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06 Oktober 2018

Gerhart Hauptmann: Buch der Leidenschaft

Der Bewahrer dieses Tagebuches stammt aus einer französischen Flüchtlingsfamilie. Seinen Namen verrate ich nicht, da er ihn mit dem versiegelten Manuskript, das sein Nachlaß enthielt, nicht in Verbindung gebracht sehen will. Deutlich gesprochen: er verleugnet das hier zum erstenmal der Öffentlichkeit unterbreitete Tagebuch. Mit welchem Recht, entscheide ich nicht. Über die Gründe ließe sich streiten. Ich würde im gleichen Falle nicht so handeln. Leben, Lieben, Leiden ist allgemeines Menschenlos, und indem man dem Leben, Lieben und Leiden Worte verleiht, spricht man im Persönlichen doch nur das Allgemeine aus. Gewisse Dinge mit Schleiern verhüllen? Warum nicht, wenn es reiche und farbige Schleier sind! Aber dann nicht dort, wo es Wahrheit zu entschleiern gilt. Und dies, nämlich der Zwang dazu, das Bestreben, der Wahrheit ins Auge zu sehen, sich mit Wahrheit zu beruhigen, ist in den Selbstgesprächen dieses Tagebuches nicht zu verkennen. [...]
Das Manuskript ist nicht vollständig abgedruckt. Es lag mir daran, das Haupterlebnis herauszuschälen: ein Schwanken zwischen zwei Frauen, das sich seltsamerweise über zehn Jahre erstreckt, obgleich auf dem ersten Blatt scheinbar der Sieg einer von beiden entschieden ist. Dieser Fall ist verwickelt genug und darf nicht, wie es im Original geschieht, vom Gestrüpp des Lebens überwuchert werden, wenn man ihn in seinem organischen Verlauf begreifen soll. Ich möchte übrigens glauben, der Verfasser des Tagebuches würde in ebendieselbe Krisis verfallen sein, falls die beiden Frauen, hier Melitta und Anja genannt, zwei ganz andere gewesen wären. Er unterlag vielleicht einem Wachstumsprozeß seiner sich im Umbau erneuernden und ewig steigernden Natur und hätte, um nicht dabei zu scheitern, Anja erfinden müssen, wenn sie nicht glücklicherweise vorhanden gewesen wäre. Jedenfalls wird, wer bis zum Schlusse des Buches gelangt, unschwer erkennen, daß die Lebensbasis des Autors eine andere als die am Anfang ist. Sie ist höher, breiter und fester geworden. Auch die Welt um ihn her hat ein anderes Gesicht: das konnte nur ein Jahrzehnt harter innerer Kämpfe bewirken.
Agnetendorf, Oktober 1929. Der Herausgeber
(G. Hauptmann: Buch der Leidenschaft, Vorwort des Herausgebers)

"Ich bin über dreißig Jahre alt. Von meinen Kindern ist das älteste ein Junge von acht, das zweite ein Junge von sechs, das dritte ein Mädchen von kaum zwei Jahren. Vier Jahre war ich verlobt, woraus hervorgeht, daß ich zu denen gehörte, die warten können, und daß ich jung in die Ehe kam. Ich glaubte bisher durchaus nichts anderes, als daß nun mein ganzes Leben, und zwar bis zum letzten Atemzuge, in dieser Liebe gebunden sei. Außerhalb dieses festgefügten Familienweltsystems, darin meine Gattin für mich die Sonne, die Kinder und ich Planeten darstellten, lag für meine Begriffe nichts, was sein Bewegungsgesetz auch nur von fern zu ändern in der Lage war. [...]
Wir verfielen darauf, ein großes Autodafé anzurichten. Stöße von Liebesbriefen mußten her. Es war ein Fieber, wir waren irrsinnig. Alle steckten noch in den Umschlägen. Schübe und Kassetten wurden mit einem sinnlosen Eifer um- und umgekehrt, unsere Hände fuhren wie Wiesel in ihre Schlupflöcher. Alles mußte vernichtet sein. Das kleinste Zettelchen, das von unserer Liebe hätte zeugen können, wurde dem Feuer überliefert. Gut eine halbe Stunde lang und länger brannte der Papierberg hinterm Haus. Den Schnee zerschmelzend, hatte er sich bis zur nackten Wiesenkrume niedergesenkt. Wir standen dabei, die Kinder schürten das Feuer. So sündigten wir an den seligsten Jahren unseres Lebens, so vernichteten wir alle Wonnen, Sehnsüchte, Liebesbeteuerungen, alle diese heiligen Zeichen, bei denen der Gott der Götter uns die Hand geführt hatte. Wie grausig doch das Lachen der ahnungslosen Kinder anmutete! Ich habe gesehen, wie sie unter Schmerzen von ihrer Mutter geboren wurden, habe sie gebadet, auf dem Arm getragen, trockengelegt, habe sie betreut, wenn sie krank waren – und morgen will ich mich nun von ihrer Mutter und somit auch von ihnen abwenden! Meiner Wege will ich gehen und sie allein lassen in der Welt! Ist dies eine Sache, die man ausführen, ja, auch nur ein Gedanke, den man denken kann? Während das Feuer über dem Leichnam unserer Liebe zusammenschlug, der Wind hineinfuhr und die einzelnen papierenen Fetische der Vergangenheit auseinandertrieb, trug ich einen Fetisch verwandter Art heimlich auf der Brust, meinen Anja-Brief mit der Unterschrift »Dein Eigentum«, jenen, den ich verstohlen von der Post einer benachbarten Ortschaft geholt hatte. Und während die Kinder den einzelnen papierenen Flüchtlingen nachliefen und sie der Glut überlieferten, sprang dieser mit meinem Herzen, in dessen nächster Nähe er lag, wie der Reiter mit einem Füllen um. Heiß, heißer als irgendein im Feuer brennender war dieser Brief. Und wenn ich mir dessen bewußt werde, frage ich mich, wie es möglich ist, in einem Raum der Seele neben unendlichem Schmerz unendliches Glück zu beherbergen, wie es von diesem Zettelchen Anjas in jede Fiber meines Wesens schlug. Waren wir eigentlich und war ich eigentlich für das heute Geschehene noch verantwortlich? Ich fürchte nein, da ich nirgend einen Ausweg, nirgend ein Entrinnen sah. Ich hatte schreckliche Visionen. Sie bezogen sich auf mich selbst. Ich war der Henker, höllisch angeglüht, der in dem Feuer, darin er düster stocherte, nicht nur ein abstraktes, gewesenes Glück, sondern Weib, Kinder, Haus und Hof zu Asche werden sah. Und manchmal – es fehlte nicht viel – wollte er selbst in die Flamme hineinspringen. [...]
Berlin, am 5. Januar 1895.
Ich bin also wieder in Berlin, und meine Frau, an die ich fast jeden Tag schreibe, von der ich fast jeden Tag einen Brief erhalte, weiß, daß ich wieder mit Anja vereinigt bin. Wieviel Wochen, Monate, Jahre wird nun jeder Tag die zwei überaus schweren, finsteren Stunden haben: die eine, in der ich den neuen Brief der Verlassenen empfange, und die, in der ich ihn beantworte.
Aber es steigen große, kühne Pläne in mir auf. Warum soll es denn nicht wirklich möglich sein, statt zu trennen, zu vereinen? Oh, ich ahne, wie schwer dergleichen Versuche sind und wieviel moralischen Mut sie erfordern. Aber ich habe moralischen Mut. Warum soll ich nicht an die alles versöhnende, alles einende Kraft der Liebe glauben? [...]
Der Tagebuchschreiber hält sich seit einiger Zeit in Paris auf. 
Im Postbüro des Hotels wurden mir zwei Briefe überreicht: wiederum gleichsam feindliche Brüder, die sich in meiner Brusttasche zu vertragen hatten, bis ich auf meinem Zimmer war.
Ich las zuerst Anjas Brief, da ich mich gleichsam durch einen frischen Trunk stärken wollte, bevor ich mich der schweren und schmerzlichen Aufgabe unterzog, einen Brief meiner Frau auf mich wirken zu lassen.
Noch hatte ich nicht die geringste Ahnung, welche eiserne Faust aus diesem Briefe emporfahren und gegen meine Stirn schmettern würde.
Ich öffnete also, ich las nun auch diesen Brief, worauf es mir vor den Augen buchstäblich schwarz wurde. Während der ersten Sekunden wußte ich nicht, ob ich das Opfer eines Attentats geworden oder ob die Decke des Raumes über mir zusammengebrochen war. Ich kämpfte um meine Besinnung, um meinen Verstand, um mein Leben wie ein Rasender. Mit Aufbietung einer verzweifelten Energie schwamm ich blind unter den Trümmern eines nächtlichen Schiffbruchs herum.
Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man diesen Zustand, wenn man seine Ursache erfährt, als einen unmännlichen bezeichnen will. Es gibt keinen Mann, keinen echten Mann, den er nicht überkommen könnte.
Als das erste schwache Verstandeslicht über dem Geschehenen schwebte, war mein Gefühl: nein, dies durfte nicht geschehen, eine solche furchtbare Grausamkeit habe ich um niemand, aber auch um niemand verdient! Nein: wer dieses mir zufügen konnte, der kannte entweder die Tragweite seines mörderischen Verfahrens nicht, oder aber er mußte mit der Möglichkeit eines tödlichen Ausganges für mich rechnen.
Und so richtete sich denn das dunkle Haupt meiner verlassenen Frau als das der Gorgo auf, deren Anblick den Menschen versteint.
Was stand nun eigentlich in dem Brief? Nur ein Kenner der Höhen und Tiefen der Menschennatur wird begreifen, wie ein so einfacher Inhalt solche Wirkungen haben konnte.
Also, was sagt der Brief meiner Frau?
Du hast, so schreibt sie ungefähr, durch Dein Verhalten gezeigt, daß ich auf eine Zukunft an Deiner Seite nicht mehr sicher rechnen kann. Ich vermag den Zustand der Ungewißheit nicht länger zu ertragen. Ich habe darum beschlossen, mein und meiner drei Kinder Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Unser Schiff verläßt, wenn alles gut geht, Hamburg am 31. Januar. Am 1. Februar wird es auf der Höhe von Southampton sein und dort Passagiere an Bord nehmen. Wir sollen bei glücklicher Fahrt am 8. oder 9. Februar in New York eintreffen. Was dort geschehen wird, weiß ich noch nicht. Ich habe eine Jugendfreundin verständigt, die dort verheiratet ist. Ich nehme an, sie wird mir die ersten Schritte auf fremdem Boden erleichtern. Ich konnte nicht anders handeln. Lebe wohl.
An Bord der »Möwe«, 5. Februar 1895.
Ich verließ mich sozusagen gestern in einem Zimmer des Hotels St-Lazare. Da ich ohne alle Beschönigung wahr zu sein entschlossen bin, will ich in der Schilderung jener Zustände fortfahren, in die ich durch den Brief meiner Frau geworfen wurde.
Der Schlag, welcher mich gänzlich unerwartet, gänzlich unvorbereitet und also gänzlich widerstandslos getroffen hat, war so stark, daß es eine Zeitlang zweifelhaft blieb, ob ich ihn lebend und, wenn lebend, mit gesundem Verstand überstehen würde. Die schrecklichste Angst, die mich inmitten der vollständigen Bestürzung und Verwirrung, in die ich geraten war, ergriff, war die Angst vor dem Irrenhaus. Im Begriff, mich umzuziehen, hatte ich meinen Hemdkragen abgeknöpft, meine Stiefel ausgezogen und einige Kleidungsstücke abgelegt. Da ich nun zwar nicht nach Hilfe schrie, aber doch irgendeine menschliche Hilfe suchte, wäre es notwendig gewesen, mich wieder salonfähig herzurichten. Dies aber war bei dem Zustand meines Gehirns in der ersten Viertelstunde ein Ding der Unmöglichkeit. Weder sah ich, noch fand ich einen Gegenstand, noch konnte ich, von dem Geschehnis hingenommen, irgendeinen der Handgriffe ausführen, die zum Anziehen von Schuhen und Kleidern notwendig sind. Ich konnte tobsüchtig, ich konnte durch einen Schlagfluß verblödet werden. Ich stürzte also ans Waschbecken und goß mir Wasser und immer wieder Wasser über den Kopf. Ich hatte dann das Gefühl, ich müßte etwas schnell Wirkendes, Stärkendes zu mir nehmen. [...]

