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08 August 2020

LYRIK PROFITIERT VON INSTAGRAM: Rupi Kaur

Ein Bild von einem Gedicht von JÜRGEN RAUSCHER FAZ 6.8.20

"Der Erfolg von Rupi Kaur begann – wie viele große literarische Karrieren seit Goethe – mit einem Skandal. Im März 2015 postete die indischstämmige Kanadierin ein Foto bei Instagram. Ein ganz gewöhnlicher Vorgang. Das Bild zeigte eine zusammengekrümmte junge Frau mit Periodenfleck an der Hose. Auch das, Menstruation, ist kein ungewöhnlicher Vorgang. Ungewöhnlich war jedoch, dass der zu Facebook gehörende Online-Dienst beschloss, das Foto zu löschen. Grundlos, denn das Bild verstieß nicht gegen die Gemeinschaftsrichtlinien. Kaur postete es abermals, erzählte von der Löschung und stellte zwei Fragen: Warum ist meine Periode für euch unzumutbar, wenn ich sie jeden Monat aushalte? Warum sollten Frauen sich für eine Natürlichkeit schämen?
Daraufhin explodierte das Internet, wie es das häufiger tut. Die damals Zweiundzwanzigjährige wurde im Schnellverfahren zur Ikone. Wäre Kaur ein Online-Phänomen geblieben, könnte man daran nichts Besonderes finden. Aber Rupi Kaur aus Toronto, jetzt siebenundzwanzig Jahre alt, ist mittlerweile zur erfolgreichsten Lyrikerin aller Zeiten geworden. Ihre beiden Gedichtbände verkauften sich zusammen bisher sieben Millionen Mal. Das revidiert die Aussage des amerikanischen Schriftstellers Gary Shteyngart: „Gedichte werden nur noch von Lyrik-Professoren gelesen, die Studenten unterrichten, die wieder Lyrik-Professoren werden.“ Allerdings konnte Shteyngart vor fast zwanzig Jahren, als er das schrieb, schlecht ahnen, dass da etwas kommt, das Gedichte massentauglich macht, und dass es eine Internet-Fotoplattform sein würde. [...]"
FAZ 6.8.20

Sieh auch:
Jan Volker Röhnert
Die Mauersegler 
"Sie haben ihr Reich auf Luft gebaut.
[...]
Die Mauersegler sind das Blau;
 eine federleichte, beinahe schwerelose Flügelsehne,
die den Sommerhimmelbogen spannt."
https://www.lyrikline.org/de/startseite/

27 August 2019

Texte als Hilfe in schwierigen Lebenslagen

"Sie kennen das wahrscheinlich auch: Wenn wir was brauchen, wir sind irritiert oder haben eine schwierige Entscheidung vor uns – und plötzlich fällt uns ein Buch auf, oder es fällt uns ein Gedicht auf. Mir ist es vor vielen, vielen Jahren so gegangen: Da war durch Krankenkassenreformen meine Praxis für drei Monate in Gefahr, überhaupt nicht mehr weiter zu existieren. Und ich bin einfach auf das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse gestoßen. Ich hatte das vorher schon gekannt, aber da hat es plötzlich gezündet.
Ellmenreich: Ein einzelnes Wort? Ein einzelnes Bild? Reicht das?
Wilhelm: Ja! Es war einfach dieses „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, dass ich dachte: Ja, und im Notfall fängst du neu an. Diese Ermutigung war in diesem Fall mein Thema – und nicht zu resignieren. So kenne ich eigentlich sehr häufig bei Klientinnen und Klienten, dass sie irgendwie einen Umbruch im Leben haben, und die Literatur ihnen hilft – egal, ob die hohe Literatur oder die „Romänschen“ oder Gedichte – diese Situation zu meistern, weil es etwas Kontinuierliches ist." 
(Alexander Wilhelm über Bibliotherapie: Das richtige Buch zur richtigen Zeit, Deutschlandfunk 27.8.2019)

Hermann Hesse: Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

[...]

14 Februar 2016

Ulla Hahns Gedichte

"Denn jedes Gedicht wird im Kopf der Leserin, des Lesers zu Ende geschrieben." "Wer nicht glaubt, im Gedicht etwas zu finden, das ihm unter die Haut gehen könnte, ..."
(Ulla Hahn: Gesammelte Gedichte 2013, Vorwort, S.14)

In den Gedichten Ulla Hahns ging mir zunächst nichts unter die Haut. Die junge Frau sprach zu mir erst über die Prosa der älteren. 

Erst in den Gedichten, in die sie mehr Welt aufnahm, fand ich etwas. In Epikurs Garten fand ich im Schachtelhalm "grüne Ewigkeit"; und "Zerschlissen mein Amselkleid" und "Lied der Amsel" stellten sich zueinander. Ich fand  Immortellen und Lene Nimbsch (mehr zu Lene Nimptsch hier).

