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18 Juli 2023

Droste-Hülshoff: Ledwina

"[...] Ein großer, aus dem Flusse ragender Stein sprühte bunte Tropfen um sich, und die Wellchen strömten und brachen sich so zierlich, daß das Wasser hier wie mit einem Netze überzogen schien und die Blätter der am Ufer neigenden Zweige im Spiegel wie grüne Schmetterlinge davonflatterten. Ledwinens Augen aber ruhten aus auf ihrer eignen Gestalt, wie die Locken von ihrem Haupte fielen und forttrieben, ihr Gewand zerriß und die weißen Finger sich ablösten und verschwammen, und wie der Krampf wieder sich leise zu lösen begann, da wurde es ihr, als ob sie wie tot sei und wie die [267] Verwesung lösend durch ihre Glieder fresse und jedes Element das Seinige mit sich fortreiße.

»Dummes Zeug!« sagte sie, sich schnell besinnend, und bog mit einem scharfen Zug in den milden Mienen auf die dicht am Flusse hinlaufende Heerstraße, indem sie das Auge durch das weite, leere Feld nach heitern Gegenständen aussandte. Ein wiederholtes Pfeifen vom Strome her blieb ihr unbemerkt, und als daher bald darauf ein großer schwarzer Hund mit vorgestrecktem Kopfe quer über den Anger grade auf sie einrannte, flüchtete sie, von einem Schrecken ergriffen, mit einem Schrei auf den Strom zu und, da das Tier ihr auf der Ferse folgte, mit ebnen Füßen hinein. (S.67/68)


Die junge kränkliche Adlige wird kontrastiert mit einer "lebenssatten" Bäuerin.

[...] aber schon war Ledwine wie eine Gazelle den Fluß hinauf, denn sie dachte nur dann an ihre arme kranke Brust, wenn heftige Schmerzen sie daran erinnerten, und dann war ihr dieses traurige Hüten, dieses erbärmliche, sorgfältige Leben, wo der Körper den Geist regiert, bis er siech und armselig wird wie er selber, so verhaßt, daß sie gern diese ganze in Funken zu verglimmende Lebenskraft in einem einzigen recht lohhellen Tage hätte ausflammen lassen. Ihr frommes Gemüt behielt auch hier die Oberhand über den furchtbar durchbrennenden Geist, aber noch nie hat wohl ein Märtyrer Gott sein Leben reiner und schmerzlicher geopfert wie  den  schöneren Tod in der eignen Geistesflamme. [...]" (S.72)

Nach einer langen Weile trat sie wieder mit leisen Schritten herein und blickte weit vorgebeugt mit angestrengter Sehkraft nach der Schwester hinüber, weil sie gedachte, sie möchte schlummern, und es nicht wagte, ihr zu nahen um der frischen Abendluft willen, die aus ihren Kleidern duftete, denn sie war im Freien gewesen, tief, tief im Gebüsche [287] und hatte sich einmal recht satt geweint und gesehnt, und nun war sie wieder still und sorgsam wie vorher, denn diese süße, überteure Seele lebte ein doppeltes Leben, eins für sich, eins für andre, wovon das erstere nur zum Kampf für das letztere vortrat, nur daß es statt des Schwertes die Leidenspalme führte. So stand sie eine Weile, kein Vorhang rauschte, aber ein tiefer, schwerer Atem zog hinüber und gab ihr mit der Gewißheit des Schlummers zugleich eine wehmütige Sorge. Sie setzte sich ganz still in ein Fenster. Die Sonne ging unter, und ihre letzten Strahlen standen auf einem Weidenbaum am jenseitigen Ufer. Der Abendwind regte seine Zweige, und so traten sie aus dem Glanz und erschienen in ihrer natürlichen Farbe, dann bogen sie sich wieder in die Goldglut zurück. Für Ledwinens krankes, überreiztes Gemüt hätte dies flimmernde Naturspiel leicht zu einem finstern Bilde des Gefesseltseins in der sengenden Flamme, der man immer vergeblich zu entrinnen strebt, da der Fuß in dem qualvollen Boden wurzelt, ausarten können, aber Therese war es unbeschreiblich wohl geworden in Betrachtung des reinen wallenden Himmelsgoldes und überhaupt der lieblichen gefärbten Landschaft [...]" (S.91/92)

