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17 Juli 2023

Droste-Hülshoff: Briefe

Droste-Hülshoff 

"[...] Seit ihrer Kindheit und Jugend war Annette kränklich, bedingt durch ihre frühe Geburt; sie war angeblich nur ca. 1,50 m groß und zierlich gewachsen. Außerdem war sie extrem kurzsichtig, hatte auffällig wirkende Augen und litt oft unter rasenden Kopfschmerzen. Anders als ihre Schwester Jenny konnte sie daher nur mäßig zeichnen, förderte aber Maler, stickte gemeinsam mit ihrer Schwester die künstlerisch wertvolle Fahne der Schützenbruderschaft zu Roxel[21] und machte selbst Scherenschnitte in beachtlicher Qualität. Ihre Kurzsichtigkeit befähigte sie andererseits zu einer mikroskopisch-exakten Nahbetrachtung und -beschreibung der Natur, die sie oft auf eigene Faust mit dem Geologenhammer durchstreifte. Schon seit ihrer Kindheit standen die gesundheitlichen und auch gesellschaftlichen Einschränkungen und ihre geistigen Tätigkeiten in großer Spannung zu ihrer lebhaften Vorstellungskraft und Unternehmungslust, der „Sehnsucht in die Ferne“.

Schon früh sah Annette von Droste-Hülshoff ihre Berufung als Dichterin und ließ sich darin nicht beirren. Auch ihr Umfeld, besonders ihre pädagogisch interessierte Mutter und deren Halbbruder Werner von Haxthausen, der in Münster bei Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg aufgenommen worden war, erkannten die außerordentliche Begabung; bereits die 11-Jährige wurde zur Mitarbeit an einem poetischen Sammelwerk aufgefordert. Um ihre Berufung rang sie schon als Jugendliche in ihren Gedichten SchicksalDer DichterDer Philosoph sowie Unruhe und ihrem Romanfragment Ledwina.[22] Auf Initiative ihrer gebildeten Eltern wurde sie in den Jahren 1812 bis 1819 von Anton Matthias Sprickmann unterrichtet und gefördert, der in Münster gegenüber dem Stadthaus der Droste zu Hülshoff wohnte. [...]"


Aus den Briefen im 4. Band der Gesammelten Werke, 1948 herausgegeben von Reinhold Schneider.

Am 8.2.1819 schreibt sie an (22 J.) an ihren Lehrer Sprickmann, sie habe einmal einen Traum von einem Gemüsegarten gehabt "mit einer geraden Allee mitten durch, in der wir immer hinauf gingen. Nachher wurde es wie ein Wald, aber die Allee mitten durch blieb, und wir gingen immer voran. Das war der ganze Traum, und doch war ich den ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, dass ich nicht in der Allee war und auch nie hineinkommen konnte. Ebenso erinnere ich mich, dass, wie meine Mutter uns eines Tages viel von ihrem Geburtsorte und den Bergen und den uns damals noch unbekannten Großeltern erzählte, ich eine solche Sehnsucht danach fühlte, dass, wie sie einige Tage nachher zufällig bei Tische ihre Eltern nannte, ich in ein heftiges Schluchzen ausbrach, so dass ich fort gebracht werden musste; dies war auch vor meinem siebenten Jahre, denn als ich sieben Jahre alt war, lernte ich meine Großeltern kennen. Ich schreibe Ihnen diese unbedeutenden Dinge nur, um sie zu überzeugen, dass dieser unglückselige Hang zu allen Orten, wo ich nicht bin, und allen Dingen, die ich nicht habe, durchaus in mir selbst liegt und durch keine äußeren Dinge hereingebracht ist; auf diese Weise werde ich Ihnen nicht ganz so lächerlich scheinen, mein lieber nachtsichtsvoller Freund. Ich denke, eine Narrheit, die uns der liebe Gott aufgelegt hat, ist doch immer nicht so schlimm, wie eine, die wir uns selbst zugezogen haben." (S. 227)

Am 9.11.1836 aus der Schweiz an Schlüter:

"[...] Ich habe [..] die meiste Zeit am Fenster zugebracht, man sieht die Alpen wie auf unserem Rebhügel. Dort sah ich zuerst das Alpenglühen, nämlich dieses Brennen im dunklen Rosenrot beim Sonnen-Auf- und -Untergange, was sie glühendem Eisen gleich macht, und, so häufig die Dichter damit um sich werfen, doch nur bei der selten zutreffenden Vereinigung gewisser Wolkenlagen und Beschaffenheit der Luft stattfindet. Eine dunkel lagernde Wolkenmasse, in der sich die Sonnenstrahlen brechen, gehört allemal mit dazu, aber sonst noch vieles. 

Nun hören Sie, ich sah, dass eine tüchtige Regenbank in Nordwest stand, und behielt desto unverrückter meine lieben Alpen im Auge, die noch zum Greifen hell vor mir lagen; die Sonne, zum Untergang bereit, stand dem Gewölk nahe und gab eine seltsam gebrochene, aber reizende Beleuchtung. Ich sah nach den Bergen, die recht hell glänzten, aber weiß wie gewöhnlich, als wenn die Sonne sonst auf den Schnee scheint - hatte kein Arg aus einer allmählich lebhafteren, gelblichen, dann rötlichen Färbung, bis sie mit einem Male anfing sich zu steigern, rosenrot, dunkelrot, blaurot, immer schneller, immer tiefer, ich war außer mir, ich hätte in die Knie sinken mögen, ich war allein und mochte niemand rufen aus Furcht, etwas zu versäumen. Nun zogen die Wolken an das Gebirge, die feurigen Inseln schwammen in einem schwarzen Meere, jetzt stieg das Gewölke, alles ward finster, – ich machte mein Fenster zu, steckte den Kopf in die Sofapolster und mochte vorläufig nichts anderes sehen, noch hören. Ein anderes Mal sah ich eine Schneewolke über die Alpen ziehen, während wir hellen Sonnenschein hatten; sie schleifte sich wie ein schleppendes Gewand von Gipfel zu Gipfel, nahm jeden Berg einzeln unter ihren Mantel und ließ ihn bis zum Fuße weiß zurück; sie zog mit unglaublicher Schnelligkeit in einer halben Stunde viele Meilen weit, es nahm sich vortrefflich aus. Sie sehen, die Schweizernatur macht mitunter die Honneurs ihres Landes sehr artig und führt ergötzliche Nationalschauspiele auf für die Fremden an den Fenstern."  (S. 247/248)

"Der Kasseler Architekt Heinrich Wolff, der die 23-jährige Dichterin 1820 in Bökendorf kennenlernte, beschrieb sie als „äußerst geistvolles und schönes Mädchen, die etwas ungemein Liebenswürdiges und Anziehendes in ihrem Wesen hatte“, der Hamburger Kaufmannssohn Friedrich Beneke hielt über seine Gespräche mit ihr in seinem Tagebuch fest: „Eine solche scharfe Klarheit des Verstandes, so unbefangen und tief ist mir selten vorgekommen, und das neben einer so zarten, rührenden Unschuld und Gemütstiefe, neben so vieler Liebe. Das ganze gehalten von bedeutender Geisteskultur und Bildung.“[24]"

Im Brief vom 4.8.1837 klagt sie darüber, dass sie zum einen über ihre Gesichtsschmerzen:

"Das Lesen eines Briefes, einer Adresse sogar ist zuweilen schon imstande, es zu vermehren oder von neuem herbeizuführen." (S.257)

und darüber, dass sie ständig am Verbessern ist und um davon loszukommen, Neues anfängt.

"Und doch liegen noch so gute Sachen in meinem Schreibtische! Lachen Sie nicht darüber, es ist gewiss wahr, es sind Dinge darunter, die es nicht verdienen, so schmählich zu verkommen. Da ist vorhanden (alles aus den letzten Jahren) 1. ein Roman, Ledwina, etwa bis zu einem Bändchen gediehen;2. eine Kriminalgeschichte Friedrich Mergel; ist im Paderbornschen vorgefallen, rein rational und sehr merkwürdig; diese habe ich mitunter große Lust zu vollenden. 3. Die ihnen bekannten geistlichen Lieder, nach ihrem eigentlichen Titel Geistliches Jahr. Sie wissen selbst, wieviel noch am Jahre fehlt; dieses das fühle ich auch zuweilen Trieb zu vollenden. 4. Die Wiedertäufer, eine vaterländische Oper oder vielmehr Trauerspiel mit Musik, um diesem so oft missbrauchten Stoff endlich einmal eine ordentliche Behandlung zukommen zu lassen. Hierzu ist noch wenig Text, aber bereits viel Musik fertig. 5. ein Schauspiel, Der Galeerensklave, sehr ansprechender Stoff, nur einzelne Stellen ausgeführt, aber alles Szene für Szene aufs genaueste entworfen. 6. Das viel besprochene Gedicht Christian von Braunschweig, was freilich fast allein nur in meinem Kopf existiert, indessen ist doch ein flüchtiger, aber ziemlich vollständig Entwurf bereits zu Papier gebracht. 7. und 8. noch zwei Stoffe. Einer zu einer Kriminalgeschichte, ist wirklich in Brabant passiert und mir von einer nahe beteiligten Person mitgeteilt; der zweite zu einem Gedicht von mehreren Gesängen, den ich ganz vollständig geträumt, durch alle Gesänge, die ich zu lesen glaubte. Was ich nun außerdem noch unter den Händen habe, zum Beispiel zwei Opern, Babylon und die seidenen Schuhe, d.h. bloß den musikalischen Teil zu besorgen, die Texte sind von anderen, davon will ich gar nicht reden…(S.257/58)

Ihre Briefe an Levin Schücking und eine Darstellung ihrer Beziehung findet sich bei Gutenberg,org, zusammengefasst in den Worten eines Stiftsfräuleins in seinem Roman "Eine dunkle That", die wahrscheinlich von ihr stammen:

"Ich will wie eine Verwandte für Sie sorgen; ich will Sie wie einen Bruder liebhaben; ich will jemand haben, für den ich sorgen kann wie ein Weib; an dem ich eine geistige Stütze habe, denn meine Umgebung reicht nicht für mich aus; meine Gedanken gehen darüber hinaus und bewegen sich in einem Felde, das nur Sie auch betreten; aber wenn ich auch so gedankenarm wäre wie meine Köchin – es wär' doch dasselbe, ich will jemand haben, der mein ist, und dem ich wie einem geduldigen Kamele alles aufpacken kann, was an Liebe und Wärme, an Drang zu pflegen und zu hegen, zu beschützen und zu leiten in mir ist und übersprudelt! . . . Aber wenn Sie Kamel deshalb glauben oder jemals sich einbilden, ich wäre verliebt in Sie, ich wäre eine Thörin und würfe mich Ihnen an den Hals, so sind Sie nicht nur ein eitler Geck, sondern Sie sind etwas Schlimmeres; ein verdorbener Mensch, der von einem reinen und edlen Verhältnis keinen Begriff hat."