Hahns Liebe zum Wort fand ich in ihrem Verborgenen Wort. Erst zusammen mit Welt erlebte ich sie so im Gedicht, dass auch die frühen Gedichte - zum Teil - meine Gedichte wurden. "Es gibt so viel Gedichte, wie es Lesende gibt." (S.14) 
Natürlich gibt es viel mehr. Denn welcher Leser hätte nur ein Gedicht!

Jetzt also auch Ulla Hahns:

Kiesel am Rhein. 

Ins Verhör nimmt dich
der schweigende Stein
...

Kleine Schwester

Seltsam zu glauben
                   dass du Ich bist
dass du in mir steckst wie
die kleinste und einzige kompakte
russische Puppe. Keine Angst.
[...]
Vorbei Dahin Vorüber. So

lange bis der große Puppenspieler
mir die nächste Strophe aufzwingt
Irgendwann eine letzte.
Was wird dann aus dir
kleine Schwesterseele tief drinnen 
in mir? Kommst du mit?
Aber wohin? Und: Gibt es
ein Wi€derwort?
Dort.

(Das € steht für ein spiegelverkehrtes kleines e.)

Ein großes Gedicht. Mehr als ein Lebenslauf. Teils mit hymnischem Schwung. Und ein Gedicht über Dichtung. Das Bennsche "die Dinge mystisch bannen durch das Wort" klingt für mich an.

29 Dezember 2015

Albrecht von Haller: Die Alpen

Die Alpen

Versuchts, ihr Sterbliche, macht euren Zustand besser,1
Braucht, was die Kunst erfand und die Natur euch gab;
Belebt die Blumen-Flur mit steigendem Gewässer,
Theilt nach Korinths Gesetz gehaune Felsen ab;
Umhängt die Marmor-Wand mit persischen Tapeten,
Speist Tunkins Nest aus Gold, trinkt Perlen aus Smaragd,2
Schlaft ein beim Saitenspiel, erwachet bei Trompeten,
Räumt Klippen aus der Bahn, schließt Länder ein zur Jagd;3
Wird schon, was ihr gewünscht, das Schicksal unterschreiben,
Ihr werdet arm im Glück, im Reichthum elend bleiben!

Wann Gold und Ehre sich zu Clios Dienst verbinden,
Keimt doch kein Funken Freud in dem verstörten Sinn.
Der Dinge Werth ist das, was wir davon empfinden;
Vor seiner theuren Last flieht er zum Tode hin.
Was hat ein Fürst bevor, das einem Schäfer fehlet?
Der Zepter eckelt ihm, wie dem sein Hirten-Stab.
Weh ihm, wann ihn der Geiz, wann ihn die Ehrsucht quälet,
Die Schaar, die um ihn wacht, hält den Verdruß nicht ab.
Wann aber seinen Sinn gesetzte Stille wieget,
Entschläft der minder sanft, der nicht auf Eidern lieget?

Beglückte güldne Zeit, Geschenk der ersten Güte,
O, daß der Himmel dich so zeitig weggerückt!
Nicht, weil die junge Welt in stätem Frühling blühte
Und nie ein scharfer Nord die Blumen abgepflückt;
Nicht, weil freiwillig Korn die falben Felder deckte
Und Honig mit der Milch in dicken Strömen lief;
Nicht, weil kein kühner Löw die schwachen Hürden schreckte
Und ein verirrtes Lamm bei Wölfen sicher schlief;
Nein, weil der Mensch zum Glück den Ueberfluß nicht zählte,
Ihm Nothdurft Reichthum war und Gold zum sorgen fehlte!
Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten!
Nicht zwar ein Dichterreich voll fabelhafter Pracht;
Wer misst den äußern Glanz scheinbarer Eitelkeiten,
Wann Tugend Müh zur Lust und Armuth glücklich macht?
Das Schicksal hat euch hier kein Tempe zugesprochen,
Die Wolken, die ihr trinkt, sind schwer von Reif und Strahl;
Der lange Winter kürzt des Frühlings späte Wochen,
Und ein verewigt Eis umringt das kühle Thal;
Doch eurer Sitten Werth hat alles das verbessert,
Der Elemente Neid hat euer Glück vergrößert.

Wohl dir, vergnügtes Volk! o danke dem Geschicke,
Das dir der Laster Quell, den Ueberfluß, versagt;
Dem, den sein Stand vergnügt, dient Armuth selbst zum Glücke,
Da Pracht und Ueppigkeit der Länder Stütze nagt.
Als Rom die Siege noch bei seinen Schlachten zählte,
War Brei der Helden Speis und Holz der Götter Haus;4
Als aber ihm das Maaß von seinem Reichthum fehlte,
Trat bald der schwächste Feind den feigen Stolz in Graus.
Du aber hüte dich, was größers zu begehren.
So lang die Einfalt daurt, wird auch der Wohlstand währen.