Es war tief in der Nacht, als Ledwina aus ihrem langen Schlummer erwachte. Sie hatte äußerlich tief geruht, und Therese war unbemerkt vor ein'gen Stunden noch einmal an ihrem Lager gewesen, wo sie die Schwester, die ihr nun erleichtert schien, beruhigt verlassen hatte. Aber in Ledwinens Innrem hatte sich eine grauenvolle Traumwelt aufgeschlossen, und es war ihr, als gehe sie zu Fuße mit einer großen Gesellschaft, worunter alle die Ihrigen und eine Menge Bekannter waren, um einer theatralischen Vorstellung beizuwohnen. Es war sehr finster, und die ganze Gesellschaft trug Fackeln, was einen gelben Brandschein auf alles warf, besonders erschienen die Gesichter übel verändert. Ledwinens[289] Führer, ein alter, aber unbedeutender Bekannter, war sehr sorgsam und warnte sie vor jedem Stein. »Jetzt sind wir auf dem Kirchhof«, sagte er, »nehmen Sie sich in acht, es sind ein'ge frische Gräber.« Zugleich flammten alle Fackeln hoch auf, und Ledwinen wurde ein großer Kirchhof mit einer zahllosen Menge weißer Leichensteine und schwarzer Grabhügel sichtbar, die nun regelmäßig eins ums andre wechselten, daß ihr das Ganze wie ein Schachbrett vorkam und sie laut lachte, als ihr plötzlich einfiel, daß hier ja ihr Liebstes auf der Welt begraben liege. Sie wußte keinen Namen und hatte keine genauere Form dafür als überhaupt die menschliche, aber es war gewiß ihr Liebstes, und sie riß sich mit einem furchtbar zerrißnen Angstgewimmer los und begann zwischen den Gräbern zu suchen und mit einem kleinen Spaden die Erde hier und dort aufzugraben. Nun war sie plötzlich die Zuschauende und sah ihre eigne Gestalt totenbleich mit wild im Winde flatternden Haaren an den Gräbern wühlen, mit einem Ausdrucke in den verstörten Zügen, der sie mit Entsetzen füllte. Nun war sie wieder die Suchende selber. Sie legte sich über die Leichensteine, um die Inschriften zu lesen, und konnte keine herausbringen, aber das sah sie, keiner war der rechte. Vor den Erdhügeln fing sie an sich zu hüten, denn der Gedanke des Einsinkens begann sich zu erzeugen; dennoch ward sie im Zwang des Traumes zu einem wie hingestoßen, und kaum betrat sie ihn, so stürzte er zusammen. Sie fühlte ordentlich den Schwung im Fallen und hörte die Bretter des Sarges krachend brechen, in dem sie jetzt neben einem Gerippe lag. Ach, es war ja ihr Liebstes, das wußte sie sogleich; sie umfaßte es fester, wie wir Gedanken fassen können, dann richtete sie sich auf und suchte in dem grinsenden Totenkopfe nach Zügen, für die sie selbst keine Norm hatte. [...]" (S.93/94)

Droste-HülshoffLedwina -

 (Die Seitenangaben mit Links verweisen auf zeno.org, die ohne Link auf die Ausgabe von Reinhold Schneider von 1948, 4. Band)

Die Hauptfigur ist stark vom Selbstgefühl der Verfasserin geprägt. Vielleicht blieb der Roman  Fragment, weil eine stärkere Objektivierung nicht gelang.