An Bord der »Möwe«, 6. Februar 1895. 
Die Meinen, Frau und Kinder – um den Faden von gestern wieder aufzunehmen –, schwammen also, während ich in der Halle des Hotels mit meinem Freunde sprach, bereits auf dem Atlantischen Ozean. Keine Macht der Welt vermochte sie dort mehr zu erreichen noch gar zurückzubringen. Eine solche Art Trennung war eine ganz andere als jene, die ich bis dahin ertragen hatte. Diese war ein Weh, mit dem ich zu leben vermochte, die neue Trennung riß mir das Herz aus der Brust. Ich glich jedenfalls einem schwer Verwundeten, der, wenn es nicht gelingt, das Blut zu stillen, verbluten muß. Unaufhaltsam schien es, unter stechenden Schmerzen, im Bewußtsein der unabwendbaren Tatsache hinzuschwinden, daß ein Schiff die Meinen mit jeder Minute weiter und weiter von mir entfernte, in die gefahrvollen Ödeneien des Ozeans und dann einer völlig fremden Welt. So waren sie also mindestens für Wochen von mir losgerissen. Was auch immer da draußen mit ihnen geschehen mochte, ich konnte ihr Schicksal weder lindern noch teilen. Sie waren für mich lebendig tot und hinwiederum ich lebendig tot für sie. Ich konnte nicht zu meiner armen Frau hineilen, konnte nicht vor ihr niederfallen und Abbitte tun. Ich konnte ihre furchtbaren Seelenqualen nicht durch das Bekenntnis meiner Reue und meiner neu erwachten, heißen, grenzenlosen Liebe in Freude verwandeln. Vielleicht unterlag sie ihren Qualen auf dieser Fahrt. Ein naher Verwandter von ihr hatte in ihrem Alter den Tod gesucht. Ging schließlich, was sie auf sich genommen hatte, nicht über Menschenkraft? Ich sah Gespenster, schreckliche Bilder drängten sich. Eine tote Frau wurde, auf ein Brett gebunden, ins Meer versenkt, drei Waisenkinder erreichten New York und mußten, wenn sie nicht etwa Verbrechern in die Hände gerieten, der Armenpflege zur Last fallen. Dies war die peinvollste meiner Befürchtungen: meine Frau könnte dahingehen in der finsteren Trostlosigkeit ihres verlassenen und verratenen Herzens, ohne von meiner Sinneswandlung etwas erfahren zu haben, ohne von meiner Reue, meiner Rückkehr, meiner wiedergeborenen Liebe zu wissen, meiner ausschließlichen, leidenschaftlichen, ewigen Liebe zu ihr. Aber wenn meine arme Frau mich liebte, wie konnte sie diesen furchtbaren Schlag führen?! dachte ich dann. Wenn sie mich einigermaßen kannte, wie konnte sie mir das tun? [...]
Nachdem ich ein Bad genommen, ging eine Verjüngungswelle durch mich hin. Mein Lebenswille war aufgewacht. Ich vermochte den Entschluß zu fassen, mein Schicksal mutig auf mich zu nehmen und ihm mit Aufbietung aller meiner Kräfte standzuhalten. Ich nahm ein reichliches Frühstück ein, das ich mir gleichsam zudiktierte, weil ich, von der psychophysischen Einheit des menschlichen Organismus überzeugt, der Seele durch den Körper neue Kräfte zuführen wollte. Auch fing ich an – die furchtbare Bilderflucht der Nacht war, Gott sei Dank, verdrängt durch das Tageslicht –, meine Lage mit kühlem Verstande zu untersuchen. Ich prüfte aufs neue den Brief meiner Frau und glaubte zwischen den Zeilen zu lesen, daß der getane Schritt keineswegs die Trennung, sondern die Wiedervereinigung zum Zwecke habe. Wenn das so war, brauchte ich eine Verzweiflungstat meiner Frau gegen sich selbst nicht mehr zu fürchten. [...]
Mit dem Anrollen und Fortrollen der Räder kam über mich ein befreites, tiefes, zuversichtliches Aufatmen.
Doch nun, gleichsam sicher verstaut und gewiß, dem rechten Ziele entgegenzueilen, ohne daß ich deshalb mich weiter zu sorgen oder etwas zu tun brauchte, nun fühlte ich eine Stelle in mir, die schmerzhafter wurde, je weiter die Reise in der neuen, gesicherten Richtung ging. Langsam, langsam, nicht lange danach, als der Zug mit sechzig Kilometer Geschwindigkeit durch die mondbeglänzte Winterebene rauschte, stieg ein kleines, unterdrücktes, vergessenes und verratenes Bildchen in mir auf, das Köpfchen Anjas, das sich auf seinem feinen Hälschen neigte. Mit diesem Augenblick fing das seltsame Schaukeln in mir an, das auch hier auf dem Schiff nicht nachlassen will und das ich vielleicht am besten so schildere: Zwischen zwei Brunnen ist ein Pfahl aufgestellt. Quer auf dem Pfahl ist eine Stange angebracht, an deren beiden Enden je ein Eimer in jeden der Brunnen hängt. Irgendeine unsichtbare Kraft bewegt nach gewissen längeren Zwischenräumen die Querstange. Sie drückt das rechte Ende herab, worauf der rechte Eimer im rechten Brunnen versinkt und der linke Eimer sich über den linken erhebt und, mit Wasser gefüllt, sichtbar wird – sie drückt das linke Ende der Stange herab, der linke Eimer versinkt alsdann, und der rechte steigt über seinen Brunnen ans Tageslicht. Solche Brunnen mußten in mir sein und die Vorrichtung über den Brunnen, die bald Weib und Kind aus dem Dunkel in die Helle des Bewußtseins hob und Anja ins Dunkel versenkte, bald wieder diese zur Beherrscherin der bewußten Seele machte und Weib und Kind in der Nacht des Unbewußten verschwinden ließ. [Hervorhebung durch Fontanefan] Seltsam, in hohem Grade beunruhigend, wie ich diesem Wechselspiel, das ganz ohne mein Zutun sich vollzieht, gleichsam unbeteiligt zuschauen kann. 
Es war etwa nach der ersten halben Stunde Fahrt, als Anjas Bild zum ersten Male wieder meine Blicke auf sich und rückwärts zog und als meine Seele, vor diesem Bild neuerdings hinschmelzend, ihre Härte abstreifte. Hatte ich denn nicht diese Macht, dieses Bild für endgültig überwunden angesehen? Und nun schien es mit einem stummen, traurig bitteren Lächeln seine Herrschaft wiederum anzutreten. Zwei seltsame Augen richteten sich auf mich, die dunkel, groß, schweigend und feucht waren, gleich darauf von der Wimper fast ganz verdeckt, darunter ein kindlicher Mund, dessen wehe Süße ein kaum merklicher Anflug von Spott noch betörender machte. Ich war bestürzt, ich war fassungslos. Ein kurzer Brief mit der sachlichen Nachricht von dem Geschehenen und meiner Amerikafahrt war von Paris aus an Anja abgegangen. Ich hätte an meinen Hausverwalter nicht anteilloser schreiben können. Jetzt mußte ich mit Schrecken bemerken, welcher Täuschung ich unterlegen war. Hatte nicht meine Reue dieses furchtbare Bild im Wasser ihrer Tränen aufgelöst? Hatten es nicht die brennenden Zungen der durchlebten höllischen Nacht aufgeleckt und verdunstet? Hatte ich es nicht beinahe verflucht, es gleichsam wie eine Pestleiche mit dem ungelöschten, fressenden Kalk meines Hasses überschüttet und eingesargt? Jetzt schlug ich mir mit der Faust vor den Kopf, daß mein Nachbar im Seitengange des Wagens, der durchs Nebenfenster in die Nacht blickte, mich befremdet anglotzte. Nein, dies Bildnis war nicht in Salzwasser aufgelöst, in der Hölle verdunstet oder für immer eingesargt. Es war da und belehrte mich durch einen glühendkalten Fieberschauer über seine gnadenlose Unsterblichkeit. Ich wollte mich gegen den Dämon auflehnen. Bald schmolz aber aller Trotz dahin, und mir wurde klar, daß ich über ein neues Trennungsweh und über eine neue, schwere Abschiedsstunde nicht in diebischer Weise hinwegkommen konnte. Mehr und mehr, mit weicher, süßer und sanfter Gewalt, zog Anja in meine Seele ein und bemächtigte sich des verlorenen Reichs. [...]
Es muß hier alles aufs einfachste hergerichtet werden, denn wir, in Europa immerhin wohlhabend, sind im Dollarlande beinahe arm. Hier erhält man für einen Dollar das, was drüben höchstens eine Mark kostet. Es ist mir zumut, als seien wir Auswanderer, eine in eiserner Liebe verbundene Kolonistenfamilie, die in der Neuen Welt ein neues Leben beginnen will. Mich durchdringt eine tiefe Ruhe, eine tiefe Befriedigung. Mag es bei uns nun auch ärmlich zugehen, wir sind wieder vereint, und das ist die Hauptsache. Ich ruhe aus in einem Gefühl der Geborgenheit. Wie herrlich ist das, wie himmlisch beglückend ist das: jede Empfindung hat ihre konfliktlose Einheit wiedererhalten. Da ist die Frau, die mich zu meinem Glücke für sich und die Kinder wiedererobert hat. Ihr Mittel war ein bedenkliches, aber die Liebe gab es ihr ein, der Erfolg hat ihr recht gegeben. Wie gesagt, die Kinder sind, ich glaube, um etwas einzukaufen, noch einmal, behütet von meinem Freunde, fortgestürmt. Nicht mit einem Wort hat ihre Mutter ihnen die wahre Ursache ihrer Reise verraten. Und so ist sie ihnen eine Naturgegebenheit, über die sie sich keine Gedanken machen. Jedenfalls ist der Papa wieder da, das erzeugt einen endlosen Wirbel von Fröhlichkeit. Ich höre die Kinder auf der Treppe. Ich danke dir, Gott! Ich danke dir, Gott! [...]" (G. Hauptmann: Buch der Leidenschaft, 1. Teil)