Zwar die Natur bedeckt dein hartes Land mit Steinen,
Allein dein Pflug geht durch, und deine Saat errinnt;
Sie warf die Alpen auf, dich von der Welt zu zäunen,
Weil sich die Menschen selbst die grösten Plagen sind;
Dein Trank ist reine Flut und Milch die reichsten Speisen,
Doch Lust und Hunger legt auch Eicheln Würze zu;
Der Berge tiefer Schacht giebt dir nur schwirrend Eisen,
Wie sehr wünscht Peru nicht, so arm zu sein als du!
Dann, wo die Freiheit herrscht, wird alle Mühe minder,
Die Felsen selbst beblümt und Boreas gelinder.

Glückseliger Verlust von schadenvollen Gütern!
Der Reichthum hat kein Gut, das eurer Armuth gleicht;
Die Eintracht wohnt bei euch in friedlichen Gemüthern,
Weil kein beglänzter Wahn euch Zweitrachtsäpfel reicht;
Die Freude wird hier nicht mit banger Furcht begleitet,
Weil man das Leben liebt und doch den Tod nicht hasst;
Hier herrschet die Vernunft, von der Natur geleitet,
Die, was ihr nöthig, sucht und mehrers hält für Last.
Was Epictet gethan und Seneca geschrieben,
Sieht man hier ungelehrt und ungezwungen üben.

Hier herrscht kein Unterschied, den schlauer Stolz erfunden,
Der Tugend unterthan und Laster edel macht;
Kein müßiger Verdruß verlängert hier die Stunden,
Die Arbeit füllt den Tag und Ruh besetzt die Nacht;
Hier lässt kein hoher Geist sich von der Ehrsucht blenden,
Des morgens Sonne frisst des heutes Freude nie.
Die Freiheit theilt dem Volk, aus milden Mutter-Händen,
Mit immer gleichem Maaß Vergnügen, Ruh und Müh.
Kein unzufriedner Sinn zankt sich mit seinem Glücke,
Man isst, man schläft, man liebt und danket dem Geschicke.

Zwar die Gelehrtheit feilscht hier nicht papierne Schätze,
Man misst die Straßen nicht zu Rom und zu Athen,
Man bindet die Vernunft an keine Schulgesetze,
Und niemand lehrt die Sonn in ihren Kreisen gehn.
O Witz! des Weisen Tand, wann hast du ihn vergnüget?
Er kennt den Bau der Welt und stirbt sich unbekannt;
Die Wollust wird bei ihm vergällt und nicht besieget,
Sein künstlicher Geschmack beeckelt seinen Stand;
Und hier hat die Natur die Lehre, recht zu leben,
Dem Menschen in das Herz und nicht ins Hirn gegeben.

Hier macht kein wechselnd Glück die Zeiten unterschieden,
Die Thränen folgen nicht auf kurze Freudigkeit;
Das Leben rinnt dahin in ungestörtem Frieden,
Heut ist wie gestern war und morgen wird wie heut.
Kein ungewohnter Fall bezeichnet hier die Tage,
Kein Unstern malt sie schwarz, kein schwülstig Glücke roth.
Der Jahre Lust und Müh ruhn stets auf gleicher Waage,
Des Lebens Staffeln sind nichts als Geburt und Tod.
Nur hat die Fröhlichkeit bisweilen wenig Stunden
Dem unverdrossnen Volk nicht ohne Müh entwunden.5
Wann durch die schwüle Luft gedämpfte Winde streichen
Und ein begeistert Blut in jungen Adern glüht,
So sammlet sich ein Dorf im Schatten breiter Eichen,
Wo Kunst und Anmuth sich um Lieb und Lob bemüht.
Hier ringt ein kühnes Paar, vermählt den Ernst dem Spiele,
Umwindet Leib um Leib und schlinget Huft um Huft.
Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele,
Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft.
Den aber führt die Lust, was edlers zu beginnen,
Zu einer muntern Schaar von jungen Schäferinnen.6

Dort eilt ein schnelles Blei in das entfernte weiße,
Das blitzt und Luft und Ziel im gleichen Jetzt durchbohrt;
Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleiße
Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort.
Dort tanzt ein bunter Ring mit umgeschlungnen Händen
In dem zertretnen Gras bei einer Dorf-Schallmei,
Und lehrt sie nicht die Kunst, sich nach dem Tacte wenden,
So legt die Fröhlichkeit doch ihnen Flügel bei.
Das graue Alter dort sitzt hin in langen Reihen,
Sich an der Kinder Lust noch einmal zu erfreuen.
Denn hier, wo die Natur allein Gesetze giebet,
Umschließt kein harter Zwang der Liebe holdes Reich.
Was liebenswürdig ist, wird ohne Scheu geliebet,
Verdienst macht alles werth und Liebe macht es gleich.
Die Anmuth wird hier auch in Armen schön gefunden,
Man wiegt die Gunst hier nicht für schwere Kisten hin,
Die Ehrsucht theilet nie, was Werth und Huld verbunden,
Die Staatssucht macht sich nicht zur Unglücks-Kupplerin:
Die Liebe brennt hier frei und scheut kein Donnerwetter,
Man liebet für sich selbst und nicht für seine Väter.