Droste-Hülshoff  (Wikipedia)

11 März 2023

Bismarck in Briefen und Dokumenten

 Otto von Bismarck 1815-1898  (Wikipedia)

Briefe an Gustav Scharlach Vom jungen Bismarck (Wikisource)


Die Texte sind zum Teil diktiert, dann in moderner Orthographie wiedergegeben.
Kniephof, 7.4.1834
"[...] mein Zeugnis ist, wie mir mein Bruder schreibt, endlich angekommen, aber ich fürchte, zu spät, da die Universitätsbehörden schon seit Weihnachten nichts mehr von mir wissen wollten; ich werde daher wohl das per Bote völlige der ausfertigen ausschlagen, mich einige Jahre mit der Rekurs Rekruten interessierenden Fuchtel Klingel amüsieren, dann ein Weib nehmen, Kinder zeugen, das Land bauen und die Sitten meiner Bauern durch unmäßige Branntweinfabrikation untergraben. Wenn du also in zehn Jahren in die hiesige Gegend kommen solltest, so biete ich dir an, adultorium mit einer jungen mulier facilis et formosa zu treiben, so viel Kartoffelschnaps zu trinken, als du willst und auf der Hetzjagd den Hals zu brechen, so oft es dir gut scheint. Du wirst hier einen Fett gemästeten Landwehroffizier finden, einen Schnurrbart, der schwört und flucht, dass die Erde zittert, einen gerechten Abscheu vor Juden und Franzosen hegt und Hunde und Bedienstete auf das brutalste prügelt, wenn er von seiner Frau tyrannisiert worden. Ich werde lederne Hosen tragen, mich zum Wollmarkt in Stettin auslachen lassen, und wenn man mich an Baron nennt, werde ich mir gutmütig den Schnurrbart streichen, und um zwei Taler wohlfeiler verkaufen; zu Königs Geburtstag werde ich mich besaufen, und vivat schreien, übrigens mich häufig anreißen und mein drittes Wort wird sein: Auf Aehre! superbes Pferd! Kurz, ich werde glücklich sein im ländlichen Kreise meiner Familie [...]"
(Bismarck: Werke in Auswahl Erster Band, Seite 7/8)

Schönhausen 4.5.1836

"[...] Du würdest über mich lachen, wenn Du jetzt bei mir wärest. Seit vollen 4 Wochen sitze ich hier in einem alten verwünschten Schlosse, mit Spitzbogen und 4 Fuß dicken Mauern, einigen 30 Zimmern, wovon 2 meublirt, prächtigen Damasttapeten, deren Farbe an wenigen Fetzen noch zu erkennen ist, Ratten in Masse, Camine, in denen der Wind heult, kurz, in „meiner Väter altem Schloß“, wo sich alles vereint, was geeignet ist, einen tüchtigen Spleen zu unterhalten. Daneben eine prächtige alte Kirche, mein Schlafzimmer mit der Aussicht nach dem Kirchhof, auf der andern Seite einer jener alten Gärten mit geschnittenen Hecken von Taxus und prächtigen alten Linden. Die einzige lebende Seele in dieser verfallenen Umgebung ist Dein Freund,der hier von einer vertrockneten Haushälterin, der Spielgefährtin und Wärterin meines 65jährigen Vaters, gefüttert und gepflegt wird. Ich bereite mich zum Examen vor, höre die Nachtigallen, schieße nach der Scheibe, lese Voltaire und Spinozas ethicum, die ich in der hiesigen, an Schweinsledern ziemlich reichen Bibliothek gefunden. Die Berliner meinen, ich wäre verrückt, und die Bauern sagen: „Use arme junge Hehr, wat mak em wul sin“, wie mir meine alte „Mamsell“ mitgetheilt hat. Dabei bin ich nie so zufrieden gewesen wie hier; ich schlafe nur 6 Stunden und finde große Freude am Studiren, zwei Dinge, die ich lange Zeit für unmöglich hielt. Ich glaube, der Grund oder besser die Ursache von alledem ist der Umstand, daß ich den Winter über heftig verliebt war; ein recht befremdliches factum, eine Thorheit, der ich mich nicht in so hohem Grade für fähig gehalten hätte, (verzeih, eben fällt mir ein, daß Du versprochen bist –) aber es ist mir doch fatal, wie ich mich so aus meiner philosophischen Ruhe und Ironie habe bringen lassen; das Beste dabei ist aber, daß ich bei meinen Bekannten beiderlei Geschlechts immer für den kaltblütigsten Weiberverächter gelte; so täuschen sich die Leute! Sie selbst hält mich, glaube ich, für einen von den wenigen, auf die sie keinen Eindruck gemacht hat. Schließe aus dieser Redensart nicht etwa, daß ich noch verliebt bin, denn daß sie schön ist, kann ihr ein jeder sagen, ohne ihr zu schmeicheln. Du wirst sie vielleicht sehen, es ist meine Cousine, jetzt versprochen mit dem 2ten Sohn des Hh. v. M. in Hannover. Aha! wirst Du sagen – unglückliche Liebe – Einsamkeit – Melancholie – etc. Der Zusammenhang ist möglich, doch bin ich jetzt schon wieder unbefangen und analysire nach Spinozistischen Grundsätzen die Ursachen der Liebe, um es künftig mit mehr Kaltblütigkeit zu treiben. Eben „heult die Thurmuhr Mitternacht“, also schlaf wohl und erzähle mir in Deiner Antwort so viel von Dir, wie ich Dir eben von mir, 2 Themata, welche mich ganz absonderlich interessiren. [...]"

Kniephof bei Naugard 9.1.1845
"Bis Aachen kennst Du, glaube ich, meine Schicksale. Dort eröffneten sich mir durch das Wohlwollen einflußreicher Leute in Berlin sehr günstige Aussichten für das, was man eine glänzende Carrière nennt; und vielleicht hätte der Ehrgeiz, der damals mein Lotse war, noch länger und für immer mein Steuer geführt, wenn nicht eine bildschöne Engländerin mich verleitet hätte, den Cours zu ändern, und 6 Monate ohne den geringsten Urlaub auf ausländischen Meeren in ihrem Kielwasser zu fahren. Ich nöthigte sie endlich zum Beilegen, sie strich die Flagge, doch nach zweimonatlichem Besitz ward mir die Prise von einem einarmigen Obristen mit 50 Jahren, 4 Pferden und 15 000 rl. Revenüen wieder abgejagt. Arm im Beutel, krank am Herzen, kehrte ich nach Pommern heim. Bei dieser Gelegenheit (1837) kam ich durch Göttingen; da ich aber dergestalt Havarie gelitten hatte, daß ich mich von einer schwerfälligen und verdrieslichen Gallione mußte schleppen lassen, so war ich nicht hinreichend Herr meiner Bewegungen, um mit Dir zusammen treffen zu können. Ich trat darauf bei der Regierung in Potsdam in Dienst, suchte mich durch Spiel und Trunk zu zerstreuen, machte unverhältnismäßige Schulden, wurde Militär, um meiner Dienstpflicht zu genügen, gerieth in üble Zwiste mit meinem Chef, und ergriff unter diesen Umständen mit Begierde und mit der frohen Hoffnung, die ein Ausweg aus einer ruinirten Stellung in neue Verhältnisse gewährt, das Anerbieten meines Vaters, seine hiesigen Güter zu übernehmen, die groß, stark verschuldet und so verwirthschaftet waren, daß sie fraßen, statt einzubringen. Ich hielt mich noch 6 Monat in Greifswald auf, um auf der landwirthschaftlichen Akademie in Eldena nichts zu lernen, als was ich in jedem Buche lesen konnte, und setzte mich dann mit der vollen Unwissenheit eines schriftgelehrten Stadtkindes in eine sehr ausgedehnte und verwickelte Wirthschaft. Ich fand mich hinein, rettete den größten Theil meines zu erwartenden Vermögens, und die Beschäftigung gefiel mir zwei Jahre lang bis 41, wegen ihrer Unabhängigkeit; ich habe nie Vorgesetzte vertragen können, und hatte während meiner amtlichen Thätigkeit, theils aus gerechter Abneigung gegen unser verknöchertes Formenwesen, das in keinem Posten die mindeste Aussicht auf Selbstständigkeit bietet, theils in der letzten Zeit aus Trägheit und Widerspruchsgeist, einen solchen Widerwillen gegen alles, was mit der Bureaukratie zusammenhängt, eingesogen, daß ich sogar den angenehmen Posten eines Landraths ausschlug, der mir durch Wahl der hiesigen Stände geboten wurde, und den infolgedessen mein Bruder eingenommen hat. Ich sprach von 2 Jahren; nach dieser Zeit verliebte und verlobte ich mich abermals, erzürnte mich 14 Tage nachher mit der Mutter meiner Braut, einer Frau, die, um ihr Gerechtigkeit zu thun, eine der bösesten ist, die ich kenne, und die das Bedürfnis hat, noch selbst der Gegenstand zärtlicher Blicke zu sein. Nach fast jahrelangen Intriguen gelang es ihr meiner Braut einen höchst lakonischen Absagebrief an mich in die Feder zu geben. Ich hielt es meiner Würde nicht angemessen, die beleidigte Aufgeregtheit eines Gemüths zu zeigen, und ihr mit einigen Schüssen auf Brüder und dergl. der Ungetreuen Luft zu machen; ich trat in meiner Eigenschaft als Landwehroffizier auf einige Monate zur Dienstleistung in ein Ulanenregiment, focht tapfer gegen Staub und markirte Feinde, und da ich auch im Drange dieser Thaten meine Ruhe nicht fand, brauchte ich das Universalmittel für Verliebte, ich ging auf Reisen und wurde wieder liederlich. Von Edinburg durch England und Frankreich trug ich meinen Kummer über die Alpen, und war im Begriff über Triest nach dem Orient zu gehen, eventualiter die Afghanen durch die Lupe zu besehen, wozu ich mit Empfehlungen ausgerüstet war, als mir mein Vater in einem thränenfeuchten Brief, der von einsamem Alter, [73 Jahr, Witwer, taub] Sterben und Wiedersehn sprach, die Heimkehr anbefahl. Ich kam zurück – er starb nicht – und ich suchte in diesem Sommer einem Leiden durch Dieffenbach und Norderney abzuhelfen. Vorher, im Frühjahr, machte ich einen sechswöchentlichen Versuch, eine andere Krankheit, eine an Lebensüberdruß grenzende Gelangweiltheit durch alles, was mich umgiebt, zu heilen, indem ich mich durch besondere Vergünstigung eines unserer Minister als Voluntär wieder im Staatsdienst beschäftigen ließ, und die angestrengte Arbeit in der insipiden und leeres Stroh dreschenden Schreiberei unserer Verwaltung, als eine Art von geistigem Holzhauen betrachtete, um meinem theilnahmslos erschlafften Geist wieder etwas von dem gesunden Zustande zu geben, den einförmige und regelmäßige Thätigkeit für den Körper herbeizuführen pflegt. Aber theils war mir die krähwinklige Anmaßung oder lächerliche Herablassung der Vorgesetzten nach langer Entwöhnung noch fataler, als sonst, theils nöthigten mich häusliche Vorfälle, Unordnungen in meiner Verwaltung, Verlust meines bisherigen Administrators u.s.w. nach meiner Rückkehr von Norderney, die Verwaltung meiner Güter wieder selbst zu übernehmen. Seitdem sitze ich hier, unverheirathet,  sehr einsam, 29 Jahre alt, körperlich wieder gesund, aber geistig ziemlich unempfänglich, treibe meine Geschäfte mit Pünktlichkeit, aber ohne besondere Theilnahme, suche meinen Untergebenen das Leben in ihrer Art behaglich zu machen und sehe ohne Ärger an, wie sie mich dafür betrügen."

