Posts mit dem Label Reineke Fuchs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reineke Fuchs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

30 März 2021

Goethe: Reineke Fuchs

 Der Wolf hat Reineke trotz aller Listen, die der eingesetzt hat, im Kampf besiegt und fordert Unterwerfung.

"Isegrim brummte dagegen mit hohler Stimme die Worte:

»Deine Stunde, Dieb, ist gekommen! Ergib dich zur Stelle,

Oder ich schlage dich tot für deine betrüglichen Taten!

[...]

Reineke dachte: Nun geht es mir schlimm, was soll ich beginnen?

Geb ich mich nicht, so bringt er mich um, und wenn ich mich gebe,

Bin ich auf ewig beschimpft. Ja, ich verdiene die Strafe,

Denn ich hab ihn zu übel behandelt, zu gröblich beleidigt.

Süße Worte versucht' er darauf, den Gegner zu mildern.

»Lieber Oheim!« sagt' er zu ihm, »ich werde mit Freuden

Euer Lehnsmann sogleich mit allem, was ich besitze.

Gerne geh ich als Pilger für Euch zum Heiligen Grabe,

In das Heilige Land, in alle Kirchen und bringe

Ablaß genug von dannen zurück. Es gereichet derselbe

Eurer Seele zu Nutz und soll für Vater und Mutter

Übrigbleiben, damit sich auch die im ewigen Leben

Dieser Wohltat erfreun; wer ist nicht ihrer bedürftig?

Ich verehr Euch, als wärt Ihr der Papst, und schwöre den teuren

Heiligen Eid, von jetzt auf alle künftigen Zeiten

Ganz der Eure zu sein mit allen meinen Verwandten.

Alle sollen Euch dienen zu jeder Stunde. So schwör ich!

Was ich dem Könige selbst nicht verspräche, das sei Euch geboten.

Nehmt Ihr es an, so wird Euch dereinst die Herrschaft des Landes.

Alles, was ich zu fangen verstehe, das will ich Euch bringen:

Gänse, Hühner, Enten und Fische, bevor ich das mindste

Solcher Speise verzehre, ich laß Euch immer die Auswahl,

Eurem Weib und Kindern. Ich will mit Fleiße darneben

Euer Leben beraten, es soll Euch kein Übel berühren.

Lose heiß ich, und Ihr seid stark, so können wir beide

Große Dinge verrichten. Zusammen müssen wir halten,

Einer mit Macht, der andre mit Rat, wer wollt uns bezwingen?

[...]

Euch zu versöhnen, sollen sogleich sich meine Verwandten

Vor Euch neigen, mein Weib und meine Kinder, sie sollen

Vor des Königes Augen im Angesicht dieser Versammlung

Euch ersuchen und bitten, daß Ihr mir gnädig vergebet

Und mein Leben mir schenkt. Dann will ich offen bekennen,

Daß ich unwahr gesprochen und Euch mit Lügen geschändet,

Euch betrogen, wo ich gekonnt. Ich verspreche zu schwören,

Daß mir von Euch nichts Böses bekannt ist und daß ich von nun an

Nimmer Euch zu beleidigen denke. Wie könntet Ihr jemals

Größere Sühne verlangen als die, wozu ich bereit bin? [...]"

Als der Wolf ausspricht, dass er seinen Worten nicht glaubt, setzt Reineke überraschend den Kampf fort und bereitet ihm äußerste Schmerzen. 

Daraufhin wird er zum Sieger erklärt.

"[...]  Sie kamen zu Scharen zum Sieger gelaufen,

Alle Verwandte, der Dachs und der Affe und Otter und Biber.

Seine Freunde waren nun auch der Marder, die Wiesel,

Hermelin und Eichhorn und viele, die ihn befeindet,

Seinen Namen zuvor nicht nennen mochten, sie liefen

Alle zu ihm. Da fanden sich auch, die sonst ihn verklagten,

Seine Verwandten anjetzt, und brachten Weiber und Kinder,

Große, mittlere, kleine, dazu die kleinsten, es tat ihm

Jeglicher schön, sie schmeichelten ihm und konnten nicht enden.


In der Welt geht's immer so zu. Dem Glücklichen sagt man:

Bleibet lange gesund! er findet Freunde die Menge.

Aber wem es übel gerät, der mag sich gedulden!

Eben so fand es sich hier. Ein jeglicher wollte der Nächste

Neben dem Sieger sich blähn. Die einen flöteten, andre

Sangen, bliesen Posaunen und schlugen Pauken dazwischen.

Reinekens Freunde sprachen zu ihm: »Erfreut Euch, Ihr habet

Euch und Euer Geschlecht in dieser Stunde gehoben!

Sehr betrübten wir uns, Euch unterliegen zu sehen,

Doch es wandte sich bald, es war ein treffliches Stückchen.« [...]"


Der Löwenkönig erklärt nun:


»Alles hab ich gehört und, was Ihr meinet, verstanden.