So bald ein junger Hirt die sanfte Glut empfunden,
Die leicht ein schmachtend Aug in muntern Geistern schürt,
So wird des Schäfers Mund von keiner Furcht gebunden,
Ein ungeheuchelt Wort bekennet, was ihn rührt;
Sie hört ihn und, verdient sein Brand ihr Herz zum Lohne,
So sagt sie, was sie fühlt, und thut, wornach sie strebt;
Dann zarte Regung dient den Schönen nicht zum Hohne,
Die aus der Anmuth fließt und durch die Tugend lebt.
Verzüge falscher Zucht, der wahren Keuschheit Affen,
Der Hochmuth hat euch nur zu unsrer Qual geschaffen!

Die Sehnsucht wird hier nicht mit eitler Pracht belästigt!
Er liebet sie, sie ihn, dieß macht den Heirath-Schluß.
Die Eh wird oft durch nichts als beider Treu befestigt,
Für Schwüre dient ein Ja, das Siegel ist ein Kuß.
Die holde Nachtigall grüßt sie von nahen Zweigen,
Die Wollust deckt ihr Bett auf sanft geschwollnes Moos,
Zum Vorhang dient ein Baum, die Einsamkeit zum Zeugen,
Die Liebe führt die Braut in ihres Hirten Schooß.
O dreimal seligs Paar! Euch muß ein Fürst beneiden,
Dann Liebe balsamt Gras und Eckel herrscht auf Seiden.
[...]
Albrecht von Haller war vornehmlich Mediziner und Naturwissenschaftler, sowie Gründungsprofessor der Universität Göttingen und Wissenschaftspublizist im Zeitalter der Aufklärung. aber auch Dichter.

06 Oktober 2015

Storm, wie er mir nicht geläufig war

Der Beamte 
Er reibt sich die Hände: »Wir kriegen's jetzt! 
Auch der frechste Bursche spüret 
Schon bis hinab in die Fingerspitz', 
Daß von oben er wird regieret. 

Bei jeder Geburt ist künftig sofort 

Der Antrag zu formulieren, 
Daß die hohe Behörde dem lieben Kind 
Gestatte zu existieren!«

Der Zweifel 

Der Glaube ist zum Ruhen gut, 
Doch bringt er nicht von der Stelle; 
Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust, 
Der sprengt die Pforten der Hölle.

Theodor Storm: Im Herbste

Es rauscht, die gelben Blätter fliegen, 
Am Himmel steht ein falber Schein; 
Du schauerst leis und drückst dich fester 
In deines Mannes Arm hinein. 

Was nun von Halm zu Halme wandelt, 
Was nach den letzten Blumen greift, 
Hat heimlich im Vorübergehen 
Auch dein geliebtes Haupt gestreift. 

Doch reißen auch die zarten Fäden, 
Die warme Nacht auf Wiesen spann – 
Es ist der Sommer nur, der scheidet; 
Was geht denn uns der Sommer an! 

Du legst die Hand an meine Stirne 
Und schaust mir prüfend ins Gesicht; 
Aus deinen milden Frauenaugen 
Bricht gar zu melancholisch Licht. 

Erlosch auch hier ein Duft, ein Schimmer, 
Ein Rätsel, das dich einst bewegt, 
Daß du in meine Hand gefangen 
Die freie Mädchenhand gelegt? 

O schaudre nicht! Ob auch unmerklich 
Der schönste Sonnenschein verrann – 
Es ist der Sommer nur, der scheidet; 
Was geht denn uns der Sommer an!

29 September 2015

Kindheit

Kindheit

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit 
mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen. 
O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen... 
Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen 
und auf den Plätzen die Fontänen springen 
und in den Gärten wird die Welt so weit -. 
Und durch das alles gehn im kleinen Kleid, 
ganz anders als die andern gehn und gingen -: 
O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, 
o Einsamkeit. 

Und in das alles fern hinauszuschauen: 
Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen 
und Kinder, welche anders sind und bunt; 
und da ein Haus und dann und wann ein Hund 
und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen -: 
O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen, 
o Tiefe ohne Grund. 

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen 
in einem Garten, welcher sanft verblaßt, 
und manchmal die Erwachsenen zu streifen, 
blind und verwildert in des Haschens Hast, 
aber am Abend still, mit kleinen steifen 
Schritten nachhaus zu gehn, fest angefaßt -: 
O immer mehr entweichendes Begreifen, 
o Angst, o Last. 

