der Roman handelt davon, wie irritierend solche fortwährenden Missverständnisse von Schwerhörigen für sie selbst und für ihre Angehörigen sein können, auch wenn manche Missverständnisse von großer Komik sind.
Dann berichtet er von den Schwierigkeiten des Alterns und dem Stress, der bei der Betreuung seniler Eltern entsteht. Alles geschieht mit sehr viel Verständnis und mit viel Sinn für die komischen Seiten dieser Schwierigkeiten. Eine Liebes/Kriminalgeschichte sorgt für die nötige Spannung. So lässt sich der Roman leicht lesen, und doch bleiben Moral, Ernst und der Blick auf Tragik und letzte Dinge nicht ausgespart. So zitiert David Lodge einen Satz aus einem Brief, den Chaim Herzog, ein Mitglied eines Sonderkommandos aus Auschwitz, in der Asche der verbrannten Juden versteckt hat. (Die Mitglieder der Sonderkommandos hatten die vergasten Juden aus den Gaskammern in die Verbrennungsöfen zu schaffen und wurden nach einigen Wochen oder Monaten selbst vergast und verbrannt.)
Der Brief war an seine Frau gerichtet und der Satz lautet (in meiner Übersetzung aus dem Englischen)
Wenn es zu verschiedenen Zeiten kleine Missverständnisse in unserem Leben gegeben hat; jetzt sehe ich, wie unfähig man war, die Gegenwart richtig zu schätzen.