dazu die Wikipedia:
"Vom Büroalltag eines Regierungsreferendars im mondänen Kurort Aachen bald gelangweilt, verliebte er sich im August 1836 in Laura Russell, eine Nichte des Herzogs von Cumberland. Nach der Affaire mit einer (älteren) Französin reiste er im Sommer 1837 mit einer (jüngeren) Engländerin, einer Freundin Laura Russels, durch Deutschland. Dadurch kam es zu einer mehrwöchigen Überschreitung eines vierzehntägigen Urlaubs, durch die er sein Referendariat verlor.
Bismarck haderte mit Auslagen für Frauen und machte zusätzlich durch den Besuch von Spielkasinos Schulden. Seinen Dienstgeschäften blieb er monatelang fern. Er versuchte später, seine Referendarausbildung in Potsdam fortzusetzen, kehrte dem Verwaltungsdienst aber nach einigen Monaten den Rücken. Er erklärte diesen Schritt rückblickend damit, dass er kein bloßes Rädchen im Getriebe der Bürokratie sein wollte: „Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, oder gar keine.“[13]
1838 leistete Bismarck als Einjährig-Freiwilliger seinen Militärdienst ab, zunächst beim Garde-Jäger-Bataillon. Im Herbst wechselte er zum Jäger-Bataillon Nr. 2 nach Greifswald in Vorpommern, wo er sich an der Königlichen Staats- und landwirtschaftlichen Akademie Eldena auch auf die Führung der Familienbetriebe vorbereitete.
Bismarck bezog nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1839 das hinterpommersche Gut Kniephof und wurde Landwirt. Gemeinsam mit dem um fünf Jahre älteren Bruder Bernhard bewirtschaftete er die väterlichen Güter Kniephof, Külz und Jarchlin im Kreis Naugard. Nachdem Bernhard von Bismarck 1841 zum Landrat gewählt worden war, kam es zu einer vorläufigen Teilung."

"Bismarck bezog nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1839 das hinterpommersche Gut Kniephof und wurde Landwirt. Gemeinsam mit dem um fünf Jahre älteren Bruder Bernhard bewirtschaftete er die väterlichen Güter Kniephof, Külz und Jarchlin im Kreis Naugard. Nachdem Bernhard von Bismarck 1841 zum Landrat gewählt worden war, kam es zu einer vorläufigen Teilung. Bernhard bewirtschaftete nun Jarchlin, Otto Külz und Kniephof. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1845 übernahm Otto die Bewirtschaftung des Familienbesitzes Schönhausen bei Stendal.

"Bismarck erwarb schnell gute Kenntnisse in rationaler landwirtschaftlicher Betriebsführung. In den etwa zehn Jahren, in denen er als Verwalter des elterlichen Besitzes fungierte, gelang es ihm nicht nur, die Güter zu sanieren, sondern auch die eigenen Schulden zurückzuzahlen, die er in den zurückliegenden Jahren aufgehäuft hatte.

Einerseits gefiel es ihm, sein eigener Herr zu sein, andererseits füllten ihn die landwirtschaftliche Tätigkeit und das Leben als Landjunker nicht aus.[19] Er beschäftigte sich nebenher intensiv, aber unsystematisch mit Philosophie, Kunst, Religion und Literatur, ohne dass ihn dies nachhaltig geprägt hätte. 1842 unternahm er eine Studienreise nach Frankreich und England und in die Schweiz. Das Bestreben, in den Staatsdienst zurückzukehren, gab er 1844 auf – erneut aufgrund seiner Abneigung gegen alles Bürokratische. In diesen Jahren war er gerngesehener Gast bei zahlreichen gesellschaftlichen Ereignissen in der Region. Er nahm unter anderem an zahlreichen Jagdveranstaltungen teil, aber auch an ausschweifenden Zechgelagen. Eigenen Bekundungen zufolge hatte er sich in diesem Zusammenhang eine Art Trinkfestigkeit angeeignet; bei den Landjunkern habe er an Ansehen hinzugewonnen, weil er dazu fähig gewesen sei, seine „Gäste mit freundlicher Kaltblütigkeit unter den Tisch zu trinken“.[20] Dies wie auch die ihm anhaftende Neigung, bei gesellschaftlichen Ereignissen fast stets im Mittelpunkt zu stehen, brachte ihm den Ruf des „tollen Bismarck“ ein.[21]"


Brief an die Braut Johanna von Puttkamer  Berlin, 2. Mai 47 Werke in Auswahl 1. Band, S.129f.                       

                                                                          Kniephof, Mittwoch Abend. 28.4.47


"Heut früh, meine geliebteste Geliebte, bin ich effectiv hier eingetroffen, nachdem ich die Nacht mit 3 Offizieren, die mich kannten, ohne von mir gekannt zu sein, und mit einer hübschen jungen Dame zugebracht habe, die auf mein höfliches Anbieten, ihren Mittelplatz mit meinem sehr guten Eckplatz zu vertauschen, in gereizten Ton erwiderte: I c h  kann nich rückwärts sitzen, un übrigens is mich dieser Platz anjewiesen; worauf ich ehrerbietig schwieg. In Cöstlin war Aufruhr, noch nach 12 die Straßen so gedrängt voll, dass wir sie mit Mühe und nur unter dem Schutz einer Abteilung der einbeorderter Landwehr passirten. Bäcker und Schlächter geplündert, 3 Häuser von Kornhändlern ruinirt, Scheibenklirren usw. Ich wäre gern dageblieben. Die Rieselwiesen und die Stachelbeeren sind hier/saftig grün, auch Faulbaum und Flieder haben Blätter wie ein Ducaten groß, und der Erdboden unter den Bäumen und Büschen des Dornbergs (Park) war mit blauen, weißen und gelben Blumen dicht bezogen, in meinen vollständigen Wappenfarben wie zum Abschiedsgruß prangend. Auf der ganzen Gegend von Wiesengrün, Wasser und entlaubten Eichen lag eine weiche, traurige Stimmung, als ich nach vielem Geschäftsverdruss gegen Sonnenuntergang meinen Abschiedsbesuch auf den Plätzen machte, die mir lieb und auf denen ich oft träumerisch und schwermüthig gewesen war. An der Stelle, wo ich ein neues Haus hatte bauen wollen, lag ein Pferdegrippe; noch im Knochenbau erkannte ich die Überreste meines treuen Caleb, der mich 7 Jahr lang, froh und traurig, wild und träge auf seinem Rücken über manche Meile Weg getragen hat. Ich dachte an die Haiden und Felder, die Seen und die Häuser und die Menschen darin, an denen wir beide vorbeigeflogen, mein Leben rollte sich rückwärts vor mir auf, bis in die Tage zurück, wo ich als Kind auf dieser Stelle matte Abendroth, bis zum Überlaufen voll von Wehmuth und Reue über die träge Gleichgültigkeit und die verblendete Genußsucht, in der ich alle reichen, Gaben der Jugend, des Geistes, des Vermögens, der Gesundheit zweck- und erfolglos verschleudert, bis ich dir, mein Herz, zumuthete, das Wrack, dessen reiche Ladung ich im Übermuth mit vollen Händen über Bord geworfen hatte, in den Hafen Deines unentweihten Herzens aufzunehmen. Ich ging recht niedergeschlagen nach Hause; jeder Baum, den ich gepflanzt, jede Eiche, unter deren rauschender Krone ich im Grase gelegen, schien mir vorzuwerfen, dass ich sie in fremde Hände gab, und noch deutlicher taten das meine sämtlichen Tagelöhner, die ich hier versammelt vor meiner Tür fand, um mir ihr Leid zu klagen, über die jetzige Not und ihre Besorgnis vor der Zukunft unter dem Pächter. 