Und stundenlang am großen grauen Teiche 
mit einem kleinen Segelschiff zu knien; 
es zu vergessen, weil noch andre, gleiche 
und schönere Segel durch die Ringe ziehn, 
und denken müssen an das kleine bleiche 
Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien -: 
O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. 
Wohin? Wohin? 

Aus: Das Buch der Bilder

(Rainer Maria Rilke)

27 September 2015

Zueignungen

Zueignung (zur Ausgabe seiner gesammelten Werke)

Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte
Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,
Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte
Den Berg hinauf mit frischer Seele ging;
Ich freute mich bei einem jeden Schritte
Der neuen Blume, die voll Tropfen hing;
Der junge Tag erhob sich mit Entzücken,
Und alles war erquickt, mich zu erquicken.
Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen
Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor.
Er wich und wechselte mich zu umfließen,
Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor:
Des schönen Blicks sollt' ich nicht mehr genießen,
Die Gegend deckte mir ein trüber Flor;
Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen
Und mit mir selbst in Dämmrung eingeschlossen.
Auf einmal schien die Sonne durchzudringen,
Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn;
Hier sank er leise sich hinabzuschwingen,
Hier teilt' er steigend sich um Wald und Höhn.
Wie hofft' ich ihr den ersten Gruß zu bringen!
Sie hofft' ich nach der Trübe doppelt schön.
Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet,
Ein Glanz umgab mich, ich stand geblendet.
Bald machte mich, die Augen aufzuschlagen,
Ein innrer Trieb des Herzens wieder kühn;
Ich konnt' es nur mit schnellen Blicken wagen,
Denn alles schien zu brennen und zu glühn.
Da schwebte, mit den Wolken hergetragen,
Ein göttlich Weib vor meinen Augen hin,
Kein schöner Bild sah ich in meinem Leben;
Sie sah mich an und blieb verweilend schweben.
Kennst du mich nicht? sprach sie mit einem Munde,
Dem aller Lieb' und Treue Ton entfloß:
Erkennst du mich, die ich in manche Wunde
Des Lebens dir den reinsten Balsam goß?
Du kennst mich wohl, an die zu ew'gem Bunde
Dein strebend Herz sich fest und fester schloß.
Sah ich dich nicht mit heißen Herzenstränen
Als Knabe schon nach mir dich eifrig sehnen?
Ja! rief ich aus, indem ich selig nieder
Zur Erde sank, lang hab' ich dich gefühlt;
Du gabst mir Ruh, wenn durch die jungen Glieder
Die Leidenschaft sich rastlos durchgewühlt:
Du hast mir, wie mit himmlischem Gefieder,
Am heißen Tag die Stirne sanft gekühlt;
Du schenktest mir der Erde beste Gaben
Und jedes Glück will ich durch dich nur haben!
Dich nenn' ich nicht. Zwar hör' ich dich von vielen
Gar oft genannt, und jeder heißt dich sein,
Ein jedes Auge glaubt auf dich zu zielen,
Fast jedem Auge wird dein Strahl zur Pein.
Ach, da ich irrte, hatt' ich viel Gespielen,
Da ich dich kenne, bin ich fast allein;
Ich muß mein Glück nur mit mir selbst genießen,
Dein holdes Licht verdecken und verschließen.
Sie lächelte, sie sprach: Du siehst, wie klug,
Wie nötig war's, euch wenig zu enthüllen!
Kaum bist du sicher vor dem gröbsten Trug,
Kaum bist du Herr vom ersten Kinderwillen,
So glaubst du dich schon Übermensch genug,
Versäumst die Pflicht des Mannes zu erfüllen!
Wie viel bist du von andern unterschieden?
Erkenne dich, leb' mit der Welt in Frieden!
Verzeih mir, rief ich aus, ich meint' es gut;
Soll ich umsonst die Augen offen haben?
Ein froher Wille lebt in meinem Blut;
Ich kenne ganz den Wert von deinen Gaben!
Für andre wächst in mir das edle Gut,
Ich kann und will das Pfund nicht mehr vergraben!
Warum sucht' ich den Weg so sehnsuchtsvoll,
Wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?
Und wie ich sprach, sah mich das hohe Wesen
Mit einem Blick mitleid'ger Nachsicht an;
Ich konnte mich in ihrem Auge lesen,
Was ich verfehlt und was ich recht getan.
Sie lächelte, da war ich schon genesen,
Zu neuen Freuden stieg mein Geist heran;
Ich konnte nun mit innigem Vertrauen
Mich zu ihr nahn und ihre Nähe schauen.
Da reckte sie die Hand aus in die Streifen
Der leichten Wolken und des Dufts umher;
Wie sie ihn faßte, ließ er sich ergreifen,
Er ließ sich ziehn, es war kein Nebel mehr.
Mein Auge konnt' im Tale wieder schweifen,
Gen Himmel blickt' ich, er war hell und hehr.
Nur sah ich sie den reinsten Schleier halten,
Er floß um sie und schwoll in tausend Falten.
Ich kenne dich, ich kenne deine Schwächen,
Ich weiß, was Gutes in dir lebt und glimmt!
- So sagte sie, ich hör' sie ewig sprechen, -
Empfange hier, was ich dir lang bestimmt!
Dem Glücklichen kann es an nichts gebrechen,
Der dies Geschenk mit stiller Seele nimmt:
Aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit,
Der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit.
Und wenn es dir und deinen Freunden schwüle
Am Mittag wird, so wirf ihn in die Luft!
Sogleich umsäuselt Abendwindes Kühle,
Umhaucht euch Blumen-Würzgeruch und Duft.
Es schweigt das Wehen banger Erdgefühle,
Zum Wolkenbette wandelt sich die Gruft,
Besänftigt wird jede Lebenswelle,
Der Tag wird lieblich, und die Nacht wird helle.
So kommt denn, Freunde, wenn auf euren Wegen
Des Lebens Bürde schwer und schwerer drückt,
Wenn eure Bahn ein frischerneuter Segen
Mit Blumen ziert, mit goldnen Früchten schmückt,
Wir gehn vereint dem nächsten Tag entgegen!
So leben wir, so wandeln wir beglückt.
Und dann auch soll, wenn Enkel um uns trauern,
Zu ihrer Lust noch unsre Liebe dauern.