[...] Was ist geschehen? Was hat sich ereignet? Warum ist dieses Haus nun eine feste Burg, eine erst wahrhaft feste geworden in dem Augenblick, wo sie nicht mehr belagert wird? Gerade die Feinde, um derentwillen sie errichtet worden ist, sind nun abgezogen. Das Atmen geschieht mit einer Leichtigkeit, die ich seit einem Jahrzehnt nicht gekannt habe. Dieselbe Leichtigkeit ist in die Bewegungen meines Körpers eingezogen. Ich gehe aufrecht und befreit, wie jemand, der mit einer niederziehenden, bleiernen Last im Wachen und Schlafen behaftet gewesen ist, die er nun abgeworfen hat. Er hat seine Arme, seine Schultern, seinen Nacken freibekommen, Aufgaben zu bewältigen, die er früher mit und trotz der bleiernen Last bewältigen mußte.
Dies niederschreibend, sitze ich in dem runden, braungetäfelten Turmzimmer an meinem Arbeitstisch, auf dem gleichen Lehnstuhl, den gestern der Standesbeamte eingenommen hat. Von diesem Tisch und von dieser Stelle aus bin ich gestern mittag mit Anja getraut worden.
Der Standesbeamte Herr H. hatte angeboten, um jedes Aufsehen zu vermeiden, wie das Gesetz ihm freistelle, die Formalitäten der Trauung im Bergfried selbst vorzunehmen. Und das wird ewig wahr bleiben, daß dies ernste Refugium während dieser Viertelstunde wirklich zu einer Art Kirche wurde.
Es ist vormittags und jene tiefe Stille um mich, die nur diesem Hause zuweilen eigen ist, eine an Verlassenheit grenzende Stille, und, da wir nun einmal in Bildern (τὸ σύμβολον: das Sinnbild) zu denken und zu sprechen gezwungen sind, darf ich sagen, daß man die Anwesenheit eines heiligen Boten, die Kraft seiner Aura, auch nun er geschieden ist, noch überall spüren kann. Sie wird diesem kleinen Steinhaufen nie vor seinem Einsturz ganz verlorengehn.
Dieser Angelus hat die Verwandlung, von der ich sprach, der Räume, der granitnen Fundamente, der Ziegelsteine, der Dachsparren, des Lichtes, das durch die Fenster dringt, der Luft, die ich atme, mit sich gebracht und ein ätherzartes neues Element, reiner als Luft und Licht, zurückgelassen. Auch die Stille, von der ich schrieb, ist von der unaussprechlichen Heiterkeit dieser Gnadengabe erfüllt.
Wie die Scheidung erreicht wurde? Durch kluge Politik meines juristischen Freundes und durch Melittas Sinnesänderung. Sie hielt es nun doch wohl für nutzlos, weiterzukämpfen. Schon ihre Flucht vor meinem letzten Besuch in Dresden deutete darauf hin.
Praktische Rücksichten mochten mitsprechen.
So ist es also den Jahren doch gelungen, ein friedliches Auseinandergehen herbeizuführen. Aber der langsame Lösungsprozeß, den ich um Melittas willen gewählt habe, hätte mich fast das Leben gekostet.
Ich bin bewegt, wenn ich denke, wie ich geführt worden bin. Aber, werden gewisse Philosophen sagen, es gibt keine Führung, es gibt keine Vorsehung, höchstens eine Notwendigkeit. Nun, ich bin hier im Bereich des Persönlichen und Lebendigen, soweit es zu erfüllen und zu erleben ist. Und so bin ich erschüttert davon, daß dieses Haus nun meine und Anjas Hochzeitskapelle und unser steinerner Trauzeuge geworden ist. Es hat damit seinen höchsten Zweck erfüllt, seine letzte Weihe erhalten.
So ist ein nunmehr zehnjähriges bitteres Ringen zum Abschluß gebracht.
In der großen Halle oder Diele vollzog sich das kleine Hochzeitsmahl, dem der Standesbeamte, Anjas Bruder, Justizrat J. und zwei befreundete Ehepaare beiwohnten.
Eine Teilnahme meiner Familie fand nicht statt.  

Ich habe meiner Begleitung Passagen aus dem Text vorgelesen. Bald überzeugte sie mich, dass das wohl eine Parodie sei, so wie Wilhelm Hauff unter dem Titel "Der Mann im Mond" eine Parodie auf den Schriftsteller Carl Heun verfasste, die er unter dessen Künstlernamen H. Clauren veröffentlichte. 
Dann fand ich aber ernsthaftere Passagen und meinte, es sei so autobiographisch, dass es wohl ernst gemeint sei. Weil ich aber immer wieder auch merkwürdige Passagen fand (insbesondere die, die ich oben fett gedruckt hervorgehoben habe), wollte meine Begleitung nichts davon wissen.
Das einzige, was sie stutzig machte, war, dass der Text so lang war. "So lange kann er doch diesen Stil nicht durchhalten."

Die Wikipedia über Hauptmanns Leben in dieser Phase:
"1893 wurde Margarete Marschalk Hauptmanns Geliebte. Um Abstand zu gewinnen, fuhr Marie mit ihren Söhnen in die Vereinigten Staaten. Hauptmann bereitete in Paris die französische Erstaufführung von Hanneles Himmelfahrt vor und reiste Marie nach, ohne die Premiere abzuwarten. Der Riss war aber nicht mehr zu überbrücken. Nach mehreren Jahren des Getrenntseins wurde die Ehe im Juli 1904 geschieden. Marie wohnte jedoch noch bis 1909 in der 1899 von Hauptmann erbauten Villa Rautendelein in Dresden-Blasewitz." (G. Hauptmann)

Ferdinand schreibt über seine Lektüre des Buchs:
"[...] Hauptmann versteht es, sich auf lange Zeit hinter der Kraft seiner Sprache zu verbergen, doch irgendwann kommt man ihm auf die Spur und erkennt die Larmoyanz, mit der er das „Unausweichliche in der männlichen Natur“ zu erklären versucht. Vom Gewissen getrieben baut er für seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder ein Haus über dem großen Fluss, darin ein Panoramafenster und ein bequemer Sessel, von dem aus die Verlassene dem Strom des Lebens hinterherschauen kann. Seine Fürsorge gerät ihm zur schäbigen Attitüde seiner eigenen, ja, man muss wohl sagen: Erbärmlichkeit.


Der große Naturalist und Nobelpreisträger hätte sein Tagebuch besser für sich behalten, und dessen Interpretation seinen posthumen Biografen überlassen.Man versteht die Verlassene, dass sie versucht hat, dessen Veröffentlichung in Buchform mit juristischen Mitteln zu verhindern. Leider ohne Erfolg.
Das Buch der Leidenschaft zählt ganz sicher nicht zu den großen Werken Hauptmanns, und das Exemplar, welches mir in die Hände gefallen war, verstaubt längst wieder dort, wo es hingehört: auf den Bücherfriedhof." (Ferdinand: Neu gelesen 30.6.2016)

Mein Urteil nach dem zweiten Lesen längerer Passagen des ersten Teils (14.6.19):
Wieder konnte ich mir nicht denken, dass Hauptmann eine so negative Darstellung seines Protagonisten, eine so rettungslose Egozentrik, als angemessene Erklärung seines Verhaltens empfand. Obwohl ich den Schluss und den Bezug auf seine Biographie schon gelesen hatte, wollte ich doch eine solche Übersteigerung der Selbstsucht des Protagonisten als Beweis für Selbstkritik  des Autors ansehen.  Da das aber offenbar nicht möglich ist, habe ich den Eindruck, dass Thomas Manns Mynher Peeperkorn im Zauberberg das übergroße Ego Hauptmanns wohl doch nur zu treffend beschreibt. 

Von heute aus ist freilich schwer zu beurteilen, als wie selbstverständlich 1905, als Hauptmann ein Jahr nach der Eheschließung mit Margarete Marschalk  die Vorstellung des frühen Naturalismus von der Schicksalhaftigkeit von Vererbung in Hauptmann fortwirkte.

14 Juli 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Die Taufe


Quint streichelte plötzlich seine Hand, als habe er etwas von dem, was Kurt Simon bewegte, erraten: »Mein Joch ist sanft; meine Last ist leicht! Und es ist und bleibt eine frohe Botschaft«, sagte er dann mit dem Klange froher Zuversicht und Fröhlichkeit, ohne daß seine Stimme die melodiöse Ruhe verlor oder heftig und laut wurde.
Der Bruder, als er zurückkam, kniete ins Gras – ein Beispiel, dem Quint und Kurt Simon nachfolgten –, faltete seine Hände und betete: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!« – Hierauf brach er das Brot, und während sie aßen, wurde erörtert, wie das Sakrament des Abendmahls den Sinn einer täglichen Handlung habe, nicht nur zu einer Erinnerung. Sogar das kleine Gebet besage dies schon. Jede Mahlzeit sei ein tierisches Mahl, wo Jesus, der Herr, nicht zugegen wäre. Sofern er aber zugegen sei, werde es eine heilige Handlung, man genieße dann Himmelsbrot und Himmelswein. [...]
Und so genossen sie wirklich himmlisches Brot und himmlischen Wein in jener Verklärung, darin schon Quint und die Brüder Scharf miteinander gegessen hatten, nur daß diese Verklärung im Lichte des Frühlings unter dem ehrfürchtigen Flüstern und im Schatten des weitverbreiteten Eichenwipfels diesmal eine noch hochgestimmtere war als bei tiefer Nacht in dem Hüttchen der Brüder. Wer will entscheiden, ob diese drei mit ihren Gedanken und Taten Unrecht begingen und schwere Sündenschuld auf sich luden, indem sie die Kirche gemieden hatten, deren Glocken soeben in der Ferne zu läuten begannen, und dadurch, daß sie etwas vom Regiment der Kirche Verbotenes aus kindlicher Liebe zu Jesu und ganz einfältiger Gläubigkeit unternommen hatten? Jedenfalls bemächtigte sich der drei eine reine und gleichsam bebende Fröhlichkeit, die sie weit über alles Gemeine erhob, ja fast zu weit von dem nüchternen Grunde der Erde entrückte. Das Wort des Herrn: »Wenn zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, so bin ich mitten unter ihnen« vereinte sie; denn sie zweifelten nicht an diesem Wort, und es kam ihnen auch der Gedanke nicht, es wäre irgend dahin zu deuten, als müßte der Heiland, um zu seinen verirrten Schäflein zu kommen, durchaus erst den Weg über eine Kanzel, eine Abendmahlszeremonie und durch den Mund eines Bischofs, Pastors oder besonders geprüften Gottesgelahrten gehn. Sie waren einig, und dieses Gefühl der Einigkeit war zugleich ein Gefühl verbindender Wärme. Die Liebe in ihren Herzen war befreit, die Liebe zu einem unsichtbar Gegenwärtigen, darin sie sich trafen und genugtaten. [...]
Es muß gesagt werden, daß der zu Taufende gleichwie der Täufer – denn eine Taufe sollte vollzogen werden –, weit entfernt von jeglicher Frivolität, ein Gefühl erhabenster Weihe empfanden. Es ist nicht zu billigen, ganz gewiß, daß sie sich hier verleiten ließen, etwas Unerhörtes zu tun, eine Blasphemie, die das Gesetz unter Strafe stellt. Aber wenn man bedenkt, wie Jesus die Armen an Geist und die Einfältigen, wenn sie nur reines Herzens waren, besonders liebte, so wird man nicht ohne Nachsicht sein. Die Absichten der Männer waren lautere. Sie weinten in tiefer Ergriffenheit: der Täufling bis zur Ohnmacht verzückt und verzehrt. Nur freilich, sie waren in einem Irrtum. Das Gottesreich, welches die große und gewaltige, wenn auch zerspaltete christliche Kirche verwirklicht hat, sahen ihre verblendeten Augen als Babel an. Sie glaubten ein anderes Gottesreich und meinten, es ahnend zu begreifen. Ringsum lag die Welt. Diese, wußten sie, war die Feindin des Reichs. Darüber hinaus war sie ihnen fremd, und sie kannten sie kaum vom Hörensagen; aber sie wollten mit ihr nichts gemein haben und einzig Bekenner des Wortes Jesu und seines zukünftigen Reichs auf Erden sein. [...]
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint - Kapitel 2)