'Er wird sich viel darum kümmern, wenn wir in Krankheit und Elend geraten'; dabei hielten sie mir vor, wie lange sie meinem Vater schon gedient hätten, und die alten, Grauköpfe weinten ihre hellen Tränen, und ich war auch nicht weit davon. Ich wusste auch nichts zu meiner Entschuldigung zu sagen, denn hätte ich mich um das Meinige gekümmert, anstatt Fremde für mich wirtschaften zu lassen, und wäre so vernünftig gewesen, wie ich verschwenderisch war, so wäre mir die Verpachtung jetzt nicht ein pecuniäres Bedürfnis geworden und wahrscheinlich gar nicht erfolgt. Es beunruhigt mich im Gewissen recht sehr, diese Leute, deren Schutz mir Gott anvertraut hat, der Habsucht des Pächters zu überlassen.– Moritz ist, wie mir Antonie [v. Bblankenburg] schreibt, schon am Freitag nach Berlin gereist, wo ich ihn hoffentlich noch treffe. Morgen früh reise ich weiter und bleibe einen 1/2 Tag in Stettin; Freitag nach Berlin, Sonntagmittag nach Schönhausen. Herzliche Grüße an unsere Mutter. kommen. God bless you. Our love is the bright, star, that shines through the darkness of my soul! 

B.

In Stettin ist starker Brodaufstand; angeblich zwei Tage scharf geschossen, Artillerie aufgefahren, wird wohl etwas übertrieben sein.


Brief an Johanna von Puttkamer                                              Berlin, 2. Mai 47.
Sehr angenehm war ich überrascht, Deinen grünen Brief hier bei dem Vater vorzufinden, und werde von Schönhausen aus am Donnerstag ausführlicher darauf antworten, da ich hier in Eile und Lärm nicht zu der nöthigen Ruhe komme. Ich erhielt in Kniephof Donnerstag früh einen Brief von Moritz, der früher, als er glaubte, und unbefriedigt von der Theilnahmslosigkeit Berliner Freunde, zurückgekehrt war. Er rechnet mit Sicherheit darauf, Dich verabredeter Maßen in Zimmerhausen zu sehen, und wird dich, sobald du willst, abholen und uns beide dann nach Kiko zurück eskortieren. Ich blieb seinetwegen einen Tag länger in Kniephof und fand ihn heiter und ruhig, aber körperlich sehr angegriffen. Die Folgen der aufgeregten Anspannung werden ihm nun fühlbar. Am Freitagabend kam ich nach Angermünde und musste auch dort länger, als ich wollte, bleiben, um meine Schwester während der Abwesenheit Arnims zu schützen, da man stündlich den Ausbruch eines Aufstandes besorgte, der indeß bis zu meines Schwagers Rückkunft, nur in einzelnen Ausbrüchen alter Weiber erfolgte. So bin ich erst gestern Abend spät hier eingetroffen, reise morgen früh weiter, bleibe Dienstag und Mittwoch in Schönhausen und komme dann wieder her wegen Conferenzen in unseren Patrimonial-Gerichtsangelegenheiten. Am Sonnabend werde ich dann mit dem Vater wohl wieder nach Schönhausen gehn. Nimm mit diesen historischen Notizen vorlieb und betrachte diesen kühlen Zettel, den ich etwas frierend und mit viel Unruhe an Vaters Secretär schreibe, nicht als Brief, sondern als Lebenszeichen Deines                                                                                                                                  B.
Wegen der Hochzeit habe ich mit dem Vater soeben gründlich gesprochen und ihn geneigt gefunden, sie an dem bekannten Termine, ohne alles Aufsehen, lediglich als Trauung zu begehn, auch meinen Verwandten mitgetheilt, daß es wegen des Zustandes der Mutter nicht anders sein könne. Viel Grüße an Letztre.


[...] 


an Gustav Scharlach                      Schönhausen bei Jerichow an der Elbe. 4. July 1850
"[...] Du würdest Mitleid mit mir haben, wenn Du wüßtest, wie faul ich bin, und ich behaupte, daß dies der Grundzug des Preußischen National-Charakters ist; wir thun nur, was wir müssen; deshalb liefern wir recht gute Subaltern-Offiziere  und Soldaten, mit der Generalität ist es schon schwach, und kommt mein Landsmann aus dem regelrechten Zwange, sei es nun des bunten Rocks oder der festen Bureau-Stunden in die Unabhängigkeit des Privatlebens, als Gutsbesitzer, Bauer, Rennthier, so geräth er, geistig noch mehr als körperlich, in eine stagnirende Trägheit, bis ihn das große offizielle Räderwerk „im Namen des Kehnigs“ wieder bei irgend einem Rockzipfel erfaßt. In dieser nationalen Faulheit allein lag die Möglichkeit, daß sie uns im März 48 durch „Mißverständnisse“, durch einfachen Misbrauch des Königlichen Namens, eine Revolution octroyirten, mit der im Grunde nicht 10 000 Menschen im Königreich, von den Polen abstrahirt, einverstanden waren, und der man erst Sympathien schuf, indem man den Bauern und Arbeitern goldene Berge versprach. Auf diesen großen Nationalfehler beziehe ich mich zur Entschuldigung meiner persönlichen Faulheit; ich bin zu sehr schwarz-weiß, um eine Ausnahme zu machen und äußert sich bei mir diese Epidemie in einer krankhaften Furcht vor meinem eigenen Tintfaß; nur wenn es vollständig ausgetrocknet ist, fühle ich mich wohl in seiner Nähe. Ich freute mich so herzlich über Deinen Brief, sowohl, daß Du mir überhaupt einmal wieder schreibst, wie über den Inhalt und die Gleichheit unserer Ansichten, daß meine Frau gleich damals sagte, nun antworte aber auch, und mache es nicht wie mit allen Andern; seitdem hat sie oft gefragt: hast du schon an Scharlach geschrieben? Aber in meiner Mappe liegen links „lettres à répondre“ soviel, daß ich sie gar nicht mehr hineinstecke, und rechts „lettres répondues“ ist ganz leer, mir graut vor dieser Mappe; indessen endlich schreibe ich doch wirklich, und will Dir ungefähr sagen, wie und wo. Wenn ich durch den aus meiner linken Hand aufsteigenden Cigarrenrauch zum Fenster hinaussehe, so blicke ich gerade nach Norden, rechts und links erst alte Linden, dann ein altfränkischer Garten, mit geschnittenen Hecken, Göttern aus Sandstein, Buchsbaum, Franzobst, dahinter eine Wüste von Maizfeldern (leider nicht meine) und etwa eine Meile von mir, auf dem jenseitigen hohen Elbufer das Städchen Arenburg, das Du auf jeder Karte der Altmark finden wirst; aus den Fenstern des südl. Giebels würde ich in ähnlicher Lage die Thürme von Tangermünde sehn, nach Westen im Nebel den Dom von Stendal. [...]"

Zum weiteren Briefwechsel mit Scharlach sieh:

Als Bismarck 1860 sein außenpolitisches Programm für Preußen darlegte, meinte er, man dürfe sich nicht wie ein Huhn durch einen Kreidestrich fesseln lassen und darauf verzichten, Österreich mit dem Krieg zu drohen:

"[...] Die österreichische Politik uns gegenüber sei aber nach 1856 ebenso anspruchsvoll geblieben, wie zu der Zeit, wo der Kaiser Nicolaus für sie gegen uns einstand. Wir hätten uns der österreichischen Illusion, so lange Manteuffel und Schleinitz die Geschäfte führten, in einer Weise unterworfen, welche an das Experiment erinnerte, ein Huhn durch einen Kreidestrich zu fesseln. Die österreichische Zuversicht, ein geschickter Gebrauch der Presse und ein großer Reichthum an geheimen Fonds ermögliche dem Grafen Buol die Aufrechthaltung der österreichischen Phantasmagorie und das Ignoriren der starken Stellung, in welcher Preußen sich befinden werde, so bald es bereit sei, den Zauber des Kreidestrichs zu brechen. Worauf sich die Erwähnung der österreichischen geheimen Fonds bezog, war dem Regenten bekannt.[...]"

Bismarck: "[...] nicht durch Reden oder Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut." 
(Rede am 30. September 1862 vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses während des preußischen VerfassungskonfliktsWikiquote)

"Das lernt sich in diesem Gewerbe recht, daß man so klug sein kann wie die Klugen dieser Welt und doch jederzeit in die nächste Minute geht wie ein Kind ins Dunkle." (an seine Frau 20.7.64 aus Karlsbad)
"[...] gestern früh aus Carlsbad gefahren, zu Wagen bis Prag, von dort heut den dir bekannten Eisenstrang hierher"  (an seine Frau 22.7.64 aus Wien)

An seinen Bruder beginnt er einen Geburtstagsbrief mit Bleistift, weil er noch keine Feder hat. Dann wird ihm eine gebracht. Er schließt: 
"Ich bin so schläfrig, daß ich kaum das Tintenfaß noch finde. Dein treuer Bruder v.B." (22.7.64 aus Wien)

Erlass an den preußischen Botschafter in Wien vom 24.7. 64 zu Rechtfertigung des preußischen Vorgehens in Rendsburg: Die Einigkeit der "beiden Großmächte" wird hervorgehoben, auf die Misslichkeit der getrennten Verwaltung von Holstein und Schleswig hingewiesen und die Schuld deutschen "Mittelmächten" gegeben.Telegramm an das Außenministerium von Gastein aus, 7.8.64
"Der gereizte und feindliche Ton gegen Dänemark nach dem Siege nicht würdig. [...] Wirken Sie dahin, daß auch die "Kreuzzeitung" und die sonst zugetane Presse in diesem Sinne spreche."
Die Ausgabe von 1965 schreibt in der Überschrift "Sprachregelung für die Presse".