17 Juli 2023

Droste-Hülshoff: Briefe

Droste-Hülshoff 

"[...] Seit ihrer Kindheit und Jugend war Annette kränklich, bedingt durch ihre frühe Geburt; sie war angeblich nur ca. 1,50 m groß und zierlich gewachsen. Außerdem war sie extrem kurzsichtig, hatte auffällig wirkende Augen und litt oft unter rasenden Kopfschmerzen. Anders als ihre Schwester Jenny konnte sie daher nur mäßig zeichnen, förderte aber Maler, stickte gemeinsam mit ihrer Schwester die künstlerisch wertvolle Fahne der Schützenbruderschaft zu Roxel[21] und machte selbst Scherenschnitte in beachtlicher Qualität. Ihre Kurzsichtigkeit befähigte sie andererseits zu einer mikroskopisch-exakten Nahbetrachtung und -beschreibung der Natur, die sie oft auf eigene Faust mit dem Geologenhammer durchstreifte. Schon seit ihrer Kindheit standen die gesundheitlichen und auch gesellschaftlichen Einschränkungen und ihre geistigen Tätigkeiten in großer Spannung zu ihrer lebhaften Vorstellungskraft und Unternehmungslust, der „Sehnsucht in die Ferne“.

Schon früh sah Annette von Droste-Hülshoff ihre Berufung als Dichterin und ließ sich darin nicht beirren. Auch ihr Umfeld, besonders ihre pädagogisch interessierte Mutter und deren Halbbruder Werner von Haxthausen, der in Münster bei Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg aufgenommen worden war, erkannten die außerordentliche Begabung; bereits die 11-Jährige wurde zur Mitarbeit an einem poetischen Sammelwerk aufgefordert. Um ihre Berufung rang sie schon als Jugendliche in ihren Gedichten SchicksalDer DichterDer Philosoph sowie Unruhe und ihrem Romanfragment Ledwina.[22] Auf Initiative ihrer gebildeten Eltern wurde sie in den Jahren 1812 bis 1819 von Anton Matthias Sprickmann unterrichtet und gefördert, der in Münster gegenüber dem Stadthaus der Droste zu Hülshoff wohnte. [...]"


Aus den Briefen im 4. Band der Gesammelten Werke, 1948 herausgegeben von Reinhold Schneider.

Am 8.2.1819 schreibt sie an (22 J.) an ihren Lehrer Sprickmann, sie habe einmal einen Traum von einem Gemüsegarten gehabt "mit einer geraden Allee mitten durch, in der wir immer hinauf gingen. Nachher wurde es wie ein Wald, aber die Allee mitten durch blieb, und wir gingen immer voran. Das war der ganze Traum, und doch war ich den ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, dass ich nicht in der Allee war und auch nie hineinkommen konnte. Ebenso erinnere ich mich, dass, wie meine Mutter uns eines Tages viel von ihrem Geburtsorte und den Bergen und den uns damals noch unbekannten Großeltern erzählte, ich eine solche Sehnsucht danach fühlte, dass, wie sie einige Tage nachher zufällig bei Tische ihre Eltern nannte, ich in ein heftiges Schluchzen ausbrach, so dass ich fort gebracht werden musste; dies war auch vor meinem siebenten Jahre, denn als ich sieben Jahre alt war, lernte ich meine Großeltern kennen. Ich schreibe Ihnen diese unbedeutenden Dinge nur, um sie zu überzeugen, dass dieser unglückselige Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe, durchaus in mir selbst liegt und durch keine äußeren Dinge hereingebracht ist; auf diese Weise werde ich Ihnen nicht ganz so lächerlich scheinen, mein lieber nachtsichtsvoller Freund. Ich denke, eine Narrheit, die uns der liebe Gott aufgelegt hat, ist doch immer nicht so schlimm, wie eine, die wir uns selbst zugezogen haben." (S. 227)

Am 9.11.1836 aus der Schweiz an Schlüter:

"[...] Ich habe [..] die meiste Zeit am Fenster zugebracht, man sieht die Alpen wie auf unserem Rebhügel. Dort sah ich zuerst das Alpenglühen, nämlich dieses Brennen im dunklen Rosenrot beim Sonnen-Auf- und -Untergange, was sie glühendem Eisen gleich macht, und, so häufig die Dichter damit um sich werfen, doch nur bei der selten zutreffenden Vereinigung gewisser Wolkenlagen und Beschaffenheit der Luft stattfindet. Eine dunkel lagernde Wolkenmasse, in der sich die Sonnenstrahlen brechen, gehört allemal mit dazu, aber sonst noch vieles. 