Euch, als edlen Baron, Euch will ich im Rate wie vormals

Wieder sehen, ich mach Euch zur Pflicht, zu jeglicher Stunde

Meinen geheimen Rat zu besuchen. So bring ich Euch wieder

Völlig zu Ehren und Macht, und Ihr verdient es, ich hoffe.

Helfet alles zum besten wenden. Ich kann Euch am Hofe

Nicht entbehren, und wenn Ihr die Weisheit mit Tugend verbindet,

So wird niemand über Euch gehn und schärfer und klüger

Rat und Wege bezeichnen. Ich werde künftig die Klagen

Über Euch weiter nicht hören. Und Ihr sollt immer an meiner

Stelle reden und handeln als Kanzler des Reiches. Es sei Euch

Also mein Siegel befohlen, und was Ihr tuet und schreibet,

Bleibe getan und geschrieben. – So hat nun Reineke billig

Sich zu großen Gunsten geschwungen, und alles befolgt man,

Was er rät und beschließt, zu Frommen oder zu Schaden.«

Reineke dankte dem König und sprach: »Mein edler Gebieter,

Zu viel Ehre tut Ihr mir an, ich will es gedenken,

Wie ich hoffe, Verstand zu behalten. Ihr sollt es erfahren.«"


Jetzt ist sichergestellt, dass Reineke weiterhin allen Unrecht tun kann, wie er will. Den Segen des Königs hat er. Der Dichter schließt ironisch mit scheinbar christlichem Abschluss:


"Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre

Bald sich jeder und meide das Böse, verehre die Tugend!

Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter

Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten

Sondern möget und schätzen die Weisheit, damit auch die Käufer

Dieses Buchs vom Laufe der Welt sich täglich belehren.

Denn so ist es beschaffen, so wird es bleiben, und also

Endigt sich unser Gedicht von Reinekens Wesen und Taten.

Uns verhelfe der Herr zur ewigen Herrlichkeit! Amen."


12 März 2021

Goethe: Reineke Fuchs - Lügen auf hohem Niveau

 Reineke Fuchs hat, kaum durch List dem Galgen entronnen, den Hasen Lampe getötet und den Widder Bellyn mit dem Haupt des Getöteten an den Hof des Königs geschickt, und ihm eingeredet, er führe da eine Botschaft an den König mit sich, die ihm sehr zur Ehre gereichen werde. Nun hat ihn der Löwe wieder vor seinen Thron geladen, um ihn endgültig zu bestrafen:

Und ich hoffte Beßrung von dir. Nun seh ich zum Anfang,

Wie du Lampen gemordet; es mußte Bellyn dir zum Boten

Dienen, der brachte das Haupt im Ränzel getragen und sagte

Öffentlich aus, er bringe mir Briefe, die ihr zusammen

Ausgedacht und geschrieben, er habe das Beste geraten.

Und im Ränzel fand sich das Haupt, nicht mehr und nicht minder.

Mir zum Hohne tatet ihr das. Bellynen behielt ich

Gleich zum Pfande, sein Leben verlor er; nun geht es an deines.«

Reineke sagte: »Was hör ich? Ist Lampe tot? und Bellynen

Find ich nicht mehr? Was wird nun aus mir? Oh, wär ich gestorben!

Ach, mit beiden geht mir ein Schatz, der größte, verloren!

Denn ich sandt Euch durch sie Kleinode, welche nicht besser

Über der Erde sich finden. Wer sollte glauben, der Widder

Würde Lampen ermorden und Euch der Schätze berauben?

Hüte sich einer, wo niemand Gefahr und Tücke vermutet.«

Zornig hörte der König nicht aus, was Reineke sagte,

Wandte sich weg nach seinem Gemach und hatte nicht deutlich

Reinekens Rede vernommen, er dacht ihn am Leben zu strafen;

Und er fand die Königin eben in seinem Gemache

Mit Frau Rückenau stehn. Es war die Äffin besonders

König und Königin lieb. Das sollte Reineken helfen.

Unterrichtet war sie und klug und wußte zu reden;

Wo sie erschien, seh jeder auf sie und ehrte sie höchlich.

Diese merkte des Königs Verdruß und sprach mit Bedachte:

»Wenn Ihr, gnädiger Herr, auf meine Bitte zuweilen

Hörtet, gereut' es Euch nie, und Ihr vergabt mir die Kühnheit,

Wenn Ihr zürntet, ein Wort gelinder Meinung zu sagen.

Seid auch diesmal geneigt, mich anzuhören, betrifft es

Doch mein eignes Geschlecht! Wer kann die Seinen verleugnen?

Reineke, wie er auch sei, ist mein Verwandter, und soll ich,

Wie sein Betragen mir scheint, aufrichtig bekennen: ich denke,

Da er zu Rechte sich stellt, von seiner Sache das Beste.

Mußte sein Vater doch auch, den Euer Vater begünstigt,

Viel von losen Mäulern erdulden und falschen Verklägern!

Doch beschämt' er sie stets. Sobald man die Sache genauer

Untersuchte, fand es sich klar: Die tückischen Neider

Suchten Verdienste sogar als schwere Verbrechen zu deuten.