Zueignung (zu Faust 1. Teil)

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.



Vertraut sind mir die Anfangszeilen beider Gedichte, doch so vieles aus dem ersten ist mir unvertraut. Und wie irritiert war ich, als ich im Verzeichnis der Titel und Gedichtanfänge nur diese eine Zueignung fand. Wie hat denn die zum Faust gehießen? Jetzt bin ich wieder beruhigt. Wie vertraut sind doch diese Zeilen: "Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten."


13 September 2015

Was schlimm ist

GOTTFRIED BENN
Was schlimm ist
Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.
Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann. [...]
Meine Empfehlung von Planet Lyrik

Grenzen der Menschheit

Gränzen der Menschheit.

Wenn der uralte
Heilige Vater
Mit gelassener Hand
Aus rollenden Wolken
5
Segnende Blitze
Ueber die Erde sä’t,
Küss’ ich den letzten
Saum seines Kleides,
Kindliche Schauer
10
Treu in der Brust.

Denn mit Göttern
Soll sich nicht messen
Irgend ein Mensch.
Hebt er sich aufwärts,
15
Und berührt
Mit dem Scheitel die Sterne,
Nirgends haften dann
Die unsichern Sohlen,
Und mit ihm spielen
20
Wolken und Winde.

Steht er mit festen
Markigen Knochen
Auf der wohlgegründeten
Dauernden Erde;
25
[82] Reicht er nicht auf,
Nur mit der Eiche
Oder der Rebe
Sich zu vergleichen.

Was unterscheidet
30
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
35
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begränzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
40
Reihen sich dauernd
An ihres Daseyns
Unendliche Kette.

04 September 2015

Goethe und der Herzog (Ilmenau 1783)

Sei mir gegrüßt, der hier in später Nacht
Gedankenvoll an dieser Schwelle wacht!
Was sitzest du entfernt von jenen Freuden?
Du scheinst mir auf was Wichtiges bedacht.
Was ist's, daß du in Sinnen dich verlierest
Und nicht einmal dein kleines Feuer schürest?
»O frage nicht! denn ich bin nicht bereit,
Des Fremden Neugier leicht zu stillen;
Sogar verbitt ich deinen guten Willen;
Hier ist zu schweigen und zu leiden Zeit.
Ich bin dir nicht imstande, selbst zu sagen,
Woher ich sei, wer mich hierher gesandt;
Von fremden Zonen bin ich her verschlagen
Und durch die Freundschaft festgebannt.

Wer kennt sich selbst?
Wer weiß, was er vermag?
Hat nie der Mutige Verwegnes unternommen?
Und was du tust, sagt erst der andre Tag,
War es zum Schaden oder Frommen.
Ließ nicht Prometheus selbst die reine Himmelsglut
Auf frischen Ton vergötternd niederfließen?
Und konnt er mehr als irdisch Blut
Durch die belebten Adern gießen?
Ich brachte reines Feuer vom Altar;
Der Sturm vermehrt die Glut und die Gefahr,
Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme.


Und wenn ich unklug Mut und Freiheit sang
Und Redlichkeit und Freiheit sonder Zwang,
Stolz auf sich selbst und herzliches Behagen,
Erwarb ich mir der Menschen schöne Gunst:
Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst,
Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen.
Nun sitz ich hier, zugleich erhoben und gedrückt,
Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt.