12 Juli 2018

Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint


An einem Sonntagmorgen im Monat Mai erhob sich Emanuel Quint von seiner Lagerstätte auf dem Boden des kleinen Hüttchens, das der Vater mit sehr geringem Recht sein eigen nannte. Er wusch sich mit klarem Gebirgswasser, draußen am Steintrog, indem er die hohlen Hände unter den kristallenen Strahl hielt, der aus einer hölzernen, vermorschten und bemoosten Rinne floß. Er hatte die Nacht kaum ein wenig geschlafen und schritt nun, ohne die Seinen zu wecken oder etwas zu sich zu nehmen, in der Richtung gegen Reichenbach. Ein altes Weib, das auf einem Feldweg ihm entgegenkam, blieb stehen, als sie von fern seiner ansichtig wurde. Denn Emanuel ging mit seinem langen, wiegenden Schritt und in einer sonderbar würdigen Haltung, die mit seinen unbekleideten Füßen, seinem unbedeckten Kopf sowie mit der Armseligkeit seiner Bekleidung überhaupt im Widerspruch stand.
Bis gegen die elfte Stunde hielt Emanuel sich fern von den Menschen in den Feldern auf. Alsdann überschritt er die kleine Holzbrücke, die über den Bach führte, und ging geradezu bis zum Marktplatz des kleinen Fleckens, der sehr belebt war, weil die protestantische Kirche sich eben leerte. Der arme Mensch stieg nun auf einen Stein, wobei er sich mit der Linken an einem Laternenpfahl festhielt, und nachdem er sich so und durch Zeichen der Menge bemerklich gemacht hatte und alles erstaunt, belustigt oder neugierig herzukam oder wenigstens von fern herübersah, begann er mit lauter Stimme zu sagen: »Ihr Männer, lieben Brüder, ihr Frauen, liebe Schwestern! Tut Buße! Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.« [...]
Über die ganze, mit Sommersprossen bedeckte Gesichtshaut, von der klaren Stirn bis zum Kinn herab, gingen die inneren Bewegungen des Gemütes, wie unsichtbare Winde über einen ruhigen, den gelblichen Abendhimmel widerspiegelnden See. »Wie heißt du?« fragte der Pfarrer. Quint sah zu dem Pfarrer hin und sagte, mit einer hohen, klangvollen Stimme, seinen Namen. »Was ist dein Beruf, mein Sohn?« Quint schwieg einen Augenblick. Alsdann begann er, Satz um Satz ruhig hervorbringend, durch kleine Pausen der Überlegung getrennt: »Ich bin ein Werkzeug. Es ist mein Beruf, die Menschen zur Buße zu leiten! – Ich bin ein Arbeiter im Weinberge Gottes! – Ich bin ein Diener am Wort! – Ich bin ein Prediger in der Wüste! – Ein Bekenner des Evangeliums Jesu Christi, unseres Heilands und Herrn, der gen Himmel ist aufgefahren und welcher dereinst wird wiederkehren, wie uns verheißen ist.« [...]
Mit leuchtenden Augen, die von Tränen des tiefsten Glückes feucht waren, ging er mitten durch die rohe Menge dahin und bemerkte nicht, daß zwei Männer, die unter den Leuten verborgen gestanden hatten, sich loslösten und ihm nachfolgten. Diese beiden, ein Brüderpaar namens Scharf, noch jung und ehrsame Leinweber, hatten der Predigt auf dem Markt beigewohnt. Aber während alles in ihrer Umgebung lachte und Possen trieb, hatte der ganze Vorgang auf sie einen tief bewegenden Eindruck gemacht. Man nannte die beiden in ihrem Dorfe die Betbrüder. Und auch sie, ähnlich wie Quint, weil sie mit ihrem alten Vater ein Sonderlingsleben führten und in ihrer verfallenen Hütte öfters laut sangen und beteten, galten nicht für ganz richtig im Kopfe. Emanuel Quint schritt seines Weges, ohne sich umzublicken. Sobald er aus dem Städtchen heraus über die Bahngleise auf die Landstraße gelangt war, traten die Brüder Scharf ihn an. Sie fragten ihn, ob er nicht derjenige sei, der vor einigen Stunden auf dem Markt von der Buße gepredigt habe und von dem Nahen des himmlischen Reiches. Emanuel bejahte das alles, und nachdem alle drei eine Zeitlang stumm durch die öde Tallandschaft gewandert waren, fing der ältere von den Brüdern, Martin Scharf, an, allerhand ängstliche Fragen zu tun und mit sichtlicher Bangigkeit, indem er zuweilen die grauen, drohenden Wolken des Himmels betrachtete, danach zu forschen, was man tun müsse, um, vor den Schrecken des Letzten Tages geschützt, der künftigen ewigen Wonnen sicher zu sein. Anton Scharf, der zur Linken neben dem Narren ging und ebenso blaß und rothaarig wie sein Bruder war, streifte, wie dieser, Quint gespannt mit Blicken. Der seltsam gravitätische Mensch, der den meisten ein Lachen abnötigte, hatte vom Augenblick seiner Predigt an auf die ihm in geistiger Armut und Not verwandten Brüder eine ernstliche Macht ausgeübt und, ohne davon zu wissen, beide mit Banden der Liebe an sich gefesselt. [...]
An einem bestimmten Punkte des Weges, schon zwischen Bergen, in die sie aufstiegen, brachte nach einigem Zögern und Stottern Martin Scharf eine Bitte vor. In der rauhen und rohen Mundart der Gegend und sich, wie alle im Volke, des Du zur Anrede bedienend, legte er Emanuel nahe, er möge doch mit ihnen gehen und ihren alten Vater womöglich gesund machen, der das Fieber habe und bettlägerig sei. Emanuel sagte, das stehe bei Gott. Aber an dem Kreuzwege, obgleich in seiner Antwort etwas gelegen hatte, was einer Abweisung glich, folgte er doch den Brüdern auf vieles bittliches Drängen hin und weil ein sonderbares Zutrauen aus ihren Blicken und Bitten sich auf ihn übertrug und seine nun einmal vom Schwarmgeiste in Besitz genommene Seele fast widerwillig zum Rausche des Wunders zog. Während sie sich zwischen Granitblöcken auf einem holprigen Wege dem Wohnort der Brüder näherten, betete Emanuel innerlich. Nach seiner ersten Prüfung sah er sich plötzlich vor eine zweite, größere hingestellt. Er war dem Rufe des Heilands gefolgt. Er hatte öffentlich Zeugnis abgelegt für die Wahrheit des Evangelii, jetzt aber sollte er den Beweis dafür antreten, daß er der vollen Nachfolge Jesu durch Gott gewürdigt sei, indem er Kranke gesund und Tote lebendig mache. [...]
Der alte Scharf, ins Stroh seiner ärmlichen Bettstatt gekrümmt, stöhnte, als seine Söhne hereintraten. Mühsam die kleinen, tränenden, rotgeränderten Augen aufmachend, bewegte der Greis den zahnlosen Mund, und ohne, wie es schien, zu erfassen, wer zu ihm kam, griff er mit den vertrockneten und erstarrten Händen irr in die Luft, aufs neue wimmernd, röchelnd und stöhnend. Der Jüngere, Anton Scharf, trat nun zu dem Vater heran, und nachdem er eine lange Weile in ihn hineingeredet hatte, was mit außergewöhnlich erregter Stimme geschah, schienen die Schmerzen des alten Mannes sich zu verdoppeln, und bange, hilfeflehende Laute entrangen sich seiner Brust, die rasselnd und krampfhaft auf- und abwogte. Auch Emanuel trat nun hinzu. Aber ihn hatte der alte Scharf kaum ins Auge gefaßt, als er mit gurgelnden Lauten des Schreckens und Grausens auf- und zurückfuhr und, wie versteinert den Narren anblickend, ein »Hilf, Herr Jesus Christus!« hervorstieß. Er schien den leibhaftigen Satan zu sehen. Und soviel auch immer die Brüder sich mühten, den Alten von seiner Angst zu befreien: er schob sich nur immer zitternd zurück, bis endlich die Angst in Entsetzen umschlug, das Entsetzen in Wut und er, erst gleichsam eine Erscheinung wegwischend, am Ende verzweifelt nach Emanuel schlug. Aber dieser, die langen, brandroten Wimpern über die Augen gesenkt, blickte nur in sich hinein. Er hob seine lange, blasse, nicht unschöne Hand ein wenig empor, und wie der Alte nach seinem Ausbruch wider Erwarten schwieg und starr der Bewegung seiner Rechten zu folgen schien, legte er diese ihm weich und leise auf die mit Runzeln und Falten bedeckte Stirn: darunter entschlief der Alte sogleich. Vor dieser Wirkung – an sich nicht wunderbarer als irgendeine in dieser Welt – verstummten die Brüder Scharf vor Schreck. Sie, die doch selber, von einem jähen Aberglauben gepackt, den fremden Burschen ans Bett des Vaters genötigt hatten, waren in ihrer Einfalt nun ganz entsetzt, als das vermeintliche Wunder sich wirklich vollzogen hatte. Der Alte schlief, wie es schien, einen ruhigen Schlaf. [...]
Je mehr sich die Brüder dieser erstaunlichen Wendung bewußt wurden, die mit dem Vater zugleich sie selbst von einer höllischen Folter losband, um so heftiger wurde in ihnen der Drang, überreizt wie sie waren durch Arbeit und Nachtwachen, dem Bringer der Hilfe die Hände zu küssen, der ihnen nun ganz ein göttlicher Bote schien. Auch Quint, durch das vermeintliche Wunder, und zwar noch mehr als die beiden Brüder, bewegt, konnte, wie sie, nur mühsam des Aufruhrs Herr werden, den es in seinem Innern erregt hatte; aber während es laut in ihm schrie, weil seine Beseligung bis zum physischen Schmerze ging, und während er um sich und in sich das Brausen des Heiligen Geistes zu hören glaubte, stand er doch aufrecht und stumm am Bett des Kranken still, nur daß er, den Kopf ein wenig nach rückwärts geneigt, die Augen nach oben gegen die Decke, wie gegen den Himmel, gerichtet hatte, wobei eine große Träne ihm langsam die Wange herunterrann. [...]
Der Weber in seinem Stübchen für sich, nur an den Umgang mit vertrauten Menschen, meist Gliedern der eigenen Familie, gewöhnt und darum empfindlich und leicht verletzt bei Berührung mit Fremden – ein Stubenhocker, durch sein Gewerbe zum Träumer gemacht, in dem der Hunger, die Sorge, die Not zum Dichter wird und, nicht zu vergessen, die Sehnsucht nach allem, was draußen ist: nach Sonne, nach Luft, nach Himmelsblau –, der Weber, in sich zurückgedrängt und gleichsam in eine zweite Welt, entschädigt sich in der Welt der Träume für seine irdische Trübsal und Not: und wenn er, an ein nach innen gekehrtes Dasein gewöhnt, zum Buche gleichwie zum Hausbrunnen hingedrängt, aus ihm den Durst des Geistes zu stillen gewohnt ist und die Bibel das einzige Buch des Webers ist, so kann es nicht fehlen, daß seine Seele die biblische Welt mehr als die wirkliche Welt erfüllt. Emanuel Quint erschien diesen beiden Männern nun deshalb als geradezu aus dem Bibelbuch hervorgestiegen. [...]