So erhielt er sich immer in größerem Ansehn bei Hof als

Braun und Isegrim jetzt: denn diesen wäre zu wünschen,[533]

Daß sie alle Beschwerden auch zu beseitigen wüßten,

Die man häufig über sie hört; allein sie verstehen

Wenig vom Rechte, so zeigt es ihr Rat, so zeigt es ihr Leben.«

Doch der König versetzte darauf: »Wie kann es Euch wundern,

Daß ich Reineken gram bin, dem Diebe, der mir vor kurzem

Lampen getötet, Bellynen verführt und frecher als jemals

Alles leugnet und sich als treuen und redlichen Diener

Anzupreisen erkühnt, indessen alle zusammen

Laute Klagen erheben und nur zu deutlich beweisen,

Wie er mein sicher Geleite verletzt und wie er mit Stehlen,

Rauben und Morden das Land und meine Getreuen beschädigt.

Nein! ich duld es nicht länger!« Dagegen sagte die Äffin:

»Freilich ist's nicht vielen gegeben, in jeglichen Fällen

Klug zu handeln und klug zu raten, und wem es gelinget,

Der erwirbt sich Vertrauen; allein es suchen die Neider

Ihm dagegen heimlich zu schaden, und werden sie zahlreich,

Treten sie öffentlich auf. So ist es Reineken mehrmals

Schon ergangen; doch werden sie nicht die Erinnrung vertilgen,

Wie er in Fällen Euch weise geraten, wenn alle verstummten.

Wißt Ihr noch, vor kurzem geschah's. Der Mann und die Schlange

Kamen vor Euch, und niemand verstund die Sache zu schlichten;

Aber Reineke fand's, Ihr lobtet ihn damals vor allen.«

[Es folgt die Fabel vom Mann und der Schlange.]

(Goethe:  Reineke Fuchs 9. Gesang, S.533/34)


»O mein König!« sagte darauf der listige Redner;

»Laßt mich, edelster Fürst, vor meinen Freunden erzählen,

Was Euch alles von mir an köstlichen Dingen bestimmt war.

Habt Ihr sie gleich nicht erhalten, so war mein Wille doch löblich.«

»Sage nur an«, versetzte der König, »und kürze die Worte.«


»Glück und Ehre sind hin! Ihr werdet alles erfahren«,

Sagte Reineke traurig. »Das erste köstliche Kleinod

War ein Ring; ich gab ihn Bellynen, er sollt ihn dem König

Überliefern. Es war auf wunderbarliche Weise

Dieser Ring zusammengesetzt und würdig, im Schatze

Meines Fürsten zu glänzen, aus feinem Golde gebildet.

Auf der inneren Seite, die nach dem Finger sich kehret,

Standen Lettern gegraben und eingeschmolzen; es waren

Drei hebräische Worte von ganz besonderer Deutung.

Niemand erklärte so leicht in diesen Landen die Züge;

Meister Abryon nur von Trier, der konnte sie lesen.

Es ist ein Jude, gelehrt, und alle Zungen und Sprachen

Kennt er, die von Poitou bis Lüneburg werden gesprochen;

Und auf Kräuter und Steine versteht sich der Jude besonders.


Als ich den Ring ihm gezeigt, da sagt' er: ›Köstliche Dinge

Sind hierinnen verborgen. Die drei gegrabenen Namen

Brachte Seth, der Fromme, vom Paradiese hernieder,

Als er das Öl der Barmherzigkeit suchte; und wer ihn am Finger

Trägt, der findet sich frei von allen Gefahren. Es werden

Weder Donner noch Blitz, noch Zauberei ihn verletzen.‹

Ferner sagte der Meister: er habe gelesen, es könne,

Wer den Ring am Finger bewahrt, in grimmiger Kälte[540]

Nicht erfrieren; er lebe gewiß ein ruhiges Alter.

Außen stand ein Edelgestein, ein heller Karfunkel,

Dieser leuchtete nachts und zeigte deutlich die Sachen.

Viele Kräfte hatte der Stein: er heilte die Kranken;

Wer ihn berührte, fühlte sich frei von allen Gebrechen,

Aller Bedrängnis, nur ließ sich der Tod allein nicht bezwingen.

Weiter entdeckte der Meister des Steines herrliche Kräfte:

Glücklich reist der Besitzer durch alle Lande, ihm schadet

Weder Wasser noch Feuer; gefangen oder verraten

Kann er nicht werden, und jeder Gewalt des Feindes entgeht er.

Und besieht er nüchtern den Stein, so wird er im Kampfe

Hundert überwinden und mehr. Die Tugend des Steines

Nimmt dem Gifte die Wirkung und allen schädlichen Säften.

Ebenso vertilgt sie den Haß, und sollte gleich mancher

Den Besitzer nicht lieben, er fühlt sich in kurzem verändert.


Wer vermöchte die Kräfte des Steines alle zu zählen,

Den ich im Schatze des Vaters gefunden und den ich dem König

Nun zu senden gedachte? Denn solches köstlichen Ringes

War ich nicht wert; ich wußt es recht wohl; er sollte dem einen,

Der von allen der Edelste bleibt, so dacht ich, gehören:

Unser Wohl beruht nur auf ihm und unser Vermögen,

Und ich hoffte, sein Leben vor allem Übel zu schützen.