Doch rede sacht! denn unter diesem Dach
Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach:
Ein edles Herz, vom Wege der Natur
Durch enges Schicksal abgeleitet,[374]
Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur
Bald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet
Und, was ihm das Geschick durch die Geburt geschenkt,
Mit Müh und Schweiß erst zu erringen denkt.
Kein liebevolles Wort kann seinen Geist enthüllen
Und kein Gesang die hohen Wogen stillen.


Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht,
Von ihrem künft'gen Futter sprechen?
Und wer der Puppe, die im Boden liegt,
Die zarte Schale helfen durchzubrechen?
Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los
Und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß.


Gewiß, ihm geben auch die Jahre
Die rechte Richtung seiner Kraft.
Noch ist bei tiefer Neigung für das Wahre
Ihm Irrtum eine Leidenschaft.
Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
Der Unfall lauert an der Seite
Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus,
Und von unmutiger Bewegung
Ruht er unmutig wieder aus.
Und düster wild an heitern Tagen,
Unbändig, ohne froh zu sein,
Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
Auf einem harten Lager ein:
Indessen ich hier still und atmend kaum
Die Augen zu den freien Sternen kehre
Und, halb erwacht und halb im schweren Traum,
Mich kaum des schweren Traums erwehre.«

Goethe: Ilmenau (entstanden 3. 9.1783 - Erstdruck 1815), S.372-374

In diesem Gedicht auf den 26. Geburtstag seines Herzogs stellt Goethe in diesen Zeilen sich selbst vor und deutet Jugendsünden an, die er zusammen mit dem Herzog beging,  bevor er ihn in den Schlusszeilen des Gedichts zur Verantwortung als Fürst aufruft. Die Hervorhebungen im Text sind von mir hinzugefügt. 

So mög, o Fürst, der Winkel deines Landes
Ein Vorbild deiner Tage sein!
Du kennest lang die Pflichten deines Standes
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren.

So wandle du – der Lohn ist nicht gering –
Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,
Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
Hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel;
Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand,
Den Segen aus auf ein geackert Land;
Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen
Und dich beglücken und die Deinen. (S.375-376)

30 August 2015

Der Bär in "Lilis Park"

Lilis Park 

Ist doch keine Menagerie
 So bunt als meiner Lili ihre!
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie.
O wie sie hüpfen, laufen, trappeln,
Mit abgestumpften Flügeln zappeln,
Die armen Prinzen allzumal,
In nie gelöschter Liebesqual!


»Wie hieß die Fee? Lili?« – Fragt nicht nach ihr!
Kennt ihr sie nicht, so danket Gott dafür.


Welch ein Geräusch, welch ein Gegacker,
Wenn sie sich in die Türe stellt
Und in der Hand das Futterkörbchen hält!
Welch ein Gequiek, welch ein Gequacker!
Alle Bäume, alle Büsche
Scheinen lebendig zu werden:
So stürzen sich ganze Herden
Zu ihren Füßen; sogar im Bassin die Fische
Patschen ungeduldig mit den Köpfen heraus.
Und sie streut dann das Futter aus
Mit einem Blick – Götter zu entzücken,
Geschweige die Bestien. Da geht's an ein Picken,
An ein Schlürfen, an ein Hacken;
Sie stürzen einander über die Nacken,
Schieben sich, drängen sich, reißen sich,
Jagen sich, ängsten sich, beißen sich,
Und das all um ein Stückchen Brot,
Das, trocken, aus den schönen Händen schmeckt,
Als hätt es in Ambrosia gesteckt.
[334]
Aber der Blick auch! der Ton,
Wenn sie ruft: »Pipi! Pipi!«,
Zöge den Adler Jupiters vom Thron;
Der Venus Taubenpaar,
Ja der eitle Pfau sogar,
Ich schwöre, sie kämen,
Wenn sie den Ton von weitem nur vernähmen.


Denn so hat sie aus des Waldes Nacht
Einen Bären, ungeleckt und ungezogen,
Unter ihren Beschluß herein betrogen,
Unter die zahme Kompanie gebracht
Und mit den andern zahm gemacht:
Bis auf einen gewissen Punkt, versteht sich!
Wie schön und ach! wie gut
Schien sie zu sein! Ich hätte mein Blut
Gegeben, um ihre Blumen zu begießen.


»Ihr sagtet: ich! Wie? Wer?«
Gut denn, ihr Herrn, gradaus: Ich bin der Bär;
In einem Filetschurz gefangen,
An einem Seidenfaden ihr zu Füßen.
Doch wie das alles zugegangen,
Erzähl ich euch zur andern Zeit;
Dazu bin ich zu wütig heut.