Nach 14-tägigen Urlaub in Biarritz ist Bismarck wieder in Berlin und schreibt seiner Frau nach Reinfeld (in Pommern): "[...] die aufgesparten Geschäfte stürzen so auf mich ein, daß ich gestern nach der Ankunft bis 2 aufsaß und erst heute in der Mitternachtsstunde dazu komme, dir zu schreiben. Wenigstens 3 Stunden hatte ich nichts zu thun, als meinen Namen zu schreiben, und viel Vortrag beim König, Gortschakow, der mich hier erwartete, und alle mögliche Gesandte. [...] Einen halben Tag bin ich in Essen, der Kanonengießerei von Krupp, gewesen. [...]"Brief an seine Frau, Schönbrunn, 20.8.64
Erinnerung an die Zeit vor 17 Jahren, wo sie beide in den "heimlichen reservierten Garten [...] beim Mondschein hier eindrangen" und "mit heimlichem Behagen am Verbotenen bis an die Glasfenster wanderten", hinter denen damals die [österreich.] Kaiserin wohnte und wo gegenwärtig er wohnt.

An seine Frau
Varzin, 30. Juni 1967

Mein geliebtes
Ich hatte den besten Willen dir zu schreiben, aber weder Zeit noch Feder, Papier oder Tinte. Letzteres ist angelangt, aber wo soll die Zeit her kommen? Wenn ich gefrühstückt und gezeigtungt habe, wandere ich mit Jagdstiefeln in die Wälder, bergsteigend und sumpfwatend, lerne Geographie und entwerfe Schonungen; sobald ich heimkehre wird gesagt Geld und dasselbe Geschäft bis zum Überdruss fortgesetzt. [...] Bernhard war nicht so unterhaltend wie gewöhnlich, er grübelt und rechnet innerlich zu viel. Ich werde ihm Kniepow ja wohl lassen, falls ich hier noch etwas zu kaufen finde. Aber wenn ich dort bin, laufe ich immer Gefahr festzuwachsen; ich fand es wieder reizend, sie lassen mich nur niemals allein, und ich habe mir dort mit den Bäumen mehr zu sagen als mit den Menschen. Kommt doch nur schnell her und lass die Jungen allein folgen. [...] schicke etwas grünes und durchsichtiges Zeug, zu dunkelm Fenstervorhang, und zum Vorspannen auf der inneren Seite von Glastüren durch welche man nicht gesehen zu sein wünscht. Dass ich vor deiner Herkunft nochmals in Berlin erscheine, globe ich schwerlich. Schildere nur meine Stimmung so angegriffen, dass ich den sichtlichen Erfolg der Kur nicht durch die Strapazen dieser Reise gefährden könnte, und kommst du bald dein treuester v B
(Bismarck: Werke in Auswahl Vierter Band, Seite 179)

Bismarck Reichstagsrede im Norddeutschen Bund  23. März 1869

"Mein Einfluss auf die Ereignisse, die mich getragen haben, wird zwar wesentlich überschätzt, aber doch wird mir gewiss keiner zumuten, Geschichte zu machen; das, meine Herren, könnte ich selbst in Gemeinschaft mit ihnen nicht, eine Gemeinschaft, in der wir doch so stark sind, dass wir einer Welt in Waffen trotzen könnten, aber die Geschichte können wir nicht machen, sondern nur abwarten, dass sie sich vollzieht. Wir können das Reifen der Früchte nicht dadurch beschleunigen, dass wir eine Lampe darunter halten, und wenn wir nach unreifen Früchten schlagen, so werden wir nur ihr Wachstum behindern und sie verderben."
(Bismarck: Werke in Auswahl Vierter Band, Seite 330/31)

Tischgespräch in Ferrières, 28.9.1870 - aufgezeichnet von M. Busch

Dann ging er zu einer längeren Rede über, die im Betreff des Bildes mit dem sie begann, durch einen Fettfleck auf dem Tafeltuche von vor ihm beeinflusst war, und die zuletzt den Charakter eines Zwiegespräches zwischen dem Minister und  Katt annahm. Er sagte (wörtlich): Der Fettfleck (d.h. das Gefühl, das es schön sei,) zu sterben für Vaterland und Ehre, auch ohne Anerkennung, greift immer tiefer in die Haut der Bevölkerung, seit er mit Blut getränkt ist – breitet sich immer mehr aus. – Der Unteroffizier hat ja noch doch im Ganzen dieselbe Ansicht und dasselbe Pflichtgefühl wie der Leutnant und der Oberst – bei uns Deutschen. Das geht bei uns überhaupt sehr tief in alle Schichten der Nation. – Die Franzosen sind eine leicht unter einen Hut zu bringen der Masse, die dann sehr mächtig wirkt. Bei uns hat jeder seine eigene Meinung. Aber wenn sie einmal in großer Zahl die selbe Meinung haben, ist mit den Deutschen viel anzufangen. Wenn sie alle hätten, wären sie allmächtig. – Das Pflichtgefühl des Menschen, der sich einsam im Dunkeln tot schießen lässt (er meinte damit wohl, ohne an Lohn und Ehre für seine Standhaftigkeit auf dem ihm zugewiesenen Posten zu denken, ohne Furcht und ohne Hoffnung), haben die Franzosen nicht. Und das kommt doch von dem Rest Glauben in unserem Volker, davon, dass ich weiß, dass jemand ist, der mich auch dann sieht, wenn der Leutnant mich nicht sieht.
"Glauben Sie, Exzellenz, dass sie darüber nachdenken?" fragte Fürstenstein
Nachdenken – nein, es ist ein Gefühl, eine Stimmung, ein Instinkt meinetwegen. Wenn sie nachdenken, kommen Sie darüber hinweg. Dann reden Sie sich aus. – Wie man ohne Glauben an eine offenbarte Religion, an Gott, der das Gute will, an einen höheren Richter und ein zukünftiges Leben zusammenleben kann in geordneter Weise– Das Seine tun und jedem das Seine lassen, begreife ich nicht.[...] 
Wenn ich nicht mehr Christ wäre, diente ich dem König keine Stunde mehr. Wenn ich nicht auf meine Gott rechnete, so gäbe ich gewiss nichts auf irdische Herren. Ich habe ja zu leben und wäre vornehmen genug und brauchte sie nicht. – Warum soll ich mich vergreifen und unverdrossen arbeiten in dieser Welt, mich verlegen halten und übler Behandlung aussetzen, wenn ich nicht das Gefühl habe, Gott deswegen meine Schuldigkeit tun zu müssen. Wenn ich nicht an eine göttliche Ordnung glaubte, die diese deutsche Nation zu etwas Gutem und Großen bestimmt hätte, so würde ich das Diplomatengewerbe gleich aufgeben oder das Geschäft gar nicht übernommen haben! Orden und Titel reizen mich nicht. Der entschlossene (soll wohl heißen, feste, zuversichtliche, zur Betätigung bereite) Glaube an ein Leben nach dem Tode – deshalb bin ich Realist, sonst wäre ich von Natur Republikaner.– Ja, ich bin Republikaner – im höchsten Grade, und ich habe die Standhaftigkeit, die ich zehn Jahre an den Tag gelegt habe gegen alle möglichen Absurditäten, nur aus meinem entschlossenen Glauben. Nehmen Sie mir diesen Glauben und Sie nehmen mir das Vaterland. Wenn ich nicht ein stramm gläubiger Christ wäre, wenn ich die wundervolle Basis der Religion nicht hätte, so würden sie einen solchen Bundeskanzler gar nicht erlebt haben. – Hätte ich die wundervolle Basis der Religion nicht, so wäre ich den ganzen Hofe schon längst mit dem Sitzzeug ins Gesicht gesprungen, und schaffen Sie mir einen Nachfolger mit jener Basis, so gehe ich auf der Stelle. Aber ich lebe unter Heiden. Ich will keine Proselyten damit machen, aber ich habe das Bedürfnis diesen Glauben zu bekennen [...] Wie gerne ginge ich! Ich habe Freude am Landleben, an Wald und Natur nehmen Sie mir den Zusammenhang mit Gott und ich bin ein Mensch, der morgen einpackt und nach Varzin ausreißt und seinen Hafer baut. Sie nehmen mir dann meinen König. Denn warum, wenn es nicht göttliches Gebot ist – warum soll ich mich denn diesen Hohenzollern unterordnen? Es ist eine schwäbische Familie, die nicht besser ist als meine, und die mich dann gar nichts angeht.[...]"
(Bismarck: Werke in Auswahl Vierter Band, Seite 550/51)

14 Januar 2023

Gottfried Kellers Briefe

Kellers Briefwechsel allgemein (Universität Zürich)

Kellers Briefe  (bei Gutenberg.de)

Briefe aus Heidelberg 1848-1850

Briefe aus Zürich 1856-1890


 Heidelberg,

den 8. Februar 1849.

Lieber Dößekel!