Nun hören Sie, ich sah, dass eine tüchtige Regenbank in Nordwest stand, und behielt desto unverrückter meine lieben Alpen im Auge, die noch zum Greifen hell vor mir lagen; die Sonne, zum Untergang bereit, stand dem Gewölk nahe und gab eine seltsam gebrochene, aber reizende Beleuchtung. Ich sah nach den Bergen, die recht hell glänzten, aber weiß wie gewöhnlich, als wenn die Sonne sonst auf den Schnee scheint - hatte kein Arg aus einer allmählich lebhafteren, gelblichen, dann rötlichen Färbung, bis sie mit einem Male anfing sich zu steigern, rosenrot, dunkelrot, blaurot, immer schneller, immer tiefer, ich war außer mir, ich hätte in die Knie sinken mögen, ich war allein und mochte niemand rufen aus Furcht, etwas zu versäumen. Nun zogen die Wolken an das Gebirge, die feurigen Inseln schwammen in einem schwarzen Meere, jetzt stieg das Gewölke, alles ward finster, – ich machte mein Fenster zu, steckte den Kopf in die Sofapolster und mochte vorläufig nichts anderes sehen, noch hören. Ein anderes Mal sah ich eine Schneewolke über die Alpen ziehen, während wir hellen Sonnenschein hatten; sie schleifte sich wie ein schleppendes Gewand von Gipfel zu Gipfel, nahm jeden Berg einzeln unter ihren Mantel und ließ ihn bis zum Fuße weiß zurück; sie zog mit unglaublicher Schnelligkeit in einer halben Stunde viele Meilen weit, es nahm sich vortrefflich aus. Sie sehen, die Schweizernatur macht mitunter die Honneurs ihres Landes sehr artig und führt ergötzliche Nationalschauspiele auf für die Fremden an den Fenstern."  (S. 247/248)

"Der Kasseler Architekt Heinrich Wolff, der die 23-jährige Dichterin 1820 in Bökendorf kennenlernte, beschrieb sie als „äußerst geistvolles und schönes Mädchen, die etwas ungemein Liebenswürdiges und Anziehendes in ihrem Wesen hatte“, der Hamburger Kaufmannssohn Friedrich Beneke hielt über seine Gespräche mit ihr in seinem Tagebuch fest: „Eine solche scharfe Klarheit des Verstandes, so unbefangen und tief ist mir selten vorgekommen, und das neben einer so zarten, rührenden Unschuld und Gemütstiefe, neben so vieler Liebe. Das ganze gehalten von bedeutender Geisteskultur und Bildung.“[24]"

Im Brief vom 4.8.1837 klagt sie darüber, dass sie zum einen über ihre Gesichtsschmerzen:

"Das Lesen eines Briefes, einer Adresse sogar ist zuweilen schon imstande, es zu vermehren oder von neuem herbeizuführen." (S.257)

und darüber, dass sie ständig am Verbessern ist und um davon loszukommen, Neues anfängt.