Ferner sollte Widder Bellyn der Königin gleichfalls

Kamm und Spiegel verehren, damit sie meiner gedächte.

Diese hatt ich einmal zur Lust vom Schatze des Vaters

Zu mir genommen, es fand sich auf Erden kein schöneres Kunstwerk.

O wie oft versucht' es mein Weib und wollte sie haben!

Sie verlangte nichts weiter von allen Gütern der Erde,

Und wir stritten darum; sie konnte mich niemals bewegen.

Doch nun sendet ich Spiegel und Kamm mit gutem Bedachte

Meiner gnädigen Frauen, der Königin, welche mir immer

Große Wohltat erwies und mich vor Übel beschirmte;

Öfters hat sie für mich ein günstiges Wörtchen gesprochen;

Edel ist sie, von hoher Geburt, es ziert sie die Tugend,[541]

Und ihr altes Geschlecht bewährt sich in Worten und Werken:

Würdig war sie des Spiegels und Kammes! die hat sie nun leider

Nicht mit Augen gesehn, sie bleiben auf immer verloren.


Nun vom Kamme zu reden. Zu diesem hatte der Künstler

Pantherknochen genommen, die Reste des edlen Geschöpfes,

Zwischen Indien wohnt es und zwischen dem Paradiese.

Allerlei Farben zieren sein Fell, und süße Gerüche

Breiten sich aus, wohin es sich wendet, darum auch die Tiere

Seine Fährte so gern auf allen Wegen verfolgen;

Denn sie werden gesund von diesem Geruche, das fühlen

Und bekennen sie alle. Von solchen Knochen und Beinen

War der zierliche Kamm mit vielem Fleiße gebildet,

Klar wie Silber und weiß von unaussprechlicher Reinheit,

Und des Kammes Geruch ging über Nelken und Zimmet.

Stirbt das Tier, so fährt der Geruch in alle Gebeine,

Bleibt beständig darin und läßt sie nimmer verwesen,

Alle Seuche treibt er hinweg und alle Vergiftung.


Ferner sah man die köstlichsten Bilder am Rücken des Kammes

Hocherhaben, durchflochten mit goldenen zierlichen Ranken

Und mit rot und blauer Lasur. Im mittelsten Felde

War die Geschichte künstlich gebildet, wie Paris von Troja

Eines Tages am Brunnen saß, drei göttliche Frauen

Vor sich sah, man nannte sie Pallas und Juno und Venus.

Lange stritten sie erst, denn jegliche wollte den Apfel

Gerne besitzen, der ihnen bisher zusammen gehörte;

Endlich verglichen sie sich: es solle den goldenen Apfel

Paris der Schönsten bestimmen, sie sollt allein ihn behalten.


Und der Jüngling beschaute sie wohl mit gutem Bedachte.

Juno sagte zu ihm: ›Erhalt ich den Apfel, erkennst du

Mich für die Schönste, so wirst du der erste vor allen an Reichtum.‹

Pallas versetzte: ›Bedenke dich wohl und gib mir den Apfel,

Und du wirst der mächtigste Mann; es fürchten dich alle,

Wird dein Name genannt, so Feind' als Freunde zusammen.‹[542]

Venus sprach: ›Was soll die Gewalt? was sollen die Schätze?

Ist dein Vater nicht König Priamus? deine Gebrüder,

Hektor und andre, sind sie nicht reich und mächtig im Lande?

Ist nicht Troja geschützt von seinem Heere? und habt ihr

Nicht umher das Land bezwungen und fernere Völker?

Wirst du die Schönste mich preisen und mir den Apfel erteilen,

Sollst du des herrlichsten Schatzes auf dieser Erde dich freuen.

Dieser Schatz Ist ein treffliches Weib, die Schönste von allen,

Tugendsam, edel und weise, wer könnte würdig sie loben?

Gib mir den Apfel, du sollst des griechischen Königs Gemahlin,

Helena mein ich, die Schöne, den Schatz der Schätze, besitzen.‹


Und er gab ihr den Apfel und pries sie vor allen die Schönste.

Aber sie half ihm dagegen die schöne Königin rauben,

Menelaus' Gemahlin, sie ward in Troja die Seine.

Diese Geschichte sah man erhaben im mittelsten Felde.

Und es waren Schilder umher mit künstlichen Schriften;

Jeder durfte nur lesen, und so verstand er die Fabel.


Höret nun weiter vom Spiegel! daran die Stelle des Glases

Ein Beryll vertrat von großer Klarheit und Schönheit;

Alles zeigte sich drin, und wenn es meilenweit vorging,

War es Tag oder Nacht. Und hatte jemand im Antlitz

Einen Fehler, wie er auch war, ein Fleckchen im Auge,

Durft er sich nur im Spiegel besehn, so gingen von Stund an

Alle Mängel hinweg und alle fremden Gebrechen.