Ich habe zwar die Schweiz und Euch Einwohner nicht vergessen, doch bin ich seit meinem Hiersein solchermaßen in eine neue Bahn geworfen worden, daß ich mich auch jetzt noch förmlich zusammenraffen muß, um endlich nur einigermaßen meine Pflicht gegen meine heimatlichen Freunde zu erfüllen; denn wer unerwartet auf einem neuen, aber noch nicht ganz sichern und bestimmten Wege wandelt, an dessen Ziele aber eine klare, heitere Aussicht zu hoffen ist: der schaut nur höchst ungern zurück und hat kaum Lust, seine frisch angeknüpften Fäden auch rückwärts zu reichen, seine neu empfangene Parole auch rückwärts zu rufen, ehe er weiß, wie sie dort aufgenommen werden, ehe er auch die ganze Geschichte und Entwicklung zugleich mitgeben kann. Ich hatte in Zürich so viel als versprochen, hier vorzüglich Geschichte zu treiben, und nun bin ich fast ausschließlich in die Philosophie hineingeraten.

Fast zufällig besuchte ich einmal Henles Vorlesung über Anthropologie; der klare, schöne Vortrag und die philosophische Auffassung fesselten mich, ich ging nun in alle Stunden und gewann zum ersten Mal ein deutliches Bild des physischen Menschen, ziemlich von der Höhe des jetzigen wissenschaftlichen Standpunktes. Besonders das Nervensystem behandelte Henle so geistreich und tief und anregend, daß die gewonnenen Einsichten die beste Grundlage oder vielmehr Einleitung zu dem philosophischen Treiben abgeben. Ein aufgeweckter junger Dozent, Dr. Hettner, auch vorzüglicher Literarhistoriker und Ästhetiker, las über Spinoza und die aus ihm hervorgegangene neue Philosophie bis auf heute. Endlich kam noch Ludwig Feuerbach nach Heidelberg und liest hier auf ergangene Einladung öffentlich über Religionsphilosophie. Bald kam ich persönlich mit Feuerbach zusammen, sein tüchtiges Wesen zog mich an, und machte mich unbefangener für seine Lehre und so wird es kommen, daß ich in gewissen Dingen verändert zurückkehren werde. Ich habe keine Lust, jetzt schon schriftlich eine Art von Rechenschaft abzulegen. Nur so viel: wenn es nicht töricht wäre, seinen geistigen Entwicklungsgang bereuen und nicht begreifen zu wollen, so würde ich tief beklagen, daß ich nicht schon vor Jahren auf ein geregelteres Denken und größere geistige Tätigkeit geführt und so vor vielem gedankenlosem Geschwätze bewahrt worden bin.

Für die poetische Tätigkeit aber glaube ich neue Aussichten und Grundlagen gewonnen zu haben, denn erst jetzt fange ich an, Natur und Mensch so recht zu packen und zu fühlen, und wenn Feuerbach weiter nichts getan hätte, als daß er uns von der Unpoesie der spekulativen Theologie und Philosophie erlöste, so wäre das schon ungeheuer viel. Übrigens bin ich noch mitten im Prozesse begriffen und fange bereits an, vieles für meine Individualität so auf meine Weise zu verarbeiten. Komisch ist es, daß ich kurz vor meiner Abreise aus der Schweiz noch über Feuerbach den Stab gebrochen hatte als ein oberflächlicher und unwissender Leser und Lümmel; so bin ich recht aus einem Saulus ein Paulus geworden. Indessen kann ich doch für die Zukunft noch nichts verschwören; es bleibt mir noch zu vieles durchzuarbeiten übrig; aber ich bin froh, endlich eine bestimmte und energische philosophische Anschauung zu haben. Nebenbei treibe ich noch Literaturgeschichte und arbeite an meinem unglückseligen Romane, welchen ich, da ich einen ganz andern Standpunkt und Abschluß meines bisherigen Lebens gewonnen habe, erst wieder zu zwei Dritteln umschmelzen muß. Wenn der Sommer schön wird in dieser schönen Landschaft, so werde ich ein Schauspiel darin schreiben, das mir durch den Kopf geht. Was nächsten Winter aus mir wird, kann ich noch nicht sagen, jedenfalls gehe ich nicht nach dem Orient; ich habe mehr Lust in Deutschland zu bleiben; denn, wenn die Deutschen immer noch Esel sind in ihrer Politik, so bekommen mir ihre literarischen Elemente um so besser.

Ich habe mehrere ganz angenehme Bekanntschaften gemacht hier, worunter auch Künstler, einige hübsche und gescheite Mädchen stehen für den nahenden Frühling zu poetischen Ausflügen in Aussicht. - Begnüge Dich einstweilen mit diesen paar ungeschlachten Brocken und berichte mir doch bald von Deiner Seite, denn ich habe einen wahren Heißhunger nach Briefen aus der Schweiz. Ich habe erst einen einzigen an meine Mutter geschickt, und zwei von ihr erhalten; sonst ist kein Sterbenswörtchen zwischen mir und dem Vaterlande gewechselt worden. Ich bin zum großen Ärger der Deutschen oft bei meinen jungen Landsleuten, den Schweizerstudenten; denn unser Nationalismus ist allen, den reaktionären wie den radikalen, ein Dorn im Auge. Ich werde aber diese sogenannte Borniertheit wohl lebenslänglich behalten; hier stehe ich auf eignen, festen Füßen und kann mir die Theorie selbst machen.

Ich erinnere mich oft mit großem Vergnügen an den Aufenthalt in Deiner reizenden Wohnung. Grüße doch höflichst von mir Deine werte Frau und küsse Deine Kinder...

So lebe gesund und wohl bis auf weiteres!

Dein
Gottfr. Keller.

Briefe aus Zürich 1856-1890

unter anderem an Storm

An Theodor Storm

Storm hatte Keller brieflich seine Freude über die ›Züricher Novellen‹ ausgedrückt und ihm seine Freundschaft angetragen. Von Angesicht gesehen haben sich die beiden Dichter niemals.

Zürich, 30. März 1877.

Sie haben mir das schönste Ostergeschenk gemacht, das ich je in meinem Leben bekommen; es ist freilich seit der Kinderzeit lange her; aber um so mehr braucht es, um jene durch das Ferneblau vergrößerten Wunder in den Schatten zu stellen. Ich ergreife mit Dank und Freuden Ihre Hand und Ihr Geschenk und will trachten zu erwidern, was an meinem geringen Orte möglich ist. Denn es ist mir nun ja alles Liebe und Schöne, was ich von Ihnen kenne, zum zweiten Male und gewissermaßen speziell wieder geschenkt.

Die treuliche und freundliche Vermahnung, die Sie mir wegen Hadlaub und Fides geben, befremdet mich nicht, weil die Geschichte gegen den Schluß wirklich überhastet und nicht recht ausgewachsen ist. Das Liebeswesen jedoch für sich betrachtet, so halte ich es für das vorgerücktere Alter nicht mehr recht angemessen, auf dergleichen eingehend zu verweilen, und jene Form der Novelle für besser, wo die Dinge herbeigeführt und alsdann sich selbst überlassen werden, vorausgesetzt, daß dann genugsam zwischen den Zeilen zu lesen sei. Immerhin will ich den Handel noch überlegen; denn die Tatsache, daß ein lutherischer Richter in Husum, der erwachsene Söhne hat, einen alten Kanzellaren helvetischer Konfession zu größerem Fleiß in erotischer Schilderei auffordert, und zwar auf dem Wege der kaiserlichen Reichspost, ist gewiß bedeutsam genug! Im Herbst werde ich Ihnen die Separatausgabe der Züricher Novellen schicken, wo Sie dann auch das Fähnlein der sieben Aufrechten wiederfinden wer« den ...

Jetzt will ich aber für diesmal schließen, da die Nachmittagssonne und Amsel, Finken und andere Musikanten auf den Bäumen vor dem Fenster mich Hinausrufen, wo der Winter gottsjämmerlich abgemörd't wird.

Bald hoffe ich Ihnen in der Rundschau oder so wo wieder zu begegnen und mich dort mit Ihnen zu unterhalten; man ist da immer sicher, gute Musik zu hören und seine Weinlein zu trinken.

Ihr dankbar ergebener
Gottfr. Keller.

An Theodor Storm

Zürich, den 31. Dezember 1877.

Ich wollte Ihnen, lieber Freund, am morgigen Neujahrstag schreiben, um Ihnen durch die gewählte Stunde eine rechte Ehre zu erweisen; zu rechter Zeit fällt mir aber ein, daß mich die Silvesternacht und das germanische Laster entweder untauglich machen oder mit schnöden Jammerpossen anfüllen könnten à la Johann Jakob Wendehals von Mörike, und da wollen wirs lieber heute noch vornehmen.

Die Züricher Novellen‹ werden Ihnen durch den Verleger zukommen... Um nochmals auf jene Figura Leu zurückzukommen, so hat sie wohl unverheiratet bleiben können; denn ich habe erst seither in Ihrem ›Sonnenschein‹ gesehen an der dortigen Fränzchen, wie man ein lustiges und liebliches Rokokofräulein machen muß, und die hat ja auch ledig sterben müssen. Es ist mir übrigens, wenn ich von dergleichen an Sie schreibe, nicht zu Mute, als ob ich von literarischen Dingen spräche, sondern eher wie einem ältlichen Klosterherrn, der einem Freunde in einer anderen Abtei von den gesprenkelten Nelkenstöcken schreibt, die sie jeder an seinem Orte züchten. Und Sie sind ja wieder rüstig dabei an Ihrem Orte; ich habs zwar noch nicht gelesen, sondern warte auf die Buchausgaben. Also ich wünsche Ihnen alles Beste zum neuen Jahre, hochgeachteter Landvogt von Husum, sowie Ihrem ganzen Hause ...

Ihr getreuer
G. Keller.

An Theodor Storm

Zürich, den 26. Februar 1879.