Und weiter sagte er: »Seht mich an« – und dabei schien der Jammer verborgenen, schweren Leides auf seine verhärmten, plötzlich verfallenen Züge getreten zu sein –, »ihr werdet am Ende zu mir sagen: Arzt, hilf dir selbst! Wenn ihr mich kennt, wie euer Vater mich kannte, was er durch seinen Ausruf bewiesen hat, so wißt ihr, daß ich ein von den Menschen Verstoßener bin. Ich war verachtet von Jugend auf. Ich war mit Schwären behaftet als Kind. Ich habe längere Zeit auf dem Stroh des Krankenlagers gelegen, als euch, da ich lebe, möglich scheint. Aber die Schmach hat mich nicht erniedrigt, und die Krankheit hat meine Seele lebendig gelassen. [...]
Wenn ihr nun heut wolltet zu mir sagen: Arzt, hilf dir selbst, so sage ich euch, daß ich das Kleid der Schmach und der Krankheit dieser Welt nicht eher will ausziehen als bei Gott. Auf dieser Welt hier ist Leiden Glück. Ich segne den Vater für jede Qual, die er mir geschenkt, für jede Marter, die er mir bescheret hat. Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Ich will das Kleid der irdischen Drangsal nicht von den Schultern lassen, bevor der letzte von meinen armen Menschenbrüdern es abgelegt. [...]
(Gerhart Hauptmann: Der Narr in Christo Emanuel Quint Kapitel 1)

Wikipedia: Der Narr in Christo Emanuel Quint  (Vorsicht: Spoiler)

17 Januar 2018

Gerhart Hauptmann: Der Biberpelz



Ein Jahr nach dem »Collegen Crampton«, im November 1892, brachte Gerhart Hauptmann ebenfalls unerwartet eine zweite Komödie aus Schreiberhau nach Berlin und las sie den Freunden vor. Es war eine »Diebskomödie« und wurde nach dem Gegenstand des Diebstahls » Der Biberpelz« genannt. Schon uns ersten Hörern fiel eine technische Ähnlichkeit mit dem Meisterlustspiele Heinrichs v. Kleist, dem »Zerbrochnen Krug«, auf. Hier wie dort ist nächtlicher Weile in einem Dorf eine lichtscheue Missetat begangen. Die Frage nach dem Täter gelangt an die Dorfjustiz. Wer zerbrach den Krug? Wer stahl den Pelz? Dort eilt die Besitzerin des zerbrochnen Kruges zum Dorfrichter, hier eilt der Besitzer des gestohlnen Pelzes zum Amtsvorsteher. [...]
Beide Kläger, ansässig und angesehen im Dorf, finden an der Seite des Untersuchungsrichters eine dürftige, unterwürfige Schreiberseele, die mit ihrem subalternen Strebersinn bei Kleist deutlicher hervortritt als bei Hauptmann, und einen Büttel, der wiederum von Hauptmann als dienstunfähiger, sanfter Süffel genauer charakterisiert wird. Wichtiger aber als Schreiber und Büttel ist in beiden Fällen jener Adamssohn selbst, der von Amtswegen die Untersuchung einzuleiten und den Verbrecher zu entdecken hat. Daß diese Untersuchung und diese Entdeckung hier wie dort mit den größten Schwierigkeiten verbunden ist, daß immer wieder, hart vor dem Ertappen, in die Kreuz und Quer abgeirrt wird, und über jeden klarern Einblick in das kriminelle Rätsel gleich wieder Nebel fallen, daß sich die Sache ins Dunkel und in die Länge zieht, ist hier wie dort Schuld des Untersuchungsrichters.
Weder der altholländische Dorfrichter Adam noch der neupreußische Amtsvorsteher v. Wehrhahn haben Neigung, diesen Prozeß aufzuhellen. Beiden ist gerade dieser Prozeß fatal. Der Amtsvorsteher ist ein persönlicher und politischer Gegner des Bestohlenen; der Dorfrichter ist noch interessierter an der nächtlichen Missetat; denn der, der den Krug zerbrach, ist er selbst. Die Hauptperson der Komödie ist bei Kleist enger und bänger mit dem Vorgang verknüpft als bei Hauptmann. Für den Dorfrichter hängt am zerbrochnen Krug Existenz und Ehre. Dem Amtsvorsteher hingegen kann der Biberpelz des Rentiers Krüger ruhig gestohlen bleiben; sein persönliches Gewissen wird nicht betroffen, seine Ehre steht nicht auf dem Spiel. Und nur darin ist er dem Dorfrichter Adam ähnlich, daß sich beide als unfähig erweisen, die Prozeßverhandlung zu führen. Sie richten, der Dorfrichter wissentlich, der Amtsvorsteher unwissentlich, in kürzester Zeit eine solche Verwirrung an, daß es in der Amtsstube einen Heidenlärm gibt, bei dem Beamte und Zeugen hart aneinander geraten. Hier wie dort sind Zeugen aufgetreten. Und wenn der Dorfrichter aus triftigem Grunde diese Zeugen durch Anschnauzen und Dreinreden ins Bockshorn jagt, so verfährt auch der Amtsvorsteher nicht viel anders, als hätte er selbst den Pelz gestohlen. Ohne Nebenabsichten, ohne Ansehen der Person sitzt auch er nicht zu Gericht. Der Dorfrichter Adam hatte seine eigene Nichtswürdigkeit zu vertuschen; denn statt des Krugs war er ausgegangen, eine Mädchenehre zu zerbrechen, und aus dem Lustspiel hätte leicht eine Tragödie werden können. Harmloser an Gemüt, ist der Amtsvorsteher von der Oberspree in seinem Treiben nicht viel ungefährlicher als der Dorfrichter. Er will den Herrn spielen und Karriere machen. Dazu mißbraucht er sein Amt. Wer den Pelz gestohlen hat, kümmert ihn nicht; aber wer in seinem Amtsbezirk freigeistige Bücher kauft und demokratische Schriften liest oder gar verbreitet, wer bei Kaisers Geburtstag nicht illuminiert, welcher Gastwirt seinen Saal den fortschrittlichen Gesinnungsgenossen des bestohlenen Rentiers Krüger vermietet [...]
Dieser moderne Strebertypus ist an sich weder tragisch noch komisch, sondern gemeinschädlich; eine Dichtung, die ihn rein als Typus hinstellen wollte, unterschiede sich nicht von guten polemischen Leitartikeln oder Flugschriften. Zu seiner künstlerischen Bewertung muß der Typus in eine Individualität gesteckt werden. Wie Kleist sinnreich andeutet, daß nicht nur in Huisum, sondern auch in Holla und Hussahe »lüderliche Hunde« sitzen, die »Recht so jetzt, jetzo so erteilen«, so wird das von Hauptmann aufs Korn genommene Strebertum der Beamten außer an der Oberspree auch sonst im Lande gefunden. Aber es gibt je nach individueller Veranlagung Schlauköpfe und Dummköpfe unter den Strebern. Hauptmann hat sich den Spaß gemacht, einen Dummkopf aufzuzeichnen.
Er hat die Komödie der streberhaften Dummheit gedichtet. Ihr Held entwickelt eine wahrhaft bezaubernde Borniertheit. Wenn sich der Charakter des Amtsvorstehers langsamer auswickelte, würde es klarer, daß der Held der Komödie weniger der Pelzdieb ist, als der, der dieses Pelzdiebes habhaft werden soll. Die Diebsgeschichte vertritt das, was bei Molière, Holberg und andern Komikern der Tradition die Intrige war. Wie dort die Intrige dazu diente, den Heuchler als Heuchler, den Geizhals als Geizhals ad absurdum zu führen, so dient hier die Diebsgeschichte dazu, den streberhaften Dummkopf als blitzdummen Streber zu blamieren. Und wie könnte seine Blamage größer sein als da, wo ihn der Dichter entläßt, wo Wehrhahn, im traulichen Beisammen zwischen Hehler und Stehlerin stehend, beide miteinander in aller gesellschaftlichen Form bekannt macht, und wo er die Diebin nicht nur für eine fleißige Waschfrau, was sie ist, sondern auch für eine »ehrliche Haut« erklärt.