"Und doch liegen noch so gute Sachen in meinem Schreibtische! Lachen Sie nicht darüber, es ist gewiss wahr, es sind Dinge darunter, die es nicht verdienen, so schmählich zu verkommen. Da ist vorhanden (alles aus den letzten Jahren) 1. ein Roman, Ledwina, etwa bis zu einem Bändchen gediehen;2. eine Kriminalgeschichte Friedrich Mergel; ist im Paderbornschen vorgefallen, rein rational und sehr merkwürdig; diese habe ich mitunter große Lust zu vollenden. 3. Die ihnen bekannten geistlichen Lieder, nach ihrem eigentlichen Titel Geistliches Jahr. Sie wissen selbst, wieviel noch am Jahre fehlt; dieses das fühle ich auch zuweilen Trieb zu vollenden. 4. Die Wiedertäufer, eine vaterländische Oper oder vielmehr Trauerspiel mit Musik, um diesem so oft missbrauchten Stoff endlich einmal eine ordentliche Behandlung zukommen zu lassen. Hierzu ist noch wenig Text, aber bereits viel Musik fertig. 5. ein Schauspiel, Der Galeerensklave, sehr ansprechender Stoff, nur einzelne Stellen ausgeführt, aber alles Szene für Szene aufs genaueste entworfen. 6. Das viel besprochene Gedicht Christian von Braunschweig, was freilich fast allein nur in meinem Kopf existiert, indessen ist doch ein flüchtiger, aber ziemlich vollständig Entwurf bereits zu Papier gebracht. 7. und 8. noch zwei Stoffe. Einer zu einer Kriminalgeschichte, ist wirklich in Brabant passiert und mir von einer nahe beteiligten Person mitgeteilt; der zweite zu einem Gedicht von mehreren Gesängen, den ich ganz vollständig geträumt, durch alle Gesänge, die ich zu lesen glaubte. Was ich nun außerdem noch unter den Händen habe, zum Beispiel zwei Opern, Babylon und die seidenen Schuhe, d.h. bloß den musikalischen Teil zu besorgen, die Texte sind von anderen, davon will ich gar nicht reden…(S.257/58)

Ihre Briefe an Levin Schücking und eine Darstellung ihrer Beziehung findet sich bei Gutenberg,org, zusammengefasst in den Worten eines Stiftsfräuleins in seinem Roman "Eine dunkle That", die wahrscheinlich von ihr stammen:

"Ich will wie eine Verwandte für Sie sorgen; ich will Sie wie einen Bruder liebhaben; ich will jemand haben, für den ich sorgen kann wie ein Weib; an dem ich eine geistige Stütze habe, denn meine Umgebung reicht nicht für mich aus; meine Gedanken gehen darüber hinaus und bewegen sich in einem Felde, das nur Sie auch betreten; aber wenn ich auch so gedankenarm wäre wie meine Köchin – es wär' doch dasselbe, ich will jemand haben, der mein ist, und dem ich wie einem geduldigen Kamele alles aufpacken kann, was an Liebe und Wärme, an Drang zu pflegen und zu hegen, zu beschützen und zu leiten in mir ist und übersprudelt! . . . Aber wenn Sie Kamel deshalb glauben oder jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre eine Thörin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie nicht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres; ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Verhältnis keinen Begriff hat."

Droste-Hülshoff  (Wikipedia)

10 August 2021

Droste-Hülshoff: Die Judenbuche

 Annette von Droste-Hülshoff stellt ihrer Novelle ein Gedicht voran. 

Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren 
Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren,
So fest, daß ohne Zittern sie den Stein 
Mag schleudern auf ein arm verkümmert Seyn? 
Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen, 
Zu wägen jedes Wort, das unvergessen 
In junge Brust die zähen Wurzeln trieb, 
Des Vorurtheils geheimen Seelendieb? 
Du Glücklicher, geboren und gehegt 
Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt, 
Leg hin die Wagschal’, nimmer dir erlaubt! 
Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt! –