Ihr Brief, liebster Freund, so willkommen er mir ist, hat mich doch in ärgerlicher Weise an meiner Saumseligkeit ertappt, mit welcher ich seit Monaten mit einem Briefe an Sie laborierte. Der Winter ist mir zum ersten Mal fast unerträglich geworden und hat fast alle Schreiberei lahmgelegt. Immer grau und lichtlos, dabei ungewöhnlich kalt und schneereich, nach vorangegangenem Regenjahr, hat er mir fast täglich namentlich die Morgenstunden vereitelt. Ein einziges Mal hatte ich neulich ein Frühvergnügen, als ich eines Kaminfegers wegen um vier Uhr aufstehen mußte, der den Ofen zu reinigen hatte. Da sah ich das ganze Alpengebirge im Süden, auf acht bis zwölf Meilen Entfernung, im hellen Mondscheine liegen, wie einen Traum, durch die vom Föhnwinde verdünnte Luft. Am Tage war natürlich alles wieder Nebel und Düsternis ... Ich wünsche Ihnen Glück zu Ihrem Landkaufe und Baumpflanzen; wer die Mutter noch hat, darf wohl noch Bäume setzen; warten Sie aber womöglich nicht zu lange, bis Sie bauen. Die Gesetzänderungen, welche Ihnen so mal à propos noch auf den Hals fallen, soll auch der Teufel holen, so zweckmäßig sie sein mögen. Ich habe vor zehn Jahren etwas Ähnliches erfahren: Gerade als ich in mein Amt so voll eingeschossen war, daß ich Aussicht hatte, etwas Muße zu gewinnen, gabs eine trockene, aber radikale Staatsumwälzung, eine neue Verfassung wurde gemacht, infolgedessen eine Reihe neuer Gesetze, so daß ich neben den laufenden Geschäften zwei Jahre lang fast Tag und Nacht Schwatzprotokolle zu schreiben hatte, die nachher zur Interpretation dienen sollen, wenn die Esel nicht mehr wissen, was sie gewollt haben. Da war es denn mit der Dichterei wieder fertig, besonders da die zweite Staatsschreiberstelle auch abgeschafft wurde und ich als einziger und unteilbarer Skribar dastand, weshalb Ihre Adressen auch nicht mehr richtig sind. Ich möchte Ihnen bei diesem Anlasse auch belieben, fragliche Titulatur überhaupt abzuschaffen, sintemalen dieselbe in der knauserigen Republik keine Pension einträgt ...

... Da wir an Geldsachen sind, will ich gleich noch einen wichtigen Punkt zur Sprache bringen. Sie haben nämlich schon einige Male Ihre Briefe mit Zehnpfennigmarken frankiert, während es nach außerhalb des Reiches zwanzig sein müssen. Nun habe ich eine Schwester und säuerliche alte Jungfer bei mir, die jedesmal, wenn sie das Strafporto von vierzig Pfennigen in das Körbchen legt, das sie dem Briefträger an einer Schnur vom Fenster des dritten Stockes hinunter läßt, das Zetergeschrei erhebt: »Da hat wieder einer nicht genug frankiert!« Der Briefträger, dem das Spaß macht, zetert unten im Garten ebenfalls und schon von weitem: »Jungfer Keller, es hat wieder einer nicht frankiert!« Dann wälzt sich der Spektakel in mein Zimmer: »Wer ist denn da wieder?« (An Ihren Beraubungen haben Sie nämlich Konkurrenz in den österreichischen Backfischen, die an alle Dichter der letzten jeweiligen Weihnachtsanthologie um Autographen schreiben, sofern der Wohnort des betreffenden Klassikers aus dem Buche ersichtlich ist.) »Den nächsten Brief dieser Art«, schreit die Schwester fort, »wird man sicherlich nicht mehr annehmen!« - »Du wirst nicht des Teufels sein!« schrei ich entgegen. Dann sucht sie die Brille, um Adresse und Poststempel zu studieren, verfällt aber, da sie meine offenstehende warme Ofenröhre bemerkt, darauf, die Erbssuppe von gestern zu holen und in die Wärme zu stellen, so daß ich den schönsten Küchengeruch in mein Studierzimmer bekäme, was sonderlich für den Fall eines Besuches angenehm ist. »Raus mit der Suppe!« heißts jetzt, »und stell sie in deinen Ofen!« »Dort steht schon ein Topf, mehr hat nicht Platz, weil der Boden abschüssig ist!« Neuer Wortkampf über die Renovation des Bodens, endlich aber segelt die Suppe ab, und die Portofrage ist darüber für einmal wieder vergessen; denn mit der Suppe hat Angriff und Verteidigung, Sieg und Niederlage gewechselt. - Haben Sie also die Güte, der Quelle dieser Kriegsläufte nachzugehen und sie zu verstopfen ...

Ich danke für Ihre Jahreswünsche gar herzlich und hoffe, daß ich in der Tat einen Ruck vorwärts tue mit meinen Lebensrestanzen; denn der Handel fängt doch an, unsicher zu werden, lind ein Altersgenosse nach dem anderen wird kampfunfähig oder segelt gar von dannen. Ihnen wünsche ich gleichfalls das Beste. Mögen Ihre Bäume lustig gedeihen und zugleich die Mama noch gute Frist gewinnen, daß Sie nicht wegziehen; so ist die richtige Spannung vorhanden, wie mir scheint.

Ihr
G.Keller.


Zürich, den 29. Dezember 1881.

Lieber Freund und Mann zu Hademarschen!

Ihrem frohgemuten Briefe vom 27. November sind bald die beiden Doppelbände der Gesamtwerke nachgefolgt, und ich habe die einzelnen mir schon bekannten Kleinode aufmerksam gezählt und beguckt, eh ich sie zu den übrigen in den Schrein stellte. Die Erinnerungen an Mörike las ich freilich vorher durch, da sie mir so gut wie neu waren. Wie gewohnt, wenn die Rede von ihm ist, lief ich wiederholt nach seinen Bänden, um mich dieser und jener Stelle gleich zu versichern und halbe Stunden lang fortzulesen ...

Ihre Weihnachtsfreuden haben Sie nun hinter sich und das behagliche Wohlleben der Neujahrstage und so fort noch vor sich, wozu ich meine Glückwünsche rück- und vorwärts beitrage ...

Auch zu dem Herrn Pastor, Ihrem Schwiegersohn, gratuliere ich schönstens. Ein solch stattliches Familienstück gehört unter die Johann Heinrich Voßschen Himmelsstriche.

Was Sie mir als Menschenmangel anmerken wollen, versteh ich nicht recht. Ich lebe gesellschaftlich mit allerlei Leuten alten und neueren Datums. Das sogenannte Handwerk allerdings vermeide ich, wenn es nicht mit der erforderlichen einfachen und loyalen Menschennatur verbunden ist. So war ich in Verlegenheit, mit welcher der gelehrten und ungelehrten Gesellschaften Zürichs ich den üblichen Neujahrsschmaus einnehmen wolle, und habe mich für das Artilleriekollegium entschieden, jene zweihundertjährige Gesellschaft, die im Eingang der ›Zürcher Novellen‹ geschildert ist und mich dafür zu ihrem Mitglied ernannt hat. Ich habe auch schon zweimal im Juni mit den Herren aus Mörsern (Kruppschen) nach der Scheibe geschossen und ein paar gute Schüsse abgegeben, die man mir natürlich gerichtet hat. Da werde ich am 2. Januar, dem Berchtoldstage, der ein uralter Freudentag hier ist, mitten unter alten und jungen Artillerieoffizieren sitzen und Rheinwein aus silbernen Pokalen trinken. Heut abend soll ich zu einer großen Liedertafel gehen, die ihren vierzigjährigen Bestand feiert, und so ist immer was los, wenn man Lust hat ...

Leben Sie glücklich in das neue Jahr hinein mit allen Ihrigen.

Der alte
G. Keller.


Zürich, den 21. November 1882.

Liebwertester Freund und Storm!

Endlich fließt mein durch allerlei Trubel gestörtes Wässerlein wieder so ruhig, daß auch die leichten Briefblätter darauf schwimmen können, wie üblich. Mein Wohnungswechsel verlief widerwärtig und mühevoll. Das Gerümpel eines seit 1817 bestehenden Haushaltes mit noch dreißig Jahre älteren Nichtswürdigkeiten, die sich immer mitschleppen, war wie verhext und von Bosheit besessen. Beim Öffnen einer alten Schachtel fand ich unser ehemaliges Taufhäubchen von rotem Sammet, worin vermutlich die sechs ›gehabten‹ Kinder der Mutter getauft worden sind. Eine dabei liegende dicke seidene Fallmütze in Form einer Kaiserkrone war mir bekannt, und ich wußte, daß ich sie selbst getragen hatte. Nun gut, eine Stunde später purzelte ich von der Bücherleiter mit einem Arm voll Bücher hinunter und schlug den Schädel beinahe zuschanden; man mußte mir die Schramme zunähen. Es war Sonntags am 1. Oktober, nachdem ich, wie gesagt, vorher meine Kinderfallmütze in der Hand gehabt von Anno 1820 oder 21. In diese Ironie des Schicksals mischte sich noch ein Tropfen Selbstverachtung; denn die Schuld des Sturzes lag in einer meiner Charakterschwächen. Ich war in den Laden eines Schusters gegangen, um ein Paar warme Pantoffeln für den Winter zu kaufen; da er keine passenden von der verlangten Art hatte, ließ ich mir mit offenen Augen ein Paar aufschwatzen, das für meinen Fuß anderthalb Zoll zu lang war, eben weil ich nie den Mut habe, aus einem Laden wegzugehen, ohne zu kaufen. In diesen Pantoffeln blieb, wenn ich darin stand, vorn vor den Zehen ein leerer Raum, und auf diesen trat ich, als ich, von der Leiter heruntersteigend, die untere Stufe suchte.