Ist's ein Wunder, daß mich es verdrießt, den Spiegel zu missen?

Und es war ein köstliches Holz zur Fassung der Tafel,

Sethym heißt es, genommen, von festem, glänzendem Wuchse,

Keine Würmer stechen es an und wird auch, wie billig,

Höher gehalten als Gold, nur Ebenholz kommt ihm am nächsten.

Denn aus diesem verfertigt' einmal ein trefflicher Künstler

Unter König Krompardes ein Pferd von seltnem Vermögen,

Eine Stunde brauchte der Reiter und mehr nicht zu hundert

Meilen. Ich könnte die Sache für jetzt nicht gründlich erzählen,

Denn es fand sich kein ähnliches Roß, solange die Welt steht. [...]

(Goethe: Reineke Fuchs, 10. Gesang)


So entführt Reineke den Löwenkönig aus der Fabelwelt in eine Märchenwelt völliger Wunscherfüllung.

Entkam er beim vorigen Male dem Galgen, indem er die Gier des Königs weckte, versucht er es jetzt mit völliger Wunscherfüllung. 

Goethe hat mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass sich das Motiv der Befreiung vom Todesurteil wiederholt, und begegnet ihr durch noch märchenhaftere Ausschmückung.


28 Februar 2021

Goethe: Reineke Fuchs - Wie Reineke den Kopf aus der Schlinge zieht (5. Gesang)

Nun vernehmet die List und wie der Fuchs sich gewendet,

Seine Frevel wieder zu decken und andern zu schaden.

Bodenlose Lügen ersann er, beschimpfte den Vater

Jenseit der Grube, beschwerte den Dachs mit großer Verleumdung,

Seinen redlichsten Freund, der ihm beständig gedienet.

So erlaubt' er sich alles, damit er seiner Erzählung

Glauben schaffte, damit er an seinen Verklägern sich rächte.


»Mein Herr Vater«, sagt' er darauf, »war so glücklich gewesen,

König Emmrichs, des Mächtigen, Schatz auf verborgenen Wegen

Einst zu entdecken; doch bracht ihm der Fund gar wenigen Nutzen.

Denn er überhub sich des großen Vermögens und schätzte

Seinesgleichen von nun an nicht mehr, und seine Gesellen

Achtet' er viel zu gering: er suchte sich höhere Freunde.

Hinze, den Kater, sendet' er ab in die wilden Ardennen,

Braun, den Bären, zu suchen, dem sollt er Treue versprechen,

Sollt ihn laden, nach Flandern zu kommen und König zu werden.


Als nun Braun das Schreiben gelesen, erfreut' es ihn herzlich;

Unverdrossen und kühn begab er sich eilig nach Flandern:

Denn er hatte schon lange so was in Gedanken getragen.

Meinen Vater fand er daselbst, der sah ihn mit Freuden,

Sendete gleich nach Isegrim aus und nach Grimbart, dem Weisen;

Und die vier verhandelten dann die Sache zusammen;

Doch der fünfte dabei war Hinze, der Kater. Ein Dörfchen

Liegt allda, wird Ifte genannt, und grade da war es,

Zwischen Ifte und Gent, wo sie zusammen gehandelt.

Eine lange, düstere Nacht verbarg die Versammlung:

Nicht mit Gott! es hatte der Teufel, es hatte mein Vater

Sie in seiner Gewalt mit seinem leidigen Golde.

Sie beschlossen des Königes Tod, beschwuren zusammen

Festen, ewigen Bund, und also schwuren die fünfe

Sämtlich auf Isegrims Haupt: sie wollten Braunen, den Bären,

Sich zum Könige wählen und auf dem Stuhle zu Aachen

Mit der goldnen Krone das Reich ihm festlich versichern.

Wollte nun auch von des Königes Freunden und seinen Verwandten

[...]

Dann entdeckt Ihr sogleich die allerreichsten Geschmeide,

Golden, künstlich und schön, auch findet Ihr Emmerichs Krone;

Wäre des Bären Wille geschehn, der sollte sie tragen.

Manchen Zierat seht Ihr daran und Edelgesteine,

Goldnes Kunstwerk; man macht es nicht mehr, wer wollt es bezahlen?

Sehet Ihr alle das Gut, o gnädiger König, beisammen,

Ja, ich bin es gewiß, Ihr denket meiner in Ehren.

Reineke, redlicher Fuchs! so denkt Ihr, der du so klüglich

Unter das Moos die Schätze gegraben, o mög es dir immer,

Wo du auch sein magst, glücklich ergehn!« So sagte der Heuchler.


Und der König versetzte darauf: »Ihr müßt mich begleiten;

Denn wie will ich allein die Stelle treffen? Ich habe

Wohl von Aachen gehört, wie auch von Lübeck und Köllen

Und von Paris; doch Hüsterlo hört ich im Leben nicht einmal

Nennen, ebensowenig als Krekelborn; sollt ich nicht fürchten,

Daß du uns wieder belügst und solche Namen erdichtest?«


Reineke hörte nicht gern des Königs bedächtige Rede,

Sprach: »So weis ich Euch doch nicht fern von hinnen, als hättet

Ihr am Jordan zu suchen. Wie schien ich Euch jetzo verdächtig?