Das hat mich so berührt, dass ich es in einem Klassenaufsatz vollständig zitiert habe, stolz, dass ich es auswendig konnte. Das trug mir die milde Rüge ein, ich solle doch selber über die Novelle schreiben, nicht zitieren. An Plagiat hat da keiner gedacht, weil zu selbstverständlich war, wen ich zitierte. 
Ganz zufrieden war ich trotzdem nicht, weil ich das Gedicht - für mich ungewöhnlich sauber geschrieben und mir eine gewisse Mühe damit gegeben hatte. 
Heute interessiert mich mein Aufsatz gar nicht mehr, wohl aber die Zeilen
"Du Glücklicher, geboren und gehegt [...]
Leg hin die Wagschal’, nimmer dir erlaubt! 
Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt!"
Sie treffen bei so vielem: Bei dem, was Helmut Kohl gar nicht so zu Unrecht "Gnade der späten Geburt" genannt hat. (Hätte ich Juden in meiner Wohnung beherbergt?) Bei dem Mauerfall, wo ich mitverfolgen konnte, wie viele Hürden meine Verwandten in der DDR überwinden mussten, bis sie die Handicaps, die ihnen plötzlich auferlegt waren, so halbwegs aufholen konnten, beim Umgang mit Flüchtlingen, von der Einführung des Artikels 16a ins Grundgesetz (einer extremen Einschränkung oder schon Abschaffung (?) des Asylrechts) 1993 und bei dem rasch zurückgenommenen "Wir schaffen das" von 2015, bei den Protestirrenden von Pegida, die die "blühenden Landschaften" verspätet einforderten und dann bei dem verstärkten Aufkommen der Neonazismus unter dem Schutz der AfD. Schließlich angesichts des Klimawandels, wo die Schülergeneration sehr zu Recht darauf verweist, dass sie die Versäumnisse der vorhergehenden Generationen wird ausbaden müssen. Und zusätzlich bei der Pandemie, wo den Jugendlichen erhebliche Einschrän-kungen zugemutet wurden und werden, nicht zuletzt bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung, Partner- und Berufssuche. 
Die Aufzählung bleibt unvollständig, auch wenn ich erwähne, dass ich weder wegen körperlichen oder geistigen Einschränkungen oder wegen meiner sexuellen Orientierung benachteiligt bin. 
Friedrich Mergel leidet nur unter sehr wenigen der genannten Einschränkungen, und Droste-Hülshoff schildert sehr deutlich, wie er sich in Schuld verstrickt, weil er sich über andere  erhebt, die stärker benachteiligt sind als er. Und doch stellt sie an den Anfang die Warnung, ihn nicht einfach als Mörder zu verurteilen. 

Denn:
"[...] die Nähe eines Flusses, der in die See mündete und bedeckte Fahrzeuge trug, groß genug, um Schiffbauholz bequem und sicher außer Land zu führen, trug sehr dazu bei, die natürliche Kühnheit der Holzfrevler zu ermuthigen, und der Umstand, daß Alles umher von Förstern wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da bei den häufig vorkommenden Scharmützeln der Vortheil meist auf seiten der Bauern blieb. Dreißig, vierzig Wagen zogen zugleich aus in den schönen Mondnächten, mit ungefähr doppelt so viel Mannschaft jedes Alters, vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock den Zug mit gleich stolzem Bewußtseyn anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube einnahm. Die Zurückgebliebenen horchten sorglos dem allmähligen Verhallen des Knarrens und Stoßens der Räder in den Hohlwegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuß, ein schwacher Schrei ließen wohl einmal eine junge Frau oder Braut auffahren; kein anderer achtete darauf. Beim ersten Morgengrau kehrte der Zug eben so schweigend heim, die Gesichter glühend wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Forstbeamten, die aus dem Walde getragen wurden, zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und für einige Zeit unfähig, ihrem Berufe nachzukommen. [...]" (Die Judenbuche, Hervorhebung von mir)

Wenn es gegenwärtig um den Schutz der Biodiversität geht, spielen in Afrika die Wilderer eine ähnliche Rolle wie damals die Holzfrevler. Mutig bereit, ihr Leben zu riskieren, um für ihren Clan große Gewinne zu machen (ein Jagdzug kann mehr einbringen als ein Jahr Arbeit). Die Wildschützer schweben ebenfalls unter Lebensgefahr, haben aber geringere Einnahmen. Wer nach Europa zu fliehen versucht, dem droht Verdursten in der Wüste, Folter in den an die Wüste angrenzenden Staaten, Ertrinken im Mittelmeer und schließlich Abschiebung, selbst nach gelungener Integration. 

Wer sein Leben einsetzt, dem soll das Überleben von Elefanten, die immer wieder die Ernte vernichten, um einer abstrakten Biodiversität willen wichtiger sein als das eigene? 
Schiller kritisiert Wallenstein, doch erklärt er sein Verhalten mit seinem Lager. 

Das Thema der Judenbuche bleibt aktuell. Denn was tun wir zur Erhaltung von Biodiversität und zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels ? Riskieren wir unser Leben oder nur unsere Bequemlichkeit?
"Leg hin die Wagschal’, nimmer dir erlaubt!" Sollte etwa nicht mehr Recht gesprochen werden?