Nach der Größe dieses innerlichen Schlußeffekts, was schiert uns da noch der Biberpelz und sein Geschick? Wer ihn stahl, wissen wir. Daß man dem Dieb auf der Spur ist, wissen wir auch, und ganz wohl in der eigenen »ehrlichen« Haut wird sich weder der Hehler noch die Stehlerin fühlen, trotz der Menschenkenntnis des tiefblickenden Herrn v. Wehrhahn. Alles Psychologische ist mithin klar. Was übrigbleibt, ist Sache des Gerichtsreporters, nicht des Dichters. Wenn aber das gesamte Publikum der ersten Berliner Aufführung über das unerwartete Ende verblüfft war und die Gescheiten erst beim Warten auf die Garderobe über den Schlußwitz lachten, so ist der Dichter nicht ganz schuldlos. Schuld daran ist ein Vorzug und ein Mangel seiner Arbeit. Der Vorzug liegt in der Charakteristik, der Mangel in der Komposition. Der Vorzug liegt in der prachtvollen Gestalt der Diebin, der fleißigen Waschfrau Mutter Wolff, einer Person, mit der man gern zusammen ist, einer dichterischen Saft- und Kraftschöpfung, die den schematischen Rahmen der Traditionskomödie fast ebenso sprengt wie Shakespeares Shylock. Der Mangel liegt darin, daß man durch diese prachtvolle Gestalt in seinen verschiedenen Interessen geteilt wird und zuletzt noch hinter der Blamage des Amtsvorstehers sie, die besagte Wolffin mit ihren Schicksalen, sehen will. Hinter der boshaften Ironie, mit der der Dummkopf im Amte belassen wird, verlangt man noch vom Dichter ein moralisches Endurteil über Mama Wolff. Sie war von je ein Bösewicht, drum treff sie, wenn schon nicht Wehrhahns, so doch Gottes Strafgericht! 
(Paul Schlenther: Gerhart Hauptmann, 1912)

27 November 2017

Die Schiffsreise - Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (2. Buch 19-21. Kapitel)

Neunzehntes Kapitel
Mary war dem schweren Abschied, der mich mit dem ungewissen Schicksal eines Schiffes verband, aus dem Wege gegangen und einige Tage früher von Hamburg nach Hohenhaus heimgereist. Am Tage vor der Abfahrt hatte ich mit Georg einen Besuch in meinem schwimmenden Hause gemacht. Es war ein Stockfisch führender Dampfer der Sloman-Linie. Kapitän Sutor, schlank und mittleren Alters, hieß mich willkommen. Abends gab mir, wie ich es wünschte, Vater allein das Geleit zum Schiff. [...]
Er war ein großes Erlebnis, vielleicht in meinem bisherigen Dasein das größte, weil zugleich mit dem kleinen Frachtdampfer mein eignes Lebensschiff vom festen, vom heimatlichen Ufer stieß und sich – so war mein bewußtes Gefühl – schicksalhafter, uferloser Unendlichkeit überlieferte. [...]
Nachdem Kapitän Sutor mit mir allein einige Male in der offiziellen Kajüte steif diniert hatte, fragte er mich, wie ich darüber dächte, mit seinen Leuten und ihm in der Messe zu essen. Mit Vergnügen nahm ich die Ehre an. Es war ein Beweis, daß ich dem Kapitän nicht mißfallen hatte.  
Seltsamerweise – Systole nach Diastole – verengte sich nun meine Vorstellung des großen und weiten Seewesens zu einem kleinen, sehr gemütlichen, freilich schwimmenden Bürgerhaus. Kapitän Sutor, Maschinenmeister Wagner, der Erste Steuermann, der Bootsmann und ich bildeten sein Konvivium. Dazu kamen zwei Untermaschinisten, einige Matrosen und der immer behaglich am Herde beschäftigte Koch, dessen Ausruhen darin bestand, vor der Kambüse Rüben zu schaben oder Kartoffeln zu schälen. Über dem kleinen Kreis lag der Geist einer stillen Seßhaftigkeit, unbeschadet dessen, daß der Frachtdampfer seine zehn Knoten die Stunde zurücklegte. Nach einigen Tagereisen war ich auf der »Livorno« eingelebt. Ich gehörte ganz zur Familie. Eigentlich war ich mehr ein lieber Besuch, der von allen verwöhnt wurde. Ich brachte die Tagesstunden bei jedem Wetter auf der Kommandobrücke zu, wo ich meist, während Kapitän und Erster Steuermann observierend auf und ab schritten, mit dem dicken, kleinen Maschinenmeister Schach spielte. Wir brauchten acht Tage, bevor wir in Malaga anlegen konnten. Wann hätte ich wohl während meines bewußten Lebens acht Tage in solcher Ruhe und solcher Harmonie zugebracht? Ich empfand das bald, und der Gedanke an ihren Abschluß war mir kein lieber. Herrliche Luft, Weitsicht ohnegleichen, Bewegung bei völliger Ruhe und Verantwortungslosigkeit. Küsten, Schiffe, die Goodwin-Sands, im werdenden Dunkel zuckende Leuchtfeuer, Schifferbarken, Lotsenkutter, Dreimaster, Fracht- und Passagierdampfer, als Punkte auftauchend und wieder verschwindend, manchmal in voller Größe da. Aber immer, ob größer, ob kleiner, unüberbrückbar eine Entfernung zwischen den Gegenständen und uns: uns, den stillgeeinten, ruhigen Menschen. Außer uns wohlzufühlen, hatten wir keinen Beruf. Nie kam eine Zeitung, nie ein Brief, keinerlei Nachrichten, nicht gute, nicht schlimme, erreichten uns, noch weniger hatten wir einen Besuch zu gewärtigen. Das bedeutete ein tiefes Ausruhen, wie es in Zeiten der drahtlosen Telegraphie und des Radio kaum mehr möglich ist. Ich brachte schlecht und recht unsere selbstgenügsame Schiffsfamilie in mein Skizzenbuch. Sutor, über die Barre gelehnt, Falstaff-Wagner, den Bootsmann, den Koch. Daran nahmen die einzelnen teil wie die Kinder. Die Messe war das Innere eines Würfels mit eisernen Wänden. Man mußte sich zwischen Wandbank und Tisch hineinschieben, wenn man bei Frühstück und Abendbrot seinen Platz einnehmen wollte. Das Essen war gut. Es wurden nach Hamburger Sitte auf der »Livorno« nur immer gewaltige Fleischstücke, Kalbskeulen oder Roastbeefs, aufgetragen und dabei viel Tee, weniger Bier und Wein genossen. Es ging nicht anders, ich hatte mich in diesem enggedrängten Kreis wieder als Erzähler aufzutun. Auf das Umgekehrte war ich gefaßt: nämlich Sindbadberichten meiner weitgereisten Seeleute mit offenem Munde zuzuhören. Aber sie wußten nichts und wollten nichts wissen von dem berühmten Fliegenden Holländer oder vom Klabautermann, und so konnten und wollten sie nichts erzählen, sondern nur hören wollten sie. Nie, außer dem kleinen Gustav und der kleinen Ida Krause vor dem Ofenloch im Souterrain des Gasthofs zur Krone und den Kindern von Lohnig im Heu, hatte ich ein so unersättliches Publikum. An der kleinen Messetafel sprach außer mir nur der Kapitän. Der Erste Steuermann, Maschinist Wagner oder der Bootsmann taten den Mund nur auf, wenn der Kapitän das Wort an sie richtete. Aber dieser handelte nur im Sinne aller, wenn er nach und nach meine ganze Lebensgeschichte aus mir herausholte. [...]
Es ist nicht leicht, die psychischen Ursachen meiner Hingerissenheit von damals, mit der ich andere hinriß oder wenigstens in Staunen versetzte, manchmal zum Widerspruch reizte, auszumitteln: große Illusionen beherrschten mich, das wirkliche Glück, das wie ein grünes Meer den köstlichen Segler meines Lebens trug, ließ von ferne glückselige Inseln vor mir auftauchen. Es bleibt ein Wesenszug des Glücks, daß es immer noch höheres Glück erstrebt, dem Unglück darin sogar überlegen. [...]

Zwanzigstes Kapitel

Unser Bootsführer, ein kleiner, halbnackter, sehniger und struppiger Kerl, wurde von einer schönen, mit schwarzer Mantilla bekleideten Dame empfangen. Es war, wie der Kapitän mir sagte, seine Frau. Ich wartete auf dem Flur vor dem Büro des Konsulates, solange der Kapitän darin zu tun hatte. Da kam wiederum eine schwarzgekleidete, diesmal höchstens vierzehnjährige Schönheit, ebenfalls mit dem Spitzentuch um den Kopf, mit mehreren lachenden jungen Herren an mir vorbei, eine Begegnung, die mir Herzklopfen machte. Ich eröffnete mich dem Kapitän. Er lachte und sagte, daß man allerdings hier in Malaga mehr als anderswo seine Brust verschanzen müßte. [...] Liebe ist Mitleid, Mitleid ist Liebe, behauptet Schopenhauer, mit Recht nur insoweit, als überhaupt ein so unergründliches Phänomen mit Worten zu vereinen ist. Und doch verurteilte ich mich als einen Hochverräter zum Tode durch das Schwert, im Gedanken an die ferne Mary, als ich die Finger des spanischen Mädchens mit den meinen eng verschlungen fühlte. Es bedeutete wenig, es ging vorüber. Aber wußte ich denn, wie weit mich die begonnene Bindung fesseln, zu welchen nicht wiedergutzumachenden, selbstverderberischen Schritten sie mich noch verleiten würde? Vielleicht telegraphierte ich an Mary, log, ich sei bestohlen worden oder so, ließ mir Geld senden, kaufte das Mädchen frei oder ging mit ihm durch, ohne es freizukaufen, wurde verfolgt, festgenommen, was weiß ich – und würde an Mary als Schurke gehandelt und sie mit Recht verloren haben. Aber was ging mich das Gestern an? Der Teetisch ward mehr und mehr vereinsamt, und ich und das Mädchen saßen schließlich als die letzten daran. Da sagte ich, daß ich sie zeichnen wolle, holte aus der Garderobe mein Skizzenbuch, und wir folgten einer alten Beschließerin, die uns dann in einem beinahe prunkvoll eingerichteten Schlafgemach, nachdem sie einige Lichter entzündet, verließ.
Treue in Dingen der Liebe erscheint heute manchem lächerlich. Hätte ich sie in jener Nacht Mary nicht zu halten vermocht, mein Leben wäre ganz anders verlaufen. Pilar, die Säule, hatte sich in reiner Nacktheit gehorsam vor mich aufgestellt. Ich betrog mich selbst, wenn ich meiner zitternden Hand, meinem ringenden Herzen, meiner faseligen Benommenheit die Möglichkeit andichtete, diese nahe Aphrodite zu zeichnen.
Die Nähe des Bettes, der leise befremdete, gehorsame Blick, das Ehrenrührige meiner Josephhaftigkeit steigerten mich in eine große Verwirrung hinein, indem ich Pilar zur Mitwisserin meines Kampfes machte. Ich legte allen Kummer und alle Liebe zu ihr, wie ich meinte, in meinen Blick, ich legte die Hände an die Schläfen, ich habe dann ihre Stirn leise geküßt, ebenso leise ihre Schultern berührt, ebenso leise und leiser ihren Busen. Und dann habe ich das Lichtbildchen meiner Braut aus der Brusttasche gezogen und geküßt.
Ich bin von Pilar verstanden worden.
Nie wird man einen gesünderen Körper sehen: straff, edel, ohne Hüften, mit festen, breit auslaufenden Brüsten, wie man sie an den schönsten griechischen Marmorbildern sieht. Alles gesund, straff, bodenwüchsig, und doch – Spital, Opium, Trunk, Untergang. [...]