Nächst, ich bleibe dabei, ist alles in Flandern zu finden.

Laßt uns einige fragen; es mag es ein andrer versichern.

Krekelborn! Hüsterlo! sagt ich, und also heißen die Namen.«

Lampen rief er darauf, und Lampe zauderte bebend.

Reineke rief: »So kommt nur getrost, der König begehrt Euch,

Will, Ihr sollt bei Eid und bei Pflicht, die Ihr neulich geleistet,

Wahrhaft reden; so zeiget denn an, wofern Ihr es wisset,

Sagt, wo Hüsterlo liegt und Krekelborn? Lasset uns hören.«


Lampe sprach: »Das kann ich wohl sagen. Es liegt in der Wüste

Krekelborn nahe bei Hüsterlo. Hüsterlo nennen die Leute

Jenen Busch, wo Simonet lange, der Krumme, sich aufhielt,

Falsche Münze zu schlagen mit seinen verwegnen Gesellen.

Vieles hab ich daselbst von Frost und Hunger gelitten,

Wenn ich vor Rynen, dem Hund, in großen Nöten geflüchtet.«[492]

Reineke sagte darauf: »Ihr könnt Euch unter die andern

Wieder stellen; Ihr habet den König genugsam berichtet.«

Und der König sagte zu Reineke: »Seid mir zufrieden,

Daß ich hastig gewesen und Eure Worte bezweifelt;

Aber sehet nun zu, mich an die Stelle zu bringen.«


Reineke sprach: »Wie schätzt ich mich glücklich, geziemt' es mir heute,

Mit dem König zu gehn und ihm nach Flandern zu folgen;

Aber es müßt Euch zur Sünde gereichen. Sosehr ich mich schäme,

Muß es heraus, wie gern ich es auch noch länger verschwiege.

Isegrim ließ vor einiger Zeit zum Mönche sich weihen,

Zwar nicht etwa, dem Herren zu dienen, er diente dem Magen;

Zehrte das Kloster fast auf, man reicht' ihm für sechse zu essen,

Alles war ihm zu wenig; er klagte mir Hunger und Kummer;

Endlich erbarmet' es mich, als ich ihn mager und krank sah,

Half ihm treulich davon, er ist mein naher Verwandter.

Und nun hab ich darum den Bann des Papstes verschuldet,

Möchte nun ohne Verzug, mit Eurem Wissen und Willen,

Meine Seele beraten und morgen mit Aufgang der Sonne,

Gnad und Ablaß zu suchen, nach Rom mich als Pilger begeben

Und von dannen über das Meer; so werden die Sünden

Alle von mir genommen, und kehr ich wieder nach Hause,

Darf ich mit Ehren neben Euch gehn. Doch tät ich es heute,

Würde jeglicher sagen: Wie treibt es jetzo der König

Wieder mit Reineken, den er vor kurzem zum Tode verurteilt!

Und der über das alles im Bann des Papstes verstrickt ist!

Gnädiger Herr, Ihr seht es wohl ein, wir lassen es lieber.«

[...]

(Goethe: Reineke Fuchs, 5. Gesang)


21 Februar 2021

Goethe: Reineke Fuchs 1. Gesang

 Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten

Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken

Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;

Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,

Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.


Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen

Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen

Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,

Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.

Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen

Hof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufen

Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.

Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der eine,

Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels

Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen

Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.

Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,

Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er.


Isegrim aber, der Wolf, begann die Klage; von allen

Seinen Vettern und Gönnern, von allen Freunden begleitet,

Trat er vor den König und sprach die gerichtlichen Worte:

»Gnädigster König und Herr! vernehmet meine Beschwerden.

Edel seid Ihr und groß und ehrenvoll, jedem erzeigt Ihr

Recht und Gnade: so laßt Euch denn auch des Schadens erbarmen,

Den ich von Reineke Fuchs mit großer Schande gelitten.

Aber vor allen Dingen erbarmt Euch, daß er mein Weib so[443]

Freventlich öfters verhöhnt und meine Kinder verletzt hat.

Ach! er hat sie mit Unrat besudelt, mit ätzendem Unflat,

Daß mir zu Hause noch drei in bittrer Blindheit sich quälen.

Zwar ist alle der Frevel schon lange zur Sprache gekommen,

Ja, ein Tag war gesetzt, zu schlichten solche Beschwerden;

Er erbot sich zum Eide, doch bald besann er sich anders

Und entwischte behend nach seiner Feste. Das wissen

Alle Männer zu wohl, die hier und neben mir stehen.

Herr! ich könnte die Drangsal, die mir der Bube bereitet,

Nicht mit eilenden Worten in vielen Wochen erzählen.