Denn ha! steh ich so an der Ecke
Und hör von weitem das Geschnatter,
Seh das Geflitter, das Geflatter,
Kehr ich mich um
Und brumm,
Und renne rückwärts eine Strecke,
Und seh mich um
Und brumm,
Und laufe wieder eine Strecke,
Und kehr doch endlich wieder um.
[335]
Dann fängt's auf einmal an zu rasen,
Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen,
Es wildzt die innere Natur.
Was, du ein Tor, ein Häschen nur!
So ein Pipi! Eichhörnchen, Nuß zu knacken;
Ich sträube meinen borst'gen Nacken,
Zu dienen ungewöhnt.
Ein jedes aufgestutzte Bäumchen höhnt
Mich an! Ich flieh vom Bowlinggreen,
Vom niedlich glatt gemähten Grase;
Der Buchsbaum zieht mir eine Nase,
Ich flieh ins dunkelste Gebüsche hin,
Durchs Gehege zu dringen,
Über die Planken zu springen!
Mir versagt Klettern und Sprung,
Ein Zauber bleit mich nieder,
Ein Zauber häkelt mich wider,
Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genung,
Dann lieg ich an gekünstelten Kaskaden
Und kau und wein und wälze halb mich tot,
Und ach! es hören meine Not
Nur porzellanene Oreaden*.



Auf einmal! Ach, es dringt
Ein seliges Gefühl durch alle meine Glieder!
Sie ist's, die dort in ihrer Laube singt!
Ich höre die liebe, liebe Stimme wieder,
Die ganze Luft ist warm, ist blütevoll.
Ach, singt sie wohl, daß ich sie hören soll?
Ich dringe zu, tret alle Sträuche nieder,
Die Büsche fliehn, die Bäume weichen mir,
Und so – zu ihren Füßen liegt das Tier.
[336]
Sie sieht es an: »Ein Ungeheuer! doch drollig!
Für einen Bären zu mild,
Für einen Pudel zu wild,
So zottig, täpsig, knollig!«
Sie streicht ihm mit dem Füßchen übern Rücken;
Er denkt im Paradiese zu sein.
Wie ihn alle sieben Sinne jücken!
Und sie – sieht ganz gelassen drein.
Ich küß ihre Schuhe, kau an den Sohlen,
So sittig, als ein Bär nur mag;
Ganz sachte heb ich mich und schwinge mich verstohlen
Leis an ihr Knie – am günst'gen Tag
Läßt sie's geschehn und kraut mir um die Ohren
Und patscht mich mit mutwillig derbem Schlag;
Ich knurr, in Wonne neu geboren;
Dann fordert sie mit süßem, eitlem Spotte:
»Allons tout doux! eh la menotte!
Et faites serviteur
Comme un joli seigneur.«*
So treibt sie's fort mit Spiel und Lachen!
Es hofft der oft betrogne Tor;
Doch will er sich ein bißchen unnütz machen,
Hält sie ihn kurz als wie zuvor.

*Hallo, ganz lieb sein! Gib Pfötchen! Und mach einen Diener wie ein feiner Herr!


Doch hat sie auch ein Fläschchen Balsamfeuers,
Dem keiner Erde Honig gleicht,
Wovon sie wohl einmal, von Lieb und Treu erweicht,
Um die verlechzten Lippen ihres Ungeheuers
Ein Tröpfchen mit der Fingerspitze streicht
Und wieder flieht und mich mir überläßt,
Und ich dann, losgebunden, fest
Gebannt bin, immer nach ihr ziehe,
Sie suche, schaudre, wieder fliehe –
So läßt sie den zerstörten Armen gehn,
Ist seiner Lust, ist seinen Schmerzen still;[337]
Ha! manchmal läßt sie mir die Tür halb offen stehn,
Seitblickt mich spottend an, ob ich nicht fliehen will.


Und ich! – Götter, ist's in euren Händen,
Dieses dumpfe Zauberwerk zu enden,
Wie dank ich, wenn ihr mir die Freiheit schafft!
Doch sendet ihr mir keine Hülfe nieder –
Nicht ganz umsonst reck ich so meine Glieder:
Ich fühl's! Ich schwör's! Noch hab ich Kraft!

Goethe: Gedichte, Zeno, S.433-437

Der Bär ist Goethe. Das Gedicht ist 1775 entstanden. 
"Heinrich Düntzer kommentierte in seiner Ausgabe der Gespräche Goethes   mit   Eckermann  (Leipzig 1885) dessen Feststellung (vom 5. März 1830), seine „erste und letzte“ Liebe sei Lili Schönemann gewesen, mit der Anmerkung (S. 283): „Auch dies konnte Goethe nicht mit Recht behaupten.“ In seinem Kommentar zu Die natürliche Tochtervon Goethe (Jena 1859) bemerkte er (S. 16): „Das ist irrig“." (Wikipedia)
Der Leser dieses Gedichts kann den Eindruck bekommen, vielleicht habe Goethe zumindest für 1775 doch Recht gehabt, auch wenn er seine Abhängigkeit scherzhaft behandelt, als sei sie rein höfliche Huldigung.