Einundzwanzigstes Kapitel 
Einen wirklichen Sturm, den einzigen unserer Reise, erlebten wir im Golfe du Lion. Die »Livorno« lief gleichsam in einen Graben von Wasser eingesenkt. Die kurzen springenden Wellen des Mittelmeeres gaben an jeder Seite des Schiffes die Illusion einer bewegten Glasmauer. Es bestand keine Gefahr, aber wir schienen verloren zu sein.
Ich ging in Marseille an Land, weil man mir riet, die schöne Strecke von dort nach Genua mit der Bahn zurückzulegen.
In Monaco nahm ich vierundzwanzig Stunden Aufenthalt, wollte das Kasino besuchen, um den Eindruck der Spielhölle mit mir zu nehmen, wurde jedoch am Eingang zurückgewiesen.
Ich sei noch zu jung, sagte man.
Wie alt man sein müsse, um die Spielsäle besuchen zu können? Man gab zur Antwort: Majorenn. Ich sei majorenn, behauptete ich, worauf man sogleich die Frage stellte, in welchem Jahre ich geboren sei. Überrascht und kopflos gab ich mein wahres Geburtsjahr an.
Der Herr am Eingang lächelte nur: »Sie haben in der Eile nicht richtig gerechnet«, sagte er, »Sie hätten ihrem Alter nicht nur zwei, sondern mindestens vier Jahre hinzusetzen müssen.«
Damit war die Sache abgetan. Ich habe den kleinen Vorfall erwähnt, weil er zeigt, wie ich im Gegensatz zu manchen andern nicht für älter, sondern für erheblich jünger, als ich wirklich war, gehalten wurde: schien mich doch der Spielbankkontrolleur auf siebzehn zu schätzen.
Daß ich mich noch auf dem alten Kontinent befand, hatte ich fast vergessen, als ich in der Dachstube eines Genueser Hotels mein Nachtessen mit einer halben Flasche Rotwein zu mir nahm. Es waren ja mehr als zwei Wochen verflossen, seit ich Hamburg verlassen hatte – es schienen einige Jahre zu sein, in Ansehung des Erlebten und meiner Wesensveränderung.
Allerdings wirkte Genua, verglichen mit Malaga und Barcelona, das wir ebenfalls angelaufen hatten, im europäischenSinne nicht mehr fremdartig. Aber mein neues Wesen sah es nur als Durchgangspunkt. Morgen mußte die »Livorno« im Hafen sein, mich aufnehmen und weiter, mit dem Ziel Athen, in die Fremde forttragen.
Im übrigen, was das Hauptsächlichste war: seit ich in Hamburg den Schiffsbord betreten, lag der alte Kontinent meiner Seele hinter mir, und ich sah auf ihn von Malaga aus und wiederum aus dem Genueser Hotelzimmer als auf einen fern verschwimmenden Traum zurück. [...]

In Genua trifft Gerhart Hauptmann mit seinem Bruder Carl zusammen.
Durch dieses Zusammentreffen, so schön es war, wurde ich in der Folge von meinem Ziel Griechenland abgelenkt. Das Wesen unserer brüderlichen Verbindung und Freundschaft ist nicht leicht zu erhellen. Sie besaß etwas Inniges, Unzertrennliches und, trotz aller schweren Krisen oder gerade infolge dieser Krisen, etwas Siamesisches. Es war in uns ein Zwillingsgeist, ein Zwillingswollen, ein Zwillingsschritt – aber ich war dabei jetzt der Führende. Es lag daran, daß ich schon früh aus dem Pferch gebrochen war, daß ich für mich allein gerungen und gesucht hatte, während für Carl noch die Schule dachte und handelte. [...]
Die kluge Martha Thienemann, Carls Braut, ward durch die Anziehungskraft, die wir aufeinander ausübten, Carl weniger auf mich als ich auf Carl, mit Recht beunruhigt. Wer sollte ihr wohl verdenken, daß sie den Geliebten und seine Neigung für sich allein haben wollte? Aber nicht der Verlust an Liebe allein machte sie besorgt, ihr aufmerksam wacher Sinn sah Carls Wesen durch mich beunruhigt. [...]

Carl fährt ein Stück mit Gerhardt auf der Livorno mit, verträgt die Seefahrt aber nicht und überredet Gerhart dazu, in Italien zu bleiben, statt nach Griechenland weiter zu reisen.

26 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap. 3-5) Der Gasthof

Drittes Kapitel 
"Der Gebäudekomplex des Gasthofs zur Preußischen Krone war im Laufe der Zeiten durch Anbauten entstanden. Schwer zu sagen, welcher seiner Teile mir zuerst zu Bewußtsein gekommen ist. Ich hatte wohl erst ein allgemeines Gefühl seiner Unergründlichkeit. Insoweit blieb er mir lange unheimlich. Ich denke auch hier an die Winterzeit. Da war zunächst unser Winterquartier im ersten Stock. Es waren die Säle: der sogenannte Große Saal und der sogenannte Kleine Saal und endlich der sogenannte Blaue Saal, der in Wahrheit der kleinste war. Da war ferner das Erdgeschoß: ein Schnittwarenladen lag darin, eine verpachtete, dem Straßenbetrieb offene Bierstube, die Wohnung des Fuhrwerksbesitzers Krause und die Kronenquelle, von der schon gesprochen wurde. Das Haupthaus, der Kleine Saal, die Stallungen bildeten und umfaßten dreiseitig einen Hof, dessen vierte Seite nach der Straße offen war."


Viertes Kapitel 
So ungefähr boten sich zunächst die Schauplätze dar, auf welchen ich mich im Vollgenuß meines Lebenstriebes – im gesunden Kinde ist Freude und Leben ein und dasselbe – in dauerndem Wechsel täglich bewegte. Sie lagen auf zwei verschiedenen Hauptebenen, von denen die eine die bürgerliche, die andere zwar nicht die durchum proletarische, aber jedenfalls die der breiten Masse des Volkes war. Ich kann nicht bestreiten, daß ich mich im Bürgerbereich und in der Hut meiner Eltern geborgen fühlte. Aber nichtsdestoweniger tauchte ich Tag für Tag, meiner Neigung überlassen, in den Bereich des Hofes, der Straße, des Volkslebens. Nach unten zu wächst nun einmal die Natürlichkeit, nach oben die Künstlichkeit. Nach unten wächst die Gemeinsamkeit, von unten nach oben die Einsamkeit. Die Freiheit nimmt zu von oben nach unten, von unten nach oben die Gebundenheit. Ein gesundes Kind, das von unten nach oben wächst, ist zunächst wesenhaft volkstümlich, vorausgesetzt, daß es nicht durch Generationen verkünstelten Bürgertums verdorben ist. Das Kind steht dem bäuerlichen Kindermädchen näher als seiner Mutter, wenn diese eine Salondame ist: und die Mutter, wenn sie es ist, weiß mit dem Kinde, das sie gebar, nichts anzufangen. [...]
Das Speisen am wohlgedeckten Tische meiner Eltern in Nummer Drei verlor für längere Zeit seinen Reiz, als ich einmal bei Krauses gegessen hatte. Ich saß mit Krause, seiner Frau, Gustav und Ida sowie einem alten Knecht um den gescheuerten Tisch. In der Mitte stand eine große, braune, tiefe Schüssel aus Bunzlauer Ton, in die wir, jeder mit seiner Gabel, hineinlangten. Wir griffen zu den Zinnlöffeln, als nur noch Brühe darin vorhanden war. Messer und Teller gab es nicht. Es ging bei dieser schlichten Bauernmahlzeit schweigsam und manierlich zu. Daß man mit vollem Munde nicht spricht, sollte sich ja von selbst verstehen. Es kommen dabei, selbst in hohen und höchsten Kreisen, Sprudeleien und andere unappetitliche Dinge vor. Trotzdem wir mit ausgestrecktem Arm zulangen und den Bissen durch die Luft führen mußten, ehe wir ihn in den Mund steckten, wies die Tischplatte am Schluß keine Flecken auf. Was Frau Krause gekocht hatte, war ein Gemisch von Klößen und Sauerkraut in einer Brühe aus Schweinefleisch. Dieses Gericht war delikat. Niemals später genoß ich wiederum solches Sauerkraut. Es wurde von dem alten Knecht und von Krause, nachdem sie bedachtsam die Gabel darin gedreht und so die langen, dünnen Fäden wie auf einen Wocken gewickelt hatten, aus der Tunke herausgeholt. Daß sie dieselbe Gabel, die sie in den Mund gesteckt hatten, wieder in die gemeinsame Schüssel tauchten, fiel mir nicht auf. Die langsame Sorgfalt des Vorgangs ließ den Gedanken an etwas Unappetitliches gar nicht aufkommen. Tischgebete sprach man bei den Mahlzeiten des Fuhrherrn nicht. Aber die ganze Prozedur dieser gelassenen Nahrungsaufnahme, bei der niemand, auch nicht die Kinder, im geringsten Ungeduld, Hast oder Gier zeigte, war feierlich. Sie war beinahe selbst ein Gebet. Hier wußte man, was das tägliche Brot bedeutete, und der Instinkt entschied, welche Würde ihm zuzusprechen war. [...]