Würde die Leinwand von Gent, so viel auch ihrer gemacht wird,

Alle zu Pergament, sie faßte die Streiche nicht alle,

Und ich schweige davon. Doch meines Weibes Entehrung

Frißt mir das Herz; ich räche sie auch, es werde, was wolle.«


Als nun Isegrim so mit traurigem Mute gesprochen,

Trat ein Hündchen hervor, hieß Wackerlos, redte französisch

Vor dem König: wie arm es gewesen und nichts ihm geblieben

Als ein Stückchen Wurst in einem Wintergebüsche;

Reineke hab auch das ihm genommen! Jetzt sprang auch der Kater

Hinze zornig hervor und sprach: »Erhabner Gebieter,

Niemand beschwere sich mehr, daß ihm der Bösewicht schade,

Denn der König allein! Ich sag Euch, in dieser Gesellschaft

Ist hier niemand, jung oder alt, er fürchtet den Frevler

Mehr als Euch! Doch Wackerlos' Klage will wenig bedeuten,

Schon sind Jahre vorbei, seit diese Händel geschehen;

Mir gehörte die Wurst! ich sollte mich damals beschweren.

Jagen war ich gegangen: auf meinem Wege durchsucht ich

Eine Mühle zu Nacht; es schlief die Müllerin; sachte

Nahm ich ein Würstchen, ich will es gestehn; doch hatte zu dieser

Wackerlos irgend ein Recht, so dankt' er's meiner Bemühung.«


Und der Panther begann: »Was helfen Klagen und Worte!

Wenig richten sie aus, genug, das Übel ist ruchtbar.

Er ist ein Dieb, ein Mörder! Ich darf es kühnlich behaupten,

Ja, es wissen's die Herren, er übet jeglichen Frevel.[444]

Möchten doch alle die Edlen, ja selbst der erhabene König

Gut und Ehre verlieren; er lachte, gewänn er nur etwa

Einen Bissen dabei von einem fetten Kapaune.

Laßt Euch erzählen, wie er so übel an Lampen, dem Hasen,

Gestern tat; hier steht er! der Mann, der keinen verletzte.

Reineke stellte sich fromm und wollt ihn allerlei Weisen

Kürzlich lehren und was zum Kaplan noch weiter gehöret,

Und sie setzten sich gegeneinander, begannen das Credo.

Aber Reineke konnte die alten Tücken nicht lassen;

Innerhalb unsers Königes Fried' und freiem Geleite

Hielt er Lampen gefaßt mit seinen Klauen und zerrte


Wilhelm von Kaulbach


Wikipedia Commons


Tückisch den redlichen Mann. Ich kam die Straße gegangen,

Hörte beider Gesang, der, kaum begonnen, schon wieder

Endete. Horchend wundert ich mich, doch als ich hinzukam,

Kannt ich Reineken stracks, er hatte Lampen beim Kragen;

Ja, er hätt ihm gewiß das Leben genommen, wofern ich

Nicht zum Glücke des Wegs gekommen wäre. Da steht er!

Seht die Wunden an ihm, dem frommen Manne, den keiner

Zu beleidigen denkt. Und will es unser Gebieter,

Wollt ihr Herren es leiden, daß so des Königes Friede,

Sein Geleit und Brief von einem Diebe verhöhnt wird,

Oh, so wird der König und seine Kinder noch späten

Vorwurf hören von Leuten, die Recht und Gerechtigkeit lieben.«


Isegrim sagte darauf: »So wird es bleiben, und leider

Wird uns Reineke nie was Gutes erzeigen. Oh! läg er

Lange tot; das wäre das beste für friedliche Leute;

Aber wird ihm diesmal verziehn, so wird er in kurzem

Etliche kühnlich berücken, die nun es am wenigsten glauben.«


Reinekens Neffe, der Dachs, nahm jetzt die Rede, und mutig

Sprach er zu Reinekens Bestem, so falsch auch dieser bekannt war.

»Alt und wahr, Herr Isegrim!« sagt' er, »beweist sich das Sprichwort:

Feindes Mund frommt selten. So hat auch wahrlich mein Oheim

Eurer Worte sich nicht zu getrösten. Doch ist es ein leichtes.

Wär er hier am Hofe so gut als Ihr und erfreut' er[445]

Sich des Königes Gnade, so möcht es Euch sicher gereuen,

Daß Ihr so hämisch gesprochen und alte Geschichten erneuert.

Aber was Ihr Übels an Reineken selber verübet,

Übergeht Ihr; und doch, es wissen es manche der Herren,

Wie ihr zusammen ein Bündnis geschlossen und beide versprochen,

Als zwei gleiche Gesellen zu leben. Das muß ich erzählen;

Denn im Winter einmal erduldet' er große Gefahren

Euretwegen. Ein Fuhrmann, er hatte Fische geladen,

Fuhr die Straße; Ihr spürtet ihn aus und hättet um alles

Gern von der Ware gegessen; doch fehlt' es Euch leider am Gelde.

Da beredetet Ihr den Oheim, er legte sich listig

Grade für tot in den Weg. Es war, beim Himmel, ein kühnes

Abenteuer! Doch merket, was ihm für Fische geworden.

Und der Fuhrmann kam und sah im Gleise den Oheim,

Hastig zog er sein Schwert, ihm eins zu versetzen; der Kluge

Rührt' und regte sich nicht, als wär er gestorben; der Fuhrmann

Wirft ihn auf seinen Karrn und freut sich des Balges im voraus.

