Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge
Das Buch habe ich Im Jahr 2000 gelesen und habe Monate gebraucht, hineinzufinden.
Es ging mir damit ähnlich wie mit "Hundert Jahre Einsamkeit". Ich bin gern bereit, zuzugestehen, dass es große Literatur ist, doch bleibt es mir zu fremd, als dass ich gern wieder danach greifen würde.
Damals habe ich festgehalten:
Der Roman gewinnt mit der Liebesgeschichte zwischen Ammu (der Mutter von Estha und Rachel) und dem einarmigen Unberührbaren, dem Schreiner und Techniker Velutha an Richtung.
Sie endet in einer Katastrophe, aus der sich der Tod der englischen Kusine Esthas und Rachels (Unfalltod bei gemeinsamer Bootfahrt mit den Zwillingen), Sophie Mol, und darauffolgend ihre Trennung ergibt. Velutha ist "Der Gott der kleinen Dinge".
Ich bin froh, dass ich heute auf Wikipedia und Rezensionen (Suchmaschine) verlinken kann, damit der Leser hier mehr erfährt, als ich damals niedergeschrieben habe.
Ich bin sicher, dass "Das Ministerium ..." große Literatur ist und bin doch dankbar, dass ich über Richard Christ: Mein Indien mehr Verständnis für diese mir fremde Welt gewinnen konnte, als es mir über "Der Gott ..." gelungen ist.
Meine Bewunderung gilt der Aktivistin Roy mehr noch als der Künstlerin. Sicher findet sich auch bei Fontane der Gedanke, dass man (Dichtung) nur schreiben soll, wenn man muss. Offenbar war es für Roy, nachdem sie sich durch den Gott der kleinen Dinge einen Namen gemacht hat, noch wichtiger, für Veränderung zu kämpfen, als Veränderungswürdiges bleibend dichterisch zu gestalten. Sie musste also eine Zeit lang nicht mehr schreiben.
Für die Weltliteratur ist es aber sicher ein Gewinn, wenn sie ihrer Begabung von jetzt ab mehr nachgehen sollte als ihrer politischen Verpflichtung.
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05 August 2017
Arundhati Roy: Das Ministerium des äußersten Glücks
"Roy ist eine weltberühmte Kapitalismuskritikerin, und ihr Roman Das Ministerium des äußersten Glücks ist bis zum Platzen vollgestopft mit Protest gegen die Ungerechtigkeit der indischen Gesellschaft und unserer Zeit überhaupt. [...] Dass man sich dem allgemeinen Verderben entgegenstemmt, heißt nicht, dass man einen Straßenköter ignorieren dürfte. Wenn ein Käuzchen, das auf einer Straßenlaterne sitzt, "mit der Eleganz und den tadellosen Manieren eines japanischen Geschäftsmannes" den Kopf neigt, dann lässt Roy das Bild nicht einfach liegen, sondern reicht es weiter, an die Frau, die von ihrem Zimmer aus den Vogel im Blick hat: "In manchen Nächten nickte sie ebenfalls und sagte, Moshi , Moshi . Mehr Japanisch konnte sie nicht." Auf beinahe jeder Seite findet sich diese Poesie des Details, finden sich Humor und Genauigkeit und Liebe. [...] Arundhati Roys publizistische Aufschreie gegen den Überwachungsstaat oder die multinationalen Konzerne sind keine schlüssige Gesellschaftskritik, und Das Ministerium des äußersten Glücks ist kein gelungener Roman. Die Temperatur ist immer zu hoch, die Distanz zu gering. [...]
Nicht zufällig lebt Arundhati Roy in Indien und ist Das Ministerium des äußersten Glücks ein Indien-Roman. Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten." (Jan Roß: Arundhati Roy: Chronistin des Grauens, ZEIT 32/2017, 3.8.17)
Nicht zufällig lebt Arundhati Roy in Indien und ist Das Ministerium des äußersten Glücks ein Indien-Roman. Indien, mit seinem Chaos und seinen Widersprüchen, mit seiner abenteuerlichen Spannweite zwischen quasimittelalterlichem Landleben und hypermoderner IT-Ökonomie, bedeutet die ultimative Überforderung durch eine bedrängende Realität: Die Versuchung, vor dem Angriff der Tatsachen in Deckung zu gehen, sich aus dem unverdaulichen Ganzen bequeme Teilwahrheiten herauszusuchen, ist fast übermächtig. Aber man kennt sie auch außerhalb Indiens. Dem tritt Arundhati Roy mit ihrem Projekt einer schutz- und filterlosen Wahrnehmung entgegen, die vom Antiterrorkampf des frühen 21. Jahrhunderts bis zu den Teeblättern auf der Schnauze eines Hundes alles umfasst. Das Ministerium des äußersten Glücks ist eine Lektion in der Kunst, die Augen offen zu halten." (Jan Roß: Arundhati Roy: Chronistin des Grauens, ZEIT 32/2017, 3.8.17)
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