Derlei Ärgernis hat mich denn auch verhindert, vor Mitte Oktober auf das Museum zu gehen und Ihre ›Kirchs‹ aufzusuchen. Und als ich die Hälfte gelesen und nach einigen Tagen wieder hinging, war der ›Westermann‹ des Monats verschwunden und ein neuer an der Stelle, ganz ausnahmsweise; denn gewöhnlich kommt das Heft immer zu spät. So habe ich einstweilen nur sehen können, daß Sie mit kräftiger Hand, wie immer, geschrieben oder vielmehr geschafft haben, und obgleich ich die harten Köpfe, die ihre Söhne quälen, sonst nicht liebe (als poetische Gestalten), so habe ich doch schon gesehen, daß die Sache hier so sein muß, um die neue Schöpfung Ihrer Resignationspoesie organisch zu gestalten. Ich habe das Ende der Novelle schnell angesehen und muß nun noch das Zwischenschicksal des Sohnes erfahren. Die Wendung mit dem unfrankierten Brief ist ebenso schauerlich als verhängnisvoll. Man fühlt mit, wie wenn der alte Geldtropf ein Schiff voll lebendiger Menschen in die brandende See zurückstieße. Ich werde mir das Heft nächstens mit Beschlag legen, sobald es der fortschlepperische Verehrer wieder abgeliefert hat.

Nun sind auch die Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer erschienen. Sie sollten sich den Band ansehen oder vielmehr fest anschaffen; es würde Sie nicht gereuen, und Sie werden an diesen langen Winterabenden auch Ihre Damen mit mehr als einer guten Vorlesung regalieren können. Auch dem Herrn Sohn, dem Juristen, würden die Sachen Freude machen.

Übrigens wünsche ich Ihnen, wie Freund Petersen, ein ausgiebig genießliches, feierlich geschäftiges Herannahen der Jultage mit hundert Vorschmäcken, namentlich einen gelungenen Märchenzweig, und hoffe, daß das Notwendigste, eine gute Gesundheit, dermalen reichlich vorhanden ist. Schönste Grüße von

Ihrem
G.Keller.


An Wilhelm Petersen

Regierungsrat in Schleswig; begeisterter Verehrer Kellers.

Zürich, den 21. Oktober 1880.

Verehrter Freund!

Ich gebe heut endlich den ›Grünen‹ auf die Post und wünsche ihm glückliche Reise und nachsichtigen Empfang. Daß die Judith am Schlusse noch jung genug auftritt, statt als Matrone, wie beabsichtigt war, hat sie Ihren derselben so gewogenen Worten zu danken. Ich wollte mich selbst am Jugendglanz dieses unschuldigen, von keiner Wirklichkeit getrübten Phantasiegebildes erlustieren. Gern hätte ich sie noch einige Szenen hindurch leben lassen; allein es drängte zum Ende, und das Buch wäre allzu dick geworden. Jetzt mach ich Novellen, die im Januarheft der ›Deutschen Rundschau‹ beginnen sollen. Auf den i. April 1881 habe ich die jetzige Wohnung gekündigt und werde Sie in einer andern empfangen müssen, die noch nicht gewählt ist. Die Lage war meiner Schwester zu beschwerlich, und ich selbst habe manches versäumt, da ich mich immer nur ungern zum Gange in die Stadt entschloß. Es hat etwas Unbequemes, in diesen Jahren so herumwandern zu müssen; allein das Ganze ist ja doch nur ein Bummel, und am Ende kommt die Ruhe. Ich habe mich einem Leichenverbrennungsverein angeschlossen; es will aber nichts daraus werden. Ich glaube, die Lumpen fürchten am Ende, es mache zu heiß, daß sie's noch verspüren könnten!

Leben Sie mit den Ihrigen einen guten Winter, wozu ich hübsche Morgenröte und warme Abendstunden wünsche! Was mich betrifft, so gedenke ich etliche vergnügte Schoppen bei biederem Gespräche auszustechen!

Paul Heyse ist jüngst mit seiner schönen und feinen Frau zweimal durchgereist; wir brachten jedesmal einige Stunden miteinander zu und gedachten auch eines gewissen Regierungsrates im Norden. Seien Sie herzlichst gegrüßt und bleiben gewogen

Ihrem ergebenen
Gottfr. Keller.


An Wilhelm Petersen

Zürich, den 21. April 1881.

Mein lieber Herr und bester Freund!

Da Sie nicht nur die Fische des Meeres, sondern auch die Vögel der Luft gegen mich absenden, so muß ich den Vorsatz, an Sie zu schreiben, endlich zur Tat werden lassen. Seit Neujahr habe ich alles Briefschreiben und Privat- und Freundschaftssachen wieder einmal müssen liegen lassen, nicht weil ich nicht manche müßige Stunden und Tage dazu gefunden hätte, sondern weil gerade das Briefschreiben con amore mit dem Schriftstellern zu nah verwandt ist, wenigstens wie ich dieses treibe, und daher ein Allotrion zu sein scheint, wenn die Setzer auf Manuskript lauern. Der eigentliche Müßiggang aber, bestehe er in Lektüre oder in irgend einer anderen eigensinnigen heterogenen Übung, trägt immer seine göttliche Berechtigung des Daseins ›an sich‹ in sich. Und so scheut man sich, Briefe zu schreiben, indessen man sich nicht entblödet, plötzlich ein historisches Kapitel zu studieren oder ein paar Tage zu zeichnen und dergleichen.

Also die zierlichen Kiebitzeier sind glücklich angekommen und in ihrer ganzen Schmackhaftigkeit verzehrt worden, nicht ohne einiges Mitgefühl an den Hervorbringern, denen so räuberisch zu Nest gestiegen wird. Mit der Adresse meines herzlichen Dankes bin ich etwas verlegen; denn eine auf dem Kistchen haften gebliebene Adresse zeigt an, daß die Nordfrüchte rechtmäßig zuerst der Frau Gemahlin angehört haben. Ich kann nicht untersuchen, ob eine Gewalttat in Form einer Besteuerung oder einer einfachen Wegnahme, Konfiskation, oder einer Überredung, eine gütliche Transaktion stattgefunden hat, und bitte nur, meinen Dank nach dem Gebote Ihres Gewissens ausrichten und verteilen zu wollen! -

Ihre und Freund Storms Weihnachtsfreuden habe ich voll Teilnahme aus der Ferne mitgetan; dergleichen scheint blühender und intensiver zu werden, je weiter hinauf es nach Norden geht, und der goldene Märchenzweig schimmert gar feierlich herüber, nur weiß ich nicht, auf welche Art die Lärchennadeln vergoldet sind. Ein bloßes Anwerfen von Goldschaum wird schwerlich genügen. Ihr Treiben mit den Kindern am Neujahrsmorgen hat mich wieder recht erbaut. Sie sammeln ihnen den schönsten Schatz von Erinnerungen, der fast notwendig spät noch Früchte tragen muß ...

Ihre Äußerungen wegen des pathologischen Zuges, der Ihnen eigen sei, berühren schmerzlich, weil Sie einen Zug, den viele unbewußt haben, mehr fühlen als die anderen. Mehr oder weniger traurig sind am Ende alle, die über die Brotfrage hinaus noch etwas kennen und sind; aber wer wollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es keine rechte Freude gibt? Selbst wenn sie der Reflex eines körperlichen Leidens ist, kann sie eher vielleicht eine Wohltat als ein Übel sein, eine Schutzwehr gegen triviale Ruchlosigkeit ...

... Die Sinngedichtsnovellchen, deren Anfang Sie gelesen, gehen im Maiheft der ›Rundschau‹ zu Ende. Ich bin jetzt an der Sammlung und Korrektur meiner sämtlichen lyrischen Sünden begriffen, ein bedenkliches Unterfangen; doch kann ich nicht mehr warten, sonst bring ich nichts mehr zustande. Dann denke ich auf einen kleineren Roman, von dem ich aber noch nicht viel zu sagen weiß.

Nochmals Dank also für alle Ihre Güte und Freundlichkeit und eine schöne Empfehlung an die verehrte beraubte Frau Regierungsrat.

Ihr alter
G.Keller.

An Wilhelm Petersen

Zürich, den 21. November 1881.

Verehrter Freund!

Jetzt wird Ihr geliebter Winter bald da sein, wo Sie mit den Kindern die Abenteuer in dem Schneewald wieder aufnehmen können. Hier haben wir schon mehrere Wochen jeden Tag Nebel und Sonnenschein und warmes Wetter; ich selbst aber war lange von Katarrh und fliegenden Rheumatismen geplagt, so daß ich beinah ängstlich geworden wäre, da die alten Kerle bei solchen Gelegenheiten gern etwa eine tödliche Lungenentzündung und dergleichen erwischen. Allein gerade die sehen es ja nie kommen und wissen kaum, wie sie dazu gelangten, und so hat sich die Sache unversehens verzogen.

Ihre Fischlein sind seinerzeit schönstens angelangt und wir danken Ihnen, die Schwester und ich, neuerdings herzlichst für die unerschöpfliche Güte und Freundlichkeit ...

Bei den neulichen Nachrichten von der Wassersnot in Schleswig-Holstein habe ich sogleich an Sie und Storm gedacht. Sie werden jedenfalls amtlich zu tun bekommen haben ...

Das ›Geteilte Herz‹ hat mir auch sehr gefallen; es ist eine sehr gute Novelle in ihrer Art, obgleich ich für das Problem derselben nicht gerade schwärme. Indessen verstehe ich als ›lediger Geist‹ davon nichts. Ich war immer nur einspännig und ausschließlich verliebt in jungen Jahren und kann durchaus nicht sagen, wie es gegangen wäre im Falle einer Verheiratung.

Ob ich noch einmal Berlin besuche, weiß ich nicht, so sehr es lockt. Wenn man nur nicht das Handwerk dort grüßen müßte, welches zum Teil von einem albernen Weltstadtdünkel erfüllt ist, obgleich die einzelnen die alten Kleinbürger sind, die sie vorher gewesen. Die Menge tuts eben nicht immer.

Empfehlen Sie mich freundlich der Frau Gemahlin und leben Sie recht con amore, wenn die Geschäfte vorbei sind!

Ihr getreuer
G. Keller.