Ja, das wagte mein Oheim für Isegrim; aber der Fuhrmann

Fuhr dahin, und Reineke warf von den Fischen herunter.

Isegrim kam von ferne geschlichen, verzehrte die Fische.

Reineken mochte nicht länger zu fahren belieben; er hub sich,

Sprang vom Karren und wünschte nun auch von der Beute zu speisen.

Aber Isegrim hatte sie alle verschlungen; er hatte

Über Not sich beladen, er wollte bersten. Die Gräten

Ließ er allein zurück und bot dem Freunde den Rest an.

Noch ein anderes Stückchen! auch dies erzähl ich Euch wahrhaft.

Reineken war es bewußt, bei einem Bauer am Nagel

Hing ein gemästetes Schwein, erst heute geschlachtet; das sagt'er

Treu dem Wolfe: sie gingen dahin, Gewinn und Gefahren

Redlich zu teilen. Doch Müh und Gefahr trug jener alleine.

Denn er kroch zum Fenster hinein und warf mit Bemühen

Die gemeinsame Beute dem Wolf herunter; zum Unglück

Waren Hunde nicht fern, die ihn im Hause verspürten

Und ihm wacker das Fell zerzausten. Verwundet entkam er;

Eilig sucht' er Isegrim auf und klagt' ihm sein Leiden

Und verlangte sein Teil. Da sagte jener: ›Ich habe

Dir ein köstliches Stück verwahrt; nun mache dich drüber

Und benage mir's wohl; wie wird das Fette dir schmecken!‹

Und er brachte das Stück; das Krummholz war es, der Schlächter

Hatte daran das Schwein gehängt; der köstliche Braten

War vom gierigen Wolfe, dem Ungerechten, verschlungen.

Reineke konnte vor Zorn nicht reden, doch was er sich dachte,

Denket Euch selbst. Herr König, gewiß, daß hundert und drüber

Solcher Stückchen der Wolf an meinem Oheim verschuldet!

Aber ich schweige davon. Wird Reineke selber gefordert,

Wird er sich besser verteid'gen. Indessen, gnädigster König,

Edler Gebieter, ich darf es bemerken: Ihr habet, es haben

Diese Herren gehört, wie töricht Isegrims Rede

Seinem eignen Weibe und ihrer Ehre zu nah tritt,

Die er mit Leib und Leben beschützen sollte. Denn freilich

Sieben Jahre sind's her und drüber, da schenkte mein Oheim

Seine Lieb und Treue zum guten Teile der schönen

Frauen Gieremund; solches geschah beim nächtlichen Tanze;

Isegrim war verreist, ich sag es, wie mir's bekannt ist.

Freundlich und höflich ist sie ihm oft zu Willen geworden,

Und was ist es denn mehr? Sie bracht es niemals zur Klage,

Ja, sie lebt und befindet sich wohl, was macht er für Wesen?

Wär er klug, so schwieg' er davon; es bringt ihm nur Schande.«

Weiter sagte der Dachs: »Nun kommt das Märchen vom Hasen!

Eitel leeres Gewäsche! Den Schüler sollte der Meister

Etwa nicht züchtigen, wenn er nicht merkt und übel bestehet?

Sollte man nicht die Knaben bestrafen, und ginge der Leichtsinn,

Ginge die Unart so hin, wie sollte die Jugend erwachsen?

Nun klagt Wackerlos, wie er ein Würstchen im Winter verloren

Hinter der Hecke; das sollt er nun lieber im stillen verschmerzen;

Denn wir hören es ja, sie war gestohlen; zerronnen

Wie gewonnen; und wer kann meinem Oheim verargen,

Daß er gestohlenes Gut dem Diebe genommen? Es sollen

Edle Männer von hoher Geburt sich gehässig den Dieben

Und gefährlich erzeigen. Ja, hätt er ihn damals gehangen,

War es verzeihlich. Doch ließ er ihn los, den König zu ehren;

Denn am Leben zu strafen gehört dem König alleine.[447]

Aber wenigen Danks kann sich mein Oheim getrösten,

So gerecht er auch sei und Übeltaten verwehret.

Denn seitdem des Königs Friede verkündiget worden,

Hält sich niemand wie er. Er hat sein Leben verändert,

Speiset nur einmal des Tags, lebt wie ein Klausner, kasteit sich,

Trägt ein härenes Kleid auf bloßem Leibe und hat schon

Lange von Wildbret und zahmem Fleische sich gänzlich enthalten,

Wie mir noch gestern einer erzählte, der bei ihm gewesen.

Malepartus, sein Schloß, hat er verlassen und baut sich

Eine Klause zur Wohnung. Wie er so mager geworden,

Bleich von Hunger und Durst und andern strengeren Bußen,

Die er reuig erträgt, das werdet Ihr selber erfahren.

Denn was kann es ihm schaden, daß hier ihn jeder verklaget?


(Goethe: Reineke Fuchs 1. Gesang)