Fünftes Kapitel 
Der Gasthof hatte im Winter etwas Vergeistertes. Das Leben seiner sommerlichen Daseinsform durchspensterte seine winterliche. Die Korridore, die einzelnen Logierzimmer, die Säle, die Küche, die Waschküche waren von den Schatten der Gestalten belebt, die im Sommer darin gehaust hatten. Manchmal, etwa wenn nächtlicher Novembersturm das Haus umbrauste, stand ich plötzlich wie angewurzelt in einem der ausgestorbenen, finsteren Flure still, weil, wie in einem hellen Blitz, das Sommerleben des Hauses auflärmte: Wagengerumpel, Eimergeklirr, Kinder- und Kutschergeschrei im Hof, in den Sälen Tellergeklapper und dumpfes Gesumm, Menschengewimmel auf der Straße, polnische Juden mit Pajes und Rockelor, Lärm, Lärm und wieder Lärm! Alles nur einen Augenblick: dann heulte Finsternis um die Mauern. [...]
Fast möchte ich es als Glück meiner Jugend bezeichnen, daß sich unser Dasein nur im Winter zu einem echten Familienleben einengte: im Sommer trat an seine Stelle für mich eine überaus glänzende Vielfalt immerwährender Festlichkeit. In der zweiten Hälfte des Monats April zogen Hausdiener und Zimmermädchen auf. Das große Reinemachen begann. Die hohen Glastüren des Großen Saals, durch die man eine Terrasse betrat, wurden weit aufgesperrt, desgleichen die Fenster des Kleinen Saals und aller Logierzimmer. Man trug die Matratzen an regenfreien Tagen vor das Haus, wo alsbald Schleußerinnen und Hausknechte unter lauten Späßen und Gelächter die Ausklopfer schwangen. Der ganze Ort widerhallte davon. Es wurden dabei manche Namen gerufen von Leuten, die nicht durchaus beliebt waren, wodurch die Schläge schneller und kräftiger niederknallten. Des Ungeziefers wegen wurden inzwischen die Fugen der Bettstellen mit Petroleum abgepinselt. In den Fenstern standen die Mädchen halsbrecherisch, wuschen die Scheiben und rieben sie trocken. Oder der Schrubber herrschte, und die Dielen schwammen in schmutzigem Wasser. Überall roch es nach Seife und nassen Hadern, und die milden Lüfte des Frühlings drangen ins innerste Innere des Hauses ein. Ich empfand dies alles als etwas Beglückendes, wälzte mich auf den Matratzen herum oder berauschte mich zwischen den allerlei Polstermöbeln, die man ebenfalls, um sie auszuklopfen, in den vorderen Ziergarten gebracht hatte. Der Reiz des Ungewöhnlichen, Sessel und Sofas zwischen Gartenbeeten zu finden, versetzte mich in Begeisterung. Eines Tages hatte dann der Gasthof zur Preußischen Krone zu seiner eigentlichen Bestimmung zurückgefunden. Die Lungen seiner Fenster bewirkten gesundes Ein- und Ausatmen. Durch seine hellen, wiederum sehenden Augen ergoß sich Licht und spülte aus allen Winkeln die Finsternis. Die Zimmer glänzten vor Wohnlichkeit. Die Kerzen in den silbernen Leuchtern trugen frische Manschetten. Von Kellnern wurden Gläser geputzt. Frau Riedl, genannt die Mamsell, war eingetroffen. Sie hatte hinter einem Büfett vor der Küche ihren Stand, um, wenn es so weit war, die Speisen von dort den Kellnern weiterzureichen. Die Küche, in die nun der Koch eingezogen war, erschien heiter, hell und gar nicht mehr fürchterlich. Lorbeer, Palme, Zypresse und Feigenbaum, alles in Kübeln, schmückten die Außenwand und so die Terrasse vor dem Großen Saal. Die Vögel lärmten in den Anlagen. Einige gedeckte Tische waren im Garten aufgestellt. Krause wusch seinen Omnibus, während um ihn die Schwalben schrillten, die in den Ställen und Unterm Saal zu Neste trugen. Sandberg stand vor der offenen Ladentür und weidete sich an seinem Schaufenster, in dem er die Schnittwaren neu geordnet hatte. Im Eingangsraum des Gasthofes hatte ein Bijouteriehändler seine Auslage.   So war die Krone aus ihrem Winterschlaf erwacht, hatte ihre Wiedergeburt, ja ihre Auferstehung gefeiert, sich gewaschen, geputzt und Festkleider angelegt. Und nun mußten die Kurgäste kommen, die den Vorteil von alledem haben und bringen sollten. Denn die alte Krone war nicht nur eine Glucke, die winters ihre Flügel über uns hielt, sondern sie legte auch goldene Eier.
Eine Persönlichkeit, die immer wieder besonderen Eindruck machte, war der jeweilige Koch. Man nannte ihn allgemein den Chef. Ein solcher Chef nahm mich, solange ich klein genug dazu war, sooft er konnte, auf den Arm, und ein Name, den er mir gab, Pflaumenfritze, ist mir in Erinnerung. Er trug mich nämlich jedesmal in die Speisekammer und ließ mich in einen Sack gedörrter Pflaumen hineinlangen.
Ein andrer Koch, ein junger Mensch, der mich ebenfalls auf den Arm genommen hatte, ist mir erinnerlich und ein niedlicher Vorgang, der die ganze Küche erheiterte: der lustige Chef nahm mit den Fingern frisch gekochte Spargel von einer Platte, tauchte die Spitzen in Butter und ließ sie mich abbeißen, der übriggebliebene Stengel flog zum offenen Fenster hinaus.
Frau Milo hieß eine Kochköchin, die neben dem Chef wirkte. Auch sie nahm mich eines Tages – etwa dreijährig mochte ich gewesen sein – auf den Arm. Da fiel mir auf, daß irgend etwas an ihr befremdlich hervorragte. Ich hatte den Begriff einer weiblichen Brust noch nicht, so klopfte ich mit der Hand auf den unbegreiflichen Gegenstand und stellte die Frage, was das wäre, worauf die ganze Küche vor Lachen fast außer sich geriet und Frau Milo dunkelrot im Gesicht wurde.
Vom Arme irgend jemandes aus sah ich zum erstenmal die wohlgeordnete Speisekammer vom Dachrödenshof. Das war ein benachbartes Haus, das mein Großvater Straehler, der Brunneninspektor, gebaut hatte und in dem er mit zwei unverheirateten Töchtern wohnte.
Das Interesse der Köche und ähnlicher kinderlieber Menschen setzte aus, als ich älter geworden war und zur Schule ging. Es wäre mir auch nur lästig gewesen.
Ein Wildling wie ich fürchtete Zwang von allen Erwachsenen. Wo ich nur konnte, mied ich sie. Die bloße Berührung durch einen von ihnen war mir unleidlich. 
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)

22 Oktober 2017

Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend (Kap.1), Kindheit

Gerhart Hauptmann wurde 1862 im niederschlesischen Obersalzbrunn geboren. Seine Eltern waren die Eheleute Robert (1824–1898) und Marie Hauptmann, geborene Straehler (1827–1906), die am Ort ein Hotel betrieben. Hauptmann hatte drei ältere Geschwister: Georg (1853–1899), Johanna (1856–1943) und Carl (1858–1921). In der Nachbarschaft war der junge Hauptmann als fabulierfreudig bekannt. Seinen Rufnamen Gerhard änderte er später in Gerhart.
Ab 1868 besuchte er die Dorfschule, ab dem 10. April 1874 die Realschule in Breslau, für die er nur knapp die Eignungsprüfung geschafft hatte. Hauptmann hatte Schwierigkeiten, sich in die neue Umgebung der Großstadt einzuleben; gemeinsam mit seinem Bruder Carl wohnte er zunächst in einer heruntergekommenen Schülerpension, ehe sie bei einem Pastor unterkamen. (Wikipedia: Gerhart Hauptmann)

Erstes Kapitel 
Anfang und Ende des Lebens, heißt es, sind dem Lebenden selbst in Dunkel gehüllt. Niemand kann sein geistiges Dasein vom Tage seiner Geburt datieren. So bin ich erst am Beginn meines zweiten Lebensjahres zum Bewußtsein erweckt worden und bewahre davon bis heute die Erinnerung. Ich konnte weder sitzen noch liegen, weil mein Rücken und mein Gesäß, wie man mir später erklärt hat, zerprügelt und zerschunden war. Mein eigener Gedanke und deutlicher Lichtblitz aber war: Was soll aus mir werden, wenn ich beim Sitzen und Liegen maßlose Schmerzen habe? Es ist meine Amme gewesen, die mich so mißhandelt hat. An die Prügelprozedur selbst habe ich jedoch keine Erinnerung. Schmerz also hat meinen Geist erweckt, Leiden mich zum Bewußtsein gebracht. [...]
Waisenkinder leben ohne Mütter, sie leben und entwickeln sich. Die Seeleneinheit, die mich mit meiner Mutter verband, machte mir das unbegreiflich. Durch das Herz meiner Mutter, durch ihre Liebe bin ich im Verlaufe des ersten Dezenniums erst sozusagen ausgetragen worden. [...]
Ich hatte am Dasein ununterbrochen leidenschaftliche Freude wie an einer über alle Begriffe herrlichen Festlichkeit. Ich sträubte mich, wenn ich sie abends durch den Schlaf unterbrechen sollte. Im Einschlafen packte mich Freude und Ungeduld in Gedanken an den kommenden Morgen. [...]
Der Befehl eines menschlichen Gottes war meines Vaters Gebot. Eine Mutter wird ihre Kleinen täglich viele Male vergeblich mit den Worten ermahnen: »Bettle nicht!« Die ersten Worte der Kleinsten sind: »Haben, haben!« Mein Vater aber wollte unbedingt vermieden sehen, daß unsere Begehrlichkeit etwa gar den Kurgästen zur Last fiele. Ich, ein besserer kleiner Adam, hielt mich mit bebendem Gehorsam an sein Bettelverbot. Eines Tages kam jedoch einem alten Kurgast, Ökonomierat Huhn, der Gedanke, mich mit einem Spielzeug zu beschenken, das ich mir selber beim Händler aussuchen sollte. Ich wählte einen herrlichen blauen Rollwagen mit Fässern darauf und vier Pferden davor, drückte das Riesengeschenk mit ausgebreiteten Armen an meine Brust und vermochte es kaum fortzuschleppen. Unterwegs nach Hause fiel mir des Vaters Verbot aufs Herz. Zwar gebettelt hatte ich nicht, aber man konnte es leicht voraussetzen, und schließlich sollten wir überhaupt von Fremden nichts annehmen. Bei dieser Erinnerung schrie ich sofort aus Leibeskräften, als ob mich das größte Unglück betroffen hätte. Eine solche tragikomische Mischung des Gefühls in der Brust eines Kindes ist vielleicht eine Seltenheit. Ungeheure Freude über den völlig märchenhaften Neubesitz ward von Entsetzen über den Bruch des Gehorsams überwogen. Ununterbrochen schreiend trat ich mit meinem Schatz ins Haus und vor meine verblüfften Eltern hin, die den scheinbaren Widersinn meines Betragens nicht durchschauen konnten. [...]
Eine Zeitlang teilte ich mit den Eltern das Schlafzimmer. Wenn ich, was vorkam, schlaflos lag und beim Scheine des Nachtlichtchens Vater und Mutter bewußtlos schnarchend in ihren Betten sah, waren sie mir wie atmende Leichname. Daß sie vom Tode wieder erwachen würden, ja daß ich sie wecken konnte, wußte ich. Aber ebenso war mir bekannt, daß man dies nicht darf, weil jemand, der weiterleben will, allnächtlich diesen Tod erleiden muß. Und so mußte ich denn das Gefühl einer grenzenlosen Verlassenheit auskosten.[...]
Uns Deutschen kann der volle Begriff eines Festes nur noch an diesem Feste klarwerden. Es erhebt sich aus unabsehbaren Tiefen der Vergangenheit, und seine lebendige, oberirdische Tradition wird von Generation auf Generation in der gleichen Empfängnis entgegengenommen. Die Freude dieses Festes war nicht die unmittelbare gesunde, irdische, sondern sie war eine mystische. Sie erhob sich in überirdischer Steigerung. Über ihr stand eine immergrüne Tanne, ein Nadelbaum, aus dessen Zweigen Kerzen emporwuchsen und ihn zu einer Pyramide von Flämmchen machten. Der Baum war gesunde Waldnatur, die Kerzen auf ihm und er als ihr Träger Mysterium. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Du grünst nicht nur zur Sommerzeit, nein, auch im Winter, wenn es schneit. O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter! Welche widersinnige Einfalt beseelt dieses kleine Lied, und welche Tiefen des Entzückens werden durch es im Gemüt des Kindes ausgelöst. Geschenke, Gaben brachte wohl das ganze Jahr hie und da, aber sie waren nicht von dem Zauber berührt und erfüllt wie die Bescherung unterm Weihnachtsbaum. »Vom Himmel hoch, da komm' ich her.« Nicht die Eltern hatten uns mit Geschenken beglückt, sondern sie waren diesmal wirklich vom Himmel gekommen. Der Vater, die Mutter waren Treuhänder, die sie uns übermittelt hatten. Darum war die Freude, die Spannung zu Weihnachten übergroß, mitunter so groß, daß mein Organismus sich in der Folge durch eine kurze Krankheit wiederherstellen mußte. Trotzdem stellte man sogleich Berechnungen über das kommende Weihnachten an, über die Monate, Wochen, Tage, die man bis dahin noch zu bestehen hatte."
(Gerhart Hauptmann: Das Abenteuer meiner Jugend, 1937)